III

„Sie sind ja in der Brodstraße.“ Der Portier setzte sich wieder auf das

Bänkchen.

„Wo Herr Knopffabrikant Sinsheimer wohnt?“

„Den hat der Schlag getroffen. Heute mittag. Punkt eins. Kommt von einem

Geschäftsgang zurück, liest die eingelaufene Post, da trifft ihn der

Schlag ... Auch ein Unglück für die Familie!“

Jürgen überwand seine Scheu, ein Haus zu betreten, in dem ein Toter lag,

stieg die Treppe hinauf, vorbei an dem farbigen Treppenhausfenster, auf

dem Wilhelm Tell im Ausfall stand, bereit, den Apfel herunterzuschießen

von den blonden Locken.

Im Vorzimmer kämpfte Gulaschduft mit Medizingeruch. „Herr Adolf kommt

gleich“, sagte das Dienstmädchen und drehte eine schwach und rot

brennende Birne an im Salon.

Eichenmöbel, reich geschnitzt, schwarz und unverrückbar schwer, füllten

ihn. Zahllose Nippesgegenstände posierten, miauten, sangen, tanzten

Menuett auf allen erdenklichen Plätzchen und Kanten. Jürgen wand sich

bis zu einem Stuhle durch, dessen hohe Lehne, gebildet durch zwei

vielfach geschwungene, schwarzgebeizte Schwanenhälse, mit einer

Wasserrose abschloß, in der ein Frosch saß, das Krönchen auf dem Kopfe.

Ohne sich zu rühren, musterte er die Gegenstände, begann schließlich zu

zählen: vier meterhohe Petroleumlampen – Geschenke, die niemals gebrannt

hatten –, eine große Anzahl nie benutzter Tee-, Kaffee- und

Likörservice, entdeckte nachträglich noch zwei hohe, glänzende Gestelle,

die er erst auch für Lampen hielt, dann aber als Tafelaufsätze erkannte:

Nachbildungen des Eiffelturmes, auf dessen Stockwerken Birnen, Äpfel,

Trauben, aus farbigem Tuche, lagen. An der Wand hing, zwischen dem

Dackel, der, das weiße Zipfeltuch um den Kopf, an Zahnweh leidet, und

dem Kätzchen, das mit dem Wollknäuel spielt, ein kleiner Elefant, der

den Rüssel hin und her schleuderte. Das Ziffernblatt auf seiner Stirn

stellte Afrika dar.

Unvermittelt schlug der Gedanke ein, daß vielleicht im Zimmer nebenan

der Tote liege. Um sich abzulenken, nahm Jürgen den Bronzelöwen in die

Hand, der, schleichend zusammengekauert, Tatzen auf dem Rande, die Zunge

dürstend in die Aschenschale streckte. Stand auf, sah umher, drehte am

Schalter. Mit dem Verlöschen der Birne schwankten alle Möbel, wie

betrunken, auf Jürgen zu und versanken in der Finsternis. Er fand den

Schalter nicht wieder.

Da sah er in einem Blitze der Angst die Leiche im Salon liegen,

schneeweiß aufgebahrt und mit genau der selben Kopfhaltung wie die

seines Vaters. Schnell drehte er sich einige Male um sich selbst,

bemüht, die Leiche des Vaters nicht im Rücken zu haben, und streckte die

Hand frierend hinter sich nach dem Türdrücker aus.

Der Elefant trompetete. Die Tür knallte gegen Jürgens Kopf: Adolf hatte

eintreten wollen. „Na, sag mal, sitzt du im Dunkeln! ... Lina!

Donnerwetter, Lina!“ Sie kam gesprungen. Jürgen wollte aufklären.

„Ist ja alles sehr schön! Aber weshalb wird denn nicht der ganze Lüster

angeknipst, wenn Besuch da ist! ... Bringen Sie Tokaier.“

Seine Hand hatte den Schalter gefunden. Zornig schritt er auch noch in

die andern drei Ecken: Immer mehr Birnen glühten auf an Kandelabern und

am gewaltigen Lüster. Die tausend Gegenstände standen tot im weißen

Lichte. „So, nun mache dirs bequem.“

Jürgen setzte sich wieder auf den hochlehnigen Schwanenstuhl und sprach

das Tokaierglas prostend erhoben, verlegen sein Beileid aus über den

entsetzlichen Unglücksfall, der Adolf betroffen habe.

„Das passiert meinem alten Herrn öfter. Es geht ihm schon wieder besser.

Er hat schon etwas Gulasch gegessen. Jetzt schläft er.“

Nachdem die beiden weggegangen waren, schritt das Mädchen von Schalter

zu Schalter und stürzte den Salon wieder in das schwarze Nichts.

Auf der Straße zog Adolf mit weißen Litzen besetzte Glacéhandschuhe an

und machte beim Sprechen abgehackte Viertelsdrehungen auf Jürgen zu, wie

ein Leutnant, der mit einer Dame spazierengeht. Sein Vater habe diesen

Morgen Ärger gehabt, wegen einer Zahlung an eine Londoner Bank. Es habe

sich zwar nur um einige zehntausend Pfund gehandelt. „Eine Bagatelle,

gewiß! Aber wenn sie momentan nicht flüssig zu machen sind? ... Geht er

heute früh dieser Sache halber fort, kommt schon aufgeregt nachhause, da

findet er ein Schreiben aus dem Kriegsministerium, des Inhalts, daß wir

...“ Er blieb stehen, hob den Spazierstock wie eine Kerze: „Diskretion?“

„Vielleicht sagst du mir lieber nichts.“

„Aber bitte, dein Wort genügt mir ... daß wir den Auftrag erhalten

haben, den neuen Armeeknopf zu liefern. Begreifst du, was das bedeutet?

... Ahnungslos öffnet mein Alter das zweite amtliche Schreiben, liest,

daß er zum Kommerzienrat ernannt worden ist: schwuppdich – Schlaganfall

... Bitte, nach dir.“

Schwungvoll ließ der schon zum Kellner emporgerückte, seinen Ober jetzt

mit vollkommenster Sicherheit kopierende frühere Pikkolo das Tablett mit

den Wassergläsern auf die Marmorplatte auflaufen. Das Knopfexporthaus

stand wuchtig und still gegenüber in der Abendruhe.

Ein starker Tourenwagen hielt vor dem Café. Ein blonder Herr trat ein.

Adolf verbeugte sich steif und tief und flüsterte: „Sechzigpferdig! Ein

Klubmitglied! Sohn des Maschinenfabrikanten Heller ... Die haben ihrem

Werke kürzlich noch eine Abteilung angegliedert, in der ausschließlich

Eisenbahnweichen fabriziert werden. Staatsaufträge, mußt du wissen! Auch

die scheinen die nötigen Verbindungen zu haben. Enorm reiche Leute!“

Jürgen wurde die Seele schwer bei dem Gedanken, daß seit jenem ersten

Kaffeehausbesuch schon soviel Zeit vergangen war und er noch immer

unklar und ziellos dahinlebe. Abwesend sah er in das glänzende Gesicht,

von der Krawattenperle zum seidenen Tüchlein, das glatt und grün aus der

Brusttasche wuchs.

„Gestern übrigens – ich unterhalte mich nicht ungern mit dem jungen

Heller – erzählte er mir im Klub, er habe den Ingenieur, der das

Einrichten der Weichenfabrik überwacht und geleitet hat, husch, die

Lerche! rausgeschmissen.“

„Fort möchte ich! Weg von Europa! Weg von dem Ganzen! ... Vielleicht

wenn ich Dolmetscher werden könnte in China!“ Und plötzlich erfüllt von

Zorn und Hohn: „Bist du schon weit mit deiner Knopfsammlung?“

„Unsinn! Das war ja Kinderei. Hast du eine Ahnung! Es gibt, rein

menschlich genommen, nichts, das mir gleichgültiger wäre als Knöpfe ...

Ich sammle etwas ganz anderes.“

Er beugte sich zu Jürgens Ohr, flüsterte und lehnte sich wieder zurück.

„Von jeder, die ich gehabt habe! ... Kannst dir die Sammlung einmal

ansehen.“

„Weshalb hat er ihn denn hinausgeworfen?“

„Überall liegt ein Zettel bei, mit dem Vornamen der Betreffenden und dem

Datum.“

„Wenn er doch das Einrichten der Fabrik leitete!“

„Ja, und gleich hinterher hat er die Arbeiter zum Streik aufgehetzt. Ein

Blutroter nämlich, verrückter Weltverbesserer, weißt du, Bombenschmeißer

und so ... Zeichnet, konstruiert, wählt aus, baut um, rennt und

schwitzt, bis das Werk steht – soll übrigens ein brauchbarer Techniker

und Organisator sein –, dann hetzt er die Leute auf ... So etwas gibts

noch, heutzutage, trotz des enormen Aufschwungs unserer Industrie.“

„Hast du denn schon einmal darüber nachgedacht, daß trotz des

Aufschwunges unserer Industrie die große Mehrheit aller Menschen zu

schwer arbeiten muß und dabei kaum das Nötigste zum Leben hat, vor allem

aber jeglicher Möglichkeit, ihre geistigen Anlagen auszubilden,

jeglicher Entwicklungsmöglichkeit vollständig beraubt ist? Im Gegensatz

zu anderen, die essen, leben und sich bilden können – wie zum Beispiel

wir –, selbst wenn sie wenig oder nichts arbeiten!“

„Deine Sorgen! Übrigens: ich muß auch arbeiten. Und wie wir geschwitzt

haben, mein Alter und ich, betreffs des Armeeknopfes! Du solltest nur

ein einziges Mal eine Kalkulation für solch eine Riesenlieferung machen

müssen, da würde dir das Nichtvorhandensein sämtlicher und noch einiger

Dutzend mehr Entwicklungsmöglichkeiten anderer Leute schnuppe sein.“

Wer weiß überhaupt, dachte Jürgen, weshalb der eine denkt und der andere

niemals zu selbständigem Denken, nie zu einer eigenen Meinung kommt und

deshalb auch nie zu einem Proteste gegen das Bestehende? Ist da die

verschiedene Konstitution entscheidend? Oder das Leben, wie es ist, die

Ordnung, die Lebensordnung? Oder alles zusammen? ... Das ist ein tiefes

Problem. Das sind Fragen, schwer zu beantworten ... Und wer jetzt dazu

noch überlegt, daß ganz offenbar diejenigen, die nicht selbständig

denken, die Uneigenen, diese Ordnung bestimmen, dem Leben das Gesicht

geben, der muß zugeben: Alles, das Ganze, ist verkehrt. Das Ganze!

„Jeder Armeeknopf muß x-mal durch die Maschine laufen. Dazu die

Berechnung des Rohmaterials, der Kapitalsverzinsung, der Arbeitslöhne.

Wenn du zu hoch kalkulierst, bekommst du den Auftrag nicht; und wenn du

dich bei solch einem Riesenauftrag verrechnest, bist du pleite.“

Den kleinen Finger weggespreizt, zog er das grüne Tüchlein aus der

Brusttasche und wischte sich die trockene Stirn. „Was sagtest du vorhin?

Dolmetscher in China? Kannst du denn chinesisch? Es gibt meines Wissens

und gewissermaßen nicht ein Dutzend Leute in Deutschland, die chinesisch

können.“

„Gerade deshalb glaube ich ja, daß ich leicht einen Dolmetscherposten in

China bekommen könnte“, sagte Jürgen, der bis vor zehn Minuten niemals

daran gedacht hatte, Dolmetscher in China werden zu wollen.

„Ich kann ja schon ziemlich chinesisch“, begann er auf der Straße von

neuem. „Ich lerne nämlich seit Jahren in einer alten Grammatik, die ich

unter den Büchern meines Vaters gefunden habe ... Zum Beispiel als

Dolmetscher bei der deutschen Gesandtschaft in China! ... Nur weg von

Europa!“

„Solltest du nicht Amtsrichter werden? ... Schön, werde du Dolmetscher!

Nichts als Romantik, mein Lieber, sauere Romantik! ... Na, mein Ziel

kennst du ja. In einigen Monaten ist das neue Knopfexporthaus unserer

Knopffabrik angegliedert. Runde Sache! Konzentration, mein Junge! Aber

davon verstehst du ja nichts ... Im übrigen – lebe ich, amüsiere mich

und, um es glatt herauszusagen, vergrößere meine Sammlung weiblicher

Geschlechtshaare. Später ... natürlich heiraten!“ Er war mit der

Bankierstochter Elisabeth Wagner, einer früheren Mitschülerin

Katharinas, verlobt.

Der schwere Wagen hielt. Der Fabrikantensohn stieg aus und die

läuferbelegte Treppe hinauf. Auch Jürgen und Adolf waren vor dem

Klubhause angelangt.

„So einfach, wie du dir das vorstellst, erhält man Staatsaufträge

natürlich nicht. Da sind, abgesehen von der Kalkulation, noch ganz

andere Kräfte im Spiel, Kräfte, sage ich dir ... Für tausend Knöpfe

werden bezahlt“, rief er plötzlich mit starker Stimme und nannte die

Summe, „und hundertachtzig Millionen sind bestellt ... Rechne aus! Mein

verflossener Chef wird platzen vor Ärger über den Kommerzienratstitel.

Und obendrein, schwuppdich! schnappten wir ihm noch den kolossalen

Staatsauftrag weg. Kurzum: es geht, husch, die Lerche! schnurstracks in

die Höhe. Merkst du das?“

„Schwuppdich!“ murmelte Jürgen; er hatte gar nicht zugehört.

Da klang, wie damals, Klaviergepauke und Refraingesang durch das offene

Fenster. Und Adolf, beide Arme weit ausgebreitet, Stock in der einen,

Glacés in der andern Hand, sang mit in übersprudelnder Lebensfreude:

„Es haben zwei ne ganze Nacht

Zusammen in einem Bett verbracht.

Was ham se wohl gemacht?“

Während Jürgen die Stadt durchquerte, verlobte auch er sich. Katharinas

Vater, Herr Geheimrat Lenz, löste die Verlobung wieder, weil Jürgen ein

brotloser Philosoph und nicht bei einer schlagenden Verbindung war.

Am Arme ihres Gemahls – einer berühmten Persönlichkeit – geht Katharina

vorüber an Jürgen, ihrem früheren Verlobten, der, total heruntergekommen

und versoffen, die Straße kehrt. Bleibt stehen, ergriffen von Mitleid.

‚Sieh mal, wie furchtbar traurig! Er war mein Jugendfreund. Schenke ihm

doch etwas.‘

Ihr Mann ist sehr edel, gibt seine ganze Brieftasche dem demütig

Dankenden, an dessen abgezehrtem Gesicht die Tränen herunterrollen.

Auch Katharina schluchzt, legt ihre Hand auf die seine, die den Besen

hält, und sieht ihren Mann an: ‚Jürgen war nicht immer so. Denke das ja

nicht. Wenn du wüßtest, welch wunderbarer Mensch er gewesen ist! Hätte

ich ihn sonst geliebt? Keineswegs immer so! Zum Beispiel ernannte ihn

die Regierung, obwohl er anfangs nur ein untergeordneter Dolmetscher

war, seiner ganz außerordentlichen Fähigkeiten wegen zum deutschen

Gesandten in China.‘

Da verschwand Katharinas Mann. Nicht dieser, sondern Jürgen ist mit ihr

verheiratet, empfängt die phantastisch wunderbar gekleideten

chinesischen Würdenträger, von denen vor lauter tiefen Verbeugungen

beständig nur die Rücken zu sehen sind. Der Saal hat keine Decke. Das

Sternenfirmament blitzt über dem glänzenden Feste des deutschen

Gesandten. Der Reichskanzler hat für außerordentliche diplomatische

Dienste an Jürgen ein Danktelegramm geschickt. ‚Empfehlen Sie mich auch

Ihrer Frau Gemahlin.‘

‚Katharina, der Kanzler läßt sich dir empfehlen.‘

‚Das alles habe ich nur dir zu verdanken, Jürgen.‘

Der Aufschrei einer Frau und das Schimpfen und heftige Läuten des

Trambahnführers stießen ihn zurück in die Wirklichkeit. Er befand sich

in einem ihm gänzlich fremden Stadtteil.

„Wenn diese schweinischen Träumereien jetzt nicht endlich aufhören,

knalle ich mich nieder. Das ist ja Onanie“, schrie er plötzlich

wutentstellten Gesichtes, in dem, ebenso plötzlich, grenzenlose

Verwunderung sich auftat, als er bemerkte, daß er vor dem Hause stand,

in welchem der Ingenieur wohnte.

Jetzt erst erinnerte Jürgen sich wieder, daß er Adolf nach der Adresse

gefragt und auf dem Wege durch die Stadt zweimal Straßenschilder gesucht

hatte, in diese Seitenstraßen eingebogen und einmal sogar ein Stück

Weges wieder zurückgegangen war, ohne sich des Grundes bewußt geworden

zu sein.

Außerdem ist Katharina ja von zuhause weggelaufen, wird sich also von

dem Herrn Geheimrat nichts mehr dreinreden lassen, dachte er, schon

wieder traumversunken, beim Hinaufsteigen, las auf einem weißen Kärtchen

den handgeschriebenen Namen des Ingenieurs. ‚Was soll ich ihn denn

fragen? Was soll ich sagen?‘

Da hatte er schon geläutet. Die schweigsame Wirtin, deren Unterlippe

mürrisch auf das Kinn herabhing, führte ihn in das große, helle Zimmer.

Der Ingenieur saß am Schreibtisch, mit dem Rücken zur Tür. „Setze dich.“

Jürgen setzte sich. Betrachtete die hellgelben, leeren Wände.

„In den Sessel!“

Er stand auf und setzte sich in den modernen, bequemen Ledersessel, vor

das vollgestopfte Bücherregal, neben dem mehrere Stöße fremdsprachiger

Zeitungen auf dem glänzenden Parkettboden standen. ‚Was soll ich sagen?

Verflucht, das ist ja wie in der Schule ... Was will ich überhaupt?‘

Lange und nachdenklich sah er den schreibgekrümmten Rücken an. ‚Wenn ich

das wüßte, würde ich nicht hier sein.‘

„Genossin, dein Artikel war in einem wichtigen Punkte schlecht. Du

solltest den betreffenden Abschnitt noch einmal bei Marx nachlesen. ‚Die

Klassenkämpfe in Frankreich‘. Auch bei Engels ‚Ursprung der Familie‘

gibt es darüber eine sehr aufschlußreiche Stelle.“

Jürgen nahm sich vor, diese zwei Bücher gleich zu kaufen. ‚Aber so geht

das ja nicht weiter. Schließlich verrät er mir noch Geheimnisse.‘

„Bei Marx nämlich ist die Problemstellung folgendermaßen“, sagte der

Ingenieur und wandte sich um. „Entschuldigen Sie! Ich erwartete jemand.“

Er hatte unveränderlich junge Augen in einem männlich fertigen Gesicht,

das als Abschluß einen kleinen Spitzbart braucht, der auch vorhanden

war.

Jürgen stand auf. Da klingelte das Telephon. Während der Ingenieur

horchte und sprach und horchte, verwarf Jürgen zehn verschiedene

Gesprächsanfänge. Wünschte sich fort. Vernahm, wie der Ingenieur das

Höhrrohr wieder auflegte. „Also, was wollen Sie?“

„Fragen, was ich mit meinem Leben anfangen soll ... Ich bin doch nun

einmal da“, antwortete er in einem Tone, als ob er gestanden hätte: Ich

habe das Verbrechen begangen, nun machen Sie mit mir, was Sie wollen.

Bleich und rot in einem vor Ärger über seine Verlegenheit, blickte er

den Ingenieur wütend an.

„Ja. Aber du solltest mich doch nicht wegen jeder Kleinigkeit anrufen,

Genosse“, sagte der Ingenieur, der schon wieder verlangt worden war, in

den Apparat hinein.

‚Ich frage ihn, ob ich Philosophie oder meinethalben Astronomie

studieren soll, und geh meiner Wege. Denn zu erklären, um was es sich

eigentlich handelt – diese ganze Qual –, ist einfach unmöglich.‘

„Und außerdem wurde eben mitgeteilt“, meldete der Hilfsredakteur, der

im fünften Stocke des Druckereigebäudes in dem winzigen

Redaktionszimmerchen saß, ein Stück Brot in der Linken, das Höhrrohr

in der Rechten, „daß die Regierung beschlossen habe, dem

Auslieferungsverlangen der spanischen Regierung nachzukommen.“

„Das wäre der erste Fall dieser Art“, entgegnete ungläubig der

Ingenieur. „Der Mann hat aus ganz offensichtlich politischen Motiven den

Polizeipräsidenten erschossen.“

Ich kann ihn doch nicht fragen: Was soll ich tun, um die Welt zu

erlösen? dachte Jürgen.

„Und politische Verbrecher werden bekanntlich nicht ausgeliefert.“

Der Hilfsredakteur legte das Brot weg, ergriff ein Papier. „Es ist eine

amtliche Depesche, in der das Attentat als gemeines Verbrechen

dargestellt wird. Übermorgen wird er von hier abtransportiert zur

Grenze.“

‚Aber so ersticke ich eines Tages noch in diesem zähen Sumpf, wenn nicht

etwas geschieht.‘

„Ich werde noch vor Mitternacht eine Notiz über den Fall in die

Redaktion schicken für die morgige Nummer.“

Der ist mitten drin in der Umsturzbewegung, dachte, plötzlich entflammt,

Jürgen und sah leuchtenden Blickes den Ingenieur an. „Vielleicht können

Sie mir doch raten, was ich beginnen soll“, sagte er, als ob er das, was

er nur gedacht hatte, ausgesprochen hätte. „Einen Weg zeigen! Ich tue

alles. Ich bin nicht feige!“

Der durch viele Publikationen im ganzen Lande bekanntgewordene

sozialistische Agitator, vor dem schon öfters idealistisch gesinnte

junge Menschen gesessen hatten, im Blick die Frage, was sie mit ihrem

Idealismus anfangen sollten, fragte mit mehr Interesse im Ton, als er

hatte: „Haben Sie schon Arbeiterversammlungen besucht?“ und lehnte seine

Taschenuhr gegen das Tintenfaß.

„Ich nicht. Aber mein Bekannter! ... Er hatte eine Siedlung gegründet.

Jetzt ist er Mitglied der sozialistischen Partei, und da wird er wohl

...“ sagte Jürgen und errötete tief, als er sah, daß der Agitator ein

Lächeln nicht ganz unterdrücken konnte.

„Die Siedlung war vollkommen kommunistisch ... Auch diese Siedler

konnten es einfach nicht ertragen, das Leben, so wie es ist ... Alles

zusammen, das Ganze! ist ja eine einzige ungeheuerliche

Niederträchtigkeit.“

„Wenn Sie sich dessen nur auch späterhin bewußt bleiben! Dann ist es

ganz gleich, welchen Beruf Sie wählen. Wichtig ist dieses Bewußtsein.

Möchten Sie das nie vergessen.“

„Das Bewußtsein?“

„Der Mensch kann auch sein Bewußtsein, nämlich das, was er in der

Jugend, als noch Protestierender, schon erkannt und sogar tief empfunden

und erlitten hatte, mit den Jahren vergessen.“

Jürgen lauschte hinein in sein dunkles Gefühls-Ich. „Er kann, ich

verstehe Sie schon, in eine gefährliche Schicksalspause

hineinschlingern, ja? und in dieser Schicksalspause den Kampf aufgeben:

alles verraten, was er erstrebt hatte.“

Der Agitator steckte die Uhr ein. „Höchste Zeit! Sie kommt nicht mehr.

Wahrscheinlich ist sie von der Redaktion aus direkt ins ‚Paradies‘

gefahren ... Ungefähr das meine ich. Schicksalspause ... Wie die das

Mädchen ausnützen! Muß die Artikel schreiben und die Zeitung dann auch

noch verkaufen.“

„Dann kommt das Geldzusammenscharren. Und wenn dann einer eine Zeitlang

tüchtig, das heißt: brutal genug und nur auf seinen eigenen Vorteil

bedacht war, ist er – husch, die Lerche! wie mein Schulfreund sagt – auf

Kosten unterdrückter Elendsmenschen ein geachteter Mann.“

„Aus solchen geachteten Männern besteht die herrschende Klasse.“

„Ich habe nämlich erfahren, weshalb Ihnen gekündigt wurde. Sie sind

Sozialist?“ Und ob er ihn noch ein Stück begleiten dürfe, fragte Jürgen

auf der Straße. „Sie glauben also, daß im Sozialismus alles von Grund

auf besser werden würde?“

Der Agitator sprang auf die anfahrende Straßenbahn. „Ich glaube, daß

jede Zeitepoche in sich ihre durch den Stand der Produktionskräfte

bedingte Aufgabe trägt, die zu erfüllen der zeitbedingte Inhalt des

Idealismus aller Kampf- und Opferbereiten ist, und daß die Aufgabe

unseres Jahrhunderts in der Abschaffung des Privateigentums an den

Produktionsmitteln besteht, in der Überführung der Produktionsmittel in

gesellschaftliches Eigentum, in der Verwirklichung des Sozialismus auf

dem Wege des Klassenkampfes ... Und was die idealistisch gesinnte

bürgerliche Jugend unseres Jahrhunderts anlangt, glaube ich, daß sie den

wahren, weil zeitbedingten, Inhalt ihres Idealismus eben auch nur in dem

Kampfe um die Verwirklichung des Sozialismus, Seite an Seite mit der

Arbeiterklasse, finden kann ... Das gilt auch für Sie persönlich. Alle

anderen Befreiungs- und Erlösungsideen sind Nebel und Wolken in

verschiedener Beleuchtung und werden von der bürgerlichen Front glatt

verdaut, ja, von ihr selbst gestartet und als Fangangeln ausgelegt.“

Erst in dieser Sekunde, da er das echte Interesse des Agitators fühlte,

erkannte Jürgen, daß es anfangs nicht ganz echt gewesen war. Das

erstemal in meinem Leben, dachte er, gibt ein ernstzunehmender Mensch

mir einen ernstgemeinten Rat, und ich weiß mit diesem Rate nichts

anzufangen. Verstehe ihn gar nicht. Überführung der Produktionsmittel in

gesellschaftliches Eigentum? Er hätte ebensogut sagen können: Der Inhalt

des Idealismus eines jungen Menschen unserer Zeit kann nur darin

bestehen, daß er lernt, ohne Führer den Montblanc zu besteigen oder das

Vaterunser von rückwärts zu beten. Jürgen war ernüchtert.

„Tatsächlich aber geschieht das Gegenteil: Die idealistisch gesinnte

bürgerliche Jugend steht und kämpft gegen die Arbeiterklasse, gegen die

Verwirklichung des Sozialismus, und damit gegen den nächsten großen

Schritt zur Befreiung der Menschheit, gegen des Menschen nächsten

Schritt zu sich selbst. Diese Jugend erkennt ihre Aufgabe nicht und

gerät deshalb in die tollsten Verirrungen.“

So allmählich, wie die Trambahn den Prachtstraßen, dem Prunkviertel

entrückt und in die Elendszeilen der verluderten, nackten Mietskasernen

vorgerückt war, hatten die gutgekleideten Fahrgäste für

schlechtgekleidete den Wagen geräumt, der nun, überfüllt mit Arbeitern

und Fabrikmädchen, seine schmutzige Ladung weiterschleppte durch das

Viertel, wo die Not stand in ihrer ganzen Größe. Hier rollten keine

Gummiequipagen, keine Autos mehr. Der Parfümduft gepflegter Damen war

niedergeschlagen und aufgefressen worden von dem dicken Schweißgestank

der Armut. In dem Wagen, wo noch kurz vorher weiße und frische Gesichter

mondgleich geschienen hatten, hingen jetzt graue Antlitze im Dunst,

hautüberzogene Schädel mit tief in die Höhlen versunkenen Augen, die

blickten.

Zwei Menschheiten: eine Menschheit war ausgestiegen; die andere

Menschheit war eingestiegen.

Ein winziger, ganz weißer Schoßhund, von einer vergeßlichen Dame im

Wagen zurückgelassen, bekam irrblickende Augen und bellte die fremde,

die andere Menschheit an.

Jürgen betrachtete zwei Männerhände, und als er das dazugehörige Gesicht

suchte, sah er, daß diese rissigen, hornhäutigen, übergroßen

Männerfäuste einem jungen Arbeitermädchen angehörten. Neben ihr wackelte

der Oberkörper eines bärtigen alten Briefträgers, in dessen zerklüftetes

Wachsgesicht das Ersteigen von millionenmal vier Stockwerken

eingezeichnet war, steif und haltlos hin und her.

„Nun sind wir direkt und mitten in das soziale Problem hineingefahren.

Mit der Elektrischen! ... Nur dies allein (auch das gilt für Sie

persönlich), nur den Übertritt zur Arbeiterklasse, nur diesen letzten

Schritt verzeiht der Bürger uns Bürgersöhnen nicht. Denn er weiß, daß

wir erst dann gefährlich werden können ... Geist, christliche

Menschenliebe, Helfenwollen, Ändernwollen, erlaubt der Bürger noch. Da

lächelt er noch. Ja, alles das nimmt er sogar für sich selbst in

Anspruch. Denn er ist sozusagen für den Fortschritt. Aber nur ja nicht

das! Nur ja nicht tatsächlich ändern! Da wird er wild. Da demaskiert er

sich. Da läßt er verfolgen, einsperren und, unter Umständen, erschießen

und erschlagen.“

Die drei aneinandergekoppelten Wagen, vollgestopft mit Arbeitern, die

bis auf die Trittbretter herausquollen, überholten lose zusammenhängende

Arbeitertrupps, die sichtbar alle dem selben Ziele zustrebten. Immer

wieder hörte Jürgen den Schrei: „Zum Paradies!“ Der Schaffner kassierte.

Der Agitator, der schweigend vor sich hingeblickt hatte, machte eine

Bewegung, als schüttle er etwas von sich ab. „Es ist nichts zu machen.“

Und da Jürgen fragte, teilte er ihm den Inhalt der Depesche mit.

„Und was geschieht dann mit dem Attentäter?“

„Er wird hingerichtet.“

„So ... Wird hingerichtet.“

Vorüber an einer geschlossen und zielhaft marschierenden Gruppe

Schutzleute. Krachend vorbei an einem Kanalloch, um das herum

Proletarierkinder Ringelreigen tanzten.

Fabrikmädchen, die halb geschlafen hatten, erwachten im Ruck: Alle

Fahrgäste und die grau herbeiströmenden Arbeitermassen drängten hinein

in das ‚Paradies‘, das schon überfüllt war.

Galerien und Balkone, von denen die Menschenleiber, übereinandergetürmt,

gleich Gewächsen aufstiegen, stürzten nicht hernieder. An den Tischen:

Oberkörper neben Oberkörper, überragt von denen, die, dicke

Menschenschnüre bildend, dichtgedrängt in den Zwischengängen standen.

Gebärden der Erregung durchschnitten Stimmengeschwirr und Rauch, hinter

dem die Wandmalereien verschwammen: paradiesische Wesen, die alles im

Überflusse hatten.

Plötzlich hörte und sah Jürgen, der eine Sekunde die Augen geschlossen

hatte, gewaltige, kilometerbreite, gischtige Wassermassen aus blauer

Höhe herabklatschen: sah zehntausend klatschende Menschenhände und in

weiter Ferne, auf dem Podium, einen Mann.

Da schwoll sein Herz, und das nie empfundene Gefühl rückhaltloser

Hingabe erfüllte ihn ganz. Sympathie für den Mann, der das Vertrauen

dieser fünftausend Hoffenden besaß. Hingabe an diese fünftausend

Vertrauenden. Stürmischen Herzens streckte er die Hand dem jungen

Zeitungsverkäufer hin, der rief: „Die Befreiung! Die Befreiung!“

Arbeitsschwarze Hände griffen nach den Blättern, die er über den Kopf

hochhalten mußte. Ein Zögernder fragte: „Was kostet die Befreiung?“

„Genossinnen! Genossen! Euer gemeinsamer Kampf, der Klassenkampf, die

Gemeinsamkeit all derer, die durch ihr Klassenschicksal die gegebenen

und unbedingten Feinde des Kapitalismus sind, dieses Gemeinsame, Euer

Klassenbewußtsein, ist der unerschöpfliche Quell Eurer Kraft: Kraftquell

für jeden und für das Vertrauen jedes einzelnen auf seine Kraft“,

erklang fernher die Stimme des Redners.

Und Jürgen fragte: ‚Ist das so? ... Ich werde dahinter kommen, ob und

weshalb das so ist.‘ Ihm entgegen drängte noch einmal der junge

Zeitungsverkäufer, auf dem Arme den Stoß, der bis zu seinem Ohre

reichte. „Du hast nicht bezahlt.“ Und da Jürgen, verwirrt, ihm in das

Antlitz sah: „Zwanzig! ... Umsonst gibts nichts.“

„Zwanzig?“ Der Zögernde blickte wieder den schweißtriefenden Kellner an

und überlegte, ob er ‚Die Befreiung‘ oder ein Glas Bier kaufen solle,

als wäre beides zusammen unmöglich.

Da erkannte Jürgen an einer Kopfbewegung des Redners den Agitator, der

von Monopolisierung, Akkumulation und Mehrwert sprach, worunter Jürgen

sich nichts vorstellen konnte.

„Dazu noch das arbeitslose Einkommen, geschluckt von Aktienbesitzern,

die in gar keiner Weise arbeiten in dem Betriebe, von dem sie die

Dividenden beziehen. Ich lasse mein Kapital arbeiten, sagt der

Aktienbesitzer, der auf dem Kanapee liegt, die Kurse studiert, wie die

Spinne im Netz in der Börse lauert, erstklassig durch das Leben

glitscht, aber den Rasen nicht betritt, kein Holz im Walde stiehlt,

sondern für Recht und Ordnung ist.“

Die fünftausend saßen reglos, horchten und blickten, als hielten sie mit

ihren Händen den Erdball.

„In den Betrieben schuften Männer und Frauen jahraus, jahrein, von früh

bis abends an den Maschinen, machen vom vierzehnten bis zum sechzigsten

Lebensjahre immer die selben Handgriffe, aus denen Zahnbürsten,

Lokomotiven, Stecknadeln, Überseedampfer, Schreibmaschinen, Schuhe,

Leintücher entstehen; in behaglichen oder eleganten, geschmackvollen

oder geschmacklosen Wohnungen sitzen Herren und Damen, deren

Lebensarbeit darin besteht, das Dasein zu genießen, ins Theater zu

fahren, über Kunst und Literatur dumm oder klug zu reden, Kulturträger

zu sein, ihr Dienstpersonal zu schikanieren und ihre Kinder falsch zu

erziehen und reich zu verheiraten, Leute, die einen Betrieb nie betreten

haben, es seien denn Modegeschäfte und Sekt-, Tanz-, Bordell- oder

sonstige Nachtbetriebe gewesen, gepflegte Zeitgenossen, die keinen Dunst

davon haben, wie Zahnbürsten fabriziert werden, oder wie ein Webstuhl

aussieht, und beziehen Dividenden von einer Bürstenfabrik oder einer

Leinenweberei, während die Kinder der Bürstenmacher nicht einmal wissen,

daß die Benutzung einer Zahnbürste zur Erhaltung der Zähne beiträgt, und

die Leinenweber für ihre armseligen, stinkenden Betten keine Leintücher

kaufen können.“

Auch meine Tante besitzt eine Schatulle, gefüllt mit Aktien, sie, die in

ihrem ganzen Leben nie etwas anderes gemacht hat, als diese qualvollen

Häkeldeckchen, dachte Jürgen.

„So kommt es, daß euch, wenn ihr an einem Werktag, während der

Arbeitszeit – um elf Uhr früh, um vier Uhr nachmittags – durch die

Geschäftsstraßen einer Großstadt geht, die vor Arbeit brüllt und dampft,

Tausende und Tausende und Tausende hübsch und elegant gekleideter,

gepflegter Mädchen, Frauen und junger Männer begegnen. Das sind die

Töchter – höhere Töchter –, die Gattinnen, die Söhnchen. Sie arbeiten

nicht; aber sie essen dennoch, und nicht Kutteln mit Sauce. Kaufen ein,

geben viel Geld aus, damit die Arbeiter ihr Brot verdienen können,

versteht ihr, wohnen bequem und hygienisch, hören Konzerte, können

ausgezeichnet tanzen und zur Not Gesetzesparagraphen auswendig lernen,

die gegen Arbeiter anzuwenden den künftigen Staatsanwälten und Richtern

dann nicht schwer fällt. Sie sind die Angehörigen ihrer Aktien

besitzenden Gatten und Väter, leben von dem Mehrwert, der den

Werktätigen abgepreßt wird, und haben, im allerbesten Falle, ein

mitleidiges, staunendes Lächeln für demonstrierende Arbeiter, von deren

Schweiß und Not und Tod sie leben.“

Aber nicht den schwächsten Reflex des Bewußtseins, daß sie von dem

Schweiße dieser Arbeiter leben, dachte Jürgen. Das weiß ich bestimmt.

Sind weltenweit entfernt von diesem Bewußtsein.

„Und die Kirche liefert die entsprechende Religion: Du sollst nicht. Du

sollst, sollst nicht, sollst! Kürzer: Das Eigentum ist heilig.“

„Im Diesseits“, sagte heiter lächelnd ein neben Jürgen stehender

Arbeiter. „Im Jenseits gibts nämlich keine Rittergüter, Bergwerke,

Webereien und Möbelfabriken.“

Wer da war in diesem Saale, plötzlich fühlte Jürgen sich mit jedem

einzelnen und mit allen zugleich wie durch ein unbegreifliches Wunder

verbunden. Der Haß dieser fünftausend war sein Haß, ihre Hoffnung, ihr

Ziel waren seine Hoffnung, sein Ziel. Und da geschah es, daß seine

lebenslange Unsicherheit und Hilflosigkeit der Umwelt gegenüber

urplötzlich verschwanden und das kraftspendende Gemeinschaftsempfinden

so mächtig in ihm entstand, daß er an sich halten mußte, nicht

loszubrüllen vor innerem Jubel.

‚Da wurde ich vierundzwanzig Jahre alt und ahnte nicht, was

Selbstbewußtsein ist. Fühlte es nicht! Fühlte es nicht, wegen meiner

unfruchtbaren Einsamkeit, angesichts dieses verruchten Geschehens, dem

gegenüber der einzelne sich nimmermehr zurechtfinden kann oder, findet

er sich zurecht, verloren ist. So oder so! Denn das Zurechtfinden

innerhalb dieses Ganzen bedeutet, wie immer es geschieht, menschlich den

Untergang ... Jetzt geht der Kampf an. Kampf bis zum Tode!‘

„Der Klassenkampf! Neueste Nummer! Der Klassenkampf! Die Befreiung!

Neueste Nummer: Der Klassenkampf!“

Das Herz schlug nicht mehr. In den Fingerspitzen fühlte er den letzten

Schlag, anstürmend, als wolle das Blut herausspringen. So starrte er das

verschwitzte, kompakte Antlitz an, den gebogenen Nacken, den kleinen,

festen Mund, der rief: „Die Befreiung! Der Klassenkampf!“

Da war Katharina schon wieder verschwunden im überfüllten Zwischengang.

Er sah nur noch den über ihrem Kopfe schwebenden ‚Klassenkampf‘. Und

noch in diesem selben Augenblick zog ein endlos langer Zug

arbeitsunfähig gewordener alter Männer und Frauen grau und düster durch

Jürgens Sehnsucht, gleichberechtigt neben Katharina zu stehen.

Sekunden später war das Arbeiterversorgungsheim gegründet. Alles

funktionierte tadellos. Alle Zeitungen schrieben darüber. Jürgen

empfängt eine Deputation des Berliner Magistrats. Die Herren tragen die

Zylinder in der Hand. Vier Herren. Der schmalste, feinste hat einen

Scheitel, von der Stirn bis zum Nacken, und führt das Wort.

Gewiß, Jürgen sei bereit, auch in Berlin so ein Versorgungsheim zu

organisieren. Warum nicht! Natürlich müsse er erst die besonderen

Verhältnisse an Ort und Stelle studieren. ‚Die Konstellation

gewissermaßen, Sie verstehen! Außerdem haben andere Stadtverwaltungen

sich schon früher bei mir gemeldet, müssen Sie wissen. Und wer zuerst

kommt – nicht wahr ...‘

Vier Verbeugungen, die vor Befangenheit und Freude darüber, daß Jürgen

den Herren die Ehre zuteil werden läßt, einen Witz zu machen, schief

ausfallen. Sogar die Münder lächeln schief. Und der schmale, feine

Wortführer sagt: ‚Natürlich, hahaha! gewiß, der mahlt zuerst!‘

‚Und jetzt, meine Herren ...‘ Die vier ziehen sich sofort zurück. Auch

die Tante, die respektvoll dabeigestanden war, verläßt leise das Zimmer,

den mit Arbeit Überlasteten nicht länger zu stören. Katharina, am

Schreibtisch lehnend, sieht Jürgen bewundernd an.

Tausendfaches Händeklatschen. Alle schoben sich der Ausgangstür zu.

Jürgen erreichte, halb getragen, die Straße, schwitzend und begeistert.

Stand vor der Wirklichkeit, die vier Schutzleute vor das ‚Paradies‘

gestellt hatte, stumm und blickend. Die Proletarierkinder tanzten noch

immer Ringelreigen, herum um das dampfende Kanalloch.

Senkrecht sauste Jürgen aus seiner Kirchturmhöhe herab auf das reale

Pflaster, empfangen von Ekel und Selbsthaß, weil er wieder geträumt und

sich wieder hatte achten und bewundern lassen. Mit einem innerlichen,

einem wilden Sprunge langte er wieder an bei sich selbst. ‚Ich werde dir

das abgewöhnen. Werde dir das abgewöhnen!‘

Die Masse spülte ihn weiter. Jürgen entfaltete den ‚Klassenkampf‘.

Arbeiter, die den Lesenden überholten, wandten sich um nach ihm. Einige

legten, wenn er aufsah, den Finger an die Mütze.

Offenbar ein zäher, langwieriger, trockener Kampf; aber das Ziel, das

Ziel – es ist unerhört ... Ob ich herausfinden werde, was schlecht ist

an ihrem Artikel? dachte Jürgen und las Katharinas Artikel noch einmal

von Anfang an.

Plötzlich vernahm er, stehend im Straßenlärm, deutlich das Summen einer

großen Fliege, blickte erstaunt auf und bemerkte, daß er vor dem

‚Platzwirt‘ stand, einer Zuhälter- und Verbrecherkneipe, vor der er,

sooft er vorbeigegangen war, immer tiefes Grauen empfunden, und die zu

betreten er nie gewagt hatte.

Als er die Tür öffnete, hatte er zuerst die Empfindung, in einen

riesigen Fabriksaal geraten zu sein, so ungeheuer war der Lärm. Auch die

Töne des alten Klaviers konnten nur vereinzelt durchdringen.

An den vor Alter bucklig gewordenen Wänden hing gar nichts. Vom

Schanktisch bei der Tür liefen fünf lange Reihen zwischenraumlos

nebeneinander stehender Tische nach rückwärts und verschwanden im Qualm.

Kein einziger Stuhl. Zehn Bankreihen: dicht besetzt von Straßenmädchen,

Zuhältern, verunglückten oder zu alt gewordenen Artisten und Arbeitern,

obdachlosen früheren Angehörigen der bürgerlichen Klasse verschiedenster

Berufe, durch den Konkurrenzkampf heraus- und, ohne Station zu machen

bei der Arbeiterklasse, gleich hinuntergeschleudert ins

Lumpenproletariat, und zum größten Teile Existenzen, die infolge langer

Arbeitslosigkeit rettungslos in Verbrechen versunken und ertrunken

waren.

Ohne Gesprächsunterbrechung wurde für Jürgen mit selbstverständlicher

Bereitwilligkeit Platz gemacht, noch enger zusammengerückt. Nur ein

kurzer Blick, prüfend, ob Jürgen ein Spitzel sei.

Schon stand das Bier vor ihm. Und die Hand des Kellners verlangte das

Geld.

Niemand wunderte sich über den sorgfältig gekleideten Gast; es kam

öfters vor, daß elegante Bummler, Frackherren, oft sogar mit ihren

Damen, nach Ball- oder Barschluß als letzte Sensation diese Kneipe

besuchten.

Aus den erregten, gespannten und gierigen Gesichtern, aus den

Gesprächsfetzen und wilden Gesten, aus dem ganzen Gebaren stach vor

allem anderen deutlich das eine hervor: Alles ist erlaubt, nur darf man

sich nicht fassen lassen. Hier saßen ausschließlich Existenzen, die das

Grundgesetz der bürgerlichen Ordnung, ‚Das Eigentum ist heilig‘,

verletzt hatten, für immer außerhalb jeder Ordnung des Geschehens

standen und, die drohende Katastrophe unausgesetzt vor Augen, gierig und

eisern bestrebt waren, das Letztmögliche noch aus dem Leben

herauszufetzen, bevor sie von der Faust der Krankheit oder des Gesetzes

gepackt werden würden. Jeder war über jeden orientiert. Mancher konnte

manchen ins Zuchthaus bringen. Keiner tat es.

Neben manchem stand das Schafott. Es handelte sich nur darum, das

Schafott nicht besteigen zu müssen. Polizeispitzel, auch in der

echtesten Verkleidung von den Gästen erkannt, konnten es nicht wagen,

sich hier sehen zu lassen, es sei denn in großer Anzahl bei einer

Razzia. Entsicherte Revolver. Hände hoch. So wurden von Zeit zu Zeit die

Lokalbesucher ausgekämmt. Der ‚Platzwirt‘ war Lieferant des

Scharfrichters und der Zuchthäuser. In die Privatangelegenheiten seiner

Gäste mischte er sich nicht hinein. Die Grenze des Erlaubten war in

seinem Lokal sehr weit gezogen und durfte nicht um einen Millimeter

überschritten werden. Er hielt auf Ordnung im stürmischen Aufruhr.

Jürgen war betäubt.

Der ‚Hinausschmeißer‘, ein scheinbar ganz unbeschäftigt neben dem

Schanktisch emporragender athletischer Brustkasten, machte zwei Schritte

auf einen eben eingetretenen alten Mann zu, packte ihn von hinten und

wortlos beim Rockkragen und zwischen den Beinen und trug ihn schweigend

vor sich her, bis zur Tür, stieß ihn hinaus. Und stand sofort wieder

reglos am Schanktisch, den Tumult im Blick: Dem Hinausgeworfenen war das

Lokal verboten. Er hatte einmal die Wurst nicht bezahlt und damit die

Grenze des Erlaubten überschritten. Der Hinauswurf war von vielen

gesehen, von keinem beachtet worden. Das Tosen hatte nicht ausgesetzt.

Jürgen gegenüber saß neben einem Mann ein junges Straßenmädchen, den

grünen Hühnerflügelhut schief auf dem Kopfe. Beide hatten sich noch

nicht gerührt. Beide stützten beide Ellbogen auf die bierverschmierte

Tischplatte, an der die Eßbestecke angekettet waren. An dem

gleichartigen, bösen Schweigen erkannte Jürgen, daß die beiden

zusammengehörten.

Rechts neben dem Schweigenden hockte männlich breit eine Frau, deren

ganzes Gesicht – auch die Stirn – schwarzblau war wie eine

Gewitterwolke, und erzählte, ohne sich an jemand besonderen zu wenden,

unaufhörlich, daß sie arbeitslos sei, und weshalb sie arbeitslos

geworden sei. Ein arbeitsloser, schwindsüchtig aussehender junger Mensch

verzog die Lippen, kaum bemerkbar, als habe er schon keine Lust und

keine Kraft mehr, noch verächtlich zu lächeln, richtete langsam den

Oberkörper auf, sah Jürgen an, der sich erst jetzt dieses fahlen

Gesichtes und des haßerfüllten Blickes, dem er kurz vorher in der

Arbeiterversammlung mehrere Male ausgesetzt gewesen war, wieder entsann.

Ein erst vor wenigen Tagen nach langjährigem Aufenthalte in Amerika

zurückgekehrter, heruntergekommener Aristokrat sagte über die

blauschwarze Frau weg ohne jeden Übergang zu Jürgen: „Da gehe ich

gestern die große Allee hinunter. Was wollen Sie, ich gehe einfach

spazieren. Auf einmal sehe ich eine elegante Equipage stehen. Davor zwei

Pferde. Pferde! Ich verstehe mich darauf. Für Pferde interessiere ich

mich. Auch jetzt noch ... Und wer, denken Sie, sitzt drin? ... Meine

Mutter. Mächtig elegant! Ich habe sie erst gar nicht erkannt. Nun, ich

trete zu ihr an den Wagen. Das ist doch klar. Ist das nicht menschlich?

‚Woher kommst du?‘ fragt sie mich. Gerade, als ob ich eben vom Waldhaus

vor der Stadt gekommen sein könnte.

‚Aus Amerika! Am Montag!‘

‚Hast du denn Geld. Von mir kriegst du keines.‘

‚Ich hab doch kein Geld.‘

‚So‘, sagt sie und gibt dem Lakai das Zeichen. Fort ist sie ... Das ist

doch gemein. Ist das nicht gemein? ... Fünf Jahre!“ Er wandte sich

sofort zu einer anderen Gruppe.

Der Schweigende richtete sich auf, holte wortlos und weit aus und

knallte dem Straßenmädchen neben sich die Faust auf den. Mund. Dann

stützte er beide Ellbogen wieder auf den Tisch.

Auch das Mädchen, das beinahe rückwärts von der Bank gestürzt wäre,

stützte wieder die Ellbogen auf den Tisch. Beide saßen genau wie vorher.

Schwiegen genau wie vorher. Kein Wort war gefallen. Der Streit lag

weiter zurück. Ihre Oberlippe war sekündlich zu einer schiefen

Geschwulst geworden, daß die Zähne hervorsahen.

„Da gehe ich gestern die große Allee hinunter ... Elegante Equipage

stehen ...“

„Equipage stehen“, hörte Jürgen den Aristokraten am Nebentisch erzählen.

Krachendes Antwortgelächter übertönte für einen Moment den Tumult.

Der Aristokrat lachte mit. „... Gerade, als ob ich eben vom Waldhaus

zurückgekehrt wäre ... Aber ist das nicht gemein?“

„Schlag sie tot! Hau sie nieder!“

Noch leichenblaß, sah Jürgen die zwei Schweigenden an. Die Frau mit dem

blauschwarzen Gesicht rief: „Seit zwanzig Jahren trag ich Backstein. Und

jetzt bin ich arbeitslos. Und weshalb? Was meinst du wohl, weshalb?“ Der

Schwindsüchtige verzog die Lippen. Sie bekam keine Antwort. Viele waren

arbeitslos und wußten, weshalb. „Jetzt passen Sie auf, jetzt kommt unser

Fotz-Hobel-Quartett“, rief sie Jürgen zu.

Und der sah die vier Männer an, die ihre Mundharmonikas auf die

Handfläche stauchten. Der eine Spieler, ein stark schielender, kleiner,

ungewöhnlich breitschulteriger Mann mit kantiger Stirn, machte mit der

linken Faust anfeuernde Bewegungen. Das Getöse im Lokal verminderte sich

nicht. Der Schielende hetzte sich und die drei andern Spieler in das

immer wilder werdende Tempo hinein. Die vier Oberkörper, die

eingezogenen Köpfe spielten hingerissen mit. Die Gesichter flammten.

Drei zwischen Krücken baumelnde Krüppelkörper zogen langsam vorüber an

Jürgen und am Quartett. Das Tempo stieg unter des Schielenden Führung

rasend an. Sie fanden nicht mehr Zeit, die Oberkörper mitzuschaukeln;

nur die Gesichter zuckten noch knapp im Rhythmus. Der Schielende

stampfte hetzend mit dem Absatz den Takt. Der Vortrag endete wie

abgehauen. Der Orkan stand wie vorher im Lokal.

Jürgen hörte einen dumpfen Ton: Wieder hatte die Faust des Schweigenden

den hochaufgeschwollenen Mund des Mädchens getroffen. Dann saßen beide

wieder reglos, die Ellbogen aufgestützt.

Die Frau mit dem schwarzblauen Gesicht spuckte, über den Tisch weg,

scharf an Jürgens Wange vorbei. Eine dünne, weiße Wursthaut flog nach

und platschte glatt auf den schwarzen Fußboden neben den Schleim.

Der Schweigende schob, als ob nichts geschehen wäre, seiner Freundin die

abgezogene Wurst hin. Das Mädchen rührte sich nicht. Die geplatzte

Oberlippe glich einem daumendicken, blauen Wurm.

Jürgen war vor dem an seinem Munde vorbeifliegenden Schleim

zurückgezuckt und starrte, plötzlich grau am ganzen Körper, den an

Jahren noch jungen Mann an, der sich bückte, die mit schwarzem Sande

verschmierte Wursthaut vom Fußboden wieder abzog und in den Mund

steckte. Mit der ganzen Handfläche schob er nach, kaute zahnlos und

ging, auf dem Boden nach Abfällen suchend, langsam weiter. Die Menschen

sah er nicht an. Nur den Fußboden. Apathisch, wie ein wandelnder Toter.

Und als ihm vom Schweigenden die verschmähte Wurst zugeworfen wurde,

versuchte er gar nicht, sie aufzufangen; er ließ sie gegen seine Brust

prallen und erst zu Boden fallen. Strümpfe, Weste, Rock, Hemd hatte er

nicht an. Nur Hosen und darüber einen Mantel. Seine Augen waren

verschleimt und tot. Die Unterlippe, nach außen gedreht, hing

unbeweglich, schief und drei Finger breit herab.

Mit Entsetzen sondergleichen fühlte Jürgen: Dieses kranke Stück Fleisch

will nur noch Essen zugeführt bekommen, während der Wilde und sogar

jeder Hund, auch der elendeste, mit seinem Blicke Zuneigung verlangen

und geben kann. Das ist Kultur, dachte er. Kultur.

Stunden vergingen, und immer mehr neue Gäste kamen, Hände in den

Hosentaschen, Schultern fröstelnd hochgezogen: Obdachlose. Der

Hinausschmeißer musterte prüfend jedes fahle Gesicht, schob im Laufe der

Nacht zwei Burschen und ein junges Mädchen, das die Arme hoffnungslos

hängen ließ, wieder hinaus.

Der Schweigende rüttelte die Geschlagene am Arm, forderte sie so auf,

jetzt wieder gut zu sein.

Was mag sie alles gedacht haben in dieser langen Nacht? dachte Jürgen.

Was ihr geschehen ist, als sie noch ein Kindchen war? Oder was ihr noch

bevorsteht in diesem Leben? ... Und der Attentäter, er wird

hingerichtet.

Mit einer Schulterbewegung schüttelte die noch immer aufgestützt

Sitzende die Hand ab, lächelte aber dabei schief und entgegenkommend.

„Dann eben du die Hälfte und ich die Hälfte“, gab er halb nach. „Her mit

dem Geld!“

Aufrührerischer, mitreißender Gesang, vom Quartett begleitet, erfüllte

unvermittelt und donnernd das Lokal. Alle brüllten mit. Die nach außen

gedrehte Unterlippe hing unbeweglich auf das Kinn herab. Er suchte,

bückte sich.

„Das war doch nur menschlich! Ist das nicht gemein?“ fragte der

Aristokrat den Hinausschmeißer, der, das Lokal im Blick, am Bierfaß

lehnte und keine Antwort gab.

Ich also werde mich nicht dabei beruhigen, daß ich fähig bin, die

Schönheit eines Goetheschen Wortes zu empfinden, dachte Jürgen, als er

gegen Osten schritt, wo schon die zarte Morgenröte stieg.

Auf eine Gruppe Nachtarbeiter zu, die das Trambahngleis ausbesserten und

eben die Azetylenlampen verlöschten, da das graue Tageslicht schon

erstarkte. Ein Mann im Mantel beaufsichtigte die Arbeiter, die mit

wuchtigen Rundschlägen Eisenkeile in den Asphalt trieben.

Zwei Herren, die wie Oberförster aussahen und aus einer

Abendgesellschaft zu kommen schienen, blieben stehen. „Wie brav sie

wieder arbeiten!“ Und gingen weiter. Wenige Tage vorher war ein Streik

mit einer Niederlage der Arbeiterschaft beendet worden.

Auch Jürgen ging vorüber. „In Wirklichkeit sind es ja nur die Hetzer,

während die Arbeiter selbst“, hörte Jürgen, „im großen ganzen ...“

Ging aus der Stadt hinaus, am Flußufer hin. Auf der Quaimauer saß ein

junger Mensch. Diesmal erkannte Jürgen sofort das leichenfahle Gesicht

des Schwindsüchtigen, der den Abend vorher in der Arbeiterversammlung

und später beim ‚Platzwirt‘ gewesen war: Ein Gesicht, in dem der Haß

sich schon in Verzweiflung und die Verzweiflung sich schon in

Gleichgültigkeit abgewandelt hatte.

Der Schwindsüchtige pfiff leise, ließ die Beine über dem fließenden

Wasser baumeln. „Guten Morgen“, sagte Jürgen und setzte sich neben ihn,

die Beine ebenfalls wasserwärts gestreckt. Von der anderen Seite näherte

sich ein einarmiger Invalide, saß auch nieder und begann Geld zu zählen.

Der Schwindsüchtige pfiff, zwinkerte, den Kopf schief gestellt, die

glühende Morgendämmerung an, zum Bettler hin und spuckte in großem Bogen

aus, pfiff weiter, gleichgültig.

Der Bürger · 第 12 / 40 题