Die berühmte Stahlwarenindustrie in Solingen begann im 15. Jahrhundert
als handwerksmäßiger Betrieb und hat diese Form bis zum Beginne
des 17. Jahrhunderts beibehalten. Verfertiger und Verkäufer der
Waren waren dieselben Personen. Die einzelnen, nach der Gattung der
Waren abgeteilten Gruppen hatten sich zu Bruderschaften verbunden,
die vererblich und gegeneinander streng abgeschlossen waren. Man
war bestrebt, eine möglichste Gleichheit des Einkommens unter den
Mitgliedern herbeizuführen. Diesen Zweck verfolgten Maßnahmen, die
heute in anderem Zusammenhange wieder aufgenommen sind, wie Verbot der
Nacht- und Sonntagsarbeit, Festsetzung der Höchstzahl der Lehrlinge und
des Höchstbetrages der Produktion.
[306] Das benutzte Material verdanke ich überwiegend den Mitteilungen
des Landrats $Dönhoff$ in Solingen. Eine litterarische
Behandlung desselben bietet der Aufsatz: »Arbeiterorganisationen
und Vergleichskammern in der Solinger Industrie« im
Jahrgang II, Nr. 8 der Zeitschrift der Zentralstelle für
Wohlfahrtseinrichtungen vom 15. April 1895. Eine Darstellung
der interessanten Entwickelung der Solinger Industrie, der
einige der folgenden Angaben entnommen sind, bietet das Buch von
$Alphons Thun$: »Die Hausindustrie am Niederrhein«.
Für die sozialpolitische Würdigung der Verhältnisse ist es von
Bedeutung, daß es bei der letzten Reichstagswahl zu dem einzig
dastehenden Ereignisse einer doppelten sozialdemokratischen Kandidatur
gekommen ist, indem gegenüber dem Parteikandidaten $Scheidemann$ der
frühere Abgeordnete $Schumacher$ aufgestellt wurde, dessen Anhänger
dann bei der Stichwahl für den liberalen Kandidaten $Sabin$ stimmten.
Im Gegensatz hierzu haben die offiziellen Sozialdemokraten bei der
letzten Stadtverordnetenwahl die Wahl von $Schumacher$ dadurch
vereitelt, daß sie in der Stichwahl für den bürgerlichen Kandidaten
eintraten. Spielen dabei auch persönliche Reibereien eine Rolle, so ist
doch von Bedeutung, daß $Schumacher$ der gemäßigten Richtung angehört,
die insbesondere die Politik aus den Gewerkschaften fern gehalten
wissen will.
Seit dem 17. Jahrhundert entwickelt sich die Form der Hausindustrie,
indem die Vermehrung der Produktion und deren Absatz nach außerhalb
dazu führt, daß die Verfertigung der Waren und deren Vertrieb
sich sondern. Einzelne Mitglieder der Bruderschaften beschäftigen
sich überwiegend mit dem Handel, es bildet sich ein besonderer
Kaufmannsstand, und der nicht handeltreibende Meister sinkt immer
mehr auf die Stufe des Lohnarbeiters herab. Es ist karakteristisch,
daß schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts die Lohnfrage die gleiche
Rolle spielt, wie heute. Lohnkämpfe zwischen Handwerkern und Kaufleuten
beherrschen das 18. Jahrhundert und geben Anlaß dazu, obrigkeitliche
Lohnsatzungen aufzustellen, in denen für die verschiedenen Gruppen
Mindestlöhne festgesetzt werden. Damit Hand in Hand geht der Kampf
gegen das Drucksystem. Die 1809 eingeführte Gewerbefreiheit führte
zu einer Verschlechterung der Lage der Arbeiter, und erst die mit
der Gewerbeordnung von 1869 gewährte Koalitionsbefugnis gab das
Hilfsmittel, sich hiergegen zu schützen. Zuerst traten 1871 die
Messerschleifer zu einem Verein zusammen, stellten Preisverzeichnisse
für die einzelnen Arbeitsgattungen auf und zwangen die Fabrikanten
zu ihrer Annahme. Als auch die Scherenschleifer in gleicher Weise
vorgingen, bildete sich zur Abwehr 1875 der Scherenfabrikantenverein,
der es nach mehrmonatlichen Lohnkämpfen durchsetzte, daß gemeinsam
vom Fabrikanten- und Schleiferverein ein Preisverzeichnis mit
Mindestpreisen vereinbart wurde. Eine Aenderung kann nur durch
dreimonatliche Kündigung herbeigeführt werden. Sowohl im Falle der
Kündigung, wie bei Streitigkeiten über den bestehenden Tarif beschließt
eine von beiden Teilen gewählte Vergleichskammer. Dieses System ist
nach und nach von den meisten der übrigen Gruppen (Scherenhärter und
-feiler, Tafelmesserschleifer, Gabelschleifer, Rasiermesserschleifer,
Taschen- und Federmesserschleifer u. s. w.) angenommen.
In den in neuerer Zeit entstandenen Industrien (Regenschirmgarnituren-,
Bügeleisen-, Stiefeleisenfabrikation u. s. w.) herrscht der
fabrikmäßige Betrieb, der auch in die Schwert-, Messer- und
Scherenfabrikation, wenn auch langsam so doch mehr und mehr eindringt,
obgleich die Schleifer ihm durch Ausstände entgegenzuwirken suchen.
Ein sehr großer Teil der Arbeiter in der Stahlwarenindustrie gehört
den Fachvereinen an, die ihrerseits Vereinbarungen über die Löhne mit
den Fabrikanten geschlossen haben. Für die Arbeiter beruht der Vorteil
hierbei vor allem darin, daß ihnen Schutz gegen die bei den kleineren
Fabrikanten übliche Lohndrückerei gewährt wird, während die Fabrikanten
durch diese Vereinbarungen gegen Preisunterbietungen geschützt werden.
Die Statuten der für die einzelnen Gruppen bestehenden Vereine stimmen
fast wörtlich überein; es genügt deshalb, aus je einem derselben die
wichtigsten Bestimmungen wiederzugeben.