1. Arbeitgeberverband Hamburg-Altona[239]

Unter allen Arbeitgeberverbänden am bekanntesten geworden ist

der in der Ueberschrift genannte infolge seiner Durchführung des

großen Hafenarbeiterstreiks. Wenn in Veranlassung dieses Kampfes

in weiten Kreisen der Verband als Vertreter des einseitigsten

Unternehmerstandpunktes gilt, so ist das nicht in vollem Umfange

berechtigt, mindestens hat er diesen Karakter nicht von Anfang an

getragen. Allerdings verdankt er seine Entstehung dem Bestreben der

Arbeitgeber, der Ausführung des auf dem Pariser internationalen

Arbeiterkongresse 1889 gefaßten Beschlusses wegen der Maifeier

entgegenzutreten, und so traten Ende April 1890 eine Anzahl

Unternehmer, die zusammen etwa 50000 Arbeiter beschäftigten, zu einem

Verbande zusammen, der neben diesem nächsten Ziele sich allgemein die

Vertretung der Interessen der Unternehmer gegenüber den Arbeitern zur

Aufgabe stellte. Aber dieser Zweck sollte nicht einseitig verfolgt

werden, vielmehr schlossen sich dem Verbande eine Anzahl hervorragender

Großindustrieller an, deren arbeiterfreundliche und sozialreformerische

Gesinnung allgemein bekannt war, während andererseits vor allem die

Handwerker den schroffen Kampfesstandpunkt vertraten. Daß der Einfluß

der erstgedachten Elemente überwog, beweisen die Statuten, deren

wichtigste Bestimmungen lauten:

Der Verband bezweckt die Herbeiführung dauernd friedlicher Verhältnisse

zwischen Arbeitgebern und Arbeitern durch Berücksichtigung berechtigter

Ansprüche und Abwehr unberechtigter Forderungen und ungesetzlicher

Uebergriffe abseiten der Arbeiter und ihrer Vereinigungen.

[239] Das Material verdanke ich dem Generalsekretär des Verbandes

Dr. $Märtens$. Eine ausführliche Darstellung der Entstehung und

Wirksamkeit des Verbandes giebt $Ehrenberg$ in seinem Aufsatze:

»Der Ausstand der Hamburger Hafenarbeiter« in $Conrad$'s Jahrb.

f. Nat.-Oek., Jahrg. 1897, S. 801 ff.

Der Verband soll nur denjenigen Zwecken dieser Art dienen, welche

durch die Einzelvereine nicht so gut erreicht werden können, alle

anderen Zwecke sind auszuschließen. Deshalb soll der Verband nur

Beschlüsse über Fragen fassen, welche die Interessen der Gesamtheit

der Arbeitgeber beeinflussen oder welche dem Verbande zur Entscheidung

übertragen worden sind. Andererseits hat jeder Einzelverein, bevor

er Veränderungen von größerer Tragweite in den Arbeitsbedingungen

eintreten läßt, die Pflicht, dem Verbande Gelegenheit zu geben, diese

Veränderungen seinerseits zur Erörterung zu bringen.

Als Mittel zur Erreichung des Zweckes soll dienen: die Beihülfe

zur Durchführung und Vervollständigung der Gesetze, welche zum

Wohle und Schutze der Arbeiter erlassen sind, und die Unterstützung

gemeinnütziger Bestrebungen für das Wohl der Arbeiter, dann die

Einführung der sogenannten Streikklausel in alle Lieferungsverträge,

die Vereinbarung, keine im Streik oder in der Aussperrung befindlichen

Arbeiter anderer anzunehmen, die Schaffung einer Darlehnskasse für

Streikfälle, die Errichtung von Arbeitsnachweisen und ähnliches.

Ordentliche Mitglieder des Verbandes können sämtliche in Hamburg,

Altona, Wandsbeck, Harburg und der Umgegend bestehenden oder sich

bildenden Vereinigungen von Industriellen und Gewerbetreibenden werden,

welche sich schriftlich zur Innehaltung dieser Satzungen verpflichten.

Der zunächst verfolgte Zweck, die Maifeier zu verhindern, wurde

erreicht, indem alle Arbeiter, die sich an ihr beteiligten, entlassen

wurden. Daneben wurde zur Unterstützung kleinerer Unternehmer

bei Streiks ein Garantiefonds unter Verwaltung eines besonderen

Vertrauensrates gegründet, der schon nach wenigen Tagen die Höhe von

einer halben Million erreichte. Dagegen scheiterte der Versuch, einen

allgemeinen Arbeitsnachweis durchzuführen, an der Verschiedenartigkeit

der Verhältnisse in den einzelnen Gewerben.

Das Uebergewicht der sozialreformerischen Richtung zeigte sich in

einer seitens des Verbandes bei Beratung des Arbeiterschutzgesetzes

im November 1890 an den Reichstag gerichteten Eingabe wegen Schaffung

einer gemeinsamen Organisation von Arbeitern und Arbeitgebern, die der

herrschenden Auffassung in Unternehmerkreisen so wenig entsprach, daß

sie von dieser Seite als »komplett sozialdemokratisch« bezeichnet wurde.

Zu einer Verschiebung hinsichtlich des Einflusses der beiden

Richtungen führte zunächst der im Frühjahr 1891 erfolgte Beitritt der

Zigarrenfabrikanten, die soeben erst ihre große Aussperrung gegen

ihre streikenden Arbeiter siegreich durchgeführt hatten und den

Kampfelementen eine wesentliche Unterstützung brachten. Dies trat auch

darin hervor, daß, als es sich nach der großen Choleraepidemie von

1892 darum handelte, ob der Verband sich an der seitens des Staates

angeregten Bildung eines Arbeitsnachweises für Gelegenheitsarbeiter

gemeinsam mit den Arbeitern beteiligen wolle, dies an die Bedingung

geknüpft wurde, daß die Mitwirkung der Arbeiter auf Bildung eines

Ausschusses zur Vorbringung von Wünschen und Beschwerden beschränkt

werde.

Der Verein Hamburger Reeder trat dem Verbande erst bei nach Ausbruch

des großen Hafenarbeiterstreiks, auf dessen Verlauf hier nicht

eingegangen werden kann, nur ist hervorzuheben, daß gerade die Reeder

es waren, die in den verschiedenen Phasen des Kampfes stets für die

mildere Behandlung eintraten. Daß die unversöhnliche Richtung, die

eine unerbittliche Niederschlagung des in der That frivol begonnenen

Streiks forderte, das Uebergewicht erlangte, war die Folge des

Einflusses der Handwerker und derjenigen größeren Unternehmer, die

ungelernte Arbeiter beschäftigten.

In welcher Richtung der Verband sich weiter bewegen wird, ist

schwer zu beurteilen. In dem seitens des Geschäftsführers

erstatteten Jahresberichte für 1897 wird betont, daß der Verband

nach der erfolgreichen Bekämpfung unberechtigter Forderungen und

Uebergriffe der Arbeiter sich jetzt daran gemacht habe, »durch

Berücksichtigung berechtigter Ansprüche friedliche Verhältnisse

zwischen Arbeitgebern und Arbeitern herbeizuführen«. Aber daß

dieses Ziel doch auf wesentlich anderem Wege erstrebt wird, als

es der früher seitens des Verbandes vertretenen Grundanschauung

der Gleichberechtigung beider Teile entspricht, ergiebt sich aus

der Stellung zu der Frage des Arbeitsnachweises. Allerdings ist es

durch Errichtung einer Nachweisestelle für Seeleute gelungen, das

Unwesen der Heuerbaase wesentlich zu beschränken, aber als die vom

Senate eingesetzte Kommission das Ziel verfolgte, mit Hülfe der

»Patriotischen Gesellschaft« einen unparteiischen Arbeitsnachweis

für die Stauer, Hafenarbeiter, Ewerführer u. s. w. einzuführen, ist

dies an der Weigerung des Verbandes gescheitert, der grundsätzlich

den Arbeitsnachweis als Recht der Arbeitgeber in Anspruch nimmt

und diesen Standpunkt auch auf der von Dr. $Zastrow$ einberufenen

Arbeitsnachweiskonferenz in Karlsruhe gegenüber fast allen Teilnehmern

derselben vertreten hat. Seinerseits hat der Verein es in die

Hand genommen, die am 5. September 1898 in Leipzig abgehaltene

Arbeitsnachweiskonferenz ins Leben gerufen, auf der als Grundsatz

aufgestellt wurde, daß der Arbeitsnachweis ein ausschließliches Recht

der Unternehmer sei. Der Jahresbericht für 1898 erwähnt ferner, daß

es dem Vereine gelungen sei, den »ruinösen« Entschluß der Hamburger

Bäckerinnung, provisorisch den neunstündigen Arbeitstag einzuführen,

durch sein Eingreifen rückgängig zu machen. Die Gewerkschaften und

die Sozialdemokratie werden als ebenso untrennbar zusammengehörig

bezeichnet, wie Sauerstoff und Stickstoff in der Luft. Es scheint also

die reaktionäre Richtung im Vereine zunächst noch die Herrschaft zu

behalten.

Dem Verbande gehören zur Zeit folgende Vereine an:

»Hamburger Innungs-Ausschuß«, »Baugewerks-Innung Bauhütte

'Hamburg's'«, »Verband der Eisenindustrie Hamburgs«, »Verein der

Ewerführerbaase von 1874«, »Verein der Hamburger Quartiersleute«,

»Caffeehandelvereinigung«, »Verein der Stauer Hamburg-Altona«,

»Vereinigung der Gärtner Hamburg-Altona«, »Verein der Chemischen

Industrie von Hamburg-Altona«, »Verein der Cigarrenfabrikanten von

1890«, »Verein Hamburger Reeder«, »Verein der Kornumstecherfirmen

Hamburgs«, »Verein der Importeure engl. Kohlen«, »Verein der

Kesselreinigerbaase«, »Verein der Schiffsmaler und Schiffsreiniger«,

»Verein des Holzgewerbes von Hamburg-Altona«, »Verein der Schiffsmakler

und Schiffsagenten«, »Innungs-Ausschuß Altona«, »Verein der

Segelmacherbaase von Hamburg-Altona«.

Jeder Verein hat auf je 1000 Arbeiter eine Stimme. Die Vertreter

der Vereine bilden die Verbandsversammlung, das einzige Organ des

Verbandes, die den Vorsitzenden, die Schriftführer, den Kassenführer

und deren Vertreter, sowie die Mitglieder des Vertrauensrates der

Darlehenskasse wählt. Der jetzige Vorsitzende ist Hermann $Blohm$,

Inhaber der Firma Blohm & Voß[240].

[240] Nach dem Vorbilde des Hamburger Vereins hat sich ein solcher auch

in Lübeck gebildet; dessen Vorsitzender, Rechtsanwalt Dr.

$Götz$, hat mir jedoch auf mehrfache an ihn gerichtete Anfragen

eine Antwort nicht zukommen lassen.

Die Gewerkschaftsbewegung Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter und der Arbeitgeber aller Länder. · 第 246 / 323 题