„Lassen Sie ganz umsonst schaukeln.“
Da schrie Herr Schmied mit vollen Lungen so lange nach dem
Halben-Preis-Plakat, bis Seidel ihm auseinandersetzte, dann müsse auch
der andere umsonst schaukeln lassen, aber es käme darauf an, wer es
länger aushielte. „Sie sind ein wohlhabender Mann; der Konkurrent steht
vor dem Bankerott. Sie warten ganz einfach, bis er zu Ihnen kommt und
bittet, daß beiderseits wieder um den ganzen Preis geschaukelt werden
soll.“
Herrn Rudolf Schmieds altes Messegesicht leuchtete.
Seidel rief Das Herz, das Pferdegesicht und die andern Adjunkte in den
Wagen. Viele hundert kleine, improvisierte Billetts wurden eiligst
geschnitten, gestempelt. Und auf dem gewaltigen Plakat stand: ‚Wer ein
Billett hat, fährt ganz umsonst in Rudolf Schmieds modernster und
höchster Schaukel der Welt‘.
Das Herz brüllte, schleuderte die Zettelchen ins Publikum. Das nahm die
Schaukel im Sturm. Seidel beobachtete die Konkurrenzschiffe, die sich
entleerten und nicht mehr füllten.
Ein ungeheurer Tumult erhob sich. Das Hinüber- und Zurückbrüllen der
beiden Besitzer hatte das ganze Messepublikum angezogen. Viele
Budenbesitzer kamen geeilt, zu erfahren, was ihnen das Publikum entzog.
In der ersten Reihe stand Herr Hohmeier.
Eine Viertelstunde später kostete die Tour wieder den ganzen Preis.
Seidel hatte im Wagen des Herrn Schmied die Verhandlungen geleitet.
Der Besitzer der Berg- und Talbahn, des größten Unternehmens der Messe,
fing Seidel ab, legte ihm die Hand auf die Schulter: „Ich brauche eine
Hilfe. Wollen Sie Geschäftsführer bei mir werden? ... Das haben Sie
großartig gemacht.“
„Ich bin bei Herrn Schmied angestellt.“
„Ich zahle Ihnen das Dreifache.“
„Ich mache voraussichtlich schon morgen eine eigne Bude auf ... Aber
eine Idee will ich Ihnen verkaufen für Ihr Unternehmen!“
„Das wäre?“
„Schreiben Sie eine Erklärung, daß Sie mir Zweihundert bezahlen, wenn
Sie meine Idee ausführen.“
„Hundert!“
„Zweihundert!“
Seidel steckte den Zettel ein. „Bei Ihnen fahren hauptsächlich
Liebespärchen, weil sie in den scharfen Kurven gegeneinander geworfen
werden.“
„Das stimmt. Darauf spekuliert die Konstruktion.“
„Und dann noch wegen des Tunnels. In diesem Tunnel verschwinden die
Pärchen besonders gern. Das habe ich beobachtet.“
„Aber sicher!“
„Der Tunnel ist mit roten Glühlämpchen erhellt ...“
„Natürlich! Rosa!“ sagte der Mann mit großer Gebärde.
„Lassen Sie morgen von Ihrem Maschinisten eine Vorrichtung anbringen,
die den Kontakt unterbricht, so daß es eine Sekunde dunkel wird im
Tunnel, dann wieder hell, dunkel ... Die Liebespärchen werden sich
danach richten.“
Strahlend trat Herr Rudolf Schmied zu den beiden.
Seidel ging auf seinen Posten zurück, rief Das Herz zu sich. Der war der
Sohn eines bankerottgewordenen Schaubudenbesitzers, dessen Tiere
krepiert waren. Seidel hatte erfahren, daß Das Herz den schwer zu
erlangenden Gewerbeschein besaß und jederzeit eine Bude aufmachen
konnte. „Was für Tiere waren es denn?“
Das Herz schrie in großer Erregung: „Eine Riesenschildkröte und ein
Flußpferd. Sie tanzten zusammen Menuett.“
Seidel überlegte, ob ein Mensch mit einem Pferdegesicht beim Publikum
Erfolg haben würde. Das Herz erklärte sich bereit, den Gewerbeschein
beizusteuern; das Pferdegesicht stellte sich selbst zur Verfügung; Leo
Seidel die Idee und das Geld. Fehlte noch die Bude.
Die stand unbenützt neben der Hauptattraktion der Messe: ‚Herrn August
Schichtels Spezialitäten- und Zaubertheater‘, dessen Zulauf enorm war.
Wer das Unglück hatte, seinen Platz neben Herrn Schichtel zu bekommen,
konnte kein Geschäft machen. Deshalb hatte der Besitzer der Bude gar
nicht eröffnet.
Der verhärmte Alte, dessen von niemand beachtete Bude rechts neben dem
Zaubertheater stand, zeigte, als Jürgen, schon heimwärtsstrebend, noch
einmal vorbeiging, wieder einladend die Handfläche: „Hier wird jedes
Menschen Sehnsucht erfüllt. Treten Sie ein.“
Einige Tage später schritt Jürgen, der, aus Neugier, zu erfahren,
welcher Art die Genüsse seiner früheren Mitschüler seien, Adolf
Sinsheimer versprochen hatte, am Monatsersten mit in eine Weinkneipe zu
gehen, auf das verwahrloste Vorstadthaus zu, vor dem Adolf, drei junge
Kaufleute und der Magistratsbeamte Hohmeier schon wartend unter der
roten Laterne standen.
Aus fünf Brusttaschen stand je ein farbiges Tüchlein empor. Blasse und
gerötete Gesichter. Auf allen die gleiche fiebrige Erregung und
Spannung. Die vier waren im kaufmännischen Klub gewesen, hatten Herrn
Hohmeier auf der Straße getroffen und mitgeschleppt.
Sie wollten, zur Feier des Monatsersten, die Animierkneipe mit
Damenbedienung besuchen.
„Aber nur eine Flasche zusammen! Das habt ihr mir versprochen“, sagte
der Magistratsbeamte, schloß den obersten Knopf des Gehrocks. Und folgte
als letzter, während Adolf die Führung übernahm, resolut voranschritt,
hinein in das schmale Kneipchen, das noch vor einer Woche ein
Bäckerladen gewesen war.
Jetzt waren die drei Glühbirnen mit roten Papierschirmen verhängt, die
Brotlaibregale mit schön verkapselten Weinflaschen spärlich gefüllt, und
der Ladentisch hatte sich in ein nickelbeschlagenes, glanzsprühendes,
mit künstlichen Blumen und Weintrauben reich geschmücktes Büfett
verwandelt, hinter dem der Wirt saß und zum zehnten Male die
Abendzeitung las.
Jürgen glaubte in ihm den Sklavenhalter zu erkennen, den Held einer
Seeräubergeschichte, die er als Gymnasiast gelesen hatte. Des
Sklavenhändlers tintenschwarzer Bart, die Riesenglatze, die Hakennase
waren da. Nur die Peitsche fehlte; ihre Stelle nahm die Abendzeitung
ein. Unsichtbar von ihm geleitet, gerieten seine drei von Seide und
Schminke bunten Kellnerinnen mit den Weinkarten in Bewegung.
Der einzige Gast, außer den Kaufleuten, ein schon total betrunkener
Fabrikschreiner ohne Halskragen, schaukelte den Kopf knapp über der
Tischplatte hin und her, riß ihn in den Nacken und schrie in die falsche
Richtung: „Da komm her!“
Die Älteste ging zu ihm, ließ ein bißchen an sich herumgreifen, so
lange, bis er einen Geldschein auf den Tisch knallte. Strich ihm über
das Haar, in dem noch die Holzteilchen steckten, und gab ihrer jungen
Schwester einen Augenwink. Die brachte eine neue Flasche.
Der Magistratsbeamte beugte sich auf die Tischplatte. „Eine zusammen!
Ich denke, wir nehmen die billigste.“ Und er legte den auf ihn kommenden
Teil der Rechnung gleich auf den Tisch.
Erschrocken nahm Adolf das Geld wieder weg. „Das ist mein Teil“, sagte
der Magistratsbeamte deutlich.
Der Arbeiter glotzte auf seine neue Flasche, glotzte die Älteste an.
„Jetzt komm aber auch her!“
Kopfschüttelnd lächelte sie den Kaufleuten zu, gab den Augenwink ihrer
jungen Schwester, die, noch ungeschickt und verlegen, zum Arbeiter ging
und sich von ihm auf den Schoß ziehen ließ. Er griff ihr an die Brust,
die noch nicht vorhanden war, und brüllte: „Die andere!“
„Für uns auch ein Gläschen?“ fragte die Älteste mit einem Blick, der
allen fünfen in die Augen traf. Und Adolf gewann die Fassung wieder.
„Aber selbstverständlich!“
Sie entleerte die Flasche in drei Gläser und goß noch fünf Gläser voll
bis zum Rand, so daß plötzlich drei leere Flaschen auf dem Tische
standen.
Der Magistratsbeamte beugte sich vor und seitwärts über drei Oberkörper
weg, holte sich ein Glas mit Wein aus der ersten Flasche und stellte es
bedeutungsvoll vor sich hin.
„Schmeckt, was?“ sagte die Älteste, da Adolf den Wein kennerisch mit der
Zunge prüfte. Er schüttete Zigaretten in ihre Hand, und seine Kollegen
gaben ihr Geld, damit sie das Riesenorchestrion spielen lasse.
Das nahm die ganze Rückwand ein, reichte bis zur Decke. Begann zu
rasseln, knackte: ein farbiger Husarenleutnant aus Holz, den Taktstock
im Händchen, schob sich, ruckweise, wie das rotseidene Vorhängchen
auseinanderging, in den Vordergrund und dirigierte das von Trommelwirbel
umdonnerte Flötensolo.
Der Wirt stand reglos und groß hinter dem Büfett. Sein Bart ging mit der
Dunkelheit zusammen. Die Glatze hing losgelöst und weiß über dem Büfett.
Der Arbeiter lallte, goß ein, goß in das überlaufende Glas, bis die
Flasche leer war, stülpte den Flaschenhals ins Glas und schimpfte, in
der Einsicht, mit seinem Wochenlohn gegen die vornehmen Herren nicht
aufkommen zu können, hoffnungslos in eine leere Ecke hinein. „Noch eine
Flasche!“ schrie er verzweifelt.
Und die Älteste stand augenblicklich hinter ihm, überredete ihn, erst
das Geld zu geben, schob es wieder zurück. „Das langt nicht zu. Geh
heim. Hast genug getrunken.“
Schwankend und drohend erhob er sich. Der Wirt stand groß vor ihm,
hinter dem Wirt die Älteste mit der Mütze des Arbeiters.
Halb geschoben, torkelte er hinaus, ausgebeutelt und betrogen von seiner
Sehnsucht nach Glanz und nach einer Frau, die keinen verbrauchten Körper
hatte und keine schmutzige Flanellunterwäsche trug.
Die Älteste, noch bei der Tür, breitete die Arme aus. „Jetzt sagt mir,
was hat so ein Arbeiter in einer Weinstube zu suchen.“
Das selbe fragten die Kaufleute. Sie zog aus ihrem Busen pornographische
Photographien, auf denen sie selbst in verschiedenen Stellungen nackt
abgebildet war, zusammen mit einem Herrn im Frack. Es standen schon neun
leere Flaschen auf dem Tisch. Die Gläser der Mädchen waren immer beinahe
gleichzeitig voll und leer.
„Aber natürlich bringen Sie noch Wein!“ rief Adolf und ließ die Bilder
durch seine heißen Hände laufen. „Aber natürlich bringen Sie noch!“
echoten die andern.
Hinter dem Büfett hing in einem Ring ein Kübel; vom Boden des Kübels
lief ein Schlauch weg in die jeweilig darunterstehende Flasche. Nachdem
die Mädchen ihre vollen Gläser in den Kübel entleert hatten, besorgte
der Wirt mit diesem Weine das Füllen der Flaschen. Und die Mädchen
stellten den Wein wieder auf den Tisch.
Das Orchestrion spielte ununterbrochen. Die vier Köpfe, eng
aneinandergepreßt, blieben über die Photographien geneigt, bis die
Älteste die Bilder wegnahm. Das Wort ‚Sekt‘ fiel. Jürgen legte einen
Geldschein in Adolf Sinsheimers Hand und verließ die Weinstube. Die
andern bemerkten es kaum.
Plötzlich fühlte der Magistratsbeamte sich beim Halse gepackt. Die
ineinander verschlungenen Weiber- und Männerkörper schaukelten hin und
her nach der Melodie des Flötensolos. Der Sekt floß. Die Flaschen
schwebten selbständig vom Büfett herüber auf den Tisch. Floß eine Stunde
lang im Kreislauf: aus den Flaschen in die Gläser, von da in den Kübel,
durch den Schlauch in die Flaschen und wieder in die Gläser, bis der
kühl und reglos neben dem Kübel stehende Wirt den Wink zur Vorsicht gab.
Da lösten sich die Mädchen allmählich los. Die junge Schwester blieb auf
des Magistratsbeamten Schoß liegen. Sie war betrunken. Der Wirt schickte
ihr einen Blick, der sie ernüchterte.
Ein Schub Studenten trat ein, setzte sich an den Tisch, an dem der
Arbeiter gesessen hatte.
Des Magistratsbeamten geschweifter Mund schnappte auf und zu, und
plötzlich warf er die dürren Arme hoch und behauptete: so lebe er, so
lebe er, so lebe er alle Tage.
Die Älteste stand schon bei den Studenten, lächelte kopfschüttelnd über
die Kaufleute und nahm die Bestellung entgegen. Die Studenten blickten
belustigt hinüber.
„Pardon!“ drohte Adolf, der seinen früheren Mitschüler, Karl Lenz, nicht
erkannte. Der Wirt kam groß aus dem Büfett heraus.
„... so leben wir alle Tage“, sang der Magistratsbeamte immer noch. Und
die Älteste präsentierte die Rechnung.
Die fünf Monatsgehälter reichten nicht. Der halbe Tisch stand voll Wein-
und Sektflaschen. Adolf warf noch eine Banknote auf den Tisch, an dessen
Stirnseite der Wirt stand und die drei Worte sprach: „Das langt nicht.“
Alle standen schwankend und ausgeliefert, wollten nach ihren Mänteln
greifen. „Sie müssen mir Ihren Ring zum Pfande da lassen.“ Der Wirt
stellte den Zeigefinger steil auf die Rechnung. Die Studenten
beobachteten gespannt die Szene.
Adolf zog den Brillantring vom Finger. „Darüber muß ich eine Quittung
bekommen!“ Und blickte, trotz seines Rausches, verblüfft auf die schon
ausgefüllte Quittung, die der Wirt sofort vor ihn hinlegte.
Schritt für Schritt ging er hinter den Abziehenden nach, schloß die Tür
leise und mit Kraft und zog sich hinter das Büfett zurück, stellte eine
leere Flasche unter den Kübel. Diesmal war es eine Rotweinflasche.
Die Älteste atmete hoch auf, ließ den Busen fallen: „Diese Kaufleutchen!
Wollen elegante Herren spielen und können dann nicht bezahlen.“ Sie
breitete die Arme aus: „Jetzt sagt mir, was haben solche Bürschchen in
einer Weinstube zu suchen?“
Karl Lenz stimmte ihr bei. Daraufhin auch die andern. Sie goß den
Rotwein ein. „Auch für uns ein Gläschen?“
„Aber selbstverständlich!“ Und dann ging er ernsten Gesichtes erst
hinaus in das Klosett und nahm das Couleurband ab; die andern hatten,
dem Koment gemäß, ihre Couleurbänder nicht an.
Die Älteste goß neun Gläser voll: es waren sechs Studenten. Die junge
Schwester richtete den Tisch der Kaufleute für neue Gäste her. Und der
Wirt rückte den Kübel zurecht.
Daß dies besonders herrliche Genüsse wären, wert, ihretwegen auch nur
den Bruchteil selbst eines blödsinnigen Ideals aufzugeben, kann gewiß
niemand behaupten; aber auch nicht, daß es keine begehrenswerteren
Genüsse gäbe, dachte Jürgen auf dem Heimwege durch die schlafende Stadt.
Vor dem kleinen Café in der noch belebten Hauptstraße stand wieder der
Krüppel und neben ihm, reglos, grau und böse, die Frau, auf dem Arme den
skrofulösen Säugling.
‚Daß einer um den Preis, Liebschaften zu haben mit schönen, gepflegten
Frauen, oder um der Macht und des Erfolges willen Verrat übt an allem,
was ihm in der Jugend teuer war, wäre schon eher zu begreifen.‘
Und plötzlich entsann er sich des Abends, da er, geladen bei einer der
vornehmsten Familien des Landes, solchen Frauen begegnet und Zeuge
geworden war von Gesprächen zwischen Großbankiers, die über Weltpolitik,
Eisenbahnbauten und den wahrscheinlichen Zeitpunkt eines neuen Krieges
in leichtem Plaudertone gesprochen, und zwischen berühmten
Schriftstellern, die über die Schönheit eines Goethezitates und sogar
über den Satzbau des Zitates länger als eine Stunde äußerst
beziehungsreich und sehr klug und geistvoll diskutiert hatten. Das ist
Macht, das ist Kultur, hatte er damals gedacht.
‚Aber kann denn durch diese Macht und durch diesen Geist das Meer von
Tränen, kann denn dadurch das würgende, würgende Menschenleid beseitigt
werden? Ich glaube es nicht. Was aber soll man tun?‘ Bedrückten Herzens
schloß er die rückwärtige Gartentür auf, an die er das Schild angebracht
hatte: ‚Hier wird Armen gegeben‘.
Seine Fragen an das Leben fanden keine Antworten; nur die allzu glatten
der Schulkameraden und der Tante. Oft – wenn er sah, wie die früheren
Mitschüler jenseits aller Zweifel lebten – hatte der Vereinsamte, wie
einmal in der Schule, den Wunsch gehabt, auch so zu werden, wie die
andern waren, das Fragen und das Suchen aufzugeben und sich der
Tantenauffassung anzuschließen. Diese Stunden nannte Jürgen
Schicksalspausen.
Er saß am Fenster, hatte noch Kopfschmerzen von dem Wein, sah die
Animierkneipe. Schweinerei! dachte er, betrachtete mit inbrünstigem
Hasse der Tante Lebensarbeit: die unverwüstlichen gehäkelten Deckchen,
die alle Möbelstücke drückten. Der Perpendikel tickte ruhevoll das Wort
‚rich–tig, rich–tig‘.
‚In diesem Zimmer „Schweinerei“ zu sagen, ist unmöglich. Da hört die Uhr
auf zu ticken, die Deckchen gleiten von Sesseln, Tisch, Kommode, und die
Heiligenbilder fallen von den Wänden.‘
Eine lange halbe Stunde wurde kein Wort gesprochen. Die Tante häkelte.
Die Älteste zeigt die Photographien.
„Schweinerei!“ brüllte Jürgen, erwartete die Zimmerrevolution, sah die
böse herausgedrückten Augen der Tante. Die Szene von früher wiederholte
sich:
„Was hast du gesagt?“
„Ich habs doch nur gedacht.“
„Du lügst mir wieder ins Gesicht hinein?“
„Wenn doch diese verdammte Uhr endlich aufhören würde zu ticken!“
Sie machte eine barsch abschließende Handbewegung und stellte die
Häkelnadel senkrecht gegen ihn: „Wenn du erst in Amt und Würden sein
wirst ...“
Sein ganzer Körper wurde gemauerter Widerstand. „Niemals! Ich studiere
Philosophie.“
Zuerst legte sie die Häkelarbeit weg, griff nach der Stickerei und stach
langsam die Nadel von unten in den Stickrahmen, zog sie senkrecht hoch.
„Du weißt, dein Vater will ...“
„Er ist ja tot. Tot!“
„... daß du Amtsrichter wirst.“
Sein Gesicht verzog sich zu einer Lachfratze. Und in die Pause hinein
gestand er: „Ich studiere seit einem Jahre, studierte von Anfang an
Philosophie. Überhaupt nie eine andere Vorlesung gehört!“
Da saß sie aufrecht, faltete übertrieben ruhig die Hände im Schoß: „In
diesem Falle würdest du nicht einen Pfennig mehr von mir bekommen. Von
was also wolltest du leben? ... Philosophie? Was willst du denn werden?“
Er sah das Schäfchen auf dem Heiligenbilde an. „Werden?“ Die Uhr tickte:
‚rich–tig, rich–tig‘.
„Nun, was also? Alle deine Schulkameraden wissen längst, was sie werden
wollen.“
Plötzlich schlug seine Ratlosigkeit in Wut um. Er brach in die Knie,
preßte beide Fäuste an den Hinterkopf und brüllte wild: „Nichts weiß
ich! Landstreicher werde ich. Ich gehe auf die Landstraße. Ein Gauner
werde ich, wenn du mich noch länger quälst.“
Der Kniende stierte auf die Krüppelfamilie, die grau, elend, schemenhaft
vor der Dunkelheit stand. Auch den skrofulösen Säugling auf der Mutter
Arm sah Jürgen. Kniend rutschte er auf die imaginäre Gruppe zu und zur
Tür hinaus.
Erst oben in seinem Zimmer kam die Wut voll zum Ausbruch. Zuletzt riß er
die Waschschüssel mit beiden Händen in die Höhe und schmetterte sie auf
den Fußboden. Die Stirn blutete. Das Zimmer war verwüstet.
Allmählich wurde der vom Weinen Gestoßene still. Er saß, Arme
verschränkt, Kopf darauf, am Tisch. Tränen und Speichel vermischten sich
auf der Tischplatte. So blieb er hocken.
Plötzlich deutete er durch den Fußboden auf das Heiligenbild im
Wohnzimmer und verlangte ausdrücklich: „Das Lämmchen muß dem
Heiligenbild weggenommen und der Krüppelfamilie vor die Füße gesetzt
werden.“
‚Der arme Jürgen! Sie haben ihn so lange gequält, bis er irrsinnig
wurde‘, ließ er Katharina Lenz sagen, ahmte eine Kinderstimme nach,
schmollte trotzig und weinerlich: „Man muß das Lämmchen zur
Krüppelfamilie tun.“
‚Wie man ihn gequält hat! Jetzt ist der Arme irrsinnig‘, klagte
Katharina.
Und er schauspielerte: „Das Lämmchen gehört zu der Krüppelfamilie ...
Bäh, bäh, bäh!“ Müdigkeit drückte des Erschöpften Wange auf die
Tischplatte. Noch einmal hob er das von Tränen und Blut verschmierte
Gesicht, rief trotzig und blöd: „Bäh!“ und schlief ein.
Da erschien, grün und aufgetrieben wie ein Ertrunkener, der Vater hinter
dem Stuhle, tippte Jürgen auf die Schulter und sagte leise und
lächelnden, weitgeöffneten Mundes, so daß alle Zähne bleckten: „Na, du
schmähliches Etwas.“ Dabei drehte der Vater des Jahrmarktes riesige,
vieltausendstimmige Drehorgel, deren Töne fernher drangen durch den
warmen Herbstabend.
Der Kontakt im Tunnel der Berg- und Talbahn funktionierte schon. Die
Bude links neben dem Zaubertheater war mit Hilfe von Ölfarbe in einen
alten Stall umgewandelt, aus dessen Luke Heu hervorquoll. Der Kopf des
mit kosmetischen Mitteln hergerichteten ‚Pferdegesichtes‘ sah sehr
abnorm aus.
Das Herz brüllte in das Riesenhorn, das Seidel hatte machen lassen:
„Hier ist zu sehen der Mensch mit dem Pferdekopf! Die größte Abnormität
der Welt! Er frißt Heu wie Brot! Hafer ist ihm das liebste! ... Man höre
ihn wiehern.“
Blies mächtig ins Horn, starrte, Hand am Ohr, ins Publikum: Aus der Bude
erklang das brünstige Wiehern des Pferdegesichtes.
Auch Jürgen, der außerhalb der Stadt auf der bewaldeten Höhe stundenlang
am selben Flecke reglos gelegen war und sich nach dreißig Schritten,
gepeinigt von Unruhe und Ratlosigkeit, wieder in das Moos hatte fallen
lassen, den Blick fernaus gerichtet, dem Flußlauf nach, in das weite
Land, dem Meere zu, ganz und gar erfüllt von dem Wunsche, aller Last zu
entlaufen, hinaus in ein Leben der Ungebundenheit, wurde auf dem
Heimwege angezogen von den Drehorgelmelodien, die, wie in der
Knabenzeit, in ihm das Gefühl wieder erwachen ließen, daß hier die
Freiheit sei.
Das ist das selbe Gefühl, das den sechsjährigen Sohn des Geheimrates
sagen läßt: ‚Ich will Droschkenkutscher werden‘, dachte er und
betrachtete den Stall. Rechts stand: Eingang; links: Ausgang. In der
Mitte saß Leo Seidel vor der grünen Drahtgitterkasse.
Ihn jedoch hat nicht dieses Gefühl vor die Schaubude gesetzt, dachte
Jürgen, wollte schon durch die Menge durch, die drei Stufen hinauf,
Seidel zu begrüßen, erinnerte sich in dieser Sekunde der Weltgeschichte
und seines letzten Gespräches mit Seidel und verließ den Jahrmarkt.
Seidel hatte Jürgen nicht bemerkt; er war sehr beschäftigt. Wenn die
Leute sahen, wie das aus der Luke heraushängende Heu sich bewegte,
siegte bei vielen die Neugierde, einen Menschen mit einem Pferdegesicht
beim Heufressen zu beobachten, so daß die Bude immer guten Zulauf hatte.
In der Hand die Rechnungen für Ölfarbanstrich, innere Ausstattung,
Riesenhorn und Stallmeisterlivree, die Das Herz trug, und im Kopfe die
Idee, daß nur derjenige zu Geld kommen könne, der andere für sich
arbeiten lasse, stellte der kapitalkräftige Seidel Herz und
Pferdegesicht am Wochenschlusse vor die Wahl, entweder Mitinhaber zu
bleiben und während der ganzen Messedauer auf jeglichen Verdienst zu
verzichten – denn diese Rechnungen müßten erst gewissenhaft bezahlt
werden –, oder alle Mitinhaberrechte abzutreten und sofort
Angestelltengehalt zu beziehen.
Das Herz schrie: „Der Gewerbeschein war mein einziges Erbe.“ Das
Pferdegesicht erklärte, nicht jeder könne seine Visage als Pferdekopf
für Geld ausstellen, und jeden Tag bis Mitternacht Heu zu fressen, sei
auch keine Kleinigkeit. Die grüne Drahtgitterkasse, in der die
Wocheneinnahme lag, klappte zu.
Da wählten die beiden das Geld in die Hand. Seidel war Alleininhaber.
Während er einlud und kassierte, grübelte er unausgesetzt darüber nach,
wo er eine breitere Basis für seinen spekulativen Geist finden könnte.
Seine Gedanken kehrten immer wieder zu dem mächtigen Backsteinbau
zurück: dem Zirkus, der den ganzen Winter über in der Stadt blieb und
während der vier Wochen langen Jahresmesse schlechte Einnahmen hatte.
Seidel benutzte die losen Beziehungen, die zwischen einigen
Budenbesitzern und dem Zirkusunternehmer bestanden, und schlug diesem
vor, Familienbilletts zu ermäßigten Preisen zu verkaufen, solange die
Jahresmesse in der Stadt sei. Auch solle er an Stelle der herkömmlichen
und deshalb nicht mehr wirksamen Zirkusplakate ein von einem guten
Künstler zu entwerfendes modernes Plakat kleben lassen.
Von einem modernen Plakat wollte der Mann nichts wissen. Die Billettidee
hatte er selbst gehabt und war schon dabei, sie auszuführen. Aber es
gelang Seidel, einige für seine Zukunft wichtige Bekanntschaften mit
Zirkuskünstlern zu machen.
Bald darauf behauptete Adolf Sinsheimer, er habe Leo Seidel, im Pelz,
den Zylinder auf dem Kopfe, im Vorraume des Berliner Wintergartens
gesehen, in Gesellschaft von eleganten Damen und Varietékünstlern.
Und so konnten einige Jahre später seine früheren Kollegen vom
Stadtmagistrat und die Schulkameraden, von denen die meisten zu dieser
Zeit schon jung verheiratete Männer waren, nicht allzu sehr darüber
verwundert sein, daß eines Tages Leo Seidel, der nicht lange Impresario
geblieben war, als kaufmännischer Direktor des riesigen Wanderzirkus in
die Heimatstadt zurückkehrte, im ersten Hotel abstieg und im eigenen
Wagen fuhr.
Zu jener Zeit war Herr Hohmeier eben bis zum breiteren Löschblattbügel
vorgerückt und wollte sich verheiraten.
Der Besitzer des Zirkusunternehmens kränkelte und hatte nur eine
Tochter. Sie war siebzehn Jahre alt.
Kurz vorher hatte Seidel, der längere Zeit im Weizen- und dann im
Stabeisengroßhandel mit nicht besonderem Erfolge tätig gewesen und
deshalb noch einmal in das ihm vertraute Fach zurückgekehrt war, an der
Börse sehr gewinnreich mit Baumwolle spekuliert. Er war seit Jahren
Abonnent volkswirtschaftlicher, bank- und börsentechnischer
Zeitschriften.
Er studierte die Preisschwankungen des Marktes nicht wie der
Großindustrielle oder Börsianer, die, das Risiko zu vermindern, sich mit
ihren Abschlüssen von Tag zu Tag nach den Markt- und Börsenberichten
orientieren; er verglich seit Jahren die an- und abschwellenden Kurven
der Export- und Importziffern aller Länder, verfolgte genau die hieraus
sich ergebenden inner- und außerpolitischen Spannungen, täuschte sich
selten über den Zeitpunkt hereinbrechender Wirtschaftskrisen – eine
Fähigkeit, die ihn nicht nur vor Verlusten geschützt, sondern ihm seine
bisher größten Gewinne eingebracht hatte – und wartete, in jeder
Hinsicht gerüstet, seit langem nur auf die Situation, die es ihm
gestatten würde, unter möglichster Ausschaltung des Risikos die Hand auf
das ganz große Geschäft zu legen.
Schon jetzt glaubte Seidel begründete Hoffnung zu haben, die
Siebzehnjährige nicht heiraten zu müssen.