die Worte, nicht als innere Bestimmungen der bezeichneten Sachen
selbst anzusehen sind, so macht die Ubereinstimmung der Namen nicht
die geringste Aehnlichkeit und Gleichheit der Sachen selbst aus.
Es sind das demnach sehr frostige Schertze, welche auf der blossen
Ubereinstimmung der Namen und der Worte, beruhen. Die Namen der Dinge
sind viel zu weit, wenn ich so reden soll, von dem Rande der Dinge
selbst entfernt, als daß sie auch nur die geringste Ubereinstimmung
ausmachen könnten, die den Dingen selbst eigenthümlich zugehörten.
Ein spaßhafter Kopf, der seine Schertze bloß in der Uebereinstimmung
der Worte sucht, verräth einen Witz der viel zu mat ist, als daß er
bis in die Sache selbst dringen solle. Die Sachen stehen weiter von
seinem Gesichtspuncte weg, als ihre Namen, und er ist zu kurtzsichtig,
er kan sie nicht erreichen. Nein, solche Spasse sind zu abgeschmackt,
sie können nicht gebilliget werden. Sie können keinen anderm Witze
gefallen, als der weniger Feuer besitzt, als zu einem feinem Geschmacke
erfodert wird. +Cicero+, +im andern Buche vom Redner+, billiget diese
Schertze überhaupt. +Quintilian+ verwirft diese Wort-Schertze auch
nicht gantz in seinen +6ten Buche+, doch gibt er den Schertzen, die aus
der Sache selbst genommen werden, einen grossen Vorzug.
§. 54.
Ich verwerffe in einem feurigen Schertze nicht alle Anspielungen und
Aehnlichkeiten der Worte; sondern nur diejenigen Spasse, die in der
blossen Aehnlichkeit der Worte bestehen. Man kan es daher leicht gewahr
werden, ob ein Spaß diesen Fehler habe. Man darf ihn nur in anderen
Worten ausdrucken, oder in eine fremde Sprache übersetzen, verliehrt
er alsdenn alle sein Feur, so ist er gewiß abgeschmackt. Ein feuriger
Spaß muß in allen möglichen Sprachen ein Schertz bleiben, obgleich
nicht immer in einerley Grade. Man kan sagen, daß ein feuriger Spaß die
Schönheit eines Gedichts haben müsse. Dasselbe muß ein Gedicht bleiben,
man mag die Ordnung der Worte ändern, oder auch andere gleichgültige
Worte an die Stelle der vorigen setzen,
~Inuenias etiam disiecti membra poetae.~
_Hor. Sat. L. I. Sat. IIII._
Folglich muß ein Schertz, aus der Uebereinstimmung der Gedancken und
Sachen selbst, hergenommen werden. Weil aber die Worte, womit man
ähnliche Dinge ausdruckt, ungezwungen ähnlich seyn können, so würde
es beym Schertzen ein unnöthiger Zwang seyn, den ich niemanden rathen
wolte, wenn man die Uebereinstimmung der Worte mit Gewalt vermeiden
wolte. Wenn sie nur nicht die Hauptsache beym spassen ist, und als eine
ungezwungene Folge der Vergleichung der Begriffe anzusehen ist, so
kan die Aehnlichkeit der Worte die Schönheit eines Schertzes wohl gar
etwas vermehren, wenigstens in ein grösseres Licht setzen, indem sie
die Einsicht des Spasses selbst erleichtert. Wenn man dem +Cicero+
und +Quintilian+ diese Meinung zuschreiben will, so kan man sie
entschuldigen, daß sie die Wort-Schertze gebilliget haben.
§. 55.
Zu diesem Klapperwerck in Schertzen rechne ich alle Zweydeutigkeiten,
Anspielungen auf Nahmen, Versetzungen der Buchstaben, Veränderungen
derselben, Verstimmelungen und Verlängerungen der Namen, und wie
diese Kindereyen alle heissen mögen. Des +Cicero+ ~Jus verrinum~ ist
ein zu oft gepeitschter Spaß, als daß ich nöthig hätte denselben zu
tadeln. Man findet mehr dergleichen in eben diesem Schriftsteller,
insonderheit in seinen Briefen, und in den Reden wieder den +Verres+.
Ich rechne diese abgeschmackten Schertze mit zu den Mode-Spassen und
Jedermans-Einfällen. Die kleinen Herrn wissen sich sonderlich derselben
fleißig in den Umgange mit Frauenzimmer zu bedienen. In allen artigen
Zusammenkünften nach der Mode, sind diese Läppereyen die gewöhnlichsten
Belustigungen. Und man darf sich mit der Hofnung im geringsten nicht
schmeicheln, daß diese Anzahl der Schertze mercklich werde verringert
werden. Es verhält sich hier eben so wie in der Dichtkunst. Grosse
Dichter mögen noch so sehr wider die Wortspiele, und andere Läppereyen
in der Dichtkunst, eiffern, so finden sich doch immer schläfrige
Köpfe genug, welche dem ohnerachtet die Musen durch Wortkrämereyen
mißhandeln. So lange es noch Leute von pöbelhaften Geschmacke und
frostigen Witze gibt, die doch gleichwohl spassen wollen, so lange
werden auch die Wortschertze nicht aufhören. Ein matter und schläfriger
Kopf hat ein viel zu grosses Vergnügen an solchen Wortspielen, als daß
er sie für was elendes ansehen solte. Vor Armseligkeit seines Witzes,
kan er nichts feiners und edlers schmecken, man würde ihm demnach alles
Vergnügen dieser Art rauben, wenn man ihm untersagen wolte, mit blossen
Worten zu spielen. Nein, ein leerer Kopf vergnügt sich selbst über
diese seine Einfälle, er bewundert sich selbst, und er ist der Person
völlig ähnlich die +Boileau+ in folgenden Worten abschildert:
~Un sot en ecrivant fait tout avec plaisir,
Il n’a point dans ses vers l’embarras de choisir,
Et toujours amoureux de ce qu’il vient d’ecrire,
Ravi d’etonnement en soi meme il s’admire.~
Diese Unsinnigkeit im Schertzen ist manchmal nicht ohne alle Würckung,
bey Leuten die etwas zu furchtsam und zärtlich zu seyn pflegen. Sie
haben, ich weiß selbst nicht ob ich es so nennen soll, das Unglück
einen Namen von ihren Vorfahren zu erben, der abgeschmackten Köpfen,
einen unermeslichen Vorrath zu erbärmlichen Spassen, an die Hand gibt.
Sie sind zu empfindlich ihr Erbgut ohne Veränderung zu behalten.
Allein ist es wohl werth, einem Narren zu gefallen, die Genealogie zu
verwirren? Daß diese letzte Anmerckung eine historische Wahrheit, zum
Grunde habe, kan ich beweisen. Die Gemahlin des +Wilhelm Bautru+,
Grafen von Serrant, der, unter andern, als ein aufgeweckter Kopf
das ~XVII.~ Jahrhunderts, berühmt ist, wolte lieber Frau von
+Nogent+, als von +Bautrou+ heissen, weil sie sich nach der
italienischen Aussprache dieses Namens, unzähligen Stichen, durch ein
Wortspiel auf ~trou~, ausgesetzt hatte.
§. 56.
Ich habe die fünfte Schönheit der Schertze §. 25. darin gesetzt, daß
vor dem Schertze starcke Vorstellungen, von gantz anderer Art, müssen
vorhergegangen seyn. Ich verstehe das nicht nur von dem schertzenden
selbst, sondern auch von seinen Zuhörern. Der Schertzende und seine
Zuhörer müssen, vor dem Spasse, einen sehr grossen Eindruck, von
gantz andern Vorstellungen, gehabt haben, die mit dem Schertze, in so
fern er ein Schertz ist, nichts gemein haben. Sie müssen ihre ganze
Aufmercksamkeit, mit ganz andern Dingen beschäftiget haben, als daß sie
den Schertz hätten vorhersehen sollen. Dadurch bekommt der Spaß ein
Licht das in Verwunderung setzt. Der Schertz wird so neu und unerwartet
seyn, daß man sagen kan, er könne sonst nicht recht neu seyn. Diese
schleunige Veränderung der Scene in unsern Vorstellungen, macht eine
so angenehme Verwandelung und Verwirrung, daß sie ohne Vergnügen und
Bewunderung nicht geschehen kan. Der schertzende beweißt dadurch, wie
leicht es ihm sey einen Schertz zu machen, und zeigt die Stärcke seines
Witzes, die den Spaß selbst groß und feurig macht. Ich glaube, das
sey der Grund, warum die Schertze, die ein Lehrer, mitten unter dem
Vortrage der scharfsinnigsten Wahrheiten vorbringet, so angenehm sind;
weil die Gemüther vorher mit viel zu ernsthaften Dingen beschäftiget
gewesen, als daß sie hätten den Spaß vorhersehen können.
§. 57.
Wenn man sich auf etwas lange besinnen muß, so will man eine
Vorstellung klar machen, vermittelst solcher Vorstellungen, die vieles
mit ihr gemein haben, und die also mit ihr zu gleicher Art können
gerechnet werden. Ein Schertz auf den man sich lange besint, muß
demnach unglücklich gerathen. Er beweißt, daß unser Witz lange nicht
diejenige Munterkeit besitzt, die erfodert wird, wenn ein feuriger
Schertz, unmittelbar auf solche Vorstellungen folgen soll, die von
gantz anderer Art sind. Nein, ein glücklicher Schertz muß die Frucht
eines Witzes seyn, der so hurtig aufgeweckt, und schnell ist, daß
er nicht genöthiget ist sich lange zu besinnen. Wer sich auf seine
Schertze lange besinnen muß, wird sich sehr schwer, vor den Ausbruch
seines Zauderns, und der Anstalten die sein Witz vorkehrt, hüten
können. Dem Zuhörer wird die Zeit unterdessen lang werden. Komt endlich
der Schertz zur Welt, so wird er entweder nicht neu genug seyn, oder
die Hofnung des Zuhörers betrogen haben. Einem langsamen Witze geräth
sehr selten ein Schertz. Der Schertz der glücklich seyn soll, muß so
schleunig in der Seele des schertzenden klar werden, daß er selbst
dadurch in eine Art der Verwunderung gesetzt wird. Diese Verwunderung
wird dem schertzenden eine Lebhaftigkeit, und Dreistigkeit geben, ohne
welche der Vortrag des Schertzes elend werden muß.
§. 58.
Wer glücklich im Schertzen seyn will, der hüte sich seine Spasse
nicht vorher auszudencken. Wer den Spaß vorher erdenckt, und sich auf
denselben vorbereitet, der geht so lange damit schwanger, bis er ihn
vorgetragen hat. Die gantze Reihe der Vorstellungen, von der Zeit an,
da er den Schertz erdacht, bis auf den Zeitpunct da er vorgetragen
werden soll, ist entweder mit dem Schertze ausgefüllt, oder doch mit
sehr ähnlichen Vorstellungen. Es ist demnach nothwendig daß der Spaß
mißlingen muß. §. 57. +Cicero+ merckt diesen Fehler auch an, er
sagt +im andern Buche vom Redner+: ~quia meditata videntur minus
ridentur~. +Quintilian im sechsten Buche+, fodert gleichfals,
daß man sich auf den Schertz nicht vorbereiten müsse. Er sagt: ~ne
praeparatum & domo allatum videatur, quod dicimus~. Wer sich auf
den Schertz vorbereitet, kan unmöglich die anständige Dreistigkeit
behalten, die zum Vortrage eines Schertzes nothwendig ist. Man wirds
ihm an den Augen ansehen, daß er einen Spaß auf den Hertzen hat,
den er gern an Mann bringen möchte. Er wird mit einer ängstlichen
Sehnsucht, die er nicht verbergen kan, die Zeit erwarten, da er seinen
Schertz vortragen will. Kan also der Schertz wohl neu genug seyn, in
Absicht auf den schertzenden und den Zuhörer? Und das ist doch ein so
nöthiges Stück zu einem feurigen Schertze. Uberdem, kan ja derjenige
der sich auf einen Schertz vorbereitet, nicht jederzeit vorhersehen,
ob er sich zu den Umständen, in welchen er sich befinden wird, genau
schicken wird. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß ein vorbereiteter
Schertz zur Unzeit angebracht wird, und das werde ich als einen grossen
Fehler im folgenden vorstellen.
§. 59.
Soll man sich auf einen Schertz gar nicht vorbereiten, so muß man
auch die Umstände nicht mit Fleiß so einrichten, damit man den Spaß
anbringen könne. Die Gelegenheit zu schertzen, muß sich selbst
darbiethen, und wir müssen nichts weiter thun als sie ergreiffen. Es
verrathen also alle diejenigen die Mattigkeit ihres Witzes, welche,
wenn sie einen Vortrag thun sollen, oder in eine Gesellschaft sich
begeben, ihre Rolle, in so fern sie die schertzhafte Person seyn
wollen, vorher auswendig lernen. Sind sie nun überdies zu ungeduldig,
die Zeit zu erwarten in welcher sie ihren Spaß anbringen können und
bereiten sie sich selbst die Gelegenheit zu ihrem Schertze, so wird
dieser Fehler noch mercklicher, und ihr Schertz wird matt und frostig
seyn. Ich leugne nicht daß es nicht manchmal solte möglich seyn zu
verhindern, daß der Zuhörer die Vorbereitung zum Spasse mercke. Ich
sage nur, daß dieses sehr schwer sey, und in den mehresten Fällen
mislingen müsse. Der Spaß behält überdies doch einen Fehler, der nur
von andern darin verschieden ist, daß er bisweilen nicht gesehen wird.
§. 60.
Aus dem was ich bisher gesagt erhellet, warum die Schertze die man in
den Antworten auf vorgelegte Fragen vorträgt so sehr gefallen. Weil wir
nicht haben vorher sehen können, was uns ein anderer fragen werde, so
ist nicht die geringste Vermuthung vorhanden, daß wir unsern Schertz
vorher ausgedacht haben. Ein solcher Schertz, wenn er sonst nicht zu
frostig ist, muß also feuriger seyn, als alle diejenigen, die man
ohne gefragt zu werden vorträgt, weil wir in den wenigsten Fällen den
Verdacht der Vorbereitung von uns ablehnen können. +Cicero+ hat
eben diese Schönheit angemerckt, er setzt, an oft gedachten Orte, den
Grund hinzu: ~nam & ingenii celeritas maior est quae apparet in
respondendo, & humanitatis est responsio.~
§. 61.
Die sechste Schönheit der Schertze §. 25. entsteht daher, wenn er von
vielen Vorstellungen anderer Art, die in den Gemüthern einen grossen
Eindruck haben, begleitet wird. Man verstehe dieses nicht nur von
den schertzenden selbst, sondern auch von seinen Zuhörern. Jener muß
seinen Kopf sonst voller Gedancken haben, die bey nahe seine gantze
Aufmercksamkeit beschäftigen, und die mit dem Schertze nichts, oder
doch sehr wenig gemein haben. Er muß mitten unter diesen Vorstellungen
seinen Schertz erdencken. Die Zuhörer müssen in gleichen Umständen
ihres Gemüths stehen. Die Seele der Zuhörer muß einer Schaubühne gleich
seyn, und der Schertz einer Zwischenfabel in einen theatralischen
Stücke. Bey so gestalten Sachen, ist es sehr wahrscheinlich, daß kein
anderer den schertzhaften Einfall haben wird, den der schertzende hat.
Der Schertz wird also vollkommen neu, und unerwartet seyn. Er wird eine
Lebhaftigkeit besitzen, die ihm unter ähnlichen Gedancken fehlen würde,
und die Verschiedenheit der übrigen Gedancken wird seinen Glantz um
ein merckliches erhöhen. Diese Schönheit wird noch mehr erhalten, wenn
man schertzt zu der Zeit, da wir und unsere Zuhörer mit vielen andern
Gedancken beschäftiget sind, die den schertzhaften Gedancken entgegen
gesetzt sind. ~Opposita iuxta se posita magis elucescunt~, ist
eine viel zu bekannte Regel, als daß ich den vorhergehenden Gedancken
zu beweisen für nöthig halte.
§. 62.
Ein feuriger Schertz muß demnach gantz unvermuthet und unerwartet
seyn. Es muß weder in unsern vorhergehenden Gedancken §. 56. noch in
denjenigen, die wir zu gleicher Zeit haben, eine merckliche Vermuthung
des Schertzes vorhanden seyn. Eine Sache die wir vermuthen und
erwarten, sehen wir vorher; wird sie würcklich, so kan sie unmöglich
gantz neu seyn. Ein erwarteter Schertz kan demnach unmöglich so feurig
seyn, als ein unerwarteter, weil jener nicht so neu ist als dieser.
Wenn man gantz unerwartete Schertze vorträgt, so überfällt man den
Zuhörer, man läßt ihm nicht viel Zeit nachzudencken, und es muß ihm ein
Schertz gefallen, der sonst nicht eben zu viel Feur besitzt. Man kan
sagen, daß das unerwartete in einem Schertze, ein Mittel sey, viele
andere Fehler des Schertzes zu verbergen. Wenn der Zuhörer unsern
Schertz erwartet, so macht er eine Zurüstung die uns gefährlich ist.
Er samlet die gantze Macht seiner Beurtheilungskraft, und er hat ein
Recht was ausnehmendes zu erwarten. Er stellt sich schon zum voraus
manches artige von unsern Schertze vor. Und da müssen wir ihm entweder
einen ausnehmend feurigen Schertz vortragen, oder wir betrügen seine
Hofnung, und er verwandelt sein Vergnügen, so er uns zugedacht, in eine
Verachtung und hönisches Lachen. Man hüte sich also andern auf unsere
Schertze Hofnung zu machen. Wir können sonst nicht verhüten daß unsere
Zuhörer dencken
~Quid dignum tanto feret hic promissor hiatu?
Parturient montes, nascetur ridiculus mus.~
_Hor. art. poet._
Es gilt hier eine Art eines gewissen Betrugs. Man hintergehe seine
Zuhörer. Man mache ihnen zu gantz andern Dingen Hofnung, und ehe
sie sichs versehen betrüge man sie. Man sage ihnen das nicht worauf
sie gewartet, sondern vielmehr den Schertz, den sie nicht erwartet.
+Cicero+ steht in den Gedancken, als wenn das Vergnügen, so aus
einem solchen Betruge bey dem Zuhörer entsteht, daher rühre, weil uns
unser eigener Irrthum belustiget. Ich bin gantz anderer Meinung. Ein
Irthum bleibt eine Unvollkommenheit, die uns nicht belustigen kan, in
so fern sie ein Irthum ist. Der Irthum macht nur, daß uns der Spaß
gantz unerwartet und unvermuthet vorgetragen wird, und das ists was
uns bey demselben gefält.
§. 63.
Wer also im Schertzen glücklich seyn will, muß sichs durchaus vorher
nicht mercken lassen, daß er spassen will. Ich rede nicht von einem
Fehler, den man ohnedem selten antrift. Ich meine, wenn es jemand
vorher sagen wolte, daß er schertzen wolte. Wer seinen Schertz mit
ausdrücklichen Worten ankündiget, kan nicht schertzen, und begeht
einen abgeschmackten Fehler. Sondern ich bemercke hier einen Fehler
der häufiger ist. Man kan es manchem spaßhaften Kopfe schon zum voraus
ansehen, daß er spassen will. Er gewöhnt sich gewisse Gesichtszüge
an, die jederzeit vor seinem Schertze vorhergehen. Er kan nicht
eher spassen, ehe er nicht sein Gesicht in gewisse dazu ausgesuchte
Falten gelegt hat. Sie mögen beschaffen seyn wie sie wollen, so wird
der Schertz dadurch verdorben, wenn der Zuhörer daher den Schertz
prophezeyen kan. Ich rechne dahin den Fehler, wenn ein schertzhafter
Kopf sich erst vorher selbst satt lacht, ehe er andere zu lachen machen
will. Ein solcher Mensch verdirbt seinen gantzen Spaß, wenn er die
Früchte desselben selbst vorher einerntet, und die Zuhörer haben keine
Ursach seinen Spaß zu belohnen, weil er sich die Bezahlung für seine
Mühe selbst genommen hat. Vorher muß niemand lachen. Ob man aber
bey dem Schertze, oder nachher, auch lachen dürffe, will ich unten
beurtheilen. Genug, daß ich erwiesen habe, ein schertzhafter Kopf müsse
sichs vorher durch nichts, was es auch sey, mercken lassen, daß er
schertzen wolle.
§. 64.
Aus dem vorhergehenden ist klar, daß die Schertze, wenn sonst das
übrige seine Richtigkeit hat, gerathen müssen, welche Zuhörern
vorgetragen werden, die mit vielen ernsthaften Gedancken beschäftiget
sind. Das ernsthafte ist ja dem schertzhaften entgegen gesetzt, und ein
schertzhafter Kopf der diese Gelegenheit ergreift, folgt der Regel des
+Horatz+
~Misce stultitiam consiliis breuem.~
_Carm. L. III. od. XII._
und bringt seinen Spaß mitten unter Vorstellungen vor, die von gantz
verschiedener Art sind. Geht seine Geschicklichkeit noch weiter, und
kan er mitten unter betrübten und traurigen Gedancken schertzen, so
erhält sein Spaß noch eine grössere Schönheit von dieser Seite. Die
Verminderung der Traurigkeit ist immer was angenehmes, und die Lust
die eine Betrübniß verdrengt, oder mindert, ist durchdringender. Ein
Schertz der dergestalt vorgetragen wird daß er
~ - - - - amara laeto
temperet risu - - ~
_Hor. Carm. L. II. od. XVI._
muß viel angenehmer seyn, als ein anderer, wenn er anders nicht aus
einem leichtsinnigen und fladderhaften Gemüth entsprungen. Ein Mensch
der alsdenn schertzen kan, wenn ihm ein Glied abgelößt wird, muß gewiß
einen sehr lebhaften und starcken Witz besitzen. Das, deucht mich,
ist der Grund, warum diejenigen Köpfe, die in ihrer Todes Stunde noch
gespaßt haben, als witzige Köpfe bewundert werden. +Socrates+, +Adrian+
der Kayser, +Margaretha von Oesterreich+, und andere, geben hier, wenn
man den Erzählungen von ihnen glaubt, Exempel an die Hand.
§. 65.
Wenn ernsthafte Gedancken in der Seele die Oberhand haben, so muß das
Gesicht natürlicher Weise ernsthafte Züge behalten. Herrschen aber die
schertzhaften Gedancken, so muß man sich mit Gewalt zwingen, das Lachen
zu verbeissen. Ein Mensch, der bey dem Vortrage seines Schertzes,
gar keine Ernsthaftigkeit behält, beweißt also, daß der Schertz in
seiner Seele herrsche. Folglich hat er nicht diejenige Vollkommenheit
seines Witzes, vermöge welcher er, mitten unter starcken Gedancken von
anderer Art, schertzen kan, und er macht dadurch seinen Schertz matter.
Wer recht glücklich schertzen will, bey dem muß mitten im schertzen
die Ernsthaftigkeit in der Seele, und in dem Gesichte, die Oberhand
behalten. Ich sage nicht daß er finstere und saure Minen machen soll,
das ist ein Fehler von dem ich unten reden werde. Die Ernsthaftigkeit
muß nur stärcker bleiben, als das Gegentheil. Man muß von ihm sagen
können
~Incolumi grauitate iocum tentauit.~
_Hor. art. poet._
Kurtz, derjenige der schertzt, muß im Schertzen bey nahe ein +Crassus+
seyn, ~qui cum omnium esset venustissimus & vrbanissimus, omnium
grauissimus & seuerissimus & erat & videbatur~, nach dem Zeugniß des
+Cicero im andern Buch vom Redner+.
§. 66.
Hieraus läßt sich ein Fehler beurtheilen, den man bey manchen
spaßhaften Köpfen antrift. Ihr scharfsinniger Witz ist den Körpern
ähnlich, die nicht eher in Bewegung gerathen, bis sie von andern
angestossen worden. Ihr Witz schläft so lange, bis ein anderer anfängt
zu schertzen, und alsdenn werden sie auch rege. Sie leiten aus einem
Schertze, den sie gehört, andere her. Und man kan sagen, daß ein
feuriger Witz viele andere erwärmen und erhitzen könne. Man darf sich
nicht wundern, daß demjenigen, der den herrschenden Witz in solchen
Fällen hat, seine Schertze gelingen, denn er bringt sie mitten unter
verschiedenen Gedancken vor. Seine Affen aber haben das Glück nicht.
Sie tragen ihre Schertze alsdenn erst vor, wenn die Gesellschaft
schon aufgeräumt worden, und sie kommen mit ihren Einfällen zu spät.
Ein anderer hat schon die besten Früchte eines Schertzes genossen,
und ihnen bleibt nur die Nachlese übrig, die bisweilen mager genug
ist. Dahin können auch die Schertze gerechnet werden, die in den
stillen Gesellschaften vorgetragen werden. Es scheint, daß manche
Zusammenkünfte nur gehalten werden, um einander anzusehen, und von
Gedancken auszuruhen. Eine solche Gesellschaft von Seulen, kan sehr
leicht durch den frostigsten Einfall ergötzt werden. Sie dencken wenig
oder nichts, und eine Kleinigkeit kan ihre gantze Seele einnehmen. Ein
Schertz aber, der alsdenn belacht wird, ist auf dieser Seite sehr mat.
Der schertzende und die Zuhörer dencken ausser dem Schertze weiter
nichts, und also mangelt ihm die Schönheit die ich bisher ausgeführet
habe.
§. 67.
Ich komme nunmehr auf die siebende Vollkommenheit der Schertze §. 25.
Ein feuriger Schertz muß eine sehr grosse und vollkommene sinliche
Vorstellung seyn. Oder, er muß alle Vollkommenheiten einer sinlichen
Vorstellung, in einem mercklichen Grade, besitzen. Ich bin nicht
willens, alle einzelne Vollkommenheiten eines sinlichen Gedanckens
durchzugehen. Das würde für meine jetzige Absicht zu weitläuftig seyn.
Ich will mich begnügen, die vornehmsten, und wenn ich so reden soll
die Grund-Vollkommenheiten der sinnlichen Erkenntniß durchzugehen.
Die übrigen sind entweder in diesen schon mit begriffen, oder
können doch mit leichter Mühe daraus hergeleitet werden. Zu diesen
Hauptvollkommenheiten rechne ich, die Klarheit, die Wahrheit, und das
Leben. Ich könnte auch die Gewißheit noch hinzuthun. Allein da sie der
Inbegriff der Klarheit und der Wahrheit ist, so übergehe ich sie ohne
Schaden. Kurtz, ein feuriger Schertz muß in hohem Grade klar, richtig,
und lebendig seyn.
§. 68.