Herr Hofrat! --

_Jean_

Na, was gibt's denn noch? Er hat doch gehört, daß wir heut

nicht bei Kassa sind.

_Der Schneider_

Morgen ist die Trauung von meiner Tochter, und wenn mir halt

der Herr Hofrat zwanzig Gulden geben tät ...

_Jean_

Laßt eure Töchter im ledigen Stand, wenn ihr kein Geld

habt's.

_Martin_

(verächtlich)

Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten beständig.

_Jean_

Und jetzt allons! marsch! (Nimmt den Besen.) Hinaus! Es wird

gelüftet.

_Der Jude_

Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest bringen. (Ab,

desgleichen der Schneider, die Stimmen draußen verlieren

sich.)

_Martin_

Was macht er denn heut für an Kramuri, der Hofrat?

_Jean_

Die Fanny war doch drei Tag am Land bei ihrer Schwester.

_Martin_

Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher Trennung.

_Jean_

Zu Mittag kommt s' mit der Extrapost, die Fanny.

_Martin_

Fahr'n jetzt die vom Theater auch schon mit der Extrapost?

_Jean_

Die Fanny is was man eine bessere Tänzerin heißt. Hast es

schon tanzen seh'n am Kärntnertor? Die Leut' soll'n sich die

Haxen abtreten hab'n.

_Martin_

(düster)

Der Hofrat g'fallt mir gar nicht mit seiner Verliebtheit.

Das is ja schon ganz außer der Normalität. Wenn's nur keine

Mesallianz gibt.

_Gentz_

(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen kupfernen,

mit Rosen gefüllten Kessel tragen.)

Dorthin, ins Eck, ... auf die Säule.

_Franz_

(von links)

Herr Graf Reitzenstein. (Ab, auch Jean und Martin, die

Gärtnerburschen durch die Mitte ab.)

_Gentz_

(zur Tür)

Guten Morgen, lieber Felix. Ein schöner Herbsttag heute,

warm wie im August.

_Graf Reitzenstein_

(fünfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein

wenig Poet, und in seinen Zügen drückt sich die Schwärmerei

eines vornehmen Müßiggängers aus, dessen Lieblingsautor Lord

Byron ist)

Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, daß Fanny schon aus der

Brühl zurück ist.

_Gentz_

Wie, schon zurück?

_Graf Reitzenstein_

Ich habe sie vor einer halben Stunde mit Stuhlmüller beim

Theatereingang gesehen.

_Gentz_

Haben Sie mit ihr gesprochen?

_Graf Reitzenstein_

Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt.

_Gentz_

Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlmüller? Stuhlmüller?

Wer ist das doch? Richtig, der Tänzer.

_Graf Reitzenstein_

Ein exzellenter Tänzer. Er geht jetzt nach Berlin.

_Gentz_

Ah, nach Berlin. -- Ich erinnere mich: ein hübscher Bursche.

_Graf Reitzenstein_

Ja. Beine wie ein Narziß.

_Gentz_

Wie sah meine Fanny aus?

_Graf Reitzenstein_

Entzückend wie immer. Wenn man sie anblickt, hat man das

Gefühl, als sei man zu schlecht für die Welt, in der sie

lebt.

_Gentz_

Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr bei der Gräfin

Fuchs? Ich konnte nicht hingehen, da mich der Fürst zu einem

Conseil berufen hatte.

_Graf Reitzenstein_

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 20 / 74 题