Willst du denn _nicht_ begreifen, Gentz? (Lange Pause.)

_Gentz_

(die Hand an der Stirn, plötzlich schwer)

Sprich nicht davon, Fanny. Sprich nicht davon. Du kennst

dich selber nicht. Du kennst mich nicht.

_Fanny_

(innig)

Schau, Gentz, anders konnt' es doch nicht, durft' es doch

nicht kommen, oder die Natur ist nicht mehr Natur und Blut

nicht mehr Blut.

_Gentz_

(leise)

Also doch ... Felix! Felix! -- Sprich nicht davon, Fanny!

(Ausbrechend.) Oder sag lieber, daß alte Männer langweilig

sind, daß sie graue Haare haben und schwarze Zähne, daß sie,

anstatt Liebesworte zu girren, besser ihr Testament abfassen

sollten, daß jung sein, nichts anderes bedeutet als grausam

sein, gefräßig sein, meineidig sein und daß man nicht

vergessen soll, zur rechten Zeit zu sterben ... Gott, wohin

verlier' ich mich!

_Fanny_

(erregt)

Gentz, hör mich an. Den Kontrakt, noch kann ich ihn

zerreißen --

_Gentz_

Nimmermehr, Fanny. Blieb ich darum weniger ein Greis?

_Fanny_

Dir dank ich alles, Gentz, und will dir's danken, ohne

Engigkeit, nicht bloß mit Reden, sondern von Herzen gern,

und da, in meinem Herzen, bist du und bleibst du allezeit.

Du bist mir das Höchste auf der Welt, als Mensch, und weil

du's bist, mußt du's verstehen, wenn ich mein Herz nicht vor

dir hehle. So war ja die Abrede zwischen uns, und immer

warst du darauf gefaßt.

_Gentz_

(düster)

Man ist nie auf ein Ende gefaßt, wenn es da ist. Der

Glückliche steht immer an einem Anfang.

_Fanny_

Ein Ende, Gentz! Wer spricht vom Ende? Wahrlich, du betrübst

mich ganz und gar. Ich bin ganz irre jetzt.

_Gentz_

Sprich nur weiter, Fanny, so hör ich wenigstens deine

Stimme.

_Fanny_

Dir mag's von mindrem Wert erscheinen, was mich jetzt

erfüllt; vielleicht ist's auch so, doch was nützt Rede und

Widerrede, wenn dich die Sinne zwingen und dich auf den Weg

treiben, -- einem in die Arme, der wartet, wartet, und den du

nicht hast kommen sehn, und du mußt zu ihm, als ob's Gott

selber so beschlossen hätte. Rühmt' ich seine Augen oder

seinen Gang oder daß er's redlich meint und ein treues Gemüt

hat, so würd ich lügen, Gentz, denn dies ist's nicht, was

mich hintreibt, 's ist vielmehr wie ein Rhythmus beim Tanz,

der die Unruhe auflöst und die Luft um einen her dünner

macht. Auch auf Betrug war's nicht abgesehn, denn her bin

ich gekommen, um alles frei zu sagen, nur hat's mir weh um

dich getan.

_Gentz_

Wie deine Augen glänzen, Fanny ...

_Fanny_

Du mußt ihn sehen, Gentz! Wie er schreitet, sich bewegt! Wie

schlank er ist, wie er den Kopf wendet, wie edel er sich

hält, wie die Gelenke abgesetzt sind. Mit ihm zu tanzen, ist

halbe Arbeit; er trägt mich, schwingt mich so dahin. Wie

mir's bei dir geschieht, wenn ich im Leben zaghaft werde, so

gibt er mir Mut und Lust beim Tanz.

_Gentz_

Wann willst du reisen, Fanny?

_Fanny_

(mit gesenktem Kopf)

Weiß noch nicht. In der nächsten Woche, denk ich.

_Gentz_

Wozu der lange Aufschub? Es wäre besser, du würdest morgen

reisen.

_Fanny_

Bist du so ungeduldig, mich los zu werden, Gentz?

_Gentz_

Ich will dir einen Platz auf der Post bestellen.

_Fanny_

Soll ich heut abend nicht zu dir kommen?

_Gentz_

Heut abend laß mich lieber allein.

_Fanny_

Jetzt will ich aber den armen Stuhlmüller nicht länger

warten lassen.

_Gentz_

Adieu, Fanny.

_Fanny_

Magst ihn nicht wenigstens sehen? Sprich ein freundlich Wort

mit ihm.

_Gentz_

Nicht heute, nicht jetzt.

_Fanny_

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 27 / 74 题