Ungeduldig hörten die Abiturienten dem Rektor zu, der die lange
Entlassungsrede hielt. Endlich stieg sein Brustkorb hoch, der
Zeigefinger deutete zum Fenster. Sofort fühlten alle, daß jetzt die
Schlußworte kamen.
Sie sollten denn hinaustreten ins ernste Leben, tüchtige, brave Männer
werden. Der Zeigefinger deutete noch zum Fenster hinaus. Es war
vollkommen still geworden. „Geachtete Männer!“ Da sanken Finger und
Brustkorb. Und die Entlassenen brachen los von den Bänken.
Der Lärm entfernte sich rollend, wurde immer dünner, drang noch einmal,
wieder stärker geworden, von der Straße aus mit der Sonne durch das
Fenster zu den leeren Bänken herein. Und verebbte schnell.
In die Stille des leeren Schulsaales klang eine Stimme, die aus dem
Gitter der Dampfheizung zu kommen schien: „Ich möchte mich noch bedanken
für alles, was die Herren Professoren in den Jahren meiner Schulzeit
Gutes an mir getan haben.“ Ah, ihr niederträchtigen Schufte, setzte Leo
Seidel in Gedanken hinzu und trat weg von der Dampfheizung, schob seine
Schulter unter die ausgestreckte Hand des Rektors: „Wenn der Herr Rektor
jetzt auch noch die große Güte haben wollten, mir den weitern Lebensweg
zu ebnen ...“
„Nicht jeder Deutsche kann die Universität besuchen. Das ist doch
einleuchtend.“
‚Denn woher sollten sonst die Briefträger und Hausdiener genommen
werden.‘
„Aber die Schreiberstelle beim Stadtmagistrat bekommen Sie. Ich habe
schon gesprochen ... Machen Sie mir Ehre. Werden auch Sie ein geachteter
Mann.“
Die Professoren ließen dem Rektor den Vortritt, verbeugten sich in
höflicher Erregung immer weiter von der offenen Tür weg.
Adolf Sinsheimers Gesicht, das aus einem Rahmen oval heraussprang, denn
er trug seit Jahren ein schwarzes Seidenband straff über die
wegstehenden Ohren gespannt, damit sie sich mit der Zeit anlegen
sollten, war während der Prüfung so aufgedunsen, daß er das Band
abnehmen mußte. Sofort wurden beide Ohren lebendig, schnellten nach
vorne. „Jetzt, mein Lieber, geht das Leben an. Weißt du, was das
bedeutet: das Leben? Ich bin grandios glücklich. Morgen kaufe ich mir
einen steifen Hut und trete dem Klub junger Kaufleute bei ... Man ist
ganz unter sich im Klub. Keine Weiber!“
Jürgen setzt nach einem hartnäckigen Kampfe mit der Tante durch, daß er
nicht Staatsbeamter werden muß, sondern Philosophie studieren darf,
schreibt eine Abhandlung, die ungeheueres Aufsehen macht, und wird
daraufhin zum Bürgermeister gewählt. „... Das ist Glück!“
„Du kannst dich darauf verlassen, daß das Glück ist.“ Während Adolf
Sinsheimer von den Anzügen sprach, die er sich machen lassen werde,
wurde Jürgen Besitzer einer Fabrik, in der zwanzigtausend Arbeiter
beschäftigt sind, und bestimmt mit einem Federzuge, daß alle
zwanzigtausend Arbeiter, alle Beamten und er selbst von jetzt an ganz
gleichmäßig am Gewinn beteiligt werden.
Der alte Buchhalter sagt bestürzt: ‚Aber ich bitte Sie, Herr Direktor
...‘
‚Genug! Ich will das so. Das ist nur gerecht.‘ Und Jürgen schickt den
alten Buchhalter freundlich, aber entschlossen fort.
„Zuhause werde ich meinem Alten ganz kalt erklären: Du, unter uns
gesagt, ohne Lackschuhe und Frack bringst du mich nicht auf den
Abiturientenball ... Hör mal, Jürgen – aber Diskretion bitte –, ich sage
dir, daß ich mich auf dem Ball nicht mit unseren Tanzstundengänschen
abgeben werde. Kann mir nicht passieren!“
‚Und wenn einem von euch in meiner Fabrik – das heißt, in unserer Fabrik
– etwas zustößt, dann bekommt er eine Rente sein Lebenlang.‘
„Ich halte mich glatt an die Schönheiten, die tadellos tanzen können.
Oder hast du etwas gegen einen Busen einzuwenden? Ich nicht.“
Als Adolf sich verabschiedet hatte – „Ich werde Gelegenheit nehmen, dir
heute nachmittag meinen Besuch abzustatten“ –, dachte Jürgen darüber
nach, weshalb er vor einigen Tagen zum ersten Male in seinem Leben
ernstlich über das Dasein und die Not der andern nachgedacht hatte.
‚Weshalb nicht schon Jahre vorher? Weshalb gerade an dem Abend, als ich
nach dem Essen im Garten stand und im Nachbarhause die zornige
Männerstimme und gleichzeitig vereinzelte Töne einer Ziehharmonika
hörte?‘
Bisher habe er doch immer nur, und auch dann nur veranlaßt durch ein
qualvolles persönliches Erlebnis, über sich selbst und seine eigene Not
nachgedacht; und in jener Minute, ohne jeden äußeren Anlaß und
unerforschlicherweise plötzlich darüber, warum Phinchen, dieses
gutmütige und nicht dumme Dienstmädchen, ihr Lebenlang in der Küche
stehen, Stiegen, Schuhe und Fenster putzen, Schlafzimmer aufräumen
müsse, häßlich gekleidet und ungebildet sei, zum Beispiel nie lese, gute
Bücher gar nicht verstehe, während die Tante und er die sorgfältig
zubereiteten Speisen verzehren, die von Phinchen sorgfältig geplättete
Wäsche tragen und Shakespeare oder Goethe lesen könnten, wenn sie
wollten; warum die siebzehnhundert Arbeiter von ihrem vierzehnten Jahre
an bis zum Tode täglich von früh bis abends in der Papierfabrik des
Herrn Hommes arbeiten müßten, während ungezählte tausende junger Männer
und Mädchen, die wenig oder nichts arbeiteten, hübsch gekleidet und
gepflegt täglich spazierengehen konnten; warum die Arbeiter so schwere,
täglich und stündlich zu erfüllende Pflichten hatten – und die
Wohlhabenden zum Teil recht angenehme oder gar keine; warum es überhaupt
Reiche und Arme gab, und warum der arm und der reich war; warum die
Armen tun mußten, was die Reichen wollten; ob all das ein Naturgesetz
oder menschliche Willkür war.
Seit jener rätselhaften Sekunde hing er in einem Gedankennetz und suchte
vergebens den Mittelpunkt, von dem aus die Grundursache der Gemeinheit
des ganzen Lebens, die ihn bedrückte, verstanden werden könnte.
Die Tante empfing ihn freudig mit den Worten: „Alles liegt hübsch klar
und geordnet vor dir ... Du wirst Staatsbeamter. Amtsrichter in einem
hübschen, kleinen Städtchen. Das ist dein Lebensweg. Ich bin so
glücklich.“
Jürgens Kopf nickte. ‚Du taugst zu nichts anderem.‘ Wut wollte
herausbrechen. Und wurde zu einem schiefen, gefährlichen Lächeln,
während die Tante sich feierlich erhob, das Tischgebet zu sprechen.
„Ich werde nicht Amtsrichter. Ich will keine Urteile fällen über
andere.“
Das Dienstmädchen war halbwegs in der Stube stehengeblieben, die Hände
gefaltet.
„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes ... Bringen
Sie diesmal auch eine Flasche Wein, Phinchen.“
Das besonders feine Damasttischtuch, das selten benutzte schwere
Familienbesteck, die Feierlichkeit der Tante und Jürgens Bemerkung
machten, daß das Mahl steif und schweigsam verlief.
„Und wenn du nachher Amtsrichter bist“, begann bei der Süßspeise die
Tante in gütigem Tonfall, als ob sie Jürgens Weigerung gar nicht
vernommen hätte, „wirst du erst so recht einsehen, daß eben gerade die
strenge Pflichterfüllung dir die Achtung deiner Mitmenschen einbringt.
Du wirst ein geachteter Mann sein. Und das ist die Hauptsache: Ein Mann,
der sein sicheres Auskommen hat! – Auch wenn ich einmal nicht mehr da
sein werde. Die Pflicht vor allem!“
Phinchen brachte hervor, das gnädige Fräulein sterbe gewiß noch lange
nicht. Die Tante deutete mit dem Zeigefinger auf ihre Brosche: „Meine
Brust harmoniert nicht.“ Und Jürgen fragte: „Aber was ist Pflicht?“
„Das weiß doch jeder Mensch. Jeder Mensch muß seine Pflicht tun ...
Bringen Sie noch etwas Kompott ... Du willst nicht Amtsrichter werden?
Ich sage: du mußt es werden. Du willst keine Urteile fällen? Du mußt
Urteile fällen. Denn dein Vater hat dich zum Amtsrichter bestimmt. Ich
sage nochmals: Die Pflicht vor allem!“
„Erfüllt der Papierfabrikant Hommes seine Pflicht dadurch, daß er seine
täglich in der Equipage spazierenfahrende Gattin zu Pferde begleitet?
Wer bestimmt, daß es die Pflicht der siebzehnhundert Arbeiter ist, in
die Hommessche Fabrik zu gehen? Und wer sagt mir, ob es meine Pflicht
ist, Amtsrichter zu werden und Urteile zu fällen über andere ...“
„Dein seliger Vater und ich!“
„... oder in der Fabrik zu arbeiten, oder täglich auszureiten und andere
für mich arbeiten zu lassen?“
„Das sind Dummheiten.“ Die Tante faltete ihre Serviette genau zusammen.
„Räumen Sie ab!“ Und stieg voran in Jürgens Zimmerchen.
Er mußte sich auf das Kanapee setzen, über dem, in ovalen Rahmen,
symmetrisch zu einem großen Oval geordnet, die vergilbten Photographien
der Familie Kolbenreiher hingen. In der Mitte ein Jugendbildnis des
Vaters. Die Tante rückte das schon genau in der Tischmitte stehende
Resedasträußchen, das sie zur Feier des Tages im Garten geschnitten
hatte, in die Tischmitte, zupfte ihr Geschenk, das Papageiüberhandtuch,
zurecht. „Du wirst also in eine vornehme Verbindung eintreten. Du trägst
eine Mütze, eine grüne oder eine schöne blaue, lernst Schießen und
Fechten, natürlich nicht zu echt, eben nur, um deinen Mut zu stählen und
weil das dazugehört ... Jetzt nimm diesen Leuchter! Den Partner dazu
bekommst du, wenn ich einmal unter der Erde liege. Das wird bald sein,
und nachher kriegst du alles.“
Dann schilderte sie fließend, als lese sie wieder aus ihrem
Haushaltungsbuch vor, wie Jürgens ganzes Leben sich gestalten werde: –
daß er in soundso viel Jahren diesen und diesen, später einen noch
höheren und zuletzt den Beamtengrad eines Amtsrichters erreichen werde,
mit soundso viel Gehalt, gelangte zu dem Lebensalter, in dem er einen
Orden bekommen würde, und ging über zur Pensionierung. „So will es dein
Vater. Wenn du deine Pflicht erfüllst, wirst du als ein Mann begraben,
von dem deine Kollegen sagen werden: er soll uns ein schönes Vorbild
sein und bleiben ... Mehr kann man vom Leben nicht verlangen, Jürgen.
Mein Großvater sagte einmal zu mir: Man kann die Achtung, die ein Mensch
im Leben genoß, an der Länge seines Leichenzuges messen.“
Jürgen schoß über das Lebensziel, ein pensionierter Amtsrichter zu
werden, weit hinaus, stieg in wenigen Sekunden zu einer weltberühmten
Leuchte der Wissenschaft empor, nahm eine Brust voll höchster Orden, die
er nicht einmal beachtete, entgegen, wurde nebenbei Bürgermeister, ließ
sich in den Reichstag wählen und übernahm das Ministerpräsidium. Alle
Bürger grüßten ihn tief. Dann sah er sich voller Freude seinen
kolossalen Leichenzug an.
„Ja, Jürgen, so ist es: seine Pflicht tun und ein geachteter Mann sein
...“
Unversehens, wie die Uhr aufhört zu ticken, starb in Jürgen die
Begeisterung. Das grandiose Zukunftsgebäude krachte lautlos zusammen.
„Das erste gibst du dem Leben und bekommst dafür vom Leben das andere
... Und unsern Garten und mich hast du ja auch noch“, sagte die Tante
und ging. Adolf Sinsheimer war eingetreten.
Er lag im Großvaterstuhl wie der Lord im Klubsessel. „Mein Alter hat
sich mir erklärt. Wir haben uns geeinigt über die Zukunft, die ich
ergreife.“
‚Daß gerade diejenigen, denen ich am allermeisten mißtraue, weil sie
mich am allermeisten gequält haben, von mir fordern, ein geachteter Mann
zu werden, sollte mir eine Warnung sein, ein solcher zu werden.
Vielleicht ist man ganz und gar verloren, wenn man ein geachteter Mann
geworden ist.‘ „Welche ergreifst du denn?“
„Industrie, mein Lieber, Industrie! Nur der enorme Aufstieg unserer
Industrie hat Deutschlands Weltgeltung begründet ... Mein Vater ist
übrigens genau derselben Meinung. Ich werde dir nachher beim Spaziergang
die Chose zeigen, in die ich eintrete ... Übrigens, rauchst du? Dieses
Etui habe ich mir heute zugelegt. Du rauchst nicht? Aber das ist ja toll
... Herein!“ rief Adolf schnarrend.
Phinchen blieb, verlegen lächelnd, im Türrahmen stehen. Die Kaffeekanne
dampfte. Ächzend schlug er das Bein über. „Aber ich bitte, treten Sie
doch näher ... Trinkst du denn dieses Weibergesüff?“
„Die ist verliebt, kannst dich darauf verlassen“, sagte er, als Phinchen
gegangen war. Und auf der Treppe: „Ein Mädchen, das immer gleich lacht,
ist verliebt ... Unser Prokurist ist übrigens genau der selben Meinung.“
Sie gingen die Straße hinunter.
„Und in wen wäre sie denn verliebt?“ Jürgen sah steif geradeaus.
„In uns natürlich! In einen Mann, gewissermaßen.“ Er schnallte das
Ohrenband ab. „Dies hier ... weg damit!“ Und schleuderte es auf den
Asphalt. Die Ohren erholten sich. „Es fällt einem verteufelt leicht, bei
einem so jungen Ding Eindruck zu schinden“, sagte er noch und griff an
seinen rosaseidenen Schlips. Da rückte auch Jürgen sein fingerschmales
Schülerkravättchen zurecht.
„So, dort ists.“ Adolf deutete über den Platz auf das mächtige Eckhaus.
„Knöpfe“ stand in meterhohen Buchstaben weithin sichtbar zwischen allen
vier Stockwerken. Und auf dem Firmenschild: Simon Eberlein, Größtes
Knopfexporthaus Europas, Alle Sorten Knöpfe.
„Hier trete ich als Volontär ein. Nun? ... Halt, erst von hier aus
ansehen! Ein ungeheuerer Betrieb, mußt du wissen! Handelsbeziehungen
überall hin! ... Amerika! Jetzt komm!“
Am Arm führte er Jürgen über den Platz, bis vor den elektrischen Aufzug,
der an der Außenseite des Gebäudes angebracht war, und las vor: „3000 kg
und Führer. Verstehst du, damit können 3000 kg Knöpfe befördert werden
... Stelle dir das vor!“
„Das ist allerdings kolossal“, sagte Jürgen träumerisch.
„Na, einfach grandios!“ Vorsichtig zog er ihn zu den Parterrefenstern,
die bis zur Hälfte mit grasgrünen Schutzgitterchen beschlagen waren.
In gleichartig eingerichteten Bureaus arbeiteten junge Schreiber. An
Tafeln, die siebenmal den Arbeitssaal durchquerten, etikettierten flinke
Mädchenhände Knöpfe auf Akkord. Knopfmustertafeln bedeckten alle Wände.
Die Schiebetür in der Rückwand war offen. Dahinter befand sich ein
ebensolcher Saal, und durch ihn durch sahen Jürgen und Adolf in einen
dritten Arbeitssaal hinein, in dem, durch die Perspektive verkleinert,
die Menschen sich wie Insekten bewegten.
Ein Schreiber sauste durch die Seitentür herein in den ersten Saal,
pfeilschnell durch und hinaus. Unterm Hoftor stand der Lagerist, einen
Pack Frachtbriefe in den Händen, und rief monoton Zeichen und Nummern.
Der Arbeiter wiederholte singend, und die Fuhrleute karrten die
aufgerufenen Knopfkisten zum bereitstehenden Lastwagen.
„Riskieren wirs und gehen ins Café? Ich habe Geld.“
„Übrigens, andernfalls hätte ich dir auch aushelfen können. Ich stehe
dir zur Verfügung. Genügt dir das?“
„Ich habe ja.“
Adolfs Stirn bekam Falten. „Aber ich bitte dich, unter Freunden! Ich bin
gerade bei Kasse.“