Das Frackherrchen winkte ab: „Ach, hören Sie auf, Herr Doktor.“

„Wie meinen?“

„Ich habe nichts gesagt.“

„... welche zweifellos die Ursache Ihrer Krankheit sind, Ihnen

vollkommen bewußt geworden sein werden und Sie sie mit der

Kritikfähigkeit des Verstandes eines Zweiundvierzigjährigen ...“

„Aber Doktor! Ein Mensch, der, um nur das eine zu nennen, im Traume dem

Vater ins Gesicht gelacht hat, ein Mensch also, der die fremden Mächte

in seiner Seele besiegen, sich das Bewußtsein erkämpfen und an den

Anfang seines Ich gelangen konnte, kann nicht mehr die in Kindheit und

Jugend empfangenen Wunden verantwortlich machen.“

„Ja“, sagte fein lächelnd der Psychiater, „sagen Sie das nicht.“

„Was?“ fragte Jürgen.

„Was Sie eben sagten.“

„Ich habe nichts gesagt.“

Das Frackherrchen lächelte.

Auch Jürgen lächelte verschmitzt. „Also, in bezug auf die

Kindheitserlebnisse wenigstens sind wir einer Meinung.“

„Dann ists ja gut. Kommen Sie morgen zu mir.“

„Nein. Denn mir können auch Sie nicht helfen.“

„Das sollten Sie, wie gesagt, nicht so ohne weiteres sagen.“

„Was?“

„Daß auch ich ... Denn diese Kindheitser...“

„Steckenpferd!“

Der Psychiater hob die Augenbrauen und notierte das Wort ‚Steckenpferd‘.

„...erlebnisse, vor allem natürlich die sexuellen ...“

„Gehn wir!“ sagte brüderlichen Tones das Frackherrchen aus Jürgens

Munde. „Guten Tag, Herr Doktor.“

Aus dem Gymnasium, in dem auch er neun Jahre gesessen hatte, platzten

mit Geschrei die Jünglinge. Fragende, junge Augen. Feurige Gesichter.

Biegsame, junge Körper, Bücher unterm Arm, dem Leben schräg

entgegengestreckt.

„Deshalb muß ich jetzt gleich zum Photographen gehen.“ Weshalb das

Erblicken der Gymnasiasten ihn veranlaßte, zum Photographen zu gehen,

hätte Jürgen nicht sagen können. Plötzlich sah er eine tiefe Verbeugung

und folgte der einladenden Photographenhand.

Während er vor der Linse saß, betrachtete er die lebensgroßen

Brustbilder, deren tote Augen auf ihn zurückblickten. „Ob man diese

Jugendphotographie wohl auch vergrößern kann?“

Der Photograph prüfte das verblichene Jugendbildnis, das Jürgen

darstellte, wie er im Garten am Nußbaum lehnte, unter dem die Tante

gehäkelt hatte. „Aber mit Vergnügen! Geht großartig!“

„Nicht nur Brustbild? Ganz in Lebensgröße? Auch mit den Beinen?“

„Das allerdings hat bis jetzt noch niemand gewünscht. Aber es ist zu

machen ... O, das kommt vielfach vor, daß die Herrschaften sich

vergrößern lassen. Gerade die Jugendphotographien immer will man

vergrößert haben. Erst vor einigen Wochen kam Herr Geheimrat Lenz – sehr

berühmter Mann, wie Sie wissen – und bestellte eine Vergrößerung nach

seinem Jugendbildnis. Zwanzig Jahre! Nicht mehr zu erkennen! Kein Mensch

würde glauben, daß Herr Geheimrat Lenz einmal so ausgesehen hat. Und

dies ist der Sohn: Herr Oberstaatsanwalt Karl Lenz. Er ist, gemessen am

griechischen Schönheitsideal, zu dick geworden ... Zu sehen, wie man

früher war, macht Spaß, nicht? ... Nur etwas verblaßt, verwischt,

sozusagen vergangen sehen die Vergrößerungen von Jugendbildern aus. Aber

sie haben gewissermaßen etwas Traumschönes. Traumschön! Das ist das

richtige Wort ... Etwas höher den Kopf ...“

Vor dem Schlafengehen nahm Jürgen Brom, wusch sich kalt ab, schlief

fest, träumte schwer, wußte am Morgen nicht mehr, was er geträumt hatte,

erschien pünktlich im Bureau. Die Beamten beobachteten ihn unausgesetzt.

Auf dem Rückwege zur Haltestelle blieb Jürgen stehen, berührte mit

seinem Spazierstockgriff die Brust des Partners, der nicht da war, und

erklärte: „Die Sache verhält sich anders. Hören Sie gut zu“, ging

weiter, nach der Seite hin sprechend. Seine Hände gestikulierten. Er

blieb stehen. Lachte. „Das war ein Witz.“ „Aber ein recht guter Witz“,

sagte der Partner. „Nun, es geht“, gab Jürgen zu, schritt aus. „Sehen

Sie, da sprach ich letzthin mit Katharina ...“

„Was sagte ich eben?“ fragte er entsetzt sich selbst und zog den Kopf

ein, schwieg.

Und schon nach zehn Schritten begann er ein neues Gespräch. Der Partner

konnte ein fremder Mensch sein, den Jürgen kurz vorher in der Bank

gesprochen, ein Kind, das ihm nachgesehen hatte, die schon längst

verweste Tante. Jürgen, der Student, war anfangs nur sekundenlang der

Partner des zweiundvierzigjährigen Jürgen. Denn Jürgen versah den

Studenten sofort mit einem Vollbart, setzte ihm eine Brille auf, zog ihm

einen Pelzmantel an, so daß er an einen fremden Herrn seine Worte

richten konnte. Aber späterhin wehrte sich der Jüngling erfolgreich

gegen die Verkleidung, ließ Mantel, Brille und Bart fallen, wurde

gedankenschnell zum Studenten und erklärte mit ruhiger Stimme dem

Zweiundvierzigjährigen: „Sie sind ein ganz niederträchtiges,

verräterisches Nichts.“

„Warum bin ich ein Nichts? Erlauben Sie mir!“

Der Student, der die abgeschnittene Hose trug, auf die das Hinterteil

aufgenäht war in Breechesschwung, wies genau nach, weshalb Jürgen ein

Nichts sei, hielt eine feurige Rede, geriet in Begeisterung. Jürgen

hörte verzückt zu und versuchte, selbst in dieser Tonart

weiterzusprechen: von Hingabe, Kampf und Zielen.

„Halt, das sage ich. Ich sage das. Sie haben nicht das Recht, so zu

sprechen. Sie haben dieses Recht verwirkt.“

Da ließ Jürgen dem Studenten sofort wieder einen Vollbart wachsen. Aber

als er ins Wohnzimmer trat, erblickte er den Studenten, der lebensgroß

an der Wand lehnte. Etwas verschwommen, fern, vergangen. Und ungeheuer

gegenwärtig.

„Das ist ja großartig“, rief Jürgen frisch, stellte den Spazierstock in

die Ecke und sich selbst vor das Bild. „Du gefällst mir ... Je, je,

weshalb denn gar so ernst! Schlechte Geschäfte?“

Die Photographie antwortete nicht.

„Nein, nein, entschuldige. Ein Scherz! Soll nicht mehr vorkommen.“ Er

schritt zur Tür, wollte Phinchen rufen und ihr das Bild zeigen.

„Sind nicht vorhanden.“

„Wer ist nicht vorhanden?“ Jürgen war herumgeschnellt; ganz deutlich

hatte er die drei Worte gehört, die laut und tonlos gesprochen worden

waren. Er starrte hinaus in den Garten. Da war niemand. Auf den

Zehenspitzen schlich er zum Bilde zurück, wiederholte gedankenverloren:

„Wer? Wer ist nicht vorhanden?“ Ging zur Tür, Phinchen zu rufen.

„Sie sind nicht vorhanden.“

Er ließ die Türklinke los und trat, beide Hände in den Hüften, wieder

knapp vor das Bild hin. „Nein, Sie, mein Lieber, Sie sind nicht

vorhanden. Sie sind ganz gewöhnliches Bromsilberpapier. Verstanden!“

„Ich bin da. Ich bin.“ Die Photographie deutete mit dem Zeigefinger auf

Jürgens Brust: „Sie dagegen nicht. Was von Ihnen da ist, bin ich. Aber

ich habe mit Ihnen nichts mehr gemein. Also sind Sie gar nicht mehr

vorhanden.“

Da packte Jürgen die schmal gerahmte Photographie und stellte sie mit

der Bildseite gegen die Wand. „Und was sind Sie jetzt, he? Nichts als

Pappe! Ganz gemeine graue Pappe!“ Er trat zurück.

Und sah, von unermeßlichem Entsetzen geschüttelt, zu, wie das Bild auf

der Papprückwand erschien, und hörte die bekannten Worte: „Ich

versichere Ihnen, so wahr es ist, daß sehr viel mehr als neunundneunzig

Prozent aller Zeitgenossen, die so viel von Seele schmusen, in gar

keiner Weise mehr von ihrer Seele gestört werden, so wahr ist es, daß

bei gewissen Individuen in gewissen Momenten die Seele spielend leicht

durch den Schutzwall durchschlüpfen und ihr vorbestimmtes Recht

verlangen kann.“ Die Photographielippen hatten sichtbar die Worte

geformt.

„Du Lump bist nichts als Pappe“, brüllte Jürgen, stürzte hinaus, zerrte

Phinchen vor das Bild. „Dreh es um! ... Wer ist das?“

„Das ist der gnädige Herr, wie er jung war.“ Phinchen bekam vor Rührung

nasse Augen.

„Also ich bin das, nicht wahr, ich?“

„Wie Sie jung waren.“

„Das heißt doch aber: ich bin es. Ich!“

„Ja, wie Sie früher waren.“

„Jetzt sage mir: wen hast du lieber, den da oder mich?“

„Sie natürlich, gnädiger Herr! Das ist ja nur eine Photographie.“

„Das ist ein Irrtum. Ich bin er. Und er ist ein Nichts.“

Jürgen führte Phinchen schnell in die Küche. „Sag mir, Phinchen, hast du

ihn sprechen hören, den da drinnen? ... Nein, schweige! Ich will nichts

wissen.“

Schnelle Schritte stellten ihn wieder vor das Bild hin. „Hör mal, du

bist nichts als eine Photographie und kostest mich soundso viel. Mit

Rahmen ... Hier ist die Rechnung.“

„Sie irren sich. Ich bin alles, was Sie verraten haben, und koste Ihnen

den Verstand.“

„Das wollen wir sehen.“ Er stieg sofort ins Bad, duschte sich

minutenlang kalt ab, schluckte Brom und legte sich ins Bett.

Die Photographie stand im dunklen Wohnzimmer. Lebensgroß. Jürgen saß

aufrecht im Bett und glotzte durch sechs Wände durch auf die

Photographie.

„Sie hat Augen. Sie blickt ... Kann man einen Blick photographieren? Ob

wohl mein Blick von damals auch mitphotographiert, ganz genau, wie er

war, mitphotographiert worden ist? ... Und das, was hinter dem Blicke

ist? Was hinter einem Jünglingsblicke ist?: Sehnsucht, Bereitschaft zur

Hingabe, die großen Gefühle – die Seele? Wurde damals auch meine Seele

mitphotographiert?“

Jürgen sah deutlich den Jünglingsblick, der als große Frage an das Leben

in den Augen stand.

Ohne die photographierte Frage an das Leben aus den Augen zu lassen,

legte er den Kopf langsam und sanft auf das Kissen, schlief ein. Und im

Schlafe war nichts auf der Welt, als seine Augen und die zwei

photographierten Augen. Die Blicke der zwei Augenpaare trafen sich

stundenlang, bis dieses lautlose Sichtreffen der Blicke Jürgen aus dem

Schlafe hob.

Die brennende Kerze in der Hand, schlich er ins Wohnzimmer, vor das Bild

hin. „Und wenn ich nun“, sagte er und nahm das Bild aus dem Rahmen,

„mich in den Rahmen stelle?“

Das Nachthemd reichte bis zu den behaarten Waden. Eine Weile blieb er

vollkommen reglos im Rahmen stehen und starrte wild auf den

gegenüberstehenden Jüngling.

Dessen ernster, vergangenheitsferner Blick zwang Jürgen, wieder aus dem

Rahmen herauszutreten. Überwältigt von der Unerbittlichkeit des

Jünglingsblickes, brach er vor dem Bilde in die Knie. „In dir lebt das

ewig unverrückbare Ziel.“

Die Kerze in der einen, die Photographie in der andern Hand, stieg er

hinauf in das Zimmerchen, das er als Jüngling bewohnt hatte, lehnte das

Bild an die Wand. Und als er den Türdrücker gefaßt hatte und fortgehen

wollte, stieg aus den seit Jahren verschütteten Gefühlen ein Strom von

Hilfsbereitschaft auf. „Kannst nicht immer stehen. Kannst nicht dein

Lebenlang stehen.“

Er knickte das lebensgroße Bild in der Rumpfmitte ab, nach vorne, daß es

einen rechten Winkel bildete, dann bei den Knien nach rückwärts und

setzte die Photographie auf das Kanapee.

Tränennaß und fassungslos schluchzend kam er im Schlafzimmer an. Und

hatte, wie er stöhnend und wimmernd in das Kopfkissen hineinklagte, das

von Hoffnungslosigkeit durchbebte Gefühl, lebenslänglich getrennt zu

sein von sich, von seiner Jugend, die im modrigen Studentenzimmer auf

dem Kanapee saß.

Andern Tages wollte er auf der Straße schon den Hut ziehen vor Herrn

Fabrikbesitzer Hommes, der grußlos vorüberschritt. Jürgen blieb stehen,

Hand auf dem tobenden Herzen. „Sieht er – sieht man mich nicht? Bin ich

unsichtbar? ... Ich bin doch aus Fleisch und Knochen, habe Augen, Stirn,

Hände.“ Er umfaßte sein Handgelenk, wollte sich überzeugen, preßte das

Gelenk.

Da öffnete sich sein Mund in grenzenlosem Entsetzen: die umfassende Hand

war zur Faust geworden: kein Handgelenk war in ihr. Noch einmal umfaßte

er das Handgelenk. Wieder wurde die Hand zur Faust.

„Nicht mehr vorhanden?“ fragte er, hob die Augenbrauen. „Überhaupt nicht

mehr?“ Er pfiff bedeutsam. „Jürgen Kolbenreiher ist also überhaupt nicht

mehr da. Ist einfach weg? Ist Luft? Und das nicht einmal? Ein glattes

Nichts?“

Hastig öffnete er das Taschenmesser, stach die Spitze hinein in seinen

Schenkel, wollte vor Freude über den Schmerz schon einen Triumphschrei

ausstoßen. Und fühlte nichts.

Er bohrte tiefer, drehte die Messerspitze in der Wunde herum, fühlte

nichts.

Da marschierte sein in das Grauen hineingeduckter Körper nachhause und

legte sich auf das Kanapee.

„Was ist, wenn ich jetzt aufstehe, hinausgehe in die Küche und Phinchen

sieht mich nicht?“

Plötzlich stand, von Phinchen hereingeführt, der Bankdiener im Zimmer.

Der Herr Prokurist lasse fragen, ob Herr Kolbenreiher auch heute nicht

ins Bureau komme.

„Wo? Wo ist er? Sehen Sie ihn denn, da Sie ihn fragen? Wissen Sie denn,

wo Herr Kolbenreiher sich momentan aufhält?“

Und da der Diener den Mund aufsperrte: „Ich bin nicht vorhanden, nicht

anwesend, ich bin nicht da, kann also auch nicht in die Bank kommen.“

„Ich werde also ausrichten, Herr Kolbenreiher seien verreist.“

„Ah!“ rief Jürgen, als der Diener fort war. „Vielleicht bin ich nur

verreist. Einfach verreist! Nach Italien! Paris! So wirds sein.“

Jürgens Gesicht wurde flach; die Augen sprangen vor. Er stürzte in die

Küche. „Hilf mir, Phinchen, rate mir, wie erfahre ich, wo er ist. Die

Welt ist groß. Was soll ich tun, ihn zu finden ... Rufe schnell den

Diener zurück.“

Und als das entsetzte Mädchen den Diener wieder in das Zimmer führte:

„Besorgen Sie mir einen Reisepaß. Aber auf den Namen Jürgen

Kolbenreiher!“ Er zwinkerte schlau. „Wenn Sie sich geschickt anstellen,

merkts vielleicht niemand, daß nicht ich selbst es bin.“

„Das ist gar nicht schwer“, sagte der Diener und ging. Phinchen weinte.

„Im Gegenteil! Sehr schwer! Man kann es ertragen, sein Vermögen zu

verlieren, aber sich selbst zu verlieren erträgt kein Mensch.“

„Das ertragen die andern großartig; aber, zum Beispiel, das Vermögen zu

verlieren, ertragen sie nicht. Und aus diesem einfachen und unheimlichen

Grunde ertragen sie es so leicht, sich selbst zu verlieren. Die sind

nicht vorhanden und haben davon nicht die leiseste Ahnung.“

Ganz langsam legte Jürgen beide Handflächen an die Schläfen, noch einmal

zu kontrollieren, ob sein Kopf da sei. Die Handflächen trafen zusammen.

Kein Kopf war dazwischen. Jürgen stieß einen kurzen Schrei aus. Und lag

leichenstill bis in die Nacht hinein. Der Reisepaß war schon gebracht

worden.

Die Stadt schlief. In Haus und Garten rührte sich nichts. Der volle Mond

hing am Himmel. Jürgen schlich ins Arbeitszimmer, einige Minuten später

durch den Garten, heftete einen Kanzleibogen an den Türpfosten, an den

er die Tafel ‚Hier wird Armen gegeben‘ angebracht hatte, und las:

„Wer den Aufenthaltsort Jürgen Kolbenreihers anzugeben vermag, erhält

jede gewünschte Summe. Hier werden Begeisterung, unverbrauchte Wahrheit,

Bewußtsein und Hingabe gekauft.“

Befriedigt stieg er die Treppe hinauf und packte seinen Reisekoffer,

wusch sich, kleidete sich um.

Noch einmal schlich er in das dunkle Schlafzimmer, vor den mannshohen

Ankleidespiegel. Die Hand am Schalter, wartete er erst einige Sekunden,

bevor er das Licht andrehte.

Lebensgroß erschien das Spiegelbild. Jürgen schrie vor Freude, hob dabei

den linken Arm.

Das Spiegelbild hob den Arm nicht.

Jetzt erst bemerkte er, daß im Spiegel der Jürgen stand, der, in knapp

sitzendem Gesellschaftsanzug, beherrschte Kraft in Schultern, Brust und

Blick, die Blicke aller im Saale Anwesenden auf sich zog: der Jürgen,

den er, sitzend auf der Anlagenbank, als zu erstrebendes Ziel in den

grünen Bretterzaun hineingesehen hatte.

Jürgen hob die Augenbrauen, pfiff, tanzte, schnitt Grimassen, ballte die

Fäuste. Das Frackherrspiegelbild rührte sich nicht. Das Entsetzen war

ungeheuer.

Er drehte das Licht aus, verbrachte atemlos einige Sekunden, drehte an,

stierte in den Spiegel.

Im Spiegel war nichts. Jürgens Finger drückte den Knopf.

Phinchen, die weinend vor der Schlafzimmertür gekniet hatte, trat sofort

ein, wurde vor den Spiegel gezerrt. Ob sie ihn sehe?

Händeringend beteuerte sie, daß er neben ihr im Spiegel stehe. Sein

wütendes Fragen und ihr jammervolles Deuten dauerten so lange, bis

Jürgen, durchblitzt von einem letzten Rettungsgedanken, langsam sagte:

„Wenn ich mich jetzt mit dir zusammen ins Bett lege, dann muß ich doch

fühlen, daß ich bin. Denn dies, es ist das starke Gefühl.“

Phinchen ließ die Arme sinken, war bereit.

„Aber mit wem denn? Ich bin ja nicht. Hab ja keine Arme zum Umarmen ...

Weißt du, Phinchen, die Hauptsache ist, daß ich wieder ein Fetzchen

Gefühl bekomme. Gefühl! Dann suche ich ihn. Dann finde ich ihn auch.

Geh, Phinchen, geh!“

Bis zum Morgen lag er mit offenen Augen im dunklen Schlafzimmer.

Der Kolonialwarenhändler von nebenan und der Antiquitätenhändler, der in

der Hauptstraße des Villenviertels eine Filiale hatte, sahen Jürgens

Zettel zuerst. Arbeiter und Weiber, Kinder, auf dem Wege in die Schule,

Milch- und Semmelausträger sammelten sich an. Der Antiquitätenhändler

machte einen Witz über die neue Konkurrenz. Das Gelächter drang bis zu

Jürgen hinauf.

Der stritt sich mit einem Fremden herum, der seine Gefühle nicht

verkaufen, sondern sie nur gegen andere Gefühle eintauschen wollte.

„Aber ich besitze ja keine ... Hören Sie“, er faßte den Fremden bei der

Schulter, „ich gebe Ihnen mein gesamtes Vermögen gegen etwas Gefühl,

gegen ein Bruchstückchen Begeisterung, gegen den leisesten Hinweis auf

ein Ziel. Nur ein bißchen Bewußtsein! Ich bitte Sie.“

„Geht nicht! Gefühl hin – Gefühl her! Hingabe gegen Hingabe!“

Jürgen warf die Hände vor: „Meine Villa, die drei Mietskasernen, meinen

ganzen Aktienbesitz, meine Stellung und Macht, mein Geachtetsein, alles

will ich Ihnen geben und will dafür nur mich.“

Vor dem Hause ertönte stürmisches Gelächter. Das klang wie fernes

Möwengeschrei. Der Antiquitätenhändler witzelte: „Ankauf gut erhaltener

Ideale. Stil Louis XVI.“

Auch der Nachbar war hinzugetreten, las den Zettel. „Da ist etwas nicht

in Ordnung“, sagte er und klinkte die Gartentür auf.

Jürgen horchte auf das vielfüßige Getrappel, nahm seinen Koffer, stürzte

die Vordertreppe hinunter und davon.

Im Auto fuhr er – Oberkörper vorgebeugt, als gelte es, ein Rennen zu

gewinnen – zum Bahnhof. „Was kostet die Fahrkarte nach Paris?“

Der Schalterbeamte nannte die Summe, griff in das Billettregal.

„Und nach Rom? ... Nach Odessa?“

„Wohin also?“

„Zu mir! ... Verzeihung – es könnte ja sein –, wissen Sie vielleicht

zufällig, ob Jürgen Kolbenreiher momentan in Berlin oder in Wien ist?“

„Wie meinen?“

„In London oder Madrid?“

„Was? Wer? Was wollen Sie?“

„Um Himmels willen – in New York?“

Der Schalterbeamte starrte wütend.

Und Jürgen sagte: „Sie wundern sich? Tun Sie das nicht! Auch Sie können

nicht wissen, wo und was Sie sind, in Rom oder in Chikago, Matrose in

der südlichen Hafenstadt oder Schreiber in einer Beamtenstube

Norddeutschlands, die Sie nie betreten haben. Oder sitzen Sie in

hunderttausend Schalterkästen gleichzeitig? Keine Ahnung haben Sie.

Kommen Sie mit! Denn hier in diesem Schalterkasten werden Sie sich nie

finden. Oder glauben Sie gar, Sie seien Sie? ... Bruder, verwandt mit

mir durch dein Schicksal, steige heraus aus deinem Kasten. Denn hier

kannst du dich bis an das Ende deines Lebens niemals finden. Suche dich

... Suchet, so werdet Ihr finden ... Aber dir, ich weiß es, dir Armen

ist nicht einmal das Suchen verstattet.“

Eilige Reisende drängten Jürgen vom Schalter weg. Die Abfahrt eines

Zuges wurde ausgerufen. Jürgen sprang in ein Abteil dritter Klasse.

Zu der alten, verhärmten Arbeiterfrau, die ihm gegenübersaß, sagte er

noch, er suche, was jeder Mensch auf dieser Erde lebenslang suche. Und

schlief ein. Seine Gesichtsmuskeln zuckten, als streite er heftig mit

jemand.

Die Frau glaubte, Jürgen friere, betrachtete erst eine Weile mitleidig

und unschlüssig das zerklüftete Gesicht. Dann wagte sie es doch, ihre

Wolldecke vorsichtig über seine Knie zu breiten.

Der Bürger · 第 22 / 40 题