Erster Teil

Ich will die Geschichte eines Menschen erzÄhlen, der sich wohl unter

allen mÖglichen Dingen dieses zuletzt vorstellte, auf den Flügeln der

Dichtkunst unter die Gestirne getragen zu werden.

Mannheim ward von seinem Vater, einem Geistlichen im Thüringischen,

auf die Universität geschickt. Er hatte sich dem geistlichen Stande

gewidmet, nicht sowohl um seinem Vater Freude zu machen, als weil er

sich dazu geboren fühlte. Von Kindheit an waren alle Ergötzungen,

die er suchte, die Ergötzungen eines alten Mannes und ihm nicht

besser als in einer Gesellschaft, wo Tabak geraucht und über gelehrte

Sachen disputiert wurde. Seines Vaters Predigten schrieb er aus

eigenem Trieb nach und hielt sie insgeheim bei verschlossenen Türen,

nachdem er seines Vaters Perücke aufgesetzt und seinen Mantel umgetan,

dem Perückenstock und Kleiderschrank wieder vor. Er fiel halb

ohnmächtig nieder, als sein Vater mit einer großen Gesellschaft von

Landpfarrern ihn einmal belauscht hatte und die Tür plötzlich mit dem

Hauptschlüssel aufmachte.

Diese Freude aber ward dem guten alten Mann sehr versalzen. Er war

ein großer Freund der Dogmatik und der Orthodoxie und hatte sich

deswegen mit seinem kleinen Johannes sehr viel Mühe gegeben. Bei

unsern leichtsinnigen Zeiten fürchtete er nichts so sehr, als daß

sein Sohn, sobald er dem väterlichen Auge entrückt würde, auf den

hohen Schulen von herrschenden freigeisterischen und sozinianischen

Meinungen angesteckt werden möchte. Denn ob er gleich den Sozinus

nie gelesen und nur aus Walchs Ketzerliste kannte, so hatte er doch

einen solchen Abscheu vor ihm, daß er alle Meinungen, die mit seinen

nicht übereinstimmten, sozinianisch nannte. Er nahm demzufolge alle

mögliche Präkautionen und empfahl ihn zum strengsten den Lehrern, die

er selbst gehabt hatte, oder von denen er wenigstens mit Überzeugung

wußte, daß sie in die Fußstapfen ihrer Vorgänger getreten waren.

Zugleich warnte er ihn, mit allen Schreckbildern, die in seiner

Imagination waren und damals auf den jungen Zögling großen Eindruck

machten, vor nichts so sehr als vor allen Gesellschaften junger Leute,

besonders derer, die die Modewissenschaften trieben, empfahl ihm den

Umgang seiner Professoren, malte ihm die Aussicht seiner Wiederkunft

mit den reizendsten Farben, worunter sogar den schönen Augen der

Tochter seines Propstes eine Stelle vergönnet wurde, die sich so oft

nach dem kleinen Johannes wollte erkundigt haben und ihm beim

Abschiede einen schönen rotseidenen Geldbeutel strickte, dem zu

Gefallen er, seit der Zeit bis zu seiner Beförderung, immer in den

Hosen geschlafen hat.

Johannes Mannheim gab seine Empfehlungsschreiben ab, aber ach! er

fand die Männer, an welche sie gerichtet waren, sehr unterschieden

von dem Bilde, das ihm seine Einbildungskraft zu Hause mit so

feierlichem Heiligenschein um sie her von ihnen vorgezaubert. Ein

Umstand kam dazu, den ich als Geschichtschreiber nicht aus den Augen

lassen darf, weil in der Knospe des menschlichen Lebens jeder Keim,

jedes Zäserchen oft von unendlichen Folgen bei seiner Entwickelung

werden kann. Und so wird die Abweichung einer halben Sekunde von dem

vorgezeichneten Wege in der Kindheit oft im Alter eine Entfernung von

mehr als 90 Graden, und die Entscheidung der aus den übrigen

Voraussetzungen der Erziehung und der Umstände unerklärbarsten

Phänomene.

Damit ich also meinen Kollegen, den Philosophen über menschliche

Natur und Wesen, manches Kopfbrechen über meinen Helden erspare, muß

ich ihnen hier zum Vorschub sagen, daß einer von den Freunden des

alten Mannheim nicht allein ein großer Landwirt im kleinen war,

sondern auch gar zu gern von der Verbesserung seiner Haushaltung und

Einkünfte allgemeine Schlüsse machte, die sich auf das Gebiet seines

Landesherrn, und, wenn er warm ward, auf das ganze Heilige Römische

Reich ausdehnten. Er las dannenhero zu seiner Gemütsergötzung alles,

was jemals über Staatswirtschaft geschrieben worden war, schickte

auch oft Verbesserungsprojekte ohne Namen, bald an den

Premierminister, bald an den Präsidenten von der Kammer, auf welche

er noch niemals Antwort erhalten hatte. Indessen schmeichelte er

sich doch in heitern Stunden mit der angenehmen Hoffnung, daß sie für

beide nicht könnten ohne Nutzen gewesen sein und daß unbemerkt zum

Wohl des Ganzen mitzuwirken der größte Triumph des Weisen wäre.

Dabei befand er sich um nichts desto übler. Das ewige Anspornen des

allgemeinen Wohls machte ihn desto aufmerksamer auf sein Privatwohl,

welches er als den verjüngten Maßstab ansah, nach welchem er jenes

allein übersehen und beurteilen konnte.

Dieser glückliche Mensch, der mit allen diesen kameralistischen

Grillen auch einige angenehme Talente besaß, in verschiedenen

modernen Sprachen las, zeichnete und die Harfe spielte, hatte

besonders viel Geschmack an dem offenen Kopf und der Lernbegierigkeit

des kleinen Johannes gefunden und ihn daher in den Schulferien zu

ganzen und halben Monaten zu seinem einzigen Gesellschafter gemacht,

wobei unser kleine Altkluge sich unvergleichlich wohl befand, denn im

Grunde war auch dieser Mann reicher und wohlhäbiger als sein Vater,

und lebte auf einem Fuß, der sich den Sinnen unsers Dogmatikers auf

sein ganzes Leben lang einschmeichelte. Auch mußte er seinen Rambach

immer wieder von vorne anfangen, wenn er nach Hause kam.

Nun hatte er sich, wie es nicht fehlen konnte, aus alledem, was sein

Vater jemals von Kompendien mit ihm getrieben hatte, vom Heilmann an

bis zum Baier und Dieterikus, seine Religion nach seinem Herzen

zusammengesetzt. Diese war, um von der glücklichen Simplizität der

Empfindungen unsers Lieblings eine Idee zu geben, in wenig Worten

folgende: daß Gott litte, wenn wir sündigten, und daß er auferstünde

und gen Himmel führe, wenn wir andere glücklich machten. Wie sein

Freund aber, der kameralistische Landpfarrer, nahm er immer sein

eigenes Glück zum verjüngten Maßstabe desjenigen an, das er andern

verschaffen wollte.

Nach diesen einfachen Religionsbegriffen konnte es nicht fehlen, er

mußte in den Kollegien der Herren, an die er von seinem Vater

empfohlen war, in den ersten drei Wochen unerträgliche Langeweile

finden. Sie machten ihn alle die Schritte zurückmessen, die er

voraus hatte, und führten ihn durch ein entsetzlich ödes Labyrinth

von Schlüssen von der Wahrheit zu der Wahrscheinlichkeit zurück, mit

der er den Religionsspöttern zu Gefallen nun durchaus sich den Kopf

nicht zerbrechen wollte, weil er in dem festen Glauben stand, daß ein

Religionsspötter nicht bekehrt werden kann, wenn er nicht will, und

daß sich auf den Willen durch keine Schlüsse wirken läßt. Aller

Warnungen seines Vaters ungeachtet also ward er noch in den

Prolegomenen seiner dogmatischen Feldherren gegen die

Religionsspötter ein förmlicher Ausreißer, und studierte die

Kameralwissenschaften, die Chymie und die Mathematik, deren

praktischer Teil eigentlich seine Erholungsstunden beschäftigte.

Es fanden sich sogleich Amanuenses der Herrn Professoren, die alle

seine Gänge auskundschafteten und ihren Archonten die neue

Einrichtung seiner Studien aufs Haar berichteten. Denen Lesern zu

Gefallen, die die deutschen Akademien nicht kennen, muß ich den

Ausdruck Amanuensis erklären. Es sind gewöhnlicherweise Baurensöhne,

die den Professoren anfänglich die Füße bedienen, nach und nach aber

durch den Einfluß der Atmosphäre, in der sie sich mit ihren Herren

herumdrehen, einen solchen Anteil ihres Geistes erhalten, daß sie sie

zu ihrer Hand abrichten können, die Gelder für die Kollegien

einzusammlen, und, wenn einer von den bekannten Gesichtern in den

Hörsälen, wo sie gemeinhin nur die Stühle einreichen, wenn Fremde

kommen, zu fehlen anfängt, ihm so lange auf die Spur zu gehen, bis

sie den Räuber entdeckt haben, der ihn ihrer Schule abspenstig

gemacht hat. Alsdann wird alles angewandt, ihn wieder auf den

rechten Weg zu bringen, Briefe an die Seinigen, bisweilen auch

anonyme Briefe von verborgener Freundeshand, Erinnerungen am

schwarzen Brett und in den Programmen, und, wenn nichts verschlägt,

bei der nächsten erhaschten Veranlassung, eine Zitation durch die

Hand des unermüdeten Pedellen.

Alle diese Besorgnisse schreckten unsern Johannes nicht. Er ging den

Gang seines Herzens und der Bannstrahl in den Briefen seines Vaters

selbst, so innig er ihn verehrte, konnte ihn nicht davon abbringen.

\XDCberall ward der gute arme Alte bedauret, wegen der üblen

Nachrichten, die von seinem Sohne einliefen. Bald hieß es, er habe

sich verheiratet, bald, er habe sich aus dem Staube gemacht:

umgesattelt hatte er wenigstens dreimal, und, wegen lüderlicher

Wirtschaft, Schulden und Duelle, das Consilium abeundi mehr als

dreimal erhalten. Unterdessen hatte er sich bei einem königlichen

Amtmann eingemietet, mit dem er von Zeit zu Zeit, so oft es seine

Stunden erlaubten, Ausschweifungen aufs Land machte und die Ausübung

dessen studierte, wovon ihm die Theorie der Ökonomisten doch nur sehr

dunkle Vorstellungen gab. Dieser Amtmann hatte ein Haus in der Stadt,

wo seine Familie wohnte, derweilen er seinen gewöhnlichen Aufenthalt

auf dem Lande nahm und nur im Winter, wenn die meisten landwirtlichen

Arbeiten vorbei waren, sich in dem Schoß seiner Gattin und Kinder von

den Mühseligkeiten des Lebens erholte. Mit diesen lebte unser

Johannes, derweil die Ungewitter des öffentlichen Rufs unbemerkt hoch

über Ihm wegstürmten, in goldener Zufriedenheit. Auch hatte er

Gelegenheit, bei ihnen alles zu sehen und anzunehmen, was Überfluß,

Bequemlichkeit und Geschmack den Sitten, den Manieren und der ganzen

Summe unserer Gefühle Feines und Gefälliges mitzuteilen pflegen.

Er war einigemal mit ihnen auf Bällen gewesen und durch sie auf

diesen in Verbindungen geraten, wo er die große Welt kennen lernen

konnte, nicht um in ihr nach etwas zu streben, sondern um sich den

falschen Firnis zu benehmen, den die Imagination der geringern Stände

gemeinhin sich um die höheren lügt und der dem Gefühl ihres eigenen

Glücks so gefährlich ist. Er lernte Personen von Verdienst unter

diesen kennen, die sich in jeder Maske, in der die Vorsehung sie auf

die große Schaubühne der Welt gestellt hat, immer gleichsehen, und

sie nahmen ihm das Vorurteil, das sich zu den überspannten

Vorstellungen, die wir vorhin angemerkt haben, so gern

hinzuzugesellen pflegt, daß jedermann, der dem Range nach über uns

steht, eben dadurch alle persönliche Hochachtung verlieren müsse. Er

fühlte das große Prinzipium der Gleichheit alles dessen, was gleich

denkt, das durch alle Stände und Verhältnisse geht, und nur dem Neide

und der Unwissenheit durch äußere Dekorationen entzogen wird.

Unterdessen erschollen zu Hause die allerunangenehmsten und

kränkendsten Nachrichten für einen Geistlichen. Johannes, der viel

mit Offizieren lebte, sei unter die Soldaten gegangen; andere

versicherten, er gehe mit niemand als dem Adel um und sei willens,

sich adeln zu lassen. Sein Vater, ohne auch nur die Unmöglichkeit

von alledem zu ahnden, erschrak über alle diese Gerüchte, als ob sich

an ihnen gar nicht mehr zweifeln ließe. Endlich wurden alle seine

Befahrungen, wie durch einen Donnerschlag, durch einen Brief

bekräftigt, den er von Johannes aus Genf erhielt, wohin er einen

Jungen von Adel auf seinen Reisen begleitet hatte.

Des Propstes Tochter hatte anfänglich eine heimliche Freude darüber.

Luzilla, dieses war ihr Name, war bis in ihr zwölftes Jahr die

Bewunderung und der Neid--bloß ihrer eigenen Gedanken und des

Spiegels gewesen, das heißt, sie war auf dem Lande erzogen und kannte

die Stadt nur aus den Romanen. Man hatte ihr nichtsdestoweniger

Singmeister und Sprachmeister gehalten, die sich ihr Vater mit großen

Unkosten aus der Stadt verschrieb. Alles, was sie bisher von

Johannes aus der Fremde gehört, hatte ihr, des Wehklagens seines, und

des teilnehmenden Bedaurens ihres Vaters ungeachtet, sehr wohl

gefallen. Zu wissen stehet, daß ihr Vater ein alter Mann war, der

sich, wegen Zähnemangels und aus Liebe zur Ruhe, unaufhörlich mit dem

Gedanken trug, sich einen Gehülfen an seiner Pfarre zu nehmen. Es

war ihm also gar nicht recht, daß unser Johannes, für dessen Glück er

die Gewährung auf sich genommen, so lang in der Fremde blieb.

Luzilla, in diesem Stück ihres Vaters wahre Tochter, hatte doch, in

Ansehung der Art dieses Glückes und der Entwürfe zu demselbigen, von

ihrem Vater sehr abgehende Meinungen. Ein junger Offizier wäre ihr

in aller Absicht viel lieber gewesen, als ein junger Pfarrer.--Dieses

währte, bis sie in die Stadt kam, da sie dann sehr geschwind das

Subjekt mit dem Prädikat verwechseln lernte. Ich brauche diese Worte

hier deswegen, weil ihr Vater, der ein vollkommenes Frauenzimmer aus

ihr bilden wollte, sich alle Mühe gab, ihr die Wolfische Logik

beizubringen, von der er zur Metaphysik und von dieser zur Moral

übergehen wollte. Aber ach! ein unvorgesehener Zufall durchschnitt

diesen schönen Plan. Eine Kusine von ihr in Holland fing eine

Korrespondenz mit ihr an; es war ein Elend, daß weder Vater, noch

Tochter, noch irgend ein andrer Gelehrter aus der ganzen Gegend ihr

den Brief dechiffrieren konnte. Nun war kein Rat dafür, das arme

Kind mußte Französisch lernen.

Sie ward in die Stadt zu einer Französin getan, die Kostgängerinnen

hielt, und, weil sie vermutlich ehedessen die Haushälterin eines

mestre de camp gewesen war, sich sehr bescheiden Me. de Liancourt

schlechtweg nennen ließ. Auch hatte alles, was von beau monde in der

Stadt war, freien Zutritt zu ihr, worunter verschiedene Offiziere

waren, die unsern herumschweifenden Johannes mit seinem roten

Geldbeutel bald aus ihrer Imagination verwischten.

Unterdessen flogen Täler, Seen und Gebirge bei ihm vorbei; er nutzte

überall, so viel er konnte, seinen Aufenthalt, obgleich aber seine

Sinnen und Verstand unaufhörlich durch neue Gegenstände und

Kenntnisse gefesselt wurden, so blieb doch das Innre seines Herzens

ein Heiligtum, worin für seine wunderschöne Beutelstrickerin das

heilige Feuer unauslöschlich brannte. Er hütete sich sehr, ihr Bild

in seiner Phantasie wieder auszumalen, weil er aus der Erfahrung

gemerkt, daß dieses ihn zu allen seinen Arbeiten untüchtig machte,

und also von seinem Zweck immer weiter entfernte, aber der dunkle

verstohlne Gedanke an sie war ihm süßer, als alles Zuckerwerk, das

die schönen Geister aus dem heiligsten Schatz der menschlichen Natur,

aus dem Geheimnis ihres Herzens, backen. Auch schrieb er ihr nie,

ließ sie auch niemals grüßen. Zu sehr versichert ihrer gleichen

Seelenstimmung, war's ihm, als ob sie ihm immer bei jedem seiner

Schritte zur Seite stund und alles wissen mußte, was er tat und

vorhatte.

Bei ihr war es anders. Ein Jahr lang, als er nach England ging,

hatte weder ihr noch sein Vater die geringste Nachricht von ihm

erhalten. Als es darauf wieder hieß, er sei in Deutschland, spürte

sie gerade so viel Freude darüber, als es ihr gemacht haben würde,

vom Achmet Effendi zu hören, er sei wieder in Berlin angekommen.

Das war nun ganz natürlich; und welcher Herzens- und Mädchenkenner,

der nicht etwa mit unserm Johannes sich im nämlichen Falle befindet,

wird sie nicht entschuldigen?

Aber Johannes Mannheim nicht also. Als er zu Jungfer Susanna Luzilla

Bulac in die Stube trat, und einen feinen jungen Abbé zierlich

gekleidet auf ihrem Sofa erblickte, der an ihrem Metier Spitzen

klöpfelte, sie aber, ein saubergebundenes Buch in Taschenformat in

der Hand, im mußlinenen Negligé nachlässig bei ihm hingegossen, wie

sie verwundernd aufstand, ihn gleichgültig über und über, vom Haupt

bis zu Füßen beschaute und seinen ehrerbietigen Bückling mit einem so

schnell gezogenen Knicks, als ob er ihr schon leid täte, eh' er

geendigt war, und den kurzen Worten beantwortete: "Was wär' Ihnen

lieb, mein Herr?"-Erschrak er fast sehr darob und seine Mienen sanken

zu Boden. "Mademoiselle!" sagte er, oder vielmehr er glaubte es zu

sagen, denn in der Tat verging ihm alle Besinnung. Er hatte sich,

als er die Zinnen der Stadt wieder zu Gesicht bekam, vorgenommen,

eine der entzückendsten Rollen seines Lebens zu spielen. Sie würde

ihn nicht erkennen, meinte er, und nun wollt' er, unter der Gestalt

eines Fremdlings, jede Saite ihres Herzens mit Nachrichten von ihrem

Johannes treffen, und sich das königliche Schauspiel geben, alle

Widerwärtigkeiten und Gefährnisse seines Lebens zum andernmal schöner

empfunden zu sehen, aber ach!-Das Gespenst da, das häßliche Gespenst

in dem runden, gepuderten Haar, mit seidenem Mantel an ihrem

Metier--wo sein Beutel geklöpfelt war--Ich muß meinen Lesern diese

Erscheinung erklären. Es war ein junger Stadtpfarrer, der sich in

Luzillen verliebt, um sie angehalten, ihr Jawort, ihres Vaters Jawort

erhalten hatte--und morgen sollte die Hochzeit sein. Jedermann

wünschte ihm Glück zu der Wahl, und ihr. Sie wären einander wert,

sagte der Hauptmann Weidenbaum, der noch niemals was Unschönes gesagt

hat. Der Obriste von Wangendorf selber hatte dem jungen Paar seine

Gegenvisite gemacht. Er hatte die junge Frau Kaplänin unter das Kinn

gefaßt, und gesagt: wenn er einen Sohn bekäme, sollte er Pfarrer

werden. Der Herr Obristleutnant hatte ihr das Leben des _Magister

Sebaldus Nothanker_ in englischem Bande zugeschickt und mit eigener

Hand auf Französisch vorn in das Buch geschrieben. "Félicitez vous,

Mademoiselle", hatte er geschrieben, "d'éviter les désastres contenus

dans ce livre, et de faire les délices d'une ville, qui vous estime,

au lieu d'errer de campagne à campagne, d'un village à l'autre,

victime des préjugés de Votre état et des maux les plus affreux de

l'indigence et de la superstition." Die sämtlichen Herren von der

Regierung hatten ihre Visiten mit Billetten, einige auch persönlich,

erwidert. Nichtsdestoweniger unterstund sich Herr Johannes Mannheim,

den sie gleich auf den zweiten Blick erkannte, zu einer solchen Zeit,

an einem solchen Ort, seine Visite zu machen. Er mußte von ihrer

vorhabenden Vermählung wenigstens doch schon in England gehört haben.

Der Herr Hofkaplan blieben ungestört am Metier sitzen.

Johannes Mannheim schaute auf, stotterte, errötete: "Ich komme, um

Ihnen viele Grüße--von einem gewissen Herrn Mannheim zu bringen."

"Mein Herr, Sie sind gewiß unrecht, ich kenne so keinen Namen--"

"So keinen Namen?" wiederholte Mannheim mit einem Ton, in welchen er

alles legte, was seiner Imagination jemals von dem Ton der alten

Redner in ihren Schranken, oder vor der Armee vorgeklungen sein

mochte.

"Mannheim!" rief der Abbé durch die Fistel, "was ist das für ein

Name?"

"Es ist--ich weiß nicht--vielleicht meinen Sie den Sohn von dem

Pfarrer Mannheim, der ehedessen meines Vaters Nachbar war."

"Ist er's nicht mehr?" fragte Johannes.

"Soviel ich weiß, hat er die Pfarrei verlassen. Doch Sie können die

beste Nachricht davon einziehen bei dem Schulkollegen Hecht, mein ich,

da pflegt er ja sonst zu logieren. Nicht wahr, mari! hast du ihn

nicht neulich dort angetroffen?"

"Ach der Dorfpfarrer", versetzte der Abbé mitleidig. "Ja, ich

erinnere mich. Ist er Ihnen nicht gleichgültig, mein Herr?"

"Ich müßte der nichtswürdigste Stutzer sein, wenn er mir's wäre",

antwortete Johannes außer allen Sprüngen, "es ist mein leiblicher

Vater."

"So?" kreischte mein Abbé im höchsten Kammerton, und nickte wieder

auf seine Arbeit hin.

"Sie sehen also, mein Herr! daß Sie hier unrecht sind", sagte Luzilla,

"gehen Sie zum Schulhalter Hecht--der wird Ihnen näheren Bescheid

geben."

Johannes sah fest auf den Boden und fort.--Er kam zu seinem Vater.

--Schon eh' er ausreiste, hatte er so viele Theologie mitgenommen,

daß er sich zur Not hätte können examinieren lassen. Die vielseitige

Bekanntschaft mit der Welt, die er sich nunmehr erworben, verbunden

mit seinen andern Kenntnissen, erleichterten ihm die Mühe, ins

Predigtamt zu kommen. Sobald er sich das erstemal öffentlich hatte

hören lassen, freute sich jedermann, ein Werkzeug seiner Beförderung

zu werden. Er bekam eine mittelmäßig gute Stelle. Viele meiner

Leser werden stutzen und einen Roman zu lesen glauben, wenn sie

finden, daß es ihm, ungeachtet seiner Inorthodoxie, doch mit seiner

Beförderung geglückt sei. Er ließ es sich aber auch nur nicht

einfallen, sich aus dem Eide einen Gewissensskrupel zu machen, mit

dem er sich zu den symbolischen Büchern verband. Niemals war es sein

Zweck gewesen, den Bauren die Theologie als Wissenschaft vorzutragen;

es gingen sie also die Glaubenslehren der Kirche, so wenig als ihre

Zweifel an. Das Mystische der einen, so wie das Aufgeklärte der

andern geht weit über ihr Fassungsvermögen. Sehr wohl konnte er also

für seine Person zu gewissen festgesetzten Lehren schwören, ohne

welche keine äußerliche Kirche bestehen kann, und zu denen jeder den

Schlüssel in seinem Herzen hat. Denn, im Grunde, was sind Lehren

anders, als Vorstellungsarten, und welcher Eid kann diese binden,

welcher Eid mich zwingen, Licht zu sehen, wenn ich im dunklen Zimmer

stehe, oder umgekehrt? Genug, daß der Eid vorbauende Formel ist,

keine Sachen zu _lehren_, die auf das Leben und die Handlungen der

Zuhörer einen widerwärtigen Einfluß haben, als den die wahre Religion

auf sie haben soll. So sagte er also seinen Zuhörern kein Wort,

weder von der Ewigkeit der Höllenstrafen, noch von der Vereinigung

der beiden Naturen, noch von den Geheimnissen des Abendmahls, bis sie

selbst drauf kamen, und sich insgeheim bei ihm Rats erholten, da er

seinen Unterricht denn jedesmal nach der besondern Beschaffenheit der

Person, die ihn fragte, einrichtete. Aber er lehrte sie ihre

Pflichten gegen ihre Herrschaft, gegen ihre Kinder, gegen sie selbst.

Er wies ihnen, wie sie durch eine ordentliche Haushaltung sich den

Druck der Abgaben erleichtern könnten, deren Notwendigkeit er ihnen

deutlich machte. Er erzählte ihnen, wie es in andern Ländern wäre,

und machte ihnen ihren Zustand durch die Vergleichung mit schlimmeren

süßer. Er erzählte ihnen einzele Beispiele von Hauswirten, die durch

ihren Fleiß und Geschicklichkeit sich emporgebracht, bewies ihnen,

daß Arbeit und oft Mangel selbst der Samen zu all unserm zeitlichen

Glücke sein, und daß Vereinigung ihrer Kräfte, ihrer Herden, ihrer

Ländereien und Verträglichkeit und Freundschaft untereinander die

Grundfeste ihrer und der ganzen bürgerlichen Wohlfahrt wären, und daß

je wohlhäbiger sie durch gegenseitige Hülfe würden, desto weniger sie

den Druck der Abgaben fühlten, desto weniger selbst Abgaben zu geben

brauchten, die oft nur deswegen verwendet werden, den Kredit des

Landes von außen emporzuhalten, weil er von innen zu sinken anfängt.

Er bewies ihnen aus der ältern und neuern Geschichte, doch immer so,

daß sie es fassen konnten, daß die Leidenschaften der Fürsten selbst

immer mehr Entsehen vor dem wohlhäbigen und fleißigen, als vor dem

dürftigen und verzagten Bürger gehabt, weil der Reichtum der Bürger

auch ihr eigener wäre. Er warnte sie ebensowohl vor Ausschweifungen

und Lüderlichkeiten, als vor den frühen Heiraten und den

Zerstückelungen ihrer Grundstücke, welches alles Verwirrung und

Armseligkeit in ihre Haushaltungen brächte. So fehlte es ihm keinen

Sonntag an Stoff zum Reden, welchen er von einzelen Fällen hernahm,

und konnt' er nur gar nicht dazu kommen, jemals an aristotelischen

oder andern theologischen Spitzfindigkeiten hängenzubleiben. Die

Vesper des Sonntags Nachmittags verwandelte er in eine ökonomische

Gesellschaft und zwar auf folgende Art. Er hielt ein kurzes

herzliches Gebet in der Kirche, alsdann versammlete er die Vorsteher

und die angesehensten Bürger des Dorfs um sich herum und sprach mit

ihnen von wirtschaftlichen Angelegenheiten. Sie mußten ihm alle ihre

Klagen übereinander, alle ihre Bedenklichkeiten über diese und jene

neue Einführung, alle Hindernisse ihres Güterbaues vortragen, und er

beantwortete sie ihnen, entweder sogleich, oder nahm sie bis auf den

folgenden Sonntag in Überlegung, mittlerweile er sich in Büchern oder

durch Korrespondenzen mit andern Landwirten darüber Rats erholte.

Endlich, damit er mit desto mehrerer Zuverlässigkeit von allen diesen

Sachen mit ihnen reden könnte, ging er mit einem der wohlhäbigsten

Bürger seines Dorfs einen Vertrag ein, vermittelst dessen jener ihm,

gegen soundso viel Stück Vieh und Auslagen der Baukosten, einen

verhältnismäßigen Anteil an seinem Kornacker sowohl als an seinem

Wiesenbau zustund; zu diesem gesellte sich noch ein anderer, der

einen Weinberg hatte, und siehe da ein kleines Landgut entstehen, das

in sich selbst gegenseitige Unterstützung fand, weder Dung noch Holz

zu bezahlen brauchte, und in einigen Jahren meinen Pfarrer und seine

Mitinteressenten reich machte. Itzt beeiferte sich jeder, einen

gleichen Vertrag mit ihm einzugehen, und, da dieses nicht wohl sein

konnte, schlossen sie sich aneinander und ahmten seinem Beispiel nach.

So ward in kurzer Zeit das Dorf eines der wohlhäbigsten in der

ganzen Gegend.

Der Pfarrer hatte den Vorzug, daß er die Vorteile des Handels auf

seinen Reisen kennen gelernet. Er war unerschöpflich an neuen

Vorschlägen, ihren Ertrag zu Gelde zu machen. Er wußte, was jede

Stadt in der Nähe für hauptsächliche Bedürfnisse hatte, und wenn sie

alle zusammenstunden, wie denn in kurzer Zeit ihr Zutrauen zu ihm

unbegrenzt war, so machte das für diesen und jenen Handlungszweig was

Beträchtliches. Er schloß sich bald mit benachbarten Edelleuten und

ihren Dörfern an, und sein Genie, das nie rastete, teilte sich nach

einigem Widerstande allen mit. Ein König hätte nicht inniger geehrt

werden können, als er es von seinen Bauten ward.

Sobald sein Vermögen ansehnlicher ward, richtete er alles in seinem

Hause mit einem Geschmack ein, der die Nacheiferung des Adels selber

erweckte. Nun war es Zeit, auf die höchste Zierde desselben zu

denken, auf die Königin, die aller dieser Vorteile froh mit ihm

werden sollte. \XDCber seiner rastlosen Tätigkeit hatte er den

letzten Eindruck der Treulosen vergessen, die ihn, die Wahrheit zu

sagen, durch eine Art Verzweiflung gespornt hatte, sich über ihre

kränkende Geringschätzung hinauszusetzen. Er reiste also die

Hauptstadt vorbei, und der erste Gedanke, der ihm einfiel, war der

ehrwürdige Amtmann, dem er seine ersten Kenntnisse der Wirtschaft zu

danken hatte. Dieser war ein Vater von mehreren Töchtern, von denen

die beiden ältesten schon verheiratet, die beiden jüngsten und ein

Sohn noch in seinem Hause waren. Er wußte, daß dieser Mann ihnen

nichts mitgeben konnte, als eine vollkommen feine und geschmackvolle

Erziehung, verbunden mit allen möglichen häuslichen

Geschicklichkeiten, wovon er Augenzeuge gewesen war. Dieses, nebst

seinem Wohlstande und seinem Ruf, gab ihm einige Hoffnung, so

unglücklich seine erste Liebe gewesen war, in seinem zweiten Antrage

mit besserem Erfolg etwas wagen zu dürfen. Er tat es. Er kam, ward

noch immer wie der alte empfangen; die Augen der jüngsten der Töchter

seines Freundes nahmen ihm in der ersten Stunde die Freiheit. Seine

Unruhe war unaussprechlich, denn hier einen Korb zu bekommen, schien

ihm unter allen Schicksalen, die er erstanden, das unerträglichste.

Wie waren seitdem alle Vorzüge der jungen Schönen aus der Knospe

gegangen! Aber die Entfernung, der Antrag selbst, das wenige, was er

anzubieten hatte, gegen die Ergetzlichkeiten einer großen Stadt, wo

sie bei keiner öffentlichen Lustbarkeit unbemerkt blieb, sein Alter

endlich selber, seine Person, die ihm niemals so häßlich vorgekommen

war, sein Gesicht, auf dem jeder gehabte Unfall eine Spur

nachgelassen hatte, die Unaufmerksamkeit auf die feinern Gegenstände

der Unterhaltung, die ihm seine bisherigen häuslichen Sorgen und

Geschäfte zugezogen, alles das machte ihn, wenn er sich ihr gegenüber

befand und reden wollte, so kleinmütig--soll eine solche Blume dazu

geboren sein, an meinem Busen zu verwelken? sagte er sich

unaufhörlich, und eine Träne trat ihm ins niedergeschlagene Auge.

Er bemerkte eine besondere Eigenschaft an ihr, die ihm wieder Mut gab,

das war ein merkbarer Hang zur Einsamkeit. Ob, weil alle äußere

Gegenstände, die die Stadt ihr aufweisen konnte, ihr Herz nicht

befriedigten, ob, weil sie glaubte, daß es ihr besser ließe, lasse

ich unentschieden, genug, es liefen bisweilen Monate hin, daß sie von

dem Landgut, wohin sie ihren Vater allein zu begleiten pflegte, auch

nicht nach der Stadt einmal hören mochte. Alsdann aber ergab sie

sich auch im Gegenteil bei ihrer Wiederkunft den Ergetzlichkeiten der

Stadt mit einer ordentlichen Art von Zügellosigkeit, und überhaupt

hatte sie die bei Frauenzimmern so seltene Eigenschaft, nichts nur

halb zu tun oder zu wollen.

"Albertine!" sagte er einsmals zu ihr, als sie eben von dem Landgut

ihres Vaters nach der Stadt zurück fuhren--Es war ein schöner heitrer

Wintertag gewesen und die untergehende Sonne schien eben aus

verklärten Wolken mit ihrer letzten Kraft auf den entgegenglühenden

Schnee; er stand hinter ihrem Schlitten und führte ihn, derweile sie

in ihrem Pelz eingewickelt den Himmel und den Schnee an Röte

beschämte--"Albertine", sagte er, indem er sich zu ihr herüberbog,

"daß ich ein König wäre!" "Was fehlt Ihnen?" rief sie hinter ihrem

Schlupfer, mit einer Stimme, deren Zauberklang er nicht länger

widerstehen konnte. "Ach! ich habe Ihnen weiter nichts als eine

Pfarre anzubieten", schrie er, indem er sich plötzlich vom Schlitten

losriß und sich mitten in dem Schnee vor ihr niederwarf. Eine solche

Erklärung auf der öffentlichen Landstraße, auf der freilich wenig

Menschen zu vermuten waren, würde alles mögliche Beleidigende für sie

gehabt haben, wenn nicht der Ausdruck seiner Stimme und die Tränen,

die sie begleiteten, ihr Herz ebenso ungewöhnlich angegriffen hätten,

als der Antrag selbst ungewöhnlich und unerwartet war. Sie konnten

eine Weile alle beide nicht zu sich selber kommen. "Stehen Sie doch

auf", sagte sie endlich mit schwacher Stimme. "War's denn hier

Zeit?"--Bei diesen Worten verhüllte sie sich in ihren Pelz, und er

bekam den ganzen Weg über von ihr nichts zu sehen noch zu hören.

Ein Glück, daß er es so abgepaßt, daß der Schlitten des Vaters eben

eine gute Viertelstunde voraus war. Er kam in der Stadt an, wie ein

Verbrecher, der zum Gerichtsplatz geführt wird. Alles, was er sah

und hörte, alle Fragen, die an ihn ergingen, selbst die

Freundlichkeit, mit der der Amtmann und die Seinigen ihn aufzumuntern

suchten, waren lauter Folterstöße für ihn. Albertine allein war

wider alle ihre Gewohnheit, wenn sie sonst nach der Stadt zu kommen

pflegte, ihm heut vollkommen ähnlich. Als sie so im Zirkel saßen,

und auf beider Gesichtern Angst, sich zu verraten, mit tausend

Empfindungen kämpfte, kam der kleine Bruder, ein rosiger Junge, von

der Freude, so schien es, geboren, mit großem Geschrei in die Stube

gerannt und rief: "Albertine! Dein Bräutigam ist da."

Albertine antwortete anfangs nicht; als er aber es zum zweitenmal

wiederholte und sie fragte: "wo denn?" und er antwortete: "in deiner

Kammer!" und sie aufstund und hinausging--und in dem nämlichen

Augenblick der Amtmann unserm Mannheim eine Berechnung des jährlichen

Ertrages seiner Ländereien vorlegte und ihn dringend um seine Meinung

fragte, um wieviel sie geringer oder vorzüglicher, als die in seinem

Vaterlande wäre--so überlasse ich's dem menschenfreundlichen Leser,

sich den Zustand des armen Johannes zu denken.

"Ja--ja", sagte er, indem er das Blatt ansah, ohne etwas darauf zu

sehen.

"Was denn?" fragte der Amtmann.

In dem Augenblick trat Albertine mit einem kleinen Buben aus der

Nachbarschaft herein, den sie an der Hand führte. Mannheim sah auf

und die Erholung von seiner Todesangst war so sichtbar, daß sich der

Amtmann nicht entbrechen konnte, ihn zu fragen, was ihm gewesen wäre?

"Nichts", stotterte er. Albertine begab sich hinweg. Mannheim mußte

um Erlaubnis bitten, sich zu entfernen. Die entgegengesetzten

Bewegungen, die seine Seele in so kurzer Zeit aufeinander erfahren

hatte, überwältigten seinen ganzen Nervenbau; er fühlte die angenehme

Hoffnung in seinem Innersten, er werde diesen Abend vielleicht nicht

überleben.

Der Amtmann wollte ihn nicht fortlassen. Er zwang ihn, ein Bette in

seinem Hause anzunehmen; jedermann merkte bald, daß Mannheims

Zerrüttung mehr als eine leichte Unpäßlichkeit war.

Er verfiel wirklich in eine Krankheit, die der Arzt dem besorgten

Amtmann noch gefährlicher abschilderte, als sie wirklich war. Der

Amtmann und seine ganze Familie blieben den Tag traurig; Albertine

allein nahm eine gezwungene Munterkeit an. Ihr Vater, den dies

aufmerksam machte, ging den folgenden Tag verstohlner Weise auf ihr

Zimmer. Er überraschte sie den Kopf in die Hand gestützt, in einem

Meer von Tränen. "Was gibt's hier?" sagte er; "das ist ein ganz

neuer Aufzug, Mademoiselle Albertine!" Sie sprang verwirrt von ihrem

Stuhl auf, griff nach einem Buch, wollte Entschuldigungen

suchen--"still nur!" sagte er; "ich habe wohl gesehen, daß du nicht

gelesen hast. Auch kann ein Buch dich so nicht greinen machen, das

laß ich mir nicht einreden." "Papa!" sagte sie und faßte ein Herz,

"tun Sie mit mir, was Sie wollen", indem sie zitternd ihm nach der

Hand griff--"ich liebe den Pfarrer Mannheim." "Ei, wenn es nichts

mehr als das ist", sagte der Alte, "ich liebe ihn auch. Es steht

aber dahin, ob du ihm auch so wohlgefällst, wiewohl seine Krankheit

und eure beiden Affengesichter letzthin--ei, laß uns einmal einen

Versuch wagen und zu ihm auf die Kammer gehen." "Nimmermehr!" sagte

Albertine, "ich muß es Ihnen nur gestehen, Papa; er hat mir letzt

eine Erklärung getan und das ist die Ursache seiner Krankheit."

"Ei so sollst du hingehen und ihm die Gegenerklärung tun", sagte der

Alte, indem er sie mit Nachdruck an die Hand faßte und zu Mannheim in

das Zimmer zerrte. "Ich nehm es auf mich, es bei deiner Mutter und

Schwester gutzumachen. Und einen ehrlichen Mann, wie den, und einen

alten Bekannten in meinem Hause sterben zu lassen--Mädchen! Mädchen!

wenn du mir nicht so lieb wärst--"

Man kann sich vorstellen, was diese letzte Worte, die er hörte, auf

den Kranken für einen Eindruck gemacht haben müssen. Eine himmlische

Musik in dem Augenblick, da ihm die scheidende Seele vor die Lippen

trat, könnte ihm nicht willkommner gewesen sein. Er mußte sich mit

Mühe halten, daß er nicht aus dem Bette und ihnen hin zu Füßen

stürzte. "Da hast du sie!" sagte der Alte mit den Worten unsers

unvergleichlichen Dichters, den er seinen Töchtern allein auf dem

Nachttisch erlaubte. Albertine mit niedergeschlagenen Augen und

einer unabgewischten Träne auf der Wange, sagte kein Wort. Er sog an

ihrer Hand das Leben wieder ein, das er nicht geachtet hatte; er hing

mit seinen Lippen dran, als ob ein Augenblick Unterbrechung der

Augenblick seines Todes wäre. Die Bewegung ihrer Hand war wie eines

Arztes, der seinen Kranken gern wieder gesund sähe; im nächsten

Augenblick wollte sie sie wegziehen, aber es schien, als ob ihr die

Kraft dazu fehlte. Ihre Geschwister kamen. Der Vater entdeckte

ihnen den Vorfall kurz und erwartete ihre Antwort nicht, sondern lief

zur Mutter, die er in Tränen herbeiholte. Alle willigten ein. Der

Entfernung und der andern Schwierigkeiten ward aus Schonung für den

Kranken nicht erwähnt. Alles richtete sich ein, wie er besser wurde.

Man erlasse mir die Beschreibung der Hochzeit. Mit meiner Leser

Erlaubnis wollen wir uns in die Tür des Pfarrhofes stellen und unser

junges Paar bei seinem Einzug bewillkommen.

Der Landprediger · 第 3 / 5 题