Die Anregung zu einer internationalen Organisation der Schuhmacher
ist von dem Zentralkomitee des schweizerischen Schuhmacherverbandes
ausgegangen, der den am 6. und 7. August 1893 in Zürich abgehaltenen
$ersten internationalen Schuhmacherkongreß$ einberief. Auf demselben
war England, Dänemark, Oesterreich, Ungarn und Frankreich durch je
einen, Deutschland durch 5 und die Schweiz durch 16 Abgeordnete
vertreten.
[218] Ueber beide Kongresse bestehen Protokolle, die aber nicht
im Buchhandel zu haben, mir aber von dem internationalen
Sekretär $Mertens$ in Zürich zur Verfügung gestellt sind.
Der wichtigste Punkt der Beratungen war die Begründung eines
$internationalen Sekretariates$, das schließlich auch gegen geringen
Widerspruch beschlossen wurde. Die Aufgabe desselben soll die
Herstellung regelmäßiger Beziehungen zwischen den verschiedenen
Verbänden, sowie die Ordnung des Streikwesens sein. Als Sitz des
Sekretariates wurde Zürich bestimmt. Die Kosten sollen von den
beteiligten Verbänden nach Verhältnis ihrer Mitgliederzahl getragen
werden.
Hinsichtlich des $Reiseunterstützungswesens$ wurde die Zentralisierung
unter Anschluß an die Holzarbeiter und die Metallarbeiter in der Weise
angenommen, daß jeder Verband Coupons ausgiebt, die am Schlusse jeden
Vierteljahres unter Vergütung des Fehlbetrages ausgetauscht werden.
Die Verhandlung über die $Streikfrage$, bei der die Franzosen ihr
Steckenpferd des internationalen Streiks ritten, wurde schließlich dem
Sekretariate zur weiteren Beratung überwiesen.
$Arbeitsnachweis$ und $Herbergswesen$ wurden zusammen behandelt; es
wurde betont, daß gerade deshalb das Herbergswesen in der Hand der
Gewerkschaften zentralisiert werden müsse, weil dadurch die Möglichkeit
gewonnen werde, die Arbeiter für politische und gewerkschaftliche
Bestrebungen zu gewinnen.
Die Fragen der $Fachblätter$, des $Normalarbeitstages$, der
$Stückarbeit$, des $Zwischenmeistersystems$ und der $Heimarbeit$, der
$Frauenarbeit$ und des $Arbeiterschutzes$ wurden wegen Kürze der Zeit
nur kurz beraten, ohne Beschlüsse zu fassen.
Das internationale Sekretariat hat für die Zeit vom Dezember 1893 bis
Mai 1897 einen Bericht erstattet, aus dem folgendes zu erwähnen ist:
Die Leitung des Sekretariates wurde einem aus sieben Personen
bestehenden Ausschusse übertragen, der einen Organisationsplan entwarf
und an die beteiligten Verbände versandte, aber mit so geringem
Erfolge, daß der Bericht erklärt, er sei verhallt wie ein Ruf in der
Wüste. Auch über die Nachlässigkeit der Verbandsvorstände bei der
Auskunftserteilung wird bittere Klage geführt: nur mit Ungarn, Belgien
und der Schweiz, allenfalls auch noch mit Deutschland, Oesterreich
und England sei ein geordneter Verkehr hergestellt, dagegen seien
von Amerika, Frankreich, Holland und Serbien nur vereinzelte, von
Italien, Australien, Böhmen, Portugal, Bulgarien und Rumänien gar keine
Antworten zu erlangen gewesen. Danach waren an dem Sekretariate neun
Nationen beteiligt, nämlich Deutschland, Oesterreich, Ungarn, England,
Schweiz, Schweden, Norwegen, Dänemark und Belgien. Die Einnahmen haben
1894 302 Frs., 1895 191 Frs. und 1896 162 Frs. betragen.
Am 13. und 14. Juni 1897 hat in Brüssel der $zweite internationale
Kongreß$ stattgefunden, auf dem Deutschland, Oesterreich, Ungarn,
Böhmen, Schweiz und Belgien durch 13 Abgeordnete vertreten waren.
Schweden, Norwegen, Dänemark und Holland hatten erklärt, sich den
Beschlüssen des Kongresses fügen zu wollen; im letzten Augenblicke
hatte sich auch noch eine Anknüpfung mit Italien vollzogen. Dagegen
hatte England und Amerika die Beschickung abgelehnt; von Frankreich war
keinerlei Nachricht zu erlangen gewesen.
Die meiste Zeit nahmen auch dieses Mal die $Berichte aus den einzelnen
Ländern$ in Anspruch, wobei allseitig betont wurde, daß man in der
Einleitung von Streiks vorsichtig sein und in allen Fällen zunächst auf
Beschreitung des friedlichen Weges Bedacht nehmen möge. Die Folge des
von dem $internationalen Sekretariate$ erzielten geringen Erfolges war,
daß der bisherige äußerst rührige Sekretär $Mertens$ in Zürich, dessen
Anstrengungen dasjenige, was überhaupt geschehen war, in erster Linie
zu danken ist, dafür eintrat, das Sekretariat entweder ganz aufzuheben
oder wenigstens nach einem anderen Lande zu verlegen. Nachdem aber
die übrigen Länder sich entschieden geweigert hatten, wurde dennoch
beschlossen, den Sitz in Zürich zu belassen, auch den beteiligten
Verbänden die eifrige Unterstützung bei ausbrechenden Streiks dringend
an's Herz zu legen. In Verbindung hiermit erklärte der Kongreß, daß
die Gründung einer $internationalen Widerstandskasse$ freilich dringend
erwünscht sei, daß dieselbe aber zur Zeit sich nicht durchführen
lasse und der Zukunft vorbehalten werden müsse. Zu der Frage der
$Arbeiterschutzgesetzgebung$ faßte man eine auf die Frauen-, Kinder-
und Nachtarbeit, sowie die Einführung eines Maximalarbeitstages, die
Hausindustrie und die Gewerbeinspektion bezügliche Resolution und
beschloß endlich den gegenseitigen Austausch von Fachzeitungen.
Man war darüber einig, daß die Vorbedingung der internationalen
Organisation in der Schaffung nationaler Zentralverbände zu sehen sei,
und da die Generalversammlung der deutschen Schuhmacher im Jahre 1897
den Anschluß an die Gewerkschaftskommission abgelehnt hat, so ist für
Deutschland zunächst eine Beteiligung an der internationalen Verbindung
nicht wahrscheinlich.