Und Jürgen läßt sich sofort vom Professor, der geantwortet hatte: ‚Wie
kommen Sie zu dieser unerlaubten, sträflichen Ansicht?‘, bei der Tante
in Schutz nehmen: ‚Ihr Neffe hat öfters solche erstaunlich selbständigen
Ansichten.‘
Sagt die Tante erfreut zum Vater: ‚Da ist er ja gar keine Schande für
die Familie.‘
Und der Vater sagt: ‚Entschuldige, daß ich dich ein ‚Schmähliches Etwas‘
genannt habe ... Wie konnte ich dich nur so verächtlich und gleichgültig
behandeln. Unbegreiflich!‘ Jürgen lächelte bescheiden.
Die Tür des nebenan liegenden Bibliothekzimmers wurde nach dem Gange zu
geöffnet. Und Jürgen hörte, wie der Vater, der krank im Lehnsessel saß,
zu Herrn Philippi, einem alten Freunde des Hauses, sagte: „Ich werde ihn
in den Staatsdienst stecken. Ein kleiner, verschrullter Amtsrichter oder
so etwas Ähnliches! Er taugt zu nichts anderem. Tölpelhaft, unvernünftig
und lebensuntüchtig ist er.“
Jürgen drehte, als stünde er vor dem Vater, Kopf und Schultern
gedemütigt seitwärts und hob die Brauen, daß die Stirn Falten bekam.
„Niemand kennt die Möglichkeiten, die in einem so jungen Menschen
liegen. Niemand kennt das Maß einer unfertigen Seele“, sagte Herr
Philippi. Die Brillengläser in seinem vertrockneten Geiergesicht
funkelten. ‚Auch die Seele deiner Frau hast du so lange mit dem Lineal
gemessen, bis dieses leidensfähige Gemüt einging wie ein krankes
Vögelchen‘, dachte er und sagte es nicht.
Auf dem Gange fing die Tante Herrn Philippi ab. „Wie gehts ihm? Wie ist
mein Bruder?“
„Unvernünftig, meine Liebe!“ Herr Philippi wollte fortstelzen.
Sie erwischte ihn noch am Ärmel. „Daß dieser bedeutende Mann so einen
Sohn haben muß! Wir schämen uns seiner ... Heute sagte der Vater zu ihm:
Du kommst in ein Bureau. Das ist das beste für dich ... Und das ist auch
meine Meinung.“
Zornig blickte Herr Philippi in die harten Augen des alten Mädchens,
betrachtete, als zähle er sie, schweigend die mit der Brennschere
sorgfältig gedrehten, an Stirn und Schläfen platt angedrückten,
schwarzen zwölf Fragezeichen. „Dann erziehen wohl Sie ihn, falls Ihr
Bruder sterben sollte? ... Kann ich mit Jürgen sprechen?“
„Ja, ich erziehe ihn. Er schreibt gerade seinen deutschen Aufsatz: ‚Die
Bedeutung der Tinte im Dienste des Kaufmanns‘. Sprechen können Sie ihn
jetzt nicht. Der Stundenplan muß streng eingehalten werden.“
Die Tante stellte sich zu einer langen Erzählung zurecht. „Hören Sie!
Jürgen war schon als ganz kleiner Junge so ängstlich, daß er nicht
einmal zu sprechen wagte. Wir alle glaubten, er sei stumm geboren. Eines
Tages – er war vier Jahre, es war auf dem Geflügelmarkt – sagte er
plötzlich: ‚Hühnchen‘. Das war sein erstes Wort. Nicht etwa ‚Papa‘, wie
bei andern Kindern. Bewahre! ‚Hühnchen‘ sagte er und lockte: ‚Bi bi bi
bi‘, so mit Zeigefinger und Daumen ... Sollte man das für möglich
halten? Diese Unselbständigkeit! ... Er ist ganz seiner Mutter
nachgeschlagen. Auch sie war so lebensuntüchtig. Hatte Angst vor Mäusen
– ich habe ja auch schreckliche Angst vor Mäusen –; aber als einmal eine
Maus gefangen worden war, weinte seine Mutter stundenlang, weil die Maus
ertränkt wurde.“
Sie sah erwartungsvoll zu ihm auf, weil er sie am gehäkelten
Spitzenkragen gepackt hielt und noch immer nicht sprach. Da schüttelte
er sie kräftig und sagte: „Bi bi bi bi! Adieu!“
Abweisend blickte sie ihm nach, horchte dann einige Minuten strengen
Gesichtes an Jürgens Tür. Der saß glühend am Tisch und schrieb, da er
anderes Papier nicht gleich gefunden hatte, in das Schulheft eine lange
Abhandlung mit vielen Beweisen, daß es einen Gott nicht geben könne.
‚Folglich bin ich Atheist.‘ Dann erst quälte er sich den deutschen
Aufsatz ab.
Und übergab das Heft am Montag dem Professor, der die Beweise für das
Nichtexistieren Gottes fand und sie dem Religionslehrer schickte.
Das Ereignis wurde zu einer Professorenkonferenz und hatte nur deshalb
keine schlimmen Folgen für Jürgen, weil die Tante plötzlich an der
Stirnseite des Konferenztisches stand und die Lehrerrunde sprengte:
„Herrn Kolbenreiher hat soeben der Schlag getroffen ... Mein Bruder war
ein bedeutender Mann.“ Ihre Hand wanderte, wurde mitleidig geschüttelt.
„Aber mit seinem Sohne müssen die Herren viel Geduld haben ... Mit viel
Geduld und Strenge gehts vielleicht.“
Daran solle es nicht fehlen. Vom Rektor wurde sie hinausgeleitet.
„Jürgens schwankende Seele ... Seine Unsicherheit“, vernahmen die
Zurückbleibenden.
„Folglich bin ich Atheist.“ Der Religionslehrer riß die Augen auf. „Bin
ich Atheist, schreibt der Junge. Und gestern diese Geschichte mit
Abraham!“
Der Geschichtsprofessor beruhigte ihn: „Das Leben wird dem Burschen
diese Gedanken schon abschleifen ... Gut und schnell auffassen tut er
ja.“
„Bei mir nicht“, sagte der Mathematikprofessor und hielt die Hand
erhoben. Sie rügten noch seine außerordentliche Faulheit und schlossen
die Konferenz.
Der Rektor schüttelte schweigend die Hand der Tante. Furchtsam und
unbeachtet stand Jürgen daneben. Und ging dann, vor Schuldgefühl
vornüberhängend, mit der aufrechten Tante nachhause, wo Weihrauchwolken
standen.
Gegen Abend zog sie den willenlos Folgenden ins Sterbezimmer, in dem der
Vater, bekränzt und kerzenumstanden, schon auf der Bahre lag, schlug das
Kreuz und benutzte den Endschwung gleich dazu, auf des Toten Gesicht zu
deuten: „An dir hat er keine Freude gehabt. Das kannst du jetzt in
deinem ganzen Leben nicht mehr gut machen ... Bete! Drei Vaterunser! Und
dann komm und iß.“
Das Gewicht des Hauses legte sich auf den gekrümmten Rücken. Die still
brennenden Kerzen beleuchteten des Vaters Gesicht, das in
Unzufriedenheit erstarrt war, als habe ihn auch der Tod enttäuscht.
Lange kämpfte Jürgen mit sich; endlich versuchte er, das wächserne
Gesicht im Blick, die gefalteten, toten Hände zu berühren. Und wich
zurück, als er das bekannte Lächeln der Verachtung zu sehen glaubte.
Ganz langsam kniete er nieder, die befohlenen drei Vaterunser zu beten.
Kein Wort fiel ihm ein. Seine flehende Hand wollte die äußerste Spitze
des Leintuches berühren. Und sank kraftlos zurück.
Der Tote lag unberührbar, in ungeheuerer Macht.
Da drehte sich ein Stachelrad brennend schmerzhaft in Jürgens Kopf und
schleuderte die Worte ab: ‚Na, du schmähliches Etwas!‘
„Na, du schmähliches Etwas!“ wiederholte Jürgen verächtlich und wandte,
irr blickend, Kopf und Schultern gedemütigt weg, weil er glaubte, nicht
er, sondern der Tote habe gesagt: Na, du schmähliches Etwas!
Die Macht des Toten vor sich, die Macht der Tante hinter sich, kniete er
ausgeliefert und verloren, schief und tränenlos im Zimmer.
„Jetzt bist du eine Doppelwaise“, sagte die Tante, ergriff seine Hand
und führte ihn hinaus.
Jürgen versuchte gar nicht mehr, Übersicht über seine Gefühle zu
gewinnen. In die Träume schickte die vergewaltigte Seele drohende
Ungeheuer. Der Vater stand immer daneben.
Und wenn ihn der qualenerfüllte Schlaf entließ, empfing ihn die Tante,
schüttelte verächtlich den Kopf und gab ihm Briefe mit an die
Professoren, in denen sie für Jürgen, der leider nicht seinem
bedeutenden Vater nachgeschlagen sei, um Nachsicht bat.
In der schon gewohnheitsmäßigen Erwartung, wieder gedemütigt zu werden,
drehte Jürgen Kopf und Schultern weg, als im Zimmer plötzlich Herr
Philippi stand. „... Da fällt mir ein: Sie glauben vermutlich immer
noch, Ihr Vater habe nicht viel von Ihnen gehalten? Selbst wenn es so
wäre, dürften Sie ihm das weiter nicht nachtragen. Er war ein alter,
kranker Mann, der den Glauben an das Gute eingebüßt hatte. So einer ist
leicht blind und ungerecht.“
Als habe der Vater gesprochen, war der Knabenkopf immer tiefer gesunken.
Der Vater ist tot ... Seine Autorität lebt, dachte Herr Philippi. Und
log: „Ich habe Ihnen etwas von Ihrem Vater auszurichten. Kurz vor seinem
Tode war ich bei ihm. Er saß im Sessel, Sie wissen ja, saß wie immer im
Sessel und blickte zum Fenster hinaus auf einen vorüberfliegenden
Vogelschwarm ... Es waren Stare“, dichtete Herr Philippi. „Plötzlich
sagte Ihr Vater nachdenklich: ‚Meinem Jürgen habe ich zeitlebens
furchtbar unrecht getan. Warum eigentlich? Das ist mir ein Rätsel.‘ ...
Er wußte es nämlich tatsächlich selbst nicht ... ‚Denn ich bin mir ja in
Wirklichkeit ganz klar darüber, daß Jürgen ein‘, wie sagte er doch, ‚ein
ausgezeichneter und sogar sehr kluger Junge ist ... Das muß man ihm bei
Gelegenheit einmal sagen‘.“
Es gelang Herrn Philippi, wie ein Knabe zu lächeln, als er auch die
Autorität der Tante zu erschlagen versuchte: „Und dieses alte Mädchen,
Ihre Tante! Aus der brauchen Sie sich natürlich gar nichts zu machen. So
eine vertrocknete Schachtel ist ja ganz ahnungslos! Das ist übrigens die
volle Wahrheit ... Besuchen Sie mich einmal.“
‚Diese Bürgeraristokratie sagt sich: Wir lassen unsere Kinder nicht
hungern, nicht arbeiten; wir asphaltieren ihnen mit Körperpflege,
reichlichem Essen, höherem Unterricht und Geld, mit viel Geld eine
breite, glatte Straße ins Leben ... Die psychischen Ungeheuer, die sie
in die Seelen stoßen, zählen nicht. Da fallen die allerhand Autoritäten
über so einen Jungen her, nehmen ihm, auch wenn er beim Spiel mit Sand
mehr Phantasie und Geist offenbart, als sie in ihrem ganzen Leben, seine
Selbständigkeit und wundern sich dann über seine Unselbständigkeit‘,
dachte der Alte auf der Straße, während Jürgen vor der Tante stand.
Sie blickte beim Sprechen hinaus in den Garten, steil aufgerichtet. „Ich
habe alles gehört. Du hast keine Zeit, Herrn Philippi zu besuchen. Deine
Schularbeiten sind wichtiger. In meinen Händen liegt deine Erziehung.“
Ein Automat sagte: „So eine vertrocknete Schachtel! Du bist ja
vollkommen ahnungslos ... Das ist übrigens die volle Wahrheit.“
Die Tante schnellte entsetzt herum. Auch Jürgens Mund blieb in
übergroßem Schrecken geöffnet. „Was hast du gesagt? Wiederhole, was du
eben gesagt hast!“
„Das habe doch ich nicht gesagt.“ Sein Tonfall der Überzeugung riß der
Tante die Empörung ins Gesicht. „Du leugnest, was ich mit meinen Ohren
gehört habe?“
Jürgen, überzeugt, diese Worte nicht gesprochen zu haben, bekam
irrblickende Augen.
„Das werde ich morgen dem Herrn Rektor schriftlich mitteilen. Du
übergibst ihm den Brief. Und jetzt ... Pfui!“
Erst nachdem die Tante schon draußen war, fühlte Jürgen ein paar Tropfen
auf seinem Gesichte kalt werden und wußte, daß sie ihn angespuckt hatte.
Hitze und Kälte wechselten einigemal schnell in seinem Körper. Er trat
ans Fenster, starrte in den Garten. Die farbigen, kopfgroßen Glaskugeln
steckten still und öde auf den grünen Stangen. Aus dem Nachbargarten
klangen Sonntagnachmittagsgeräusche herüber. Abgerissene Worte. Jemand
spielte Ziehharmonika.
Ein wilder Schrei saß Jürgen im Halse. Er hob die linke Schulter, die
rechte, rhythmisch die Beine. Die Bewegungen wurden zu einem gedrückten
Tanz.
Am Montagmorgen schlich er, eine Stunde früher als gewöhnlich, ohne
Brief geduckt aus dem Hause, begann plötzlich zu laufen, rannte,
galoppierte weit aus der Stadt hinaus, quer über Schollenäcker, hügelan
und -ab, bis vor das schwarze Tunnelloch im Berg und glotzte blöd
hinein, kehrte um und kam, verschwitzt und keuchend, noch rechtzeitig im
Schulzimmer an, wo der Professor eben mit dem steilgestellten Bleistift
auf das Katheder klopfte.
Die Blicke der sechzig Augenpaare trafen beim Bleistift zusammen, der in
dieser Stellung immer etwas Außergewöhnliches bedeutete. Der Professor
zog die Stille hinaus. Jeder lauerte: ‚Wen trifft es?‘ Jürgen hatte das
Gefühl, sein Herz sei so rund und so groß wie ein schwarzer Mond und
schlage nicht mehr.
„Leo Seidel! ... Sie wissen, daß Ihr Vater Sie leider aus dem Gymnasium
herausnehmen muß. Umstände halber! ... Euer bisheriger Schulkamerad
verläßt euch heute. Er muß verdienen ... Leo Seidel, Armut ist keine
Schande.“
Der Sohn des Briefträgers blickte beschämt ins Tintenfaß.
„Auch ein Hausdiener kann sich heraufarbeiten ... In Amerika, zum
Beispiel, soll das öfter vorkommen“, sagte der Professor und lächelte.
„Diesen Vormittag bleiben Sie noch in unserer Mitte“, zeigte er, mit
einer Handbewegung über die ganze Klasse weg. Und deutete mit dem Daumen
zur Tür: „Dann treten Sie in Ihren neuen Pflichtenkreis ein.“
Kreisende Rasenspritzen. Sonne. Hinter dem eleganten Kinderwagen reitet
das Mädchen auf dem Steckenpferd in gezähmter Pferdeungeduld durch das
Klassenzimmer. Offenen Mundes starrte Jürgen den abgezehrten
Proletarierjungen an.
„Wollen Sie etwas sagen, Kolbenreiher? ... Nun? Heraus damit!“
Die übergroße Erregung fraß Jürgens ganze Kraft auf. Seine gelähmten
Lippen stammelten: „Ich wollte nichts sagen.“
„Karl Lenz! ... Sie haben vorhin mit Adolf Sinsheimer Fingerhakeln
geübt; erklären Sie uns jetzt den Flaschenzug.“ Auf dem Katheder stand
ein kleines Modell. „Nichts? ... Setzen Sie sich. Und lassen Sie sichs
von Leo Seidel erklären.“
Während hinten das Duell der Fingerhakelnden ausgetragen wurde und der
Professor mit den kleinen Bleigewichten des Modells spielte, erklärte
die einsame Stimme Leo Seidels das Gesetz des Flaschenzuges.
Jürgen litt unter der Feigheit, seine Meinung nicht geäußert zu haben,
brüllte in Gedanken: ‚Nur weil Seidels Vater arm ist? Das ist gemein.
Gemein! ... Alles ist gemein.‘ Glotzte besinnungslos den Professor an,
bis der ihm zurief: „Kolbenreiher, wo werden Flaschenzüge gebraucht?“
„Flaschenzüge?“
„Aber gewiß, Flaschenzüge! Nun? ... Leo Seidel, sagen Sie es ihm.“
„Zum Beispiel am Neubau. Da kann ein einzelner Arbeiter mit einem
Flaschenzuge ...“
„Mit Hilfe!“
„... mit Hilfe eines Flaschenzuges Lasten in die Höhe winden, die
zehnmal so schwer sind wie der Arbeiter. Infolge der Übersetzung!“
‚Infolge der Übersetzung‘, sollte Jürgen wiederholen, hatte aber
‚Überrumplung‘ gesagt.
Die ganze Klasse durfte lachen. Lachte noch auf dem Heimwege, wo alle
sich von Leo Seidel, der vielleicht schon morgen einen Handwagen durch
die Stadt schieben mußte, abgesondert hielten.
Auch Jürgen, gelähmt, wagte nicht, ihn zu begleiten. Nur in Gedanken
trat er mit kühner Ritterlichkeit zu ihm. ‚Ich fürchte die Meinung der
andern nicht.‘ Ließ sich von Seidel verehren.
Beim Mittagessen beachtete ihn die gefährlich schweigende Tante nicht.
Schickte das Dienstmädchen, mit dem Befehl, Jürgen habe den Brief am
nächsten Morgen dem Herrn Professor zu übergeben.
Erst nachmittags konnte Jürgen so viel Entschlußkraft finden, Seidel zu
besuchen. In der Kellerstube stand der Armeleutegeruch, der das Vorhaben
des schwindsüchtigen Briefträgers, den Sohn studieren zu lassen, als
schwer ausführbar erscheinen ließ. Seidel saß still am Fenster und sah
hinaus in den stinkenden Hof. Qual und Scham drehten Seidels Kopf und
Schultern zur Seite, so daß er plötzlich Jürgen glich, der sich im
selben Moment zum erstenmal in seinem Leben frei fühlte.
Er reichte Seidel eine in Leder gebundene Weltgeschichte, konnte
scherzen: „In der biblischen Geschichte steht zwar: Gehe hin, verkaufe
alles, was du hast, und ... Aber nicht deshalb gebe ich dir das Buch.
Denn ich glaube ja gar nicht an Gott.“
Die fahle Mutter lag im Bett. Der Säugling, wegen dessen unerwünschter
Ankunft der Vater den Sohn aus dem Gymnasium hatte nehmen müssen, begann
zu schreien. Die Bettlade knackte. Vier Kinder, in verschiedenen Größen,
bleich und blutleer, standen reglos da, mit großen Augen.
„Hast eine schöne Weltgeschichte. Zum Andenken an mich. Hast eine Freude
... mit hundertsiebenunddreißig Illustrationen.“
Ohne den Blick zu erheben, sagte Seidel, daß er voraussichtlich bald der
Klassenfünfte geworden wäre.
Und Jürgen rief: „Also deshalb, weil dein Vater kein Geld hat, mußt du
Hausdiener werden, anstatt vielleicht ... Minister. Das ist ja! Alles
was recht ist!“
„Mein Gott, was redet ihr Buben!“ Die Wöchnerin spuckte in den Napf.
„Was ihr redet!“
Jürgen redete sich in Zorn hinein: „Absolut! Das ist maßlos ungerecht.
Gemein ist das. Einfach hundsgemein! Wahrhaftig, das sage ich jedem,
ders hören will.“ Auch Seidel hatte rotgefleckte Wangen bekommen.
Die Mutter beruhigte den Säugling. Und zu den Knaben: „Mein Gott, das
sind ja lauter Dummheiten.“
„Nehmen wir an“, sagte Herr Philippi, „es sei schon von vornherein eine
Dummheit gewesen von dem schwindsüchtigen Briefträger mit der großen
Familie, seinen Sohn ins Gymnasium zu schicken.“
„Wenn Leo Seidel doch gescheit ist! ... Postdirektor werden kann! Wer
kanns wissen?“
„Ganz recht, wer kanns wissen. Mancher Dummkopf wird Professor; manch
kluger Kopf muß sich eine Kugel in den Kopf schießen. So ist das
heutzutage. Und so wird es auch noch einige Zeit bleiben. Man muß sich
schon überlegen, ob man Hoffnungen wecken soll, denen von vornherein die
Armut schwer im Wege liegt ... Da eröffnen sich verschiedenerlei wüste
Perspektiven.“
„Ich würde Seidel aber doch helfen, wenn ich Sie wäre. Sie sind reich.“
Alt lächelnd Herr Philippi: „Und ich, ich habe nicht den Mut dazu.“ Und
schwankend zwischen Abweisung und Güte: „Du gehst jetzt nachhause,
verstehst du, nachhause, und hältst alles aus. Verschwinde!“
Die Tante ging selbst zum Briefträger, holte die Weltgeschichte zurück.
Und einen Tag später stand die ganze Begebenheit auf den Gesichtern der
Mitschüler.
Die Lücke, die Seidel hinterlassen hatte, war durch Vorrücken ausgefüllt
worden.
„Jetzt trägt er Backsteine an einem Neubau.“ Karl Lenz machte das
Backsteintragen vor, krümmte den Rücken, ächzte.
„Und so las er Roßballen auf.“ Adolf Sinsheimer, Sohn eines reichen
Knopffabrikanten, tat, als habe er einen Besen in der Hand, und log:
„Ich sah, wie Seidel die Straße kehrte ... Die frischen Roßballen kehrte
er zusammen.“
Vorsichtig und ängstlich näherte Jürgen sich dem Gelächter, stimmte ein,
ohne zu wissen, weshalb die andern lachten.
„Braucht Seidel zum Sammeln der Roßballen eine Weltgeschichte?“ Alle
sahen Jürgen erwartungsvoll an, hielten das Lachen noch zurück.
Da erlachte Jürgen sich die Achtung seiner Mitschüler: „Zum
Roßballensammeln braucht man, weiß Gott, keine Weltgeschichte.“
Sie waren zufrieden, nahmen ihn auf. Jürgen sagte noch: „Zuhause bei ihm
...“ Er hielt sich die Nase zu. „Und jetzt dazu noch Roßballen!“ Alle
hielten sich die Nase zu.
Plötzlich wich aller Druck von ihm, bei dem Gefühle, nicht mehr allein
zu stehen. Und Jürgen nahm sich vor, von nun an immer und in allem so zu
sein, wie die andern. Das würde das Leben leicht machen.
Am nächsten Morgen saß Leo Seidel wieder an seinem Platze, in einem
neuen Anzug, das Gesicht verschlossen.
‚Warum, warum habe ich das getan!‘ Jürgens Körper bewegte sich
selbsttätig nachhause, ins Wohnzimmer.
„Erst lies mir aus der Zeitung vor! Dann gehst du an deine
Schularbeiten.“ Die Tante stickte weiter am Stramintischläufer ‚An
Gottes Segen ist alles gelegen‘. Mit dem Schnabel hielt diese von
Rosengirlanden durchzogene Wortkette ein Papagei, der noch unfertig in
der Mitte saß.
Der Satz – im Reichstag sei wieder ein Antrag zur Einführung einer hohen
Vermögenssteuer gestellt worden – kam automatisch aus Jürgens Mund. ‚Ich
allein habe zu Seidel gehalten, habe mit Herrn Philippi gesprochen.
Jetzt darf er das Gymnasium weiter besuchen. Ich! Ich habe das
veranlaßt. Hilfe! Ich!‘
‚Jawohl, Jürgen ist der Beste von euch allen. Hat zu mir gehalten. Der
hat Mut. Hat mich gerettet. Ihr habt mich verraten.‘
‚Und ich? ... Ich auch!‘ Jürgen sah die Tante irr an. „Wie schrecklich!“
„Das ist ja einstweilen nur ein Antrag. Lies weiter! Zuerst die
Todesanzeigen!“
„Man muß gut sein ... So lange gut sein, bis man etwas Schlechtes gar
nicht mehr zu tun vermag.“
„Merke dir das“, sagte die Tante und zog dem Papagei einen grünen Faden
durch das Auge. „Alle Todesanzeigen!“
„Gott, dem Allmächtigen, hat es gefallen ...“ ‚Weshalb hat Herr Philippi
mir nicht gesagt, daß er Seidel helfen werde. Dann wäre ich vielleicht
nicht so furchtbar gemein gewesen ... Jetzt ist alles verloren.‘
Jürgen bemerkte nicht, daß die Tante vom Dienstmädchen gerufen worden
war.
Er überschrie noch eine Weile seine qualvolle Ohnmacht mit den Worten:
„Gott, dem Allmächtigen, hat es gefallen ...“, blickte die Nadel an, die
im Papageienauge steckte, den Faden, der lang und grün herunterhing,
umklammerte in Gedanken mit beiden Händen ein Messer und drückte es
langsam in seine Brust.
Entwurzelt taumelte er beim Unterricht mit, mußte schon nach einigen
Wochen Leo Seidel weichen, der sich bald zum Primus in die Höhe
arbeitete und, da er vorsichtig und schwer angreifbar strebte, von der
ganzen Klasse gefürchtet wurde. Wer sein eigentlicher Retter war, erfuhr
Seidel nie. Auch dann nicht, als er sich eines Tages mit der ganzen
Klasse gegen Jürgen verband und von der Weltgeschichte sprach, die er
bei sich zuhause absolut nicht finden könne.
Jürgen flüchtete aus dem immer schwerer werdenden Drucke der Einsamkeit
wiederholt zu seinen Mitschülern und, vor Ekel, sich angebiedert zu
haben, immer wieder zu sich selbst zurück und wieder zu den Mitschülern.
Schloß sich endlich enger dem Sohne des Knopffabrikanten an, zu dem ihn
anfangs der gemeinsame Haß gegen die Mathematikstunde hingezogen hatte
und später seine immer stärker werdende Bewunderung von Adolf
Sinsheimers Fähigkeit, außerhalb der Schule wie ein Erwachsener ohne
Schwierigkeit mit dem Leben fertig zu werden.
„Wenn du eine Geliebte hast, ist das noch gar nichts; wenn du aber eine
Geliebte hast und zu ihr sagen kannst: Heute nacht, meine Liebe, bin ich
verhindert, tut mir leid, der Klub geht denn doch vor – dann erst bist
du ein Mann, gewissermaßen. Bedauerlicherweise jedoch wird man in den
Klub junger Kaufleute erst nach dem Abiturientenexamen aufgenommen. Ich
werde dir das Klubhaus zeigen. Livrierte Diener natürlich!“
„Wenn man aber gar nicht Kaufmann wird?“
„Dann ist man ein Esel, heutzutage ... Sag mal, aber ehrlich, wie oft
warst du schon krank?“
„Dreimal: Scharlach, Masern und Halsentzündung.“
„Du bist ein Säugling, gewissermaßen. Die elegante Männerkrankheit, wie
oft du die gehabt hast!“
„Vielleicht habe ich sie schon sehr oft gehabt; ich weiß nur nicht, was
du meinst.“
Sie waren vor dem Klubhause angelangt. Klaviergepauke und Refraingesang
klangen durch das beleuchtete, offene Fenster herunter. Adolf sang
gleich mit:
„Es haben zwei ne ganze Nacht
Zusammen in einem Bett verbracht.
Was ham se wohl gemacht?“
Das vereinzelte, noch unterdrückte Lachen, das plötzlich zum Sturm
anwuchs, galt dem Vortragenden, der auf dem Podium stand und wortlos
demonstrierte, was die beiden gemacht haben.
„Es geht doch nichts über lustige junge Leute“, sagte zu seiner
verschwitzten, verstaubten Frau ein ziegenbärtiger, mit Waldlaub
geschmückter Sonntagsausflügler und schob den Kinderwagen weiter.
Oben sang der junge Kaufmann mit speckiger Stimme. Das Klaviergepauke
trug den Refrain herunter: „Was ham se wohl gemacht?“
„Kalte Umschläge, meinst du, was, gegen die Halsentzündung?“
„Bei Nacht und auch bei Licht ...“
Mitten in das stürmische Gelächter hinein fragte Jürgen zögernd: „Drückt
dich auch alles so? Ich meine, deinetwegen und auch wegen der andern.
Das ganze Leben, so wie es ist?“
„Gebetet, gebetet ham se nicht!“
„Unsinn! Ich bitte dich, was soll denn drücken! Der Kragen, der Schuh
drückt.“ Er streckte den Fuß vor: „Wirklich, beinahe jeder angemessene
Schuh drückt. Aber elegant, was? Übrigens, ich spitze einmal hinauf.
Warte du hier.“
Da drehte Jürgen sich elefantenhaft langsam und ging davon, bis zu der
Ansammlung waldlaubbehangener Sonntagsausflügler, Kleinbürgerfamilien,
Ladenmädchen mit ihren Freunden, die, verstaubt, verschwitzt und grün,
stillgeworden unter der zischenden Bogenlampe standen und den Anblick
eines Mannes auf sich wirken ließen.
Der lag, Augen geschlossen, schwer atmend, Schaum auf den Lippen,
langgestreckt im Staub, vor einem Bankhause, auf dessen Schaufenster
erhabene Goldbuchstaben verkündeten: Kapital und Goldreserven 500
Millionen.
Der Kleinbürger mit dem Ziegenbart sagte energisch: „Epileptischer
Anfall! Man muß die Daumen herausziehen. Dann vergeht der Anfall.“
Sofort streifte der Mann mit einem blitzschnellen Blick die über ihn
gebeugten Gesichter und richtete sich, von zehn Armen unterstützt,
sitzlings auf, ließ den Kopf hängen: „Das macht alles nur das Elend. Ich
wollte mit der Straßenbahn fahren, hatte aber das Nötige nicht ... Alles
nur das Elend!“
Jürgen wurde von Ekel gepackt. Er simuliert, dachte er und stieß brutal
durch den Kreis.
Ein Erlebnis aus seiner frühen Jugend stieg auf. Auch damals lag auf dem
Pflaster ein Mann: jung, mit eleganter, blutiger Wäsche,
strenggebügelten, großkarierten Hosen, Brillantringe an den Fingern und
Schaum auf den Lippen. Die seidene Weste ist aufgerissen, die Brust
freigelegt.
‚Bei dem war der Schaum blutrot. Die offenen Augen starrten gläsern. Das
war echt und entsetzlich; der vorhin hat simuliert ... Aber wie
furchtbar muß es ihm gegangen sein, bis er sich entschloß, so schamlos
Theater zu spielen, sich dermaßen zu demütigen vor den vielen Menschen
... Es wird ja vollkommen gleichgültig, ob seine Krankheit echt oder nur
simuliert war; im Gegenteil, es ist unendlich viel grauenvoller, daß er
nur simulierte. Denn wie muß es ihm gegangen sein.‘
Bestürzt über seine Gedankenlosigkeit, rannte er zurück. Der Platz war
leer, die Bogenlampe zischte nicht mehr, leuchtete ruhig und weiß.
Jürgen lief umher, suchte vergebens, stand wieder vor dem Bankhause und
sah die erhabenen Buchstaben an. Deutlich sah er den Bettler liegen.
„Beim Sang der Nachtigallen
Ist Urselchen gefallen.
Wohl über große Steine?“
schallte der Gesang vom Klubzimmer herunter.
„Nein über, nein unter Karlchens Beine!“
„Und daran geht man vorüber, hinauf in den Klub, und singt so ein Lied.
Wie furchtbar! ... Nun, und jetzt?“ fragte Jürgen, ging weiter. „Ist
wieder etwas dazu gekommen, zu allem andern? ... Man muß unausgesetzt
wach sein, bis man zu etwas Schlechtem gar nicht mehr fähig ist.“ Das
war ein Gelübde.
Da hatte er einen Gedanken, der ihn so erleichterte, daß er, obwohl es
Sonntag und zehn Uhr abends war, die Hausglocke des Lackierermeisters
zog.
„... Gewiß, Sie haben recht. Es hätte selbstverständlich auch bis morgen
Zeit gehabt; aber ich ging gerade hier vorbei ...“
„Also, was für eine Tafel soll ich denn schreiben?“
‚Betteln gestattet‘, geht nicht, dachte Jürgen. ‚Betteln erwünscht‘,
geht auch nicht. „Schreiben Sie – auf eine hübsche Tafel: ‚Hier wird
Armen gegeben‘.“
„Und die willst du wirklich aufhängen? Du wirst dich wundern, mein
Junge.“
„Nein, die andern werden sich wundern.“
„Das wird wahr sein! Nun, also wie denn? ... Weiß auf schwarz? Oder
schwarz auf weiß? Man kann auch etwas Farbiges machen. Oder
Goldschrift?“
„Vielleicht Gold auf schwarz?“
„Schön. Macht sich gut ... ‚Hier wird Armen gegeben‘, nicht wahr? Mein
Gott, so einen Unsinn hab’ ich auch noch nie geschrieben, kannst du mir
glauben.“
Mit Hilfe des Dienstmädchens nagelte Jürgen die Tafel am Gartenzaun
fest, an der Rückseite des Hauses, wo die Tante selten hinkam, und gab
dem Dienstmädchen Geld. „Wird das für einen Monat reichen?“
Die goldenen Worte ‚Hier wird Armen gegeben‘ glänzten schön. Darunter
hatte Jürgen einen Zettel geklebt, auf dem stand ‚Zwischen neun und elf
Uhr vormittags‘. Das war die Zeit, während der die Tante täglich in der
Kirche saß.
In Gliedern und Gelenken unbeherrscht wie ein junger Hund, langgeworden
und immer in so unruhvoller Eile, daß der vornüberhängende Körper einen
schlotternden spitzen Winkel zum Boden bildete, stolperte Jürgen in die
Jünglingstage, in seinen siebzehnten Frühling hinein, fragenden Blickes
beständig und vergebens in sich selbst und bei der Umwelt suchend nach
der erlösenden Antwort.
Maiwind und Spiellust wehten gepflegten, langbeinigen Mädchen, die im
öffentlichen Parke ihren Reifen nachjagten, die Röcke bis zum Kinn.
Seidenblauer Frühlingshimmel war über Tulpen- und Hyazinthenbeete,
billardglatte Rasenflächen und knospende Baumkronen gespannt. Alte
Gouvernanten sahen rosig aus.
Unschlüssig, ob er, wie auf dem Wege hierher, ziellos weiter eilen oder
verweilen solle, blickte Jürgen sich um, sog den Blumenduft ein. Wind
schüttelte die langen, störrischen Zotteln. Einige Male mußte er sie aus
der Stirn streichen, um die fünfzehnjährige, in den Schultern noch
eckige Katharina – Tochter des Universitätsprofessors Lenz – betrachten
zu können, die, sichtbar vom Leben schon gezeichnet, fremden Blickes die
jubelnden Kinder beobachtete, bis sie Jürgens unverwandten Blick fühlte.
Da sah sie erst in den Teich, wo alte Karpfen und armlange Goldfische
aus den Schlinggewächsen langsam zur Wasseroberfläche zogen, langsam
wieder in die Tiefe, und las dann weiter in dem Buche.
Die schenkeldicke Fontäne überholte unaufhörlich sich selbst. Die
Himmelsbläue über ihr sprang mit.
Mit gemachtem Interesse betrachtete Jürgen Bäume, Teich, Fontäne und
umkreiste dabei in immer kleiner werdendem Abstande die Lesende, deren
ganzer Körper, obwohl sie reglos saß, sichtbar spröder wurde, je näher
Jürgen kam.
Unvermittelt und aus noch fünf Schritt Entfernung: „Das sind Karpfen,
richtige Karpfen. Man kann sie essen.“ Unheimlich dumm, daß ich das
sagte, dachte er und setzte sich.
Sie las weiter, das Gesicht interessiert schief gestellt zur Buchseite.
Da traf sein ratlos bittender Blick zusammen mit ihrem, in dem
frühzeitige Bewußtheit noch mit Mädchenscheu zu kämpfen hatte.
Als ob diese dunkle Last der Bewußtheit, die wie das zukünftige Ich in
ihrem Blicke stand, losgespalten von der lieblichen Kindlichkeit, mit
der sie den Rock über die Knie hinunterzupfte, in Jürgen das Gefühl
erschlossen hätte, ihr schicksalsverwandt zu sein, empfand er das
erstemal in seinem Leben ganz plötzlich rückhaltloses Vertrauen. Dies
kam mehr in Blick und Ton zum Ausdruck, als in seinen Worten.
Um die beiden herum war die Umwelt. Rede und Antwort im Innersten der
Umwelt. Frage und Antwort. Und eine Frage Katharinas, auf die er
antworten konnte: „Vielleicht trägt man alles Erlebte in sich. Das reißt
uns hin und her. Und täglich und stündlich kommt Neues hinzu, und alles
ist furchtbar. Alles! Das ganze Leben, so wie es ist.“
Und als brächte dies Erleichterung, bat er, sie möge mit ihm
spazierengehen. Katharina erhob sich sofort. Er überragte sie um
Kopfeslänge. Sie verschwanden in dem streng beschnittenen Laubgang von
Korneliuskirschen.
Er blickte hinunter auf ihren gebräunten, eigenwillig gebogenen Nacken
und, da sie aufsah, auf ihren kleinen, festen Mund. Erbebend blieben sie
stehen und wandten erbebend sich ab.
„Ich weiß schon genug über Sie. Mein Bruder hat mir viel von Ihnen
erzählt. Auch das von der Weltgeschichte! Er ist dumm. Er begreift gar
nichts.“
Das Vertrauen ließ ihn erzählen, daß er die Tafel ‚Hier wird Armen
gegeben‘ an den Gartenzaun angeschlagen habe. „Aber das sprach sich so
schnell herum, daß noch in der selben Woche an einem einzigen Vormittag
mehr als dreihundert Bettler kamen. Jetzt weiß ich natürlich schon, daß
all das gar nichts nützt. Und wenn meine Tante die Tafel nicht
heruntergenommen hätte, würde ich selbst es getan haben ... Was aber
soll man denn tun?“
Erst nach zwei langen Minuten und als läse sie es von ihren Schuhspitzen
ab: „Es gibt nur eines: man muß sich opfern, muß sich selbst ganz und
gar aufopfern.“
„Das ist, das ist kolossal, ganz kolossal, was Sie da sagen ... Aber
wie? Wie soll man sich aufopfern?“
Schon eine Weile bekam die Tante, die seit Wochen und auch heute ihren
täglichen, vom Arzte verschriebenen Spaziergang im Öffentlichen Parke
gemacht hatte, keinen Atem mehr. Endlich stürzte sie zu Bewußtsein und
auf die Bank zurück, auf der sie saß, und raffte ihren Häkelbeutel
zusammen, schoß nach in den Laubgang, packte den sie überragenden Jürgen
bei der Hand und führte ihn entschlossen und wortlos weg von Katharina.
In durchwachten, verzweiflungsvollen Nächten kam Jürgen zu dem Schlusse,
erst nachdem er für immer aus dem Hause gelaufen sei, könne er Katharina
wieder vor die Augen treten.
Als das Nervenfieber lebensgefährlich zu werden drohte, mußte der
Hausarzt die Behandlung dem Spezialisten überlassen. Erst nach Wochen
war des Kranken Gefühlskathedrale wieder so weit in Ordnung, daß er
eines Morgens, beim Erwachen, sich allen Eindrücken weich darbieten
konnte.
Die Tante schob die auf dem Nachtkästchen stehenden Medizinflaschen zur
Seite, schlug ihr Haushaltungsbuch auf, in das sie des toten Vaters
‚Letztwillige Verfügungen über Jürgen‘ geschrieben hatte, und begann das
viele Seiten lange Erziehungsprogramm abzulesen.
Die Worte tropften glühend in den Ausgelieferten hinein.
„... Und deshalb nehme ich mir das heilige Versprechen ab, den letzten
Sproß der alteingesessenen Patrizierfamilie Kolbenreiher, deren
Geschichte bis in den Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts zurückverfolgt
werden kann, nach dem Willen seines unvergessenen Vaters zu erziehen und
ihn Beamter werden zu lassen, da er die Fähigkeit zu etwas Größerem nach
meines seligen Bruders Meinung nicht hat ... So ists, Jürgen, siehst du.
Nun werde mir bald wieder gesund ... Wenn du auch nicht so bist, wie du
sein könntest, ich habe dich doch lieb.“ Sie sah ihn freundlich an,
streichelte seine nassen Haare und rief erschrocken: „Du hast ja wieder
Fieber.“
Wangen und Augen glühten. Die rechte Gesichtshälfte lachte.
Die Ärzte wurden geholt, Eisbeutel aufgelegt. Der Rückfall war kurz und
heftig.
Jürgen verließ das Bett als verschlossener Jüngling, dessen früherer
Wille, sich durch die Wirrnisse der Jugend durchzuschlagen, unterbunden
war. Die Tante äußerte oft ihre Zufriedenheit. Denn nur, wenn sie ihn
fragte, antwortete er, ganz nach Wunsch ‚Ja‘ oder ‚Nein‘. Niemals
‚Nein‘, wenn ein ‚Ja‘ erwartet wurde.
Seine grenzenlose Nachgiebigkeit lieferte ihn allen, selbst viel
jüngeren Schülern, aus. Körperlich wuchs er gleichsam über sich selbst
hinaus, wurde lang und sehr stark. Das Lernen für das bevorstehende
Examen verschob er von Tag zu Tag, fuhr Schlittschuh, stundenlang
flußaufwärts.
Die eisbrechenden Fischer schimpften ihm wütend nach, da hier das
Schlittschuhlaufen äußerst lebensgefährlich war, der vielen großen,
quadratischen Wasserlöcher wegen.
In dem Gefühle, durch eine körperliche Kraftleistung, durch große
Schnelligkeit seine seelische Gebundenheit lösen zu können, sauste
Jürgen an den unverhofft sich auftuenden grünen Wasserlöchern vorbei,
bis die Nacht ihn überraschte.
Schnurgerade führte die Landstraße stadtwärts; der Fluß dagegen zog
einen mächtigen Bogen, so daß Jürgen zu Fuß schneller nachhause gekommen
wäre, als auf dem Eise.
Der geheime Todeswunsch, der ihm das imaginäre Messer in die Hand
gegeben und ihn vor das Tunnelloch getrieben hatte, veranlaßte ihn auch
jetzt, blind in die Gefahr hineinzurennen.
Die Fischer waren schon lange heimgegangen. Jürgen stand dunkel in der
unwirklichen Helligkeit, die das Eis ausstrahlte. Zehn Schritte von ihm
entfernt war tiefschwarze Nacht. Das Eis knackte leise. Tierische Laute
stieß Jürgen aus, während er als schwarzer rechter Winkel stadtwärts
sauste.
War er knapp an einem Wasserloch vorbeigeglitten, dann klang sein wilder
Schrei der Genugtuung in die Einsamkeit.
Näher der Stadt mehrten sich die Wasserlöcher, links und rechts von ihm,
manchmal unerwartet dicht vor ihm.
Angespannt und stumm geworden, zog er seine Bogen um den Tod herum.