In höchster Eile, sagte sie lachend. Man kauft dergleichen Arbeiten

jetzt angefangen, das heißt beinahe fertig, und hat nur wenig noch damit

zu thun.

Das ist sehr bequem, Elise.

Aber ist es zu verlangen, daß man Wochen lang sich plagt, wie in alter

Zeit, Papa, wo man durchaus den Geliebten eigenhändig bestricken,

besticken und umgarnen mußte? Jetzt thun das Andere für uns und der

Glaube macht selig.

Nimm Dich in Acht! rief der Geheimrath lächelnd und drohend.

Wovor, Papa.

Vor dem Bestricken und Umgarnen durch Andere.

Alfred? sagte sie spottend. O! das Netz ist fest.

Es giebt kein Netz, das nicht reißen könnte, fiel er ein.

Was willst Du denn? fragte sie aufmerksam. Warum hast Du mich zu Dir

befohlen?

Ich wollte Dich fragen, begann er nach einem kurzen Schweigen, ob es Dir

Recht wäre, wenn sich Deine Hochzeit beschleunigte.

Beschleunigte? wiederholte Elise, indem sie in seinen Augen zu lesen

schien.

Ja, beschleunigte, antwortete der Papa. Ich denke am Neujahrstage das

Aufgebot, dann rasch die übrigen Formalitäten abgethan und die Hochzeit

in drei Wochen.

Du willst mich ja förmlich über Hals und Kopf los werden, erwiderte sie

lächelnd. Es ist unmöglich, Papa, die Einrichtungen erfordern Zeit.

Es muß möglich sein, sagte er mit der entschiedensten Bestimmtheit.

Und Deine Gründe? fragte Elise, nachdem sie ihren Vater nachdenkend

betrachtet hatte; ich weiß, Du thust nichts ohne triftige Gründe.

Der Geheimrath neigte sich zu ihr und sagte mit leiserer Stimme: Dein

Glück bewegt mich dazu, ich will es vor allem Wanken schützen.

Was wankt? Wer wankt? rief sie ungläubig.

Höre mich an, Elise, sagte er. Liebst Du Alfred?

Das ist die sonderbarste Frage, Papa, die je an eine Braut gerichtet

werden kann, erwiderte sie spottend.

Du bist verständig, fuhr er fort; Dein Herz will ich nicht beschweren,

auch keinerlei Tadel oder Makel auf Alfred werfen.

Mein Gott! Papa! rief die Braut die Farbe wechselnd, sprichst Du denn im

Ernst?

Er nickte ihr langsam zu und sagte dann: Aengstige Dich nicht, Kind,

erschrick auch nicht, es ist nichts, gar nichts, als eine

Nichtswürdigkeit von Seiten der Familie, die uns schon so viel Verdruß

verursacht hat. Du weißt, Alfred ist bei Herzer gewesen, er hat dort

Clara gesehen; auf ihr Bitten hat er sein Recht aufgegeben und das haben

die Elenden sich gemerkt, die sanften, menschlichen Regungen Alfreds

benutzt und eine Intrigue angezettelt, an welcher Alfred durchaus

unschuldig ist und keinerlei Theil hat, die aber doch nicht ganz ohne

Eindruck bei ihm geblieben sein mag.

Es ist Rache, Papa, eine verächtliche Rache, bei der Felix hilft.

Rache und Eigennutz, sagte der Geheimrath; aber wir müssen ihre Plane

vereiteln und es giebt einen Weg dazu, der unfehlbar ist. Du mußt dabei

mitwirken, Elise.

Ich? rief das Fräulein, was soll ich thun?

Nichts als eine kleine List ausüben, erwiderte der Papa. Alfred wird

kommen, verschaffe Dir auf irgend eine Weise sein Taschenbuch. Du wirst

schon ein Mittel finden, ihr Weiber seid erfinderisch, wenn es

dergleichen gilt.

Aber wenn es Alfred merkt, sagte Elise bedenklich.

Du sollst das Taschenbuch nicht behalten, fiel Wilkau ein. Gott bewahre!

Nur ein Papier sollst Du rasch herausnehmen, oder ich will es

herausnehmen, ich selbst, womit Herzer ihn betrogen hat. Ich will ihm

den Betrug beweisen. Ist er dahin gebracht, so wird er uns unsere

liebevolle Sorgfalt vergeben und -- Herzer ist in meiner Gewalt,

flüsterte er mit dem Ausdruck des ingrimmigsten Hasses, es ist gar nicht

mehr daran zu denken, daß Alfred sich diesen Menschen jemals wieder

nähern könnte.

So hat er sich Ihnen also jetzt genähert? fragte das Fräulein erregt.

Aus Mitleid, Elise; aus einem edlen Gefühl für ein, wie er meint,

schuldloses, schönes Mädchen. Denn schön ist sie, und in ihren Augen

liegt etwas, was einen Mann bezaubern kann. Du willst also?

Ich will, ja wohl, ich will! rief Elise heftig. Laß mich nur machen,

doch sei bei der Hand. Wer klopft da? O Himmel, ich darf mich nicht

sehen lassen. Mit diesen Worten schlüpfte sie durch die Seitenthür in

demselben Augenblick, wo der Professor von der Korridorseite hereintrat

und eine tiefe Verbeugung machte.

Lieber Professor, sagte der Geheimrath eilig, ich denke wir sehen Sie

heut Abend bei uns. Nicht wahr, heut Abend? Oder wollen Sie mit meiner

Frau über den Aufbau der Weihnachtsbescheerung in Vereinssachen

sprechen? Oder was giebt es denn? Sie sehen über die Maßen erhitzt und

feierlich aus.

Ich habe eine Entdeckung gemacht! erwiderte Viereck, indem er seine

Halsbinde ungeheuer hoch zog und eine Anstrengung machte, als wollte er

seinen ganzen Körper daran in die Luft heben.

Quadratur des Zirkels, Perpetuum mobile, oder was ist es? fragte Wilkau.

Falsch! falsch! es ist ungeheuerlich! murmelte der Professor, seinen

Zeigefinger an die Nase legend.

Lieber, guter Viereck, rief Wilkau, es greift meine Nerven an, Sie in

dieser Kolumbuslaune zu erblicken.

Sagen Sie mir, fragte der Professor würdevoll näher tretend, haben Sie

keine Ahnung, wer an jenem Abende die verbrecherische Pistole vor ihrem

Hause abfeuerte?

Die Pistole? Ahnung? Nicht die geringste. Ist das Ihre Entdeckung?

Meine Entdeckung, sagte Viereck stolz, so ist es. Ich kenne die beiden

Vagabonden; er und sie oder sie und er, gleichmäßig schuldig, obwohl der

ganze Zusammenhang mir noch nicht ganz klar geworden ist.

Wie? rief Wilkau; er und sie oder sie und er?

Es ist wunderbar wie mein Scharfsinn das herausgebracht hat, fiel der

Professor ein, indem er staunend in den Spiegel sah. Wenigen würde es

geglückt sein, denn es gehört Menschenkenntniß dazu, Kaltblütigkeit,

Combinationsvermögen, ein tiefer Blick in die Natur.

Ich bitte Sie, Freund, schrie der Geheimrath, es ist nur möglich mit

Ihren Gaben, ich gebe es zu, aber nun sagen Sie mir schnell, wer es war?

Wer anders, versetzte der Professor, als der schändliche Bube, Felix

Herzer, und seine tugendhafte Schwester.

Der Geheimrath ließ die Hand, welche er auf des Professors Schulter

gelegt hatte, sinken und sah ihn starr an, dann lief ein

eigenthümliches, verklärtes Lächeln durch sein Gesicht. Er drückte den

Professor auf das Sopha, setzte sich zu ihm und sagte schmeichelnd:

Jetzt müssen Sie mir Alles erzählen, Ihre ganze Entdeckung bis auf's

Kleinste, dann wollen wir gemeinsam weiter berathen.

Alfred von Gravenstein trat etwa eine Stunde später in das

Familienzimmer und Elise flog ihm entgegen, legte ihre schmale Hand auf

seine Stirn und sagte mit der Miene eines Arztes: Das Fieber ist fort,

mein verehrter Herr, alle Hitze hat sich in das Herz zurückgezogen,

wohin sie gehört, aber ich finde noch einige Trockenheit, einige düstere

Schatten in den Augen. Wir müssen an wirksame Mittel denken, um Symptome

zu bewältigen, die wiederum zur Krankheit werden können, wenn wir nicht

zeitig vorbeugen. Ich verordne Ihnen daher heut am Weihnachtsmorgen drei

Küsse, am Abend aber werde ich sehen, wie weit wir die Dosis verstärken

können.

Alfreds Gesicht war in der That ernsthafter und selbst düsterer, als es

gewöhnlich war. Seine Augen sahen röthlich aus, wie von einer

schlaflosen Nacht und seine muskelkräftigen Züge hatten etwas

Verzerrtes, als sei er heftig aufgeregt oder erzürnt.

Nach und nach aber verlor sich diese Starrheit des Ausdrucks unter

Elisens Scherzen und Neckereien. Er lachte mit ihr und ließ sich

ausschelten, indem er die Medizin in Empfang nahm und, deren gute

Wirkung belobend, um einen neuen Löffel voll bat, den sie standhaft

verweigerte.

Du wirst viele Geduld mit mir haben müssen, rief er endlich, indem er

mit einem innigen Blick ihre beiden Hände ergriff. Mein reizbares Gemüth

ist leicht verstimmt, verdüstert durch Menschen und Dinge, die mir

gleichgültig sein könnten, erregt durch jeden Antheil an Verhältnissen,

die mir näher treten, selbst empfindlich gegen den grauen Himmel, der

über uns hängt.

In Wahrheit, Alfred, sagte Elise, Du siehst verstört aus und machst mich

besorgt.

Druck im Kopf, erwiderte er, erfreut über ihre Sorge, die ihm wohlzuthun

schien.

Du sollst aber wohl sein, ich will es haben, rief die Braut. Heut,

lieber theurer Alfred, ist ja Weihnachtsabend, wo mein Christbäumchen

herrlich und freudig Dir brennen muß. Da meine erste Medizin nichts

geholfen hat, so muß ich eine andere versuchen, die mir selbst oft

wohlthut.

Sie eilte zu einem Eckschrank, nahm ein Fläschchen und einen Löffel

heraus, schüttelte das Fläschchen um und begann die Flüssigkeit in den

Löffel zu gießen.

Um Gottes Willen! sagte Alfred lachend, ich soll doch nicht etwa das

Zeug verschlucken?

Das sollst Du; ganz gewiß, das sollst Du! erwiderte sie näher tretend.

Ich hasse alles, was Medizin heißt, auf's äußerste.

Schadet nichts, Du mußt! sagte sie entschlossen.

Liebe Elise, rief er sich sträubend; -- aber ein übermüthiges Lachen, in

welches Alfred einstimmte, unterbrach seine Worte. Nimm Dich in Acht!

schrie er in dem Augenblick, wo der Löffel umkippte und der ganze Inhalt

über ihn hinfloß.

Zu spät sprang er zurück; es war geschehen. Elise warf den Löffel fort,

ihre Ausgelassenheit verdoppelte sich, als sie den verlegenen Blick sah,

mit welchem er seinen Rock betrachtete.

O Uebermuth! was hast Du angerichtet, rief er. Es riecht abscheulich

nach Wermuth und Kampfer. Was soll ich nun anfangen?

Sie klatschte in die Hände, sprang aber dann von dem Stuhl auf und sagte

noch immer lachend: Wie unbehülflich sind doch diese gebietenden Herren

der Schöpfung. Gieb den Rock her, schnell, schnell! Eine Braut kann auch

wohl einmal Kammerdienerdienste verrichten. Eins, zwei, drei, soll mit

einigen Wassertropfen der Schaden geheilt werden.

Alfred fügte sich willig, er war belustigt von dem Vorschlage. Nun,

immerhin, sagte er, es soll Deine Strafe sein; dann streifte er den

Frack ab, mit dem Elise rasch davoneilte.

Es ist eine häusliche Scene, murmelte er, als sie hinaus war. Sonderbar,

in welche Lage hat sie mich mit diesen Possen gebracht. Aber wie

gutherzig und gleich bereit zur entschiedenen That. Voller

Liebenswürdigkeit, voll heitrer Laune, und über die ängstlichen

Schranken steifer Prüderie hinaus.

Bei diesen Worten wandte er sich lebhaft um, der Thür entgegen, durch

welche der Assessor Stephani so eben hereintrat. Alfred blieb stehen,

sein Gesicht wurde plötzlich ernsthaft.

Wie, Herr Baron, rief Stephani in vertrauter Weise, ist der Frühling

Ihres Herzens zum Ausbruch gekommen?

Ich begreife nicht, erwiderte Alfred kalt. --

Wie ich Sie überraschen konnte, unterbrach ihn der junge Herr. Man ließ

mich draußen passiren und, wie konnte ich vermuthen, Sie in

Sommernachtsträumen allein zu finden.

Mein Herr, sagte Alfred von Gravenstein stolz und finster, was

nächtliche Träume anbelangt, so habe ich diese Nacht einen gehabt. Es

war ein Winternachtstraum, den ich so leicht nicht vergessen werde. Da

ich aber etwas auf Träume halte und auf die Warnungen, welche sie uns

geben, so bitte ich, daß Sie dies in allem ferneren Verkehr zwischen uns

berücksichtigen wollen.

Ach so, lächelte Stephani, ich bin davon keinesweges überrascht. Ich

habe ebenfalls geträumt. Wir sahen uns beide, ich Sie, Sie mich; allein

ich nehme an, daß wir uns gegenseitig nicht damit belästigen wollen, uns

unsere Träume vorzuerzählen.

Ich wenigstens, erwiderte Alfred, bin weit davon entfernt. Nur in dem

Falle, fuhr er fort, indem er einen durchbohrenden Blick auf das

lächelnde Auge des Anderen warf und dann schwieg.

Nun, in welchem Falle, lieber Baron? fragte jener unbesorgt. -- In dem

Falle, daß ich wieder träumen sollte. Dann, Herr Stephani, dann werde

ich Ihnen meinen Traum erzählen und eine deutliche Auslegung hinzufügen.

Mein Gott! was Sie eifrig werden, rief Stephani spottend. Ich habe mich

erkältet bei dem Besuch der Königin Mab und fühle nicht die geringste

Lust nach weiterer Bekanntschaft. Indeß zwingen Sie sich nicht, theurer

Baron, vielleicht könnten wir uns gegenseitige Auslegungen machen, und

Fräulein Elise oder Herr von Wilkau würden nicht wenig über Eines oder

das Andere erstaunt sein.

Eine Röthe, die er nicht unterdrücken konnte, lief über Alfreds Stirn.

Sein Blick wurde unsicher, er senkte ihn nieder; eine Reihe plötzlicher

Gedanken und Vorstellungen schien ihn zu überkommen. Ich habe Ihnen

schon einmal erklärt, sagte er dann, was ich darüber beschlossen habe.

Also Frieden zwischen uns, Herr von Gravenstein, rief der Assessor im

Gefühle seines Uebergewichts. Lassen Sie uns einträchtig neben einander

wandeln und alle Träumerei vergessen.

Alfred sah einen Augenblick über die Hand hin, welche Stephani ihm

entgegenhielt und trat dann zurück, indem er sich umwandte und

schweigend nach dem Fenster ging.

Nun, wie Sie wollen, lieber Baron, ganz wie Sie wollen, lachte Stephani,

wir haben Zeit uns gelegentlich zu verständigen. Vor der Hand will ich

den Geheimrath aufsuchen. Es bleibt also bei unserer Abrede, wir

schweigen beide und träumen nicht wieder.

Während diese Scene in dem Familienzimmer vorging, war Elise hastig

durch einige Thüren geeilt, bis ihr der Geheimrath entgegenkam, der sie

erwartet zu haben schien.

Als er den Rock in seiner Tochter Hand erblickte, spannte sich die

Erwartung in seinem Gesicht bis zum äußersten Grade. Seine Muskeln

zuckten, seine Augen erhielten einen eigenthümlichen Glanz; er faßte mit

katzenartigem Griff, wie ein Geizhals, der einen Schatz festhalten will,

welcher ihm entrissen werden könnte, nach dem Kleidungsstück und sagte

leise: Hast Du ihn wirklich, Kind? Du bist ein Engel! -- Gieb her,

geschwind her, wo ist die Tasche? Kehre ihn um, kehre ihn um!

Halt! Papa, halt! rief Elise. Nimm das Taschenbuch, da steckt es, den

Rock muß ich waschen und reiben lassen. Es wäre zu viel für meine

Nerven. -- Louise soll ihn in die Kur nehmen, bald kehre ich zurück und

während dessen thue was Du willst.

Mit triumphirendem Lächeln hob der Geheimrath das Taschenbuch in die

Höhe und nickte seiner Tochter zu. Dann lief er auf den Zehen zu der

Flügelthür, und drehte dort den Metallriegel um, und nun trat er an den

Tisch und öffnete rasch den leichten Verschluß seiner Beute. Ich thue es

ja nur zu unserem allseitigen wahrhaften Wohle, murmelte er vor sich

hin, zur Entlarvung des Verbrechens, zur Sicherung der Ehre und des

Glücks meiner Familie, und Alfred selbst muß es mir danken, wenn ich ihn

zwinge, von seinem Verderben abzustehen. Mit diesen Worten durchwühlte

er hastig die Seitentaschen und Doppeltaschen, in welchen verschiedene

werthvolle Bank- und Kassenscheine steckten, dann zog er ein Billet

heraus, das er mit einem spöttischen und haßerfüllten Blick aufschlug.

Flüchtig las er den Inhalt vor sich hin: Sie wollen mir eine wichtige

Mittheilung machen, ich überwinde allen Widerstand und werde gleich nach

zehn Uhr auf dem Kirchplatze hinter unserem Hause mich einstellen, wie

Sie es vorgeschlagen, Clara. -- Da haben wir ja den Beweis, den

fürchterlichen Beweis, wie weit das Einverständniß schon gekommen ist,

rief er drohend. Davon darf Elise niemals ein Wort wissen, aber in der

Stille will ich den leichtsinnigen Patron doch vornehmen und ihm die

Leviten lesen. Er besann sich einen Augenblick, steckte das Billet aber

wieder an seinen Ort und öffnete rasch die letzte Tasche, aus der ihm

mehre zusammengeschlagene dünne Papiere entgegen fielen, die er sogleich

erkannte.

Da sind sie, flüsterte er. Eins, zwei, drei -- drei Wechsel, jeder zu

zweitausend Thaler. Ha, die Unterschrift! Die steilen, zittrigen

Buchstaben nachgemacht, aber schlecht, miserabel schlecht. Alfred hätte

es auf den ersten Blick merken müssen, daß es dieselbe Hand ist. Er ist

verloren! sagte er mit dumpfem, hohlem Ton in sich hinein. Jetzt habe

ich sie, und kein Gott soll sie retten.

Nun, Papa? rief Elise, indem sie mit dem Rocke zurückkehrte.

Der Geheimrath zog die Hand aus seiner Weste, steckte mit der andern

rasch die Brieftasche in den Frack und lächelte seiner Tochter zu.

Alles in Ordnung, Du Schelm, erwiderte er. Was so ein kleiner Kopf nicht

alles ausgrübeln kann! Rasch hinein, der arme Alfred muß frieren. Ich

komme in einem halben Stündchen, er muß bei uns bleiben. Macht zusammen

einen Spaziergang oder eine Spazierfahrt, was Ihr wollt und rufe die

Mutter, die mit dem Professor drüben sitzt und noch immer

Weihnachtsgeschenke vertheilt.

Du bist also mit mir zufrieden? fragte Elise.

So zufrieden, schmeichelte der Papa, daß ich Dich zum Geheimrath machen

möchte, wenn ich nicht selbst einer wäre. Aber sei liebenswürdig, Elise,

und befestige Deine Herrschaft, im Fall Alfred das übel nehmen wollte,

was wir zu seinem Wohle thun mußten.

Sei ohne Sorge, rief sie zurück. Die ganze Geschichte ist ja ein Scherz.

Ich darf ihn und mich nicht betrügen lassen.

Als sie hinaus war, stieg der Geheimrath die Hintertreppe seiner Wohnung

hinab und erschien plötzlich ganz unerwartet bei Herrn Zippelmann, der

in seinem schottisch roth und grün karirten Schlafrock, eine violette,

etwas abgetragene Sammtmütze auf dem Haupte, auf dem Sopha saß und eine

fürchterliche Tabackswolke verbreitete, aus welcher seitwärts der Kopf

des Assessors auftauchte.

Na, da kommt ja der Geheimrath, rief Herr Zippelmann. Hehe! wie steht es

mit der Weihnachtsbescheerung? Alfredchen lief vorher bei mir vorüber,

wie ein wilder Eber, ohne mich anzusehen. Wissen Sie was, Geheimrath, so

ein politischer Schwiegersohn hat doch immer seine Mucken. Es kommt aber

alles von der deutschen Einheit; das ist der dummste Gedanke im ganzen

Jahrhundert, der eine Verrücktheit über uns gebracht hat, die uns nie

wieder verlassen wird. Stellen Sie sich vor, jetzt wollen Sie ein

Parlament berufen! Hehe! wahrhaftig ein Parlament, als wenn noch nicht

genug geredet wäre. Schicken Sie Alfredchen hin, der redet nicht viel,

hehe! Aber wie sehen Sie denn aus, liebster Geheimrath? Ganz

seelenslustig wie damals, wo wir uns die schwarz-roth-goldene Kokarde

annähten.

Der Assessor war aufgestanden und ohne auf Herrn Zippelmanns Reden zu

achten, hatte der Geheimrath sich ihm genähert und einige Schritte weit

zum Fenster geführt, wo er rasch und leise mit ihm sprach und eben so

leise Antworten erhielt. Jetzt wendete er sich um und plötzlich hielt

Zippelmann mehre Papiere hin, indem er im bestimmten Tone sagte: Haben

Sie das geschrieben, lieber Zippelmann? Ist das Ihre Unterschrift?

Den Teufel! schrie Herr Zippelmann zurückprallend, als sei er von einer

Wespe gestochen worden. Nichts habe ich geschrieben. Ich kann einen Eid

leisten! Es ist auch gar nicht meine Hand, es ist ein Betrug, so wahr

ich lebe! oder ein Witz oder ein Weihnachtsspaß. Hehe! wie kommen Sie

denn dazu, liebster Geheimrath? Es sind ja wahrhaftig die drei Wechsel,

die der Bengel, der Felix, mir vorlegte, wie er mich rühren wollte. Aber

ich, rühren! Eher wird eine deutsche Einheit zusammengerührt oder eben

so unmöglich. Hehe! was wollen Sie also, Geheimrath? Von mir kriegt

keiner einen Pfennig und wenn es das ganze Parlament auch unterschrieben

hätte.

Sie erkennen diese Wechsel also als diejenigen an, welche der junge

Herzer Ihnen damals vorlegte? fragte Stephani.

Freilich erkenne ich sie an, schrie Herr Zippelmann. Da ist der

dreieckige Tintenklex, den ich machte, als der Vagabond mir mit Gewalt

die Feder aufdringen wollte. Ich leistete aber Widerstand, passiven

Widerstand, und machte die Hand fest zu. Ich sage Ihnen, liebster

Geheimrath! ich war unerschütterlich. Keine Miene verzogen, kein Glied

gerührt, höchstens gelächelt; gerade so wie unser verehrter Minister,

wenn die ganze Meute ihn anblafft, was ich auch von ihm in Betreff der

deutschen Einheit gewiß bin. Hehe! der wird sie machen, geben Sie Acht,

Geheimrath, der macht sie!

Was meinen Sie also, lieber Assessor? fragte Wilkau inzwischen.

Die Absicht eines Betruges liegt jedenfalls vor, sagte Stephani, und

unfehlbar könnte Seitens des Staatsanwalts schon jetzt eingeschritten

werden. Wenn wir dem würdigen Zippelmann diese Wechsel in die Hand

geben, er sie als falsch, seine Unterschrift als nachgemacht erkennt,

und wenn der ganze Zusammenhang der Umstände damit verbunden wird, so

dürfte Herr von Gravenstein wohl gezwungen werden können, Zeugniß

abzulegen, unter welchen thatsächlichen Verhältnissen sie ihm als

Unterpfand gegeben wurden. Geben Sie mir die Papiere, in einer Stunde

soll die Sache im Gange sein.

Der Geheimrath zog jedoch die Hand mit den Wechseln zurück und steckte

diese ein. Wir wollen nichts übereilen, sprach er lächelnd. Die Papiere

habe ich, morgen früh läuft der Termin ab, das Geld können sie nicht

schaffen, wir können also immer noch sehen, was Gravenstein thut, mit

dem ich morgen gleich reden will. Ich habe aber noch einen Grund, fuhr

er fort, der mich zurückhält; hätte ich früher gewußt, was ich jetzt

weiß, so hätten wir diese Dinge vielleicht gar nicht gebraucht.

Herr Zippelmann und der Assessor sahen ihn neugierig an. Ja wohl, fuhr

er fort, ich denke, Herr Felix und seine saubere Schwester sollen dem

strafenden Arme der Gerechtigkeit nicht entgehen. Beide sind es gewesen,

sie in Mannskleidern, die vor dem Hause hier die Frevel verübten. Er hat

das Pistol abgefeuert. Ich erwarte nur noch Zugeständnisse eines

sicheren Zeugen, der sich dazu bequemen wird, wie er muß, um vollständig

im Klaren zu sein.

Der Assessor sah starr vor sich hin. Was, was! schrie Herr Zippelmann,

seine Troddelmütze rund um den Kopf drehend. Der heillose Galgenstrick!

das ist er auch gewesen? -- Sie sollen Alles hören, sagte der

Geheimrath, Sie sollen Genugthuung haben.

Jetzt, Guste, alleweil, liebste Guste, jetzt komm! rief Anton Mertens

mit dem freudigsten Gesicht zu der kleinen Thür hinaus, die nach der

Küche führt.

Bist Du schon so weit? antwortete die junge Frau, erwartungsvoll

lachend, indem sie mit dem Kinde auf dem Arme seinem Rufe folgte.

Siehst, wie's glänzt und flimmert? schrie Anton. Ein propres

Christbäumchen mit zehn Lichten. Gieb ihn her, den kleinen Kerl, gieb

ihn her, und nun schau Dir's an, ob ich's recht gemacht habe.

Er zog sie an der Hand fort, während er ihr das Bübchen abnahm. Sein

Gesicht glänzte vor Freude; er warf sein Haar heftig zurück und tanzte

rund um den Tisch vor Seligkeit, als das Kind jauchzend seine Händchen

dem Lichtglanze entgegenstreckte.

Anton hatte in der That gethan, was er vermochte. Ein Tannenbaum mit

Goldschaum und bunten Schleifen verziert stand mitten auf dem

weißgedeckten Tische; Mandeln, Nüsse und Pfefferkuchenreiter und Könige

hingen von allen Zweigen herunter, eine große Schüssel voll Aepfel und

ein Kuchen obenauf war vor dem Baum aufgepflanzt, aber die eine Seite

des Tisches gehörte vorzugsweise seiner Frau, die andere dem Kinde an;

denn hier lagen Handschuh, ein Winterhut, ein großes Umschlagetuch und

in einem geöffneten großen Papier ein schönes dunkelgrünes Wollenkleid;

dort gab es ein paar kleine Schachteln mit Bäumen und Häusern, sammt

Peitschen, Trompeten und Thieren allerlei Art.

Schau hin, liebste Guste, schau hin! rief Anton, das ist alles Dein, was

Du da siehst! So faß' es doch an, Frau; faß' es an, ob es Dir gefällt.

Du bist ein Verschwender, Anton, erwiderte sie, während ihre Augen vor

Vergnügen blitzten. Es ist zu viel, viel zu viel! und bei diesen Zeiten

und in unserer Lage. Ach! ein neues Kleid, wohl gar ein Tibetkleid? Bist

nicht gescheut, Anton! Gott! was sind die Männer leichtsinnig. Ich hätte

es ja nicht nöthig gehabt, es wäre so auch gegangen.

Aber es war lange schon Dein Wunsch, liebste Guste, rief Anton, den Arm

um sie schlingend.

Als ob man sich nicht Allerlei wünschen könnte, fiel sie roth vor Freude

ein. Du bist ein Narr! ja gewiß, ich habe es immer gesagt, Du mußt

Jemand neben Dir haben, der Dir aufpaßt, sonst machst Du dumme Streiche.

Ach, Guste! lachte er, sie an sich drückend, verstell' Dich doch nicht.

Sakerment! ich sehe Dir's ja an, wie lieb es Dir ist. Es ist grün,

dunkelgrün, wie Du es gern haben wolltest.

Weihnachtsabend · 第 11 / 15 段