gestickten Notizbuches, in welches Elise einige widmende Zeilen
geschrieben hatte, aber sie, die schöne Braut flog von Stuhl zu Stuhl,
von Tisch zu Tisch, denn überall fand sie eine Fülle der reizendsten
Gaben. Hier glänzende Stoffe, dort Putz und Schmuck. Verwandte und
Freunde hatten die Gelegenheit benutzt, ihre Theilnahme durch
eingesandte glückwünschende, beziehungsvolle Briefchen nebst Beilagen
auszudrücken, und selbst Herr Zippelmann hatte ein billig auf einer
Auktion gekauftes und neu aufgesottenes Armband, nach Gott weiß wie
vielen Seufzern sich abgerungen. Jetzt aber faßte plötzlich der
Professor in seine Tasche und überreichte Elisen ein Schachspiel, da er
selbst sie früher in Schach unterrichtet hatte, und in einem dreieckig
gefalteten äußerst wichtigen Briefe, den er vorlas und auf jede
Anspielung mit hoch gezogenen Augenbrauen, den Finger an der Nase,
vorbereitete, erklärte er die Bedeutung der Figuren und die Wichtigkeit
und Macht der Königin, welche zum Schutz ihres Gemahls nach allen
Richtungen schlage, Alles niederwerfe und besiege, was das Wohlsein
ihres theuern Lebensgefährten bedrohe; dennoch aber wohl auf ihrer Hut
sein müsse, damit man nicht auf verbotenen Wegen sie ertappe, wohl gar
umringe und einsperre, wobei es vorkommen könne, daß sie an einem
gemeinen Bauer ihre Freiheit verlöre.
Stephani lachte Beifall klatschend am lautesten über diese Auslegung,
auch der Geheimrath stimmte ein. Herr Zippelmann umarmte den Professor
und grinste ihn zärtlich an. Hehe! schrie er, ausgezeichnet! Das muß
gedruckt werden, ausgezeichnet! Sie Spaßvogel Sie! die ganze deutsche
Einheit haben Sie abgemalt. Die Könige sind nichts ohne die Bauern und
die Königinnen verlieren ihre Freiheit an die gemeinen Unterthanen, wenn
sie nicht pfiffig sind und sie bei Zeiten beseitigen. Professor, Sie
müssen einen Orden bekommen. Hehe! Sie müssen einen Orden bekommen und
in den Staatsrath gesetzt werden.
Ich bitte Sie, Zippelmann, kein Wort mehr! rief der Professor mit
Entrüstung. Orden! hier habe ich meinen Orden -- er setzte den Finger
auf seine Brust. Staatsrath! hier ist mein Staat! Er schlug mit der Hand
vor seine Stirn. Mehr brauche ich nicht, mehr braucht kein Mensch! Aber
Sie verstehen mich nicht, Freund. Niemand versteht mich! wiederholte er
mit einem schwermüthigen Kopfschütteln, denn Geister giebt's, die einsam
wandeln müssen! sagt Shakespeare.
Er wendete sich langsam um, denn eben stieß Elise einen lauten Schrei
der Freude aus. -- Auf einem Nebentischchen stand ein Kästchen, welches
sie so eben geöffnet hatte und dessen Inhalt eine ungemein schöne Broche
von künstlichster Arbeit in Gold und römischer Mosaik war.
O! Alfred, rief sie mit einem schmelzenden Liebesblicke, das ist Dein
Geschenk. Ich weiß, es muß Dein Geschenk sein; denn ich erinnere mich,
daß, als ich diesen reizenden Schmuck gesehen hatte, ich Dir davon
erzählte.
Dennoch, erwiderte Gravenstein beharrlich, ist es nicht mein Geschenk.
Elise wandte sich von ihm ab, während er ihre Hände fest hielt und
blickte Stephani an. -- So müßten Sie es denn sein, sagte sie erregt,
Sie waren gegenwärtig, als ich davon sprach.
Stephani antwortete mit einem vielsagenden Lächeln, Gravenstein aber
hatte inzwischen einen ziemlich unscheinbaren Ring mit einem kleinen
Brillant von seinem Finger gezogen. Theure Elise, sagte er, ich habe den
bunten Tand verschmäht, den man gewöhnlich schenkt. Was ich besitze,
wird auch Dein sein, was Du wünschest, wird Dir zu Gebote stehen. Trage
diesen einfachen Ring als ein Zeichen des Bundes zwischen uns; er gehört
zu dem Liebsten, was ich mein nenne. Meine Mutter gab ihn mir als ich
von ihr ging in die Welt; wenn ich ihn an Deiner Hand sehe, wird er wie
ein Magnet mich beherrschen, und wenn irgend eine dunkle Wolke sich
zwischen uns drängen wollte, dann wird er die Sonne sein, die alle Nebel
zu überwältigen vermag.
Elise war sichtlich überrascht, das hatte weder sie noch irgend Jemand
vermuthet. Sie erwartete, reich und überreich beschenkt zu werden; alle
ihre Freundinnen hatten im Voraus neugierig Glück gewünscht zu den
auserwählten, kostbaren Gaben des reichen und verliebten Bräutigams, und
jetzt hielt sie den werthlosen Ring in ihren Fingern, die Augen fest
darauf geheftet, im Kampfe um ein geheucheltes Lächeln, das ihr empörter
Stolz und ihre Eitelkeit nicht hervorzurufen vermochten. Sie hörte zu
ihrer Seite ein Flüstern und konnte in Stephani's Gesicht den Ausdruck
des Hohns erkennen. Deutlich glaubte sie zu hören, wie er vor sich hin
sagte: Immer die gute Selige, immer diese unvergeßliche Mutter, die als
Schutzengel über dieser Ehe schweben und ihr als Vorbild voranleuchten
wird.
Ich danke Dir für dies Geschenk, brachte sie endlich über die Lippen, es
wird mir immer sehr werth und lieb sein. Aber der Ton war kalt, und ohne
daß sie es vermochte, die Augen zu Alfred zu erheben, legte sie den Ring
mit einer Hast, als würfe sie ihn von sich, auf den Tisch. Er rollte
darüber hin, fiel und kollerte auf dem Boden weiter zu Alfreds Füßen,
der sich schweigend bückte, um ihn aufzuheben.
Bei dem Falle des Ringes sah Elise ihren Verlobten an und sie erschrack
vor seinem Blicke. In seinen Mienen war keine Spur von Zorn oder
Aufregung, kein finsterer Zug, der sonst so leicht sein hartes Gesicht
noch mehr verdüsterte; aber in seinen Augen brannte ein Schmerz, der sie
bestürzt machte. Eine ahnungsvolle Frage lag darin, die wie erwachte
Reue und erkannte Täuschung sie anleuchtete.
Laß mich suchen, Alfred, laß mich suchen, ich muß meine Unbesonnenheit
büßen, rief sie in ihrer alten neckischen Weise, indem sie sich
ebenfalls bückte und seine Hand ergriff, die wie Feuer brannte.
Gravenstein steckte den Ring wieder an seinen Finger und sagte so mild
er konnte, aber mit Entschiedenheit: Ich habe ihn wieder, er ist zu mir
zurückgekehrt und vor der Hand will ich ihn für Dich verwahren.
Der ganze Auftritt hatte etwas Peinliches. Niemand mischte sich ein. Der
Geheimrath und seine Gemahlin lächelten bald, bald blickten sie
ernsthafter und flüsterten sich zu. Herr Zippelmann machte alles nach
und brummte dem Professor etwas ins Ohr von der Einheit Deutschlands,
die ganz akkurat so sich die Ringe vor die Füße würfe, wobei er sich
ungeheuer vergnügt die Hände rieb. Der Professor stand in würdevoller
Starrheit, abgetrennt von Zeit und Raum und nur Stephani schien
unbefangen wie immer zu sein und mit vollkommener Ruhe sich an den Ofen
zu lehnen.
Ehe jedoch irgend eine Wendung Elisens erstauntes und erzürntes Gesicht
erheitern konnte, öffnete der Bediente mit der rothen Nase die Thür und
sagte in seiner weihnachtsfreudigsten Unterthänigkeit: Ein Herr wünscht
den Herrn Baron zu sprechen. Seinen Namen will er nicht nennen, aber wie
der Knecht Ruprecht sieht er aus, als hätte er unter seinem Mantel den
ganzen Weihnachtsmarkt.
Herein mit ihm! rief der Geheimrath, der froh war, eine Unterbrechung zu
finden. Das ist eine Ueberraschung von Ihnen, Alfred; jetzt kommt das
Beste, Elise. Ich dachte es wohl, daß Du vollkommen Unrecht haben
müßtest; daß noch irgend etwas im Hintergrunde wäre.
Mit süßem Erröthen und mit Blicken, die Freude und Verzeihung
ausdrückten, wandte sich Elise zu dem stummen Freunde, allein schon im
nächsten Augenblicke war ihr hoffendes Lächeln winterlich verwandelt.
Denn was sie nie gemeint hatte, hier zu sehen, der Mensch, welcher ihr
am widerwärtigsten war und dessen Anblick sie jetzt mit Angst und
Abscheu erfüllte, Felix Herzer trat herein und sein Auge fiel zunächst
auf sie, dann auf Gravenstein, dem er sich mit einem leichten Gruße
näherte.
Das Erstaunen und Entsetzen der Gesellschaft, deren erster Freudenslaut,
als er über die Schwelle trat, mitten im Tone erstarrte, der
zurückprallende Professor und Herr Zippelmann, welcher, von jäher Furcht
ergriffen, sich hinter den Assessor flüchtete, mochte eben so wohl die
Ursache des spöttischen Zuckens sein, das um den Mund des gefährlichen
Gastes schwebte, wie die verdüsterten Gesichter des geheimräthlichen
Paares, das über die Frechheit dieses Eindringens alle Fassung verloren
hatte.
Verzeihen Sie mein störendes Erscheinen an diesem Orte, sagte Felix
umherblickend, ich glaube jedoch dazu berechtigt zu sein. Herr von
Gravenstein, ich habe mit Ihnen wenige dringende Worte zu wechseln.
Wollen Sie mir diese gestatten?
Alfred schien unschlüssig, er antwortete nicht. Elise hatte den Arm in
seinen Arm gelegt und abgewendet von Felix ihm etwas zugeflüstert, was
er mit einem finstern, fragenden Blicke auf den jungen Herzer
beantwortete.
Nur wenige Minuten, fuhr dieser auf das offene Nebenzimmer deutend fort,
schenken Sie mir Gehör. Es ist wichtig, so wohl für mich wie für Sie,
daß Sie mich hören.
Nein! flüsterte Elise halb laut, sich gegen Alfred lehnend, Du darfst
diesen Menschen nicht hören. Er hat Böses im Sinne. Gerüchte, die ich
nicht wiederholen mag, sind verbreitet worden über Dich und ihn, die
mich auf's Aeußerste beunruhigt haben.
Was wünschen Sie, Herr Herzer, sagte Gravenstein hart und abstoßend. Sie
wählen in der That die unpassendste Stunde, um mich aufzusuchen.
Es ist nicht meine Schuld, antwortete Felix gelassen, aber ich beharre
darauf, Ihnen jetzt zwei oder drei Minuten lästig zu werden.
Wenn es so sein muß, rief Alfred, einen Schritt vortretend, warum nicht
hier auf der Stelle? Ich habe keine Geheimnisse zu bemänteln. Reden Sie,
mein Herr, was haben Sie mir mitzutheilen?
Sie wollen es, versetzte Felix, und indem er eine kleine rothe Mappe
hervorzog, fügte er hinzu: Mein Vater glaubte Ihnen und uns noch heut,
am Weihnachtsabende, die Freude machen zu müssen, die Kapitalschuld zu
tilgen, welche Ihnen zukömmt. Hier ist Geld, Herr von Gravenstein.
Nehmen Sie es mit unserem besten Danke. Die großen Scheine lassen sich
leicht übersehen, ich wünsche durchaus weiter nichts.
Aber mein Herr, erwiderte Alfred erstaunt und unwillig, warum heut,
warum hier? Ich bin nicht im Stande, mich mit einem Geschäft
einzulassen.
Ich forderte nichts als die Annahme des Geldes, sagte Felix, das uns so
große Sorgen gemacht hat, und -- die Rückgabe des Unterpfandes.
O! diese Papiere -- diese Papiere! fiel der junge Edelmann ein, dessen
Stirn sich erhellte. -- Ich begreife es. Sie wollen Sie am
Weihnachtsabend zurück haben. Hier sind sie, doch lassen Sie alles
Weitere bis morgen.
Er faßte rasch nach seinem Taschenbuche, öffnete es und blickte erstaunt
in die leere Abtheilung. -- Was ist das? rief er heftig aus, indem er
die andern Fächer durchsuchte, und plötzlich schien er von einem
Gedanken jäh ergriffen zu werden, den er eben so schnell wieder von sich
warf. -- Unbegreiflich! sagte er vor sich hin. Die Papiere sind fort.
Fort?! antwortete Felix. Ihr Ehrenwort, dem ich vollen Glauben schenkte,
hat mir Bürgschaft geleistet.
Mein Ehrenwort! rief Gravenstein, dunkel erröthend, ja gewiß, mein
Ehrenwort! Diese Papiere -- es ist unmöglich!
Ruhig, mein theurer Alfred, ruhig! sagte der Geheimrath, seinen Arm
fassend und den furchtbaren starren Blick auf sich lenkend, den
Gravenstein jetzt auf Elisen heftete. Sind es diese Papiere? fuhr er
fort, indem er die Wechsel aus seiner Tasche holte und sie zwischen
seinen Fingern in die Höhe hielt. Sind es diese werthlosen Dinger mit
betrügerisch nachgemachter Unterschrift, welche man Ihnen als Unterpfand
übergab mit der pfiffigen Clausel: auf Ehrenwort sie keinem Menschen zu
zeigen? Er brach in ein lautes Gelächter aus und schlug die Zettel
auseinander. -- Zweitausend Thaler in drei Monaten zahlbar -- Johannes
Zippelmann. -- Und hier dasselbe und nochmals dasselbe. So reden Sie
doch, Herr Zippelmann. Wollen Sie zahlen? Reden Sie doch, Herr Stephani.
Wie nennt man ein Unternehmen dieser Art? Was sagen unsere Gesetze dazu?
Zahlen? lächelte Herr Zippelmann, mit einem scheuen und triumphirenden
Blick auf Felix. Es schaudert einem bis ins Herz hinein, daß so viel
Laster auf Erden ist. Hehe! Laster und Sünde, die seit dem Freiheits-
und Einheitsschwindel zehnfach größer geworden sind; aber zahlen --
keinen Groschen! Nicht um eine Welt -- keinen Groschen!
Es ist Fälschung und Betrug hier jedenfalls anzunehmen, sagte Stephani.
Also Fälschung und Betrug! rief der Geheimrath, und davor hat unsere
Besorgniß Sie zu bewahren gesucht, theurer Alfred. Es blieb uns nicht
verborgen, welche Künste man anwendete, um Ihr edelmüthiges Herz zu
bestricken, um Sie in Sirenennetze zu ziehen, die für Sie gewebt waren.
Netze! sagte Gravenstein erblassend und seine krampfhaft geballten Hände
öffnend. Was verstehen Sie darunter, Herr Geheimrath?
Ein andermal davon, Alfred; gewiß, wir wollen ein andermal davon reden,
erwiderte Wilkau fein lächelnd. Jetzt handelt es sich darum, mit diesem
beabsichtigten Betrug zu Stande zu kommen.
Geben Sie mir diese Wechsel zurück, sprach Gravenstein, indem er
gebieterisch die Hand ausstreckte.
Wenn Sie es wünschen, will ich es thun, antwortete der Geheimrath, ihm
freundlich zunickend; aber bedenken Sie wohl, Alfred, um was es sich
dabei handelt.
Um mein Ehrenwort! sagte der junge Baron rasch, und um eine Sache, die,
wie ich denke, mich allein angeht. Ich habe von diesem Herrn, Felix
Herzer, diese Papiere als ein Unterpfand angenommen, gleichviel ob sie
Werth haben, ob nicht; gleichviel, ob ich wußte, sie seien eine Posse in
Wechselform oder ein Scherz, den wir uns Beide machten. Ich wußte genau,
was ich that, und weiß eben so genau, was ich jetzt thun muß.
Er faßte die Papiere zusammen und wandte sich zu Elisen, die in einem
Lehnstuhle neben ihrer Mutter saß, welche sie zu beruhigen strebte.
Ich habe nur noch Eines zu fragen, sagte er. Wie sind diese Papiere aus
meinem Taschenbuch gekommen? Rede, liebe Elise, rief er, die Hände nach
ihr ausstreckend, ich weiß, Du wirst wahrhaft sein.
Mein Gott! erwiderte die Braut ungeduldig lächelnd, Du wirst mir doch
hier das Examen schenken?
Dann sprich einfach zu mir: Ich weiß es nicht! forderte er bittend.
Nein, sagte sie lachend, wir wollen den Scherz allseitig nicht weiter
treiben, Alfred. Du weißt, heut morgen die Tropfen, dabei wurde Dein
Taschenbuch untersucht.
Du -- also Du! murmelte er tiefathmend.
Man hatte mir gesagt, Alfred, daß sie Dich betrügen wollten --
vielleicht sind wir Alle getäuscht worden, Alle betrogen -- aber ich
verheimliche es nicht, meiner Liebe und meinem Glücke sollten Gefahr
drohen von einer ränkevollen Nebenbuhlerin, die alle ihre Künste
anwendete, um Dich und mich zu verderben.
Und darum, fiel Felix ein, der bisher still auf derselben Stelle
gestanden hatte, darum verübten Sie einen Diebstahl für die gute Sache.
Elise wandte sich glühend vor Zorn zu ihm um, aber diese Röthe erlosch
augenblicklich, denn über Felix Schulter fort sah sie in Claras Gesicht,
die in Begleitung ihres Vaters so eben hereintrat.
Unverschämt! rief der Geheimrath, indem er Herzer anblickte. Was führt
Sie hierher? Welche Versammlung soll hier gehalten werden? -- Mein
lieber Alfred, ich behalte mir vor, Ihnen alle nöthige Aufklärung zu
geben, aber in meinem Hause bin ich Herr, und wenn Personen, die nicht
hierher gehören, sich eindrängen, so machen Sie ihnen begreiflich, daß
dies nicht der Ort sei, wo ihre Gegenwart irgend eine Berechtigung haben
könne. Keine Berechtigung? erwiderte der Fabrikant, der sein gebeugtes
Haupt aufhob und mit sanfter aber fester Stimme hinzufügte: Keine
Berechtigung hätten wir an diesem Orte zu erscheinen, wo meine Ehre, die
Ehre meiner Kinder auf immer vernichtet werden soll? Wo wir nichts
wollen, als unsern unerbittlichen Widersachern zurufen: Gedenkt des
Tages und dieser Stunde. Gebt uns Frieden und laßt ab, Unrecht und
Schmach auf uns zu häufen.
Der Geheimrath wandte sich mit einer verächtlichen Handbewegung von ihm
ab zu Alfred. -- Noch einmal, sagte er, machen wir dieser Scene ein
Ende. Sie ist peinlich genug für mich, wie für uns Alle. Thun Sie, was
Sie wollen; ich für mein Theil kann in dem, was geschehen ist, nur eine
schändliche, ehrlose Handlung erkennen.
Herr von Wilkau, antwortete Gravenstein, indem er seinen Platz verließ,
dem Geheimrath entgegentrat und ihm starr ins Gesicht sah, ich muß
bekennen, daß ich eine andere Ansicht von Ehre und Ehrlosigkeit habe.
Ich frage in diesem Augenblick nicht, wie jene Papiere in Ihren Besitz
gelangten, aber ich würde in Ihrer Stelle sehr glücklich sein, wenn dies
so geheim wie möglich bliebe.
Sie haben gehört, Alfred, welche Sorgen uns drückten, sagte der
Geheimrath, und wenn Sie sich selbst fragen, fügte er mit einer halb
drohenden, halb lächelnden Kopfbewegung hinzu, werden Sie sich
eingestehen müssen, daß ich alle Ursache hätte, ganz anders gegen Sie zu
verfahren.
Ich kenne keine Ursache, gab Gravenstein stolz zurück, die Sie bewegen
konnte, sich selbst in eine Lage zu bringen, welche ich nicht näher
erörtern mag.
Genug und übergenug! rief Wilkau zwischen Heftigkeit und erzwungener
Mäßigung schwankend. Wir wollen von Ihren abenteuerlichen Irrfahrten
schweigen, allein das darf und will ich aufs bestimmteste verlangen, daß
diese junge Dame da, in Gegenwart meiner Tochter, Ihrer Verlobten, nicht
länger hier verweilt. Sehen Sie mich an, wie Sie wollen, Alfred. Ich
halte Alles für gänzlich abgethan; mich verlangt wahrlich nicht danach,
irgend wie den Gerichten vorzugreifen; ich will auch Nichts wissen,
Nichts hören! Ich will es sogar zugeben, daß Frieden zwischen uns sein
und bleiben soll für ewige Zeiten, was ganz von diesem Herrn Herzer und
den Seinigen abhängen wird. Aber nun, wenn Sie mich recht verstanden
haben, machen Sie der Sache ein Ende; Ihnen gegenüber werde ich mich
vollkommen rechtfertigen.
Nein, mein Herr, sagte Clara, indem Sie Ihren Vater verließ und mit
strahlenden Augen sich vor den großen Mann stellte, mir gegenüber haben
Sie sich zu rechtfertigen.
Ihnen gegenüber, mein schönes Kind? fragte Wilkau, indem er sie mit
frivoler Herablassung betrachtete. Wir wollen vergnügt und verträglich
sein, wir wollen vergessen und vergeben; allein, fügte er hinzu, sich zu
ihr niederbeugend, und seine Stimme wurde leise, obwohl er sehr deutlich
und langsam sprach -- wenn Sie wieder nächtliche Promenaden machen und
romantisch auf Kirchhöfen umherschwärmen, so wählen Sie einen andern
Freund als den, der hoffentlich sich niemals mehr dazu herbeilassen
wird.
Ist es möglich! -- o! -- ist es möglich! flüsterte Clara todtenbleich
ihre Hände im tiefsten Schmerze zusammenfaltend. Ihr Auge heftete auf
Alfred mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke des Vorwurfs und der
Anklage, dann aber wandte sie sich zu ihrem Bruder um, der neben sie
getreten war, und den Geheimrath in einige Bestürzung versetzt hatte.
Herr von Wilkau, sagte Felix, ich weiß, wie Sie über mich denken, und
erlaube Ihnen gern von mir zu behaupten oder auszusprechen, was Ihnen
gefällt. Wagen Sie es aber meine Schwester zu beleidigen, mit
verläumderischer Bosheit die anzutasten, deren natürlicher Beschützer
ich bin, so werde ich Ihnen die ganze Reihe Ihrer unsittlichen
Bestrebungen vorhalten und Sie öffentlich so behandeln, wie Sie es
verdienen.
Wirklich! rief der Geheimrath von geheimer Furcht und Wuth erfüllt. Sie
wollen das -- Sie? -- Entfernen Sie sich augenblicklich -- wir werden
uns weiter sprechen. Diese Frechheit ist unglaublich!
Unglaublich! schrie der Professor, sich an der Binde in die Luft
ziehend.
Hehe! der Bursche wird gemein, schrie Zippelmann, über den Professor
stolpernd, als Felix sich nach ihm umsah.
Welch entsetzlicher, abscheulicher Auftritt! rief Elise in den Armen
ihrer Mutter, welche der Assessor unterstützte. Giebt es denn kein
Mittel uns von dieser Gesellschaft zu befreien? Alfred, wenn ich denken
müßte -- ich verlange von Dir, diesen Menschen offen zu erklären, daß Du
nichts mit Ihnen gemein hast.
Sei ruhig, mein Kind, sagte der Geheimrath, sei ganz ruhig. Von einer
Gemeinschaft kann nicht die Rede sein. Fräulein Clara wird schweigen,
sie wird gewiß schweigen, denn sie wird nicht wollen, daß ich sprechen
soll. Oder meinen Sie etwa nicht? rief er mit Hohn auf das junge Mädchen
niederblickend, die ihre volle Fassung wieder gewonnen hatte. Wenn ich
schweige, so habe ich meine Gründe, im Uebrigen aber --
Hier unterbrach ihn die volle stolze Stimme Clara's, die im Gefühl ihres
Rechtes ihn mit überlegener Kraft anblickte. Reden Sie, rief sie ihm zu,
ich befehle es Ihnen! Sie sollen mich nicht verläumden, wo Zeugen
vorhanden sind, die ich im Namen der Wahrheit nicht vergebens auffordern
werde.
Gewiß nicht, erwiderte Alfred, der sich ihr näherte und mit steigender
Wärme zu ihr sprach. Es scheint, fuhr er lächelnd fort, als habe man
eine strenge und geheime Ueberwachung zwar über uns verhängt, dennoch
aber die rechten Fäden nicht gefunden. Jene nächtliche Scene, Herr
Geheimrath, hat allerdings statt gehabt und ich bin dabei zugegen
gewesen. Der, den sie zunächst angeht, wird wahrscheinlich den Muth
nicht besitzen, Ihnen jemals die Wahrheit zu bekennen; ich aber betheure
Ihnen mit meinem Ehrenworte, daß ich in jener Nacht mit Hochachtung für
Fräulein Clara nach Haus zurückkehrte, und daß ich dem Zufalle sehr
dankbar bin, der mich in Besitz eines Geheimnisses setzte, durch welches
ich mich überzeugen konnte, wie nichtswürdig die Ränke sind, welche das
Glück und die Wohlfahrt dieser jungen Dame anzutasten wagten.
Anzutasten wagten! wiederholte Elise mit glühenden Wangen. Was soll das
heißen, Papa? Was ist geschehen? Was hast Du mir verschwiegen?!
Da haben Sie es, Alfred! rief Wilkau mit einem bitteren Lächeln.
Schütten Sie kein Oel ins Feuer, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort,
Elise darf nichts weiter hören.
Alles soll sie hören, Alles! erwiderte Gravenstein. In welche unwürdige
und elende Intrigue bin ich verstrickt worden?
Das ist das richtige Wort, sagte der Geheimrath; aber, mein Lieber,
lassen wir doch die Details.
Nicht wo es sich um meine Ehre handelt; nicht wo ich die Ehre einer
verfolgten und gekränkten Dame zu vertreten habe.
Der Geheimrath war mit seiner Geduld zu Ende. Der Zorn lief über seine
Vorsicht hin; er verwünschte den tölpelhaften Eigensinn, den er schonen
mußte, und der ihn dafür rücksichtslos an den Pranger stellte. -- Die
trotzige straffe Gestalt des Freiherrn war so unbiegsam wie ein
Eichbaum, und sein Gesicht sah so roh ehrlich aus, als wolle er einen
offenen Bruch herbeiführen.
Mein Gott! rief Wilkau, Sie müssen genachtwandelt haben, Herr von
Gravenstein, oder was war es sonst, das Sie antrieb, Abends spät dem
ehrenwerthen Fräulein hier Fensterpromenaden zu machen, und Briefchen
aufzulesen, die hinausgeworfen wurden. -- Nun, es waren Grillen, nichts
als Grillen, fuhr er besonnener fort, als er den Eindruck bemerkte, den
seine Enthüllungen auf Gravenstein machten. Man kann sich ja denken, was
Sie bewog, und es ist nichts geradezu Unrechtes. Sie lieben Saitenspiel
und Gesang und dazu kömmt der Reiz des Wunderbaren, das verlockende
Entgegenkommen. Nicht wahr? Haha!
Hehe! fiel Herr Zippelmann ein, lachen Sie doch, Professor. Ihnen ist
Sie auch einmal entgegen gekommen, und wenn ich gewollt hätte, hehe!
aber keinen Groschen, keinen Pfennig, hehe!
Schweigen Sie! versetzte der Professor geschmeichelt grinsend, indem er
auf Elise blickte. Mir sind sehr Viele entgegen gekommen, aber ich --
nie!
Inzwischen hatte Gravenstein in stolzer Verwirrung Clara's Hand
genommen. Ich habe Sie um Verzeihung zu bitten, sagte er, denn wirklich
habe ich an ihrem Fenster gestanden, und wahr ist es, daß ein Brief in
meinen Besitz gerieth, der nicht für mich bestimmt war. Aber wissen Sie,
Herr Geheimrath, fuhr er fort, indem er sich zu Wilkau umwandte, daß ich
ihre Auslegung meiner Handlungen sowohl, wie die weiteren Beziehungen,
welche Sie damit verknüpfen, für Verläumdungen erkläre, die ich verachte
und verabscheue.
Wie? rief der Geheimrath erbleichend, das sagen Sie mir, Alfred!
O, mein Gott! schrie die Geheimräthin, lieber guter Alfred, besinnen Sie
sich. Elise, komm her, gieb ihm Deine Hand. Gravenstein! was thun Sie an
Wilkau, an uns, die wir Sie so herzlich, elterlich lieben.
Meine Hand?! Ich bitte Dich, Mutter! rief Elise, die mit Heftigkeit sich
sträubte und befreite, als die Geheimräthin sie Alfred nähern wollte.
Wer mir so gegenüber steht, so mein Vertrauen verhöhnt, solche Schmach
über mich bringt, kann unmöglich wollen, daß ich einen Schritt thue.
Mitten in dieser Verwirrung war der Bediente mit der rothen Nase in's
Zimmer geschlüpft und hatte dem Geheimrath Etwas zugeflüstert.