_Gentz_
Die leidige Politik!
_Graf Reitzenstein_
Es war ein Triumph. Die Galerien haben geheult, das Parkett
hat sich die Handschuhe zerrissen. Sogar in der kaiserlichen
Loge sah man leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor
lauter Gewöhnung an Feierlichkeit alles Fett an ihrem Leibe
verloren hatten, wackelten mit ihren Köpfen, als ob das
Theater eine Glocke und sie die Schwengel darin wären.
_Gentz_
(lacht)
Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegensätze der sozialen
Welt aus, und gekrönte Häupter werden -- Publikum.
_Graf Reitzenstein_
Als sie auftrat, ging ein glückliches Seufzen durch das
Haus. Da stieg die ganze Venus aus dem Meer. Dieser Nacken,
diese Schultern, dieser Hals, die Bewegung, die anmutvolle
Hingabe, dies Sichverlieren in süßester Heiterkeit! Ich sah
Männer zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene will
ihre angeborne Trägheit vergessen, doch ihr selbst nahen
keine Wünsche, nur Vergötterung umfängt sie. Ahnungslos und
unergriffen wandelt sie durch die gesammelte Bewunderung
hindurch, wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als
Schleier um die Seele gehüllt wäre, -- und lächelt.
_Gentz_
Sie haben recht, Felix. Ihr Lächeln ist das Wunderbarste. Es
scheint aus einer tiefen Quelle aufzusteigen, wo die Genien
wohnen, die den Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet
so viel Schicksal wie ihre.
_Graf Reitzenstein_
Zur Fuchs kam sie spät, erst nach der Vorstellung. Man war
schon ein wenig müde. Aber als sie eingetreten war, begann
der Tag von neuem. Sie setzt sich neben die Hausfrau und
blickt sie zärtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert,
und Worte sind plötzlich edel. Die Luft, die sie atmet,
mitzuatmen, macht glücklich.
_Gentz_
Wenn man Sie hört, Felix, sollte man glauben, ein Verliebter
spricht.
_Graf Reitzenstein_
Und wenn ich's wäre?
_Gentz_
Sie scherzen.
_Graf Reitzenstein_
Keineswegs.
_Gentz_
Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert?
_Graf Reitzenstein_
Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Großmut ersparen.
_Gentz_
Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand ernst?
_Graf Reitzenstein_
Seh ich aus wie ein Libertin?
_Gentz_
Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny gesehen hat und
sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings --
_Graf Reitzenstein_
Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum auf Leben und
Tod wäre ...
_Gentz_
Lieber Felix, Sie überraschen mich. Wahrlich, ich weiß nicht
mehr, was ich von der menschlichen Natur halten soll. Waren
Sie es nicht, der mich im Glauben an die Möglichkeit einer
Liebe zwischen mir und Fanny befestigt hat? Ich habe
gezweifelt, und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen
aus Leben und Geschichte, die mich beruhigen sollten. Sie
waren der einzige, der verstehend in mein Herz drang, der
meine Jahre auf die Rechnung der Zeit und nicht zu Lasten
der Seele gesetzt hat. Ich war eifersüchtig, damals, als ich
noch eifersüchtig sein mußte, und Sie lachten mich aus. Wenn
ich mich quälte, ob ich würdig sei, Fanny zu gewinnen, sahen
Sie darin die Koketterie eines Mannes, der wenig verspricht,
um viel zu halten. Sie haben für mich Sonette an Fanny
gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen werde,
schrieben Sie: Wehe dem Herzen, dem die Jahre alle Blüten
rauben, und wehe der Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit
für Würde oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht,
schrieben Sie, erinnern Sie sich? »So dachte Anakreon
nicht.«
_Graf Reitzenstein_
Waren Sie nicht glücklich mit Fanny?
_Gentz_
Nur ein junger Mann darf glücklich _gewesen_ sein.
_Graf Reitzenstein_
Ich kannte mein Gefühl nicht.
_Gentz_
So hätte der geheimnisvolle Drang in Ihnen, Felix, einen
Greis beseelen wollen, und was dunkel in Ihrer jungen Brust
wohnte, übertrugen Sie mutlos und edelmütig auf mich? Ist es
so?
_Graf Reitzenstein_
Nicht ganz so.
_Gentz_
Und ich hätte sechzig Jahre unter Menschen gelebt, mit
_meinen_ Augen, und habe nicht das Spiel eines Jünglings
durchschaut?
_Graf Reitzenstein_