„Jürgen, du bist geradezu beleidigend. Nimm diese Summe ... Ich könnte
sonst unter keinen Umständen den Verkehr länger mit dir aufrecht
erhalten.“ Adolfs Hände und Schultern bekräftigten: „Wir sind doch heute
nachgerade keine Gymnasiasten mehr, gewissermaßen.“ Er öffnete die Tür.
„Bitte, nach dir!“
Am Stammtisch qualmten Skatspieler, die alle Glatzen hatten; eine
spanische Wand sonderte ein Kaffeekränzchen – neun, mit farbigen
Kapotthüten geschmückte, papageienhafte Damen – ab von den stillen
Zeitungslesern. Der Ober bediente geschäftsfreudig und schwungvoll,
stand manchmal reglos auf seinem erhöhten Beobachtungsposten neben dem
Büfett, wachsam das Lokal im Blick. Ein Fenstertisch, mit der Aussicht
auf das Knopfexporthaus, war frei.
Der Pikkolo stand, ein Bein elegant übergeschlagen, reglos in genau der
selben Haltung wie der Ober, und wand sich auf dessen Augenwink hin
schwungvoll und geschäftsfreudig um die Tischecken herum zu den
Freunden; er war erst seit zehn Tagen Pikkolo.
„Was befehlen die Herren?“ Die schwiegen. Und der Pikkolo rasselte
heraus: „Bier, Wein, Kaffee, Tee, Schokolade ... Eis, Punsch, Glühwein,
Limonade.“ Achtungsvoll betrachtete er die Schweißtropfen, die auf den
Stirnen der Freunde hervortraten. Und fühlte seine Überlegenheit im
selben Maße wachsen, wie die Ratlosigkeit der beiden zunahm, wiederholte
singend sein Gedicht.
Adolf bestellte zwei Glas Glühwein und zwei Glas Grenadine und sagte,
nachdem der Pikkolo an das Büfett gestürzt war: „Ich habe Glühwein und
Grenadine für uns bewerkstelligt. Du gestattest doch!“
Der Pikkolo ließ unterwegs das Tablett, wie von einer Meereswelle
mitgeführt, aus der Tiefe weich in die Höhe steigen, wieder abwärts
schwimmen und knirschend auf die Marmorplatte auflaufen, ohne einen
Tropfen zu verschütten.
„Die Grenadine schmeckt wie der Buchdeckel der Biblischen Geschichte,
weißt du, wenn man daran geleckt hat“, sagte Jürgen und verzog das
Gesicht.
Als die Freunde sich am dampfenden Glühwein die Zungen verbrannt und im
Bad des heißen Sonnenscheins die Zigarillos angezündet hatten, erlangte
Adolf die Fassung wieder, lehnte sich zurück, sah zum Knopfgebäude
hinüber. „Du hattest Gelegenheit, die Parterresäle in Augenschein zu
nehmen. Der selbe Betrieb wickelt sich in allen vier Stockwerken ab. Und
unterm Dach sowie im Keller befinden sich ebenfalls gigantische
Knopflager ... Das muß man sich nur vorstellen: Das ganze Riesengebäude
vollgestopft mit lauter Knöpfen. Alle Sorten, notabene!“
Von der Sonnenhitze mit Glühwein und Zigarillos war Jürgen übel
geworden: Das Knopflager wurde lebendig, verwandelte sich in ein
ungeheures Meer schwarzer Schwabenkäfer, die an allen Wänden auf- und
übereinander krabbelten. In nebelhafter Ferne hörte er die begeisterte
Stimme Adolfs.
„Alle, absolut alle Arten Knöpfe! Ich werde mir eine Knopfsammlung
anlegen. Sie wird die größte der Welt sein. Lückenlos! Denn, überlege –
welcher Knopfsammler hätte, wie ich, diese Gelegenheit ... Und meine
zukünftigen Kollegen da drüben, bei denen das gewissermaßen der Fall
wäre, denken vermutlich wieder nicht daran, sich eine Knopfsammlung
anzulegen.“
Der Ober schwebte einen halben Meter über dem Fußboden durch das Lokal.
Jürgen wagte Adolfs wegen nicht, die Zigarillos wegzuwerfen. Den Stumpen
im Mundwinkel, das Gesicht von kaltem Schweiße beschlagen, sah er mit
dem verzerrten Ausdruck lächelnden Wohlbehagens seinen Freund an.
Der entwickelte den Plan seines Vaters, eines großen Knopffabrikanten,
welcher sich mit der Idee trug, seiner Fabrik ein eigenes
Knopfexporthaus anzugliedern, nachdem Adolf bei der Konkurrenz den
Betrieb gründlich kennengelernt habe. „Da hast du meine Zukunft. Mein
Weg läuft pfeilgrad empor ... in logischer Folgerichtigkeit,
gewissermaßen ... Industrie und Handel, mein Lieber! Alles andere ist
Romantik.“
Sie sahen zum Fenster hinaus; die Pferde vor dem Exporthaus zogen an;
die hochgetürmten sauberen Knopfkisten rollten fort, dem nahen
Güterbahnhof zu.
Der Knopflastwagen, das ganze Café, Skatspieler, Messinglüster,
Sammetbänke kreisten wie eine Berg- und Talbahn um Jürgen herum. Er
wollte beiläufig seine schon in wenigen Jahren zu erwartende Wahl zum
Bürgermeister erwähnen und sagte krampfhaft gleichgültig: „Es wäre jetzt
vielleicht gar nicht unangenehm, ein wenig hinaus in die schöne, frische
Luft zu gehen.“
Vor dem Café sah Jürgen, wie eine gepflegte Dame auf einen Krüppel
zuging, dem der rechte Arm und das linke Bein fehlten. Die Frau des
Krüppels nahm die Banknote sofort an sich und stellte der sekündlich
aufblitzenden Wut ihres Mannes einen notgestählten Blick entgegen. Der
skrofulöse Säugling auf ihrem Arme unterbrach den stummen Kampf durch
Geschrei. Dann zog die Familie weiter. Langsam, böse, farblos.
Nachdem der offene Wagen der Trambahn die verkehrsreichen Straßen
durchfahren, die letzten Häuser und den mächtigen Gaskessel hinter sich
gelassen hatte und in nun ungehinderter Fahrt durch sanfthügeliges
Wiesenland der Endstation entgegensauste, von kühler Luft durchzogen,
röteten sich Jürgens Wangen wieder.
Ein Herr, alt, grau, steif, wie aus grauem Pappendeckel zusammengeklebt,
wackelte steif hin und her.
„Auch wenn andere Plätze frei sind, fahren alte Leute nicht mit den
Augen zur Fahrtrichtung ... Die Jungen immer!“
„Das ist eleganter Blödsinn.“ Adolf saß lässig zurückgelehnt, Bein
übergeschlagen.
„Die Alten wollen gar nichts Neues mehr sehen. Die blicken immer in die
Vergangenheit.“
„Glatter Unsinn! Direkt eleganter Blödsinn!“
„Die Jungen wollen sehen, wohin die Fahrt geht.“
Die Alleebäume flogen plötzlich nicht mehr nach rückwärts. Der Wagen
hielt bei der Endstation im Knirschen der Bremsen. Stille, in die hinein
ein Vogel zwitscherte.
Der Führer blieb allein zurück, setzte sich in den Straßengraben. Der
Wagen stand beziehungslos in der Landschaft. Der Tag war heiß und lang
gewesen.
Jürgen, schnell in Harmonie mit der Natur, wollte durch den Wald
heimwärts gehen, während Adolf, zu abrupt ins Grün gestellt, unwillige
Blicke den Ackerfurchen zuwarf und vorschlug, wieder mit der Straßenbahn
zurückzufahren.
Die schon versinkende Sonne ließ noch Feuer aus den Fenstern der Stadt
schlagen. Das sanftgewellte Land lag weit hingebreitet. Die fernen
Wälder schienen nur handhoch zu sein. Der herauftönende Pfiff der
Papierfabrik stieß die Arbeiter zu den Toren hinaus. Schon stand ein
grüner Stern am Himmel. Liebespaare, umschlungen, gingen vorüber, der
heraufkommenden Sommernacht entgegen.
„Kein Zweifel, die sind schwer verliebt. Du natürlich bemerkst das
nicht.“ Adolf setzte sich mit dem Rücken gegen die Fahrtrichtung und
forderte: „Sitze du auch so!“
Da fiel Jürgen ein, daß er eigentlich gegen seinen Willen zurückfuhr.
„Ich sitze so.“
„Eleganter Blödsinn! Das gibst du doch zu?“
„Nein, das gebe ich nicht zu. Das gebe ich nicht zu“, sagte er noch beim
Betreten der Küche vor sich hin und blickte die feuchten, vollen
Schultern Phinchens an, die, im Unterrock und Hemd, glühend am
Bügelbrett stand.
Sein Kopf blieb klar; das unbekannte Gefühl fuhr ihm nur in die Beine.
Phinchen konnte vor Aufregung die entblößte, aufsteigende Brust nicht
bedecken.
Da kreischte die Haustür. Jürgen taumelte aus der Küche hinaus.
„Du mußt von jetzt an immer hübsch vollkommen bekleidet sein. Der junge
Herr ist kein Kind mehr.“ Die Tante demonstrierte an ihrer Brosche.
„Dies da und auch deine Schultern, überhaupt das alles darf man nicht
sehen. So dick und nur einen Unterrock! Das ist nicht schicklich.“ Der
Unterrock könne gewiß einmal aufgehen. Dann stehe sie im Hemd vor dem
jungen Herrn.
Sie nahm aus dem Küchenschrank eine neue Kerze, zog mit dem Messer
sorgfältig einen Riß herum – drei Zentimeter unter dem Docht – und stieg
in Jürgens Zimmerchen hinauf.
Wortlos steckte sie die Kerze in den silbernen Leuchter und zündete an.
Dann deutete sie auf den Riß. „Wenn sie bis hierher abgebrannt ist, mußt
du aufhören zu lesen ... Das Bücherlesen im Bett und überhaupt das
Ideale, das, was du Ideale nennst, muß auf ein schickliches Maß
zurückgeführt werden.“
Jürgen beobachtete, wie das Flämmchen erstarkte, endlich senkrecht stand
und wieder flackerte, als die Tante weitersprach. „Und morgen zeichne
ich nur zweieinhalb Zentimeter zum Lesen an. Übermorgen wieder etwas
weniger. Und allmählich liest du überhaupt nicht mehr im Bett, siehst du
... Auch deine Mutter las immer im Bett. Dein Vater hat es ihr
abgewöhnt. Wer nicht selbst streng ist gegen sich, gegen den muß es ein
anderer sein ... Deine Mutter hat dich machen lassen, was du wolltest.
Verzogen, verwöhnt hat sie dich. Das soll eine Mutter nicht tun.“
„Das kannst du ja gar nicht wissen; du warst ja nie Mutter.“ Staunend
beobachtete er, wie ihr ganzes Gesicht – auch die Stirn – sich dunkel
rötete. Der Mund stand offen. In unbegreiflicher Fassungslosigkeit
verließ sie das Zimmer.
Jürgen nahm das Bild seiner Mutter von der Wand, betrachtete lange den
angsterfüllten Mädchenblick, den schmerzlichen Mund, der zu lächeln
versuchte, und lehnte die Photographie gegen den Leuchter.
Im Bücherregal standen nur Reisebeschreibungen und Abenteuerromane in
bilderreichen Umschlägen. Mit der ‚Schreckenvollen Reise in das
Erdinnere‘ stieg Jürgen ins Bett, passierte zusammen mit dem kühnen
Abenteurer auf dem Floße die zerklüftete Felsenspalte, geriet plötzlich
in ein Loch und sauste auf gischtigen Wassermassen beinahe senkrecht in
die Erde hinein. Es wurde nachtstill im Hause.
Dicke Finsternis umgibt Jürgen und sein Fahrzeug, das mit den immer
gewaltiger brausenden Gewässern in rasendster Geschwindigkeit in die
Tiefe stößt – volle zwölf Tage lang –, unter der ständigen
fürchterlichen Gefahr, zu zerschellen.
Plötzlich verlangsamt sich die wilde Fahrt: Jürgen flößt aus einer
Felsspalte heraus und, ganz wider Erwarten sanft, hinein in einen
wunderbar stillen See im Erdinnern, an dessen Ufern menschenähnliche
Geschöpfe mit Kuhköpfen stehen.
Grüne, fremde Helligkeit liegt über dem Tale und den milden Wäldern,
obwohl kein Himmel vorhanden ist.
Der Abenteurer durchforscht vorsichtig das Tal nach gefährlichen Wilden,
macht ungewöhnlich wichtige Entdeckungen und überlegt endlich, wie er
mit seinem Floß auf dem senkrecht herabrasenden Gewässer aus dem
Erdinnern wieder zur Erdoberfläche hinauffahren könne.
Heißgelesen, sah auch Jürgen nachdenklich auf. Und bemerkte mit
Schrecken, daß die Kerze still bis über die Hälfte herabgebrannt war.
Während er dann im Traume papageiengroße, fliegende Edelsteine fing und
mit kuhköpfigen Menschenwesen, die sich plötzlich in lauter geachtete
Männer verwandelten, in bösen Kämpfen lag, streifte Adolf
Glacéhandschuhe über, ging in den ‚Klub junger Kaufleute‘ und wurde vom
Vorsitzenden auch den neuen Mitgliedern, Adolfs bisherigen
Schulkameraden, mit feierlicher Korrektheit vorgestellt.
Einige Wochen später lag auf Jürgens Nachtkästchen eine Geschichte der
Philosophie, in der schon viele Zettelchen mit Anmerkungen steckten.
Die Abiturienten hatten sich getrennt in zwei Gruppen, die weiterhin
nicht mehr miteinander in Berührung kamen: Ein Teil studierte und hatte
andere Interessen als die Fabrikantensöhne, die in die Geschäfte ihrer
Väter eintraten.
Leo Seidel arbeitete im Magistratsgebäude, im städtischen
Wohnungsnachweisbureau, dessen trübe Fenster gegen die Nordseite des
immer sonnelosen Lichthofes standen.
Das Mißbehagen der Kollegen war von Monat zu Monat größer geworden.
Jeden Morgen hatten sie, beim Eintritt in das Bureau, Leo Seidel schon
heißgeschrieben am Pulte vorgefunden.
Vor allem Herr Hohmeier, ein Beamter, der sehr langsam arbeitete und
seiner Dienstzeit nach am nächsten daran war, vorzurücken, lebte seit
Monaten beständig in der Angst, daß der bei größtem Fleiße und
unangreifbarer Gewissenhaftigkeit auch noch ungewöhnlich schnell
arbeitende Leo Seidel den Buchstaben M zugeteilt bekommen werde, was der
zahllosen zu bewältigenden Müllers und Maiers wegen eine Beförderung
außerhalb der Reihe, ein Überspringen Hohmeiers bedeutet haben würde.
Noch besorgte Seidel den ungefährlichen Buchstaben Y, wurde
infolgedessen bei seinen Abschreibearbeiten nie gestört und benutzte,
zusammen mit dem jüngsten Kollegen, der gleichzeitig angestellt worden
war, ein Doppelpult, über dem nur eine Gasflamme brannte.
Die Herren Neubert und Hohmeier hatten jeder ein Pult für sich – mit je
einer Gasflamme. Über Herrn Anks Pult befand sich, entsprechend seinem
höheren Dienstgrad, ein zweiflammiger Gasarm mit grünen Lichtblenden.
Und vor des Herrn Bureauleiters Pult stand zudem noch ein drehbarer
Schreibsessel, auf dem ein dienstliches Lederkissen lag. Auch war sein
Löschblattbügel bedeutend breiter.
Dieses festgefügte Dienstschema zu sprengen, die niederen Dienstgrade zu
überspringen, war Seidels Bestreben. Das allmähliche Vorrücken bis zum
breiteren Löschblattbügel wollte er sich ersparen.
Das war seinen Kollegen nicht entgangen.
Der Tag, an dem die Katastrophe sich ereignete, begann damit, daß Herr
Hohmeier begann, sich zu schneuzen, indem er Kanzleibogen und den
schmalen Löschblattbügel zur Seite räumte und das Taschentuch erst
sorgsam auf die Schreibtischplatte breitete.
Unterdessen trat beim Schalter ein Pelerinenkünstler von einem Fuße auf
den andern, rastlos wie ein Mensch, der ein natürliches Bedürfnis
besetztseinshalber meistern muß, und beobachtete, wie Herr Hohmeier das
Taschentuch erst mit einem großen Hausschlüssel, dann mit dem
Löschblattbügel beschwerte. Und als er endlich nach der Adresse seines
Freundes fragen konnte, erfuhr er, daß die Polizei selbst schon lange
nach diesem Kunstmaler Ferdinand Wiederschein fahnde.
„Wir haben herausbekommen, daß dieser Maler seit vielen Wochen jede
Nacht in einem andern Bett schläft. Indem er nämlich jeden Morgen sein
Handtäschchen wieder mitnimmt und sich, wenn die Schlafenszeit
herannaht, ein neues Unterkommen sucht für die Nacht ... Der meldet sich
nicht einmal an bei uns.“
Der Diener entleerte den Neun-Uhr-Kohleneimer in den alten eisernen
Füllofen, auf dem Eva, schon rotglühend, Adam den rotglühenden Apfel
reichte. Des Künstlers Gelächter knallte durch das Bureau.
„Da gibt es aber nichts zu lachen. Das ist eine ernste Sache. Wenns alle
so machten, welch eine Unordnung hätten wir dann hier.“ Herr Hohmeier
redete noch vor sich hin, als er schon dabei war, das Taschentuch
schneuzfertig über die gespreizten Finger zu hängen, wie ein
Zauberkünstler, der fragt: ‚Wohin soll ich das Goldstück verschwinden
lassen?‘
Während der Vesperviertelstunde sammelten sich viele Leute in dem
dunklen Wartezimmer an. Die Beamten aßen ruhig weiter, ungestört vom
Leben, das nur bis zum Schalterfenster herankam.
Die Ungeduldigen hüstelten, scharrten mit den Füßen, klopften endlich an
das Schiebefenster. Der ganze Schalterraum stand voll Menschen.
Und als die Uhr Viertel elf schlug und Herr Hohmeier zum Schalter trat,
stellte es sich heraus, daß einige wieder gegangen waren, und die
gebliebenen neun Auskunftsuchenden unter Buchstaben C bis G fielen und
somit Herrn Hohmeier unterstanden.
Der fragte freundlich, wer zuerst dagewesen sei. Darüber entstand
Streit. Viele waren zuerst dagewesen. Da drückte ein schwarzer
Kohlenhändler alle anderen in die Ecken und verlangte die Adresse einer
Familie, die umgezogen sei, ohne vorher die Kohlenrechnung bezahlt zu
haben.
Während Herr Hohmeier mit dem Zeigefinger die Fächer des Regals nach dem
Personalakt abtippte, den Akt nicht fand, setzte der Streit im
Schalterraum von neuem ein. Schließlich vereinigte der Zorn alle
Streitenden gegen die Beamten.
Wieder dachte Seidel darüber nach, ob außer ihm wohl noch ein Mensch auf
der Welt durch so eine teuflische Kleinigkeit wie die, daß es nur wenige
Namen mit dem Anfangsbuchstaben Ypsilon gab, daran verhindert sein
würde, sich auszuzeichnen und vorwärtszukommen.
Herr Hohmeier trat noch einmal zum Kohlenhändler, fragte ihn, ob er den
Namen denn auch richtig aufgeschrieben habe. Alle schimpften, streckten
die Zettel durch das Schalterloch.
„Sie erlauben, Herr Hohmeier, daß ich Ihnen helfe.“ Seidel sammelte die
Zettel ein.
„Nein, ich kann das nicht erlauben. Bitte sehr, Herr Seidel, ich erlaube
das nicht ... Es sind meine Buchstaben.“
Die Wartenden schrien dazwischen. Der Bureauvorsteher, der von dem
Tumulte aus seinem Vesperzimmerchen herausgelockt worden war, verfügte,
daß die beiden jungen Herren dies eine Mal mithelfen sollten.
„Ausnahmsweise!“
Unter unheilvollem Schweigen des bleichgewordenen Herrn Hohmeier
wickelte sich das Geschäft jetzt glatt ab.
Herr Hohmeier war nicht fähig, zu arbeiten. Ein ungeheurer innerlicher
Aufruhr machte ihn blind. Die beinahe immer gegenwärtige Vorstellung,
daß er sich am Tage seiner Beförderung eine goldene Brille kaufen und
nach der übernächsten Beförderung sich mit dem neben ihm gealterten
Mädchen einstweilen wenigstens verloben werde, schob sich auch jetzt
hartnäckig in den Vordergrund. Immer wieder sah er sich, goldbebrillt,
vor dem Traualtare stehen. So daß über eine Stunde vergangen war, bevor
er gefunden hatte, was Seidel endlich einmal klar und deutlich gesagt
werden müsse.
„Der sehr bedauerliche Vorfall von vorhin bedarf dringend der
Aufklärung. Ich, meinerseits, muß Ihnen sagen, daß in diesem Bureau ein
Sichvordrängen – ich könnte mich auch noch schärfer ausdrücken – nichts
nützt ...“
„Und ich muß Sie bitten, mich nicht bei der Arbeit zu stören.“
„... denn wenn alle Beamten hier in diesem Bureau gewissenhaft ihre
Pflicht tun – und das kann als sicher angenommen werden –, so daß keiner
entlassen wird, werden Sie, Herr Seidel, in acht Jahren an meinem Pulte
sitzen und in zwölf Jahren am Pulte des Herrn Ank ... Unterdessen werde
ich an Herrn Anks Pult gesessen haben. Herr Ank an des Herrn
Bureauleiters Pult. Und der Herr Bureauleiter wird, seinen Dienstjahren
entsprechend, eine höhere Stelle in einem anderen Bureau einnehmen ...
Es gibt in diesem Gebäude sehr viele Bureaus, die wir zu durchlaufen
haben, ehe wir pensioniert werden. Ein Durchbrechen dieser Ordnung gibt
es nicht. Das wollte ich Ihnen gesagt haben.“ Bebenden Mundes ging er an
sein Pult zurück.
Und Leo Seidel, der schon am Anfang dieser plastischen Darstellung sich
gesagt hatte, daß in einem Magistratsbureau das Wort ‚Freie Bahn dem
Tüchtigen‘ ganz offenbar keine Gültigkeit habe, und daß somit ein
schnelleres Vorrücken nahezu ausgeschlossen sei, schrieb noch am Abend
des selben Tages peinlich sauber sein Entlassungsgesuch.
* * * * *
Die meterlange Tabakspfeife wie einen Offiziersdegen geschultert,
kratzfußte der Korpsstudent Karl Lenz abgehackt und streng vor seinem
früheren Schulkameraden Jürgen und fragte ihn, welchem Korps er
angehöre.
„Ich studiere Philosophie, wie du weißt. Seit einem Jahre!“ sagte Jürgen
stolz. „Einer Verbindung gehöre ich nicht an ... Ich wollte Herrn
Professor Lenz meinen Besuch machen.“
Der noch immer in steifer Verbeugung stehende Korpsstudent zuckte mit
dem Kopf nach vorn, und seinem Mund entfuhr, als er die Lippen öffnete,
ein knallender Ton: „Gehören Sie nicht an? ... Vor allem: Ihnen zur
Kenntnis, daß mein Vater vor einer Woche zum Geheimrat ernannt worden
ist.“ Er machte linksum und blickte, dem Gast den Rücken zugekehrt,
paffend zum Fenster hinaus.
Die wirkliche Welt um Jürgen versank. Alles natürliche Denken und Fühlen
verschwand. Erst nach minutenlanger Pause sagte er: „Da gratuliere ich.“
Der Student antwortete mit einer weißen Dampfwolke, die an der
Fensterscheibe hinaufstieg, rührte sich nicht. Und Jürgen saß plötzlich
in einer glänzenden Studentengesellschaft, hatte ebenfalls eine grüne
Mütze forsch im Nacken sitzen, das Couleurband schräg über der Brust.
Alle trinken ihm zu. Er ist geehrt, geachtet, spielt eine Rolle. Kommt
Karl Lenz und starrt ihn herausfordernd an. Jürgen starrt zurück. Und
springt auf. Schweigen. Alle springen auf. Kartenwechsel. Jürgen schlägt
sich tadellos. Phinchen ist totenbleich vor Bewunderung. Und die Tante
läßt sich den ganzen Vorgang erzählen.
‚Er also starrt mich an. Nun, du kennst mich ja, Tante, und weißt, daß
in diesem Falle die Forderung meinerseits unvermeidlich war. Meine
Kommilitonen und ich zechen erst noch die ganze Nacht durch, als ob gar
nichts geschehen wäre. Dann fährt die ganze Bande per Auto mit hinaus
ins Wäldchen; sie warten im Wirtshaus auf mich. Ich also trete an,
frisch und munter, wie aus dem Bade gestiegen.‘
‚Mein Gott, Jürgen, hattest du denn gar keine Angst?‘
‚Aber Tante! ... Also, er bekommt den besseren Platz, steht im Schatten
eines Baumes, ich mit dem Gesicht gegen die Sonne ... Na, und schon beim
ersten Gang – schwere Abfuhr natürlich.‘ ‚Nun, und jetzt?‘ ‚Gott, jetzt
natürlich ehrenvolle Versöhnung. Denn wenn einmal Blut geflossen ist ...
Je, das Hallo, als ich zurück in die Kneipe kam! Ja. Nun aber genug
davon!‘
Der breitspurig und noch immer reglos am Fenster stehende Student war
von blauem Dampfe eingehüllt. Aus dem Nebenzimmer erklang Gläserklirren.
Er schnellte sofort herum, glotzte seinem Gast ins Gesicht.
Da knallte auch Jürgen mit den Absätzen. Die ineinander verkrampften
Hände schüttelten sich. Beide Oberkörper zuckten mehrere Male ruckartig
und schiefseitwärts aufeinander zu, bis, durch die Handkuppelung
hergestellt, die wagrechte Zickzacklinie der zwei Ober- und Unterarme in
Stirnhöhe feierlich verharrte.
Und während Jürgen sich auf das Kanapee zurückverbeugte, verbeugte der
Student sich der Tür zu und ging in sein danebenliegendes Zimmer, wo auf
dem Tisch drei Glas Bier für ihn bereitstanden.
Der Student hatte die Begrüßungsmaske mit in sein Zimmer getragen. Jetzt
erst fiel sie von seinem Gesicht herunter. Und der Ausdruck dumpfer,
wilder Konzentration nahm Platz, während er, das Bierglas in der einen,
die Taschenuhr in der linken Hand, wartete, bis der Sekundenzeiger die
Zahl Eins erreichte. Schon vorher war sein Mund ein großes Loch
geworden. Plötzlich glotzten die Augen stier und tränten: das Bier
stürzte in den Magen. „Bierjunge!“ Und das leere Glas knallte auf den
Tisch.
Mit dem Worte ‚Bierjunge‘ spritzte ein Teil des Bieres im Bogen wieder
heraus, während die Augen auf den Sekundenzeiger starrten. Das Gesicht
des Studenten, der auf dem letzten Kommers von seinem Korpsbruder beim
Bierjungen-Trinken besiegt worden war, verzog sich kläglich: er hatte
mehr als eine Sekunde zu lange gebraucht.
„Ich habe wieder geschluckt. Ich schlucke noch. Das ist mein ganzer
Fehler.“ Energisch trainierte er weiter: Der Sekundenzeiger erreichte
die Eins. Großes Loch. Leeres Glas. Ein furchtbarer Brüllton:
„Bierjunge!“
Wieder schnellte der im Nebenzimmer sitzende Jürgen erschrocken von der
Kanapeelehne nach vorn und horchte gespannt. Wenige Sekunden später
langte von oben herab die Hand des Herrn Geheimrat Lenz auf Jürgens
Schulter. „Nun, mein Freund, welchem Korps gehören Sie an?“
„Bierjunge!“
„Ah, der Junge übt. Ja, schön ist die Jugend.“ Der Geheimrat Lenz trank
gern Moselwein.
Was wird geschehen, wenn ich gestehe, daß ich keiner Verbindung
angehöre, dachte Jürgen. Und sein Mund sagte: „Ich halte das für
überflüssig.“
Die väterliche Hand rutschte von Jürgens Schulter herab und legte sich
in die Hüfte des Geheimrats. Der Unterleib schien in die Brust
hinaufzusteigen. Die Augen fragten: Was wollen Sie dann bei mir?
Endlich sagte der Geheimrat: „Junger Mann, nur wer einem Korps angehört,
lernt die oberste aller Pflichten, die ihn erst befähigt, später zu den
Ersten, zu den Führern seines Volkes zu gehören: die schwere, aber
schöne und erhabene Pflicht des Gehorsams, das freie Beugen vor der
Autorität, ohne welche nichts in der Welt bestehen kann ... bestehen
kann. Die Narben im Gesicht des Korpsstudenten sind die Bürgschaft
dafür, daß der ganze Mann, der für seine und für des Korps Ehre ohne zu
zucken dem Gegner mit blanker Waffe gegenüber gestanden hat, auch
später, wenns einmal so weit ist und Gott es will, bis zum letzten
Blutstropfen dem Vaterlande die Treue halten wird, wenn es gilt, die
Ehre des Reiches zu wahren ... Aber außerdem: wie wollen Sie
vorwärtskommen? Wie anders wollen Sie es zu einer geachteten,
einflußreichen Stellung bringen? ... Denken Sie an Ihren Vater. Er war
mein Freund. Wir gehörten dem selben Korps an. Er war ein Mann.“
Und ist, wie ich jetzt weiß, zusammengebrochen und kaputtgegangen, weil
er nicht erreichte, Vortragender Rat im Ministerium zu werden, dachte
Jürgen.
Und glitt, während er durch die Straßen ging, noch eine halbe Stunde
lang weiter auf dem glatten Gleis, das der Geheimrat vor ihn hingelegt
hatte. Bei einem kleinen Kolonialwarenladen, in dessen Schaufenster ein
langbärtiger Zwerg aus Gips eine Zigarre rauchte, blieb er stehen.
Haß und Ekel vor dem Jürgen, der in des Studenten Zimmer das imaginäre
Duell ausgefochten hatte, packten ihn so plötzlich und so heftig, daß er
sich auf das Mäuerchen setzen mußte, auf dem das Schaufenster ruhte.
„Welch ein erbärmliches, widerliches, feiges Schwein bist du!“ rief er
dem Zwerg im Schaufenster zu. Jede Bewegung, jedes Wort, das jener
Jürgen gesprochen hatte, folterte den Jürgen, der, brennend vor Scham,
auf dem Mäuerchen saß.
Da schwenkte, Lack-, Glacé- und Hosenfalten-glatt, Adolf Sinsheimer um
die Ecke, nahm schon in der Ferne feierlich den Zylinder ab.
Unwillkürlich hatte auch Jürgen feierlich gegrüßt.
„Große Aufregung im Hause Lenz, was?“ fragte Adolf, nachdem er erfahren
hatte, wo Jürgen gewesen war. „Wirklich nichts bemerkt? Dann wissen die
es einfach noch nicht ... Gestern nämlich ist Katharina von zuhause
durchgebrannt. Schlankweg zu den Anarchisten! Die fabriziert jetzt
Bomben. Auch eine Beschäftigung! ... Übrigens, du gestattest doch, daß
ich mich bedecke?“
„Weshalb solltest du deinen Zylinder in der Hand halten!“ Jürgen war
wütend.
„Ein ereignisvolles Jahr! Man entwickelt sich schneller, als man
geglaubt hat. Ich sitze längst im Direktionsbureau. Rechte Hand des
Chefs! Und was das Leben anlangt, mein Lieber, da akzeptiere ich keine
mehr, die nicht tadellos gewachsen ist. Vor allem die Beine! Kann mir
nicht mehr passieren.“
Was ist da zu tun – er entwickelt sich, dachte Jürgen und blickte Adolf
nach, der frisch und glatt davonschritt. ‚Was ist da zu tun.‘
Plötzlich stand Adolf wieder vor ihm. „Leo Seidel war bei mir. Total
zusammengeklappt! Mein Alter hätte ihn ja als Schreiber in unserer
Buchhaltung angestellt. Er aber erkundigte sich nach den
Aufstiegsmöglichkeiten. Was sagst du dazu? ... Mein Alter fragte ihn, ob
er ihm vielleicht Prokura erteilen solle. Schwuppdich – war er draußen
... Später erfuhr ich, daß er zu allen früheren Mitschülern läuft, deren
alte Herren, wie er glaubt, ihm einen Posten mit – husch, die Lerche! –
Aufstiegsmöglichkeiten verschaffen könnten.“
Auch bei Jürgen war Seidel gewesen. Jürgen hatte ihm vorgeschlagen, er
solle mit ihm zusammen einen Bund der Empörer gründen. Seidel hatte
geantwortet, dazu sei er nicht dumm genug. Und der Rektor hatte Seidel
geantwortet, einem derart unbescheidenen Menschen, der aus
Unzufriedenheit leichtfertig sein Glück verscherzt habe, noch einmal
eine Stelle zu verschaffen, müsse er prinzipiell ablehnen.
Einige Monate war Seidel bei dem Bankier Wagner in der Buchhaltung
beschäftigt gewesen. Aber auch in diesem großen Bankhause waren die Wege
zu den zäh verteidigten einträglichen Posten zwanzig Jahre lang und
führten, gezogen mit dem Lineal, zwischen unübersteigbar hohen Mauern
durch.
Seidel hatte bald erkannt, daß hier alle Angestellten nicht nur
unangreifbar gewissenhaft, sondern ausnahmslos auch flink wie die
Kreisel waren; daß es Hohmeiers hier überhaupt nicht gab; und daß
niemand Bankangestellter werden und bleiben durfte, der Bankier werden
wollte.
Der schwindsüchtige Briefträger und seine Frau waren gestorben, die vier
jüngeren Geschwister in das Waisenhaus gebracht worden.
Die neue Mietpartei war schon eingezogen in das Hofzimmer, in dem Seidel
sein ganzes Leben vom Tage der Geburt an in immer gleicher Armut
verbracht hatte. Es war ihm erlaubt worden, die altersschwachen Möbel so
lange in der Holzlage einzustellen, bis er einen Altwarenhändler fand,
der auch den armseligsten Gegenstand nicht für ganz wertlos hielt.
Den nach Begleichung der letzten Vierteljahrsmiete und der Schulden beim
Kolonialwarenhändler und Bäcker von dem Erlöse der Wohnungseinrichtung
übriggebliebenen winzigen Rest des Geldes in der Tasche, das Herz kalt
vor Energie und zielbewußter Willenskraft, von Wehmut, Feigheit und
schwächlichen Überlegungen nicht gehemmt, verließ Leo Seidel um acht Uhr
früh für immer seiner Jugend stinkenden Hof, in dem nie etwas schön
gewesen war, außer einem Büschel Löwenzahn, der, kümmerlich und zäh,
jedes Jahr in der gepflasterten Ecke geblüht hatte.
Seidels Herz hatte ihn niemals zu den gelben Blüten geführt; es war,
jenseits von Gefühlsüberschwang, ein gehorsam arbeitender Muskel und
wurde vom Gehirn regiert, das Seidel zum Träger eines zielklaren Willens
machte.
Losgeschnitten von der Vergangenheit, vor sich das Obdachlosenheim,
stand er blank auf der Straße, völlig auf sich selbst gestellt.
Herabgesunkener Morgennebel, der nur die Dächer der zwei nächsten Häuser
links und rechts von Seidel freiließ, hatte die Straße, die wenigen
Passanten und alle Geräusche verschlungen. Seidel stand grau in grau.
Und erklärte sich selbst, weshalb für ihn Grund zum Jammern nicht
vorhanden sei: Er habe Zeit, sei jung und gesund und bereit,
rücksichtslos seinem Ziele entgegenzugehen.
Um dieses Zieles Inhalt und Ausmaß einwandfrei abzustecken, sondierte er
vorstellungskräftig die Idee eines Friseurgehilfen, der darauf
spekuliert, in das Geschäft einer Friseurswitwe einzutreten mit dem
Ziele, die Witwe zu heiraten und Geschäftsinhaber zu werden; einen
jungen Handlungsgehilfen ließ er mit der reizlosen Tochter des Chefs zum
Standesamt gehen und ihn in einem dunklen, duftgeschwängerten Laden ein
warmes Drogistenglück bis zum Tode genießen. Unbelasteten Gemütes
folgerte Seidel, daß auch er in irgendein Geschäft eintreten und sich im
Laufe der Zeit ein auskömmliches Dasein in bescheidenen Grenzen
erarbeiten könnte.
Er trennte sich von dem Ziele des Friseurgehilfen, vom Drogisten, und
wandte sich seiner Laufbahn zu, die zwar noch kleiner und unsicherer als
die eines Drogistengehilfen beginne, aber Lücken und Spalten und Maschen
habe, durch die er durchschlüpfen zu können hoffe, worauf die Laufbahn
in Form einer Spirale unter zäh zu überwindenden Schwierigkeiten aller
Art ansteigen und in der Berliner Börse enden werde. Dann breitete sich
das Leben aus: Jedes Wort des Finanziers Leo Seidel hat Gewicht; eine
von ihm verweigerte Unterschrift verursacht Beklemmung und Katastrophen
in den Bankhäusern.
Seidels Augen schlossen sich halb. Er flüsterte: „Aus eigener Kraft!
Keiner meiner Mitschüler wird sich mit mir vergleichen können; sie alle
werden hinter mir zurückbleiben, obwohl sie geebnete Wege vorfanden.“
Er befand sich auf dem Wege zu dem Platz, wo die Schaubudengerüste
aufgestellt wurden für den am folgenden Tage beginnenden großen
Jahrmarkt. Er dachte, gegen die hier beschäftigten verkommenen
Existenzen werde ein gewissenhafter Mensch ganz besonders scharf
abstechen und, über sie hinweg, bei einem Schaubuden- oder
Karussellbesitzer schnell zu einer Vertrauensstellung gelangen können.
Außerdem sei er hier nicht, wie der Droschkengaul, zwischen zwei
Deichseln gespannt, da allerlei Möglichkeiten, auszubrechen, sich
ergeben würden.
Seine kantige, gewaltig breite Stirn bildete zusammen mit dem sehr
spitzen Kinn ein beinahe gleichwinkliges Dreieck. Das Dreieck war mit
alten Sommersprossen dicht besetzt. Aber auch in bezug auf seine
Streberei hatte er in der Schule den Spitznamen „Sprosse“ bekommen. „Von
Sprosse zu Sprosse.“
Burschen in verblichenen Sweaters, die Zigarette hinter dem Ohr, rissen
Pflastersteine heraus, hockten, in Morgennebel gehüllt, auf den
Gerüsten, nagelten, schrien, schraubten die Holzteile fest. Alles fügte
sich wie immer ineinander.
Hier ist durch Fleiß und vor allem durch Gewissenhaftigkeit sicher mehr
zu erreichen als in einem Magistratsbureau, dachte Seidel und fing vor
dem grünen Wagen den Schiffschaukelbesitzer ab, zog den Hut.
„Verzeihung, ich möchte fragen, ob Sie noch eine Hilfskraft bei Ihrem
Unternehmen brauchen.“
Verdutzt sah der Mann den solid gekleideten jungen Herrn an, die saubere
Wäsche. „Ich verstehe nicht recht. Ich brauche zwar noch zwei Adjunkte
zur Bedienung von vier Schiffen ... Aber Sie? Was wollen Sie?“
„Ich leiste jede Arbeit, die Sie verlangen ... Was ist das: Adjunkte?“
„So heißen die Burschen bei den Schiffschaukeln ... Zwei sind vorgestern
eingesteckt worden. Acht Wochen Gefängnis! Hatten wieder geklaut. Aber
schon bevor sie bei mir waren“, setzte er schnell hinzu.
„Demnach können Sie mich also brauchen?“
Der Mann hob abwehrend beide Hände in Kopfhöhe: „Freundchen ... haben
Sie Papiere? Waren Sie schon einmal bei so was? ... Zuerst müssen Sie
mir einmal nachweisen, daß Sie nicht von der Polizei gesucht werden ...
Und vor allem möchte ich wissen, weshalb Sie von der Polizei gesucht
werden.“
Da reichte Seidel dem Manne sein Abiturientenzeugnis und das
Entlassungszeugnis vom Stadtmagistrat, das den Vermerk über Seidels
Tüchtigkeit, Fleiß und Gewissenhaftigkeit enthielt.
Der Mann wunderte sich nicht. Ihm waren während seiner vierzigjährigen
Jahrmarktstätigkeit schon alle möglichen Existenzen untergekommen.
„Auf meine Gewissenhaftigkeit beim Geldeinsammeln könnten Sie sich
verlassen.“
„Da wären Sie der erste, auf dessen Gewissenhaftigkeit beim
Geldeinsammeln ich mich verlassen würde. Aber brauchen kann ich Sie.“ Er
stieg, von Seidel, gefolgt, in den grünen Wagen, in dem, transportfest,
die zwölf funkelnden Schiffe standen.
Der kräftige Bursche mit Ledergurt, rotem Sweater und einem großen,
pflaumenblauen, herzförmigen Mal auf der Backe tat, als habe er beim
Putzen der Messingteile keine Pause gemacht. Der Besitzer schickte ihn
hinaus. „Hier, das Handgeld.“
„Handgeld brauche ich nicht ... Ihre Schiffschaukel scheint übrigens
ganz neu zu sein ... Wenn Sie zufrieden sind mit mir, werden Sie mir
meinen Lohn schon geben.“
Das hatte der Mann noch nicht erlebt. Beinahe verlegen sagte er: „Ja,
ich habe die modernste Schiffschaukel der Messe. Kostete mich ein
Vermögen! Das will verdient sein. Sie ist einen Meter siebenzig höher
als die der Konkurrenz ... Können Sie morgen früh antreten?“
Schnellen Schrittes ging Seidel zu dem Altwarenhändler und holte den
Gegenstand ab, den er nicht mitverkauft hatte.
„Das einzige noch einigermaßen brauchbare Stück! Der ganze übrige
Plunder ist vollkommen wertlos“, wiederholte der Mann, der am Tage
vorher heftig und erfolglos um den Besitz dieses Gegenstandes gekämpft
hatte. „Elender Plunder!“
„Wie kann eine Wohnungseinrichtung, in der eine große Familie
fünfundvierzig Jahre gelebt hat, plötzlich ganz wertlos sein!“ Seidel
nahm den in braunes Packpapier eingewickelten Gegenstand unter den Arm.
Stand eine Stunde später im Studierzimmer vor Jürgen, erklärte, auf
dessen Fragen hin, mit drei Sätzen, welche Arbeit und weshalb er sie
angenommen und welches Ziel er habe. „Ich will zu Geld kommen, reich
werden. Sehr reich! Reicher als ihr alle seid!“
„Bei einer Schiffschaukel? Du, ein mehr als gewissenhafter Mensch!“
„So verkommen würdest du niemals, wie? Was würden die Leute sagen? ...
Mir jedoch ist das einerlei. Muß mir gleich sein! Gutbürgerliche Gefühle
und Sentimentalitäten kann ich mir nicht erlauben. Ich brauche
Bewegungsfreiheit, um alle Möglichkeiten ausnützen zu können. Im
Magistratsbureau und auch in irgendeiner anderen festen Stellung gibt es
keine Möglichkeiten für mich. Bin kein Fabrikantensohn ... Ich will mein
Ziel erreichen. Und ich werde es erreichen. Und dann werde ich erst
recht rücksichtslos sein.“
„Dein Haß ist ja recht schön ...“
„Wieso ist er schön?“
„Nun, ich kann deinen Haß begreifen; aber Reichtum ist doch kein
erstrebenswertes Ziel. Was bist du, was hast du, wenn du reich bist und
die Armen wie bisher arm bleiben und überhaupt alles so bleibt, wie es
ist? Dann gehörst du bestenfalls zu denen, die gehaßt werden. Wem
nützest du damit?“
„Mir!“ Aller Haß, der in einem Menschenkörper Raum hat, sammelte sich in
Seidels Blick, gerichtet auf Jürgen, der immer sorgfältig gekleidet
gewesen war, nie gehungert, regelmäßig gebadet und die Demütigungen der
Armut nie erfahren hatte. „Du machst Worte. Du weißt doch sehr gut, was
Reichsein bedeutet!“
„Ich war in anderer Hinsicht immer so arm wie du. In unserer Zeit sind
die Menschen arm. Alle! Auch die Reichen, glaube ich. Furchtbar arm!“
Da konnte Seidel nur die Lippen verziehen. „Und was für ein Ziel hast
du?“
„Ich weiß nichts. Gar nichts! ... Das Ganze ist unerträglich. Ich sage:
das Ganze muß ganz und gar anders werden.“
„Nun, dann wird es ja wohl anders werden.“ Dabei schälte er das
Packpapier herunter von dem poliertem, zartgebauten Nähtischchen seiner
Mutter und bat, Jürgen möge es für ihn aufbewahren.
„Wenn du schon alle Beziehungen zu deinem bisherigen Leben abbrichst,
was hängst du dich da an das Nähtischchen? Dieser Art Gefühle können dir
– einem Menschen, der solche Ziele hat – doch nur hinderlich sein. Oder
sollten Rücksichtslosigkeit und Sentimentalität einander vielleicht doch
nicht ausschließen?“ Jürgen hätte nicht sagen können, weshalb er Seidel
diesen Hieb versetzte.
„Mit dem Ding sind meine einzigen schönen Kindheitserinnerungen
verbunden. Wenn die Mutter flickte, saß ich am Boden, durfte mit dem
Einsatz spielen.“ Er schob die Fächerschublade wieder hinein ... „Na,
heb’s auf ... Zweifellos wird die ganze Bande auf die Messe kommen, um
mich als Schiffschaukeladjunkt zu sehen. Mögen sie kommen!“ Die Lippen
bebten. Die Sommersprossen traten stärker hervor, so weiß war das
Gesicht geworden.
‚Vielleicht wird er ein sehr reicher, geachteter Mann werden; im
Magistratsbureau würde er ein mittelloser geachteter Mann geworden sein
... Rein äußerliche Rangstufen: arm, wohlhabend, reich, sehr reich, sehr
reich und gebildet, Millionär ohne, Millionär mit Geschmack und Kultur,
Großfinanzier – die innere Linie ist bei allen die selbe. So ist heute
das Leben ... Und ich? Wie stehts mit mir? Was soll, was will ich
werden? Was und wie will ich sein? Wie werde ich in zwanzig Jahren
sein?‘ Jürgen fand keine Antwort.
Das jüngste Mitglied des von Jürgen gegründeten Bundes der Empörer, ein
vor dem Abiturientenexamen stehender Gymnasiast, hatte bei der
Gründungssitzung erklärt, einer sei zuviel auf der Welt, entweder müsse
er sich oder den Geschichtsprofessor vergiften. Und war von seiner
Ansicht nicht abzubringen gewesen durch Jürgens Entgegnung, daß dann ja
immer noch einige tausend Geschichtsprofessoren am Leben bleiben würden.
Als einige Tage später auch noch die zwei andern Mitglieder,
fünfundzwanzigjährige, halb verhungerte Burschen, die behaupteten, als
Matrosen und Goldgräber schon die ganze Welt gesehen zu haben, in der
Villa erschienen waren, versehen mit einem Drahtreif voll Sperrhaken und
entschlossen, die Wocheneinnahme eines Metzgermeisters, der jeden
Freitag verreist sei, unter Führung ihres Vorsitzenden und mit Hilfe der
Sperrhaken zu holen, war der Vorsitzende Jürgen aus dem Bunde der
Empörer ausgetreten.
Die Aussprache mit einem schon älteren Manne, der sechzehn im Zimmer
frei umherfliegende Kanarienvögel und eine Bulldogge besaß, aus
Liebhaberei auch vorgedruckte Postkarten täuschend kolorierte und
behauptet hatte, er halte die Fäden der anarchistischen Bewegung der
ganzen Welt in seiner Hand, in Mexiko dürfte, entzündet durch zwei
seiner Chiffretelegramme, die Geschichte demnächst platzen, war von
Jürgen nach drei Minuten abgebrochen worden.
In der Jahresversammlung des Vereins für Bevölkerungspolitik und
Säuglingsschutz, in der die Damen beschlossen hatten, uneheliche
Wöchnerinnen und Kinder in das Heim prinzipiell nicht mehr aufzunehmen,
war Jürgens Frage an das Leben ebenso unbeantwortet geblieben, wie durch
die Rede des Rektors am Grabe des jüngsten Mitglieds des Bundes der
Empörer, jenes Gymnasiasten, der sich am Tage nach dem mißglückten
Examen erhängt hatte.
Nach achtmaliger Anwesenheit in den kostbar, geschmack- und weihevoll
eingerichteten Räumen der ‚Schule zur innerlichen Vervollkommnung‘, wo
brillantengeschmückten alten Damen, langhaarigen Jünglingen und
kurzhaarigen Mädchen von sehr gebildeten Menschen empfohlen wurde, das
Beste von Laotse mit dem Besten von Buddha zu vereinen und diese höhere
Einheit zur Richtschnur ihres Seelenlebens zu machen, war Jürgen, der
geäußert hatte, die Weisheit dieser Richtschnur bestehe ganz offenbar
darin, die eigene Seele zu maniküren und sich um die Not der andern
nicht zu kümmern, sei also handfester Egoismus und von irgendwelcher
Hingabe noch weiter entfernt als der Unsinn des Bulldoggenbesitzers mit
den Kanarienvögeln und Chiffretelegrammen, höflich und leise ersucht
worden, den ‚Stillen Stunden innerer Einkehr‘ von nun an fern zu
bleiben, worauf er mit steigender Sympathie wieder an die zwei hungrigen
Goldgräber mit den Sperrhaken gedacht hatte.
Von einem Philosophiestudenten war Jürgen einem dunklen, sehr schönen
jungen Mädchen asiatischen Gesichtsschnittes vorgestellt worden, das
ungeniert sich sofort fast ganz entkleidet und schreitend zu tanzen
begonnen hatte, die dünnen Finger zu Boden gespreizt und das verzückte
Gesicht emporgerichtet. Noch genau ein Jahr werde sie, hingegeben ihrer
Kunst, ganz abgeschlossen von der Welt leben und dann durch ihren Tanz
die Menschheit erlösen. Sie werde in den Kirchen tanzen. In der Ecke war
ein schwarzer junger Mann gesessen und hatte ihr geglaubt.
In der Erkenntnis, daß die Weigerung, Leichenteile zu fressen,
vielleicht erst in tausend Jahren Bestandteil einer von jeglicher
Barbarei befreiten Lebensordnung, zur Zeit aber nur Sache des
Geschmackes einzelner und gewiß nicht das tauglichste Mittel sein könne,
den Kampf gegen das Ganze und das Umstürzen erfolgversprechend zu
beginnen, war Jürgen, zur Genugtuung der Tante, schon nach einer Woche
vom Vegetarismus wieder zurückgekehrt zum Fleische.
Die Entwürfe zweier Dramen, des Inhalts, daß einem anständigen
Zeitgenossen des zwanzigsten Jahrhunderts nur die tragische Wahl bleibe,
Selbstmord zu begehen oder völlig bewußt selbst ein Raubtier zu werden,
hatte er schon vor einem halben Jahre auf der bewaldeten Höhe verbrannt
und war liegengeblieben neben der Asche, lesend in einem Buche, dessen
weltberühmter Autor erklärte, wenn die Besitzenden ganz freiwillig nur
all ihres Besitzes und ihrer Macht über die Nichtbesitzenden, sowie alle
zusammen nur jeglicher Lüge entsagen würden, sei in der selben Stunde
die Menschheit erlöst.
‚Das dürfte wahr sein; fragt sich nur, welche Maus und auf welche Weise
sie der Menschheit, dieser milliardenfüßigen Katze, die Schelle anhängen
soll, welche bewirkt, daß wir in allem wahrhaftig sein können‘, hatte
Jürgen damals gedacht.
War auf dem Rückwege, sinnend und suchend und rat- und hoffnungslos und
nur, um nichts unversucht zu lassen, zu den aus Nord- und Süddeutschland
stammenden vier Jünglingen gegangen, die zusammen mit drei Mädchen nahe
der Stadt vor kurzem eine Siedlung gegründet hatten.
Staunen und Begeisterung über den kameradschaftlich freien Ton zwischen
diesen hellblickenden Mädchen und schwerarbeitenden Jünglingen und über
die geistig großartige Lebensauffassung, die in dem Zeichen
unbekümmerter Jugendkraft und befreiend humorvoller Ablehnung des Ganzen
stand, hatten Jürgen erfüllt.
Ein Siedler mit großer Rundbrille in einem mageren, noch unfertigen,
nicht ganz hautreinen Gesicht hatte den beglückt durch die
Nacht heimwärts Marschierenden eingeholt und ihm einen Stoß
Aufklärungsschriften mitgegeben, darunter eine von den Siedlern
gemeinsam geschriebene und im Selbstverlage erschienene Broschüre
‚Kapitalismus, Universität und freie Jugend‘ und ein vierseitiges
Werbeflugblatt ‚An die Gesinnungsgenossen‘, dessen erster Satz lautete:
„Wir haben der Universität, dieser kapitalistischen Bedürfnisanstalt,
die Rückseite gezeigt und im Vorfrühling mit zusammengepumptem Gelde
einen verlotterten Bauernhof gekauft, der, obgleich mit Hypotheken
gegenwärtig noch schwer belastet ...“ Der Schlußsatz lautete: „Unsere
Siedlung ist eine kleine Insel im großen Stunk.“
Vernachlässigung des Universitätsbesuches, Verzweiflung und Drohungen
der Tante, Ablieferung der Kollegiengelder an die Siedler, die dringend
Saatgut gebraucht hatten, mühevolle Feld- und Gartenarbeit und an den
Abenden stundenlange, heftig geführte Diskussionen, aufregend und
beglückend für Jürgen und oft sehr gefährlich für den Weiterbestand der
Siedlung, waren gefolgt.
Tag und Nacht offene Fenster. In den Stuben je ein Feldbett, ein
Handköfferchen und sonst nichts. Die Wände, hell gestrichen, leuchteten
blau, grün, rosa.
„Morgen kommt Lili mit ihrem Kinde aus dem Gebirg herunter.“
Wie lebendig das klingt, hatte Jürgen gedacht. ‚... kommt Lili mit ihrem
Kinde aus dem Gebirg herunter.‘
Anfangs waren die Siedler in allen Versammlungen als Sprecher
aufgetreten und hatten die anwesenden Bürger verblüfft und gereizt durch
ihre respektlosen Reden gegen Staat und Kirche, Schule, Ehe, Eigentum,
Zins- und Hypothekenräuberei.
Der kirchenfeindliche Verein ‚Gedankenfreiheit und Feuertod‘, der seit
Jahren erfolglos um die Genehmigung kämpfte, sein schon erbautes
Krematorium in Betrieb setzen zu dürfen, hatte, nachdem in der
öffentlichen Protestversammlung von dem Siedler mit der Rundbrille
erklärt worden war, er persönlich habe ja gar nichts dagegen
einzuwenden, wenn die Anwesenden sich schon morgen einäschern ließen,
nur glaube er nicht, daß dadurch der große Stunk merklich vermindert
werden würde, die Polizei auf Siedler und Siedlung aufmerksam gemacht.
Kartoffelernte, Hypothekenzinsforderungen, Herbstbeginn, kürzer werdende
Tage, in dem selben Maße verlängerte, immer heftiger werdende
Diskussionen. Und eines Tages waren die Handköfferchen und Lili mit dem
Kinde und die Siedler verschwunden gewesen, unter Zurücklassung der
sieben Feldbetten, die, zusammengeklappt und aufeinandergeschichtet, in
dem offenen Schuppen lagen.
Der Bauer hatte seine Kommoden, wandbreiten Eichenschränke und
Riesenfederbetten wieder eingestellt, die grünen, rosa und blauen Wände
dunkel schabloniert und die Heiligenbilder aufgehängt.
Einige Wochen später war von dem Siedler mit der Rundbrille eine
Postkarte aus Berlin gekommen: Die Siedlung sei aufgeflogen. Die Gründe,
eine schwere Menge, könne Jürgen sich ja denken. Lili habe sich noch
nicht entschließen können; aber er sei Mitglied der sozialistischen
Partei geworden. Und damit Punkt.
Wenn Jürgen an diesen Herbstabenden, da es im vornehmen Villenviertel
schon ganz still war, am Fenster saß und, zurückdenkend an sein
ergebnisloses Fragen und Suchen, hinaushorchte in die Nacht, vernahm er
die fernher dringenden Töne der Drehorgeln.
Die fünfzig verschiedenen Melodien zusammen erregten bei manchem
Besucher schon Schwindelgefühl, wenn er auf dem Jahrmarkt noch gar nicht
angelangt war. Paukenschläge und Trompetenstöße drangen siegreich durch.
Alles drehte sich, funkelte und flog. Die Mädchen klammerten sich an
ihre Liebhaber an, schrien auf, wenn die Berg- und Talbahn in die Tiefe
sauste, im rosa beleuchteten Tunnel verschwand. Und an der
farbensprühenden Budenreihe entlang zog die schwarze Menschenmenge. Alle
Ausrufer waren schon heiser, luden hinreißend liebenswürdig ein. Die
Konkurrenz war groß.
Trotzdem hatte sich Herr Rudolf Schmied in seinem grünen Wagen zu einem
Schläfchen niedergelegt und Seidel die Aufsicht und das Geldeinsammeln
anvertraut. Denn tags zuvor, in früher Morgenstunde, als noch kein
Budenbesitzer, kein Adjunkt dagewesen war, der die Einnahme hätte
kontrollieren können, hatte Seidel kassiert, sich vom Lehrer der
Knabenklasse, die geschaukelt hatte, eine Empfangsbestätigung ausstellen
lassen und Geld und Schein gewissenhaft Herrn Rudolf Schmied
abgeliefert.
Dieser Empfangsschein hatte wie tödliches Gift auf das Mißtrauen des
Herrn Schmied gewirkt. Die Adjunkten vermuteten in Seidel einen
Verwandten des Herrn Schmied, unterordneten sich ihm, lieferten willig
die Einnahme ab.
Die immer besetzten zwölf Schiffe der schönen, besonders hohen Schaukel
flogen unausgesetzt. Die sieben der alten, niedrigen Schaukel daneben
hingen fast immer reglos. Die Adjunkte luden brüllend ein; der
Orgelspieler drehte wie besessen: alle drängten vorbei zur hohen
Schaukel.
Seidel blickte starr ins Publikum und befahl, als er Herrn Hohmeier
entdeckte, gleichgültigen Gesichtes dem Adjunkten mit dem pflaumenblauen
Herzen auf der Backe, der von seinen Kollegen ‚Das Herz‘ genannt wurde,
das letzte Schiff in der Reihe anzuhalten, da die Tour zu Ende sei.
Schon preßte ein anderer Adjunkt, der ein abschreckend großes,
pferdekopfähnliches Gesicht hatte, das Anhaltbrett gegen den Kiel des
allmählich sich totschaukelnden Schiffes. Eine neue Tour begann. Seidel
sammelte ein. Der Magistratsbeamte ließ ihn nicht aus den Augen, die vor
Hohn und Genuß funkelten. Auch die zukünftige Braut des Herrn Hohmeier
machte große Augen. Sie hatte ein ganz mageres, blasses Gesichtchen.
„Das Riesenweib! Wie sie ißt! Wie sie trinkt! Wie sie schläft!
Brustumfang 154! Alles andere dementsprechend! Kolossal! Jedem Besucher
erlaubt, nachzuprüfen! Brustumfang 154!“ schrie der Ausrufer links neben
der Schiffschaukel.
Und ein anderer: „Hopp hopp hopp hopp hopp!“ Der ritt ohne Pferd dem
Publikum einen eleganten Trab vor zugunsten des ‚Hippodrom von Eder, wo
reiten kann ein jeder‘.
Ein kleiner, verhärmt aussehender Budenbesitzer, auf dessen Schulter ein
abgerichteter Rabe saß, der Kopf und Beine und flügellahme Schwingen
ruhelos bewegte, sagte zu Jürgen: „Treten Sie ein: Hier wird jedes
Menschen Sehnsucht erfüllt.“
Plötzlich stand Jürgen, der blicklos den verhärmten Alten anblickte, mit
Katharina Lenz in dem Laubgang beschnittener Korneliuskirschen. Die
Tante führt ihn am Arme weg von Katharina.
Wüßte ich, was ich will, dachte er, dann würde ich jetzt Katharina
aufsuchen; aber ich weiß heute nicht mehr, als ich damals wußte.
Bei der kleinen Schiffsschaukel entstand Tumult; sie wurde plötzlich von
Fahrgästen gestürmt: Der Besitzer hatte ein Plakat ausgehängt, auf dem
stand: ‚Hier kostet die Tour den halben Preis‘. Höhnisch blickte er zu
Seidel hinüber, dessen Schiffe jetzt reglos hingen.
Seidel stürzte zum Besitzer. Der rieb sich entsetzt den Schlaf aus den
Augen, wollte ebenfalls für den halben Preis schaukeln lassen.
„Wenn Sie das tun, kommt man zwar wieder zu Ihnen, weil unsere Schaukel
höher ist, aber die Einnahme würde fortan nur die Hälfte betragen. Ihre
Schaukel wäre entwertet.“
„Und so verdiene ich gar nichts. Schreiben Sie sofort ein Plakat. Das
Herz soll helfen.“ Er tanzte vor Aufregung.
„Ich mache Ihnen den Vorschlag ...“
„Nichts! Nichts! Schnell, Freundchen! Die Zeit vergeht.“
„Wollen Sie riskieren, heute abend keinen Pfennig mehr einzunehmen, wenn
Sie dafür an den folgenden Tagen wieder die volle Einnahme haben
würden?“