21. Schuhmacher[218].

Die Anregung zu einer internationalen Organisation der Schuhmacher

ist von dem Zentralkomitee des schweizerischen Schuhmacherverbandes

ausgegangen, der den am 6. und 7. August 1893 in Zürich abgehaltenen

$ersten internationalen Schuhmacherkongreß$ einberief. Auf demselben

war England, Dänemark, Oesterreich, Ungarn und Frankreich durch je

einen, Deutschland durch 5 und die Schweiz durch 16 Abgeordnete

vertreten.

[218] Ueber beide Kongresse bestehen Protokolle, die aber nicht

im Buchhandel zu haben, mir aber von dem internationalen

Sekretär $Mertens$ in Zürich zur Verfügung gestellt sind.

Der wichtigste Punkt der Beratungen war die Begründung eines

$internationalen Sekretariates$, das schließlich auch gegen geringen

Widerspruch beschlossen wurde. Die Aufgabe desselben soll die

Herstellung regelmäßiger Beziehungen zwischen den verschiedenen

Verbänden, sowie die Ordnung des Streikwesens sein. Als Sitz des

Sekretariates wurde Zürich bestimmt. Die Kosten sollen von den

beteiligten Verbänden nach Verhältnis ihrer Mitgliederzahl getragen

werden.

Hinsichtlich des $Reiseunterstützungswesens$ wurde die Zentralisierung

unter Anschluß an die Holzarbeiter und die Metallarbeiter in der Weise

angenommen, daß jeder Verband Coupons ausgiebt, die am Schlusse jeden

Vierteljahres unter Vergütung des Fehlbetrages ausgetauscht werden.

Die Verhandlung über die $Streikfrage$, bei der die Franzosen ihr

Steckenpferd des internationalen Streiks ritten, wurde schließlich dem

Sekretariate zur weiteren Beratung überwiesen.

$Arbeitsnachweis$ und $Herbergswesen$ wurden zusammen behandelt; es

wurde betont, daß gerade deshalb das Herbergswesen in der Hand der

Gewerkschaften zentralisiert werden müsse, weil dadurch die Möglichkeit

gewonnen werde, die Arbeiter für politische und gewerkschaftliche

Bestrebungen zu gewinnen.

Die Fragen der $Fachblätter$, des $Normalarbeitstages$, der

$Stückarbeit$, des $Zwischenmeistersystems$ und der $Heimarbeit$, der

$Frauenarbeit$ und des $Arbeiterschutzes$ wurden wegen Kürze der Zeit

nur kurz beraten, ohne Beschlüsse zu fassen.

Das internationale Sekretariat hat für die Zeit vom Dezember 1893 bis

Mai 1897 einen Bericht erstattet, aus dem folgendes zu erwähnen ist:

Die Leitung des Sekretariates wurde einem aus sieben Personen

bestehenden Ausschusse übertragen, der einen Organisationsplan entwarf

und an die beteiligten Verbände versandte, aber mit so geringem

Erfolge, daß der Bericht erklärt, er sei verhallt wie ein Ruf in der

Wüste. Auch über die Nachlässigkeit der Verbandsvorstände bei der

Auskunftserteilung wird bittere Klage geführt: nur mit Ungarn, Belgien

und der Schweiz, allenfalls auch noch mit Deutschland, Oesterreich

und England sei ein geordneter Verkehr hergestellt, dagegen seien

von Amerika, Frankreich, Holland und Serbien nur vereinzelte, von

Italien, Australien, Böhmen, Portugal, Bulgarien und Rumänien gar keine

Antworten zu erlangen gewesen. Danach waren an dem Sekretariate neun

Nationen beteiligt, nämlich Deutschland, Oesterreich, Ungarn, England,

Schweiz, Schweden, Norwegen, Dänemark und Belgien. Die Einnahmen haben

1894 302 Frs., 1895 191 Frs. und 1896 162 Frs. betragen.

Am 13. und 14. Juni 1897 hat in Brüssel der $zweite internationale

Kongreß$ stattgefunden, auf dem Deutschland, Oesterreich, Ungarn,

Böhmen, Schweiz und Belgien durch 13 Abgeordnete vertreten waren.

Schweden, Norwegen, Dänemark und Holland hatten erklärt, sich den

Beschlüssen des Kongresses fügen zu wollen; im letzten Augenblicke

hatte sich auch noch eine Anknüpfung mit Italien vollzogen. Dagegen

hatte England und Amerika die Beschickung abgelehnt; von Frankreich war

keinerlei Nachricht zu erlangen gewesen.

Die meiste Zeit nahmen auch dieses Mal die $Berichte aus den einzelnen

Ländern$ in Anspruch, wobei allseitig betont wurde, daß man in der

Einleitung von Streiks vorsichtig sein und in allen Fällen zunächst auf

Beschreitung des friedlichen Weges Bedacht nehmen möge. Die Folge des

von dem $internationalen Sekretariate$ erzielten geringen Erfolges war,

daß der bisherige äußerst rührige Sekretär $Mertens$ in Zürich, dessen

Anstrengungen dasjenige, was überhaupt geschehen war, in erster Linie

zu danken ist, dafür eintrat, das Sekretariat entweder ganz aufzuheben

oder wenigstens nach einem anderen Lande zu verlegen. Nachdem aber

die übrigen Länder sich entschieden geweigert hatten, wurde dennoch

beschlossen, den Sitz in Zürich zu belassen, auch den beteiligten

Verbänden die eifrige Unterstützung bei ausbrechenden Streiks dringend

an's Herz zu legen. In Verbindung hiermit erklärte der Kongreß, daß

die Gründung einer $internationalen Widerstandskasse$ freilich dringend

erwünscht sei, daß dieselbe aber zur Zeit sich nicht durchführen

lasse und der Zukunft vorbehalten werden müsse. Zu der Frage der

$Arbeiterschutzgesetzgebung$ faßte man eine auf die Frauen-, Kinder-

und Nachtarbeit, sowie die Einführung eines Maximalarbeitstages, die

Hausindustrie und die Gewerbeinspektion bezügliche Resolution und

beschloß endlich den gegenseitigen Austausch von Fachzeitungen.

Man war darüber einig, daß die Vorbedingung der internationalen

Organisation in der Schaffung nationaler Zentralverbände zu sehen sei,

und da die Generalversammlung der deutschen Schuhmacher im Jahre 1897

den Anschluß an die Gewerkschaftskommission abgelehnt hat, so ist für

Deutschland zunächst eine Beteiligung an der internationalen Verbindung

nicht wahrscheinlich.

Die Gewerkschaftsbewegung Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter und der Arbeitgeber aller Länder. · 第 237 / 323 题