_Gentz_
(ergreift die Hand des Grafen)
Hören Sie mich an, Felix. Ich sage unmöglich, nicht, weil
ich Ihren Wert nicht kenne. Die schönste, die vornehmste,
die stolzeste Frau muß sich glücklich schätzen, Sie zu
besitzen. Aber die schönste, die vornehmste, die stolzeste
Frau, was tut sie am Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen
ihre Jugend. Ihre Schönheit ist nur dazu da, um von Ihnen,
dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden. Und sei sie
lasterhaft wie Messalina oder eine Lucretia an Tugend, sie
ist ein Weib und zwischen ihr und Ihnen ist nichts als die
kleinen und großen Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny
hingegen ist eine Tänzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete
Tänzerin. Verstehen Sie, was das heißt?
_Graf Reitzenstein_
Ich denke ... warum sollt ich nicht?
_Gentz_
Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da verteilten
sich mir die Gewichte des Irdischen, und mein Schicksal war
mir nicht mehr so lästig nahe. Ich hatte Spielraum in mir
selbst, die Vergangenheit stand nicht mehr wie ein Leichnam
hinter mir, die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye über
mir, ich fühlte mich einer höheren und leichteren Ordnung
der Dinge verwandt, und alles, was von schlechtem Gewissen
in mir war, wurde von einer heiteren Macht beschwichtigt und
zerstreut. Dem Philister ist dieser Tanz nur ein Vergnügen,
an dem er vorübergeht, dem Jüngling mag er die Sinne
befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen, doch nur der
Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer, der durch das ganze
Fegefeuer der Geister- und Körperwelt gegangen ist, die
ganze Hölle von Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt
hat, Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verräter
war, an allem versucht worden ist, durch Leiden schamlos,
durch Abwehr kalt, durch versteckte Armut listig, durch
Triumphe gleichgültig geworden ist, -- nur der kann die
Tänzerin lieben, wie sie geliebt werden muß, so wie man eine
Idee liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt.
_Graf Reitzenstein_
Das klingt groß, aber die Wahrheit des Lebens verteilt sich
im Kleinen.
_Gentz_
Ein Aperçu beweist nichts, kaum für den, der es macht. Wie
könntet ihr jungen Menschen diese Reinheit verehren, ohne
sie herabzuziehen? Diese beschwingte Leichtigkeit, ohne sie
zu lähmen? Wie könnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr
zu fordern? Man muß durstig sein können und nur vom
freiwillig gereichten Becher trinken wollen. Man muß
vergöttern können, indem man ein Wissen gibt, von dem ein
Händedruck so voll ist wie eure erzählten Aventüren. Die
Tänzerin ist in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix,
denn es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann und
nie berührt werden darf, in den feurigsten Umarmungen nicht.
Fanny opfert alle Leidenschaft ihrer Kunst. Nicht nur ihr
Gliederspiel, auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz
maßvoller Schönheit beherrscht. Man kann nicht weniger
emotionsbedürftig sein als sie es ist, die sich von allem
Stürmischen und Heftigen geradezu beängstigt fühlt. Der
Adler wird in der Gefangenschaft traurig und verliert seine
Majestät; will man sie ganz besitzen, so muß sie frei
bleiben wie der Adler.
_Graf Reitzenstein_