Als Albertine ihren Vater und ihre Geschwister, die sie begleitet
hatten, aus dem Gesicht zu verlieren und von lauter fremden und
unbekannten Gegenständen sich umgeben zu fühlen anfing, verdoppelte
sich die Angst ihres Herzens, und folglich auch die Tränengüsse, in
welchen diese sich von ihrer frühsten Jugend an Luft zu machen
pflegte. Da es ihr nun itzt besonders wegen des Abschieds von den
Ihrigen an keinem Vorwand fehlte, beschloß sie, der unbeantworteten
bekümmerten Fragen ihres Mannes ungeachtet, sie wolle sich einmal
recht satt weinen.
Sie kamen nach einer starken Tagereise vor den Toren ihres Dorfes an.
An dem Heck stand der Schulz des Dorfs mit entblößtem Haupte, nebst
einigen der Angesehensten aus der Gemeine: "wir haben schon seit
Sonnenuntergang auf Sie gewartet, Herr Pfarrer", sagten sie.
"Tausend Glück und Segen zu Ihrer Veränderung!" Mannheim schüttelte
jedem von ihnen die Hand, ohne daß er zu antworten imstande war. Sie
sahen ihm die innere Bewegung seines Herzens auf dem Gesichte wohl an,
und begleiteten ihn mit entblößtem Häuptern bis vor die Tür seiner
Pfarrwohnung. Dieser Anblick war ein wehendes Abendlüftchen für das
ermattete Herz unserer Albertine. Sie hoben sie beim Heraussteigen
aus dem Wagen; ihre Freundlichkeit schlug in dem Augenblick, als die
rauhen Kerle sie sahen, einen monarchischen Thron in ihrer aller
Herzen auf; sie nötigte sie herein, sagte ihrer alten Haushälterin,
die sie vor sich fand, sie möchte ihnen allen ein Abendessen machen.
Das wäre alles schon bestellt, versetzte jene. Nur drei aus der
Gesellschaft nahmen die Einladung der jungen Frau Pastorin an, und
baten sie, zu ihrem nicht geringen Erstaunen, mit ihnen vorlieb zu
nehmen. Die Gemeine hätte sich die Freiheit genommen, ihren lieben
Herrn Pfarrer Mannheim bei einer so außerordentlichen Gelegenheit zu
bewirten. "Hier ist mein Assoziierter", rief Mannheim, der eben mit
dem vierten Gast, den er mit Gewalt beim Fortgehen noch von dem
Hoftor zurückgeschleppt, in die Stube trat, "diesem wackern Mann,
liebe Frau, haben wir alle Ordnung zu danken, die du in unsern
Zimmern finden wirst." In der Tat hatte er während der Abwesenheit
des Pfarrers noch verschiedene Zimmer überweißen und die Decke des
Hauptsaals, den der Pfarrer, so wie den ganzen neuen Flügel der
Pfarrwohnung, auf seine Kosten angelegt, von neuem gipsen lassen, und
ihm überdem ein Dutzend sauberer neuer Stühle hineingestellt. Der
gute Mann wußte nicht, daß sich Mannheim aus der Stadt Tapeten
mitgebracht. Einige andere Möblen, die Albertine in die Haushaltung
mitbekam, trugen nicht wenig zur Verschönerung des Ganzen bei, und
das väterliche Silberzeug und Teeservice ließen sie in den ersten
Tagen ihrer neuen Einrichtung noch immer in dem freundlichen Wahn,
sie sei in dem Hause ihres Vaters.
Die Abendmahlzeit war eine der feierlichsten, die jemals in dem Dorf
gehalten worden. Kaum hatten sie eine Viertelstunde am Tisch
gesessen, so kam eine große Prozession von Knaben und Mädchen, alle
mit Wachslichtern in den Händen, in den Hof eingezogen, stellte sich
unters Fenster und brachte der jungen Frau Pastorin eine förmliche
Serenade mit den Musikanten, die im Dorf waren, wozu einige der
besten Stimmen von ihnen von dem Schulmeister dazu verfertigte
Stanzen sangen. Es ward Wein hinausgeschickt; der Schulmeister kam
herein und brachte im Namen der ganzen Gesellschaft die Gesundheit
des Herrn Pfarrers und der Frau Pastorin aus, wozu die draußen
Stehenden mit einem herzlichen Hoch! einstimmten. So beschloß dieser
erste Abend und wiegte unser junges Paar auf den Flügeln der Liebe
ihrer Gemeine zu einer erquickenden Ruhe ein, die sie wegen der Reise
und den mancherlei Abwechselungen so nötig hatten.
Der zweite Tag schien sich ein wenig zu bewölken. Itzt mußten
Besuche abgestattet werden, und zwar zuerst bei dem Herrn des Dorfes.
Mannheim ließ sich bei ihm zum Nachmittage melden; er schickte
zurück und lud sie zum Mittagsessen ein. Nun hatte die Höflichkeit
des gnädigen Herrn, der ohnedem eine Zeitlang in französischen
Diensten gestanden war, noch eine besondere Springfeder, die war, daß
Mannheim mit ihm im Handel wegen einer seiner Zehenden stund, mit
deren Einfoderung er, weil er die Kniffe der Bauren nicht kannte,
viele Mühe hatte. Die Dame aber und das Fräulein und sein Bruder,
welche bei ihm wohnte, nebst einem weiblosen Vetter, die alle nicht
aus Deutschland gekommen waren, hatten noch alle das Rauhe, Herbe und
Ungenießbare des Adelstolzes, der eben dadurch, weil er seinen Rang
andern fühlen läßt, alle Hochachtung, die sein Rang Vernünftigen
einflößen würde, zu Boden schlägt, und den gerechten Stolz aller
edlen Menschen wider sich empört, die ihm in jedem Augenblick die
große Wahrheit zurückzufühlen geben: Kein Mensch kann dafür, wie er
geboren ist.
Diese Art Leute beraubt sich aller wahren Schätze und Vorzüge des
Lebens. Ihre Verachtung wird von denen mit ihren grenzenden Ständen
mit Verachtung erwidert, und, weil sie vor ihren Obern nach ihrem
angenommenen Grundsatz wieder kriechen müssen, so sind sie eigentlich
die Allerverachtesten unter allen Menschenkindern. Rechnet man dazu
die Leerheit in der Seele, die dieses ewige Aufblähen ihrer selbst
verursacht, so wird man ihren Zustand, anstatt ihn zu beneiden, in
der Tat eher zu bedauren versucht werden.
Auf der andern Seite gibt es einen Stolz der niedern Stände, der
ebenso unerträglich ist. Das heißt, wenn sie einen gewissen Trotz,
der zu nichts führt, als alle Verhältnisse, die unter Menschen
eingerichtet sind, einzureißen, für die notwendigste Eigenschaft
eines braven Menschen halten, der sich, wie sie sagen, nicht
unterdrücken läßt. Sie bedenken nicht, daß eben dieser Stoß in die
Rechte der andern einen Gegenstoß veranlaßt, der gerade das macht,
was sie Unterdrückung nennen, und am Ende die traurige Spalte
zwischen den beiden Ständen, ich meine dem _Adel_ und dem _edlen
Bürger_ zurückläßt, die einander doch so unentbehrlich sind.
Wenn jeder Teil dem andern _voraus hinlegte_, was ihm gehört, würde
jeder Teil auch seinerseits sich zu bescheiden wissen, nicht mehr zu
fodern, und lieber aus Großmut etwas von seinen Rechten
fahrenzulassen, die ihm der andere aus eben dieser Großmut mit Zinsen
wieder bezahlte.
Der gnädige Herr empfing unsern Pfarrer nebst seiner Frau im
Speisesaal; die gnädige Frau nebst dem Fräulein ließen sich nicht
eher als nach ein Uhr sehen, da sie sich denn, nach einem kurzen
Kompliment von weitem, an ihre Plätze setzten, und überhaupt taten,
als ob sie der Besuch nicht anginge. Der gnädige Herr, der ein
munterer Mann war, setzte die Frau Pfarrerin zu sich; Pfarrer
Mannheim ging und nahm ungebeten seinen Platz zwischen der gnädigen
Frau und dem Fräulein, deren Antlitz sich mit Blut übergoß, weil eben
dieser Platz dem Vetter vom Hause bestimmt war. Sie geruhten wenig
über Tisch zu sprechen, aßen desto mehr, richteten das Gespräch aber
immer an den Herrn Onkel und Herrn Vetter, die wenig zu antworten
wußten. Pfarrer Mannheim mischte sich in alles mit seiner
Beredsamkeit und Weltkenntnis, und hatte bei jedem dritten Wort eine
Gans auf der Zunge. Das Wort Gans schlug so oft an die Ohren der
gnädigen Frau, daß sie in ihrem Innersten eine dunkle beklemmende
Ahndung zu spüren anfing, daß diese öftere Wiederholung ein und
desselben Worts kein bloßes Werk des Zufalls sein dürfte, und, wie
denn kein Unglück und keine Furcht allein geht, gesellte sich auch zu
dieser ihrer Furcht eine noch viel alpmäßig drückendere, es möchten
andere in der Gesellschaft eben dieselbe tolle Ahndung haben können;
kurz, sie ward so geschmeidig und freundlich gegen ihren Beisitzer,
den Pfarrer Mannheim, daß es einem Zuschauer, der von ungefähr
dazugekommen wäre, das Werk eines halben Wunders geschienen haben
müßte. Sobald sie einlenkte, ward Pfarrer Mannheim auch artiger, und
gab ihr auf eine feine Art zu verstehen, daß man einem vernünftigen
Mann es durchaus von selbst zutrauen müßte, daß er gegen das, was
Wohlstand und Verhältnisse erfoderten, nicht verstoßen werde, daß man
ihn aber eben dadurch, daß man dächte, er könne dies und jenes bei
andern Gelegenheiten mißbrauchen, in die Notwendigkeit setzte, falls
er nicht ein Pinsel wäre, sich bei allen möglichen Gelegenheiten mehr
herauszunehmen, als er sollte. "Und überhaupt", sagte er, "gibt das
einen peinlichen Umgang, wenn man in Gesellschaften nichts weiter zu
tun hat, als auf seiner Hut zu sein, dem andern nicht zu viel
einzuräumen."
"Ja, wenn der andere ein vernünftiger Mann ist", sagte der Onkel mit
einem sehr gnädigen Blick.
"Von dem rede ich nur", sagte der Pfarrer. "Sie trinken heute
nachmittag den Kaffee im Garten mit uns", sagte die gnädige Frau.
"Haben Sie den _Almanach der Grazien_ gelesen?" fragte das Fräulein.
Diese Fragen kamen so unmittelbar aufeinander, daß er sie nicht
anders als mit einem ehrerbietigen Bückling und einem feinen Lächeln
am Munde beantworten konnte. Er sagte, er wollte den Nachmittag die
Gnade haben, der gnädigen Frau und dem gnädigen Fräulein einige
Zeichnungen von seinen Reisen in der Schweiz zu weisen, worunter
besonders die Gegenden des Pays de Vaux wären, die Rousseau in seiner
Heloise so meisterhaft geschildert.
"O Sie sind ein allerliebster Mann", sagte das Fräulein.
Die Tafel ward aufgehoben. Nun war der Damm eingerissen, der bisher
die Konversation gehemmet; alles floß in Geselligkeit und Scherz
und--Vertraulichkeit zusammen.
Eine harte Prüfung stand ihnen noch bevor. Als sie alle zusammen in
Eintracht in der großen Sommerlaube im Garten um den Kaffeetisch
saßen, und die schmeichelnden Frühlingslüfte den Erzählungen
Mannheims von der französischen Schweiz einen geheimen Zauber gaben,
der ihn mit Einstimmung aller zum Haupthelden auf der Szene
machte--führte das Glück oder Unglück, ganz wie aus den Wolken
gefallen, einen nicht eben allzureichen Edelmann aus der Hauptstadt
nebst seiner Frau Gemahlin herbei, der eigentlich dort nur die sehr
mäßigen Zinsen seines Kapitals verzehrte, auf dem Lande aber überall
sich das Ansehn gab, als ob er einen außerordentlichen Einfluß am
Hofe und besonders auf den Landesherrn habe, der ihn weiter nicht als
Figuranten in der Antichambre zu kennen das Glück hatte. Diese
Erscheinung war wie ein Hagelwetter nach einem Sonnenschein; alle
Gesichter fielen in ihre angeborne Karikatur zurück, und Öde und
Leere, wie ehmals im Chaos, herrschte nun in der Gesellschaft.
Pfarrer Mannheim hielt es nicht für nötig, mit seinem Weiblein
davonzuschleichen, so sehr ihm die Augen aller Anwesenden es zu raten
schienen; er faßte gleich beim Eintritt des Fremden seinen Stuhl an,
damit ihm dieser nicht etwan im Hurly Burly genommen werden könnte,
war aber übrigens ungemein ehrerbietig und zurückgezogen bei den
ersten Komplimenten. Kaum hatte der Fremde und der Hausherr sich
gesetzt, so nahm er und seine Frau ihren alten Platz ein, so daß
wahrhaftig für das gnädige Fräulein und den Herrn Vetter kein Stuhl
mehr übrigblieb, und sie genötigt waren, den Bedienten unverzüglich
nach einem zu schicken. "Das ist der berühmte wunderbare Herr
Pfarrer Mannheim", sagte der Hausherr, um diese Reibung der
Gesellschaft zu maskieren, "der aus seinen Bauren Edelleute und aus
seiner Kirche eine Akademie der ökonomischen Wissenschaften machen
will."
Diese hohe Ankündigung sollte auf einer Seite dem neuen Gast alle
Befremdung, einen Prediger in dieser Gesellschaft zu finden, ersparen,
auf der andern dem Pfarrer Mannheim auf eine sehr subtile Art eine
Erinnerung geben.
Der Höfling, dessen Augen ohnehin immer zusammengezogen waren, tat,
als ob er den Pfarrer Mannheim nicht sähe.
"Es ist mir wenigstens schmeichelhaft, gnädiger Herr", sagte der
Pfarrer Mannheim, "daß unser Landesfürst mich durch ein eignes
gnädiges Handschreiben seines Beifalls versichert hat."
Es war, als ob er eine Rakete unter die Leute geworfen; alle Augen
waren auf ihn gerichtet.
Unterdessen kamen die Stühle für das Fräulein und den Herrn Vetter an.
"Und ich hoffe, daß nächstens", fuhr er fort, "auf meinen
untertänigsten Vorschlag, in Ansehung der Austeilung der neuen
Kopfsteuer, wie mir Se. Exzellenz der Präsident von der Kammer
versichert haben, eine eigene Kommission von seiten der Kammer und
eine andere von seiten unsers Oberamts niedergesetzt werden soll, um
die eingeschlichenen Mißbräuche zu heben, die den Landmann so sehr
beeinträchtigen, als die landesfürstliche Kasse."
"Das wäre in der Tat sehr nötig", sagte der Herr vom Hause.
Der Höfling maß ihn mit seinen Augen, welches der Pfarrer Mannheim
erwiderte.
Auf ihrer Seite tat Albertine alles Mögliche, um das Fräulein zu
besänftigen, die, wegen des Vorfalls mit den Stühlen und wegen ihrer
Entfernung von der neuangekommenen Hofdame, sich noch gar nicht
erholen konnte. Sie sprach mit ihr von einigen neuen Kopfzeugen, die
sie aus ihrer Vaterstadt mitgebracht, und von denen sie ihr das
Muster schicken wollte. Das Fräulein nickte mit dem Kopf und
lächelte, daß man geglaubt hätte, sie weinte. "Das, was die gnädige
Frau aufhaben", fuhr Albertine sehr laut fort, "ist eben keins von
den neuesten." Die Hofdame schlug die Augen fest vor sich nieder.
"Indessen", sagte Albertine weiter, um sie zu trösten, "ist es nach
meinem Auge von unendlich mehrerem Geschmack, als die neueste Art mit
den fatalen Fledermäusen und dem Gesimse auf dem Kopf." Der Höfling
wandte sein Auge bei diesen Worten, die mit einiger Laune
ausgesprochen wurden, mitten in dem tiefsinnigsten Gespräch mit dem
Herrn vom Hause, auf die Frau Pastorin.
Der Pfarrer Mannheim, der schon wieder als Insel dasaß, und wohl
merkte, daß das tiefsinnige Gespräch der beiden Herren sich auf
nichts herumdrehte, als daß beide etwas leise gegeneinander die
Lippen rührten, ohne daß einer von den Worten des andern das
geringste verstund--fuhr mit einer neuen Rakete zwischen ihnen drein.
"Ich muß mich sehr wundern", sagte er und richtete sich gerade an den
Herrn vom Hofe, der ihm schon durch das allgemeine Gerücht bekannt
war, "daß die meisten Herren von Adel ihre Kapitalien hiesigen
Kaufleuten anvertrauen, wo sie doch so unsicher stehen, und sich
nicht nach Holland wenden, das wir so nahe haben, und wo ich durch
sichere Briefe weiß, daß die Konkurrenz bei gegenwärtigem Kriege viel
größer ist."
"Wie meinten Sie das", fragte der Herr vom Hofe, und rückte seinen
Stuhl näher-Pfarrer Mannheim tat, als ob er diese Frage nicht hörte,
sondern stand in dem nämlichen Moment vor der gnädigen Frau, von der
er sich mit einem sehr tiefen Bückling beurlaubte, alsdann seine Frau
an die Hand nahm und sie denen Herren zum Abschied präsentierte, die
außerordentlich höflich waren. Der Herr Vetter, der den Augenblick
in den besten Humor von der Welt kam, bat sich die Erlaubnis aus, sie
nach Hause zu begleiten; Pfarrer Mannheim verbat sich's, weil
vermutlich sein Kutscher auf ihn wartete; der junge Herr hob sie also
in den Wagen, und so endigte sich dieser Besuch.
"Wir wollen ihn einmal besuchen", sagte der Herr vom Hause, als er
fort war. "Der Mann gefällt mir besser als die Frau", sagte die
Hofdame. "Mir auch", widerhallte das Fräulein. Der Vetter, der
zurückgekommen war, lächelte, wie einer, der vergnügt ist, ohne zu
wissen warum. Alles ging wieder in betäubende Stille über.
Als sie nach Hause gekommen waren, bat Albertine ihren Mann sehr
ernstlich, daß sie doch heute keine Visite mehr machen wollten. Er
bestand aber drauf, den Abend bei seinem Assoziierten zu essen,
welches auch geschah. Beide kamen merklich vergnügter von dort nach
Hause, als sie beim Mittagessen gewesen waren. Denn da waren sie die
streitende Kirche, hier aber die triumphierende, und sie verbreiteten,
durch ihre Freundlichkeit und Gesprächigkeit, so viele Freude bei
diesem wackern Bürger, dessen Haushaltung gewiß mit so vielem
Geschmack eingerichtet war, als die Haushaltung des wohlhäbigsten
Kaufmanns in der Stadt es nur immer sein kann, daß er ihnen gern sein
Herz aus dem Leibe vorgesetzt hätte.
Albertine, welche ihren Mann inständigst bat, sie soviel möglich
aller sogenannten Staatsvisiten zu überheben, fing nun an, das
Bedürfnis nach Gesellschaft, das heißt einer Gesellschaft, die ihr
nach Herz und Sitten gleichgestimmt war, ziemlich lebhaft zu spüren.
Sie wollte es ihrem Manne anfangs nicht sogleich gestehen, aber alle
ihre geheimsten Korrespondenzen nach Hause waren voll davon. Der
Mann hatte sein Amt; er hatte vor allen Dingen seine wirtschaftlichen
Angelegenheiten, die ihn oft den ganzen Tag foderten, so daß er nur
wenige Abendstunden der Erholung in dem Schoße seines Weibes widmen
konnte; sein eigen Herz flüsterte es ihm gar bald zu, daß seine Frau
unmöglich den ganzen Tag allein bleiben könnte; er traf also ingeheim
Verfügungen, und eben als er an einem Nachmittage seiner Frau, die
einen Augenblick in den Garten gegangen war, ihren Salat zu besehen,
ein Briefchen aus ihrem offenen Schreibpult stahl, in dem sie mit
folgenden Worten ihr Herz gegen eine Freundin erleichtert:
"Den besten Freund meines Lebens an meiner Seite, in einem Hause, wo
es mir an nichts fehlt, und jeder meiner Wünsche mir durch die
Sorgfalt meines Mannheims entgegeneilt, fehlt mir doch immer noch ein
Herz, das mein Glück, selbst das Glück, so geliebt zu sein, als ich
bin, mit mir teilt, sich mit mir freut, wenn ich närrisch bin, mit
mir das Maul hängt, wenn der Himmel trüb ist: liebes Lieschen, das
bist du---"
Man stelle sich vor, wie unserm Weiblein zumut ward, als sie über ein
Krautbeet sich emporhob, einen Wagen im Hofe rasseln hörte, unter
ihrem Sonnenhütchen heraussah, und in dem Augenblick sich von den
Armen eben desselben Lieschens umschlungen fühlte, an welche sie den
obigen Brief unvollendet gelassen. Ihn mit dem offenen Briefe in der
Hand die Treppe hinunterstürzen, sie mit ihrem lieben Lieschen an der
Hand, als ob es von ungefähr geschehen, ihm entgegenfliegen--und
hernach aus diesem süßen Traum mit der Empfindung aufwachen zu sehen,
daß er ihr von ihrem Mannheim zu rechter Zeit geschickt
war--überlasse ich dem teilnehmenden Herzen meiner Leser und
Leserinnen sich selber abzuschildern.
Das Bedürfnis seiner Frau war befriedigt; aber nachdem dieses kleine
Trio eine Zeitlang gedauert, fühlte er, daß sich für sein Herz ein
ähnliches anhub. Er sann also ein Befriedigungsmittel aus, das ich
mich nicht enthalten kann zum Besten des Ganzen allgemein bekannter
zu machen, besonders, da ich es nur, als ein sehr schlecht
gekritzeltes Kupferblatt, von einem Originalgemälde kopiert habe, das
zu allgemein bekannt und verehrt ist, als daß es meines Lobes
bedürfte. Es ist das große Gemälde deiner Haushaltung, mein S—,
das ich vor Augen habe, und von dem ich gern Modelle für alle
mögliche Klassen von Menschen vermannigfaltigen möchte.
Er wußte, welch eine unangenehme Epoke im menschlichen Leben der
Übergang vom Jünglingsalter zu männlichern Geschäften macht, und wie
nötig jungen Leuten, die von der Akademie kommen, oder sonst in dem
Vorbereitungsstande zu wichtigern Geschäften stehen, ein Hafen sei,
in welchem sie ihr Schiff takeln, kalfatern und segelfertig machen
können, ehe sie es wagen dürfen, es vom Stapel abzulassen. Er machte
also seine Spekulationen auf diese Vorbereitungsjahre edler Jünglinge,
die nicht durch Kriechen, oder sich an Schürzen Hängen, sondern
durch das Bewußtsein innrer Kräfte in Ämter, oder zu Künsten
aufgenommen zu werden strebten, und öffnete ihnen, sobald er diesen
Funken in ihnen entdeckte, sein Haus ohne Ausnahme, gegen keine
andere Entschädigung, als daß sie einige Stunden von ihren täglichen
Beschäftigungen zu dem Umgange mit ihm und seinem Hause abbrechen,
der ihnen in allen Rücksichten nicht anders als höchst vorteilhaft
sein konnte. Hier hatte er eine beständige Unterhaltung für seinen
Geist und sein Herz, und schuf sich eine Menge Freunde von so
mannigfaltigem Charakter, Talenten und äußeren Beziehungen, daß es
eine wahre Weide für seine Seele war, sie mit all ihren Eigenheiten,
und auszeichnenden Bestimmungen in ruhigen Stunden vor seiner
Einbildung vorbeigehen zu lassen, und der Stoff zur Unterredung mit
den Seinigen niemals fehlen konnte. Alle diese verschiedenen
Menschen breiteten sich nachher bald hie bald dort hin aus, und das
edelste Gefühl im Menschen, das unter allen am letzten unterdrückt
werden kann, die Erkenntlichkeit, die sie von ihm mitnahmen, machte,
daß sie, wenn sie in bessere Verfassungen gekommen waren, seiner
weder in Briefen noch in Aufträgen, die er an sie hatte, jemals
vergessen konnten, wodurch denn seine Korrespondenz und sein
Wirkungskreis einer der angesehensten im Königreich war.
So ward sein Haus in gewisser Art eine Akademie der Künste und
Wissenschaften, weil sich Künstler und Gelehrte zu ihm flüchteten.
Er hatte dabei keine weitere Unkosten, als daß er ein paar Zimmer in
seinem Hause für sie zurichten ließ, und denen, welche mäßig waren,
wie es echte Künstler und Gelehrte immer sind, mittags und abends
eine Serviette mehr hinlegen ließ, welches in einer Haushaltung auf
dem Lande kaum merklich wird. Vom Tee und Kaffee und Tabak war in
seinem Hause niemals die Rede, wohl aber von Obst und Früchten, wie
es die Jahrszeit mit sich brachte.
Vielleicht wird es einige meiner Leser interessieren, zu erfahren,
wie Albertine ihrem Manne den Rauchtabak, und er ihr zur Dankbarkeit
den Kaffee abgewöhnt. Albertine hatte ihm einigemal gesagt, daß sein
Zimmer übel röche, und daß sich der Geruch in seine Kleider zöge; er
spottete ihrer falschen Delikatesse, nahm seine Tabaksdose, sie zu
quälen, auf ihr Zimmer und rauchte ihr beim Vorlesen den ganzen Abend
vor. Sie ließ es hingehen. Einen Monat mochte vom Tabak gar nicht
wieder die Rede gewesen sein, als er auf einmal an einem Morgen
seinen kleinen Johannes, das erste und nun schon zweijährige Söhnchen,
das sie ihm geschenkt hatte, mit einer langen tönernen Pfeife im
Munde gewahr ward. "Frau", sagte er, indem er rot ward und dem
Kleinen nicht ohne Widerstand die Pfeife aus den Händen nahm, "das
Spielwerk taugt nichts für Kinder." Die Frau verbiß ein geheimes
Lächeln und sah emsig auf ihre Arbeit. Er kam den Abend wieder mit
seiner Pfeife auf ihre Stube; den Morgen fand er seinen kleinen
Jungen wieder in der nämlichen Stellung. "Was ist denn das mit der
Pfeife?" sagte er, und konnte sich nicht enthalten zu lachen und
zugleich noch röter zu werden. "Kann ich's ihm abgewöhnen", sagte
sie mit der größten Sanftmut, "wenn er dich alle Abend rauchen sieht?
Du weißt, wie die Kinder sind; alles, was die Alten tun, macht ihnen
Freude." "Und wer hat ihm die Pfeife gekauft?" fragte Mannheim und
versteckte seinen Kopf an ihrer Brust; hier fand sie es für gut, ihm
aus dem Stegereif eine kleine Gardinenpredigt über das Rauchen,
sobald es Gewohnheit wird, zu halten. "Es ist eine Kette", sagte sie,
"an der du ziehst, die dir alle deine übrigen Vergnügungen verdirbt,
darum nur, darum habe ich was dagegen einzuwenden. Du bist nirgends
ruhig, wenn dich nicht die Pfeife begleitet, und du magst es dir
verhehlen, wie du willst, es bleibt immer eine kleine Unreinlichkeit.
Ich habe einen Menschen gekannt, der sich parfümierte, wenn er
geraucht hatte, und er kam mir gerade so vor, wie ein Schinken, den
man aus dem Rauch nimmt, und eine Sauce von Zitronen dran macht.
\XDCberlassen wir das Rauchen den Unglücklichen, die keine andere
Freude haben, den Walfischfängern in Grönland, oder den Negern in
Zuckerplantagen, die ein Opium brauchen, um sich gegen ihr Elend zu
betäuben, aber du, im Schoße des Glücks, in meinem Schoße"--hier
faßte sie ihn mit unaussprechlicher Schmeichelei unter das Kinn. Er
ging trotzig fort. Den Abend ward Pfeife und Tabak in den Ofen
geworfen, und den Morgen ließ er sein Studierzimmer von neuem
ausweißen und flüchtete in das Zimmer seiner Frau.
Nach langer Zeit ward er inne, daß seine Frau es mit dem Kaffee hielt,
wie er mit dem Rauchtabak. Ihr war nicht wohl, wenn sie des Morgens
ihren Kaffee nicht genommen, und sehr oft überfiel er sie mit ihrem
Lieschen auch des Nachmittags am Kaffeetisch, wo sie einander wie
wahre Stadtweiber, die Schale in der Hand, mit den Neuigkeiten ihrer
Korrespondenzen unterhielten. Sobald sein Weib oder ihr Lieschen
übles Humors war, ward es hernach zur Gewohnheit, daß zweimal Kaffee
getrunken werden mußte. Er wollte beide einmal auf die Probe setzen,
und las ihnen bei Tisch einen erdichteten Brief vom Präsidenten vor
(mit dem er wirklich korrespondierte), in welchem dieser ihm meldete,
es würde nächstens eine landesfürstliche Verordnung bekanntgemacht
werden, worin allen Privatpersonen ohne Ausnahme der Gebrauch des
Kaffee bei schweren Geldstrafen untersagt werden würde, dafern sie
sich nicht eine unmittelbare Erlaubnis vom Landesherrn durch
Bezahlung einer dazu ausgesetzten Geldsumme auswirkten. Seine Frau
und Lieschen sahen einander an; beide suchten die verschiedenen
Empfindungen, die diese Neuigkeit in ihnen veranlaßte, jede auf ihre
Art, zu verbergen, endlich konnte sich Lieschen nicht länger halten,
und brach aus: "Werden Sie uns diese Erlaubnis denn kaufen?" Mannheim
lächelte. "Du würdst wohl ohne Kaffee nicht leben können, aber ich
hoffe, was meiner Frau gut ist, wird dir auch recht sein." Hierauf
setzte er ein sehr ernsthaftes Gespräch mit einem seiner jungen
Freunde fort. Als er vom Essen aufstand, und sie küssen wollte,
stürzten zwei unbändige Tränen, die sie mit aller ihrer Mühe und
Kraft beim Essen zurückgehalten hatte, ganz wider ihren Willen und
Absicht, von den Wangen der armen Albertine den mutwilligen Lippen
Mannheims entgegen, die sie wollüstig aufschlürften. "Und so weinst
du denn, meine liebe Frau", sagte er laut und triumphierend, "und
meinst, der Kaffee sei keine Kette, kein Opium, das dich für alle
andere Vergnügungen taub und ungestimmt macht. Wenn haben unsere
Vorfahren Kaffee getrunken, die doch auch ihre Freude hatten, und
herzlicher als wir. Trinken wir den Kaffee, wie sie, als etwas
Außerordentliches, als etwas, das alle Jahre einmal kommt, und bloß
etwas zu lachen gibt, gewöhnen wir unsere Nerven aber nicht an einen
Opiat, der viel feiner und reizender, und eben deswegen auch viel
schädlicher ist, als der Tabak und das Opium selber. Der Kaffee ist
in der Tat nur eine galante Unreinlichkeit, und ich bin versichert,
daß der saubere Porzellan, in den wir ihn fassen, das meiste und
vielleicht das einzige zu seinem Wohlgeschmack beiträgt. Können wir
aber nicht ebensowohl von porzellanenen Kredenztellern Obst und
andere Sachen essen, die unsern Nerven nichts schaden, und uns nicht
zur schädlichen Gewohnheit werden?" Albertine ließ sich diesen
Nachmittag einige Pfirsiche heraufbringen, und, wenn Fremde zu ihr
kamen, setzte sie ihnen Wein, eingemachte Sachen und Obst vor, wobei
die Munterkeit und das Scherzen und das Hüpfen und die Pfänderspiele
und das Tanzen und das Jauchzen viel allgemeiner wurden. Des Morgens
war ihr Frühstück ein Äpfelkuchen, oder ein Butterbrot, oder sonst
etwas, wovon ihnen nur ein Gelüste durch den Kopf zog, nie aber
banden sie sich an etwas und sie schämten sich hernach nicht wenig,
als ihnen Mannheim sagte, der Verbot vom Kaffee sei nur eine
Erfindung von ihm gewesen. Mannheim aber und seine Gäste
frühstückten, nachdem es der Phantasie der Frauenzimmer beliebte.
Tausend Veränderungen, tausend drollige Szenen jagten einander in
diesem glücklichen Hause, welche, durch die Erfindungskraft der
Frauenzimmer sowohl, als der jungen Fremden, die Mannheim herbergte,
entstanden. Bald ward eine Komödie gespielt, bald eine Wallfahrt in
die benachbarten Gebirge angestellt, bald eine allgemeine Verkleidung
in Bauren und Bäuerinnen vorgenommen, die denn zur Heumachenszeit auf
den Wiesen von Johannes Mannheim et Compagnie die nötigen Arbeiten
meisterlich verrichteten, im Grünen ihre kalte Milch aßen und
dergleichen. Oder, es wurden im Winter Schlittenfahrten angestellt,
wobei Johannes Mannheim seine erste Deklaration oft wiederspielte*
und sich dafür von der ganzen Gesellschaft weidlich auslachen ließ.
Das größte Vergnügen hatten sie bei der Ernte, wo sie sich unter
Schnitter und Schnitterinnen mischten, und mit ihnen hernach die
Mahlzeit aßen.
{* Siehe den ersten Teil.}
Nach und nach fing der Wurm der Begierde, öffentlich bekannt zu
werden, an, in diesem harmlosen Herzen zu wühlen. "Bin ich es denn
nicht", sprach er zu sich selber, "durch die guten Menschen, die ich
bei mir bewirte, durch die vielen Briefe, die ich von allen Seiten
erhalte, durch die Reisenden selber, die meine Haushaltung zu sehen
neugierig sind?" Aber doch der Wunsch, gemeinnützig zu werden, nicht
eben ein Philanthrop, oder Kosmopolit, aber doch ein Mann zu sein,
der mehrern Menschen seine Existenz zu fühlen gibt. Er trug diesen
Wurm und drückte und unterdrückte ihn, aber doch bei gewissen
Gelegenheiten, wenn's ihm aus den Augen verschwunden war, daß sein
Beispiel das ganze Dorf zu einem der wohlhäbigsten im Königreich
gemacht, und das Beispiel dieses Dorfs mit der Zeit für die
benachbarten Dörfer, und also, wie alle Handlungen ins Unendliche
gehen, für das ganze menschliche Geschlecht ansteckend werden
wurde--fiel ihm dieser Lindwurm mit so unheilbaren Bissen wieder an
das Herz, daß es ihm manche trübe Stunde machte. Niemand auf der
Welt, selbst das Auge seiner Albertine, dem doch kein Winkel seines
Herzens verborgen blieb, hätte wohl jemals diese geheime Springfeder
einiger seiner üblen Launen ausfindig machen können. Kurz, es
war--der schlimmste Sauerteig, der seit Adams Fall im menschlichen
Herzen gegärt hat--es war der Autor, der das Haupt in ihm emporhob.
Den ersten Keim dazu hat ein Einladungsschreiben von einem
Journalisten, doch von Zeit zu Zeit einige Rezensionen in sein
Journal zu fertigen, so tief in seine Seele gelegt, daß es mit all
seiner Mannheit unmöglich war, ihn ganz auszureuten.
"Wenn's auch nur eine Heilsordnung wäre", sagte er sich manchesmal.
Denn zu Rezensionen fühlte er gleich von Anfang die größte Abneigung.
Sein Urteil andern Menschen aufbinden zu wollen, war nie sein Fall
gewesen. Und der Stolz, der sich da hineinmischt, war ihm eine
peinlichere Empfindung, als die größte Demütigung, die er hätte
erleiden müssen. "Ein solcher Mensch", sprach er zu sich selbst,
"macht, wenn andere und besonders vernünftige und gescheute Leute
seinem Urteil nicht beipflichten, sein Leben zur Hölle und umsonst
hat der Mund der Wahrheit nicht gesagt: Richtet nicht, daß ihr auch
nicht gerichtet werdet."
Aber die Autorschaft--andern Leuten Brillen zu schleifen, wodurch sie
sehen können, ohne welche ihnen tausend Sachen verborgen blieben.
--"Es ist doch groß das", meinte er.
"Vor alten Zeiten schrieben die Prediger Postillen; als der Postillen
zu viel waren, ward darüber gelacht und gespottet, da setzten sie
sich auf ihre Kirchhöfe (die mehrstenmale freilich nur in Gedanken)
und lasen den unsterblichen Engländer, den erhabenen Young. Da
erschienen _Christen bei den Gräbern, Christen in der Einsamkeit,
Christen am Morgen, Christen am Abend, Christen am Sonntage, Christen
am Werktage, Christen zu allen Tagen und Zeiten des Jahrs_. Die
Buchhändler wollten deren auch nicht mehr, und warum sollte ein
Prediger nicht auch durch Romanen und Schauspiele nützen können, wie
durch Predigten und geistliche Lieder? Der Nutzen müßte noch weit
größer sein, weil dergleichen Bücher in weit mehrere Hände kommen,
weit begieriger gelesen werden, wenn es dem Verfasser an Witz nicht
mangelt und--"
Wir setzen mit Fleiß diese lange Stelle aus dem Selbstgespräch des
ehrwürdigen Johannes Mannheim her, um unsern Lesern ein Pröbchen, wie
weit in so kurzer Zeit durch einige Zeilen nur die verborgene Radix
Ruhmsucht in diesem gesunden Herzen aufgegäret war und sich seinen
edelsten Säften mitgeteilt hatte. Fast ein ganzes Vierteljahr wälzte
er's mit sich im Bette herum, einen Roman im Geschmack des Richardson
oder Fielding der gelehrten Welt vorzulegen; verschiedene
Begebenheiten aus seiner eigenen Lebensgeschichte hineinzuspinnen,
das Ganze aber etwan als die Geschichte eines Prinzen, oder eines
Ritters, oder eines--Bauren oder eines--was weiß ich's, einzukleiden,
das noch nicht vorgekommen wäre, nota bene. Der gute Mann bedachte
nicht, daß durch seine freiwillige Entfernung von dem, was man große
Welt nennt, und überhaupt von dem Gange der menschlichen
Angelegenheiten in Städten und an Höfen, so wie von dem Ton der
Gesellschaften und dem Hervorstechenden in Charakteren und Sitten,
sich ihm alles nur durch das Prisma seiner Korrespondenz, oder des
Hörensagens, oder gar gewisser Bücher, bald--dreieckig,
bald--rautenförmig, bald--vieleckig, bald spitz, bald stumpf, bald
platt weisen würde, was sonst schlechtweg rund oder gerade war, und
umgekehrt. Die Begierde, ein Romanschreiber zu werden, drückte und
folterte ihn Tag und Nacht, wo er ging; was er sah, was er anrührte,
wollte er alles in seinen Roman bringen und der arme Mann saß
beständig in seiner fröhlichen Gesellschaft da, wie ein Elefant mit
einem Ring in der Nase-"Hol' der Henker Roman und alles"--schrie er
eines Tages überlaut beim Mittagessen, als ihm kein Bissen Brots mehr
schmeckte--seine Frau und Lieschen starrten ihn mit großen Augen
an--und einer seiner Fremden, der durch die Sympathie was davon
geahndet haben mochte, fing überlaut an zu lachen. "Kinder, ich muß
euch gestehen", sagte er, und wischte sich den Schweiß von der Stirne,
"ich bin einige Monate her nur halb bei euch gewesen--aber es ist
vorbei, gottlob! und ich hoffe, es soll nicht wiederkommen." "Wie,
Mann!" fing Albertine an, "du hast doch wohl keinen Roman schreiben
wollen." "Was denn anders?" sagte Johannes Mannheim, "der Teufel hat
mich versucht und du hast mir helfen sollen. Aber, laßt uns von was
anders sprechen, und wer unter euch sich untersteht, mir von dem
Roman auch nur mit einer Silbe wieder zu erwähnen, den erkläre ich
für den allertödlichsten Feind, den ich in meinem Leben gehabt habe."
Den Nachmittag war er in einer Laune, daß ihn alle die Seinigen
hätten fressen mögen. Besonders merkte dies sein alter Assoziierter,
der seit einiger Zeit einen so schläfrigen Gang in seinen
Wirtschaftsgeschäften wahrgenommen, daß er hundertmal auf dem Sprung
stand, deswegen zu ihm zu gehen, wenn ihn nicht immer die Ehrfurcht,
mit der er ihn sonst zu behandeln gewohnt war, zurückgehalten hätte.
"Gott tröst'" sagte er den andern Tag zu Albertinen, "was ist mit
unserm Herrn Pfarr vorgegangen? Er ist ein ganz andrer Mensch, als
er diese ganze Zeit über war. Ich dachte schon, er wäre krank, oder
müßt' ihm sonst was fehlen im Unterleib. Wie es den gelehrten Herren
zu gehen pflegt."
Nichtsdestoweniger hat man nach dem Tode unsers Johannes Mannheim
einige fürtreffliche Traktate gefunden, die in einer Sammlung seiner
Schriften sämtlich zu Amsterdam in groß 8vo herausgekommen sind.
Darunter war eine _Abhandlung von der Viehseuche, von den Pferdekuren,
von dem Wieswachs und dem Nutzen der englischen Futterkräuter, von
dem Klima_ und dessen Einfluß auf Menschen, Tiere und Pflanzen,
besonders der _Bevölkerung_, worinnen Blicke in die Menschennatur und
in die allgemeine organisierte Natur waren, die einem Montesquieu
würden haben erröten machen. Er fand das große Geheimnis der
Ähnlichkeit des Menschen mit der ganzen Schöpfung, die ihn umgibt, ja
er fand, welches Montesquieu selbst nicht gesucht haben würde, selbst
die Unterschiede der Regierungsform in der Natur des Bodens und dem
Einfluß desselben auf Charaktere, Sitten und Meinungen seiner
Bewohner. Durch diesen Schlüssel erklärte er die wunderbarsten
Phänomene in der Geschichte und noch Erscheinungen, die heutzutage
sich ergeben, auf eine Art, die keinen Zweifel übrigließ.
Vorausgesetzt, daß er Handel und Veränderungen dieses Bodens und
seiner Produkte mit zu den Ursachen rechnete, ferner, daß er
abrechnete, was herumziehende Nationen wie z. B. die Römer selbst
anfangs, wie hernach die Longobarden, die Goten, die Alemannen und
Franken selber, von ihrem Boden und von ihren Sitten mitgebracht, das
sich hernach mit der neueren Denkart vermischt. So behauptete er,
die Römer wären eigentlich bis zu den Zeiten der Kaiser keine
_italienische Nation_ gewesen, sondern ein Haufen Kriegsleute, der
sich beständig zu wehren hatte und alles unter sich bringen wollte,
weil er diese Tapferkeit und den kriegerischen Hang mitgebracht.
Unter den Kaisern wies sich erst der Einfluß des Bodens, der sie zu
einer Nation machte, die von der heutigen italienischen durch wenig
Schattierungen unterschieden ist. So leitete er von den Steinkohlen
die Melancholie der Engländer, von dieser ihren Eigensinn, ihre
Freiheitsliebe, ihre Regierungsform: von den flüchtigen Weinen der
Franzosen ihren Leichtsinn, von dieser ihre Sorglosigkeit für die
öffentlichen Geschäfte, von dieser ihre Liebe zur Monarchie, wo alles
von selbst geht und sie sich nur zu bücken und zu schmeicheln haben,
um höher zu kommen. Von dem rauhen Klima der Deutschen und dem Bier
ihre Festigkeit, wobei er jedoch die Einschaltung machte, daß seit
dem häufigen Gebrauch des warmen Wassers, besonders des Kaffee, diese
Tugend sehr abgenommen und in eine weibische Weichlichkeit und
Unentschlossenheit ausgeartet wäre, die, wenn sie nicht noch
bisweilen vom Boden und Himmel überstimmt würde, den ganzen
Nationalcharakter verändern könnte. Aus dieser Festigkeit und
Mannheit leitete er die ganze Verfassung des h. Römischen Reichs her,
und zeigte, daß sie in ihren Grundfesten nicht zu erschüttern wäre,
es müßten denn die Sitten der Nation ganz umgegossen werden.
Deutschland wäre das einzige Reich in der Welt, wo sich die alte
Lehnsverfassung noch bis auf den heutigen Tag erhalten, eine Menge
kleiner Fürsten nebeneinander, die unter ihren Lehensleuten und
Vasallen herrschten, nur sollte der Adel nicht ungekränkt fremde
Dienste nehmen dürfen, weil es wider die Lehenspflicht sei. So aber,
wenn sie lang in fremden Ländern lebten, verlören sie ihr Deutsches,
ihre Mannheit und Festigkeit, ihren Trotz für ihre Rechte und die
Rechte ihres Landesherrn, ihre Anhänglichkeit an ihren Boden,
brächten weibische Unentschlossenheit statt guten Sitten zurück, und
könnten leicht Knechte des ersten werden, der sie finde. \XDCbrigens
gestand er selbst ein, daß nichts liebenswürdiger sei, als ein
Deutscher, der gereist hat, ein Franzose, der alt geworden ist, und
ein Engländer, der lange Jahre unter den Russen gewesen. Den
Despotismus dieser Nation schrieb er der Strenge ihres Klima, der
Kargheit ihres Bodens und dem daher rührenden Mangel des großen
Haufens der Einwohner zu, denn überall, wo Mangel ist, ist
Despotismus, weil der, der sich nicht zu helfen weiß, sich alles
blindlings gefallen läßt.
Alle diese Sachen aber verhehlte Johannes Mannheim sorgfältig den
Seinigen, weil er den Schatz seiner Erfahrungen und seiner drüber
angestellten Meditationen seinem Sohn als ein Erbstück hinterlassen
wollte, das ihm noch nach seinem Tode zu einer Art von Führer und
Schutzgeist durch die Welt dienen könnte. Wir werden in der Folge
sehen, wie sein Sohn sich gegen das Andenken seines Vaters dankbar
erwiesen.
Albertine aber, anstatt sich von dem Beispiel ihres Mannes warnen zu
lassen, ließ sich von demselben anstecken, und Gedanken, die nie in
ihrem Herzen aufgekommen waren, verderbten auf einmal die Unschuld
ihrer Seele.
An einem schönen Sommerabend, da die kleinen gefleckten Wolken,
wehmütig und rührend wie Engel, um die scheidende Sonne hingen,
konnte sie ihrem Herzen nicht widerstehen; sie zitterte, nahm ihr
Mäntelchen und ihre Kappe und ging ganz allein in die kleine Wiese
hinten am Hause hinaus, wo der Bach sich im Widerschein des Himmels
wollüstig langsam dahin wand. Sie warf sich in ein Gesträuch, das
neben ihm stand, und, fast wie der Allmutter Eva, nach Geßners
reizender Beschreibung,* ihr erster Sohn ohne Schmerzen geschenkt
ward, ward ihr hier das erste Gedicht verliehen, das sie, mit warmem
schlagendem Herzen und sich jagenden Tränen auf den Backen, ihrem
Mann und ihrer Freundin machte. Sie kam nach Hause; man sah eine
außerordentliche Bewegung ihrem Gesicht an. "Was hast du?" fragte
der Mann, der ihr im Hoftor entgegentrat. Sie wies ihm ihre kleine
Täfelchen (Tablettes, wie man sie in Frankreich nennt), auf die sie
mit Bleistift ziemlich unleserlich einige Verse geschrieben hatte,
die sein sympathetisches Gefühl sogleich entzifferte. Ein langer
Handdruck, eine stumme Umarmung waren der ganze Dank, den er ihr gab.
"Ich werde sie abschreiben und deiner Freundin vorlesen", sagte er,
und steckte die Täfelchen zu sich.
{* im Tode Abels.}
Das geschah. Aber er löschte die Bleistift aus und gab ihr die Verse
nicht wieder. Sie bat ihn oft drum. "Ich will's dir vorlesen",
sagte er, wenn sie's zu arg machte.
Nun fing sie an, öfter nach demselben Fleckchen zu gehn und sich dort
in Begeisterung zu setzen. Sie machte in demselben Gesträuch ein
Gedicht auf den Morgen, das sie ihrem Mann brachte. "Ich will's
behalten", sagte er; "aber da, da und da hast du dieselben Gedanken
wieder gebraucht, die im ersten waren, nur unter einem andern Kleide
und du merkst wohl, daß das bei weitem nicht so herzlich ist.-Wenn
ich dir raten kann, mach keine Verse mehr."
"Wenn es dir keine Freude macht", sagte sie mit einem etwas finstern
Gesicht-"Nein, es macht mir keine", versetzte er mit einem
ungewöhnlichen Ton. Sie ging fort.
Das Fleckchen ward unaufhörlich besucht, und alle Sachen, die dort
gemacht wurden, Lieschen vorgelesen, die sie denn, wie natürlich,
alle außerordentlich fand und sich in ein dichterisches Entzücken
darüber versetzte. Mannheim, der sie bisweilen behorchte, grämte
sich innerlich.
Lieschen machte auch Verse. Sie wurden gegen ihn damit geheimnisvoll
und zurückhaltend, aber sie waren es nicht gegen die Welt. Lieschen
hatte einen Bekannten, der ein schöner Geist war. Dem wurden die
Sächelchen zugeschickt. Er machte ein Wesens davon, daß die große
Bühne des Himmels hätte einfallen mögen. Zu großem Glück fiel sein
dithyrambischer Brief darüber Johannes Mannheim in die Hände. Er
hatte ihn gerade an seine Heva gerichtet, und, da Mannheim in der
Geschwindigkeit nicht nach der Aufschrift sah (denn er pflegte
niemals Briefe an seine Frau aufzumachen), fiel ihm dieser
Schlangenkopf gerade in die Augen, als er seinem Weibe den giftigen
Apfel reichte. Er verbarg ihn in seinen Busen, ging zu seiner Frau
aufs Zimmer und fragte, ob sie den Nachmittag spazierengehen wollte,
er wollte sie in eine Gegend führen, wie sie in ihrem ganzen Leben
noch nicht gesehen hätte. Nichts konnte der Frau willkommener sein,
als ein so poetischer Antrag, wo sie neue Ideen zu einer Ode zu
sammlen hoffte, die sie schon lange _über die Einsamkeit zu_ machen
willens war.
Alles ging erwünscht. Die Gegend war eine der furchtbarsten und
wildesten im benachbarten Gebirge, die die schöpferische
Einbildungskraft eines----sich je zu einem Macbethsgemälde hätte
erfinden können. Es war ein zerstörtes Schloß auf einer Felsenhöhe,
von der man ohne Schwindel nicht hinabsehen konnte. Die
untenstehenden Fichten, die an ihrem Fuß unabsehbar sein mußten,
erschienen hier wie kleine gedrückte Gebüsche. Unten stürzte sich
ein Wasserfall von einer merklichen Höhe, dessen Rauschen hier kaum
dem Summen eines Bienenschwarms gleichte. Albertine sah hinab und
fühlte den Tod unter ihren Füßen. Ohne die gespannte
Einbildungskraft, die sie mitnahm und die allen ihren Sinnen eine
gewisse Stärke gab, würde sie diesen Anblick nimmer haben ertragen
können. Auch sank sie von einem leichten Schwindel befallen an
Mannheims Busen zurück, der stärker als sie in diesem Augenblick sie
fest in seinen linken Arm schloß, mit der rechten aber das verhaßte
Papier herauszog, es ihr vors Gesicht hielt und sie mit folgenden
Worten anredete:
"Ungetreue! in dem Augenblick, da ich dir mein ganzes Leben aufopfere,
täglich eine Last nach der andern wegwälze, damit das Gebäude unsers
Glücks fest und dauerhaft stehen könne, mir Ruhe und Erquickung bis
ins Alter versage, nur damit auch nach meinem Tode du und meine
Kinder einen Witwensitz, eine Felsenburg haben, damit die jungen
Adler hernach mit den ererbten väterlichen Fittichen auf ihren Raub
herabschießen können--in dem Augenblick empfängst du Briefe mit der
schwärmerischsten unsinnigsten Leidenschaft geschrieben von einem
Menschen, der nicht wert ist, daß er unsere Kühe melkt, von einem
Laffen, der dich seine Muse nennt und in seinem Leben noch keine
andere Muse als seine Aufwärterin gehabt hat, der sich deinen Phaon
nennt, und nicht weiß, ob der Phaon ein Bub oder ein Mädchen war."
Man stelle sich die Angst und das Schrecken unserer Albertine vor,
als Mannheim ihr, nach dieser sehr ernsthaft gehaltenen Anrede, den
auf den abgeschmacktesten dithyrambischen Stelzen gehenden Brief des
jungen Violi vorlas, desselben, dem Lieschen ihre Oden und Lieder
geschickt hatte, und der diese mehr als sapphischen Akkorde aufs
schleunigste in den nächsten _Almanach_ und in das _Taschenbuch_
einzusenden versprach. Sie konnte dem Menschen dafür nicht anders
als gewogen sein, um so mehr befürchtete sie, die poetischen
Ausdrücke des jungen Menschen hätten wirklich die Eifersucht des von
Leidenschaften sonst so raschen Mannheims rege gemacht.
Ihre Angst ward vermehrt, als nach Endigung dieses Briefs sie
Mannheim fester in den Arm faßte, und, nachdem er sie ein wenig vom
Boden aufgehoben, mit erschrecklicher Stimme rief:
"Wohlan, wenn du denn die Rolle der Poetin spielen willst, so mußt du
sie ganz spielen, wie sie ehemals die Griechin gespielt hat. Stürz
dich herab von diesem Felsen, rufe deinen Phaon noch einmal an und
sag ihm, daß du für ihn stirbst--"
Hier hob er sie höher; Lieschen, der Sehen und Hören verging, warf
sich hinter ihm auf die Knie, hielt ihn am Zipfel des Rocks und
schrie mit aufgehobenen Händen: "Barbar, kennst du keine Verzeihung--"
"Nein, ich kenne keine", rief er sehr nachdrücklich--indem er sich
umkehrte und die Frau vom Berge herabtrug "weil ich niemals gezürnt
habe." Das arme Weib war bleich und blaß, und Lieschen weinte: "Ich
habe dich nur zur Poetin weihen wollen, Albertinchen", sagte er;
"denn ich sehe, daß du eher nicht gescheut werden wirst, als bis du
einen solchen Sprung getan hast. Wie gesagt, willst du unsere Sappho
sein, so tu es ihr nach; sonst geb ich keinen Pfifferling für all
deine Oden und Lieder. Willst du aber mein lieb Weibchen sein, so
laß mich dem jungen Gelbschnabel seinen Brief beantworten; ich werde
alles schon so einrichten, daß deine Reputation, auch als
Schriftstellerin, nichts dabei verlieren soll." Albertine warf sich
auf die Knie und bat ihn bei seiner Verzeihung, er möchte sie dieses
Wort nicht wieder hören lassen. In ihrem Leben sei ihr kein Name
unerträglicher vorgekommen.
Nach dieser Katastrophe wurden keine Verse mehr gemacht; wohl aber
die alten Liederchen von Hagedorn, Uz und Gleim wieder vorgenommen
und gesungen, auch bisweilen eine Ode von Klopstock gelesen, oder
Goethens _Erwin_ durchgespielt. Sie machten auch kleine
Familienstücke für sich, die sie aufführten, wozu Mannheim mit seinen
Freunden den Plan entwarf, jedes aber darnach seine Rolle selber
ausarbeiten mußte. Hauptsächlich aber parodierten sie unnatürlich
sentimentale Stücke auf ihre Art, wie z. E. den _Günther von
Schwarzburg_ und dergleichen, welches denn ein unversiegbarer Quell
von Ergötzungen für sie ward.
Mannheims Söhnchen wuchs heran. Er erzog ihn selber, nicht, daß er
ihn viel unterrichtete, sondern nur, daß er ihm die Bücher hingab,
aus denen er lernen konnte, und ihm erlaubte, ihn zu fragen, wenn er
nicht fortkam. Er hatte den Grundsatz, daß alles, was aus dem
Menschen wird, aus ihm selber kommen muß, und daß seine Erzieher aufs
Höchste nur als Stahl dienen müssen, etwas aus ihm herauszuschlagen.
Zu dem Ende gab er wohl acht, daß der Bube in seiner Studierkammer,
wo er ihm einige Bücher wie von ungefähr hingelegt, auch wohl gar
diejenigen anzurühren aufs strengste verboten hatte, von denen er am
liebsten wünschte, daß er sie läse; daß er, sage ich, auf dieser
Stube von keinen unzeitigen Spielgesellen, oder von anderm Lärmen
gestört wurde. Das war seine ganze Erziehung. Und sein kleiner
Johannes, der ohnedem bei Tisch von hunderttausend Sachen sprechen
hörte, die seine Neugier reizten, und kein Mensch, auch wenn er
fragte, sich die Müh' gab, ihm ganz zu erklären, sondern ihn immer
auf die Universität und die berühmten Männer verwies, die davon
geschrieben hätten, verschlang alle Bücher, die diesen Namen auf dem
Titel hatten, mit einer Begierde, die ihn noch in seinem Knabenalter
zu einem neuen Beispiel frühzeitiger Gelehrten machte. Nur zu
gewissen Stunden des Tages war es ihm erlaubt, sich Gesellschaften zu
suchen, wie und wo er konnte; die übrige Zeit mußte er zu Hause in
seines Vaters Studierzimmer bleiben, wo er sich beschäftigen konnte,
wie er wollte. Besonders muß ich's rühmen, daß ihm die Bibliotheken,
die damals so häufig in Deutschland waren, sehr vorteilhaft gewesen,
weil er dadurch und durch den witzigen Ton, der sie auszeichnete, auf
hundert Sachen neugierig geworden war, die er sonst auch nicht
gekannt hätte. Wiewohl mehr als alle das die Diskurse seines Vaters
beitrugen, alle seine mit Mühe gesammleten Kenntnisse in Blut und
Leben zu führen. Die Sprachen lernte der Bube alle von sich selbst,
wiewohl ihm der Vater alle nur mögliche Hülfsmittel--nie aber
Unterricht--gab, nur von Zeit zu Zeit diskursweise erzählte, wie er's
in seiner Jugend gemacht, was für Hülfsmittel er gebraucht u.s.f. Er
erlaubte übrigens dem Sohn, alle nur möglichen Fragen an ihn zu tun,
wann und wo er wollte, und der bediente sich dieses Vorrechts oft,
weil es ihm eine solche Miene von Altklugheit und Wichtigkeit gab,
die seine kleine Eitelkeit kützelte. Sobald diese Eitelkeit dem
Vater merklich ward, geschah--wiewohl immer mit Worten nur und
allezeit an die dritte Person gerichtet--eine durchdringende
Demütigung.
Dieses war derselbe Johannes Mannheim, der, nachdem er seine Rechte
in Göttingen gemacht, mit einem jungen Herrn von seinem Hofe auf
Reisen ging, und in Rom eine italienische Abhandlung _L'Ambassadore_
drucken ließ, die ihm die Stelle als Sekretär seines Gesandten in
Wien verschaffte. Weil er aber einer der ersten Köpfe seines
Jahrhunderts war, so zeichnete er sich auch hier, nachdem einige
Jahre Erfahrung ihm die Geschäfte des Hofes eigen gemacht und Blicke
in die verborgensten Angelegenheiten desselben eröffnet hatten, von
so viel empfehlenden Seiten aus, daß man ihm eine gewisse höchst
wichtige Negoziation desselben bei den Generalstaaten ganz allein zu
treiben übergab und ihm zu derselben den Titel eines
außerordentlichen Abgesandten bewilligte. Das Glück und die Feinheit
und Festigkeit, womit er dieses höchst wichtigen und zugleich äußerst
mißlichen Auftrages, zur größten Zufriedenheit seines Hofes, sich
entledigte, machte, daß er bei seiner Wiederkunft in den
Freiherrenstand erhoben ward. Er erhielt Nachricht, seine Eltern
wären krank; er kam und fand sie wirklich mit den heitersten
Gesichtern einander gegenüber liegen und sich von Zeit zu Zeit noch
mit den Händen winken und Küsse zuwerfen. Ihre Krankheit schien mehr
die Ruhe zweier ermatteten Pilger, die beide unter der Last, die sie
trugen, auf einem Wege niedergefallen. Schmerzen fühlten sie beide
nicht; bisweilen ein wenig Angst und große Mattigkeit. Als sie ihren
Sohn hereintreten sahen, nach dem sie beide oft heimlich geseufzet,
und, weil es hieß, er würde eine neue Gesandtschaft antreten, seine
Gegenwart vor ihrem Tode nicht mehr vermutet hatten, lief ein
feuriges Rot zu gleicher Zeit über die beiden blassen Gesichter. Er
warf sich wechselsweise, bald dem einen, bald dem andern zu Füßen;
sie konnten nicht sprechen, sondern legten beide nur die Hand auf das
Köpfchen, durch das so viel gegangen war, und segneten ihn mit ihren
Blicken. Ob es die Freude über sein Wiedersehen war, sie starben
beide desselben Tages. Johannes Sekundus konnte sich gar nicht
trösten lassen. Er lief wie ein Verzweifelter durch alle Zimmer, wo
er seine Kindheit zugebracht, rief ihre Namen den leeren öden Wänden
des Hauses, allen Bäumen, Felsen und Gebirgen umher in lauter
tränender Wehklage vergeblich zu. Lieschen, die lange Jahre vorher
glücklich verheiratet worden, kam mit ihrem Mann, ihm klagen und die
Leichen unter die Erde bestatten zu helfen. Bei der Eröffnung jedes
neuen Papiers von der Hinterlassenschaft des Vaters verdoppelte sich
sein Schmerz. \XDCberall fand er Spuren des Andenkens an ihn. Er
drung darauf, daß die Leichen nach dem kleinen Witwensitz, den der
alte Mannheim mit seinem Assoziierten gemeinschaftlich gebauet, und
Johannes Sekundus sich als erb und eigen mit allem, was dazu gehörte,
von eben diesem Assoziierten gekauft hatte, geführt werden mußten, wo
er ihnen eine kleine Kapelle mit einem Gewölbe zum Erbbegräbnis
anlegte. An der Türe dieser kleinen Kapelle standen die beiden
Büsten dieses unvergleichlichen Paars aus Marmor, die er schon bei
ihrem Leben von einem der ersten Künstler des Landes hatte
verfertigen lassen, und die unverbesserlich ausgefallen waren. Bei
dieser Kapelle erbauete er eine Art von Landhaus mit einem schönen
Garten, wo er seine Tage im Frieden zuzubringen gedachte, wenn er der
Welt müde wäre. Eine ganz besondre Art hatte er, den Todestag seiner
Eltern zu feiern, auf die er sehr viel Kosten wendete. Alle drei
Jahre war die große Feier; er lud zu dieser ein Vierteljahr vorher
die berühmtesten Gelehrten, nicht allein seines Landes, sondern auch
der benachbarten Provinzen ein, die er acht Tage lang auf die
köstlichste Art bewirtete, da er bloß für sie ein Gasthaus, das sonst
nie bewohnt war, mit den geräumigsten Zimmern hatte erbauen lassen,
die Mahlzeit aber immer, weil diese Zeit gerade in die Mitte des
Sommers fiel, in einem großen von Tannen und Wacholderstrauch
erbauten Saal auf dem Hofe gehalten wurde, dessen Boden nur mit Rasen
gepflastert war. Den ersten Abend nach ihrer Ankunft tat die ganze
Gesellschaft präzis um Mitternacht, jedes einen Myrtenzweig in Händen,
eine Wallfahrt zu der Kapelle, wo sie von einer dazu neugesetzten
Trauermusik bewillkommt wurden. Die schwarzen Kleider, die Myrten
und die Fackeln, die alles dieses erleuchteten, gaben der Prozession
eine traurige Feierlichkeit, die auch die kältesten Herzen nicht
ungerührt lassen konnte; hierzu kamen die Kräfte der Musik und der
schmelzende Anblick kindlicher Zärtlichkeit, den ihnen Johannes
Sekundus gab, der bei Endigung der Musik mit zerstreuten Haaren vor
dem Bilde seines Vaters und seiner Mutter kniete, sie um ihre
Fürbitte und um ihren Schutz und Begleitung durchs Leben mit den
ungeschminktesten Worten ansprach, und gewiß sein konnte der Tränen,
die die ganze Gesellschaft umher dem Andenken seiner Eltern geschenkt
hatte. Hierauf legten sie alle ihre Myrtenzweige auf einen dazu von
Erde erbauten Tisch und gingen alle tränenfröhlich wieder zurück,
wiewohl den ersten Abend nur einige Erfrischungen herumgereicht, aber
keine Mahlzeit gegeben wurde. Die andern Tage ging es desto lustiger,
und sie wurden fürstlich bewirtet. Des achten Tages reisten alle
fort, und nun ging die Mädchenfeier an. Er hatte nämlich ein
Vierteljahr vorher die schönsten Mädchen, die ihm vornehmen und
geringen Standes bekannt waren, mit ihren Müttern eingeladen; diese
wurden auf dieselbe Art bewirtet, nur mit dem Unterschiede, daß sie
bei der Prozession alle weiß gekleidet sein und jede einen
Blumenkranz in Händen haben mußte. Die Feierlichkeit war dieselbe;
nur geschahe sie nicht in der Nacht, sondern bei Sonnenuntergange.
Die Büsten seines Vaters und seiner Mutter hatten Rosen um das Haupt
gewunden; die Musik war fröhlicher und es ward eine Schäferkantate
abgesungen. Das rührendste bei diesem Anblick waren zwei lange
Ketten von Blumen, die von einer Büste zur andern gezogen, und womit
sie gleichsam aneinander gebunden waren. Sobald die Jungfrauen
ankamen, warfen sie ihre Kränze vor ihnen hin auf einen Haufen und
tanzten hernach nach dem Schall der Flöten und Schalmeien um sie
herum. Dieser Anblick war so reizend, daß er Zuschauer aus den
entferntesten Ländern herbeizog, die sich lange vorher auf das
_Johannisfest zu Adlersburg_, so hieß dieses Leichenbegängnis, zu
freuen pflegten. Die Mütter schlossen einen großen Kreis um sie
herum. Es war ein besonderes Gerüst für die Zuschauer erbauet. Nach
Endigung dieses Tanzes, wobei jede Schöne, wie natürlich, ihre
zaubervollsten Stellungen sehen ließ, hielt Johannes Sekundus ihnen
eine Rede, worin er ihnen dankte, daß sie Balsam in seine Wunde
gegossen. Sobald sie zurückgekommen waren, wurden sie, wenn es das
Wetter nur irgend erlaubte, in einem schönen Gehölze, das er bei
seinem Hause angelegt, unter beständiger Musik, mit Milch, Obst und
den ausgesuchtesten Erfrischungen bewirtet und die Nacht war das
Gehölz, das Haus, der Garten auf das herrlichste erleuchtet, wobei
die Musik nimmer ruhig ward. Auf dem Flusse, der bei seinem Hause
vorbeilief, warteten ihrer mit Maien geschmückte Fahrzeuge, welche
von andern, die mit Musikanten besetzt waren, bald begegnet, bald
verfolgt wurden. Die Illuminationen taten im Wasser herrliche
Wirkung. Alles endigte mit Abfeurung von sechs ansehnlichen Kanonen,
das Signal zur Ruhe. Die übrigen acht Tage dauerten die
Feierlichkeiten fort, wenn anders nicht einige von ihnen nach Hause
eilten. Keine Mannsperson aber ward anders als zum Zuschauer
hinzugelassen, für die, wie besagt, ein eigenes Gerüst bei der
Kapelle und ein anderes am Eingang des Gehölzes erbaut war, an dem
bei jeder Reihe Bänke zwei Mann Wache mit scharfgeladenem Gewehr
stunden, die Befehl hatten, auf jeden zu feuren, der nicht in den
Schranken, die mit allen möglichen Bequemlichkeiten dazu erbaut waren,
bleiben würde. Die Zuschauer marschierten auch ordentlich unter der
Begleitung der Wache von einem Gerüste zum andern und hatten ihren
eigenen Gasthof, aus dem sie frei bewirtet wurden. Es wurde ihnen
nämlich in den Schranken kalte Küche, Wein und Erfrischungen
herumgereicht, wobei freilich auf den Unterschied des Standes gesehen
wurde, weil jeder bei seinem Eintritt sich beim Kastellan unsers
Johannes gemeldet und von dem eine gewisse Marke seines Standes
aufzuweisen haben mußte, nach welcher ihm hernach aufgewartet ward.
Man kann sich leicht vorstellen, daß die reizendsten Schönheiten des
Landes hier ihre Zaubereien spielen ließen, und sich oft lange vorher
zu diesem Tage zuschickten. Weil sie alle als Schäferinnen gekleidet
und angesehen waren, so fielen hier, während daß die Feierlichkeiten
dauerten, alle Erinnerungen des Standes weg, und ward bloß auf die
Reize der Person gesehen, wo jede sich bemühte, es der andern
zuvorzutun. Johannes Sekundus tat mehrenteils einige Monate vorher
Reisen ins Land und in die Städte umher, um Priesterinnen zu dieser
Feierlichkeit anzuwerben, welches diese sich für eine große Ehre
schätzten, weil dadurch der Ruf ihrer Schönheit einen merklichen
Zuwachs erhielt.
Die nachgelassenen Schriften seines Vaters und einige herzliche
Gedichte seiner Mutter, die er zu diesem Ende unter den Papieren
seines Vaters mit großer Sorgfalt aufgehoben fand, ließ er, mit ihren
Bildnissen geziert, und mit einer Lebensbeschreibung, auf die er
einen ganzen Sommer, den er sich von seinem Landesherrn ausgebeten,
um den Brunnen zu trinken, verwendet hat, und aus welcher diese kurze
Erzählung zusammengezogen ist, zu Amsterdam in zwei Bänden groß 8vo
mit saubern Lettern auf schönem Papier drucken, und so endigte sich
die Geschichte des Lebens und der Taten _Johannes Mannheim, Pfarrers
von Großendingen_.