4. Die Schweizerische _fédération horlogère_[304].

Das Vorbild des Stickereiverbandes hat die Anregung geboten, auch

innerhalb der schweizerischen Uhrenindustrie eine gemeinsame

Organisation ins Leben zu rufen, aber auch hier ist der Erfolg

kein dauernder gewesen. Bis in die 80er Jahre war die Organisation

in den Kreisen der Uhrenarbeiter wenig entwickelt; in dieser Zeit

dagegen wurden viele Vereine, allerdings meist von lokaler Bedeutung,

begründet. Aber jetzt machte sich auch ein starker Rückgang in der

bis dahin blühenden schweizerischen Uhrenindustrie geltend, so daß

man in den Kreisen sowohl der Fabrikanten, wie der Arbeiter den

Gedanken erwog, ob es nicht möglich sei, in ähnlicher Weise wie in der

Stickindustrie sämtliche vorhandene Syndikate beider Teile zu einem

Zentralverbande zusammenzuschließen, und in der That gelang es, in

einer am 31. Juli 1886 in Neufchatel abgehaltenen, von Vertretern

der Arbeitgeber sowohl wie der Arbeiter beschickten Versammlung

die Gründung der _fédération horlogère_ ins Werk zu setzen. An die

Spitze trat ein Zentralkomitee aus je sieben Mitgliedern beider

Teile unter einem neutralen Vorsitzenden. Dieses Komitee sollte

zugleich als ständiges Schiedsgericht und Einigungsamt fungieren und

jährlich eine ordentliche Delegiertenversammlung aller beteiligten

Vereine und Syndikate einberufen. Falls bei Meinungsverschiedenheiten

Vermittelungsversuche zwischen den streitenden Parteien ohne Erfolg

blieben, sollte das Komitee die endgültige Entscheidung treffen. Wer

ohne dessen Vermittelung einen Streik begann, ging ohne weiteres

der Mitgliedschaft verlustig. Aber das Komitee sollte überhaupt das

Interesse der Uhrenindustrie nach allen Richtungen wahren, insbesondere

»alle praktischen Maßregeln ergreifen, die es für den Fortschritt und

das Aufblühen der schweizerischen Uhrenindustrie nützlich findet«.

Zu seiner Verfügung stand ein eigenes Bureau mit einem besoldeten

Sekretär. Ebenso dienten dem gleichen Zwecke die beiden Zeitschriften:

»_La solidarité horlogère_« und »_La fédération horlogère suisse_«, von

denen die erstere bald mit der letzteren vereinigt wurde.

[304] Vgl. $Berghoff-Ising$: Die sozialistische Arbeiterbewegung in der

Schweiz, S. 255 ff.

Die Arbeiter glaubten aber daneben noch eine eigene Organisation

nötig zu haben, und so wurde schon am 5. Juni 1887 die Gründung eines

allgemeinen Uhrenarbeiterverbandes ins Auge gefaßt, der aber im Rahmen

der _fédération horlogère_ sich halten sollte. In einer ferneren

Versammlung in Biel am 5. Februar 1888, in der 4200 Arbeiter durch 60

Abgeordnete vertreten waren, wurde die Gründung endgültig vollzogen. Er

wurde bezeichnet als _fédération horlogère ouvrière_ im Gegensatz zu

der allgemeinen _fédération horlogère_, der man zum Unterschiede den

Zusatz _mixte_ gab, und der schon nach dem ersten Jahre ihres Bestehens

12000 Mitglieder angehörten.

Aber beide Verbände hatten keine lange Dauer. Nicht allein hatten

sich, abweichend von dem Stickereiverbande, nur eine Minderzahl der

Arbeitgeber beteiligt, sondern es gelang auch nicht, die gegenseitigen

Verdächtigungen und Reibereien zu beseitigen; um so weniger konnte man

daran denken, den Grundsatz des »Verbandsverkehrs« einzuführen. Bald

trennte sich der Arbeiterverband von der _fédération mixte_, konnte

dann aber, losgelöst von ihr, sich nicht halten. Andererseits hatte

dadurch auch die _fédération mixte_ ihr Rückgrat verloren und mußte

bald ihre Thätigkeit einstellen. Man versuchte dann in verschiedenen

Orten das Verhältnis von Arbeitern und Arbeitgebern durch besondere

»Konventionen« zu regeln oder wenigstens einen allgemeinen Lohntarif

einzuführen, aber auch solche Vereinbarungen waren regelmäßig nur von

kurzer Dauer.

Angeregt durch einen im März 1892 in Grenchen ausgebrochenen großen

Streik, an dem die 22 bedeutendsten Uhrenfabriken beteiligt waren,

gelang es dann auf einem am 16. Oktober 1892 in St. Immer abgehaltenen

Kongresse, einen neuen Uhrenarbeiterverband, die _fédération ouvrière

horlogère_, zustande zu bringen, die 1895 4500 Mitglieder zählte und

seitdem die Arbeiterinteressen mit Erfolg vertritt.

Die Gewerkschaftsbewegung Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter und der Arbeitgeber aller Länder. · 第 287 / 323 题