_Lord Hamilton_
(stark)
Kaum! -- kaum!
_Mr. Dashwood_
Der Herr bewahre mich in seiner Huld und Gnade vor diesem
Sodom!
_Lord Hamilton_
Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma Lyon völlig
nackt, oder --
_Mr. Dashwood_
(mit erbarmenswürdiger Stimme)
-- kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem Namen der Göttin
Hygäa in das Vorzimmer zu dem himmlischen Bett zu postieren
und sie für Geld sehen zu lassen ... Neugierige strömten nun
in Massen herbei, um vor dem Altar der Göttin ihren Tribut
niederzulegen und bald sah man überall unanständige
Kupferstiche der neuen mythologischen Person, Bilder, worauf
sie als Venus, als Phryne, als Olympia, als Kleopatra
abkonterfeiet war.
_Lord Hamilton_
Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen uns keine Mühe
mehr zu geben, den Pfuhl weiter auszumalen. Ob du von
alledem unterrichtet warst, lasse ich dahingestellt. Ich
frage mich nur, wie es möglich war, daß du eine Verbindung
mit diesem Auswurf des Lasters auch nur in Betracht ziehen
konntest ...
_Sir Francis_
(verzagt)
Ich liebe sie.
_Lord Hamilton_
Einfältiges Zeug!
_Sir Francis_
Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft anerkennen,
Vater --
_Lord Hamilton_
Lüderliche Phantasien! Ich hörte einmal einen Münzensammler
sagen, daß er seine Münzen liebe. Das hatte wohl eher einen
Sinn. Man habe keine Leidenschaften unter der Würde des
eigenen Standes. Und wenn man sie hat, so verberge man sie
wie ein unappetitliches Geschwür. Wo in aller Welt ist es
erhört, daß man aus einer »Leidenschaft« die Folgerung zu
heiraten ableitet?
_Sir Francis_
Erfüllen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater, ehe Sie
sich endgültig entschließen ...
_Lord Hamilton_
Nun?
_Sir Francis_
Sprechen Sie mit Emma Lyon!
_Lord Hamilton_
(voll Verachtung)
Du bist ebenso verrückt als vermessen.
_Sir Francis_
(mit stoischer Gleichgültigkeit, da er keine Hoffnung mehr
hat)
Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort als bis sie
mit Ihnen gesprochen hat.
_Lord Hamilton_
(starr und steif)
Wie --?
_Mr. Dashwood_
Jesus Christus steh mir bei!
_Emma Lyon_
(tritt, in weiblicher Kleidung, draußen in die Halle).
_Der Majordom_
(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und meldet
mit dummem Gesicht)
Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen zu werden.
_Lord Hamilton_
Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale. Bedaure.
(Majordom ab.)
_Emma Lyon_
(am Majordom vorüber, tritt frech ein. Ihr Kostüm ist im
Stil des Direktoire gehalten; es ist äußerst geschmackvoll
und bringt die Formen des Körpers verführerisch zur Geltung)
Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale und Emma Lyon sind
nämlich ein und dieselbe Person.
_Mr. Dashwood_
(mit gefalteten Händen vor sich hin)
Lockbild der Hölle!
_Emma Lyon_
Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz ohne Beistand
dem Sturm des väterlichen Unwillens preisgeben. Im
Wortgefecht ist er leider nicht sehr gewandt. Auch muß man
ihn bisweilen an der Leine halten wie einen unbesonnenen
jungen Hund.
_Lord Hamilton_
(schweigt angeekelt).
_Emma Lyon_
(unbekümmert weiterplaudernd)
Sie als Vater können freilich nicht so viel Possierliches
an ihm finden wie ich. Er hat sich in letzter Zeit zu seinem
Vorteil entwickelt, aber als ich ihn kennen lernte, konnte
er durch die Art, wie er ein Kompliment machte, eine
Methodistenversammlung zum Lachen bringen und seine
Konversation hätte einen Holzhacker in Verlegenheit
gebracht. Es hat Mühe gekostet, ihm eine passable Figur zu
geben. Sie haben seine Erziehung entschieden vernachlässigt,
Mylord.
_Mr. Dashwood_
(entsetzt flüsternd)
Ein Dämon!
_Sir Francis_
(zerknirscht und vorwurfsvoll)
Emma --!
_Lord Hamilton_
(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke).
_Emma Lyon_
(wie oben)
Was Wunder, daß ich mit dem Vorurteil herkam, ein
unwirtliches Waldhaus und in ihm einen bissigen
Menschenfeind zu finden? Francis hat nur mit Zähneklappern
von seinem väterlichen Heim gesprochen, und da endlich sagte
ich mir: den Minotaurus will ich sehen. Vielleicht ist er
gar nicht so fürchterlich. In der Tat er ist nicht
fürchterlich. Auch mutet mich alles hier ganz behaglich an,
und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon komisch vor. (Zu
Sir Francis.) Was meinst du, liebe Ariadne?
_Mr. Dashwood_
Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht groß
erstaunlich.
_Lord Hamilton_
(ergreift die Handglocke, läutet energisch. Ein Diener
kommt)
Mister Rippledale wünscht seinen Wagen. Lassen Sie
vorfahren!
_Emma Lyon_
Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen, Mylord. (Sie ist
durchaus nicht aus der Fassung gebracht, spricht, als ob ein
unsichtbarer Rippledale vor ihr stände.) Sie wollen schon
gehen, Mister Rippledale? Schade. Aber ich sehe ein, daß Sie
sich nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen wollen.
Ich wünsche Ihnen gute Reise. (Schüttelt dem Unsichtbaren
die Hand.) Sei so freundlich, Francis, und begleite Mister
Rippledale hinaus. (Da Sir Francis sie zögernd anschaut, mit
einem befehlenden und vielsagenden Blick.) Hurtig, mein
Lieber! Mister Rippledale ist nicht gewöhnt, unhöflich
behandelt zu werden. (Zu Mr. Dashwood.) Und Sie, mein
dicker Reitersmann, Sie würden gut daran tun, wenn Sie
draußen die Identität meines Freundes Rippledale feststellen
würden. Nehmen Sie ihn in ein Kreuzverhör und lassen Sie
sich eine kleine Magenstärkung reichen. (Zum Diener, der mit
aufgerissenen Augen wartet.) Ein Glas Sherry für den Herrn!
Er bedarf der Kräftigung.
_Mr. Dashwood_
(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der
Berührung Emma Lyons zurück, die ihn unterm Arm fassen will,
und da der Lord wie versteinert ist und keine Miene macht zu
sprechen, geht er in weitem Bogen ängstlich um sie herum
nach der Tür, wo ihm Sir Francis durch eine mürrische Geste
bedeutet, daß er gehen solle. Er schlägt die Hände zusammen,
als sei der Untergang der Welt angebrochen, und verläßt das
Zimmer. Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und
unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu
korrespondieren, auch Sir Francis).
_Emma Lyon_
(schließt die Türe zur Halle hinter ihnen)
Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! (Öffnet noch einmal die
Tür und winkt.) Addio! (Kehrt zurück.) Darf ich jetzt von
Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, Gebrauch machen, Mylord?
(Sie setzt sich, lächelt gewinnend.)
_Lord Hamilton_
(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen
konsterniert. Er greift sich wie träumend an den Kopf. Seine
Stimme klingt heiser, während er stotternd beginnt)
Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht, vermittelst einer
schamlosen Komödie in mein Haus zu dringen?
_Emma Lyon_
(blickt ihn mit unschuldiger Miene lächelnd an, winkt, als
ob sie ihn ermuntern wolle).
_Lord Hamilton_
(immer noch mühsam nach Worten ringend, wobei er sich
bestrebt, das junge, schöne Geschöpf nicht zu sehen)
Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich erkläre
diese Befehle für ungültig.
_Emma Lyon_
(harmlos)
Das dacht ich mir gleich.
_Lord Hamilton_
Sie haben mich überfallen, aber ich weigere mich, mit Ihnen
zu sprechen. Ich fordere Sie auf, Sir Francis und Mister
Dashwood wieder hereinzurufen.
_Emma Lyon_
Daß ich eine Närrin wäre! Es hat Arbeit genug gekostet, sie
hinauszubringen.
_Lord Hamilton_