Die Diamantindustrie hat ihren Mittelpunkt in Amsterdam, ist aber auch
in London, Genf, St. Cloud (Frankreich) und Hanau vertreten. Schon früh
hatten die Diamantarbeiter versucht, eine internationale Organisation
zu gründen und zu diesem Zwecke in Paris (1889), Charleville (1890),
Genf, St. Cloud, Antwerpen (1894) Kongresse abgehalten. In Charleville
hatte man grundsätzlich die Gründung eines internationalen Bundes
beschlossen. Auch war unter dem Titel »_Adamas_« ein internationales
Fachblatt in 3 Sprachen (deutsch, französisch, flämisch) ins Leben
gerufen. Aber nicht allein war das letztere schon 1892 wieder
eingegangen, sondern die früheren Versuche einer Organisation
mußten überhaupt als im wesentlichen gescheitert angesehen werden,
insbesondere war die gleichfalls in Charleville beschlossene Gründung
einer internationalen Streikkasse nicht zur Ausführung gelangt.
[213] Das benutzte Material verdanke ich Herrn $Otto Reinhardt$ in
Hanau.
Erst der am 25./26. August 1895 in $Amsterdam$ abgehaltene Kongreß,
auf welchem 39 Vertreter aus Holland, Belgien, Deutschland und der
Schweiz erschienen waren, während Frankreich, England und Amerika
sich auf Sympathieerklärungen beschränkt hatten, führte insofern zu
einem greifbaren Ziele, als man die Einsetzung eines $internationalen
Sekretariates$ in Amsterdam beschloß. Der weitergehende Antrag, einen
internationalen Verband zu gründen, gegen den sich der deutsche
Vertreter aus dem Grunde erklärt hatte, weil die deutschen Gesetze
im Wege standen, war zur Zeit abgelehnt, indem man der Hoffnung
Ausdruck gab, daß das Sekretariat den ersten Schritt auf dem Wege zu
einem festen Verbande bilden werde. Auch von der Wiederherstellung
eines internationalen Fachblattes wurde vorläufig Abstand genommen,
aber beschlossen, daß das Sekretariat in angemessenen Zwischenräumen
gedruckte Mitteilungen versenden solle. Das gleiche Schicksal hatte
die Anregung, einen einheitlichen Lohntarif aufzustellen, indem man
sich überzeugen mußte, daß dazu die Verhältnisse in den einzelnen
Ländern zu verschieden seien. Dagegen sprach man sich einstimmig
gegen die Ausdehnung der Frauenarbeit und für eine Einschränkung der
Lehrlingszahl aus. Die Agitation für den Achtstundentag wurde den
einzelnen Vereinen überlassen.
Aber man hatte, entgegen einem darauf gerichteten Antrage, es
unterlassen, sofort den internationalen Sekretär zu wählen, und so
blieb auch dieses einzige positive Ergebnis des Kongresses insofern
ohne praktische Folge, als die Wahl thatsächlich unterblieb. Dies war
der Hauptgrund, weshalb sich die Einberufung eines neuen Kongresses
als notwendig erwies, der dann vom 20. bis 22. September 1897 in
Antwerpen unter Beteiligung von 48 Vertretern aus Antwerpen, Genf,
London, St. Cloud, Paris und Hanau abgehalten wurde[214]. Auch hier
stand neben der Schaffung eines Sekretariates die Gründung eines
festen Bundes in Frage. Nach längeren Verhandlungen wurde zunächst
die Wahl des internationalen Sekretärs ($Polack$), der seinen Sitz
in Amsterdam haben soll, vorgenommen und darauf die Gründung des
internationalen Bundes grundsätzlich beschlossen, mit der Maßgabe, daß
innerhalb 3 Monate alle beteiligten Länder Vorschläge zur Organisation
an den Sekretär einzusenden haben, aus denen dieser für den nächsten
Kongreß einen Entwurf zusammenstellen soll. Auch die Herausgabe eines
internationalen Fachblattes in 4 Sprachen (holländisch, französisch,
deutsch und englisch) wurde beschlossen, doch ist nur die erste Nummer
(vom November 1897) erschienen. Der Hauptteil der übrigen Verhandlungen
nahm die Lehrlingsfrage in Anspruch, in der man schließlich nach
Einsetzung einer Kommission beschloß, daß bis zu dem nächsten Kongresse
Lehrlinge überhaupt nicht mehr angenommen werden dürften. Hinsichtlich
der Arbeitszeit beschloß man, daß diese zunächst überall da, wo sie
bisher länger war, auf 10 Stunden eingeschränkt werden müsse; später
soll dann der Achtstundentag angestrebt werden. Man empfahl schließlich
mit großer Mehrheit die Akkordarbeit an Stelle der Lohnarbeit. Dagegen
erklärte man sich einstimmig für Abschaffung der Hausindustrie. Die
Frage wegen Einrichtung genossenschaftlicher Betriebe wurde dem
nächsten Kongresse überwiesen. Dieser Kongreß sollte schon 1898
stattfinden, wurde aber später auf August 1899 verschoben und soll dann
in Deutschland abgehalten werden.
[214] Der Kongreß wird in dem offiziellen Protokolle als fünfter
bezeichnet; als die vier ersten werden diejenigen von Paris
(1889), Charleville (1890), Antwerpen (1894) und Amsterdam
(1895) betrachtet.