Anhang

Ich habe bei der Eilfertigkeit, mit der ich diese Geschichte aus der

angeführten gedruckten Lebensbeschreibung zusammengezogen, einen

Brief hineinzubringen vergessen, der in derselben gleichfalls, weil

er nicht in Mannheims, sondern in den Papieren eines seiner

verstorbenen Freunde sich gefunden, nur in einer Note angeführt

worden. Es ist die Beschreibung einer Kirchenvisitation, welche der

Spezial des verstorbenen Herrn Pfarrers das erstemal in seinem

Kirchspiel gehalten. Ich will die interessantesten Stellen daraus

kürzlich epitomieren.

Er erschrak sehr, heißt es in demselben vom Spezialsuperintendenten,

der übrigens als ein sehr guter braver Mann drin geschildert wird,

der aber vielleicht ebensowohl wegen Alters und Eigensinn, als weil

er nicht Kraft genug hatte, ein Ansehn, welches er bloß eingerosteten

Kirchengebräuchen zu danken hatte, gegen eines aufzuopfern, das, weil

es dem Wohl des Ganzen ungleich zuträglicher war, freilich erst im

Glauben und Hoffnung einer bessern Zukunft eingeerntet werden mußte,

er erschrak sehr, heißt es, als er mich in seiner Gegenwart über

_"die beste Art die Wiesen zu wässern"_ predigen hörte. "Geht das

alle Sonntage so", fragte er mit einem etwas herrischen Ton, als er

in die Stube trat. Ich, der diesen Ton an keinem Menschen gewohnen

kann, antwortete ihm mit sehr viel Zuversichtlichkeit im Blick:

"Nicht anders, Herr Spezial!" Er, der diese wenigen Worte für Trotz

nehmen mochte, sagte mir hierauf mit gezwungener Überhöflichkeit: Er

werde sich genötigt sehen, diesen Vorfall ans Oberkonsistorium zu

referieren, und es würde ihm leid tun, mich nach einem halben Jahr

vielleicht sehr wider meinen Willen genötigt zu sehen, wieder über

die armseligen Sonn- und Feiertagsevangelien zu predigen. Es würde

mir leid tun, antwortete ich, jemals auch nur den geringsten Verdacht

erweckt zu haben, daß meine gegenwärtige Art zu predigen eine

Geringschätzung des heiligsten aller Bücher und in diesem der mit so

schöner Auswahl für die allgemeine Andacht von der urechten

christlichen Kirche vorgeschriebenen Stellen vermuten lassen könnte;

auch würde mir niemand mit Recht vorwerfen, daß ich nur einen Sonntag

unterlassen, das dafür bestimmte Evangelium abzulesen, wiewohl ich

meine Ursachen hätte, allemal nicht nach vorgeschriebenen, sondern

nach zufälligen Veranlassungen meine öffentlichen Reden an meine

Gemeine einzurichten.

"Ja, Ihre Gemeine wird schön in der christlichen Religion

unterrichtet werden. Auch finde ich, daß Sie nicht das mindeste tun,

was in der Kirchenordnung vorgeschrieben worden. Sie halten weder

Katechismusexamina noch irgend eine andere Art von Kinderlehre des

Sonntags, dieses kann nichts anders als die gröbste Unwissenheit, ich

will auch nur sagen in den ersten und notwendigsten Wahrheiten unsers

Glaubens nach sich ziehen."

"Mein Herr Spezial", antwortete ich ihm, "was die Geheimnisse unserer

Religion betrifft, so erkläre ich sie meiner Gemeine nach ihrem

Fassungsvermögen und soweit sie erkläret werden dürfen nur an den

hohen Feiertagen, wo ich auch hernach mit den Kindern eine

katechetische Wiederholung darüber anstelle. Denn ich habe mir sagen

lassen (es war derselbe Propst, dessen Tochter Johannes ehmals den

Beutel gestrickt), daß das Subjekt _Geheimnis_ sich mit dem Prädikat

_darüber plaudern_ nicht allzuwohl zu vertragen pflege, daß also alle

acht Tage über Geheimnisse zu reden dem Prediger leicht das Ansehen

eines geistlichen Scharlatans geben könne."

"Mein Herr, mein Herr", sagte der Spezial, außer aller Fassung, der

durch die Einkleidung dessen, was Mannheim ihm zu sagen hatte, schon

halb für seine Meinung gewonnen war; itzt aber die Pille unter dem

Honig zu fühlen anfing.

"Hören Sie mich aus", fuhr ich fort, "ich habe meinen Bauren nötigere

Sachen zu sagen--"

"Was kann nötiger sein als der Weg zur Seligkeit", erwiderte er mit

Heftigkeit. "Wenn einer die ganze Welt gewönne--"

Hier hielt er inne. Ich fuhr mit Nachdruck fort: "Und litte Schaden

an seiner Seele. Dazu aber soll es, hoffe ich, bei uns nicht kommen.

Erlauben Sie mir, Ihnen eine Geschichte zu erzählen--"

"Nein, nein, nein", sagte jener, "ich sehe schon, wer Sie sind, und

dem muß gewehrt werden."

"Ich bin Mannheim", gab ich zurück.

"Dem muß gesteuert werden", versetzte er.

"Meine Geschichte müssen Sie aushören", sagte ich. "Es war ein

Mensch in einer wüsten Insel und hatte in zwei Tagen kein Wildpret

gefangen. Bei dem heftigsten Anfall des Hungers stieß ein Brett mit

einem Missionär ans Land, der Schiffbruch gelitten hatte, der

Missionär freute sich, eine Seele mehr zu gewinnen, ging auf ihn zu,

und fragte ihn über die ersten Grundsätze seines Glaubens. Er wollte

essen, sagte der andre. Dieser fing an, ihm den katholischen

Lehrbegriff vorzutragen, der Proselyt packte ihn und fraß ihn auf.

So könnte es uns mutandis mutatis mit unsern Bauren gehen, wenigstens

kann der Trost der Religion, sobald man den Leuten nicht Aussichten

weißt, durch ihr inniges Vertrauen auf Gott die ersten und

notwendigsten Bedürfnisse ihres Lebens zu befriedigen, nicht anders

als höchst unkräftig sein. Wir finden auch, daß Christus und seine

Apostel nicht so gepredigt haben. Christus fand seine Jünger, die

die ganze Nacht nichts gefangen hatten, und ließ sie einen reichen

Zug tun, der Apostel sagt ausdrücklich, die Gottseligkeit habe die

Verheißung dieses--und des zukünftigen Lebens."

"Schämen Sie sich nicht, Ihre Inorthodoxie noch durch die Bibel zu

beschönigen."

"Ich bin weder inorthodox, noch brauche ich etwas an mir zu

beschönigen. Wo will sich die Religion äußern, wo soll sie ihre

Kraft und Wirksamkeit beweisen, wenn wir sie als einen abgezogenen

Spiritus in Flaschen verwahren und nicht sie durch unser ganzes Leben

und Gewerbe dringen lassen. Den Bauren zu weisen, daß Religion

geehrt und reich mache, heißt ebensoviel als Kindern Brot und

Spielwerk hinlegen, wenn sie artig gewesen sind."

"Wollen Sie die erste Quelle aller Moral verderben", sagte der

wirklich gut meinende Spezial.

"Die Stimmung des Herzens", erwiderte ich, "die alle dieser Vorteile

entbehrt, freiwillig entbehrt, sobald ein Recht dadurch gekränkt oder

die Gottheit dadurch beleidigt wird, kann auf keine andere Weise

hervorgebracht, oder wenn sie da ist, geprüfet werden, als wenn ich

bei meinen Bauren gehörige Begriffe von dem, was zeitlicher Wohlstand

ist, gehörige Kraft und Anwendung dieser Kraft, ihn zu erreichen,

voraussetze. Der Bettler glaubt den Himmel am allerersten und

geschwindesten, aber es ist denn auch nur ein Himmel für Bettler.

Diese Stimmung in ihnen hervorzubringen, ist meine einzige Absicht.

Ich habe zu dem Ende ein geheimes Tribunal bei mir errichtet. Jeder,

der etwas über seinen Nachbar zu klagen hat, kommt zu mir, und kann

nicht allein des unverbrüchlichsten Stillschweigens bei mir

versichert sein, sondern auch daß ich ihm viel geschwinder zu seinem

Recht verhelfen werde, als der Advokat vor den Gerichten. Ich gehe

zu dem Verklagten, ich gewinne ihm sein Vertrauen ab, ich höre, ob er

nicht vielleicht ebensoviel Beschwerden gegen seinen Ankläger hat.

Habe ich die wahre Gestalt der Sache erfahren, und alle meine

besondern Versuche sind vergebens, den Schuldigen zu seiner Pflicht

zurückzubringen, so bring ich die Sache unter irgend einer

Einkleidung auf die Kanzel, und weise aus den allgemeinen Wahrheiten

unsrer Religion das Verdammliche oder vielmehr das Schädliche dieser

und jener Handlung in ihren Folgen. Da dünkt mich's Zeit, allgemeine

Wahrheiten vorzutragen, und mit Erfolg. Denn entspricht hernach die

Erfahrung der Menschen dem, was wir ihnen voraussagten, so gräbt sich

die Religion weit tiefer in ihr Herz, als irgend etwas, so sie

auswendig gelernt haben. Ich habe die frappantesten Beweise davon

gehabt, und diese haben mich in dieser Methode so sehr bestätigt, daß

ich sie vermöge meines Gewissens nimmer abändern werde, was auch die

Obern mir darüber jemals ankündigen mögen."

"Was können Sie für Beweise davon haben?"

"Ich will Ihnen gleich ein ganz frisches Exempel anführen. Einer von

unsern Bürgern ward beschuldigt, er hätte verschiedenes von den

Gütern seines Mündels, eines guten einfachen unschuldigen Mädchens,

veruntreut. Man konnte nicht sagen wo, es waren aber merkliche

Anzeichen da, daß das Mädchen, das immer still und ordentlich gelebt,

seit der Zeit seiner Vormundschaft um ein beträchtliches ärmer

geworden. Als alle meine Kunst vergebens war, ihn selbst zu dem

Geständnis zu bringen, erzählte ich den letztern Sonntag eine

Geschichte, die mir noch von meiner Jugend her bekannt war, von einem

Bedienten, der einen ohnehin armen Herrn um sein Letztes bestohlen,

damit in fremde Länder gegangen und durch Fleiß und Ordnung ein

großes Vermögen erworben. Er heiratete, bekam Kinder--auf einmal

wachte sein Gewissen auf, er mußte zurück und seinem Herrn nicht

allein das Gestohlne wiederbringen, nicht allein die Zinsen des

Gestohlnen, sondern--alles, alles was er selbst dadurch erworben, und

er, sein Weib und Kinder waren an den Bettelstab gebracht. Umsonst

suchte sein Herr ihm wenigstens die Hälfte davon wieder aufzudrängen,

er verdiente diese Strafe, sagte er, und könne nicht anders hoffen,

seine Seele zu retten. Er wollte nun von vorn anfangen, wie er

damals würde haben tun müssen, zu versuchen, ob er mit nichts als

seiner Hände Arbeit etwas für seine Kinder ausrichten könnte. Diese

Geschichte tat ihre Wirkung. Der Vormund kam und brachte mir

folgenden Tages das unterschlagene Geld, mit Bitte, es dem Mädchen,

das Braut war, unter fremdem Namen als ein Geschenk zuzustellen. Ich

sah ihm ins Gesicht und warf's ihm vor die Füße. "Blutgeld", sagte

ich, "ist's, sobald Ihr damit den Himmel wiederkaufen wollt, den Ihr

verloren habt. Ihr habt nicht Menschen, sondern Gott gelogen."--Es

fehlte nicht viel, so wär' er bei diesen Worten, deren er sich nicht

versah, ohnmächtig niedergefallen. Ich ging aus dem Zimmer und ließ

ihn allein. Erst nach einer halben Stunde war er fortgegangen. Den

andern Tag ließ er mich zu sich rufen, er läge krank und glaubte den

Tag nicht zu überleben. Als ich in die Stube trat, fragt' er mich

mit gefaltenen Händen, was ich wollte, daß er tun sollte. Hier hielt

ich's für Zeit, ihm zu predigen, daß die Gerechtigkeit nichts als die

Austeilerin der Liebe sein darf, daß keine Liebe ohne Gerechtigkeit

bestehen könne, daß es aber eine Gerechtigkeit ohne Liebe gebe, in

die sich der Teufel kleidet, wenn er als Engel des Lichts erscheint.

Gestohlnes Gut wiedererstatten, um nicht verdammt zu werden, hieße

ebensoviel, als einem Menschen die Kehle nicht abschneiden, weil die

Büttel hinter uns dräuten. Sich aber auf diese Wiedererstattung was

zugute tun, hieße Gott betrügen wollen, der nicht zu betrügen ist.

Er weinte und fragte, was er tun sollte. Ich sagte, "fragt Euer Herz

und dann gebt Ihr mit Aufrichtigkeit ohne Furcht und ohne Zwang so

viel, als dieses Euch heißen wird, und seid versichert, daß Gott

nicht das Opfer ansehen werde, sondern die Gesinnung, mit der es

geopfert ward." Er hat, wie ich höre, seitdem mit den jungen

Eheleuten sich assoziiert, ihnen ein Stück seines Ackers zu bauen

umsonst überlassen, und will mit aller Gewalt, daß sie auch mit ihm

ein Haus beziehen sollen, wo er für nichts als den Tisch Bezahlung

nehmen will."

"Ja, das gelingt einmal", sagte der Spezial; "das gelingt immer",

sagte ich. "Nur unser Unglaube an die Menschheit macht, daß sie so

böse ist. Ohne eine gewisse Anlage zum Guten können ja die

tierischen Operationen in dem Menschen nicht einmal vor sich gehen,

es kommt also darauf an, daß wir diese treffen, so haben wir den

halben Weg zu seiner Besserung gewonnen.

Und welches Mittel ist kräftiger, uns über die andere Hälfte zu

bringen, als wenn wir ihm Schaden und Vorteil zu zeigen wissen, wie

sie in die Moralität seiner Handlungen verflochten sind. Daß alle

Arbeit sich geschwinder fördert, wenn die Kräfte rein gestimmt sind,

daß der Geist tausend Springfedern des Glücks entdeckt, wenn er frei

von Furcht und Gewissensangst alles um sich hier mit Liebe ansieht,

daß die Liebe dem Feuer der Sonne gleiche, durch welches die ganze

Natur ihr Dasein erhält u.s.f."

"Ich frage Sie nur", versetzte der Spezial, "ob Sie Seelsorger oder

Verwalter Ihrer Gemeinen sind."

"Beides", antwortete ich.

"Ich frage Sie nur, ob die Seelen Ihrer Gemeine dadurch gebessert

werden, wenn sie wissen, wie sie ihren Acker zu bestellen, ihre

Wiesen zu wässern haben."

"Wäre es auch nichts weiter, Herr Propst, als daß ich durch

Mitteilung dieser Kenntnisse eine Herrschaft über ihre Seelen

erlangte und heilsamern Wahrheiten den Weg bahnte, so müßte diese

Methode schon alle Ehrfurcht verdienen. Wenn ich nun aber meiner

Gemeine noch überdem durch mein Beispiel weise, wie die Sorge fürs

Zeitliche mit dem Gefühl für andere und deren Glück zu vereinigen,

und ich nicht weiter anzusehen als ein Haushalter, dem mehrere Macht

anvertrauet worden, Menschen sowohl durch Mitteilen und Vorschuß

meiner Güter als meiner Kenntnisse und Erfahrungen glücklicher zu

machen, von dem also auch mehr gefodert wird, wenn ich außer den

sonntäglichen noch alle Mittewoche und Sonnabend Versammlungen in

meinem Hause, jedesmal von einer andern Partei Bürger halte, um auf

ihre Sitten und Geschmack zu wirken, weil auch der Landmann, um

glücklich zu sein, seinen Geschmack haben muß, in diesen bald etwas

aus der Zeitung, bald etwas aus einer andern periodischen Schrift,

das faßlich für sie ist, bald aus einem guten Roman von Goldsmith

oder Fielding eine ihnen begreifliche Stelle vorlese, und alle

diejenigen von dieser Gesellschaft ausschließe, die sich irgend einer

Lieblosigkeit schuldig gemacht; wenn ich des Sonntags selbst mit

wirtschaftlichen Dingen geistliche bald vermische, bald abwechsele,

bald bloß in die Besserung und in den Anbau des Herzens und der Liebe

übergehe."

Hier nahm der Spezial seinen Hut und ging fort, und bis dato ist mir

noch keine Erinnerung geschehen.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Landprediger, von Jakob

Michael Reinhold Lenz.

Der Landprediger · 第 5 / 5 题