_Karinkel_
Was Sie wollen ... (Man vernimmt Glockenläuten.) Um Himmels
willen, mir scheint, der Hofzug fährt schon ein. Ich komme
zu spät. (Ab.)
_Bienemann_
Es ist am besten, wir lassen den Delinquenten hierher
transportieren. Hier ist er am sichersten.
_Abendrot_
Da hawe Se recht, Herr Bienemann.
_Bienemann_
Rennen Sie hin und sagen Sie es dem Binder.
_Abendrot_
(zur Tür, lauscht, kehrt um)
Er bringt ihn schon von selber, der Kommissar ...
_Bienemann_
Na, der Mann denkt wenigstens. Denkende Menschen ersparen
einem immer Laufereien. (Hockenjos und Kommissar Binder
kommen.)
_Binder_
So, Meister Hockenjos. Jetzt habe ich Ihren Wunsch, Sie aufs
Bürgermeisteramt zu führen, erfüllt, nun müssen Sie sich
aber auch ganz ruhig verhalten.
_Hockenjos_
(großer, breitschultriger Mann. Haar und Bart sind stark
ergraut. Er spricht schwer, aber nachdrücklich, in tiefem,
meist humoristisch sordiniertem Baß; trägt vernachlässigte
Kleider, einen breitrandigen Filzhut)
Der Teufel soll Sie holen, Mann! Können Sie auf eine
anständige Art erklären, weshalb Sie mich wie einen
Sträfling behandeln, he?
_Abendrot_
P--scht! p--scht!
_Binder_
Sie müssen sich den behördlichen Anordnungen fügen.
_Hockenjos_
Ich füge mich, weil es mir paßt. So steht die Sache. In die
Suppe werd' ich euch schon spucken, darauf könnt ihr euch
verlassen. Aber anders als ihr denkt. Wo ist denn der
Oberkoch? Ah, Herr Bienemann! Freut mich, Sie zu sehen, Herr
Redakteur. Sind Sie jetzt avanciert, weil Sie in der
Bürgermeisterkanzlei sitzen?
_Bienemann_
(schmunzelnd, süßlich)
Sprechen wir nicht von mir, Meister Hockenjos. Die
interessante Person sind Sie. Wie kommen Sie denn her? von
wo? Sie erscheinen ja wie ... wie ...
_Hockenjos_
Wie das Gespenst am Hochzeitstag, jawohl. Aber ich fühle
mich gar nicht gespensterhaft. Zunächst will ich mich mal --
unaufgefordert, Sie verzeihen schon -- hier niederlassen.
So. Hier sitze ich, ich kann nicht anders.
_Bienemann_
Bitte sehr. Ruhen Sie sich nur aus. (Zu Abendrot, leise.)
Suchen Sie den Bürgermeister auf und sagen Sie ihm, daß ich
ihn hier in Gewahrsam halte. Aber Vorsicht! -- (Zu Binder.)
Sie brauchen nicht hier zu bleiben. Es genügt, wenn Sie im
Korridor einen Polizeidiener als Wache aufstellen. Es soll
niemand hereingelassen werden. (Während Binder und Abendrot
abgehen.) Wie ich aus Ihrem Verhalten schließen darf, ist
Ihnen also die ganze Komplikation schon bekannt, Meister?
_Hockenjos_
Komplikation nennen Sie diese Schurkerei? Auch recht.
_Bienemann_
Nun, man meint es gut mit Ihnen. Man sorgt für Ihren
Nachruhm.
_Hockenjos_
Hanswurste seid ihr.
_Bienemann_
Unterschreib ich unbesehen.
_Hockenjos_
Aber mit meinem Leichnam werdet ihr nicht so kurzen Prozeß
haben wie mit meinem lebendigen Korpus.
_Bienemann_
Ich fürchte. Ich fürchte. Sie waren also in Aßmannshausen
bei Ihrer Frau?
_Hockenjos_
Reden Sie meinetwegen von meinem Nachruhm, Herr, obwohl das
ein Gemüse ist, das keinem mehr schmeckt, wenn man's ihm
auftischt, aber von meinem Weib reden Sie nicht. Die Fäuste
tun mir noch weh, und das ist alles, was ich an Erinnerung
behalten will. Ich sage Ihnen, ein Vieh ist der Mensch.
Allerwegen treibt's ihn zum Stall zurück. Und wenn draußen
die beste Weide ist, er denkt bloß an den Stall. Das
schönste Futter läßt er liegen, das ihm der Herrgott
spendet, und rennt zur Krippe, wo der Bauer spart und mit
der Peitsche knallt.
_Bienemann_
(echt)
Ja, zum Henker, warum sind Sie denn nicht dort geblieben in
den wilden Gegenden, wenn es Ihnen schon nicht gefallen hat,
das Zeitliche zu segnen? Es wäre besser für Sie und für uns.
Jetzt haben wir bloß die Scherereien.
_Hockenjos_
Glauben Sie, ich hätte den Ehrgeiz, Ihnen Scherereien zu
ersparen? Im Gegenteil. Sie werden Ihre blauen Wunder
erleben.
_Bienemann_
(resigniert)
Na, wohl bekomm's.
_Hockenjos_
Wie flink ihr seid, einen Toten leben zu lassen, während ihr
dem lebendigen Menschen die Haut abzieht!
_Bienemann_
Mein Gott, die Zivilisation bringt eben manchen Übelstand
mit sich. Sind Sie denn nun eigentlich dort unten gewesen
bei den wilden Völkern?
_Hockenjos_
Und ob, mein lieber Herr, und ob! War dabei, wie sechzig
wackere Burschen aufgerieben worden sind von den braunen
Satansbrüdern, und wäre nicht ein malaiisches Mädchen
gewesen, das mich auf Gebirgswegen zur Küste führte, dann
könnt ich heute eure Kirchweih dahier nicht stören.
_Bienemann_
Sie betrachten unsere Angelegenheit etwas zu vergnügt,
scheint mir. Da haben Sie wohl große Strapazen erlitten?
Aussehen tun Sie ja wie der leibhafte Odysseus.
_Hockenjos_
Was wollen Strapazen schließlich bedeuten? Ist eine
Herrlichkeit, wenn einem die Sonne immerfort bis in den
Magen leuchtet. Dort ist der Mann ein Mann. Von Polizei
nirgends die Spur. Und Blumen! und Vögel! und Bäume! Da weiß
man erst, was Gott der Herr erschaffen, und warum er am
siebenten Tag ausgeschnauft hat. Hier guckt einer dem andern
auf die Finger, und schockweis fressen sie aus demselben
Tiegel. Und ein Eifer, und ein Fleiß, und eine Wichtigkeit,
aber ist's denn irgend jemandem Ernst? Tinte schwatzen sie.
_Bienemann_
Ganz meine Meinung.
_Hockenjos_
Sie sind auch so ein Kalfakter.
_Bienemann_
Verurteilen Sie mich nicht. Ich diene dem Gemeinwohl.
_Hockenjos_
Gemeinwohl ... ein richtiges Tintenwort.
_Bienemann_
Durchaus nicht.
_Hockenjos_
Möchten Sie mir nicht erklären, was Sie unter Gemeinwohl
verstehen?
_Bienemann_
(trocken)
Gemeinwohl ist das, was viele tun müssen, um einen einzelnen
zu fördern.
_Hockenjos_
Der Tausend! Mensch, Sie sind ja ein Zyniker!
_Bienemann_
Gott sei Dank, das bin ich. Diese Eigenschaft hab ich mir im
Umgang mit Leuten erworben, die sich dadurch von mir
unterscheiden, daß sie den Begriff Gemeinwohl anders
definieren. (Stimmenlärm von der Straße.)
_Hockenjos_
Jetzt geht's los da drunten.
_Bienemann_
Ja. Ich bin nur neugierig, was wir mit Ihnen da oben
anfangen werden.
_Hockenjos_
Ich auch.
_Bienemann_
Sie haben also keine bestimmte Vorstellung über Ihre
zukünftige Rolle bei dieser immerhin ungewöhnlichen
Verwicklung?
_Hockenjos_
Ich? Nein. Ich habe nur nicht die Absicht, mir meinen Platz
in der Welt so ohne weiters wegstibitzen zu lassen. Wenn's
auch nur ein ganz lumpiger Platz war, so ein
Fünfzigpfennigplatz, auf dem Olymp ...
_Bienemann_
Das kann ich Ihnen nachfühlen. Als deklarierter Toter lebt
sich's nicht sehr bequem.
_Hockenjos_
Und noch dazu auf solche Manier deklariert ... (Erregt
sich.) Wenn ihr wenigstens das Denkmal von einem anständigen
Kerl hättet machen lassen. Aber von diesem Zuckerbäcker, dem
Mettenschleicher! diesem Pfründner, der von der Kunst
ungefähr so viel versteht wie ich vom Koloratursingen,
diesem Eunuchen, der mit seiner Nase immer an den
unanständigsten Gegenden prinzlicher Personen schnuppert, --
daß ihr mich von dem habt verewigen lassen, das wurmt mich.
_Bienemann_
Wir haben halt Pech mit Ihnen. Jetzt ist es zu spät.
_Hockenjos_
Mir wird schon übel, wenn ich das Zeugs da unter den Hüllen
sehe. Wahrscheinlich so ein Marzipan-Engel, was?
_Bienemann_
Natürlich, was glauben Sie denn! Wir werden uns doch die
Muse nicht entgehen lassen, die den Künstler auf die Stirne
küßt!
_Hockenjos_
Und mit zwei Flügeln, was?
_Bienemann_
Zwei Flügel. Ganz richtig. Wie sich's gehört.
_Hockenjos_
O, du Schuft!
_Bienemann_
Achtung, jetzt hör ich den Bürgermeister kommen.
_Karinkel_
(stürzt in höchster Eile herein)