Das Herrchen deutete: „Das ist Ihr Fall.“

Jürgen schauerte im Rückenmark.

„Andere glauben, sich in Selbstgerechtigkeit hineinretten zu können.

Viele ertrinken völlig in ihr und erleiden die Strafe erst in spätem

Alter, wenn sie eines Tages, veranlaßt durch mich, die Nichtigkeit ihres

Lebens einsehen müssen und, entsetzt über ihr verdrecktes, mit Achtung,

Gemeinheit, Lüge, Erfolg, Ruhm und Selbstgerechtigkeit poliertes Dasein,

an einer Kugel, an einem Stricke oder an Ekel vor sich selbst sterben.

Auch die feinste Selbstbelügung schützt den Verräter nicht. Keiner kann

in Selbstgerechtigkeit sein Leben beschließen. Dies vermögen nur

diejenigen, die schon als wehrlose Kinder ganz entselbstet, enticht,

entseelt werden konnten, sich der Umwelt anpaßten und dafür das Leben,

wie es ist, eintauschten, im Gegensatz zu Ihnen, der Sie die Kraft

hatten, sich das Kostbarste und Leidvollste auf Erden zu erkämpfen: das

Bewußtsein.“

„Wer vermöchte zu entscheiden, ob stärker als die Verhältnisse und

größer als meine Begierden die Kraft in mir war, weiter zu kämpfen! Was

ist der Beweis meines Verrates?“

„Wer fragen muß: Bin ich ein Verräter, der ist es; Ihrem Schwiegervater

fällt dies gar nicht ein. Die Frage enthält schon die Antwort und den

Beweis des Verrates.“

Diese Worte trafen ihn mit solcher Beweiskraft, daß er minutenlang die

Fähigkeit, zu denken, vollkommen verlor. Auch das Klopfen im Hinterkopfe

hatte geendet.

Die Bureauuhr schlug zwölf. Die drei Beamtenoberkörper richteten sich

auf. Drei Federhalter wurden weggelegt.

Auch Jürgen legte den Federhalter weg, richtete sich auf. Vor seinen

Augen schwebten rundum und durcheinander blitzweiße, goldumränderte

Sternchen, als ob er mit dem Kopfe nach unten aufgehängt gewesen wäre.

Eine Fliege glitt auf weißem Papier schnell vom Tintenfaß zum

Löschblattbügel.

„Wieviel Beine hat eigentlich eine Fliege? Vier oder sechs? ... Da wurde

ich zweiundvierzig Jahre alt und weiß nicht, wieviel Beine eine Fliege

hat. Was bin ich doch für ein Dummkopf! Sitze da und grüble seit Stunden

über diesen Unsinn nach. Kann mir doch vollkommen gleichgültig sein“,

sagte er und horchte befreit auf den stärker gewordenen Straßenlärm, den

die dem Suppenteller Zueilenden verursachten. Die Glocken der Trambahnen

läuteten stärker.

„Es muß ja nicht gleich morgen sein, aber bei Gelegenheit sollten Sie

sich einmal neu photographieren lassen. Sie sind zu verändert“, sagte

freundlich der Schaffner und gab die Abonnementkarte zurück. „Das hier

ist ein junger Mensch, während Sie doch schon in die besten Mannesjahre

kommen.“

Der grauhaarige Bürger, der neben Jürgen saß, schob den

zusammengerollten Fahrschein unter den Ehering.

Ja, die liegen Gott sei Dank noch vor mir ... Kann mich ja

photographieren lassen, bei Gelegenheit, dachte er, stieg aus. Und ging,

im selben Tempo wie jeden Tag, die zweihundert Schritte bis zur Villa.

Summend durch den Garten, auf die farbigen Glaskugeln zu.

Den Bruchteil einer Sekunde stutzte er vor den Glaskugeln. Es war ein

grauer Tag. Die Glaskugeln standen öd in ihren eigenen Farben. Im Garten

regte sich nichts.

Der Mantel hing sich von selbst an den Haken. Die bereitstehenden

Hausschuhe schlüpften über Jürgens Füße. Gewohnheitsmäßig zupfte er das

Tischtuch zurecht. Die Schüsseln entleerten sich.

Das Kanapee gab mit den vertrauten Tönen dem Körper nach. Die Augen

lasen die Mittagszeitung.

Bis sechs Uhr im Bureau. Dann im Garten. Wachsweiche Eier zum

Abendessen. Von neun bis zehn Uhr die Abendzeitung. Auf den Rat des

Arztes hin punkt zehn Uhr ins Bett. Am langen Sonntagnachmittag die

gewohnte Billardpartie mit dem befreundeten Fabrikanten, der die

Sammlung gotischer Plastiken besaß. Montag ins Bureau.

So verging noch eine kurze Zeit, bis eines Tages die Abendzeitung

ausblieb.

Punkt neun erklang das Stöhnen des Kanapees, zusammen mit Jürgens

wohligem A-Seufzer. Seine Hand griff automatisch nach der Abendzeitung,

die seit Jahren immer an der selben Stelle auf dem Tische bereit gelegen

war, und griff in die Leere.

Die Zeit bekam ein Loch, das sich durch das Rufen nach Phinchen vorerst

noch einmal schloß. „Wo ist das Abendblatt?“

„Die Zeitungsfrau ist heute nicht gekommen.“

„So, die Zeitungsfrau ist heute nicht gekommen. Das Blatt wurde nicht

eingeworfen, wie? Du hast nichts gehört?“

„Nein, es wurde nicht eingeworfen. Die Zeitungsfrau ist wahrscheinlich

am Hause vorübergegangen.“

„Du meinst also, die Zeitungsfrau sei vorübergegangen.“

„Sie hat zweifellos vergessen, die Zeitung einzuwerfen. Ging am Hause

vorüber.“ Als er das Wort ‚vorüber‘ aussprach, schlug er sich, das

Gähnen zu verdecken, einige Male leicht auf den Mund, so daß das Wort in

mehrere Laute getrennt wurde. Dieses Geräusch erinnerte ihn an das

Geräusch, das der leerlaufende Motor verursacht, wenn die Trambahn hält.

(Der Schaffner gibt ihm die Abonnementkarte zurück.)

‚Gut, kann ja ein neues Bild machen lassen, bei Gelegenheit ... Den

Fahrschein zusammengerollt unter den Ehering zu schieben, ist übrigens

ganz praktisch. Man hat ihn gleich, wenn der Kontrolleur kommt.‘ Seine

Hand griff nach dem Abendblatt. „... Ah so!“

Er versuchte, das Loch, das die Zeit bekommen hatte, auszufüllen, indem

er das linke Bein über das rechte schlug und heiter zu summen begann.

Sobald er still lag, war das Loch wieder da. Groß, schwarz, endlos.

Der grüne Hügel, wo vor vierzehn Jahren die Fabrikantensöhne und

-töchter Huhn und Rotwein genossen hatten, schob sich in das Loch,

verschwand wieder. Er dachte: Was jetzt, zwischen neun und zehn Uhr, in

der Welt alles vor sich geht ... Gewiß sehr viel.

Warf das rechte über das linke, legte den Kopf auf die harte Sofalehne,

dann auf das weiche Kissen. Betrachtete die Tapetenblumen. (‚Einer sieht

seinen Teppich an, und das Muster, das ich bin ...‘) Er warf sich herum.

Das Kanapee ächzte. Er begann zu pfeifen.

Plötzlich wurde er, bei dem Gedanken, hier zu liegen und eine Stunde zu

pfeifen, von solchem Grauen gepackt, daß er, mit noch pfiffgespitztem

Munde, versteinert die Decke anstarrte.

„Sie hätte nur die Zeitung einwerfen brauchen, dann könnte ich mich

zerstreuen. Zerstreuen ... Früher konnte ich in Gesellschaft gehen oder

ins Varieté, in den Zirkus, ins Theater, in die Oper. Andere gehen in

ihr Stammlokal, in die Gesangvereinsprobe, zum Kegeln, spielen Karten

... Das ist eine Zerstreuerei! Ganz Europa zerstreut sich.“ Er pfiff

wieder.

„Aber die andern, die schon als wehrlose Kinder – Sie wissen schon: die

leben, wenn sie kegeln.“

Da öffnete sich der pfiffgespitzte Mund; Jürgen glaubte zu fühlen und zu

sehen, wie hinter seiner Stirn die schwarzen Buchstaben zu der Frage

entstanden: „Wer hat das gesagt?“

Er schnellte in Sitzstellung empor und brüllte ins totenstille Zimmer

hinein: „Wer hat das gesagt? Wer?“

Die Amsel verließ, heftig flatternd, auf einem scharfen Pfiff den

Mauerefeu beim Fenster. „Wer? Die Amsel? Wer hat das gesagt?“

Von den an der Decke kreisenden Fliegen fiel eine auf die Tischplatte.

Und Jürgen, Oberkörper lauernd vorgebeugt, Hand fangbereit gekrümmt,

flüsterte: „Muß doch einmal ...“ Die Gefangene drückte gegen das

Faustinnere.

Schneller als eine Fliege vorbeizuckt, wich das Interesse, zu erfahren,

wieviel Beine sie hat, der Frage, was ihn noch retten könne.

„Für Sie gibt es keine Rettung mehr. Sie werden wahnsinnig werden.“

Langsam ließ er sich auf das Kanapee zurücksinken. „Wahnsinnig?

Weshalb?“ Fuhr sofort wieder in Sitzstellung auf. „Was? Wer hat gesagt,

ich würde wahnsinnig werden? Wer? Das habe nicht ich gesagt. Wer hat das

gesagt? Wer! Wer!“ Plötzlich brüllte er wild: „Die Abendzeitung! Ich

will die Abendzeitung. Alle haben ihre Abendzeitung. Die Abendzeitung!

Die Abendzeitung!“ Wut entstellte sein Gesicht.

„Auch die Zeitung würde Ihnen nichts mehr nützen.“

Pünktlich auf die Minute trat, wie jeden Abend, Phinchen ein und zog die

Wanduhr auf: Die zwei Bleigewichte berührten den Rand des

Ziffernblattes.

„Dann ist es jetzt genau halb zehn“, sagte Jürgen, als Phinchen wieder

draußen war. „Ich brauche gar nicht hinzusehen. Genau halb zehn ... Und

morgen abend um halb zehn ist die Uhr abgelaufen und die Gewichte hängen

unten. Dann ist ein Tag vorbei. Die Uhr wird aufgezogen. Und übermorgen

um halb zehn hängen die Gewichte wieder unten. Dann ist wieder ein Tag

vorbei. Sie wird aufgezogen ... Aufgezogen ...“

„Und dann ist das Leben vorbei.“

„Ja, dann ist das Leben vorbei ... Und doch fahre ich morgen ins Bureau

und übermorgen. Und dann kommt der Sonntag. Und dann der Montag. Der

Samstag. Ich arbeite, mache Pläne. Fusion. Werde reicher und reicher.

Die Jahre vergehen ...“

Und dann kam die Frage nach dem Sinn und nach dem Ziele, die Frage nach

der Idee, nach dem Zwecke, für den zu arbeiten und zu kämpfen sein

Lebensinhalt sei.

Sein Inneres und die Umwelt – alles war grau und leer. Er wartete.

Lange.

„Aber ich bin ein geachteter Mann.“

„Einmal sagten Sie, dies sei die größte menschliche Katastrophe.“

„Kann sein! Kinderei! Lassen wir das einstweilen. Jetzt will ich erst

einmal Bilanz machen. Dann werde ich überlegen, was zu tun ist. Ich will

methodisch vorgehen. Reich, sehr reich und geachtet, gebildeter und

wissender, kultivierter als die meisten und imstande, mir jeden Genuß,

den das Leben bietet, zu verschaffen.“

„Sie haben also alles schon erreicht, was den andern von Jugend an als

Ziel vorschwebt und zum Sarg wird für diejenigen, die das Ziel erreicht

haben. Was also ist der Zweck? Was Ihr Ziel?“

„Auch bin ich nicht schmutzig, nicht geizig. Im Gegenteil; ein Zehntel

der Summe, die ich für Wohltätigkeitszwecke gegeben habe, würde genügen,

daß ein halbes Dutzend Männer mit Frauen und Kindern ein vollkommen

sorgenloses Leben in eigenem Hause führen und selbst in kleinerem

Ausmaße wohltätig sein könnten.“

„Das stimmt. Zum Teil wahrscheinlich auch daher die große Achtung, die

Sie genießen und vor sich selbst haben.“

„Auch möglich! Aber das ist, wie gesagt, jetzt Nebensache, die Achtung.“

„Nee, die ist mit die Hauptsache.“

Jürgen machte eine ärgerliche Abwehrbewegung mit der Hand. „Nun, wenn

Sie wollen, ich pfeife auf die Achtung. Ich könnte, wenn ich auf der

selben Linie weiterschreiten würde, noch mächtiger, einflußreicher und

in noch weiteren Kreisen geachtet werden.“

„Das können nur die Bewußtseinslosen, deren Weltanschauung in den drei

Worten besteht: Jeder für sich; Sie aber können das nicht. Denn Ihr

Bewußtsein sagt Ihnen, daß Sie nicht das geringste zur Verwirklichung

des unverrückbaren Menschheitszieles beizutragen vermöchten, auch wenn

Sie, weiterschreitend auf dem Jeder-für-sich-Wege, der mächtigste Mann

des Landes werden würden.“

„Ich will ja auch gar nicht fortschreiten auf diesem ziellosen Wege.“

„Nicht Sie wollen nicht, sondern ich will nicht. Ich! Ich lasse nicht

zu, daß Sie in dem bisherigen Trott weitermachen. Sie selbst können gar

nicht mehr wollen oder nicht wollen. Sie sind nur noch eine

Willensmaske.“

Jürgen preßte beide Fäuste an den Kopf. „Seit einiger Zeit führe ich

fortwährend Selbstgespräche. Nun, und wenn auch! Viele Menschen führen

Selbstgespräche.“

„Sie aber führen Gespräche mit Ihrem Selbst.“

Jürgen sah auf. „Wie dem auch sei, Tatsache ist, daß ich ohne Ziel, ohne

Idee, ohne Zweck nicht weiterleben kann. Das halte ich nicht aus. Ich

halte diesen Zustand einfach nicht mehr aus.“

„Dies ist es, was Sie von dem Vollbürger unterscheidet. Der hält diesen

Zustand sehr gut aus. Denn sein Ziel ist: Haben, haben, haben und immer

noch mehr haben. Und er bleibt in der Regel gesund dabei. Fragt sich

nur, ob diese seine Gesundheit nicht die Krankheit ist, an der die

Menschheit zugrunde geht.“

„Daß an dieser Gesundheit die Menschheit zugrunde geht, scheint mir gar

keine Frage mehr zu sein. Ich habe da“, flüsterte Jürgen, „zweifellos

einen richtigen Gedanken ausgesprochen ... Wie steht es aber damit, daß

trotz dieser tödlichen Gesundheit es offenbar keinen Menschen gibt, der

ohne Ideal zu leben vermöchte. Ausnahmslos jeder, den ich kenne, und sei

er der übelste, habgierigste, härteste Schuft, hat sein Ideal, und wenn

es auch nur Selbstbelügung ist. Mittel zur Beruhigung des Gewissens.“

Zuerst blickte Jürgen mit zugekniffenen Augen mißtrauisch seitwärts, wie

einer, der sich vergewissern will, ob er nicht beobachtet wird. Langsam

richtete er sich auf. Die Hand wurde auf der Tischplatte zur Faust. Auf

der Stirn entstand die Energiefalte. So saß er, reglos, alle Muskeln

gespannt, plötzlich ganz erfüllt von dem Entschlusse, mit der

Niederschrift seines seit langem geplanten Lebenswerkes ‚Volkswirtschaft

und Einzelseele‘ zu beginnen. „Das ist meine Rettung.“ Freude rötete

sein Gesicht.

Und wie er den Kopf hob, sah er auf der gegenüberstehenden Wand ein

winziges, höhnisches Lächeln.

Senkte sofort den Kopf. Durch dieses Werk werde ich zu meinem kleinen

Teile dem Fortschritt und der Erkenntnis der Menschheit dienen können,

dachte er, schielte zur Wand, wo wie ein Bild das höhnische Lächeln

hing.

„Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Ihr tönendes, tiefes Gefasel

über Moral, Gerechtigkeit, Humanität, Ideal und Seele in bezug auf die

Volkswirtschaft nicht zulassen, sondern während der Niederschrift mit

einer Hartnäckigkeit ohnegleichen immer wieder darauf hinweisen werde,

daß es sich um die Moral und die Gerechtigkeit der herrschenden Klasse,

der Nutznießer des bestehenden Produktions- und Verteilungssystemes

handelt, welches den entscheidenden mörderischen Einfluß hat auf das

Wesen und das Sein, das Kranksein und das Nichtsein auch der

Einzelseele.“

Jürgens hervortretende Augen starrten rettungsuchend umher. Schlaff

geworden, sank er in die Kanapeecke. „Keine Möglichkeit der Hingabe? Ich

sehne mich so sehr danach.“

„Diese Sehnsucht entspringt schon dem Konflikt, der Sie ins Irrenhaus

bringen wird.“

„Ich will, ich will zurück zu mir ... Ich fühle, ich fühle ...“

„Sie ... denken Gefühle. Sie können weder vor- noch rückwärts.“

„Eine tote Mitte? Das halte ich nicht aus. Ich werde wahnsinnig.“

„Wahnsinnig! Sie sind gestellt.“

„Eingekreist?“

„Eingekreist! Das, was Sie während der letzten vierzehn Jahre waren,

können Sie nicht länger mehr sein; so, wie Sie als Kämpfender waren,

nicht mehr werden. Sie sind nicht mehr vorhanden. Sie sind nicht mehr

Sie.“

„Das hat auch der Trambahnschaffner gesagt.“

„Aus dem heraus habe ich gesprochen.“

„Sind Sie auch die Abendzeitung, die nicht gekommen ist?“

„Ich bin das Nichtgekommensein der Abendzeitung und habe auch aus dem

Trambahnschaffner herausgesprochen. Der sogenannte normale Bürgersmann

hört aus des Schaffners Worten ‚Das sind ja gar nicht mehr Sie‘ nur

heraus, daß sein Bart länger oder grauer geworden ist.“

„Wenn Sie ich sind und aus dem Trambahnschaffner herausgesprochen haben,

dann habe ja ich selbst aus dem Trambahnschaffner herausgesprochen und

zugleich als Fahrgast seine Worte vernommen. Seine? Ihre? Oder meine?

Ich weiß nicht. Bin ganz verwirrt.“

„Sie haben Ihre eigenen Worte vernommen, die der Trambahnschaffner, aus

dem ich sprach, gesprochen hat.“

Angsterregung riß Jürgen vom Kanapee auf. „Wer denkt das alles? Ich Will

wissen, wer da denkt.“

„Ihr Bewußtsein.“

„Wer spricht die ganze Zeit mit mir? Ich höre Stimmen.“

„Wahnsinnige hören Stimmen.“

„Und ich bin nicht wahnsinnig. Bin nicht wahnsinnig! Ich bin der Bankier

Jürgen Kolbenreiher. Und ich brauche nur nicht mehr in das Bureau zu

gehen, brauche nur da wieder anzuknüpfen, wo ich vor vierzehn Jahren

abgebrochen habe, dann werde ich wieder ein Ziel haben, werde

hingebungsvoll kämpfen, und alles wird gut sein.“

„Auch dieser Wunsch entspringt dem Konflikt, der Sie ins Irrenhaus

bringen wird.“

„Suchet, so werdet Ihr finden, heißt es in der Schrift.“ Jürgen

lauschte, das Gesicht seitwärts gedreht. Im Nachbargarten ertönte eine

Lachsalve.

„Ich muß Schluß machen, Schluß! und sofort neu anfangen. Auf der Stelle!

Vor allem: ich gehe nicht mehr in die Bank. Schluß!“

Er war aufgesprungen, lauschte nach innen, was der Strom der Gefühle ihm

zuerst bringen werde:

Schreibmaschinen klapperten. Der Mahagoniaufzug stieg lautlos empor.

Angestellte eilten durch die Gänge des Bankgebäudes. Der Prokurist

verbeugte sich, reichte Jürgen die wichtigen Telegramme.

Angewidert von dem eigentümlichen Geruch des Bankgebäudes, schob er das

ganze Geschäft von sich weg, wartete auf den Strom der Gefühle. Die Frau

des befreundeten Fabrikanten, eine junge, schöne Blondine, die zu Jürgen

in die Villa gekommen und von ihm verführt worden war, tritt ein, nimmt,

wie damals, den Schleier ab. Das sah, wie damals, aus, als ob sie sich

entkleidete. Jürgen schüttelte abwehrend den Kopf.

Das Billardbrett tauchte grün auf. Jürgen hatte nur noch einen

schwierigen Stoß zu machen. Der gelang ihm. Er hatte die Partie

gewonnen. Der Freund mußte bezahlen.

Jürgen lächelte zu Boden. „Das war eine interessante Partie“, flüsterte

er erfreut und machte seinem Freunde noch eine Serie schwierigster Stöße

vor.

Die Billardbälle wurden immer größer, kopfgroß, wurden zu den farbigen

Glaskugeln. Erst als er im roten Ball seinen abgeschlagenen

Studentenkopf erkannte, der lächelte, so daß nicht ein Billardball,

sondern ein gefährliches Lächeln kopfgroß über das grüne Tuch hopste,

ließ er das Queue sinken.

In tiefster Bestürzung flehte er um ein Gefühl aus der Vergangenheit. Er

empfand nichts, ließ sich, gebrochen und ergeben, in den Sessel sinken.

‚Ich gehe eben morgen wieder ins Bureau und übermorgen und in zwanzig

Jahren auch noch.‘ „Unmöglich!“ rief er. „Unmöglich!“

Da stieg die Wut hoch in ihm. Um die innere Leere zu füllen, stieß er

starke Worte aus: „Blutig ans Kreuz geschlagen! Proletarier aller Länder

...! Sturm! Untergang!“ Er empfand nichts dabei. Brüllte wahllos:

„Kinderbewahranstalt! Apfelknecht! Reifeisen!“

„Was, Apfelknecht? Nun, weshalb nicht auch Apfelknecht! Jetzt erst

recht: Apfelknecht! Apfelknecht! Apfelknecht!“

Entstellt vor Wut, raste er durch alle Zimmer durch in den Salon.

Zwischen dem schwarzlackierten, nie benutzten Kohlenkasten, auf den die

heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten gemalt war, und dem

gestickten Wandschirmstorch, der das Wickelkissen mit den drei

Säuglingsköpfen aus dem Teiche zog, schwang der Perpendikel hin und her.

Vor übergroßer Wut ganz ruhig geworden, schritt er zur Uhr und riß mit

einem Ruck den Perpendikel heraus, schleuderte ihn durchs Fenster in das

Springbrunnenbassin. Die Amsel zuckte aus dem Garten hinaus. „Das wäre

das“, frohlockte er, hob die meterhohe Vase über den Kopf empor und

schmetterte sie zu Boden. Die Nippsachen flogen an die Wand. Die Fenster

klirrten. Er demolierte die ganze Einrichtung. Rückte den schweren

Eichenholzschrank von der Wand, betrachtete die Zerstörung. „Nun, nun“,

sagte er ratlos und schob den Schrank wieder zurück.

Schluchzen stieß ihn. Da fühlte er sich innerlich berührt und ließ sich

führen, hinauf in das Zimmerchen, das er als Kind und Jüngling bewohnt

hatte. In der Hand den silbernen Leuchter, den nach bestandenem

Abiturientenexamen die Tante ihm mit den Worten geschenkt hatte: ‚Wenn

ich tot bin, bekommst du alles‘, betrat er scheu die Kammer, in der seit

vielen Jahren kein Mensch mehr gewesen war.

Über dem versessenen Lederkanapee hingen noch, oval gerahmt und

symmetrisch zu einem großen Oval geordnet, die vergilbten Photographien

der Familie Kolbenreiher. Und auf dem Bücherbrett standen verstaubt die

Reisebeschreibungen in bilderreichen Umschlägen. Die Luft war stockig

wie in einer Totenkammer.

Der große, schwer gewordene Mann blickte, tief erschüttert von dem

Besuche bei seiner Jugend, atembenommen die verblaßten Wände an und

seinen riesenhaften Schatten. Und begann, traumwandlerisch, sich wie ein

Jüngling zu benehmen, räumte, durchbebt von innerlichem Weinen, die

Bücher heraus, ordnete sie wieder hinein und schlich, den Zeigefinger am

gespitzten Munde, mit der ‚Schreckensvollen Reise ins Erdinnere‘ zum

Kanapee. Ein irr-schlaues Lächeln im Gesicht, erhob er sich noch einmal,

zog mit seinem Taschenmesser einen Riß um die Kerze herum, zwei

Zentimeter unter dem Docht, und begann zu lesen.

„Nein, nein, ach, nein, das hilft Ihnen nicht.“

Jürgen blickte auf. Die Stimme hatte so traurig und mitleidig geklungen.

„Das hilft mir nicht“, flüsterte er weinend. „Das hilft mir nicht.“

Vor ihm lag, weit hingebreitet, ein fremdes Stück Land, entzweigespalten

durch einen gewaltigen Abgrund. Rechts war eine blanke Asphaltfläche. In

deren Mitte stand ein gelbes Streichholzschächtelchen. Alle

Schulkameraden, Geschäftsfreunde und Bekannten Jürgens schritten auf das

gelbe Schächtelchen zu, in dem eine Banknote lag. Auf dem Schächtelchen

stand das Wort ‚Achtung‘. Von allen Seiten kamen sie herbei und

verbeugten sich vor dem Streichholzschächtelchen, stießen einander weg,

verbeugten sich.

Auf der andern Seite des Abgrundes: eine milde Wiese. Darauf weidet

ruhig ein altes Pferd. Weiter rückwärts ist die Wiese wild, und da, wo

sie mit dem Himmel zusammengeht, sind Jugend, Begeisterung, Ziele,

feurig beleuchtete Gesichter: Jünglinge, die unter Hingabe ihres Lebens

sich bemühen, das Pferd, das die Liebe ist, über den gewaltigen Abgrund

weg zu den Bürgern zu schaffen.

„Die bemerken es ja gar nicht. Und aus diesem unheimlichen Grunde ist es

den Jünglingen ganz unmöglich, das Pferd über den Abgrund

herüberzuschaffen“, sagte Jürgen.

Da wurde seine Hand gezwungen, ein Streichholzschächtelchen zu entleeren

und eine Banknote hineinzulegen. Er stellte das Schächtelchen auf den

Fußboden, verbeugte sich. Die Fäuste zur Brust hochgehoben, sprang er in

gleichmäßigem Trabe um das Schächtelchen herum. Die Villa zitterte.

Jürgen keuchte und schwitzte, verbeugte sich, rannte weiter im Kreise.

Die Uhr schlug zehn. Die Macht der Gewohnheit beendete sofort den Tanz.

„Schlafen“, sagte er, verzerrten Gesichtes gähnend und keuchend in

einem. Griff nach dem Leuchter.

Stand bei der Tür, als ob er eben eingetreten wäre. Sein Kopf war frei.

„Ich muß die Kammer einmal gründlich durchlüften lassen“, sagte er und

ging in das Schlafzimmer.

Punkt acht Uhr betrat er am andern Morgen das Bureau.

Erst nachdem er einen halben Kanzleibogen vollgeschrieben hatte, hörte

er mitten im Worte auf. „Ich wollte ja nicht mehr ins Bureau gehen ...

Aber ist denn das möglich? Halte ich das aus? Oder halte ich das nicht

aus?“

„Weder – noch!“

Da wurden die drei Beamten von einem Knall in die Höhe gerissen: Jürgen

hatte das Tintenfaß durch das zerbrechende Fenster hinunter in den

Lichthof geschleudert. Ein Tintentropfen rollte langsam an der Stirn

herunter, am tobsüchtig glotzenden Auge vorbei, über die dicke Backe.

„Wenn Sie solche Sachen machen, zieht man Ihnen ja die Zwangsjacke an.

Nun sind Sie selbst aber schon eine Zwangsjacke von Ihrem Selbst. Sie

würden also über die Zwangsjacke eine Zwangsjacke angezogen bekommen.

Bedenken Sie, welch entsetzliche Hilflosigkeit.“ Die Stimme hatte

vorwurfsvoll und dabei sehr milde geklungen.

„Jawohl, da ist es schon besser, ich gehe wieder“, sagte Jürgen und

griff nach seinem Hute. Die zwei jungen Beamten machten unabgewandten

Blickes mit den Beinen einander aufmerksam.

Von einer fremden, hinter seinem Rücken stehenden Macht wurde Jürgen

durch die Straßen geschoben zum Nervenarzt.

Bein übergeschlagen, beide Ellbogen so auf die Sessellehnen gestützt,

daß die gefalteten Hände und das Kinn vor der Brust zusammentrafen,

hörte der schweigende Neurologe dem Patienten zu. Und Jürgen empfand

Dankbarkeit diesem Manne gegenüber, der offenbar alles schon zu wissen

schien und sich dennoch alles erzählen ließ.

„Na“, unterbrach der Professor und schnellte, ein abschließendes,

vertrauenerweckendes Lächeln im Gesicht, vor, griff nach Jürgens Puls.

Der Sprungdeckel des goldenen Chronometers gab mit einem beruhigenden

Knacken das Ziffernblatt frei. Die Arztaugen blickten zur Decke.

Das Herrchen saß schwarz auf dem Tintenfaß aus schwarzem Marmor und

schüttelte verneinend und mitleidig das Köpfchen.

„Und jetzt die Zunge!“ Jürgen streckte die Zunge heraus.

„Sie sind vollblütig und haben leider trotzdem, ich sage es Ihnen auf

den Kopf zu, täglich Suppe gegessen, Fleisch, auch Eier! Stimmt das?“

„Wachsweiche Eier zu essen, hat mein Hausarzt mir geraten.“

Das überhörte der Professor. „So viel über Ihren körperlichen Zustand.

Und was Ihren seelischen Zustand betrifft, über den, wie Sie sich

ausdrückten, Sie keine Kontrolle mehr zu haben glauben, so ist dazu zu

sagen, daß es, streng naturwissenschaftlich gesprochen, einen seelischen

Zustand in Ihrem Sinne gar nicht gibt, aus dem einfachen Grunde, weil

es, streng naturwissenschaftlich gesprochen, verstehen Sie, eine Seele,

in dem Sinne, wie Sie sie auffassen, nicht gibt.“

Er blickte Jürgen ermunternd an, als wolle er sagen: Sehen Sie, so

einfach ist diese Sache, wenn man sie wissenschaftlich betrachtet.

„Es gibt nur Körper, Herr Kolbenreiher, Körper, angefangen bei dem mit

Vernunft und Bewußtsein bedachten, höchst entwickelten Tier, nämlich dem

Menschen, zurück über den Affen, das Pferd, den Esel, den Hund, den

Wurm, die Schnake, die Laus (wenn Sie gestatten), die Pflanze und den

leblosen Dingen, die, ebenso wie die Pflanzen, die Tiere und wir, aus

Atomen bestehen. Das ist, von der Naturwissenschaft aufgebaut und bis in

die letzten Winkel durchleuchtet, der für uns glasklar gewordene Kosmos,

in dem die mittelalterliche Hypothese ‚Seele‘, wie Sie sie auffassen,

keinen Raum mehr hat.“

Jürgen warf schnell einen Blick Richtung Tintenfaß, das schwarz und

glänzend auf seinem Platze stand.

„Sie, Herr Kolbenreiher, sind ein intelligenter Patient; anderen

gegenüber würde ich mich zu solchen Erklärungen nicht herbeilassen.

Repetieren wir: Es gibt also erstens vernunftlose Atomverdichtungen und

zweitens vernunftbegabte Atomverdichtungen, von denen die

höchstentwickelte Verdichtung der Mensch ist. Wir haben es demnach nicht

mit der Zweiteilung ‚Seele und Körper‘ zu tun, wie Ihr Herrchen

behauptet ...“

„In dieser Form habe ich das nie behauptet“, sagte das Herrchen.

„... sondern mit der Einheit ‚Körper‘, der von Vernunft bewegt wird, und

zwar von der Zentralstation aus, dem Gehirn. Sie, Herr Kolbenreiher,

sind eine vernunftbegabte Atomverdichtung, merken Sie sich das, und eine

Einheit. Das heißt, Ihre Vernunft, Ihr Bewußtsein, Ihr Ich kann nicht,

wie Sie mir da erzählen, für sich allein sprechen, auf der Straße

spazierengehen, einen Separatspaziergang machen oder Sie besuchen und,

sagen wir: ein Bankkonto besitzen; sondern Sie besitzen infolge Ihrer

Vernunft ein Bankkonto.“

„Aber ich habe die Kontrolle über mein Bewußtsein verloren.“

Der Arzt erhob sich. „Das werden wir schon wieder deichseln. Sie sind

Bankier. Sie machen sich nützlich. Dienen durch Ihre Leistung der

Allgemeinheit. Das sollte Ihr Selbstbewußtsein stärken. Sind allerdings

vollblütig. Also vorerst: keine Fleischsuppen, keine Eierspeisen. Vor

dem Schlafengehen kalte Waschungen und, wie Ihr Hausarzt sagt, etwas

Brom ... Ordnung. Arbeit. Hin und wieder etwas Zerstreuung, eine hübsche

Frau. Sie verstehen. Das ist das Leben. Freuen Sie sich, daß es diese

dunkle Kalamität ‚Seele‘ in Ihrem Sinne nicht gibt.“

Auch das Frackherrchen erhob sich.

„Dort, sehen Sie, dort steht es.“ Zurückweichend deutete Jürgen auf das

Tintenfaß.

Der Bürger · 第 19 / 40 题