3. Die sozialistischen Gewerkschaften[71].

A. Der v. Schweitzer'sche Gewerkschaftsbund.

Der von v. $Schweitzer$ auf dem 26. September 1868 berufene und

unter seinem Vorsitze tagende Kongreß war von 206 Abgeordneten aus

allen Teilen Deutschlands besucht, die 142008 Arbeiter aus 110

Orten vertraten. Nach der gewaltsamen Entfernung der $Hirsch$'schen

Anhänger gelang es v. $Schweitzer$ ohne Mühe, in den viertägigen

Verhandlungen, seine vorher bis in alle Einzelheiten ausgearbeiteten

Pläne zur Annahme zu bringen. Jede Gewerkschaft sollte durch ganz

Deutschland eine geschlossene Einheit bilden. Aus den Vorständen der

einzelnen Gewerkschaften wurde eine Zentralleitung unter dem Namen

»$Deutscher Gewerkschaftsbund$« gebildet, dessen Sitz in Berlin war

und dessen Präsidium aus v. $Schweitzer$, $Fritzsche$ und einer

dritten unbekannten Person bestand. v. $Schweitzer$ beabsichtigte

die Einteilung der Gewerkschaften, die auf dem Grundsatze der

Branchenorganisation beruhten, in 32 Berufsgruppen, die sogenannten

»$Arbeiterschaften$«, die etwa den späteren »Industrieverbänden«

entsprechen. Von solchen Arbeiterschaften wurden auf dem Kongresse

sofort 10 gebildet, nämlich: die Berg- und Hüttenarbeiter, die

Metallarbeiter, die Färber, die Weber und Manufakturarbeiter,

die Schuhmacher, die Bäcker, die Buchbinder, die Schneider, die

Holzarbeiter und die Maurer.

[71] Das beste zusammenfassende Werk über die sozialistischen

Gewerkschaften ist das Buch von $Schmöle$: Die

sozialdemokratischen Gewerkschaften in Deutschland seit dem

Erlasse des Sozialistengesetzes, Jena 1896 Fischer, von dem bis

jetzt der erste, vorbereitende Teil, der übrigens im Gegensatz

zu seinem Titel auch wertvolles Material aus der Zeit von 1878

enthält, und der zweite, den Zimmererverband behandelnde Band

erschienen ist. Seit 1891 erscheint das Korrespondenzblatt der

Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, Redaktion

und Verlag E. $Legien$ Hamburg, als offizielles Organ der

Zentralorganisationen. Ueber die drei Gewerkschaftskongresse von

1892, 1896 und 1899 sind im Verlage von E. $Legien$ Hamburg, die

offiziellen Verhandlungsberichte erschienen.

Aber diesem günstigen Anfange entsprach nicht der weitere Verlauf,

und insbesondere v. $Schweitzer$ selbst grub schon nach einem

Jahr seinem soeben geschaffenen Werke das Grab, indem die $erste

Delegiertenversammlung$ des »deutschen Gewerkschaftsbundes«, die Ende

1869 in Anschluß an die in $Kassel$ abgehaltene Generalversammlung des

von $Lassalle$ gegründeten »Allgemeinen deutschen Arbeitervereins«

tagte, auf Antrag v. $Schweitzer$'s die Auflösung aller bestehenden

Gewerkschaften und den Uebertritt ihrer sämtlichen Mitglieder in

einen gleichzeitig ins Leben zu rufenden »$Allgemeinen deutschen

Arbeiterunterstützungsverband$« mit dem Sitze in Berlin beschloß.

Dieser Verband sollte mit dem »Allgemeinen deutschen Arbeitervereine«

in engster Verbindung bleiben, indem nicht allein zwischen den

Präsidenten eine Personalunion bestehen sollte, sondern auch die

Mitgliedschaft des Unterstützungsverbandes von der Anerkennung der

Grundsätze des Arbeitervereins abhängig gemacht war.

Welche Gründe v. $Schweitzer$ hierzu bestimmt haben, ist schwer

zu beurteilen. Möglicherweise fürchtete er aus der nahe liegenden

Konkurrenz beider Organisationen eine Zersplitterung und war von

der alleinseligmachenden Kraft der politischen Sozialdemokratie

so überzeugt, daß er sie nicht durch eine selbständige

Gewerkschaftsbewegung lahm legen wollte, vielleicht aber war es auch

ein aus seiner eigenartigen Natur zu erklärender blasierter Ueberdruß

an dem selbstgeschaffenen Unternehmen, der ihn ja auch bald bestimmte,

von seiner ganzen politischen Thätigkeit zurückzutreten. Jedenfalls war

durch die Gründung des Unterstützungsverbandes, in dem alle Arbeiter

ohne Rücksicht auf die Berufsgliederung und die durch diese bedingten

besonderen Beziehungen und Interessen Aufnahme fanden, das allein

lebenskräftige Prinzip der gewerkschaftlichen Organisation verlassen.

Dem entsprach auch der äußere Verlauf der Entwicklung. Während, wie

erwähnt am 26. September 1869 in Berlin 142000 Arbeiter vertreten

gewesen waren, während in Kassel immerhin noch 35232 Mitglieder

gezählt wurden, war diese Zahl bereits auf der im folgenden Jahre

1870 in Berlin abgehaltenen Generalversammlung auf 20657 und bei

einer am 25. Mai 1871 vorgenommenen Zählung auf 4257 herabgegangen.

Als man in den folgenden Jahren seitens der Polizei energisch

gegen alle sozialdemokratischen Vereinigungen vorging, benutzte

$Hasenclever$, der Nachfolger v. $Schweitzer$'s im Arbeitervereine

und im Unterstützungsverbande, dies als Vorwand, um den nicht mehr

lebensfähigen Verband durch einen Erlaß vom 8. September 1874 formell

$aufzulösen$. Allerdings hatten sich nicht alle Gewerkschaften dem in

Kassel gefaßten Beschlusse gefügt, und es bestanden deshalb einige

derselben auch noch ferner weiter, aber zu irgend welcher Bedeutung

vermochten sie nicht zu gelangen.

B. Die internationalen Gewerksgenossenschaften.

Auch die $Marxisten$ hatten die große praktische Bedeutung der

Gewerkschaften erkannt, aber sie gerieten, als die konsequenteren, noch

mehr als die Lassalleaner in Konflikt mit ihrer Grundauffassung von der

Unmöglichkeit, unter der Herrschaft der bestehenden Wirtschaftsordnung

zu befriedigenden Zuständen zu gelangen, während doch die

Gewerkschaften sich grundsätzlich auf den Boden dieser Ordnung stellen.

So fand man denn schließlich eine Vermittelung in dem Standpunkte,

daß die Gewerkschaften freilich das Los der Arbeiterklasse nicht

eigentlich zu bessern vermöchten, aber doch weiteren Verschlechterungen

vorzubeugen im Stande sein und vor allem Schulen bildeten, in denen

es möglich sei, die Arbeiter zum Verständnisse ihrer Lage zu bringen

und für die politischen Aufgaben vorzubereiten. Eine konsequentere

Richtung freilich sprach es offen aus, daß die Gewerkschaftsbewegung

keinen weiteren Zweck haben könne, als gewissermaßen experimentell

die Unmöglichkeit zu beweisen, im Rahmen der bestehenden Ordnung zu

befriedigenden Zuständen zu gelangen und so die Arbeiterschaft von

der Notwendigkeit einer Umgestaltung der heutigen Verhältnisse zu

überzeugen.

Eine weitere Verschiedenheit beider Richtungen bestand darin, daß

die Lassalleaner sich im $nationalen$ Rahmen hielten, während die

Marxisten die $internationale$ Regelung als die allein mögliche

ansahen. Anstatt nun aber den Ausgangspunkt von nationalen Verbänden zu

nehmen und deren internationale Zusammenfassung als letzten Abschluß

der Zukunft vorzubehalten, ging man umgekehrt davon aus, daß vor allem

die an der Abgrenzung der Völker klebende rückständige Auffassung

durchbrochen werden müsse und deshalb die internationale Organisation

die Grundlage der nationalen zu bilden habe. Uebrigens war das Ziel,

das man anstrebte, das gleiche, wie es $Schweitzer$ verfolgte,

nämlich $nicht$ berufsmäßig abgegrenzte Vereinigungen, von denen man

vielmehr annahm, daß sie als auf falschem »Kastengeist« beruhend,

dem Solidaritätsgedanken Abbruch thun würden, $sondern$ allgemeine

Arbeiterverbände, die sich von den politischen nur durch ihr zunächst

in Angriff genommenes Arbeitsgebiet unterschieden. Endlich hielt man

die gewerkschaftlichen Vereinigungen überhaupt, da sie auf dem Boden

des Lohnsystems standen, nicht für in erster Linie wertvoll, sondern

richtete vielmehr die Agitation zunächst auf Produktivgenossenschaften,

die den Arbeiter in die Lage bringen sollten, sich der Herrschaft

des Kapitals und des Unternehmertums zu entziehen und deshalb

geeignet schienen, einen Uebergang zu der künftigen sozialistischen

Wirtschaftsordnung herzustellen.

Demgemäß beschloß der erste von der »Internationalen

Arbeiterassoziation« in London einberufene Kongreß, der vom 3. bis

9. September 1866 in $Genf$ tagte, auf Vorschlag des Generalrates,

daß die Thätigkeit der »Gewerkvereine«, die sich mit den Fragen des

Lohnes und der Arbeitszeit zu beschäftigen hätten, als notwendig

anzuerkennen sei, solange die heutige Wirtschaftsform bestehe, daß

sie aber bisher zu ausschließlich den unmittelbaren Kampf gegen das

Kapital vor Augen gehabt und ihre eigene Macht der Thätigkeit gegen

das heutige Produktionssystem noch nicht vollkommen verstanden hätten,

daß sie vielmehr Schwerpunkte der Organisation für die Arbeiterklasse

zu bilden und ihre Thätigkeit durch die Verbindung der Vereine in

allen Ländern zu verallgemeinern hätten. »Die Errichtung und Förderung

von Gewerkvereinen soll daher« -- so heißt es dann wörtlich -- »die

Hauptaufgabe des Arbeiterstandes für die Gegenwart und die nächste

Zukunft bleiben; abgesehen davon, daß sie den Uebergriffen des Kapitals

entgegenwirken, müssen sie lernen, in bewußter Weise als Brennpunkt

der Organisation der Arbeiterklasse zu handeln im Interesse ihrer

vollständigen Emanzipation.«

Die Arbeitseinstellungen beschloß man, obgleich von einigen Seiten

ihr Nutzen völlig bestritten wurde, »als notwendiges Hülfsmittel

im Kampfe zwischen Kapital und Arbeit« anzuerkennen, doch sei ihr

Hauptwerk zu sehen »in der Gewöhnung der Arbeiter an gemeinsame Aktion

und in der zuweilen im Anschluß an Streiks erfolgenden Gründung von

Produktivgenossenschaften«.

Auf dem dritten Kongresse in $Brüssel$, der vom 6. bis 13. September

1868 tagte, wurden diese Beschlüsse bestätigt, die allgemeine Gründung

von Streikkassen empfohlen und alle Mitglieder der internationalen

Arbeiterassoziation zum Eintritte in die »$Gewerksgenossenschaften$«,

wie man sie jetzt nannte, aufgefordert. Auch der 1869 in $Basel$

abgehaltene $Kongreß$ beauftragte den Generalrat, »die internationale

Verbindung der Gewerksgenossenschaften aller Länder zu ermitteln«.

In Deutschland hatte die Marx'sche Richtung der Sozialdemokratie

zuerst Fuß gefaßt, als der auf den 5. September 1868 nach $Nürnberg$

berufene $fünfte Vereinstag deutscher Arbeitervereine$, die bis

dahin im Fahrwasser der Fortschrittspartei gesegelt waren, auf

Antrag von $Liebknecht$ den Beschluß gefaßt hatte, »das Programm

der internationalen Arbeiterassoziation zu dem seinigen zu machen.«

Zugleich wurde unter Ablehnung eines Antrags $Sonnemann$, der sich

für staatliche Altersversorgungs- und Lebensversicherungskassen

aussprach, beschlossen, »den Mitgliedern des Verbandes und speziell dem

Vororte aufzugeben, für Vereinigungen der Arbeiter in zentralisierten

Genossenschaften thatkräftig zu wirken.«

Auch der konstituierende $Kongreß der sozialdemokratischen

Arbeiterpartei$ in $Eisenach$ (7. bis 9. August 1869) stellte sich

auf den gleichen Standpunkt, fand aber eine Schwierigkeit darin vor,

daß das gewerkschaftliche Interesse bereits überwiegend durch die

lassalleanischen Gründungen in Anspruch genommen war. So wurde denn auf

Antrag von $Bebel$ und $York$ beschlossen: »Die sozialdemokratische

Arbeiterpartei betrachtet es als eine Pflicht jedes Parteigenossen,

auf eine Einigung der Gewerkschaften mit allen Mitteln hinzuwirken,

hält aber als Bedingung fest, daß die Gewerkschaften sich von dem

Arbeiterschaftspräsidium des Herrn $von Schweitzer$ lossagen. Zugleich

empfiehlt der Kongreß die weitere Bildung von Gewerksgenossenschaften

auf internationaler Grundlage.«

Diese Bestrebungen waren nicht ohne Erfolg. Nicht allein erhielt

die Marx'sche über die Lassalle'sche Richtung überhaupt bald das

Uebergewicht, sondern dazu kam noch, daß $von Schweitzer$ durch seine

diktatorische Haltung sich viele Feinde gemacht hatte. Außerdem knüpfte

der Ausdruck »Gewerksgenossenschaft« an die gerade von $Lassalle$ in

den Vordergrund seines Programms gestellten Produktivassoziationen an,

und endlich gab der internationale Karakter einen gewissen Nimbus,

als ob dadurch eine außerordentliche Macht gewährt wäre. So gelang

denn vielfach die Verschmelzung der von beiden Richtungen begründeten

Verbände.

Die Gewerkschaftsbewegung Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter und der Arbeitgeber aller Länder. · 第 117 / 323 题