6. Solinger Stahlwarenindustrie[306].

Die berühmte Stahlwarenindustrie in Solingen begann im 15. Jahrhundert

als handwerksmäßiger Betrieb und hat diese Form bis zum Beginne

des 17. Jahrhunderts beibehalten. Verfertiger und Verkäufer der

Waren waren dieselben Personen. Die einzelnen, nach der Gattung der

Waren abgeteilten Gruppen hatten sich zu Bruderschaften verbunden,

die vererblich und gegeneinander streng abgeschlossen waren. Man

war bestrebt, eine möglichste Gleichheit des Einkommens unter den

Mitgliedern herbeizuführen. Diesen Zweck verfolgten Maßnahmen, die

heute in anderem Zusammenhange wieder aufgenommen sind, wie Verbot der

Nacht- und Sonntagsarbeit, Festsetzung der Höchstzahl der Lehrlinge und

des Höchstbetrages der Produktion.

[306] Das benutzte Material verdanke ich überwiegend den Mitteilungen

des Landrats $Dönhoff$ in Solingen. Eine litterarische

Behandlung desselben bietet der Aufsatz: »Arbeiterorganisationen

und Vergleichskammern in der Solinger Industrie« im

Jahrgang II, Nr. 8 der Zeitschrift der Zentralstelle für

Wohlfahrtseinrichtungen vom 15. April 1895. Eine Darstellung

der interessanten Entwickelung der Solinger Industrie, der

einige der folgenden Angaben entnommen sind, bietet das Buch von

$Alphons Thun$: »Die Hausindustrie am Niederrhein«.

Für die sozialpolitische Würdigung der Verhältnisse ist es von

Bedeutung, daß es bei der letzten Reichstagswahl zu dem einzig

dastehenden Ereignisse einer doppelten sozialdemokratischen Kandidatur

gekommen ist, indem gegenüber dem Parteikandidaten $Scheidemann$ der

frühere Abgeordnete $Schumacher$ aufgestellt wurde, dessen Anhänger

dann bei der Stichwahl für den liberalen Kandidaten $Sabin$ stimmten.

Im Gegensatz hierzu haben die offiziellen Sozialdemokraten bei der

letzten Stadtverordnetenwahl die Wahl von $Schumacher$ dadurch

vereitelt, daß sie in der Stichwahl für den bürgerlichen Kandidaten

eintraten. Spielen dabei auch persönliche Reibereien eine Rolle, so ist

doch von Bedeutung, daß $Schumacher$ der gemäßigten Richtung angehört,

die insbesondere die Politik aus den Gewerkschaften fern gehalten

wissen will.

Seit dem 17. Jahrhundert entwickelt sich die Form der Hausindustrie,

indem die Vermehrung der Produktion und deren Absatz nach außerhalb

dazu führt, daß die Verfertigung der Waren und deren Vertrieb

sich sondern. Einzelne Mitglieder der Bruderschaften beschäftigen

sich überwiegend mit dem Handel, es bildet sich ein besonderer

Kaufmannsstand, und der nicht handeltreibende Meister sinkt immer

mehr auf die Stufe des Lohnarbeiters herab. Es ist karakteristisch,

daß schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts die Lohnfrage die gleiche

Rolle spielt, wie heute. Lohnkämpfe zwischen Handwerkern und Kaufleuten

beherrschen das 18. Jahrhundert und geben Anlaß dazu, obrigkeitliche

Lohnsatzungen aufzustellen, in denen für die verschiedenen Gruppen

Mindestlöhne festgesetzt werden. Damit Hand in Hand geht der Kampf

gegen das Drucksystem. Die 1809 eingeführte Gewerbefreiheit führte

zu einer Verschlechterung der Lage der Arbeiter, und erst die mit

der Gewerbeordnung von 1869 gewährte Koalitionsbefugnis gab das

Hilfsmittel, sich hiergegen zu schützen. Zuerst traten 1871 die

Messerschleifer zu einem Verein zusammen, stellten Preisverzeichnisse

für die einzelnen Arbeitsgattungen auf und zwangen die Fabrikanten

zu ihrer Annahme. Als auch die Scherenschleifer in gleicher Weise

vorgingen, bildete sich zur Abwehr 1875 der Scherenfabrikantenverein,

der es nach mehrmonatlichen Lohnkämpfen durchsetzte, daß gemeinsam

vom Fabrikanten- und Schleiferverein ein Preisverzeichnis mit

Mindestpreisen vereinbart wurde. Eine Aenderung kann nur durch

dreimonatliche Kündigung herbeigeführt werden. Sowohl im Falle der

Kündigung, wie bei Streitigkeiten über den bestehenden Tarif beschließt

eine von beiden Teilen gewählte Vergleichskammer. Dieses System ist

nach und nach von den meisten der übrigen Gruppen (Scherenhärter und

-feiler, Tafelmesserschleifer, Gabelschleifer, Rasiermesserschleifer,

Taschen- und Federmesserschleifer u. s. w.) angenommen.

In den in neuerer Zeit entstandenen Industrien (Regenschirmgarnituren-,

Bügeleisen-, Stiefeleisenfabrikation u. s. w.) herrscht der

fabrikmäßige Betrieb, der auch in die Schwert-, Messer- und

Scherenfabrikation, wenn auch langsam so doch mehr und mehr eindringt,

obgleich die Schleifer ihm durch Ausstände entgegenzuwirken suchen.

Ein sehr großer Teil der Arbeiter in der Stahlwarenindustrie gehört

den Fachvereinen an, die ihrerseits Vereinbarungen über die Löhne mit

den Fabrikanten geschlossen haben. Für die Arbeiter beruht der Vorteil

hierbei vor allem darin, daß ihnen Schutz gegen die bei den kleineren

Fabrikanten übliche Lohndrückerei gewährt wird, während die Fabrikanten

durch diese Vereinbarungen gegen Preisunterbietungen geschützt werden.

Die Statuten der für die einzelnen Gruppen bestehenden Vereine stimmen

fast wörtlich überein; es genügt deshalb, aus je einem derselben die

wichtigsten Bestimmungen wiederzugeben.

Die Gewerkschaftsbewegung Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter und der Arbeitgeber aller Länder. · 第 292 / 323 题