_Lord Hamilton_
Emma? Was ist das, -- Emma --? Du unterstehst dich, mit
sonderbarer Intimität einen Namen zu nennen, der für mich
nicht mehr bedeutet als der Straßenschmutz.
_Sir Francis_
(aufwallend)
Durch eine solche Sprache empören Sie alle meine Gefühle!
_Lord Hamilton_
(kalt)
Ich statuiere deine Gefühle nicht, mein Sohn. Gefühle sind
der Luxus der Unbotmäßigen.
_Mr. Dashwood_
Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet: Schreibtafel
her.
_Sir Francis_
(wütend)
Könnte jener Mann nicht schweigen, da er doch -- abwesend
ist?
_Lord Hamilton_
Wir wollen zunächst den Tatbestand ordnungsmäßig darlegen.
(Setzt sich in richterliche Pose.) Mister Dashwood, seien
Sie so freundlich, den Bericht über die Vergangenheit der in
Rede stehenden Personage vorzulesen. Meine Zunge sträubt
sich dagegen. (Reicht das Schriftstück hinüber.)
_Mr. Dashwood_
(liest)
Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten Herkunft. Man weiß
weder die Zeit noch den Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst
war sie Gouvernante, dann ergab sie sich einem schändlichen
Gewerbe. Sie durchlief die Straßen von London; auf den
Trottoirs der unermeßlichen Hauptstadt irrte sie obdachlos
umher und sank zur tiefsten Erniedrigung ihres Geschlechtes
herab.
_Sir Francis_
Dies ist eine Verleumdung!
_Lord Hamilton_
Es würde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit,
beweisen, wenn dich meine Ermittlungen sogleich überzeugen
würden. Ein Umstand, der freilich ihrer Triftigkeit nichts
anhaben kann. Fahren Sie fort, Mister Dashwood.
_Mr. Dashwood_
(in weinerlichem Ton)
-- Geschlechtes herab. Da traf sie einen schottischen
Scharlatan, der sich Doktor Graham nennen ließ und der einen
sogenannten Tempel der Gesundheit mit einem sogenannten
himmlischen Bett eingerichtet hatte. Wer für die Nacht
fünfzig Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und
Seide geschmückte Bett legen und erhielt angeblich die
verlorenen Kräfte der Liebe und der Männlichkeit zurück.
_Sir Francis_
So viel ist richtig, daß Doktor Graham Emmas Wohltäter war.
Es ist richtig, daß sie Not litt und an dem Schotten einen
väterlichen Beschützer fand.
_Lord Hamilton_
Ich gebe zu, daß du ein guter Schütze und ein
ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verhältnis zur
Welt ist ein wahrhaft kindliches.
_Sir Francis_
Übrigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in dem himmlischen
Bett gelegen.
_Mr. Dashwood_
(für sich)
Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes!
_Lord Hamilton_
Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie würden mich verbinden,
wenn Sie die persönlichen Äußerungen Ihrer sittlichen
Entrüstung einstellen könnten.
_Mr. Dashwood_
-- der Liebe und der Männlichkeit zurück. Doktor Graham
verfiel auf den Gedanken -- (stockt, zieht das Taschentuch,
wischt die Stirne.) Mylord, es fällt mir schwer ...
_Lord Hamilton_
Überwinden Sie sich, Mister Dashwood.
_Mr. Dashwood_
-- verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon völlig ... völlig
unbekleidet ...
_Lord Hamilton_
(scharf)
Steht da »unbekleidet«, Mister Dashwood?
_Mr. Dashwood_
(trostlos)
Nackt. Völlig nackt!
_Lord Hamilton_
(erhebt sich)
So ist es. Völlig nackt. Das ist der Gipfelpunkt.
_Mr. Dashwood_
-- oder kaum bedeckt mit einem Schleier ...
_Sir Francis_
(seine Position mit ungenügenden Mitteln stützend)