Alfred, um Ihnen die Augen zu öffnen. Da, da! fuhr er fort, auf Anton
und Guste deutend, die eben von Friedrich hereingeschoben wurden, diese
beiden Personen, welche vor dem Hause aufgefunden und heraufgenöthigt
worden sind, kommen zur rechten Zeit, um Ihnen den Beweis zu liefern,
wie ehrenhaft die Personen sind, deren Ehre Sie vertreten.
Anton Mertens, fuhr er mit feierlicher Betonung fort, im Namen Deines
verewigten Vaters, der mir ein treuer Diener und Freund war, befehle ich
Dir, aufrichtig zu sagen, ob diese Dame hier nicht mit dem jungen Herrn
ein und dieselbe Person ist, welche von einem Säbelhiebe verwundet, von
Euch verborgen wurde, als die Polizei sie verfolgte, und ob der Herr
dort nicht derjenige ist, der das Pistol hier vor dem Hause abschoß, als
er verbrecherischer Aeußerungen wegen verhaftet werden sollte?
Anton war im grausamsten Schrecken. Er schüttelte den Kopf und wandte
seine ängstlichen Augen auf seine Frau, die ihm mit ihren unbefangenen
Blicken und leisen Ellenbogenstößen Muth einzuflößen suchte und noch ehe
der Geheimrath fertig war, ihre helle Stimme erschallen ließ. I, mein
Gott! rief Guste, wie kämen wir denn dazu? Nichts können wir sagen,
gnädigster Herr Geheimrath, und wie wäre denn das auch möglich, wegen
der Länge der Zeit, der Nacht, der Verstörtheit und vielerlei anderer
Umstände?
Ja, ja! fiel Anton triumphirend ein, so ist es, meine Herrschaften. Es
ist alleweil unmöglich, darüber noch zu urtheilen.
Herr von Gravenstein, sagte Clara, ihre Augen glänzend und groß zu ihrem
Beschützer aufschlagend, da es die Absicht des Herrn von Wilkau ist,
Ihnen allein zu beweisen, wie Unrecht Sie thun, eine mit gränzenlosem
Haß und gränzenloser Unwürdigkeit verfolgte Familie nicht verderben und
zertreten zu wollen, so glaube ich Ihnen auch nur eine Antwort ertheilen
zu dürfen. Wenn es wahr sein sollte, was über mich und meinen Bruder
hier gesprochen wurde, und was jene beiden guten Menschen sich nicht
abpressen lassen wollen -- wenn Alles wirklich so wäre, können Sie dann
selbst glauben, daß etwas Unehrenhaftes, Gemeines und Schlechtes mich in
eine so entsetzliche Lage bringen konnte? Ich habe nichts mehr zu sagen,
fuhr sie mit sanfter, leiser, aber fester Stimme fort. Ich habe so viel
Leiden erfahren, so traurige Tage und Nächte erlebt, ich bin bereit,
mich zu unterwerfen.
Welche Heuchelei! rief Elise laut und verächtlich, indem sie sich zu
Stephani wandte.
Antworte nicht, Felix! sagte Clara schnell, da sie sah, wie ihr Bruder
vortrat und seine zürnenden Blicke auf Beide richtete. Ich bitte Dich
inständigst, meine Sache mir allein zu überlassen.
Dann nur wenige Worte für mich, erwiderte der junge Mann, und indem er
den Geheimrath von Kopf bis zu Füßen maß, sagte er: Sie haben Alles
gethan, um uns unglücklich und entehrt aller Schande preiszugeben, und
Alles ist mißrathen; jetzt versuchen Sie das Letzte, aber auch dies
fällt auf Sie und Ihre Helfershelfer zurück. Hüten Sie sich weiter zu
gehen, es liegt ein Abgrund vor Ihnen, in den Sie mit Hohn und Schmach
beladen stürzen werden. Rufen Sie die Gesetze gegen uns auf, ich will
den Richtern Erklärungen geben, und alle die Menschen dort, die Narren
und Schufte, welche Sie Ihre Freunde nennen, werden dabei eben so übel
fortkommen. Nehmen Sie daher meinen guten Rath an und schweigen Sie
gegen Jedermann; am wenigsten aber forschen Sie den Verbrechern nach,
die Sie so gern den Häschern überliefern möchten. Es könnte Sie bitter
gereuen, wenn es bekannt würde, wer der Elende war, den Sie suchten.
Wenden Sie sich an den Herrn Stephani dort und hören Sie, was er Ihnen
räth. Nicht wahr, Herr Stephani, Sie rathen zum Frieden? Sie verlangen
nicht, daß dieser Pfuhl von Gemeinheit und Büberei jemals aufgedeckt
werde?
Ich möchte allein verlangen und wünschen, sagte Stephani ruhig, daß Sie
sich bereit finden ließen, diese Scene zu beenden.
Sehr würdig und sehr gerecht! versetzte Felix spöttisch. Ich glaube in
der That, wir haben hier nichts mehr zu thun.
Alfred! rief Herr von Wilkau. Halt! Bleiben Sie -- Herr von Gravenstein,
ich habe ein Recht zu fordern, daß Sie bleiben.
Gravenstein hatte Clara seinen Arm geboten, um sie aus dem Zimmer zu
führen. Welches Recht? fragte er stolz zurücktretend, und ohne ein
weiteres Wort entfernte er sich.
Ein krampfhaftes Gelächter Elisens folgte ihm nach. Sie sank in den
Lehnstuhl und bedeckte ihr glühendes, von Leidenschaft, Haß und tief
gekränktem Stolz verzerrtes Gesicht mit ihrem Tuche. Stephani beugte
sich tröstend über sie. Die Geheimräthin weinte; Wilkau stand wie
erstarrt, die Hände geballt, seine Lippen bebten.
Hehe! schrie Herr Zippelmann, der Bube, der Felix! Liebster Geheimrath,
wie sehen Sie aus? Gerade wie am Achtzehnten. Die verfluchte Einheit!
Die deutsche Einheit! Aber, hehe! Professor, fassen Sie zu. Ich habe es
immer gesagt, Alfredchen hatte etwas, was mir nicht gefiel.
Mir auch nicht, redete der Professor majestätisch den Kopf erhebend und
seine Binde hoch ziehend. Er verstand mich nicht, Niemand verstand mich
-- jetzt sehen Sie die Folgen!
Gravenstein begleitete inzwischen Clara schweigend bis zu ihrer Wohnung.
Felix führte den erschöpften Vater, Mertens mit seiner Frau hatten sich
still davon gemacht, um die wahrscheinlichen Folgen dieses Abends in
Ruhe zu bedenken. Ohne Zögern öffnete Alfred die Thür des Hauses und
erst, als er in dem Wohnzimmer stand, wo die Lampen und Kerzen zwischen
den Blumen und Festgeschenken noch brannten, brach er sein beharrliches
Schweigen.
Seine finsteren Züge wurden weicher und seine Augen flogen über den
einsamen Festtisch und die niedergebrannten Lichter hin, deren
melancholisch düstres Geflimmer zu dem kummervollen Ernst der Anwesenden
paßte.
Herr Herzer, sagte Alfred, ich bin Ihnen Genugthuung schuldig. Ich habe
mich hinreißen lassen, ein Werkzeug abzugeben, das Sie verfolgen und
verderben sollte. Als ich zuerst hier in diesem Zimmer war, überkam mich
das Gefühl der Wahrheit. Ich suchte nach einem Auswege und fand ihn,
indem ich das Unterpfand annahm, welches mir Ihr Sohn bot. Es war mir
gleichviel, was es war, ich sah auf der Stelle, welche Absicht dabei
waltete, aber ich war eben so überzeugt, daß das Pfand eingelöst werden
würde. Ich würde Sie nie darum gedrängt haben, seien Sie dessen
überzeugt, doch es ist anders gekommen. Hier sind die Papiere, nehmen
Sie sie zurück. Ich bin schmerzlich getäuscht worden. Morgen verlasse
ich diese Stadt; behalten Sie das Geld, bis ich es fordern werde.
Nicht also, sagte der Fabrikant. Das Kapital müssen Sie jetzt nehmen.
Das Einzige, was mich tief betrübt, fuhr Gravenstein fort, ist, daß ich
mich anklagen muß, der Verläumdung Nahrung gegeben zu haben, welche die
Ehre Ihrer Tochter anzutasten wagt. Aber glauben Sie, mein Herr, glauben
Sie, Herr Herzer, fügte er stockend hinzu und langsam wandte er sich zu
Clara um, diese Ehre ist mir so theuer, daß, wer es wagen will, sie zu
berühren, auf mich treffen wird -- auf mich!
Herr von Gravenstein, antwortete Herzer, ich danke Ihnen für diesen
Trost, der mir wohlthut. Ja, diese Menschen haben tief in Alles gebohrt,
was Menschen heilig ist, was aber meine Tochter betrifft, so ist es mein
Entschluß, sie allen weiteren Anfechtungen zu entziehen. Clara wird in
wenigen Tagen mit ihrem Bruder nach New-York gehen.
Eine heftige Ueberraschung schien die plötzliche dunkle Röthe in
Gravensteins Gesicht zu bringen. Er stand stumm vor dem alten Vater,
dann ließ er das Auge über Clara gleiten und sah ihr mit einem langen,
fragenden Blicke ins Gesicht.
Ist es wahr? sagte er endlich.
Mein Vater will es so, erwiderte sie.
Aber Sie -- Sie! rief er heftiger und seine Hand streckte sich aus, er
hielt ihre Finger fest zwischen den seinen, die darin zitterten. Nein,
Sie dürfen nicht gehen, fuhr er fort, wenn ich es ändern kann. Hören Sie
mich an, Herr Herzer, und entscheiden Sie darüber. Ich muß fort -- daß
ich muß, werden Sie gerechtfertigt finden. Aber ich werde wiederkehren.
Wenn der Sommer kommt, werde ich an Ihre Thüre klopfen, mein Geld
begehren und -- wenn Clara's Stimme mich ruft, dann werde ich Sie von
Ihnen fordern. Und nun, gute Nacht, Clara. Was war es, was jener
unheimliche Mensch Ihnen von mir sagte und was Sie ihm antworteten? Ich
werde Sie fragen, Clara, wenn ich wieder komme und Sie wiederfinde, dann
sollen Sie mir Antwort geben.
Er zog ihre Hand an seine Lippen, ein Lächeln flog durch seine Züge und
plötzlich war er hinaus, so rasch, daß Thür auf Thür zuschlug, ehe seine
letzten Worte zu verklingen schienen.
Herzer stand einige Minuten nachsinnend vor seinen Kindern. In seinen
Augen schimmerte eine Freude, die er niederkämpfte, um ruhig zu
scheinen.
Felix hatte beide Arme um seine Schwester gelegt, die ihr Gesicht an
seine Brust lehnte.
Sage mir, Clara, fragte ihr Vater, sage mir, ob Du gehen oder bleiben
willst?
Bleiben, mein theurer Vater, bleiben wo Du bleibst, rief sie ihm
entgegeneilend, und erwarten, daß der nächste Weihnachtsabend uns
glücklicher beisammen findet!
* * * * *
Das Jahr ist verflossen und der Weihnachtsabend ist wiedergekommen. Eben
als es dunkeln wollte, hielt ein eleganter Wagen vor der Thür des
Fabrikanten. Alfred von Gravenstein hob seine junge Frau heraus, die mit
schnellen Schritten ins Haus eilte.
Wo ist mein Vater, fragte sie?
Oben im Saale, erwiderte die Haushälterin in seliger Geschwätzigkeit. --
O! der liebe Herr hat den ganzen Tag gewartet und geseufzt. Endlich ist
er allein hinauf gegangen, um den Christbaum anzuzünden.
Clara flog die Treppe hinauf. Da brannte der helle Baum. Es war wie es
sonst war, aber der alte Mann stand, die Hände gefaltet allein in dem
stillen Saale. Ein Ruf, ein lauter Schrei, und Clara lag an seinem
Herzen. Er hielt sie in seinen Armen, er faßte ihren Kopf in beide
Hände, um sie zu betrachten, bis seine feuchten Augen sie nicht mehr
erkennen konnten.
Du bist glücklich, mein geliebtes Kind? fragte er.
Unaussprechlich glücklich, Vater! Alfred lebt für mich; gar Vieles ist
anders geworden in ihm!
Herzer lächelte froh dem jungen Manne zu, der heiter und stattlich vor
ihm stand.
Aber mein Bruder! fragte Clara. Wie geht es ihm?
Gut, sagte Herzer, alles gut! Ich habe heut einen Brief von ihm. Unser
Geschäft gedeiht, er ist zufrieden. Seinen Brief an Dich baue ich Dir
auf, sammt einem Glückwunsch von Mertens und seiner Frau. Du weißt,
Felix hat sie beide nachkommen lassen und es geht ihnen gut alleweil,
rief er lachend. Alle wirst Du wiederfinden, fuhr er dann fort, nur
Einer hat das Zeitliche verlassen, Herr Zippelmann. Der ist selig
gestorben, ohne die deutsche Einheit zu erleben und hat sein ganzes
Vermögen Elisen vermacht, das heißt der Frau Geheimen Regierungsräthin
Stephani.
O! wohl bekomm' es ihr, rief Clara, Alfred umarmend. Nicht wahr, wir
haben nichts dagegen?
Nichts gegen dies würdige Paar, lachte Gravenstein. Aber unser Freund,
der Professor?
Ach der! sagte Herzer, der ist noch viel unbegreiflicher und seine Nase
noch viel dicker und röther geworden.
Aber fort damit, fort mit ihnen Allen! Leuchte uns du, alter Baum, zum
frohen Feste. Da bin ich bei meinen lieben Kindern. Wer hätte es
gedacht, als ich das letztemal kummervoll vor ihm stand! Und wenn er
wiederkehrt, Clara, wenn der alte Baum wieder brennt, wo werde ich dann
sein?
Bei uns! rief Clara, den alten Mann zärtlich küssend, und dann --
flüsterte sie ihm leise zu, dann kommen wir nicht allein!
Druck von _Horning_ u. Co. in Berlin.
Anmerkungen zur Transkription
Die variierende Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten.
Offensichtliche oder sinnentstellende Fehler wurden korrigiert wie hier
aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 45]:
... Eine Rotte ven Elenden aller Art soll uns jedoch ...
... Eine Rotte von Elenden aller Art soll uns jedoch ...
[S. 48]:
... Hch habe eine andere Meinung von ihm gehabt, ...
... Ich habe eine andere Meinung von ihm gehabt, ...
[S. 56]:
... recht gern, wenn es sein muß, aber ich sage ...
... gebe recht gern, wenn es sein muß, aber ich sage ...
[S. 70]:
... süß grinsend; wie Sie wollen, Heer Baron, ich ...
... süß grinsend; wie Sie wollen, Herr Baron, ich ...
[S. 111]:
... Ich kenne ihn, was, will er? Was ...
... Ich kenne ihn, was will er? Was ...
[S. 119]:
... Bah! lachte Wilkau. Sie wissen, jungen ...
... Bah! lachte Wilkau. Sie wissen, junge ...
[S. 119]:
... und drückte ein Zettelchen hinein, daß wie eine ...
... und drückte ein Zettelchen hinein, das wie eine ...
[S. 120]:
... der Assessor, der muß uns helfen, daß ist der ...
... der Assessor, der muß uns helfen, das ist der ...
[S. 138]:
... welche, wir wir hoffen dürfen, heut morgen ...
... welche, wie wir hoffen dürfen, heut morgen ...
[S. 153]:
... Alfred von Grafenstein war den ganzen Tag ...
... Alfred von Gravenstein war den ganzen Tag ...
[S. 166]:
... ich ihn aufhängen lassen lönnte. ...
... ich ihn aufhängen lassen könnte. ...
[S. 195]:
... Er est verlobt mit der eitlen leichtsinnigen Elise, ...
... Er ist verlobt mit der eitlen leichtsinnigen Elise, ...
[S. 196]:
... Wie, mein Schwesterchern, sind das Reminiscenzen? ...
... Wie, mein Schwesterchen, sind das Reminiscenzen? ...
[S. 198]:
... wuchs! Er lachte auf, indem er die die Fülle ...
... wuchs! Er lachte auf, indem er die Fülle ...
[S. 202]:
... Und ich weiß es vielleicht noch besser, rie ...
... Und ich weiß es vielleicht noch besser, rief ...
[S. 269]:
... Nerven. -- Luise soll ihn in die Kur nehmen, ...
... Nerven. -- Louise soll ihn in die Kur nehmen, ...
[S. 280]:
... Kinde umher, voll Dankbarbeit und Seligkeit. ...
... Kinde umher, voll Dankbarkeit und Seligkeit. ...
[S. 303]:
... seine verkehrte Augen und sein noch verkehrteres ...
... seine verkehrten Augen und sein noch verkehrteres ...
[S. 322]:
... Ich weiß nicht, sagte sie, was sie meinen ...
... Ich weiß nicht, sagte sie, was Sie meinen ...
[S. 335]:
... und davor hat unsere Bosorgniß Sie zu bewahren ...
... und davor hat unsere Besorgniß Sie zu bewahren ...
[S. 337]:
... über Felix Schulter fort sah sie in Klaras Gesicht, ...
... über Felix Schulter fort sah sie in Claras Gesicht, ...
[S. 354]:
... flog durch seine Züge und plößlich war er hinaus, ...
... flog durch seine Züge und plötzlich war er hinaus, ...