hervorbrechender zärtlicher Dankbarkeit, und der schwarze Hut dazu und
hier ein Umschlagetuch, ein weißes gewirktes. -- Mein Gott! es ist ja
Wolle, kein Faden Baumwolle, die reine Wolle und ganz groß mit Palmen.
-- Anton! Du bist um den Verstand gekommen, reinweg um den Verstand, und
woher hast Du das Geld -- das schwere Geld Anton?!
Alleweil sei nur stille, rief er herzlich lachend, mein Verstand sitzt
noch fest da oben, nämlich so viel ich davon bekommen habe; aber den
Tuch da hatte Herr Felix in seiner Manteltasche und als er heut fort
ging, gab er es mir draußen, und sagte, ich sollte es Dir aufbauen heut
Abend, und dann gab er mir noch ein kleines Papier, das käme von seiner
Schwester, das sollte ich darauf legen. Ich wollt's nicht nehmen, Guste,
Sakerment! ich wollte absolut nicht; aber er sah mich mit seinen großen,
guten Augen an und sagte: Hören Sie, Mertens, wenn ich mehr hätte, würde
es mehr sein, aber weil's eine Gabe ist von Freunden, die eben auch
nicht zu den glücklich Situirten gehören, darum müssen Sie es nehmen als
eine Liebesgabe, und wäre ich an Ihrer Stelle, ich würde mich nicht
weigern. Weil er das sagte, habe ich es genommen, und in dem Papier war
ein Friedrichsd'or eingewickelt. Da habe ich denn noch etwas zugelegt
und das Kleid gekauft, denn ich wußte wohl, Du hättest es alleweil
nimmermehr gethan, sondern hättest ihn auf die hohe Kante gestellt.
Sollst aber absolut auch eine Freude haben in der Welt für alle Deine
Qual und Sorge, liebe Guste.
Ach, Du guter Anton! Du guter Anton! rief Guste, so gerührt über seine
Güte, daß die Thränen ihr in die Augen traten, und ich habe nichts für
Dich, als da ein Seidentuch, das ich heimlich gesäumt habe, wie Du
schliefst, und endlich noch die kleine Bürste hier, damit Du Deine Haare
in Ordnung hältst und wie ein anständiger Mensch aussiehst. -- Aber
Unrecht ist es doch immer von Dir Anton, sehr Unrecht ist es.
Während sie ihre Schätze und Herrlichkeiten hervorbrachte, jubelte Anton
beglückt mit dem Kinde umher, voll Dankbarkeit und Seligkeit.
Was bist Du gut zu mir, liebste Guste, rief er. Ach Sakerment! komm mir
Einer und zucke die Achseln. Da hab' ich meine Frau, die ist eine treue
Seele, wie es so leicht keine giebt auf Erden. Da hab' ich mein Kind,
das ist ein so feines Bübchen, wie es mancher Graf oder Prinz nicht
aufweisen kann, und gäbe alle sein Gold dafür, wenn er's hätte. Laß es
gehen, liebstes Gustel, laß es gehen, wie's Gott gefällt, wir wollen
schon fest auf den Beinen sein, wie der verdammte Professor sagt. Ich
lief vorhin durch die Straßen nach dem Weihnachtsmarkt und kaufte ein
für das liebe Kind, Stück für Stück einen ganzen Groschen. Der liebe
alte Weihnachtsmarkt! Die feinen Herrschaften wollen nichts mehr von ihm
wissen, die laufen in die glänzenden Läden mit himmelhohen
Spiegelscheiben und Glassonnen; denn Seide, Sammet und Pelz passen nicht
zu der Nässe und Kälte in den offenen Buden. Aber das Volk, das arme
Volk, das hat den alten Weihnachtsmarkt lieb, wie einen kranken
heruntergekommenen Freund, mit dem es seinen letzten Groschen theilt.
Puh! was brannten da in den Straßen schon die Kronen und Christbäume und
Pyramiden. Bei Geheimraths sah ich hinauf, da glänzte es herunter wie
ein Palast; da werden die Tische brechen von Geschenken und doch möcht'
ich nicht dabei sein, Guste; und doch möcht' ich nichts von denen
geschenkt nehmen. Und was ich sagen wollte alleweil, liebste Guste: es
frägt sich noch, wer glücklicher ist, die da drüben oder wir? Es frägt
sich noch, ob ich mit ihnen tauschen möchte?!
Die junge Frau lachte laut auf, aber Anton schlug sich funkelnden Auges
mit der Hand auf die Brust, und wenn in diesem Augenblicke ein König
gekommen wäre und hätte ihm seine Krone aufsetzen wollen, er hätte sie
ohne Besinnen abgerissen und aus dem kleinen Kellerfenster auf die
Straße geworfen.
Aus seiner begeisterten Glücksstimmung wurde er erst von der Klingel im
Laden aufgeweckt und mit einem raschen Umschwunge in die übelste Laune
versetzt, als er auf den ersten Blick den Professor erkannte, der ganz
bedächtig die Thür zumachte und seinen Mantel dann wieder malerisch über
die Schulter warf.
Ich möchte ihn gar nicht herein lassen, rief er grimmig auf den Tisch
schlagend mit unterdrückter Stimme.
Pst! Anton, flüsterte die Frau, denk an den Geheimrath, und wenn Du ein
richtiger Mann bist, wirst Du Einsehen haben von wegen, weil wir eben
nicht anders können.
Inzwischen hatte der Professor langsam den Raum durchschritten und stand
mitten auf der Schwelle. Die warme Luft des Wohnzimmers beschlug die
Gläser seiner Brille, welche er jedoch deswegen nicht abnahm, sondern
blos auf die Spitze seiner Nase rückte, welche heut noch mehr wie sonst
dunkel röthlich schimmerte. In dieser Stellung blieb Viereck einige
Augenblicke. Dann aber wich der Ernst in seinem Gesichte dem
freundlichen Grinsen, mit welchem er häufig abzuwechseln pflegte. Er
nickte dem Ehepaare zu, grüßte mit einer Handbewegung und sagte lebhaft:
Das ist meine wahrhaft innige, herzliche Freude, eben jetzt hierher zu
kommen, wo der Christbaum brennt, und den Jubel mit anzusehen, den ich
vermehren will durch allerlei frohe Nachrichten. Es ist ein Freudentag,
lieber Mertens, ein wahrer Glücks- und Wonnetag, ich hoffe, Sie werden
zufrieden sein. Habe ich nicht Recht, sind Sie nicht zufrieden? Haha!
Sie sind zufrieden. Ich sehe es Ihnen an, Sie sind sehr zufrieden.
Ja wohl, Herr, ich bin so recht aus dem Grunde zufrieden, erwiderte
Anton. Da sehen Sie einmal, was die Guste mir aufgebaut hat, und hier
ist mein Junge, der jauchzt und zappelt vor Lust.
Und was ich Alles bekommen habe! fiel die junge Frau ein. Wir müssen uns
auch nochmals bei Ihnen schön bedanken, guter Herr Professor.
Liebliche Natur! rief Viereck, seine Arme ausbreitend und wonniglich um
sich blickend. Wahrheit, Einfachheit und Stille wohnen noch immer in der
Hütte. Ihr guten Menschen, fuhr er mit einem Seufzer fort, ihr wißt
nicht, was man auf der Höhe des Lebens leidet. Ihr wißt nicht, was es
heißt, denken und an Gedankenschmerz leiden. Ist es nicht so, Mertens,
was sagen Sie?
Ich sage, erwiderte Anton, daß ich den Hunger für den größten Schmerz
halte, Herr. Wenn man so Weib und Kind hat und sieht in ihre blassen
Gesichter, und wenn sie die Hände ausstrecken nach Brod, und wenn sich
ihre Augen bittend auf den Vater richten, der nicht weiß woher er's
nehmen soll. Ah, Sakerment! wir wollen heut nicht daran denken, rief er,
in seinem schwarzen Haar wühlend, aber es wird mir ganz weh, wenn ich
mir vorstelle, daß auch heut, wo es so viele glückliche Menschen giebt,
noch mehr unglückliche vorhanden sind, die im dunklen Kämmerchen oder in
Ketten und Banden sitzen oder umherirren ohne Dach und Decke, und kein
Stück Brod haben. Guter Gott! ist das ein Weihnachten.
Sie denken materiell subjektiv, Mertens, erwiderte der Professor
lächelnd, weil Sie die Höhe des Gedankens nicht begreifen. Aber das ist
nichts. Sie sind sehr glücklich! Das ist gar nichts gegen den
tiefliegenden objektiven Gedankenschmerz großer und unglücklicher
Seelen. Ich machte heut einen Spaziergang mit meinem Freunde dem Baron
Leichtwitz, darum bin ich so spät gekommen, denn eigentlich war es meine
Absicht, Sie schon Nachmittag aufzusuchen. Baron Leichtwitz ist reich,
außerordentlich reich, dabei jung, er hat Alles was ein Mensch wünschen
kann um glücklich zu sein, aber er ist sehr unglücklich. Leichtwitz,
sagte ich zu ihm, bei Gott! Leichtwitz, richten Sie sich auf, ich bin
Ihr Freund, ich stehe fest. Diese Welt hat Mängel, aber ein Mann, der
sich fühlt und kennt, weiß was er soll.
Mein lieber Herr Professor, sagte er den Kopf schüttelnd, ich sehe
nichts als Gräuel und Untergang, Barbarei und Verwilderung. Es ist
nichts mehr zu hoffen, die Gesellschaft geht ihrem Verderben entgegen.
Die Menschen sehen mich an wie reißende Thiere; ich bin so herunter, daß
mir nichts mehr schmeckt, ich kann das Zarteste nicht mehr vertragen.
Glauben Sie mir, mein lieber Herr Professor, das ganze Band der
menschlichen Organisation ist zerrissen. Ich schaudre Tag und Nacht.
Ueberall Gestalten, überall wilde fürchterliche Gesichter, Bärte, Nasen,
Beile! -- Es schmeckt mir nichts mehr, ich trinke Alles ohne Geschmack.
-- Sehen Sie, Mertens, das ist der Gedankenschmerz einer schönen Seele.
Na, sagte Anton, die schöne Seele wollt' ich wohl kuriren.
Sie, kuriren! rief Viereck mitleidig, wo ich umsonst kurire!
Tüchtig arbeiten, lachte der Schuhmacher, und etwas hungern, das würde
ihm schon auf die Beine helfen. -- Es giebt viele Solche, die blos
arbeiten müßten, so würden sie vernünftige Menschen werden.
Schweigen Sie von solchen gefährlichen Kriterien, rief der Professor,
ihn streng betrachtend, die offenbare Reminiscenzen der Lehren Ihrer
anarchischen Verderber sind. Die Algebra des Lebens rechnet mit
unbekannten Größen. A ist nicht immer gleich A, es kann A auch gleich B
oder C sein. Ungleiches aber wird nie aufgelöst in Gleiches; die Wurzeln
bleiben, was sie sind; Primzahlen sind Primzahlen, und das X, was
gesucht wird, ja, das ist die Lösung einer unendlichen Reihe. Verstehen
Sie mich?
Nicht eine Sylbe, sagte Anton ihn anstierend.
Ich glaube es! rief der Professor stolz lächelnd und äußerst befriedigt.
Wenige fassen mich, noch Wenigere begreifen mich, die Wenigsten
verstehen mich. Mit diesem Klimax setzte er seinen Hut auf und sagte
gelassen: Ziehen Sie sich an, Mertens, und folgen Sie mir.
Folgen? fragte Anton verwundert, wie so folgen? Warum denn folgen?
Zu Ihrem Glück, sagte der Professor mit Würde. Zu dem Herrn Geheimrath.
Geheimrath! Ich zum Geheimrath? murmelte der Schuhmacher erschrocken
zurückweichend.
Mein lieber, theurer Freund, so sagte Wilkau zu mir, fuhr Viereck fort,
bringen Sie mir den Mertens, ich will ihn selbst sprechen.
Ach, mein Gott! seufzte Guste, da haben wir's!
Gut, lieber Wilkau, sagte ich, ich werde Mertens bringen, und wenn er
sich benimmt wie ein Mann von Ehre, wie ein Patriot, der Wahrheit und
Recht achtet?
Dann soll er sehen, daß ich ihn zu belohnen weiß, erwiderte mein edler
Wilkau. Er soll reich beschenkt werden.
Ich danke! ich danke! rief Anton dazwischen. Ich bin so reich beschenkt,
daß ich nichts mehr gebrauche.
Von den zweihundert Thalern, die er mir schuldet, soll nicht weiter die
Rede sein, ich will sie ihm schenken! Sagen Sie ihm das im Voraus, mein
lieber Herr Professor Viereck. Sie wissen, wie man die Herzen rührt; Sie
sehen in die geheimen Falten der Seelen -- so sprach mein Freund Wilkau.
Was geht denn vor? fragte Anton, indem er scheu zu seiner Frau hinüber
blickte. Schenken -- zweihundert Thaler -- was will er denn von mir?
Stehen Sie fest, Mertens! sagte der Professor, energisch sich an seiner
Binde in die Höhe ziehend; fest, wie es sich in schwierigen Augenblicken
für den deutschen Mann ziemt. Man will nichts von Ihnen, als Ihr
redliches, wahrhaftes Zeugniß zur Entlarvung der Bosheit und des
Verbrechens. Sie wollen doch? Wie? Sie sind doch bereit für die gute
Sache Ihr Leben zu lassen?
Allemal, Herr! allemal! erwiderte Anton, dem das Blut ins Gesicht stieg.
Sagen Sie rasch was ich thun soll.
Der Professor näherte sich ihm, legte die Hand auf seine Schulter und
sah ihm stier ins Gesicht. Es ist ein großer Augenblick, sagte er, wo
das Vaterland volle Hingebung von Ihnen verlangt. Sie wissen, daß der
junge Herzer und seine Schwester Greuelthaten verübt haben gegen die
Diener der Obrigkeit. Sie haben genaue Kenntniß von diesen Vorgängen,
man fordert von Ihnen ein offenes Bekenntniß.
Von mir? rief Anton lachend, ich weiß nichts! Nicht ein Wort weiß ich.
Ist es nicht wahr, wir wissen alle Beide nichts?!
Gott soll uns behüten, mit der Polizei wollen wir nichts zu schaffen
haben, fiel die Frau ärgerlich ein. Alles muß sein Ende erreichen, und
alles was Recht ist, Herr Professor, aber -- Ihr Benehmen ist anstößig.
Sie sind immer naiv! sagte der Professor lächelnd. Ich liebe die
Naturwahrheit, aber ziehen Sie sich an, Mertens, wir wollen es weiter
überlegen.
Alleweil, erwiderte Anton mit vieler Bedächtigkeit, wird nichts daraus.
Sie wollen nicht? fragte Viereck ganz erstaunt. Sie wollen nicht, wenn
ich Sie darum ersuche?!
Diesmal haben Sie es getroffen, antwortete der Schuhmacher. Nein, ich
will nicht. Sakerment! daß ich nicht wild werde. Seh' ich aus wie Einer,
der seinen Mitmenschen verrathen könnte? Nicht um ein Faß voll Gold,
nicht um ein Königreich -- nicht -- nicht! -- und, Herr Professor,
alleweil möcht' ich allein sein. Verstehen Sie wohl, ich möchte allein
sein!
Und ich desgleichen, schrie Guste, den Arm in die Seite stemmend,
besonders wenn Anton nicht zu Haus ist. Meine Natur kann dergleichen
nicht vertragen; ich denke, Sie wissen nun, woran Sie sind.
Seid Ihr denn toll! rief der Professor, nachdem er sich von seinem
Erstaunen erholt hatte. Ihr widersetzt Euch! Ihr wollt den Bösewicht
schützen, aber es ist aus mit ihm. Die Wechsel sind entdeckt, er ist
verloren! -- Wollen Sie mir jetzt folgen oder nicht?
Nicht folgen, nicht einen Schritt folgen! sagte Anton unerschütterlich;
aber das Christbäumchen brennt noch immer hell genug, um Ihnen zu
zeigen, wo die Thür ist.
Da ist sie, Herr, groß und breit, und alleweil guten Abend oder gute
Nacht.
Der Professor wickelte sich in seinen Mantel und wendete sich stolz um.
Mit einem Lächeln des Mitleids blickte er von der Thür zurück. Sie
verstehen mich nicht, sagte er; wie könnten Sie es auch?! Aber Ihr
werdet es empfinden. Meine Hand ziehe ich ab von Euch.
Ist er fort? fragte Anton in großer Aufregung, als er die Klingel
draußen hörte. Jetzt nimm das Kind und die Stiefeln her, Guste. Ich muß
fort, ich muß hin zu ihm. Es ist etwas im Werke. Was sagte er? Er ist
verloren, sagte er?
Die Wechsel sind entdeckt, sagte Guste, indem sie ihm half. Lauf, Anton,
lauf; er machte ein Paar schreckliche Augen dazu.
Mertens riß den Hut vom Schranke weg und eilte davon.
Auch in dem Hause des Fabrikanten brannte in einem großen Saale des
Fabrikhauses ein Christbaum mit zahlreichen Lichtern. Eine lange Tafel
war stattlich aufgeputzt und mancherlei nützliche und schöne Geschenke
lagen neben den Schüsseln mit Aepfeln, Nüssen und den gewöhnlichen
Weihnachtsgaben. Jeder der Arbeiter hatte seinen Theil bekommen und voll
dankbarer Freude drückten sie dem guten Herrn die Hände, der sammt Sohn
und Tochter unter ihnen war, und freudiger gestimmt schien, als sie ihn
seit längerer Zeit gesehen hatten. Die Verheiratheten hatten Frauen und
Kinder mitgebracht, welche in ihrer Glückseligkeit schreiend, blasend
und pfeifend umher zogen, und mitten unter dem Kinderschwarm ging Clara
auf und ab, um die Freude durch ihre Liebkosungen zu vermehren.
Endlich aber wurde der Saal leer, nachdem zum letztenmale auf das Wohl
des Herrn Herzer und seiner ganzen Familie getrunken war. Die drei
Personen, aus welchen diese bestand, blieben allein an dem leeren
Tische; der große Baum schickte sein strahlendes Licht aus, aber Niemand
antwortete darauf, als ein tiefer Seufzer, der aus der Brust des alten
Mannes kam.
Nein Vater, sagte Felix, ihm die Hände reichend, das laß ich heut nicht
gelten. Alles war, wie es sein sollte, und nach der großen Freude, die
auch in Dir das trübe Buch der Vergangenheit zumachte, darf wenigstens
heute kein Rückfall eintreten.
Es war, wie es sein sollte, sagte Herzer melancholisch lächelnd. Ja, wir
haben gethan, was wir immer thaten; denn auch in solchen Zeiten und in
unserem Stande, sorgt der einfache Bürger so lange er es irgend vermag
dafür, daß diejenigen nicht den Druck und die Noth merken, welche für
ihn arbeiten und zu ihm gehören. Das ist, fuhr er mit einem Gefühl des
Stolzes fort, eine schöne, alte und gerechte Sitte und ein wohl zu
merkender Unterschied zwischen uns und vielen vornehmen Leuten, die sich
selbst nichts entziehen mögen, aber es Andern knapp zumessen. O! sie
werden auch darum wieder Steine auf mich werfen, wenn sie hören, daß ich
in gewohnter Weise meine Arbeiter beschenkte.
Ich glaube nicht, daß das Dich so tief betrüben kann, fiel Felix ein.
Nein, sagte Herzer, es ist der Menschen Art so. Was mich betrübte, war
die Erinnerung an Vergangenheit und Zukunft. Vor zwei Jahren war dieser
Saal kaum groß genug, um die Zahl der freudigen, glücklichen Menschen zu
fassen, die mit Liebe und Dankbarkeit mich umringten. Im vergangenen
Jahr war der Kreis wohl kleiner geworden, aber wir waren hoffend und
muthig; heut ist nur Eine Tafel gedeckt worden, Ein Baum brennt nur
noch, und wie nun Alles leer und öde um mich wurde, dachte ich mit
Kummer an das nächste Jahr. Wer wird dann die Lichter hier anzünden, wer
wird dann um mich sein, Felix? Vielleicht, sagte er mit hohler Stimme,
seine Hand über die Stirn deckend, stehe ich dann ganz einsam hier vor
dem stillen Tische und Niemand giebt mir Antwort; Niemand der mich
liebt, den ich liebe.
Gewiß nicht, Vater, erwiderte der Sohn tröstend, ich denke, es soll
fröhlicher dann hergehen; aber wo liegt denn überhaupt der Grund zu
solchen trüben Gedanken? Ich habe heut glücklich das Geld
herbeigeschafft, um Gravenstein zu befriedigen. Zu jeder Stunde kann er
es haben. Unsere Aussichten können sich beruhigend auf die Zukunft
richten, denn wir besitzen begründete Hoffnungen, daß unser Unternehmen
gut ausfallen wird; auch wissen wir ja am besten selbst, daß es nicht so
übel mit uns steht, wie Feinde und Verläumder es gern sähen. Endlich
aber, mein Vater, hast Du ja Deine beiden Kinder, die in Liebe bei Dir
sind und immer sein werden, mag auch Alles Dich verlassen und alle
Hoffnungen als Täuschungen zusammenbrechen.
Herzer antwortete nicht, aber er zuckte jäh zusammen, als zwei weiche
Arme sich um seinen Nacken legten und seine Tochter, die leise
herbeigetreten war, mit klaren, glänzenden Blicken ihm ins Auge schaute.
Muth! mein geliebter Vater, Muth! rief sie ihm zu, wir werden uns nicht
schrecken lassen; wir werden aushalten mit Dir und endlich wird Alles
gut werden, was böse war. Endlich wird das Glück wiederkehren und mit
seinem Frieden auch unsere Wunden heilen.
Ein langer Blick des Vaters, der aus anfänglicher Strenge in Rührung und
heftige Bewegung überging, war die Antwort. Er küßte Clara auf die Stirn
und lächelte ihr zu. Mein Clärchen, sagte er, Dein Glück und der Frieden
Deiner Zukunft sind es ja, mit denen sich meine Gedanken Tag und Nacht
beschäftigen. Alles will ich opfern, Alles, mein armes Kind, auch meine
letzten Freuden, um Dich zu sichern.
Komm, erwiderte sie zärtlich, ihm die Hand reichend und ihn fortziehend,
heute soll uns nichts mehr betrüben. Ich habe Dir auch etwas aufgebaut,
ganz wie sonst in der guten Zeit. Kommt Beide, fuhr sie fort, nach Felix
die andere Hand ausstreckend; unten erwartet uns das gedeckte Tischchen
und die hellen Lichter warten schon lange; laßt sie nicht vergebens
leuchten.
Mit frohen Mienen führte sie Vater und Bruder fort und lächelnd öffnete
sie die Thür des Wohnzimmers, in dessen Mitte zwischen Lampen und
Lichtern der Festtisch stand. Er war mit Blumen geschmückt und auf der
einen Seite vor dem Teller mit Konfekt, wie der Vater es liebte, lag ein
schön gesticktes Schlummerkissen, auf der andern Seite die funkelnde
Stahlbörse, welche Clara mit Mühe erst wenige Stunden vorher fertig
gemacht hatte.
Hier Felix, rief Clara, nimm den leeren Geldbeutel zum Christabend, aber
an jeder Masche haften meine Zaubersprüche, die ihn bald mit Gold füllen
werden. Und hier mein lieber theurer Vater, dies Kissen für Dich, um
Dein müdes Haupt zu stärken, wenn das Leben und die Menschen es schwer
gemacht haben. Jede Blume, mein geliebter Vater, soll Dir blühen; bei
jeder habe ich für Dich gebetet. Bei jedem grünen Blatte habe ich innig
gewünscht, daß es ein Oelblatt für Dich sein möge.
Herzer hielt die schöne, von kindlicher Liebe und Freude überglühte
Tochter in seinen Armen, und drückte Küsse auf ihre Lippen, während er
sie still betrachtete. Endlich wurden seine Augen naß, und seine Stimme
zitterte, als er mit gewaltsamer Fassung sagte: Ich danke Dir, mein
Clärchen! Gottes reichster Segen über Dich. Deines alten Vaters Segen
soll mit Dir ziehen über Land und Meer, und wenn ich recht müde und
sehnsuchtsvoll bin, will ich mein Haupt auf dies Kissen legen,
vielleicht daß Du dann in meinen Träumen kommst und Deine lieben Hände
mich so fest halten, wie jetzt, wo ich Dich noch habe, und mich wachend
daran freuen kann.
Was denkst Du? Was meinst Du? fragte Clara, indem ihre Stimme langsam
auszulöschen schien, und eine feurige Röthe ihr Gesicht bedeckte.
Mein Kind, erwiderte Herzer, und seine Sprache wurde stark und fest, ich
habe kein Geschenk für Dich, und doch bringe ich Dir Alles, was ich zu
geben habe. Du sollst Deinen Bruder begleiten -- Du sollst mich
verlassen, sagte er tief athmend.
O Gott! rief Clara erschüttert, indem sie den Kopf an ihres Vaters Herz
drückte.
Das kannst Du nicht! das darfst Du nicht! fiel Felix seine Schwester
umfassend ein. Es ist Winter, die Reise ist hart, und Du, Vater, Du
kannst es nicht ertragen, Du kannst sie nicht entbehren.
Ruhig, junger Mensch! sagte Herzer sich gefaßt aufrichtend, ich will es
so, denn es muß geschehen. Ja, es muß so sein! fuhr er fort und ein
bitteres Gefühl schien sich ihm aufzudrängen, während seine scharfen
großen Augen so durchdringend den Sohn betrachteten, daß dieser die
seinen schweigend niederschlug. Glaubst Du denn, rief der alte Mann ihm
zu, ich wüßte nicht, was ich thäte? Ach! ich weiß es nur allzu wohl. Ich
weiß, was es mich kostet, ich weiß, was ich tragen muß -- dennoch aber
wirst Du reisen und Clara wird Dich begleiten.
In diesem Augenblick wurde mit Heftigkeit die Glocke an der Hausthür
geläutet und von einem plötzlichen Schrecken ergriffen rief Herzer,
indem er die Hand seines Sohnes zusammenpreßte: Sollte es zu spät sein!
Bräche das Unglück doch über uns zusammen. Verbirg Dich! Flieh! oder
nein -- was es auch sein mag, es muß mich ja doch erreichen.
Erreichen, erwiderte Felix ruhig. Was soll Dich erreichen, Vater?
Wer ist es, wer? sagte der Fabrikant ohne darauf zu antworten, indem er
Clara losließ und auf die Stimmen hörte, welche draußen laut wurden. Er
that einige Schritte nach der Thür und blieb dann unentschlossen stehen,
bis er plötzlich rasch öffnete und Anton Mertens anstarrte, der athemlos
und erhitzt mit einer Dienerin redete, die ihm das Haus geöffnet hatte.
Ich muß ihn aber alleweil gleich sprechen, sagte der ehrliche Anton
athemlos, und es ist eine Sache, wo Sie gar nichts bestellen können,
Jungfer.
Wen müssen Sie sprechen? fragte Herzer dazwischen. Was wollen Sie?
Anton schwieg, bestürzt über den unerwarteten Einspruch. Er warf einen
scheuen Blick auf den alten Herrn, der ihn mit seinen großen düsteren
Augen streng forschend betrachtete. Wenn's erlaubt ist, stotterte er
hervor, so möchte ich wohl dem jungen Herrn ein paar Worte sagen.
Hier herein, gab Herzer zur Antwort, indem er einen Schritt zurücktrat
und dem Schuhmacher winkte, der diesem Befehle, welcher mit größter
Bestimmtheit gegeben wurde, nicht widerstehen konnte.
Hier ist mein Sohn, fuhr der Fabrikant fort, sich zu seinen Kindern
umwendend. -- Felix hatte sich Clara genähert, er sprach leise mit ihr
und schien bemüht, sie zu beruhigen; jetzt aber, als er Antons Stimme
hörte, ließ er sie los und rief erstaunt: So wahr ich lebe, da ist unser
Freund Mertens. Was ist geschehen? Hat der Professor wieder dumme
Streiche gemacht? Ist es deswegen, daß Sie zu mir kommen? Will er sich
durchaus nicht beruhigen? Was, zum Henker! soll ich noch einmal über den
lächerlichen Patron kommen und ihn in die Flucht schlagen?
Ei ja! ei ja! rief Anton bei jeder Frage, indem er heftig nickte, aber
immer mit einer gewissen Scheu das rothe faltige Gesicht des alten Herrn
betrachtete. Dann fuhr er mit der Hand durch sein schwarzes Haar und
sagte verlegen stockend: Wenn ich nur die Ehre haben könnte, auf ein
paar Minuten -- er winkte verstohlen nach der Thür und machte eine sehr
lebhafte Geberde, indem er mit seinem Finger rund um den Hals fuhr, die
Felix aber durchaus nicht verstand.
Was, schrie dieser lachend: der Professor will sich den Hals
abschneiden?
I, nein doch, nein doch! erwiderte Anton bestürzt.
Was will er denn? So reden Sie doch, Mertens.