VII

Phinchen mußte sich strecken, um mit der Bürste den Rockkragen erreichen

zu können. Wie jeden Morgen trat Jürgen, als probiere er eine neue Hose

an, einigemal am Platze, sich richtig in den Anzug hineinzudrücken, nahm

den Spazierstock aus Phinchens Hand und verließ pünktlich die Villa. Der

Schaffner, im Laufe der vierzehn Jahre auf dieser Strecke ergraut, half

dem schwer gewordenen täglichen Fahrgast in den Wagen.

Unwillkürlich rückte Jürgen etwas ab von einem dürftig gekleideten

Manne, dem die Nase fehlte. Außer diesem Arbeiter saß im Wagen ein

kleines Mädchen, das, die Augen angstvoll vergrößert, seine Hausaufgabe

im Katechismus repetierte und immer wieder begann: „Aber Jesus sprach:

Lasset die Kindlein zu mir kommen ...“

Der Schaffner kassierte. Der Nasenlose hatte kein Geld.

„Aber Jesus sprach ...“

„Dann müssen Sie aussteigen.“

Der Nasenlose, entschlossen, sitzen zu bleiben, geriet in Erregung. Er

sei monatelang arbeitslos gewesen. Wenn er nicht mitfahren dürfe, komme

er zu spät und erhalte die Aushilfsstelle nicht. Alle Qualen seines

Lebens sammelten und verwandelten sich in Widerstand und Zorn gegen den

Schaffner.

Auch der war wütend geworden, gab das Haltesignal. „Wie kann einer

einsteigen, wenn er das Fahrgeld nicht hat! So etwas gibts nicht.“ Der

Wagen hielt. „Wenn ich Sie ohne Schein mitfahren lasse, verliere ja ich

meine Stelle.“

„Wenn einer arbeiten will!“ schrie verzweifelt der Mann und schimpfte

los auf die reichen Nichtstuer, die nicht nötig hätten, zu arbeiten.

„Auf! Sie müssen aussteigen.“ Er mußte den sich Wehrenden am Arme packen

und aus dem Wagen hinausdrücken.

„Aber Jesus sprach ...“ lernte das Mädchen in so großer Angst, die

Hausaufgabe in der Schule nicht hersagen zu können, daß es von der

ganzen Szene nichts bemerkte.

Auch Jürgen, der die Kursberichte gelesen und dabei, tief beunruhigt, an

den Traum der letzten Nacht gedacht hatte, wußte nicht, weshalb des

Schaffners Lippen und die Hand, die die Zange hielt, bebten. Automatisch

zog er die Abonnementskarte, in die seine Jugendphotographie eingeklebt

war. ‚Welch ein fürchterlicher, fürchterlicher Traum!‘

Der Schaffner war noch zornig. „Sie sollten auch einmal ein neues Bild

einkleben. Das sind ja gar nicht mehr Sie.“ Er hielt die Photographie

prüfend von sich weg. „Das ist ja ein ganz anderer, könnte man glauben.“

Jürgen blickte auf die Augen des Jünglingsbildes, die aus ungeheurer

Ferne groß und ernst zurückblickten. Das Gesicht des Nasenlosen tauchte

neben dem Fenster mit Sprungregelmäßigkeit auf und nieder.

‚Träume seien nun einmal nichts als Schäume, sagt der Hausarzt ... Ist

aber auch dieser entsetzliche Traum nur flaumleichter Abfall des Lebens

und ohne tiefere Bedeutung?‘ Selbst jetzt noch, während der Fahrt durch

den sonnigen Tag, stockte Jürgens Herz:

Er steht, befrackt, weiß behandschuht und im Halbkreise umgeben von den

zwölf schwarzgekleideten Zeugen, in der Mitte des festlich erleuchteten

Gesellschaftssaales vor dem Hinrichtungsblock, tritt zurück, hebt das

Beil - und läßt es hineinsausen in den Nacken. Der Kopf geht nicht

herunter. Und jetzt erst sieht er, daß er selbst, als Student, am Blocke

kniet und von sich selbst hingerichtet werden muß, im Namen des Lebens,

wie es ist. Gezwungen von den Blicken der zwölf stummen Zeugen, muß

Jürgen noch einige Male in die furchtbare Nackenwunde hineinschlagen,

bis der Kopf Jürgens, des Studenten, herunterfällt. Die Streichmusik

endet.

Tirolerinnen, die schiefe Münder haben, reichen lebendes Fruchteis. Um

nicht essen zu müssen von diesem schauerlichen, lebenden Eise, wühlt

Jürgen sich durch die empört nachblickenden Damen und Herren durch,

flüchtet die Treppe hinunter und stürzt in fliegender Eile durch die

menschenleeren Mondstraßen heimwärts, durch den schimmernden Garten.

Da kniet, an Stelle der Brunnenfigur, der Rumpf in der Mitte des

Bassins, Hände im Rücken gefesselt, symmetrisch umstanden von den zwölf

auf Stangen steckenden, farbigen, kopfgroßen Glaskugeln, die jetzt die

zwölf Hinrichtungszeugen sind, und aus dem Halsstumpfe steigt das Blut

als Springbrünnchen empor. Die Symmetrie wird gestört durch Jürgens

Jünglingskopf, der anstelle der gelben Glaskugel auf der Stange steckt

und die grauenvolle Drohung ausspricht.

„In Vollmondnächten sollten Sie nicht bei unverhängten Fenstern

schlafen. Auch abends keine schweren Speisen essen. Die verursachen

gleichfalls Albträume“, hatte der Hausarzt gesagt.

Das Schulmädchen stieg aus, schlug auf der Straße den Katechismus wieder

auf und lernte weiter. Jürgen saß allein im Wagen. Er überlegte, welche

Weisungen er heute dem Prokuristen zu geben habe für die Börse.

Plötzlich fletschte er, Mundwinkel in die Wangen zurückgezogen, die

zusammengebissenen Zähne, drehte den Kopf seitwärts und bewegte die

Lippen, als verhandle er mit einem hinter ihm Stehenden, der Befehle

erteile, die Jürgen nicht befolgen könne.

Erst als er hinaus auf die rückwärtige Plattform trat und mit dem

Schaffner eine Unterhaltung begann, entspannte sich sein Gesicht wieder.

Angefangen hatten diese Zustände vor einem Jahre. Er geht spazieren und

muß plötzlich stehenbleiben, hat Atembeschwerden, ist nicht imstande, an

einem Ecksteine oder an einem Baume oder an einem Laternenpfahle, der

sich durch nichts von anderen Laternenpfählen unterscheidet,

vorüberzugehen. Kopf seitwärts gedreht, Zähne gefletscht, kämpft er

gegen das Unsichtbare, das unausführbare Befehle erteilt.

Schnell tritt er in den nächsten Laden, setzt sich, studiert die

Gesichter der Kunden, unterhält sich mit der Verkäuferin und bittet sie,

ihm sechs besonders hartborstige Zahnbürsten in die Villa zu schicken.

In dem unbewohnten Raume der Villa, wo auch die Antiquitäten und Gemälde

für das Palais aufbewahrt waren, hatte sich im Laufe des letzten Jahres

auf diese Weise ein großes Lager verschiedenster Artikel angesammelt.

Gleich vielen Menschen, kann auch Jürgen es nicht ertragen, daß auf der

Straße jemand hinter ihm geht. Auch am hellen Tage muß er stehenbleiben,

interessiert eine Fassade betrachten oder schnell in einen Laden

eintreten.

Außerhalb der Stadt, wo keine Leute sind, spazierenzugehen, wagte Jürgen

schon lange nicht mehr. Jemand geht hinter ihm her. Jürgen dreht sich um

und wieder um und ganz um sich selbst. Immer steht in seinem Rücken der

Andere. Und da Jürgen nicht in einen Laden flüchten kann, wirft er sich

zu Boden.

Einmal hatte er sich durch Adolf Sinsheimer retten können vor dem

Verfolger. Er steht, Zähne gefletscht, in menschenleerer Landschaft

unter den unausführbaren Befehlen des Unsichtbaren. Da erblickt er den

Jugendfreund, der, in der Hand ein Notizbuch voll Rechnungen, an einem

Baume lehnt und gedankenversunken die ferne Hügelkette betrachtet, als

dichte oder zeichne er. Damals war das Unternehmen des Knopffabrikanten

dem Konkurse nahe gewesen.

Jürgen macht einige Fluchtsprünge auf den Jugendfreund zu und bittet

flehend den Erschreckenden: „Verkaufe mir deinen Bleistift.“

„Weshalb verkaufen? ... Hier, nimm ihn!“ Und er will ihm den goldenen

Patentbleistift in die Hand drücken.

„Unmöglich! Das ist ganz unmöglich!“ Jürgen zwingt den Schulfreund, die

Banknote zu nehmen, und steckt, befreit aufatmend, den Bleistift ein.

Die Straßenbahn hielt. Der Wagenführer drehte die Kurbel heraus.

„Endstation“, sagte der Schaffner zweimal zu Jürgen, der verzerrten

Gesichtes über die Schulter zurücksprach und nicht aussteigen konnte.

Junge Beamte eilten durch die Gänge, grüßten den Chef. Er ahmte die

Stimme des Hausarztes nach: „Abends nur ein paar weichgekochte Eier

essen. Wachsweich! Auch schadet es nicht, wenn Sie täglich dreimal etwas

Brom nehmen.“

Das Bromsalzglas stand auf dem Schreibtisch. Sooft Jürgen die Feder in

die Tinte stach, sah er das Salzglas, das herauszuwachsen schien aus dem

Nacken des verheirateten Beamten, der, reglos wie ein Eingeschlafener

auf das Pult gebeugt, vor seinem Chef saß, schon Vater dreier Kinder

war, Sorgenfalten im grauen Gesicht hatte und keine Veilchen mehr im

Knopfloch trug.

Auf das Bankgebäude wurde ohne Betriebsunterbrechung ein Stockwerk

aufgesetzt. Während des Vergrößerungsumbaues mußte Jürgen mit drei

Angestellten zusammen in einem Raume arbeiten. Ringsum, fern und nah,

auf dem Dache und in allen Stockwerken wurde gehämmert, geschrien,

gekratzt, gesägt, gehobelt.

In dem Bureau selbst stand katastrophenferne Ruhe.

Jürgen tauchte die Feder ein. Und wie er schreiben will, steht auf dem

Pulte anstelle des Tintenfasses ein winziges, lebendiges Herrchen, das

sich höflich verbeugt und lächelnd auf das Bromsalzglas deutet, mit

einem feingegliederten Zeigefingerchen.

Jürgen kann nicht atmen, fletscht die Zähne, taucht die Feder noch

einmal ein. Sticht sie auf den Kopf des Herrchens, das zum Tintenfaß

zusammenschrumpft. Und wie Jürgen schreiben will, steht es wieder

lebendig da, höflich vorgebeugt. Das Zeigefingerchen deutet, das

Mündchen lächelt und sagt:

„Mit Bromsalz kann eine Menschenseele nicht zum Schweigen gebracht

werden. Ich versichere Ihnen, so wahr es ist, daß sehr viel mehr als

neunundneunzig Prozent aller Zeitgenossen, die so viel von Seele reden,

durch ihre Seele in gar keiner Weise mehr gestört werden, weil sie sie

schon längst eingetauscht haben gegen Dinge, die ihren Marktwert haben

...“

Das ist wahr, dachte Jürgen. Das ist wahr.

„... so wahr ist es, daß bei gewissen Individuen die Seele spielend

leicht durch den allerstärksten Schutzwall durchschlüpfen und ihr

vorbestimmtes Recht verlangen kann.“

Das Herrchen legte das Händchen an den Mund, als habe es ein tiefes

Geheimnis zu offenbaren: „Die Seele will fließen. Und fließt unter

Umständen bei gewissen Individuen selbst auf die Gefahr hin,

überzufließen und alles in Verwirrung zu bringen. Denken Sie nur an die

vielen, vielen Irrenhäuser, die es gibt auf dieser Erde. Voll!

Überfüllt! Wer bezahlen kann, kommt in die erste Klasse und kann seine

Seele preisentsprechend behandeln lassen ... Nun, das ist ja Nebensache,

der Preis nämlich, wenn er auch in unserem Zeitalter bei allem die

Hauptsache ist. Aber verzeihen Sie die Abschweifung.“

Jürgen strich sich über die Augen, blickte zum Fenster hinaus. „Was

heißt Abschweifung! Das ist eine Halluzination. Nein, es ist nur eine

Sinnestäuschung. Und das nicht einmal, ich habe nur, wie der Arzt sagte,

zu viel gegessen. Oder ich bin übermüdet. Es sind nur die Nerven. Dieser

Umbau macht einen ja ganz verrückt.“

Er schielte auf das Tintenfaß. Das stand leblos, schwarz, breit und

niedrig an seinem Platze. Dennoch ertönte eine Stimme: „Wenn die Seele

überfließt und spricht, nennen das die Ärzte eine Halluzination.“

„Ich werde mich aber jetzt doch einmal von einem Nervenarzt untersuchen

lassen!“

„Das hilft Ihnen nicht“, behauptete, schülterchenzuckend, das Herrchen.

Es saß auf dem Löschblattbügel, ein Beinchen übergeschlagen, und sah

nicht aus, als ob es bald weggehen würde.

Der verheiratete Beamte wechselte die Schutzärmel, damit sie sich im

Laufe der Jahre gleichmäßig abnützen sollten. Er war aus Erfahrung klug

geworden. Ihm konnte es nicht mehr passieren, jahrelang einen schwarzen

und einen grünen Schutzärmel tragen zu müssen, wie einmal in seiner

Jugend, da er es unterlassen hatte, den schneller sich abnutzenden

rechten Schutzärmel Öfters mit dem linken zu wechseln.

Die beiden noch farbig schillernden, eleganten jungen Beamten, die vor

Jürgen an einem Doppelpulte saßen, machten einander mit den Beinen

aufmerksam auf die Pedanterie ihres älteren Kollegen.

Jürgen übergab seine Weisungen für die Börse dem Prokuristen, einem

runden Manne, dessen Lippen immer aussahen, als habe er eben eine fette

Speise gegessen.

„Sagte es denn eben wirklich: Sie standen schon am Anfang Ihres Ich.

Oder sagte ich selbst das?“ Jürgen konnte nicht ermitteln, ob er selbst

sprach.

„Ich, natürlich, ich bins, der spricht! Niemand anderer als ich sagte:

Sie standen schon am Anfang Ihres Ich.“

„Dieses Wort ist doch von mir. Ich selbst habe diesen Gedanken in genau

der selben Formulierung vor Jahren einmal ausgesprochen.“

„Wie meinen?“ fragte der Prokurist.

Drei schreibgekrümmte Rücken und zwei starr blickende Augen, die einmal

des Verheirateten Nacken, das Salzglas, dann wieder das Tintenfaß

doppelt sahen. „In meinem Hinterkopf geht etwas vor sich; nicht in der

Stirn.“

„Ich bins, der vor sich geht.“

„Und was wird mit mir geschehen?“

„Sie sind nicht mehr vorhanden.“

Die Stirn knallte auf die Schreibtischplatte. Die Bureauwände neigten

sich lautlos auf ihn zu. Er sah die ineinander verschwimmenden

Gegenstände vervielfacht und hatte das mit Übelkeit verbundene

Empfinden, alles Blut vergehe in seinem Körper.

Der Prokurist sprang herbei, das Wasserglas in der dicken Hand, richtete

den Haltlosen auf.

„Kaufen Sie! Kaufen Sie!“

„Selbstverständlich! Wird geschehen! Seien Sie ohne Sorge ... Hier, ein

Schluck Wasser.“

„Nein, irgend etwas! Für mich! Kaufen Sie ... Vielleicht Orangen. Was

Sie wollen!“

Der Prokurist eilte zur Tür. Jürgens Lippen waren weiß. In seinem

Hinterkopfe klopfte dunkel der Hammer aus Gummi. „Möglichst schnell“,

schrie er, Zähne gebleckt, dem Prokuristen nach.

„Das hilft Ihnen nicht mehr.“

„Die Stimme klingt, als spräche jemand mit mir aus weiter, weiter Ferne

und doch aus nächster Nähe. Sie klingt wie ein telephonisches

Ferngespräch. Mir ist, als spräche ich mit einem Wesen, das ich in

Qualen liebte ... Bitte“, sagte Jürgen, bebend in Angst vor der

Erfüllung seiner Bitte und so laut, daß die Beamten aufblickten, „legen

Sie jede Verkleidung ab.“

Da sah er nichts Gegenständliches mehr, keine Augen; er sah einen Blick,

nicht von Augen entsandt. Nur den Blick selbst, der unversehens zu dem

ernsten Blicke des Jünglingsbildes in der Abonnementskarte wurde und,

vergehend, weit zurückwich.

Heiß durchzogen und atembenommen starrte er dem vergehenden, ergreifend

ernsten Blicke nach, beobachtete, Zähne gefletscht und Kopf seitwärts

gedreht, wie der Blick sich in das Herrchen verwandelte, das sich so

schnell erhob, daß der Löschblattbügel schaukelte.

„Das war mein erster offizieller Besuch.“ Es blickte auf die Bureauuhr.

„Fünf Minuten vor zwölf.“ (Der Verheiratete nahm schon die Schutzärmel

ab). „Existenzen Ihresgleichen gibt es in dieser Sekunde auf der Erde

...“ Das Herrchen nannte eine Zahl, die riesengroß und winzig klein in

einem war und wie ein anklagendes Wort klang, gesprochen in der

Nachtstille.

„Sie sind in allen Schichten und Lagern zu finden. Ich besuche sie alle.

Jeden zu seiner Zeit. Es sind Universitätsprofessoren darunter, die als

Studenten noch die Bereitschaft zur Hingabe in den Augen trugen.

Industrielle, die als Jünglinge Gedichte gemacht haben. Hohe Geistliche,

die in das falsche Christentum reisten. Dichter, die um des Erfolges und

des Ruhmes willen von dem Protest und der Gesinnung weg in den Erfolg

und Ruhm und immer tiefer in das Publikum hineinreisten. Männer, die

sich der Wissenschaft hingegeben hatten und aus ihr später ein Geschäft

machten, ein Namensschild mit Titel, angeschlagen an der Haustür. Und

Existenzen Ihresgleichen, die Sozialisten waren und Bürger wurden.

Verruchte Existenzen! Denn sie konnten, kraft naturverliehener Kraft,

sich durch das heucheleidurchwirkte, blutnasse, dicke, dichte Dickicht

dieses Jahrhunderts durchschlagen zu dem Bewußtsein, daß die im Zeichen

befreiter Arbeit stehende menschliche Gemeinschaft, in der die Seele ihr

Ich durch den Körper gewinnen und im Gleichgewicht in sich selber ruhen

kann, erkämpft werden muß, sollen die lebenden und kommenden

Generationen bewahrt bleiben vor Krieg und Hungerbarbarei, dem Wahnsinn,

vor dem großen Tode!“

‚Ich muß mir das Ganze notieren, so kann ich es nicht behalten‘. „...

Unmöglich! Unmöglich!“ rief er, ohne den Blick vom Stenogrammblock zu

erheben, die Linke abwehrend ausgestreckt, dem Prokuristen zu, der einen

Stoß Papiere in den Händen hielt, erstaunt sich die Lippen leckte und,

auf den Zehenspitzen rückwärtsgehend, wieder verschwand.

„Jeden zu seiner Zeit. Einmal bin ich ein Herbsttag, ein welkes Blatt,

das vom Baume fällt und bei einem ruhmverkalkten Dichter plötzlich die

Frage auslöst: Habe ich alles verraten, was in der Jugend mir teuer war?

Die Frage, die zugleich die Antwort und der Beweis ist. Manchmal

schreite ich in ein Buch hinein, werde zu einem Satze, der in dem

Lesenden blitzhaft die Gewissensfrage auslöst. Manchmal bin ich ein

Traum. (Wie bei Ihnen zum Beispiel. Auch kann ich der Umbau eines

Bankgebäudes sein).“

Oder ein Engländer, der fragt: Wie geht es Ihrem Herrn Bruder? dachte

Jürgen und stenographierte auch diese Erinnerung.

„Ich bin ein zwanzigjähriges Mädchen, das im Kampfe gegen die Umwelt

steht und durch ihre Verachtung in dem Abtrünnigen die Sekunde aufreißt,

in der er den tragischen Rückblick tun muß. Manchmal werde ich durch

einen Ton in grauer, leerer Stunde zur Gewissensfrage. Durch den Ton

einer Kindertrompete! Ich bin ein regnerischer Tag, verhindere einen

Ausflug in den Genuß und werde so zum Tage des Versinkens in den Ekel

vor sich selbst. Oft bin ich ein Sonntagnachmittag. Ich werde als Bild

an der Wand zur Gewissensfrage und als Spaziergang in menschenleerer

Landschaft, wo es keine Läden gibt. Ich steige als Weinrausch in das

Herz eines Satten, und er sinkt in die Selbsterkenntnis hinein. Es kann

einer seinen Teppich ansehen und plötzlich aus dem Muster, das ich bin,

die Gewissensfrage herauslesen, grauenvoll deutlich. Manchem wird der

Rückblick zum Konflikt, der ihn ins Irrenhaus bringt.“

Der Bürger · 第 18 / 40 题