Nein, nein, nein --

_Gentz_

Sie haben nicht bedacht, daß kein Feuer so wütend brennt,

wie das in einem alten Haus.

_Graf Reitzenstein_

Ich wußte und weiß es. Fanny kam aus einer Welt, die tief

unter uns liegt, aus einer kleinen, armen Welt, in der man

noch an Ehren und Titel glaubt, wo von Luxus und Lebensgenuß

erzählt wird wie von Märchen. Als Fanny Sie kennen lernte,

als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr das Tor zur

großen Welt geöffnet und in Ihrer Person verehrte sie den

Ruhm und die Macht, nach denen sie sich sehnte und wofür sie

auch bestimmt ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht

entgegen, mit der die jungen Mädchen aus dem Volk einen

Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen.

_Gentz_

(unterbricht)

Und aus diesem Äußerlichsten wollen Sie etwas so

Geheimnisvolles erklären, wie es mein Bund mit Fanny ist?

_Graf Reitzenstein_

Sie lernte Sie näher kennen, sie wurde bezaubert von Ihrem

Geist, von Ihrer Kunst des Umgangs -- welche Frau von

Instinkt und Kraft würde nicht diese Atmosphäre von Leben,

von Abenteuer, von Bildung und Welt spüren, in der Sie

atmen? Für sie, die Unerfahrene, waren Sie ein Gott an

Erfahrungen. Sie konnten ihr die Tore aufriegeln, die sie

fest verschlossen wähnen mußte, und Sie haben es getan. Sie

sah in Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der

erfüllt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen schenken

durfte, weil er Liebe dafür gab. Sie fühlte Ihre

Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben, Gentz, dieses Leben,

hingebracht in Schwärmerei und Leidenschaften, in den

Verführungen der Städte wie im blutigen Dampf der

Schlachtfelder, unter Königen und großen Damen, in Arbeit

wie in Genuß, in der Melancholie der Einsamkeit und in der

Unruhe unter den Menschen. Sie war behütet und geführt,

wissend und gefeit an Ihrer Seite, und die Dankbarkeit

unterwarf Ihnen ihr Herz.

_Gentz_

Nur die Dankbarkeit? Das wäre also der #punctum saliens?#

Soll ich zweifeln, nur weil andre zweifeln?

_Graf Reitzenstein_

Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher, Gentz.

_Gentz_

Fannys allzu sicher, meinen Sie?

_Graf Reitzenstein_

Ja, Fannys allzu sicher.

_Gentz_

Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung? Ist die Medisance

am Werk? Hat man in den Salons und in den Kaffeehäusern die

Mäuler zu Guillotinen meines Glücks gemacht?

_Graf Reitzenstein_

Man ist darüber einig, daß Gentz ein beneidenswerter Mann

ist.

_Gentz_

(mehr überlegen als bitter)

Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater, und Fanny

Elßler, das blühende Wunder einer morbiden Welt. Der

seufzende Diplomat und die spöttisch lachende Nymphe, das

lächerliche Podagra und ein feuriger Czardas. Lassen Sie

hören, Felix, das war der Text. Die Melodie dazu -- pfeifen

die Drosseln.

_Graf Reitzenstein_

Nein.

_Gentz_

Aber Sie wenigstens haben die Überzeugung gewonnen, daß über

einen Abgrund von siebenundvierzig Jahren hinweg die

Leidenschaft eines Weibes gefriert und ein Mann sich aus

seiner Dummheit und Leichtgläubigkeit eine Gloriole webt.

Sagen Sie's nur.

_Graf Reitzenstein_

(wehmütig lächelnd)

Sie scheinen es also für unmöglich zu halten daß Fanny -- (Er

stockt, da Gentz mit scharf markierten Schritten auf ihn

zugeht.)

_Gentz_

Ja, Felix! Unmöglich! Unmöglich kann Sie Fanny lieben!

_Graf Reitzenstein_

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 22 / 74 题