Jener Stuhlmüller --

_Gentz_

Was ist mit ihm?

_Graf Reitzenstein_

Fanny liebt ihn.

_Gentz_

Oh! Oh! Oh! Stuhlmüller! Felix, Sie sind gar zu treuherzig.

_Graf Reitzenstein_

Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch von

Täuschung und Illusion. Ich habe die beiden beieinander

gesehen, und nicht nur heute.

_Gentz_

Was noch?

_Graf Reitzenstein_

Ich habe Blicke gesehn, Gebärden gesehn ... O, ich kenne

Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie ehrlich bis zur

Selbstvergessenheit.

_Gentz_

Und wäre in dieser Ehrlichkeit betrügerisch gegen mich?

Felix! Felix!

_Graf Reitzenstein_

Ich wiederhole: sie ist ein Weib.

_Gentz_

Komischer Refrain. Mann -- Weib. Ist die Natur eine Maschine

und sind die gröbsten Gegensätze der Begriffe nur erfunden,

damit man aus einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen

kann?

_Graf Reitzenstein_

Sie beleidigen die Natur, Gentz.

_Gentz_

Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen Leute. Ihr

stolziert in abgestempelten Anschauungen herum wie ein Hahn

auf einer Grammatik. Stuhlmüller? wer ist Stuhlmüller für

mich? Was ist er für meine Welt, für mein Gefühl, was er

nicht auch zugleich für Fanny wäre?

_Graf Reitzenstein_

Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz.

_Gentz_

Ihr wißt nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt nur eine

Liebenswürdigkeit, bei der das Herz abwesend ist ... (Er

lauscht.) Horch! Sie kommt, Felix! (Entzückt.) Ich höre

ihren Schritt ...

_Graf Reitzenstein_

Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein, wenn ich mich jetzt

verabschiede.

_Gentz_

(mit leichtem Spott)

Sie müssen ihr wenigstens in die Augen schauen, Felix. (Er

lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.)

_Graf Reitzenstein_

Sie könnte mich glauben machen, daß ich ihr etwas bedeute,

und um so weniger könnt ich sie vergessen.

_Gentz_

Ist sie's? -- Ja, sie ist's.

_Graf Reitzenstein_

Vielleicht feiern wir heute abend noch ein kleines Fest zu

dreien, lieber Gentz. Am Sonntag reis' ich nach Paris.

_Gentz_

(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut)

Felix!

_Jean_

(tritt ein, reißt die Türe auf)

Demoiselle Elßler.

_Fanny Elßler_

(folgt dem Diener. Sie trägt ein helles, schottisches Kleid

und einen blumengeschmückten Spitzenhut mit Band und

seitlich herabgebogenen Bändern. Gestalt und Bewegungen sind

von vollendeter Schönheit. Die ursprüngliche Naivität,

Heiterkeit und Frische kämpft bisweilen gegen eine

erworbene, anmutige Würde)

Grüß Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder bei dir.

_Gentz_

(fast erschüttert bei ihrem Anblick)

Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei Tage!

_Fanny_

Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie geht's Ihnen?

Habt ihr ernste Gespräche gehabt? Es liegt so was in der

Luft.

_Gentz_

Du siehst blühend aus, Fanny. Tu doch den Hut herunter ...

_Fanny_

(nimmt den Hut ab, streicht mit den Händen das schwarze

gescheitelte Haar glatt, das rückwärts zu einem griechischen

Knoten geknüpft ist)

Gemütlich ist's bei dir, Gentz, und ich freu mich, daß ich

wieder da bin. Die schönen Rosen!

_Gentz_

Findest du nicht, daß Rosen auch Schwermut erwecken können?

Es gibt eine gewisse Fülle des Lebens, die traurig macht.

_Fanny_

(streicht ihm über die Stirn)

Laß das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit sprichst, krieg

ich gleich ein schlechtes Gewissen. Warum so schweigsam,

Felix? Ihr Männer seid komische Leute. Wenn ihr miteinander

gesprochen habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch

weiß man alles, wenn man euch nur anschaut.

_Gentz_

Wie steh ich armer Diplomat nun da!

_Graf Reitzenstein_

(lächelnd)

Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon gewirkt?

_Fanny_

(lacht)

Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So stehn die Sachen,

Gentz?

_Gentz_

Er ist ein gar zu grüblerischer Geist, der Felix. Denke dir,

er hat mir Vorwürfe über meine leichtsinnige Wirtschaft

gemacht. Er ist der Meinung, daß ich zu verschwenderisch

gegen dich bin --

_Graf Reitzenstein_

Gentz! Gentz!

_Fanny_

Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er mir partout

eine diamantene Agraffe kaufen --

_Graf Reitzenstein_

Es hieße Sie beleidigen, Fanny, wollte man Edelsteine für

köstlicher halten als die Freude, Sie damit schmücken zu

können.

_Fanny_

Wie galant!

_Gentz_

Galant und wahr zugleich. Ich habe ihm gesagt, wenn man in

meinem Alter zum Harpagon wird, gleicht man einem Soldaten,

der nach dem Krieg desertiert.

_Graf Reitzenstein_

Der Geizige hat vor dem Verschwender das eine voraus, daß er

alle seine Wünsche erfüllen kann. (Greift nach seinem Hut.)

_Fanny_

Gehen Sie schon, Felix? Wie schade!

_Gentz_

Leben Sie wohl, lieber Freund.

_Graf Reitzenstein_

Ich darf doch darauf rechnen, daß Sie heute abend mit Fanny

bei mir soupieren?

_Fanny_

Das wäre reizend.

_Gentz_

Heut abend kann ich unmöglich, 's ist ein Diner beim Fürsten

und der französische Gesandte kommt hin. Der Fürst legt Wert

auf meine Anwesenheit. Aber morgen, wenn dir's recht ist,

Fanny? Gut, wir kommen morgen.

_Graf Reitzenstein_

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 25 / 74 题