die geringere Dunckelheit ihrer Theile, oder durch die Menge der Theile
und Merckmaale, die in ihr enthalten sind. Beyde Vollkommenheiten
müssen bey einem feurigen Schertze verbunden werden. Die letzte wird
insonderheit die Lebhaftigkeit genennt. Ein feuriger Schertz muß uns
sehr vieles auf einmal vorstellen. Er muß unserm Auge die Aussicht
in ein Feld eröfnen, dessen Ende es vor Menge der Gegenstände nicht
gewahr werden kan. Wir müssen durch den Schertz von einem Chaos der
Begriffe überhäuft werden dessen Entwickelung wir entweder vorzunehmen
nicht Zeit haben, oder in der Geschwindigkeit nicht anzufangen wissen.
Eine jede dieser Vorstellungen muß zwar nicht völlig klar, aber auch
nicht vollkommen dunckel seyn. Ich habe nicht nöthig zu zeigen, wie
diese Schönheit der Schertze könne hervorgebracht werden. Das ist nicht
nur von meinem jetzigen Zweck entfernet, sondern ich glaube auch,
daß es nicht eben nöthig sey. Wer nur die Schönheiten der Schertze,
die ich bisher abgehandelt habe, zu erhalten sucht, sonderlich die
erste bis zur vierten, der wird in seinem Schertze eine unendliche
Mannigfaltigkeit hervorbringen. Weiß er sie nun dem Zuhörer dergestalt
vorzustellen, daß dieser sie gewahr wird, so bekommt sein Schertz die
nöthige Lebhaftigkeit.
§. 69.
Die Lebhaftigkeit eines Schertzes muß vermindert werden, oder wohl gar
verlohren gehen, wenn er zu weitläuftig und zu lang ist. Die Kürtze
desselben ist mit seiner Lebhaftigkeit nothwendig verbunden. Wenn der
Schertz zu lang ist, so wird er entwickelt und deutlich, er bleibt also
keine sinliche Vorstellung mehr. Die Theile des Schertzes werden der
Aufmercksamkeit nach und nach vorgestelt, und man hat Zeit ein Stück
nach dem andern zu überdencken. Folglich empfinden wir nicht dasjenige
Licht, und die angenehme Verwirrung, welche durch nichts anders möglich
ist, als wenn man auf einmal mit Begriffen überhäuft wird. Es verhält
sich wie mit den Lichtstrahlen. So lange dieselben zerstreut bleiben,
bringen sie zwar ein Licht hervor, welches aber lange nicht so starck
und durchdringend ist, als wenn sie durch einen Brenspiegel gesamlet,
und in einen Punct gedrengt werden. Folglich muß ein Schertz zwar sehr
vieles in sich fassen, aber dasselbe nicht durch eine weitläuftige
Vorstellung zerstreuen, sondern mit einemmal dem Gemüth vorstellen.
Man kan auch mit wenig Worten sehr viel sagen. Wenige Vorstellungen
sind oft ein Inbegriff unendlich vieler andern. Bey einem Schertze
muß ungleich mehr gedacht als gesagt werden. Man muß dem Zuhörer nur
Gelegenheit geben, und dabey zwingen selbst nachzudencken.
~Est breuitate opus, vt currat sententia, neu se
Impediat verbis lassas onerantibus aures.~
_Hor. Satt. L. I. Sat. X._
§. 70.
Wenn man die nöthige Klarheit und Kürtze in einem Spasse zu gleicher
Zeit erhalten will, so muß er sich zu den Umständen, in welchen wir
uns eben befinden, vollkommen schicken. Zu diesen Umständen rechne ich
die Personen mit denen wir umgehen nebst allen ihren Umständen, die
Zeit, den Ort, die Reden und Erzählungen, mit denen die Gesellschaft
unterhalten wird. Mit einem Wort, den gantzen Zustand in welchen wir
uns mit unsern Zuhörern befinden. Alle diese Umstände müssen die
Vignette seyn, und unser Schertz die Devise. Diese Umstände müssen
also den völligen Grund, die Veranlassung, und die ganze Erklärung
unseres Scherzes enthalten. Dadurch erhalten wir die Klarheit unseres
Schertzes. Ein jeder versteht ihn, und unser Schertz kommt so zu
gelegener Zeit, und er paßt sich so genau, daß wir nicht nur beweisen,
daß wir den Schertz erst selbst erfunden, sondern wir brauchen auch
sehr wenig zu sagen, und wir werden doch verstanden. Ueberdies so
entsteht aus dieser Eigenschaft des Schertzes ein Vergnügen, weil diese
Uebereinstimmung mit allen Umständen eine Vollkommenheit ist, die den
Schertz angenehm machen muß.
~Dulce est desipere in loco.~
_Hor. Carm. L. III. od. XII._
Die schönsten Schertze in dieser Art sind ohnfehlbar diejenigen,
welche sich so genau zu den Umständen schicken, daß sie in keinem
andern Zustande unverändert können angebracht werden. Denn, da in
der Welt nicht zwey Zeiten möglich sind die völlig einerley wären,
so ist es ein Beweiß, daß ein Schertz nicht den höchsten Grad dieser
Vollkommenheit besitzt, oder daß er nicht allen Umständen völlig gemäß
ist, wenn er mehr als einmal angebracht werden kan. Ein vollkommen
glücklicher Spaß kan also nur ein einziges mal angebracht werden,
wenn er gar nichts von seinem Feuer verliehren soll. Durch diese
Eigenschaft erhält man auch die Lebhaftigkeit eines Schertzes noch
auf eine andere Art. Wenn der Schertz so genau mit allen Umständen
übereinstimmt, so muß der so den Spaß einsieht, den ganzen Umfang
seines Zustandes sich auf einmal vorstellen. Wie viel, ja unendlich
viel, enthält nicht unser Zustand in einem jeden Augenblicke? Muß also
der Schertz dadurch nicht eine unendliche Mannigfaltigkeit erhalten?
Wider diese Regel versündigen sich alle spaßhafte Köpfe, die zu
phlegmatisch sind, auf eine lächerliche Art. Sie haben das Unglück,
von einer gewissen Langsamkeit beherrscht zu werden, vermöge welcher
sie zur Auswickelung ihrer Gedancken zu viel Zeit brauchen. Der Fluß
ihrer Umstände ist für sie zu schnell, sie können der Geschwindigkeit
desselben in ihren Gedancken nicht folgen, und sie sind gezwungen sich
bey manchen Umständen zu verweilen, die alsdann längst vorbey sind,
wenn sie sie erst recht gewahr werden. Diese Köpfe kommen mit ihren
spaßhaften Einfällen immer zu spät. Die Gesellschaft hat das schon
wieder vergessen, worauf sie ihren Schertz gründen, und sie machen
sich lächerlich, wenn sie die Gesellschaft nöthigen wollen, ihnen
zu gefallen sich wieder auf das vorhergehende zu besinnen. Wem erst
nachher ein Schertz einfält, wenn die Gelegenheit vergangen ist, der
unterdrücke ihn ja, wenn er anders nicht die Trägheit seines Witzes auf
eine lächerliche Art verrathen will.
§. 71.
Ein Schertz verliehrt nothwendig seine Schönheit wenn er deutlich ist,
und in so fern er deutlich ist. Ein jeder deutlicher Begriff führt
eine Ueberlegung mit sich, durch welche man sich den gantzen Begriff,
nicht auf einmal, sondern Stückweise, und nach und nach, vorstelt. Ein
deutlicher Schertz verliehrt die Lebhaftigkeit, die ihn so schön macht.
Man kan das von allen Schönheiten sagen. So bald wir einen deutlichen
Begriff von einer Schönheit erlangen, so bald verschwindet das schöne,
als welches nur in der Verwirrung des Begriffs liegt. Man lasse einen
Meßkünstler das schönste Gesicht ausmessen, und die Proportionen aller
Theile und Züge desselben in Zahlen ausdrucken, man lasse ihn die
Lage aller Theile und Züge nach geometrischen Gründen bestimmen. Ich
glaube nicht, daß sich jemand in ein solches abgeschriebenes Gesicht
verlieben würde. Man lasse aber eben dieses Gesicht von einem Mahler
abmahlen, so wird es in seinem völligen Glantze erscheinen. Soll
also ein Schertz eine schöne sinliche Vorstellung bleiben, so muß er
nicht durch den Verstand betrachtet werden, so lange er diese seine
Schönheit behalten soll. Ein Schertz muß nothwendig frostig werden, den
der schertzende mit einem weitläuftigen Commentarius begleitet. Das
muß man den Zuhörer selbst überlassen, der mag den Schertz in seinem
Gemüth so weitläuftig zergliedern, wie er es selbst für gut befindet.
Es ist auch eine Art der Unverschämtheit, die ein spaßhafter Kopf gegen
seine Zuhörer blicken läßt, wenn er ihnen seinen Schertz erklärt. Er
gibt zu verstehen, daß er ihnen nicht Einsicht genug zutraue, die
Stärcke seines Schertzes zu begreiffen. Es ist eine sehr beschwerliche
Mode mancher schertzhaften Köpfe, daß sie so gefällig sind, und ihrem
Zuhörer die Mühe des Nachdenckens überheben wollen. Es schmeckt dieß
Verhalten zu sehr nach Eigenliebe, und Einbildung, als daß es gefallen
solte. Ein Schertz der einen Commentarius nöthig hat, oder gleich damit
versehen wird, ist in beyden Fällen frostig. Noch viel abgeschmackter
ist ein anderer Fehler, den ich nur beyläufig berühre. Es sind manche,
die selbst zu schertzen ungeschickt sind, so gefällig gegen die
Gesellschaft, daß sie die Schertze, die andere in derselben vortragen,
mit Noten erläutern. Man könnte diese Leute die Scholiasten spaßhafter
Köpfe nennen. Sie begehen einen doppelten Fehler. Sie beweisen sich
nicht nur unbescheiden gegen die Gesellschaft, indem sie in der Meinung
zu stehen den Schein geben, daß sie allein die Stärcke des Schertzes
begriffen, sondern sie machen auch die Schertze eines andern, so viel
an ihnen ist, frostig.
§. 72.
Ein Schertz der lebhaft seyn soll muß in einem hohen Grade klar seyn.
Wenn er demnach dunckel ist, und gar nicht eingesehen wird, so hört
er auf, ein Schertz zu seyn. Man kan also sagen, daß ein Schertz in
so fern er dunckel ist, gar kein Schertz sey. Es ist ein Fehler eines
Schertzes wenn er dunckel ist, und ohne Noten und Commentarius nicht
verstanden werden kan. Ich sage nicht, daß ein Schertz von allen Leuten
müsse verstanden werden, denn so müste er gewiß sehr frostig und
abgeschmackt seyn, weil dieser allgemeine Begriff das Unglück hat, sehr
abgeschmackte Köpfe unter sich zu begreiffen. Sondern ich behaupte, daß
ein feuriger Schertz keinem witzigen Kopfe, der die Umstände weiß, in
welchen er vorgetragen worden, dunckel seyn müsse. Es können dahin alle
die Schertze gerechnet werden, die gar zu weit hergeholt sind, die gar
zu sehr erzwungen werden, und bey denen man gar zu viel nachdencken
muß, ehe man sie einsehen kan. Dieser Fehler hat mannigfaltige
Ursachen. Wenn ein schertzhafter Kopf seine Schertze nicht nach der
Gelegenheit einrichtet; wenn in den Umständen gar keiner, oder doch
ein sehr unmercklicher, Grund zum Schertze vorhanden ist; wenn die
Gedancken bey dem Schertze, aus welchen die übrigen leicht fliessen,
verschwiegen werden, und diejenigen vorgetragen werden, aus welchen
sehr schwer das übrige erkannt werden kan; wenn die Vergleichungsstücke
sehr klein und unmercklich sind u. s. w. so wird er ausser dem
Gesichtskreyse der allermehresten Zuhörer angetroffen werden. Ein
glücklicher Schertz muß ungezwungen seyn, leicht eingesehen werden
können, und das schertzhafte dergestalt entdecken, daß man dem Zuhörer,
als der sich gerne belustigen will, nicht die Mühe macht, den Kopf zu
sehr zu zerbrechen. Es sind manche Köpfe, die mitten in Gesellschaften
doch allein sind. Sie haben ihre eigenen Reihen der Vorstellungen,
und wenn ihnen alsdenn was schertzhaftes einfält, so tragen sie es
ohne Bedencken vor, und wundern sich, wenn andere nicht mitlachen. Sie
solten erst die Gütigkeit haben, und ihre vorhergehenden Vorstellungen
vortragen, oder die Gefälligkeit gegen die Gesellschaft beweisen, und
mit Leib und Seel unter ihr gegenwärtig seyn.
§. 73.
Die Wahrheit eines Schertzes ist eine so nothwendige Eigenschaft
desselben, daß man sagen kan, ein falscher Schertz sey gar kein
Schertz. Ein Schertz, der in einem gantz unrichtigen und falschen
Gedancken besteht, kan zwar so lange einen Schein und Glantz haben,
so lange wir in Irrthum stecken. Allein sein Feuer gleicht dem Feuer
eines Irlichts. So lange man dasselbe von ferne sieht, hält man es
für ein Feuer dem Scheine nach, betrachtet man es aber in der Nähe,
so werden wir den Betrug gewahr. Man kan also sagen, daß ein Schertz,
der in einem falschen Gedancken besteht, kein dauerhaftes Feuer habe.
Sein Feuer verschwindet, so bald wir unsern Irthum gewahr werden.
Ein falscher Gedancke ist ja eigentlich kein Gedancke, er ist ein
Blendwerck, ein Hirngespinst, das man nicht zu genau und zu nahe
betrachten muß, wenn man es lange besitzen will. Könnte also wol ein
Schertz in der That ein Schertz, oder wol gar ein feuriger Schertz
seyn, der in einem falschen Gedancken besteht? Nichts weniger als
das, er ist ein Scheinschertz, der keinen Grund keine Dauer bey der
Probe behalten kan. Ich sage also, daß ein feuriger Schertz in einem
wahren und richtigen Gedancken bestehen müsse. Da nun der Gedancke,
der den Schertz unmittelbar und zunächst ausmacht, die Vorstellung
der Uebereinstimmung verschiedener Dinge ist, so wird zur Wahrheit
des Schertzes nicht nur erfodert, daß die Dinge, die wir uns als
verschieden vorstellen, in der That diese Verschiedenheit haben,
sondern, daß sie auch in den Stücken mit einander übereinkommen, nach
welchen wir sie vergleichen. Ein Schertz muß also im Grunde frostig
seyn, wenn er uns Dinge als verschieden vorstelt, in so ferne sie
entweder gar nicht, oder doch nicht so wie wir sie uns vorstellen
verschieden sind; und wenn er uns Dinge als übereinstimmig vorstelt,
in so ferne sie entweder gar nicht, oder doch nicht so wie wir sie uns
vorstellen, übereinkommen. Kurtz, ein feuriger Schertz muß uns solche
Uebereinstimmungen und Verschiedenheiten vorstellen, die den Dingen
würcklich zukommen.
§. 74.
Meine Meinung von der Wahrheit der Schertze, die ich in dem
vorhergehenden Absatze vorgetragen, widerspricht den Kunstrichtern
nicht, welche den Unwahrheiten in den Schertzen einen Platz verstatten.
+Cicero+ gehört dahin, welcher +im andern Buch vom Redner+
sagt: ~Perspicitis hoc genus quam sit facetum, quam elegans, quam
oratorium, siue habeas vere quod narrare possis, quod tamen est
mendaciunculis aspergendum, siue fingas.~ Diese Kunstrichter
betrachten den Schertz auf eine gantz andere Art. Wenn man von
Schertzen redet, so versteht man entweder die Dinge die man vergleicht,
worüber man schertzet, und von denen man den Schertz entlehnt; oder
man versteht den Gedancken selbst in welchen das schertzhafte besteht,
die Vergleichung verschiedener Dinge. In der letzten Absicht muß,
meines Erachtens, kein unrichtiger Gedancke, und wenn er auch ein
~mendaciunculum~ wäre, in dem Schertze vorkommen. In der ersten
Absicht muß man anders urtheilen. Da können also die Dinge womit man
schertzet, auch wahr seyn, oder sie sind falsch und erdichtet. Wenn
diese Dinge auch wahr sind, so ist der Schertz durch und durch wahr,
und enthält nicht den geringsten unrichtigen Gedancken, und diese
Wahrheit nennet man die unbedingte Wahrheit eines Schertzes.
§. 75.
Die bedingte Wahrheit eines Schertzes besteht darin, wenn die Dinge,
womit man schertzet, falsch, erdichtet und unrichtig sind, wenn aber
dem ohnerachtet der Schertz die §. 73. erfoderte Wahrheit hat. Der
schertzende und seine Zuhörer, können entweder durch einen Irrthum
diese Dinge auch für wahr halten, oder sie könnens wissen, daß sie
falsch sind, und diese Dinge erdichten. Zu jenen gehören die Schertze
welche die Heyden von ihren Gottheiten und andern Fabeln entlehnt
haben. Dahin man den berühmten Spaß mit der +Diana+ rechnen kan, den
man bey den alten antrift. In der Nacht, da der Tempel der +Diane+
zu +Ephesus+ verbrante, wurde +Alexander der grosse+ gebohren. Man
fragte warum +Diane+ ihren Tempel nicht gerettet, und man bekam zur
Antwort, weil sie nicht zu Hause gewesen, sondern der +Olympias+
bey der Geburt beystehen müssen. Diese Schertze die eine bedingte
Wahrheit haben, kan man durchaus nicht verwerffen, man müste denn
allen Fabeln und Erdichtungen alle Schönheiten absprechen. Nein, wenn
ein solcher Schertz nur die §. 73. angeführte Wahrheit hat, so kan er
überaus feurig seyn. Nur müssen dabey die Regeln einer guten Fabel und
Erdichtung beobachtet werden. Ein Schertz, der eine bedingte Wahrheit
hat, muß den Regeln völlig gemäß seyn, die man in der Dichtkunst von
der Wahrscheinlichkeit der Fabeln gibt. Ich habe demnach nicht nöthig
Regeln davon zu geben. Man beobachte nur die Vorschrift des +Horatz+:
~Ficta voluptatis causa sint proxima veris.~
_Art. poet._
§. 76.
Meinem Urtheil nach, gebe ich doch einem Schertze der unbedingt wahr
ist, den Vorzug vor denjenigen, die nur unter gewissen Bedingungen
wahr sind. Ich habe darzu verschiedene Ursachen. Eine jede Unwahrheit
ist doch ein unvollkommener Gedancke als eine Wahrheit. Ein Schertz
mag so feurig seyn wie er will, wenn er nur unter Bedingungen wahr
ist, so hat er keine wahren und richtigen Gründe, worauf er beruht.
Ueberdem so scheint mir der Witz nicht so starck zu seyn, der sich
den Stoff zu spassen erdichtet. Er kan nach seinem Gefallen dichten,
weglassen, und hinzuthun was ihm gefält, folglich ist es kein Wunder,
daß ihm sein Schertz gelingen muß. Es scheint überdies, als wenn ein
solcher spaßhafter Kopf seinen Schertz vorher ausdenckt, und alsdenn
erst die Materialien dazu erfindet. Er scheint einem Menschen ähnlich
zu seyn, der seinen Vortrag erst ausarbeitet, und hernach den Text
dazu aussucht. Gantz anders verhält sichs im entgegen gesetzten Falle.
Unser Witz ist alsdenn schlechterdings an die Sachen gebunden, er muß
in der Geschwindigkeit sich so zu biegen wissen, daß er auf die Dinge
paßt, denn es wird nichts seinem Willkühr überlassen. Ich gebe gerne
zu, daß ein Schertz der eine bedingte Wahrheit hat, bisweilen unendlich
feuriger seyn kan, als ein anderer, sonderlich wenn der schertzende
die Dinge nicht selbst erdichtet, sondern schon längst bekannte Fabeln
braucht. In diesem letzten Falle, gibt er einem schlechterdings
richtigen Schertze sehr wenig nach. Ich sage nur, wenn zwey Schertze
sonst vollkommen gleich sind, und der eine ist unbedingt wahr, der
andere aber nur unter gewissen Bedingungen, so ist der erste feuriger
als der andere. Ein Witz, der in dem Reiche der Wahrheiten keinen
Stoff zum Schertze finden kan, scheint mir nicht durchdringend und
scharfsichtig genug zu seyn, als zu einem recht feurigen Witze nöthig
ist.
§. 77.
Das Leben der Erkenntniß besteht in dem Vergnügen oder Verdrusse, so
damit verbunden ist. Soll also ein Schertz lebendig genug seyn, so muß
er entweder Vergnügen, oder Verdruß bey den Zuhörern erwecken. Das
letzte wolte ich eben nicht sagen. Ich will balde erweisen, daß das
Lachen über einen feurigen Schertz aus Vergnügen entstehen müsse. Ich
gebe zu, daß die Personen über die man schertzt verdrieslich werden
können, wenn sie lächerlich gemacht werden. Es kan auch seyn, daß durch
unsern Schertz, mittelbar ein Verdruß verursacht wird, wenn wir zu dem
Ende etwas durch unsern Schertz lächerlich gemacht haben, damit es
unsere Zuhörer verabscheuen sollen. Dem sey wie ihm wolle, so nehme
ich an, daß das Lachen, welches wir zunächst durch unsern Schertz
hervorzubringen suchen, mit Vergnügen verbunden seyn müsse.
~Non satis est pulcra esse poemata: dulcia sunto
Et quocunque volent, animum auditoris agunto.~
_Hor. art. poet._
Ich sage eben das von einem feurigen Schertze. Erweckt er in unsern
Zuhörern Vergnügen und Lust, so hören sie uns gerne zu, wir machen
sie uns geneigt, und sie sind uns Danck schuldig, daß wir ihnen so
was vergnügtes vorgesagt haben. Je mehr Vergnügen ein Schertz also
verursacht, je mehr angenehme Gemüthsbewegungen dadurch erregt werden,
desto feuriger ist er.
§. 78.
Das Vergnügen entsteht aus der anschauenden Erkenntniß einer
Vollkommenheit. Das Vergnügen, so durch einen Schertz verursacht wird,
entsteht demnach entweder aus dem Gefühl seiner formellen Schönheit,
oder seiner Materiellen. Von dem ersten rede ich jetzo, und das
scheint eine natürliche Frucht und Würckung eines feurigen Schertzes
zu seyn. Wenn ein Schertz einen hohen Grad der Schönheit besitzt,
wenn wir denselben dergestalt vortragen, daß der Zuhörer die gantze
Schönheit des Schertzes begreift und fühlt, so muß er ihm gefallen
und ein Vergnügen in ihm verursachen. Ein Schertz der kein Vergnügen
verursacht, muß entweder nicht feurig genug seyn, oder von dem
Zuhörer, aus seiner eigenen Schuld, nicht begriffen werden, oder der
Zuhörer muß ein Klotz seyn. In dem ersten Falle ist die Mattigkeit des
Schertzes eine Häßlichkeit desselben, und es ist daraus klar, daß ich
mit Grunde fodere, daß ein feuriger Schertz nicht nur lebendig seyn,
sondern auch keinen Verdruß zunächst verursachen müsse. Zu gleicher
Zeit erhellet, daß ich nicht nöthig habe, besondere Regeln von dem
Leben eines Schertzes zu geben, weil ein Schertz der sehr feurig ist
und den Regeln, die ich bisher ausgeführt habe, gemäß ist, nothwendig
reizend seyn muß. Ein Schertz der von einem lebhaften feurigen und
muntern Kopfe, mit kaltem Blute kan angehöret werden, oder wol gar mit
Widerwillen, muß sehr frostig seyn, wenn anders keine andere Ursach zum
Verdrusse kan angegeben werden.
~male si - - loqueris
Aut dormitabo, aut ridebo.~
_Hor. art. poet._
§. 79.
Ich habe zur achten Vollkommenheit eines feurigen Schertzes, die
Geschicklichkeit desselben, ein Lachen zu verursachen, angenommen.
§. 25. Ich habe schon einmal erinnert, daß meine Meinung nicht darin
besteht, als wenn ein Spaß würcklich müsse mit einem lachen begleitet
werden, noch viel weniger werde ich die Grösse des Lachens bey einem
Zuhörer, zum Merckmal der Grösse und Stärcke eines feurigen Schertzes,
annehmen. Es kan jemand eine so ernsthafte Gemüthsfassung besitzen,
daß er entweder gar nicht, oder doch sehr selten lacht; dieser wird
auch über den feurigsten Schertz nicht lachen, ob er gleich noch so
sehr dazu gereitzt wird. Mancher kan einen sehr heftigen Trieb zum
lachen fühlen, und doch aus überwiegenden Gründen sich zwingen nicht zu
lachen. Jener lacht über Kleinigkeiten, über ein Nichts, daß ihm der
Othem vergeht, dieser lächelt nur bey den allerlächerlichsten Dingen.
Ich sehe mich also genöthiget, die Schönheit eines Schertzes, die aus
dem Verhältniß desselben zum lachen entspringt, nur darin zu setzen,
daß er etwas belachenswürdiges enthalte, und dergestalt eingerichtet
sey, daß ein Mensch der gerne und leicht, doch nicht ohne Grund, lacht,
durch denselben zu einen starcken lachen sehr starck bewegt werde.
§. 80.
Man kan aus und mit Verdruß lachen, man kan aber auch aus Vergnügen
lachen, und das Lachen kan unser Gemüth dergestalt aufheitern, daß
dadurch alle bange Ernsthaftigkeit aus der Seele vertrieben wird.
Man kan sagen, daß ein solches Lachen den Winden ähnlich sey, die
die Wolcken zertheilen, vertreiben, und den Himmel aufheitern. Ein
solches lachen ist eine so starcke Bewegung des Gemüths, die fähig
ist, der Seele eine Munterkeit und aufgeräumtes Wesen zu geben, so
der Betrübniß entgegengesetzt ist. Man wird mir ohne Schwierigkeit
einräumen, daß die letzte Art des lachens diejenige sey, die durch
einen Schertz muß gesucht werden. Der Schertz muß das Gemüth auf eine
angenehme Art erschüttern, und die verwirrte Bewegung verursachen, die
wir das Lachen nennen. Wenn man jemand zu einem verdrieslichen Lachen
zwingt, so werden wir wenig Danck verdienen. Er wird sich wider uns
rüsten, und alle seine Kräfte samlen uns zu widerstehen. Er wird unserm
Schertze den Eingang verwehren, und wir werden ihm mit unsern Schertzen
zur Last werden. Ueberdem müste es ein elender Spaß seyn, der wenig
Schönheit haben würde, wenn er dem Zuhörer nicht zugleich vergnügen
könnte. Es scheint überdies das Vergnügen eine nothwendige Verbindung
mit dem Schertze zu haben, weil wir alsdenn am wenigsten zu schertzen
im Stande sind, wenn wir nicht aufgeräumt, sondern mißvergnügt sind.
Noch einmal, ein feuriger Schertz muß geschickt seyn, ein lachen zu
verursachen, das von einem starcken sinlichen Vergnügen begleitet wird.
Ich erinnere nur noch das einzige, daß ich nicht behaupte, als wenn ein
Lachen möglich wäre mit welchem gar kein Vergnügen verbunden ist, ich
behaupte nur, daß manchmal mit dem Lachen ein Verdruß verbunden seyn
kan, der grösser und stärcker ist, als das Vergnügen so zugleich dabey
angetroffen wird.
§. 81.