Ja, erwiderte der Schuhmacher bedächtig, ich thäte es wohl, wenn ich nur

wüßte -- hier sah er wieder den Fabrikanten an, der immer aufmerksamer

geworden war.

Wer ist der Mann? fragte er in seiner entschiedenen Art.

Ein Mann, erwiderte Felix, den ich Dir dringend empfehle, lieber Vater,

und um dessentwillen es mir lieb ist, ihn Dir persönlich bekannt zu

machen. -- Merkwürdiger Weise, fuhr er dann fort, hat der berühmte Mann,

welcher immer nur mit vornehmen Freunden umgeht und den wir alle

genugsam kennen, eine besondere Zärtlichkeit für die naive reine

Naturwahrheit gefaßt, welche er bei Mertens gefunden haben will. Er hat

ein eben so empfängliches Herz wie Don Juan, aber er ist völlig

unschädlich, Mertens, sie können es sich ruhig gefallen lassen. Ich

sollte freilich meinen, meine Gegenwart hätte wie Assa foetida auf ihn

gewirkt, denn unter Allen, die ihn je verhöhnt und verspottet haben, bin

ich ihm stets der Widerwärtigste gewesen. Ich habe ihn also nicht

vertrieben? Er ist wiedergekommen mit neuen Narrheiten? Heraus denn mit

der Sprache, ohne alle Umstände. Hier ist mein Vater, der Alles hören

kann und hier meine Schwester, der er oft genug seine verkehrten Augen

und sein noch verkehrteres Geschwätz zum Besten gegeben hat, bis wir es

glücklich dahin brachten, daß er uns sämmtlich gründlich verachtet.

Die Sache ist die, sagte Anton noch immer bedenklich, daß er heut Abend

kam und durchaus wissen wollte -- von wegen -- na, Sie wissen wohl, was

ich alleweil meine. Er wollte mich absolut mitnehmen zu dem Geheimrath,

da sollt ich eine Erklärung abgeben vor Gericht, oder so dergleichen,

wegen des Schusses, na, sie wissen ja schon und von wegen der jungen

Dame, denn die Tücher hatte er einmal gesehen und erzählt war es auch

worden. Nein, nein! fuhr er fort, indem er Clara zuwinkte, und die Hand

wie zum Schwure aufhob; gar nichts hat er erfahren, und eher wollte ich

meinen Kopf auf den Block legen, und Guste legte ihren Kopf dazu, ehe

ein Mensch von uns etwas erführe.

Aber ich! fiel hier Herzer ein, der seinem Sohne befehlend zuwinkte,

welcher Anton zum Schweigen zu bringen suchte, ich will Alles wissen,

von wem ich es auch erfahren mag.

Es wäre besser, lieber Vater, sagte Felix, wenn Du mir gestattetest, mit

diesem wackeren Manne auf mein Zimmer zu gehen.

Nein! erwiderte Herzer mit Strenge, nein! -- Vielleicht sind meine

Ahnungen schlimmer, als die volle Wahrheit, und es ist leichter diese zu

ertragen, als länger in halben Ungewißheiten umherzutappen. -- Ich

befehle Dir, mir nichts mehr zu verbergen! -- Reden Sie, Herr Mertens,

was wollte der Geheimrath wissen? Was sollten Sie beschwören?

Es trat eine Pause ein, die Keiner zu unterbrechen wagte. Der alte Mann

mit bleichen, zitternden Lippen und weit geöffneten Augen, aus denen

eine düstere Entschlossenheit leuchtete, stand vor dem armen Anton, der

seine Blicke ängstlich zu Boden schlug, oder sie scheu und hülfebittend

zu den Geschwistern hinüber sandte. -- Ohne Regung und bleich, wie ein

Marmorbild, stützte Clara den angespannten Arm, dessen Muskeln und

Sehnen sich krampfhaft zusammengezogen hatten, in die Hand ihres

Bruders. Ihr Gesicht war stolz aufgerichtet, ihre Augen glänzten

furchtlos darein, aber ein schmerzliches Lächeln zuckte um die feinen

Lippen und mit gewaltsam schweren Athemzügen hob sich ihre Brust.

Haben meine Kinder keine Antwort für mich? rief Herzer mit der

Bitterkeit des Unglücks. Ist es mit uns dahin gekommen?!

Antworte, Felix, sagte Clara mit leiser, fester Stimme. Du wirst nicht

wollen, daß ich es thun soll.

Was verlangst Du zu wissen, Vater, sprach der Sohn entschlossen

vortretend. Soll ich Dir nochmal die Geschichte erzählen, die Du vor

wenigen Tagen von mir hörtest? Von einem Mädchen, die schamlos betrogen

und verrathen wurde und keinen Schützer hatte, als ihren entfernten

Bruder, der endlich, als er nach Hause zurückkehrte, ihren Kummer

bemerkte und in sie drang, die Kette von Nichtswürdigkeiten erfuhr,

deren Opfer sie geworden war.

Ich weiß, erwiderte Herzer, ihm langsam zunickend, ich kenne diese

Geschichte. Weiter, weiter!

An jenem Abend, wo Wilkau den glänzenden Ball gab, hatte ich sie

erfahren, fuhr Felix fort. Ich wollte den Elenden aufsuchen, wollte in

dem Ballsaale selbst Gericht halten über ihn; ich war in der wildesten

Aufregung und war bewaffnet. Clara, in Schrecken vor meinen Vorsätzen,

drang in mich, davon abzustehen; sie wollte mich nicht verlassen. Sie

besaß männliche Kleider, er selbst hatte ihr diese früher verschafft, in

Zeiten, wo seine Verlockungen den Reiz des Romantischen in einem Herzen

voll Muth und Liebe zu erwecken wußten.

Schande! Schande! murmelte der Fabrikant mit erlöschender Stimme.

Wir irrten durch die nächtlichen Straßen, sagte Felix ruhiger, ich sah

ihn aus dem Wagen steigen, und wollte ihm nach. Clara hielt mich fest

und zog mich fort. Sie beschwor mich ruhig zu sein, und zeigte mir,

welch Unglück ich über sie, über Dich und uns Alle bringen würde, wenn

ich öffentlich machte, was bis jetzt ihr alleiniges Geheimniß war. Ich

mußte es anerkennen und gelobte zu schweigen. Wir kehrten zurück und

gingen nochmals bei Wilkau's hellem Hause vorüber, als wir angehalten

wurden und verhaftet werden sollten. Ich vertheidigte mich und riß

endlich zum Schutz für mein bedrohtes Leben eine Pistole heraus, die

sich entlud. Clara floh verwundet, ich entkam. Sie fand bei diesem

wackeren Manne und seiner Frau Beistand, ihre Wunde war unbedeutend,

unter ihrem Häubchen ließ sie sich leicht verstecken. Du hast nichts

davon erfahren, Vater; Niemand hat es ahnen können.

Und jetzt, fiel Herzer die Worte angstvoll hervorstoßend ein, jetzt ist

es entdeckt! -- Gott! Gott! meine Tochter -- verfolgt, angeklagt,

entehrt!

Lieber Herr, rief Anton gerührt von seinem Schmerze, verlassen Sie sich

darauf, kein Wort kommt über meine Lippen. Der Professor hat es auch

gemerkt, fügte er eiliger hinzu. Ihr wollt nichts sagen, schrie er, als

er von uns ging, aber sie sind dennoch verloren! Es ist aus mit ihnen,

die Wechsel sind entdeckt!

Mit furchtbarer Gewalt hob der alte Mann seine Hände auf, und schlug sie

über seine weißen Haare zusammen. Ein Stöhnen rang sich ihm aus der

Brust; Clara stieß einen Schrei aus, indem sie auf ihn zu flog und beide

Arme um ihn schlang. Die verzweiflungsvolle Energie im Gesicht ihres

Bruders gab Antwort auf ihre flehenden Blicke.

Vertheidige Dich, sagte Clara mit schwankender Stimme, vertheidige Dich,

mein geliebter Bruder! Verläumderische Gerüchte habe auch ich hören

müssen. Es ist nicht wahr, es kann nicht sein. Nein, nein! rief sie mit

großer Heftigkeit, der es mir sagte war ein Schelm, den ich verachte.

Wiederholen Sie noch einmal, Mertens, was Sie so eben sagten, erwiderte

Felix.

Ich will es nicht hören, rief Herzer, ich weiß Alles und Du, fuhr er

fort, indem er seinen Sohn kummervoll anblickte, Du mußt wissen, daß er

Wahrheit sprach. Hast Du nicht an Gravenstein Wechsel gegeben? Hast Du

nicht, -- o! daß ich es sagen muß -- hast Du nicht eine Fälschung

begangen?

Ich habe es gethan, erwiderte Felix mit ruhiger Entschlossenheit, denn

es blieb keine andere Wahl. Entweder war Alles verloren, entweder gelang

es diesen Elenden, uns zu verderben, oder, es mußte Etwas geschehen, uns

vom Aeußersten zu befreien. Es ist möglich, fuhr er fort, daß ich

gesündigt habe in den Augen der Menschen, daß ich gefrevelt habe gegen

ihre Satzungen, aber vor meinem Gewissen nicht. Gravenstein gab mir sein

Ehrenwort bis zum Ablauf der Frist zu schweigen. Es war mir so, als

verstehe er Alles, was ich that. Sein Blick schien bis in meine Seele zu

dringen, es leuchtete etwas darin, was aussah wie eine Billigung. Er

nahm die Papiere, steckte sie ein und sagte: Verlassen Sie sich darauf,

keine Hand wird daran rühren, ich hoffe jedoch, daß Sie zur gestellten

Zeit dies Pfand, was für mich keinen Werth hat, zurücknehmen. Ich

versprach es ihm mit meiner Hand, die er annahm. Ich kann nicht glauben,

daß er gemein und verächtlich gehandelt haben sollte.

Du hörst es ja, seufzte Herzer. O! jetzt verstehe ich den falschen,

lauernden Blick Wilkau's, als er mich nach den Wechseln fragte, die

Zippelmann unterzeichnen sollte.

Wie dem auch sein mag, sagte Felix, ich will vor ihn hin treten und

Rechenschaft fordern auf der Stelle. Sein Geld liegt bereit, ich fordere

mein Pfand zurück. Wehe ihm! wenn er es nicht herausgiebt; wehe denen,

die ihn dazu vermochten! Was auch geschehen möge, Vater, ich habe es zu

tragen, ich allein! Beruhige Dich, Dein Name, Deine Ehre sollen nicht

leiden, und welchem Richter ich auch Rechenschaft geben muß, ich

will mein Haupt stolz vor ihm aufrichten, stolzer bei jedem

Verdammungsurtheil, denn ich habe gethan, was ich mußte.

Als er sich rasch entfernte, schien Herzer ihm nacheilen und ihn

aufhalten zu wollen, aber er blieb nach den ersten Schritten stehen. Er

hat Recht, sagte er dann weit ruhiger und gefaßter, was geschehen soll,

muß sogleich geschehen. Aber er soll nicht allein gehen, ich will ihn

begleiten. Was ihn trifft muß mich mit treffen, denn ich -- ich habe es

gewußt, murmelte er vor sich niederstarrend und -- ich habe geschwiegen.

Was willst Du? fragte er sich aufrichtend, als er sah, daß Clara

schweigend Hut und Mantel nahm und sich anschickte ihn zu begleiten.

Mein theurer Vater, antwortete sie sanft, Du darfst nicht gehen ohne

mich. Wenn es so sein muß, daß wir vor denen erscheinen sollen, die uns

hassen und verfolgen, um ihnen zu sagen, da sind wir, denen ihr Uebles

gethan habt, aber gerechter, als ihr und ehrenvoller in unserer Unehre,

so darf ich nicht fehlen. Ich bitte Dich, fuhr sie dringender fort, laß

mich nicht hier allein. Wenn wir Gravenstein aufsuchen wollen, können

wir ihn nicht anders finden, als bei Wilkau. Mehr als einmal haben wir

ein frohes Weihnachtsfest gefeiert, jetzt werden wir Alle dort beisammen

finden, die uns wie böse Geister empfangen.

Der Vater bewegte leise beistimmend den Kopf, und ohne einen weiteren

Einspruch machte er sich zu dem schweren Gange bereit.

Während dieser ganzen Zeit stand Anton an der Thür völlig ungewiß, was

er thun sollte. Einige Male machte er eine Wendung, als wollte er seinem

Gönner Felix nacheilen, aber ehe er seinen Entschluß auszuführen

vermochte, traf ihn wieder ein Blick aus den gramvollen, düsteren Augen

des alten Herrn, oder das bleiche Fräulein sah ihn so liebreich und doch

so traurig an, daß er bleiben mußte, weil es ihm war, als könne sie ihn

nöthig haben.

Das Herz des gutmüthigen Mannes war mit warmer Theilnahme gefüllt.

Alles, was er hörte und sah rief diese hervor, obenein aber war Herzer

ein seiner Grundsätze wegen Verfolgter und diese Grundsätze theilte

Mertens aus voller Seele. Seine Augen glänzten in Hingebung und Treue.

Arm und ohnmächtig wie er war, hätte er doch gern irgend etwas thun

mögen, um zu zeigen, wie mächtig das Band der Zuneigung sei, daß ihn an

diese verfolgte Familie fessele.

Mit Eifer nahm er den Augenblick wahr, als Herzer seinen Rock beim

Ausziehen nicht gleich auf die Schulter ziehen konnte, um ihm zu helfen,

und während er diese Arbeit verrichtete, konnte er nicht umhin, seine

Trostworte zu wiederholen. Es ist alleweil eine Schande, sagte er, wie

es hergeht. Die es redlich meinen mit ihren Mitmenschen, werden gehetzt,

wie wilde Thiere, aber man muß sich nicht unterkriegen lassen. Von mir

sollen sie nichts erfahren und darum mögen sie ruhig sein, Herr Herzer.

Wenn's auch so kommt wie ich denke, es wird nichts daraus, niemals

nichts daraus!

Herzer drückte ihm die Hand, aber er erwiderte kein Wort, Clara jedoch

sah ihn so dankbar und gütig an, daß er ihnen langsam nachfolgte, und

als er endlich beide in das Haus des Geheimraths treten sah, blieb er

unten stehen und sah langsam hinauf zu den hell erleuchteten Fenstern,

während seine Unruhe mit jeder Minute wuchs.

Der Glanz der Kron- und Armleuchter überstrahlte feenhaft die prächtige

Wohnung, in welcher jedoch jetzt nur die Familie im engen Kreise

beisammen war. Der große Saal war leer, eben waren die letzten der

neunzig Kinder auserwählter Mitglieder des Vereins gegangen, denen hier

der Weihnachten aufgebaut worden war. Der Bediente mit der rothen Nase

hatte den großen Christbaum in das Familienzimmer getragen und neue

Lichter aufgesteckt; jetzt räumte er im Saale mit einigen Mädchen die

Tafeln ab und reinigte den Fußboden von Nußschalen, zerbröckelten

Kuchen- und Apfelstücken.

Es ist doch eine Schande, was solch Volk für Schmutz macht, sagte er

ärgerlich.

Und Keiner hat für Herrn Friedrich nicht einmal ein

Zweigroschenstückchen nicht, lachte eines der Mädchen.

Zweigroschenstückchen, grinste Friedrich ingrimmig; als ob wir nicht

Alles aus christlicher Liebe thäten.

Ach was, christliche Liebe! rief eine Andere. Das ist eine Marotte von

den Herrschaften jetzunder, damit wollen sie sich was zeigen und wir

haben die Arbeit davon. Die halbe Nacht habe ich Aepfel abwischen

müssen, damit die ja recht blank aussähen, ehe sie die Bälger vertilgen.

Louise, sagte der Bediente mit der rothen Nase feierlich, Sie sprechen

wie eine Gans über die großen Angelegenheiten der Menschheit. Wir haben

das Alles überlegt und wissen, was wir uns dabei denken, wenn es auch

einige Mühe macht.

Na, meinte Louise trotzig, der Herr Geheimrath hat vorhin selbst gesagt,

den Skandal wolle er hier nicht wieder haben und die Geheimräthin wird

sich im Stillen auch davor bedanken.

Das wird auf die Umstände ankommen, erwiderte Friedrich bedächtig, und

gehört ins Gebiet der Pulletük, was wir im Verein erst näher überlegen

müssen. Wenn wir bald Hochzeit haben und unser Schwiegersohn sich so

macht, wie wir denken, so können wir freilich etwas anders auftreten.

Herr Je! das wird eine Hochzeit werden, rief Louise dazwischen. Was ist

denn morgen los?

Morgen essen wir bei Ministers, erwiderte Friedrich im Gefühl seiner

Würde, und übermorgen giebt Gravenstein das erste Souper in seiner

neueingerichteten Wohnung. Nächstens aber werden wir etwas erleben,

meine Damen, worüber Sie sich Alle außerordentlich wundern werden.

Was werden wir denn erleben, theuerster Herr Friedrich? rief die Jungfer

lachend. Etwa das erste Aufgebot? Als ob wir das nicht schon längst

wüßten?

Friedrich blinzelte mit den Augen und nickte dazu. Sie wissen es also

schon, sagte er verwundert. Gleich nach Neujahr geht es los. Es kommt

eine frohe Zeit für uns, meine Damen. Der Stern des Morgenlandes ist uns

in Pommern aufgegangen. Knickrig ist er nicht, ich habe das

verschiedentlich zu bemerken Gelegenheit gehabt; also aufgepaßt,

Fräuleins, es wird vielleicht mehr setzen als heute. -- Die Zeiten sind

schlecht, man muß überall Ersparnisse machen, sagte die Frau

Geheimräthin zu mir.

Na, damit soll sie uns nicht kommen, riefen die Mädchen im Chore. Wenn

sie sparen will, braucht sie nicht alle die Bettelei sich auf den Hals

zu laden. Großthun mit den vielen Wohlthaten und: lasset die Kindlein zu

mir kommen, worüber der verrückte Professor heut Abend wieder eine lange

unvernünftige Rede gehalten hat, ja, das möchten sie wohl; aber die

Leute scheeren und ihnen ein paar Thaler abzwacken -- nicht wahr? Nein!

schrieen sie einmüthig erhitzt, wenn es so geht, so sagen wir auf, und

machen, daß wir fortkommen. Seit sie hier patriotisch und fromm geworden

sind, ist so nichts mehr anzufangen.

Meine Damen, sagte Friedrich sehr belustigt, und den Finger an die Nase

legend, Sie verstehen zwar nichts von den großen Ideen der Menschheit

und der Pulletük, aber wenn Sie etwas pullitüsch nachdenken, so werden

Sie doch ihre grausamen Vorsätze uns zu verlassen aufgeben, indem Sie

sich an die Hochzeits-Geschenke erinnern.

In diesem Augenblick dröhnte durch die Flügelthüren aus dem

Familienzimmer ein lautes und anhaltendes lebhaftes Sprechen und der

Lärm froher Geselligkeit herüber.

Da geht es los! rief der Bediente, die Bescheerung geht los. Nun kommen

wir auch bald an die Reihe! schrieen die Mädchen.

Die gesammte Dienerschaft drängte sich um das Schlüsselloch. Was das

Fräulein nur bekommen wird, flüsterten sie sich zu. -- Sie ist so

neugierig, sie konnte die Zeit nicht erwarten. -- Ach, er ist gefährlich

reich, er wird ihr schon aufbauen. -- Schade, daß man hier gar nichts

sehen und hören kann.

Während sie sich vergebens bemühten, einzelne Worte und Ausrufungen zu

erhaschen, endlich aber von der eintretenden Wirthschaftsmamsell verjagt

wurden, hatte wirklich die Scene des gegenseitigen Beschenkens in der

Familie stattgefunden.

Alfred von Gravenstein war der Einzige in dem kleinen Kreise, der eine

ärgerliche Falte auf der Stirn nicht ganz überwinden konnte, wie viele

Mühe er sich auch damit gab. Er hatte gehofft, mit Elisen und ihren

Eltern allein zu sein, aber die Geheimräthin hatte entweder den

Professor festgehalten, als die Kinderbeschenkung im Saale vorüber war,

oder der Professor hatte sich an die Geheimräthin festgekettet, kurz er

erschien auf die Spitzen tretend und in rosenrother Verklärung aufs

süßeste grinsend an ihrer Seite in dem Familienzimmer, wo er sogleich

wieder die Ehre hatte zu bemerken, daß er eigentlich eingeladen worden

sei, bei seinem Freunde, dem Grafen Buchwald den Abend zu verleben, aber

nicht widerstehen könne hier zu bleiben, wo er sich so gern festhalten

lasse. Ich habe so viele Einladungen, rief er auf einige eingehende

Worte der Geheimräthin, indem er nachdenklich die Augen nach oben

richtete, so viele Einladungen, der Kopf schwindelt mir. Mein Gott!

theilen kann man sich doch nicht; es ist doch nicht möglich, an sechs

Orten zugleich zu sein. Ich möchte es gern; möchte wahrhaftig herzlich

gern alle meine Freunde befriedigen, aber es geht doch nicht an. Es soll

keine Beleidigung, keine Zurücksetzung sein, es geht aber durchaus nicht

an.

Der Professor hatte trotz jener Täuschung, die er in demselben Zimmer

erlebte, seine freundschaftliche Stellung zu Fräulein Elisen nicht im

Geringsten geändert. Kein einziges Merkmal der Empfindlichkeit oder der

Verlegenheit konnte ihm vorgeworfen werden. Von seinem höheren

Standpunkte aus empfand er nur für diejenigen Wesen ein gewisses Etwas,

welche durch ein bewunderndes Anstaunen seiner geistigen Erhabenheit

seine Aufmerksamkeit verdienten. Dabei war es ihm im Grunde einerlei, ob

er von Elisen oder Gusten angebetet wurde; allein sobald er merkte, daß

er sich geirrt habe, bedauerte er nicht sich, sondern die

mißgeschaffenen, unglücklichen Geschöpfe, die es nicht weiter

verdienten, daß er ihnen zürne oder ihnen eine Aufregung zeige, weil sie

ihn nicht zu begreifen vermochten.

Wenn Alfred von der Gegenwart des Narren schon unangenehm berührt wurde,

so ward er es noch weit mehr, als der Geheimrath die Herren Zippelmann

und Stephani hereinführte. Der Assessor war höchst liebenswürdig,

ungezwungen und lachlustig. Er scherzte mit Elisen über den Christbaum

und die Geschenke, zog den Professor so vortrefflich auf, daß das

Fräulein und Herr Zippelmann nicht aus dem Lachen kamen, und hänselte

den alten Zippelmann so prächtig, daß der Professor nicht aufhörte, sich

die Hände zu reiben, an seiner Halsbinde zu ziehen, und unter einigen

unverständlichen Redensarten in der seligen Gewißheit umherzulaufen, daß

er selbst diesen Zippelmann jetzt eben mit dem köstlichsten Witz

tractire.

In dem Ecksalon wurden inzwischen die Thüren angelehnt, um Elisens

Geschenke aufzustellen, und während Alfred, der stumm und halb abgewandt

dem ganzen Possenspiel zuschaute, von der Geheimräthin zur Hülfe gerufen

wurde, nahm Stephani seinen Platz ein und führte am Fenster ein langes,

schnelles und leises Gespräch mit der erregten Braut, das bisweilen bis

zum tonlosen Geflüster sank, und dann wieder von einem schlecht

unterdrückten Lachen unterbrochen wurde.

Das haben Sie vortrefflich gemacht, sagte Stephani ihr endlich in's Ohr.

Es war das einfache und doch einzige Mittel, die Wechsel in unsere Hände

zu bringen. Herr von Gravenstein muß entzückt sein, wenn er Ihre List

erfährt.

Ich besorge, erwiderte Elise, daß er bei seiner eigenthümlichen Schwere

in einige Verwirrung darüber gerathen wird.

Sie meinen, flüsterte der junge Herr lächelnd, er könnte es wagen,

diesen schönen Beweis einer Hingebung ohne Gleichen mißzuverstehen, die

mich zur Bewunderung fortreißt.

Ich muß wenigstens darauf gefaßt sein, erwiderte sie leichtfertig.

Dann, ja dann! sagte er, indem er sein Auge bedeutsam auf sie heftete.

Nun, dann? fragte sie.

Dann verdient er das Glück nicht, das die Götter nur zu oft wunderlich

austheilen, war die Antwort. Das launenhafte Glück, welches schon die

Griechen so fein und sinnig auszudrücken wußten, wenn sie Venus mit dem

rohen, plumpen Vulkan vermählten.

Herr Assessor Stephani! rief Elise ein wenig lauter, drohend aber mit

einem schalkhaften Blicke und einem reizenden Lächeln.

Er führte die schmale Hand an seine Lippen und fuhr dann leise fort.

Ach! Vulkan war wenigstens ein höchst nachsichtiger Eheherr; wenn aber

dieser, wie ich leider glauben muß, schuldbeladene Freier oder Freiherr

von Gravenstein Ihnen mit Prätensionen entgegen treten wollte, so mag er

sich hüten. Denn sind nicht in Ihrer Hand alle Mittel, um ihn erröthen

und verstummen zu machen?

Ei gewiß! erwiderte sie lebhaft. Die Mittel besitze ich.

Und eigentlich verdient dieser klägliche Sünder Ihre Verzeihung nicht,

sagte Stephani. Wie gütig sind Sie, wie sanft schlägt dies schöne Herz!

Welche edle Selbstüberwindung gehört dazu, einem Bräutigam zu vergeben,

für welchen eine so unbedeutende Erscheinung noch Anziehungskraft

besitzen konnte.

Elisens Augen glänzten unwillig, ihr Gesicht röthete sich. Stephani

hatte den rechten Ton getroffen. Ich weiß nicht, sagte sie, was Sie

meinen können, aber, wie es scheint, bin ich schon bis zu Ihrem Bedauern

herab gesunken.

Nein, bis zu meiner innigsten, aufrichtigsten, mein ganzes Herz

erfüllenden Theilnahme, flüsterte er, ihre zitternde Hand leise

drückend.

Jetzt öffnete die Geheimräthin die Thür des Ecksalons, aus welchem der

große Christbaum leuchtete. Geschwind, Elise, rief sie mit frohem Tone,

und Sie Alle, meine lieben Freunde, treten Sie ein, treten Sie Alle ein!

Wir wollen nicht die Herrlichkeiten des stattlichen Aufbaues

beschreiben, aber es war für alle Theilnehmer etwas vorhanden. Der

Professor ergötzte sich mit einem eleganten Lesepulte und sah ungemein

feierlich und erhaben aus, indem er betheuerte, täglich seine Studien

daran machen zu wollen. Obwohl schon jetzt wenige Mathematiker sich mit

ihm zu messen vermöchten, würde nun unfehlbar keiner mehr, wenigstens

unter bekannten Nationen, vorhanden sein, der den Vergleich aushalten

könnte. Herr Zippelmann betrachtete seinerseits gerührt einen feinen

Wollenshawl und bunte Morgenschuhe, die er mit einem innigen Lächeln

streichelte und befühlte. Hehe! rief er, ich weiß gar nicht, was ich

sagen soll, aber damit hält man die deutsche Einheit allenfalls aus. So

ein Shawlchen drei Mal um den Hals geschlungen und die Füße warm und ein

neuer Schlafrock -- hehe, liebster Geheimrath, da lassen wir sie kommen,

da warten wir sie geduldig ab bis an unser seliges Ende.

Weihnachtsabend · 第 13 / 15 段