Spielt in Wien, Herbst 1830

Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien. Kostbare

Empiremöbel, Nippsachen, Kunstwerke, geblümte Tapeten. Auf

einer Kommode stehen zwei Glasglocken mit eingemachten

Früchten zum Naschen. Vom Kamin leuchtet eine goldene

Stehuhr. Im Hintergrund zwei Fenster, zwischen ihnen eine

hohe Glastüre in den Garten. Links Türe zum Vorzimmer,

rechts in das Ankleidezimmer des Hofrats; diese Tür ist

offen.

Hinter der Türe links wird lebhaft gesprochen. Gleich darauf

_Jean_, livrierter Diener, von links durch das Zimmer nach

rechts ab. Die Türe links wird geöffnet, und ein dicker Jude

will herein, _Martin_, ein zweiter livrierter Diener, der im

Zimmer damit beschäftigt ist, frisches Wasser in

blumengefüllte Vasen zu gießen, eilt hin und schlägt dem

Eindringling die Tür vor der Nase zu. Protestierende Rufe

von draußen. _Martin_ steht Wache.

_Gentzens Stimme_

(von rechts)

Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. Übermorgen. Die

Schufte sollen Geduld haben.

_Jean_

(eilig wieder von rechts nach links ab).

_Gentzens Stimme_

Die geblümte Weste! Die geblümte!

_Lebhafte Stimmen_

(hinter der Türe links).

_Jean_

(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts).

_Martin_

(hält die Türklinke).

_Stimme Jeans_

Der Weinlieferant und der Parfümeur wollen partout mit dem

Herrn Hofrat selber sprechen.

_Gentzens Stimme_

Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid. -- Die Ringe,

Franz. Jetzt lauf Er zum Gärtner wegen frischer Blumen.

_Franz_

(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.)

(Gleich darauf)

_Gentz_

(Mann von fünfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt. Er

hat einen müden, etwas gebückten Gang. Sein Gesicht ist

höchst geistreich, die ganze Physiognomie hat einen feinen,

lebhaften und verführerischen Ausdruck, und der Blick ist

von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer sind etwas

schwer, um den Feinschmeckermund liegt bisweilen ein

trauriger, bisweilen ein zynischer Zug. Er ist nach der

letzten Mode gekleidet: brauner, langer Rock, gestickte

Weste, Vatermörder, schwarze Binde)

War schon jemand vom Fürsten Metternich da?

_Martin_

Niemand, Herr Hofrat.

_Gentz_

(nach links ab, die Türe bleibt halb offen).

_Stimmen der Lieferanten_

Küß die Hand, Herr Hofrat! -- Wünsch guten Morgen, Herr

Hofrat! -- Küß die Hand, Euer Gnaden.

_Gentzens Stimme_

Also, was soll's -- Was belästigt ihr mich?

_Stimme des Parfümeurs_

Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab für siebenundachtzig

Gulden Kölnisch Wasser geliefert.

_Stimme des Weinhändlers_

Ich für dreihundertzwanzig Gulden Sekt.

_Gentzens Stimme_

Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum Rothschild hin. Der

Rothschild zahlt alles, das wißt ihr doch. Jetzt schert euch

friedlich nach Hause. (Er tritt ins Zimmer zurück, der dicke

Jude folgt ihm.)

_Jude_

Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert.

_Gentz_

Fort, fort, fort!

_Der Schneider_

(hat sich schüchtern nachgedrängt)

Ich freu mich, daß der Herr Hofrat so gut ausschaut.

_Gentz_

Keine Konfidenzen! Ich hab' gern, wenn Lieferanten was

liefern. Konfidenzen sind mir verhaßt. -- Hat der Gärtner

schon was wegen der Rosen gemeldet?

_Martin_

Nein, Herr Hofrat.

_Gentz_

Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er frische Rosen

hat, ist es besser, sie erst am Stock zu sehen. (Durch die

Mitte ab.)

_Der Schneider_

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 19 / 74 题