Das Vorbild des Stickereiverbandes hat die Anregung geboten, auch
innerhalb der schweizerischen Uhrenindustrie eine gemeinsame
Organisation ins Leben zu rufen, aber auch hier ist der Erfolg
kein dauernder gewesen. Bis in die 80er Jahre war die Organisation
in den Kreisen der Uhrenarbeiter wenig entwickelt; in dieser Zeit
dagegen wurden viele Vereine, allerdings meist von lokaler Bedeutung,
begründet. Aber jetzt machte sich auch ein starker Rückgang in der
bis dahin blühenden schweizerischen Uhrenindustrie geltend, so daß
man in den Kreisen sowohl der Fabrikanten, wie der Arbeiter den
Gedanken erwog, ob es nicht möglich sei, in ähnlicher Weise wie in der
Stickindustrie sämtliche vorhandene Syndikate beider Teile zu einem
Zentralverbande zusammenzuschließen, und in der That gelang es, in
einer am 31. Juli 1886 in Neufchatel abgehaltenen, von Vertretern
der Arbeitgeber sowohl wie der Arbeiter beschickten Versammlung
die Gründung der _fédération horlogère_ ins Werk zu setzen. An die
Spitze trat ein Zentralkomitee aus je sieben Mitgliedern beider
Teile unter einem neutralen Vorsitzenden. Dieses Komitee sollte
zugleich als ständiges Schiedsgericht und Einigungsamt fungieren und
jährlich eine ordentliche Delegiertenversammlung aller beteiligten
Vereine und Syndikate einberufen. Falls bei Meinungsverschiedenheiten
Vermittelungsversuche zwischen den streitenden Parteien ohne Erfolg
blieben, sollte das Komitee die endgültige Entscheidung treffen. Wer
ohne dessen Vermittelung einen Streik begann, ging ohne weiteres
der Mitgliedschaft verlustig. Aber das Komitee sollte überhaupt das
Interesse der Uhrenindustrie nach allen Richtungen wahren, insbesondere
»alle praktischen Maßregeln ergreifen, die es für den Fortschritt und
das Aufblühen der schweizerischen Uhrenindustrie nützlich findet«.
Zu seiner Verfügung stand ein eigenes Bureau mit einem besoldeten
Sekretär. Ebenso dienten dem gleichen Zwecke die beiden Zeitschriften:
»_La solidarité horlogère_« und »_La fédération horlogère suisse_«, von
denen die erstere bald mit der letzteren vereinigt wurde.
[304] Vgl. $Berghoff-Ising$: Die sozialistische Arbeiterbewegung in der
Schweiz, S. 255 ff.
Die Arbeiter glaubten aber daneben noch eine eigene Organisation
nötig zu haben, und so wurde schon am 5. Juni 1887 die Gründung eines
allgemeinen Uhrenarbeiterverbandes ins Auge gefaßt, der aber im Rahmen
der _fédération horlogère_ sich halten sollte. In einer ferneren
Versammlung in Biel am 5. Februar 1888, in der 4200 Arbeiter durch 60
Abgeordnete vertreten waren, wurde die Gründung endgültig vollzogen. Er
wurde bezeichnet als _fédération horlogère ouvrière_ im Gegensatz zu
der allgemeinen _fédération horlogère_, der man zum Unterschiede den
Zusatz _mixte_ gab, und der schon nach dem ersten Jahre ihres Bestehens
12000 Mitglieder angehörten.
Aber beide Verbände hatten keine lange Dauer. Nicht allein hatten
sich, abweichend von dem Stickereiverbande, nur eine Minderzahl der
Arbeitgeber beteiligt, sondern es gelang auch nicht, die gegenseitigen
Verdächtigungen und Reibereien zu beseitigen; um so weniger konnte man
daran denken, den Grundsatz des »Verbandsverkehrs« einzuführen. Bald
trennte sich der Arbeiterverband von der _fédération mixte_, konnte
dann aber, losgelöst von ihr, sich nicht halten. Andererseits hatte
dadurch auch die _fédération mixte_ ihr Rückgrat verloren und mußte
bald ihre Thätigkeit einstellen. Man versuchte dann in verschiedenen
Orten das Verhältnis von Arbeitern und Arbeitgebern durch besondere
»Konventionen« zu regeln oder wenigstens einen allgemeinen Lohntarif
einzuführen, aber auch solche Vereinbarungen waren regelmäßig nur von
kurzer Dauer.
Angeregt durch einen im März 1892 in Grenchen ausgebrochenen großen
Streik, an dem die 22 bedeutendsten Uhrenfabriken beteiligt waren,
gelang es dann auf einem am 16. Oktober 1892 in St. Immer abgehaltenen
Kongresse, einen neuen Uhrenarbeiterverband, die _fédération ouvrière
horlogère_, zustande zu bringen, die 1895 4500 Mitglieder zählte und
seitdem die Arbeiterinteressen mit Erfolg vertritt.