_Fanny_
(die ihm nachgeschaut hat)
Er ist ganz anders als sonst, der Felix ...
_Gentz_
Bist du nicht eifersüchtig auf dich selbst, da deine besten
Freunde eifersüchtig auf deine besten Freunde werden?
_Fanny_
Ist es so, dann tut er mir herzlich leid.
_Gentz_
Nun, die Dinge liegen so einfach nicht. Du steigst empor, du
richtest die Blicke der Menschen auf dich, die Männer, wie
sie einmal sind: eifersüchtig selbst da, wo sie nicht
lieben ...
_Fanny_
Oft denk ich mir, es wäre Zeit, dem Wiener Boden Valet zu
sagen --
_Gentz_
Sprich's nicht aus, Kind.
_Fanny_
(schüchtern)
Jetzt grade könnt ich's tun, Gentz. Ich hab einen Antrag
nach Berlin; soll an der königlichen Oper tanzen.
_Gentz_
Also doch! Wie hab ich den Moment gefürchtet.
_Fanny_
Ich tu's ja nicht, Gentz, tu's keinesfalls.
_Gentz_
Hat man dir den Kontrakt schon vorgelegt?
_Fanny_
Ja, ich hab ihn dabei. (Zieht das Dokument aus ihrem
Pompadour und übergibt es Gentz.)
_Gentz_
Laß sehn ... (liest) Ballette »Blaubart«, »die Fee und der
Ritter«, »Ottavio Pinelli«, »die Stumme von Portici« ... für
drei Monate ... die Summe von fünfzehnhundert Talern nebst
Spielhonorar ... (laut) Das ist nicht übel. Das wäre ja
durchaus nicht von der Hand zu weisen.
_Fanny_
(versucht gleichgültig zu erscheinen)
Nicht wahr? Verlockend ist es.
_Gentz_
Du hast also Lust, zu den Berlinern zu gehen?
_Fanny_
(rasch)
Nein, Gentz; eigentlich ganz und gar keine Lust.
_Gentz_
Den Antrag abzuweisen wäre nicht klug von dir.
_Fanny_
Man kann's ja aufs nächste Jahr verschieben.
_Gentz_
Nein. Die Welt verlangt nach dir. Dein Bezirk ist Europa,
der Erdball.
_Fanny_
Ist denn Berlin schon Europa?
_Gentz_
Für jeden beginnt Europa, beginnt die Welt da, wo er seine
Heimat verläßt.
_Fanny_
(mit sehnsüchtigen Blicken, trotz des entschiedenen Tons)
So gern ich's möchte, Gentz, ich kann nicht von dir weg. Bei
dir weiß ich, daß ich behütet bin. Du hast alles aus mir
gemacht. Du warst alles für mich, mein Vater, mein Bruder,
mein Freund, mein Lehrer. Du hast mich aufgeweckt, ich hätte
keinen Ehrgeiz ohne dich, ich wüßte nichts von mir ...
_Gentz_
Doch kann ich dir den Ruhm nicht geben, der dich fern von
mir erwartet.
_Fanny_
Was soll mir der Ruhm, wenn ich ihn nicht bei dir vergessen
kann.
_Gentz_
Je länger ich überlege, je unverantwortlicher erscheint es
mir, dich zurückzuhalten.
_Fanny_
(mit unwillkürlich hingerissener Gebärde)
Hinaus ins Unbekannte --! Eines ist ja wahr: zu eng wird's
mir hier. Sie glauben mir nicht ganz, ich bin ihnen nicht
fremd genug.
_Gentz_
Kehrst du zurück, so gebietest du denen, die dich jetzt nur
dulden.
_Fanny_
Und doch ... nein, 's ist unmöglich. Schau, Lieber, mit
Berlin ist's ja nicht abgetan. Da muß ich dann weiter. Da
lockt's mich weiter. Nach Paris, wo die Taglioni tanzt.
_Gentz_
Sie ist kalt, sie ist blutlos, ein Schatten gegen dich.
_Fanny_
Aber dort wissen sie, was tanzen heißt. Man ist stärker,
wenn's um den höheren Preis geht. Die Franzosen, siehst du,
die möcht ich behexen, und wenn die Taglioni ein Engel ist,
wie sie sagen, will ich zum Teufel werden. O, ich fühle, daß
ich's kann! Ich hab's neulich gespürt im Blaubart, das
ganze Theater war so still wie eine leere Kirche, und alle
Augen waren so feurig in der Dunkelheit. Ach, Gentz! Paris!
Paris!
_Gentz_
(der sich immer mehr in heroische Entsagung hineinlebt)
Warum nicht? Paris ist nur eine Domäne des Glücksreichs, das
du gründen wirst.
_Fanny_
Und von Paris nach London, und von London nach Amerika. Die
Amerikaner sollen ja so reich sein, da könnt ich mir viel
Geld verdienen, herrliche Kostüme kaufen, die Dichter und
die Komponisten bezahlen, daß sie mir wunderbare Texte und
schöne Musik machen. O, ich hätte Mut. Das Meer fürcht ich
nicht und die Wildnis nicht.
_Gentz_
So gefällst du mir. So gärt der Most, aus dem edler Wein
wird.
_Fanny_
(enthusiastisch)
Und lernen, lernen, lernen, Gentz! Weißt du, was man von der
Taglioni und ihrem Vater erzählt? Als sie in London war,
wohnte unter ihr ein Mann, der ließ ihr sagen, sie möchte
sich durch die Rücksicht auf seine Nachtruhe nicht in der
Arbeit stören lassen. Und was hat der alte Taglioni
geantwortet? Sagen Sie diesem Herrn, hat er dem Diener
zugerufen, daß ich noch nie den Schritt meiner Tochter
gehört habe, und daß ich sie verfluchen würde an dem Tag, wo
es geschähe. Das find ich groß!
_Gentz_
Du hast Gaben, um die dich eine Taglioni beneiden wird.
_Fanny_
(stockt, seufzt)
Das ist's ja eben. Es ist einem oft zu Mut, als ob die
Menschen voll Haß wären gegen die Kunst. Der Neid, die
Mißgunst, wie soll ich's ertragen, wenn du mir nicht hilfst?
Du bist klug, bist mächtig, sie beugen sich vor dir, und
wenn ich bei dir bin, vergeß' ich die hämischen Gesichter.
Nein, ich will nicht fort.
_Gentz_
Ich kann dich nur bis dahin führen, wo dir der Sinn des
Daseins verständlicher wird, Fanny. Wir sind allein und
müssen allein bleiben, ein jeder. Vielleicht ist es deine
Aufgabe, dieses Gefühl der Einsamkeit, von dem die Menschen
erfüllt sind, in Schönheit zu verwandeln. Uns beide hat das
Geschick nur in einer Laune zusammengeworfen, mich am Ende,
dich am Anfang eines Wegs. Es ist mehr als Liebe, was uns
bindet. Du warst für mich geschaffen und fühlst es. Daß die
Zeit sich in unserer Geburt verrechnet hat, kann uns nicht
beirren. Nichts wird uns trennen, -- weshalb so viel Wesens
machen um die paar Meilen von hier bis Berlin?
_Fanny_
Und unsere Gespräche, unsere Ausflüge, unsere gemütlichen
Abende, wo wir das »Buch der Lieder« zusammen gelesen
haben ...
_Gentz_
(scherzhaft)
Bst! Willst du wohl? Daß du mich nicht verrätst, denn dieser
Heine ist ein Erzliberaler.
_Fanny_
Doch liebt er die Tänzerinnen, so viel ich weiß.
_Gentz_
Ja, das tun die Liberalen sonst nicht. Und nun setz dich an
den Schreibtisch, nimm den Federkiel und schreib deinen
Namen unter den Kontrakt.
_Fanny_
(schalkhaft)
Das heißt so viel, als du schickst mich fort? (Sie setzt
sich.)
_Gentz_
In dieser Minute schreibst du deinen Namen ins Firmament der
Unsterblichkeit.
_Fanny_
Noch ist's nicht geschehen, Gentz. Soll ich? Soll ich
wirklich?
_Gentz_
(legt seine Hand auf ihre Schulter, sie blickt zu ihm empor)
Ich bin stolz darauf, deinen vollen Wert, von dem deine
Schönheit und deine Kunst nur Teile sind, erkannt zu haben,
und die Freundschaft, mit der du meine Liebe belohnst,
schätze ich höher als Güter der Erde. Ich lebe nur in dir,
Fanny; sterben hat keinen andern Sinn für mich als eine Welt
verlassen müssen, in der du atmest. Ich habe den Mut zu
glauben, daß mich nichts aus deinem Herzen reißen kann. Wenn
du mich durch einen einzigen Händedruck versicherst, daß ich
mich nicht irre, so bleibt mir nichts mehr zu wünschen
übrig.
_Fanny_
(gibt ihm die Hand)
Ja, Gentz, Freundschaft, das ist das rechte Wort.
_Gentz_
Das einzige, Fanny?
_Fanny_
Gibt's ein besseres noch?
_Gentz_
Ich wag es nicht auszusprechen. Doch nun ich deine Hand
habe, bist du mir versprochen, Fanny. Es ist zwar nur die
linke, aber es ist mir keine lieber als die andre. Ich
drücke sie an die Lippen und mit der rechten schreib'.
Schreib deinen Namen, verschreib dich dem Ruhm.
_Fanny_
Schwer ist das Schreiben ohnehin, und erst wenn du mir den
Arm wegnimmst ... Also probier ich's (schreibt) Fanny ...
Elß ... ler. Wunderlich! Da steht's nun! Und ist nichts
geschehen eigentlich ...
_Gentz_
Siehst du, Fanny, so hab ich dich zu deinem Wunsch bekehrt.
_Fanny_
(dankbar)
Gentz! Lieber!
_Jean_
(kommt)
Es ist einer draußen und sagt, er will die gnä' Fräul'n
sprechen.
_Fanny_
Mich?
_Gentz_
Wer mag's denn sein? Hat er den Namen nicht genannt?
_Fanny_
(rasch)
Ach richtig, das ist sicherlich der Stuhlmüller.
_Jean_
(verächtlich)
Ja. Stuhlmüller. So nennt er sich.
_Fanny_
(mit blitzenden Augen)
Weshalb spricht der Mensch so despektierlich, frag ich?
_Jean_
Entschuldigen die gnä' Fräul'n, aber ...
_Gentz_
(streng)
Nichts. Genug. Frag ihn, was er will. (Jean ab.) Wie kann
der Bursch es wagen ...
_Fanny_
Aber ich versteh dich gar nicht ... abholen will er mich. 's
ist Prob am Nachmittag, und außerdem ...
_Gentz_
Außerdem?
_Jean_
(kommt zurück)
Der Monsieur Stuhlmüller läßt sagen ...
_Gentz_
's ist gut. Weiß schon. Soll draußen warten. (Jean ab.)
Außerdem, Fanny?
_Fanny_
Er ist's ja, Gentz, der Stuhlmüller, der mir den Kontrakt
verschafft hat, und jetzt brennt ihn halt die Neugier zu
erfahren --
_Gentz_
_Er_ hat dir den Kontrakt verschafft? Wie kommt er denn
dazu?
_Fanny_
Er ist ja in Berlin engagiert, und ich soll seine Partnerin
sein.
_Gentz_
Er dein Partner, meinst du ...
_Fanny_
Ja, wenn du so willst ...
_Gentz_
Deshalb ist immer noch kein Grund für ihn, in mein Haus zu
dringen.
_Fanny_
Warum denn so feindselig, Gentz?
_Gentz_
Ich mag's nicht. Mag das Theatervolk nicht leiden. Haben
alle so was Penetrantes.
_Fanny_
Er war mir ein guter Kamerad.
_Gentz_
(mit den Händen auf dem Rücken hin- und hergehend)
Das dacht ich mir.
_Fanny_
(langsam)
Er war's ... (stockend) er ist's nimmer.
_Gentz_
(bleibt stehen)
Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Also habt ihr euch
zerstritten?
_Fanny_
Er ist mir noch was anderes.
_Gentz_
(blickt sie starr an)
Er ist dir sehr ergeben, hoff ich.
_Fanny_
Ergeben? Nein. Eher ... stolz.
_Gentz_
Der elende Komödiant! Werd ihm die Leviten lesen.
_Fanny_