Und doch dachten Sie einst an eine Heirat --

_Gentz_

Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was bin ich

heute? Der entlassene Kammerdiener großer Herren. Was

besitze ich? Nichts. Schulden über Schulden. Sollte die Frau

Hofrätin tanzen? Kann man einen Stern vom Himmel reißen, um

ihn zum Schmuckstück für die Wohnstube eines Literaten zu

machen? Das heißt die Ewigkeit zum Augenblick erniedrigen,

und wer so handelt, dem versagt der Augenblick. Und so lang

ich dem Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich

einen Augenblick vor meinem Tod.

_Graf Reitzenstein_

Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz. Ich möchte

bewundern und muß doch trauern --

_Gentz_

Trauern? Worüber? Sie suchen umsonst den frivolen Höfling in

mir, dessen geprägte Malicen noch gestern halb Europa zum

Lachen brachten. (Er nimmt ein mysteriöses Wesen an.) Ich

bin fromm geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen.

Besonders in der Nacht.

_Graf Reitzenstein_

Armer Freund, kaum will mir das Wort über die Lippen ...

_Gentz_

Was für ein Wort? Gegen Worte bin ich gewappnet. Das ist

mein Beruf.

_Graf Reitzenstein_

Fanny ist nicht nur eine Tänzerin, sie ist auch ein Weib.

_Gentz_

Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung. Wollen Sie mir

damit sagen, daß Sie ein Mann sind? Ich habe nie daran

gezweifelt.

_Graf Reitzenstein_

Nicht um mich handelt sich's. Es tut mir leid, daß ich mich

zu einem Geständnis meiner Empfindungen für Fanny habe

hinreißen lassen. Es geschah, weil ich Ihnen Offenheit

schuldig zu sein glaubte. Es ist von meiner Seite nichts

geschehen, was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar

wäre, und da Sie keinen Anlaß haben, diese Freundschaft zu

beargwöhnen --

_Gentz_

Nicht den geringsten, teurer Felix.

_Graf Reitzenstein_

-- so dürfen Sie meiner Mitteilung keine falschen Motive

geben. Neigung und Freundschaft haben mein Auge geschärft,

das ist alles.

_Gentz_

Nun, Sie machen mich neugierig.

_Graf Reitzenstein_

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 24 / 74 题