lange Geschichte von einer jungen Dame, die einen harten Fall gethan und
ein tüchtiges Loch am Kopfe davon getragen hätte. Anton habe sie
herunter gebracht, weil sie ganz ohnmächtig gewesen sei, und lange Zeit
sei nöthig gewesen, ehe sie mit den Tüchern um den Kopf hätte nach Haus
gehen können.
Hm! sagte der Professor, der aufmerksam zugehört hatte, und Sie haben
wirklich nicht nach dem Namen gefragt?
In der Verwirrung und Aufregung dachten wir erst daran, als sie fort
war.
Die ganze Geschichte ist etwas seltsam, fuhr Viereck fort, ich bin
jedoch überzeugt, daß meine kleine Freundin mir die Wahrheit sagt.
Ich kann es Wort für Wort beschwören, sagte Guste mit dem ehrlichsten
Gesicht, daß ich nicht gewußt habe, wer sie war, und daß sie
fortgegangen ist ohne ein Wort davon zu sagen.
Wie lange ist es her? fragte der Professor.
Wie lange? O! es können drei, nein es werden vier Wochen sein.
War die Dame groß?
Guste besann sich. Ich denke sie war groß, sagte sie.
Schlank, mit dunklen Augen und hohen auffallend gewölbten Augenbrauen.
I Gott bewahre! rief die junge Frau lachend, so schön war sie nicht.
Sehr starkes, glänzend schwarzes Haar.
Ich möchte einen Eid darauf nehmen, sie waren braun oder blond vielmehr,
fiel Guste ein.
Dann kann sie es nicht sein, sagte der Professor vor sich hin. Wo war
denn das Loch? Auf dem Hinterkopf?
Das war es ja eben, rief Guste. Auf der Stirn war es, grade mitten hier
auf der Stirn, kreuz und quer durchgefallen. Es muß eine Narbe bleiben
so lange sie lebt.
So ist es unmöglich, fiel der gelehrte Herr ein, denn ich habe sie, die
ich meine, vor einigen Tagen zufällig gesehen und keine Spur von
Pflaster oder Narbe entdeckt.
Sie glauben also, daß Sie sie kennen? fragte Guste.
Der Professor nickte würdevoll. Wenn es die wäre, sagte er, so hätte
eine gelinde Kopföffnung ihr nicht schaden können. Aber sie ist es
nicht.
Ich ging mit einem meiner Freunde, dem Baron Leichtwitz, dicht an ihr
vorüber. Leichtwitz sagte: Süperbes Fleisch! worauf sie ihn mit ihren
stolzen Augen starr ansah. -- Wir hätten die Narbe sehen müssen; aber
gestern, der Mensch mit dem großen Bart, der die Tücher wiederbrachte,
ich bin noch jetzt beinahe überzeugt, daß es ihr Bruder gewesen sein
muß.
Wessen Bruder denn, lieber Herr Professor? sagte Guste neugierig.
Liebliche Unschuld! rief der Professor ihre Arme fassend, ich will kein
Gemälde entwerfen von diesem Bösewicht, der zwischen uns nicht genannt
zu werden verdient. -- Er lächelte anmuthig und nickte zu ihr empor,
plötzlich aber läutete die Glocke an der Außenthür und mit einem
hastigen Ruck befreite sich die junge Frau.
In dem Augenblicke, wo dies geschah, ließ sich draußen eine kräftige und
froh angeregte Stimme hören. Nein, mein lieber Freund Mertens, lauteten
die deutlichen Worte, ich will selbst Ihrer guten Frau danken, für den
Beistand, den sie dem armen erschrockenen Verwundeten geleistet hat. Es
war eine verteufelte Geschichte. Das Pistol ging mir in der Hand los.
Ich hatte es für ganz andere Dinge bestimmt. Helfen konnte ich ihr
nicht, ich rief ihr zu, davonzulaufen; aber sie hat ein muthiges Herz
und verdiente ein Mann zu sein.
Eine schreckliche Verlegenheit ergriff die junge Frau, als sie diese
rasch und unaufhaltsam gesprochenen Worte hörte. Ihr ganzes Gesicht
färbte sich mit einer dunkelen Röthe, die bis in Hals und Nacken lief.
Sie wußte nicht, was sie beginnen sollte; ihre erschrockenen Augen
richteten sich auf den Professor, der ganz still saß, doch ebenfalls
nicht wenig verwirrt und überrascht schien.
Das Einzige was Guste in rascher Ueberlegung that, war, daß sie die
Tassen auf dem Tisch zusammenpackte und tüchtig klirren ließ, während
sie so heftig und laut sprach, daß sie die Stimmen draußen überschrie.
-- Da ist ja mein Mann, Herr Professor, rief sie. Sehen Sie wohl, Herr
Professor, ich sagte, er käme gleich wieder. Nicht wahr, lieber Herr
Professor, ich habe Recht, Herr Professor. Aber wer da mit ihm kommt,
weiß ich nicht, Herr Professor. Anton, da ist der Herr Professor! Komm
doch herein, der Herr Professor sitzt hier; der gute Herr Professor hat
Dir eine Weihnachtsfreude machen wollen.
Sie winkte dabei durch die Scheibenthür und schob den grünen Vorhang
zurück, hinter welchem Anton höchst rathlos und bestürzt stand und
seinen Begleiter festhielt, der ihm lebhaft zuflüsterte und ihn
seitwärts schieben wollte, während der Schuhmacher ihn hinderte, die
Thür aufzumachen.
Nach einigen Augenblicken aber riß Guste selbst die Thür auf und
deutlich genug vernahm sie, daß der Fremde leise sagte: Es ist besser,
jetzt hinein als hinaus. -- Dann trat er über die Schwelle und mit einer
höflichen Verbeugung wandte er sich plötzlich von der jungen Frau zu dem
Professor, der aufgestanden war und seinen Mantel bedächtig umwarf.
Wie! rief der Herr überrascht, wen finde ich hier? Unseren verehrten
Freund, als Arbeiter im Weinberge des Herrn. Wohin muß der Himmel seine
Heiligen führen, damit sie sich begegnen?! Aber welch glücklicher
Zufall, lieber Professor. Ich bin hier in der Nähe bei einem Freunde,
als dieser würdige Meister dort erscheint. Auch ich brauche, trotz
meiner demokratischen Verwilderung, als Kulturmensch die verwünschten
aristokratischen Dinger, welche man Stiefeln nennt, um festzustehen auf
meinen Beinen. Sie wissen, Feststehen ist die Hauptsache! Es bleibt mir
somit nichts übrig, als ihm zu folgen, und -- wie die Perle in der
grauen Schale finde ich hier den Mann der so oft schon mich aufrichtete,
belehrte, erbaute, tröstete, und an seiner Weisheit Brüsten säugte.
Bleiben Sie, theuerster Freund, bleiben Sie, wir dürfen den schönen
Augenblick unseres Wiederfindens nicht zu schnell abkürzen. Der
Professor hörte unerschütterlich diesen Strom von Spöttereien an, ohne
eine Miene zu verziehen. Langsam griff er nach seinem Hute und nach den
Papieren, die unter diesem lagen; dann richtete er sich würdevoll auf,
und betrachtete den redseligen Herrn mit Blicken voll Ueberlegenheit.
Herr Felix Herzer, sagte er, ich habe die Ehre, Ihnen zu bemerken, daß
es mir leider an Zeit gebricht dies zufällige Zusammentreffen zu
benutzen, wie es dasselbe verdient.
O! fiel der junge Mann höflich ein, ich verstehe, mein lieber Herr
Professor Viereck. Sie werden jedenfalls von einigen ihrer berühmten und
vornehmen Freunde erwartet und haben Besseres zu thun, als sich mit mir
zu beschäftigen, aber es ist ein Wink des Schicksals, daß ich Sie finde,
theurer Herr Professor, denn ich denke von Ihnen einige Nachrichten über
Personen zu erhalten, die mein besonderes Interesse erregen.
Jedermann weiß, erwiderte der Professor, in seine Halsbinde fassend, daß
ich allen meinen Mitmenschen gern hülfreiche Dienste leiste, und selbst
-- hier betrachtete er den jungen Mann mit weit geöffneten Augen und
hielt einen Augenblick inne -- selbst solche, mit denen ich gern nichts
zu schaffen habe, sind nicht davon ausgeschlossen.
Nun denn, sagte Felix lächelnd, darf ich wohl hoffen, daß sie mir
aufrichtig bekennen, ob diese christliche Menschenliebe Sie auch
geleitet hat, als Sie heut hierher kamen?
Was wollen Sie damit sagen? fragte der Professor mit einem seiner
starrsten Blicke.
Lassen wir das, fuhr der junge Mann fort, Friede sei mit uns und diese
Stunde eine Stunde der Versöhnung. Warum also wollen Sie mir jetzt noch
nachjagen mit Rossen und mit Wagen? Ich habe früher allerdings wohl
zuweilen Ihren Zorn verdient, als ich in Jugendthorheit Ihre
tiefsinnigen Wahrheiten anfocht und zuweilen die Lacher auf meiner Seite
hatte.
Wollen Sie mich hier von Neuem beleidigen und schmähen, rief Viereck,
sein rothes Gesicht mit Würde erhebend, wie Sie dies in roher Weise oft
schon gethan haben?
Ich will Sie durchaus nicht beleidigen, fiel Felix demüthig ein, ich
schwöre Ihnen vielmehr, daß es meine Absicht ist, Sie zu versöhnen. In
wenigen Tagen schon werde ich diese Stadt und dieses Land für immer, wie
ich hoffe, verlassen, mein alter Vater und meine arme Schwester, die
zurückbleiben, können Ihnen keinen Grund zu Haß und Verfolgung geben.
Ich hasse und verfolge Niemanden, sagte der Professor.
Sie sind zuletzt immer noch der Unschuldigste, und ich glaube Ihnen,
sagte der junge Mann. Sie besitzen aber auch einigen Einfluß auf meinen
theueren Vetter Zippelmann und auf den Geheimrath. Ich weiß, daß diese
Menschen trotz Allem was sie schon über uns gebracht haben, noch immer
auf Böses sinnen. Ich bitte Sie, mein lieber Herr Professor Viereck,
wenden Sie Ihren Einfluß an, um Ihre Freunde von weiteren
Schlechtigkeiten abzuhalten, und warnen Sie den Geheimrath besonders vor
so elenden Subjekten, wie sich diese in seiner Nähe befinden.
Ich habe die Ehre, Ihnen zu bemerken, sagte der Professor in seiner
pathetischen Art, daß ich nicht Lust habe, hier Männer schmähen zu
hören, welche ich schätze und hochachte.
Und warum, mein theurer Herr, warum schätzen und achten Sie diese
Männer?
Weil sie vor der Welt zu hoch und rein stehen, um von der Verläumdung
angetastet zu werden.
Vor der Welt! ja wohl, vor der Welt! rief Felix, aber Sie kennen ja
hinlänglich alles, was meinem Vater und uns widerfahren ist. Sie haben
selbst daran Theil genommen, so viel Sie vermochten. Sie sind Partei,
und dennoch traue ich Ihnen in diesem Augenblicke zu, daß Sie gerechter
sind, wie jene da, die mit Ränken und Betrug aller Art uns zu vernichten
suchen.
Betrug und Ränke! erwiderte der Professor drohend, indem er heftig mit
dem Kopfe nickte und seine Halsbinde in die Höhe zog -- es geht mich
nichts an, ich weiß nichts davon, aber hüte sich Jeder, so schändliche
Dinge auszusprechen, der nicht reines Herzens ist.
Felix verstummte; seine Augen ruhten flammend auf dem Professor, der
erschrocken zurücktrat, denn das Gesicht des jungen Herzer hatte etwas
Unheimliches. Ein Zucken lief darüber hin, auf seiner breiten Stirn lag
eine fahle Blässe, der wilde Bart schien sich hochzusträuben und seine
nervige Hand ballte sich auf dem Tisch zusammen, auf welchen er sich
stützte.
Nach einigen Augenblicken aber verschwand die Aufregung aus seinen Zügen
und mit seiner früheren Freundlichkeit sagte er: Was sollen wir uns
streiten und erzürnen. Wenn Treue und Glauben noch in dieser Welt zu
finden sind, so wird den Menschen, die so begierig lauern, um Unglück
über uns zu bringen, all' ihr Wüthen und Drohen nichts helfen.
Geben Sie mir die Hand, Professor, und lassen Sie uns als Freunde
scheiden. Schlecht und verächtlich sind die, ich sage es noch einmal,
welche Sie als Ehrenmänner vertheidigen, aber mag es darum sein. Ich
ziehe fort und somit seid so patriotisch und tugendhaft wie Ihr wollt.
Bekehrt, wer sich bekehren läßt, stiftet Vereine und haltet Reden,
sammelt Geld und werbet Rekruten, frömmelt und heuchelt und streut
Saaten aus, die Euch einst verzehren werden. Ihr werdet die Wahrheit
doch nicht zur Lüge machen, den Gang der Menschheit und der Geschichte
doch nicht aufhalten. Das grüne Reis wird ein Baum werden, aber der
abgestorbene Zweig wird dürr bleiben, begießt ihn so viel Ihr wollt,
beim ersten Sturm wird er zu Boden stürzen.
Wir haben nichts zusammen zu schaffen! fiel hier der Professor ein,
indem er die Hand, welche Felix ergriffen hatte, rasch zurückzog. Was
Sie sagen mögen, Herr Herzer, von mir sagen mögen, darüber bin ich
erhaben. Von Besserung und Bekehrung ist bei Leuten Ihrer Art nicht die
Rede.
Gott sei Dank! nein, lachte Felix, ich darf hoffen, daß Sie keinen
Versuch mit mir machen werden.
O, gewiß nicht! rief der Professor mit Pathos. Es giebt Sümpfe, die so
tief sind, daß wenn man auch Berge hineinstürzte, sie nicht ausgefüllt
werden könnten; giftige Gewächse giebt es, denen kein Leben zu nahe
kommen darf; reißende Thiere giebt es, deren Zähnen nichts entgeht.
Und Menschen giebt es, fiel Felix in derselben Redeweise ein, die man
Narren nennt, deren Narrheit so unheilbar ist, daß alle Götter vergebens
daran kuriren würden.
Mit einem vernichtenden Blicke starrte ihn der Professor an. Felix blieb
vor ihm stehen und kreuzte die Arme; der Professor sah aus wie Einer,
der eine verzweifelte That im Sinne hat. Alles Blut in ihm schien in
sein Gesicht gedrungen zu sein; seine von Natur rothe Nase glühte wie
ein Karfunkel, er zeigte seine Zähne und zitterte vor Zorn, gekränkter
Eitelkeit und Schaam. Der Schuhmacher und seine Frau standen hinter dem
Tisch als ängstliche Zuschauer dieses peinlichen Auftritts, von dem sie
nicht wußten, wie er enden würde; plötzlich aber warf sich Felix auf den
Stuhl, der neben ihm stand, und in ein höchst unehrerbietiges Gelächter
ausbrechend, rief er, von dem komischen Anblick des kleinen wüthenden
Mannes überwältigt: Und wenn es mein Leben kostete, ich kann nicht
anders. Bringt Wasser, oder er berstet! Professor, so müssen Sie gemalt
werden für alle Vereinsmitglieder zur ewigen, unvergeßlichen Erinnerung.
Gut, sagte der Professor mit einem Blicke der tiefsten Verachtung sich
abwendend, wir wollen es überlegen, jedenfalls werde ich mich nicht
weiter herabwürdigen. Aber das merkt Euch, schrie er, den Kopf in den
Nacken werfend und Anton anstarrend, der von dem Lachen des übermüthigen
jungen Mannes angesteckt war, welches selbst ein derber Ellenbogenstoß
und ein empfindliches Kneipen seiner Ehehälfte in seinen rechten Arm
nicht länger unterdrücken konnte -- das merkt Euch, Jeder wird erhalten,
was er verdient, und die Lügner, die Heuchler, die Betrüger und
Verräther sollen ihrem Lohn nicht entgehen. Damit stülpte er seinen Hut
auf, rückte heftig mit der Hand an der Krempe und ging zur Thür hinaus.
Bravo! Bravo! _da capo!_ schrie ihm Felix nach. Bleiben Sie theurer
Freund noch einen Augenblick, nur noch einige würdevolle patriotische
Schwüre. Anton in seiner Herzensfreude klatschte in die Hände, während
Guste ihm den Mund zuhielt und zwischen Aerger, Furcht, innerer
Lustigkeit und eigennütziger Besorgniß schwankend ihm zurief: Willst Du
wohl stille sein, willst Du Dich mäßigen, Anton. Er hat uns ja eben
funfzehn Thaler ausgezahlt, der gute Herr Professor; hier liegen sie im
Tischkasten. Ich dachte es wohl, wie es kommen würde und habe Sie gleich
in Sicherheit gebracht. Und was ist denn das für ein Benehmen bei
anständigen Leuten. Lacht man Einen aus, der Geld bringt? Ich frage gar
nichts darnach, ob Du mir zuwinkst. Alles was Recht ist; aber was haben
wir denn von der ganzen Geschichte? Nichts als Aerger und Verdruß von
Anfang bis zu Ende und Gott steh' uns bei! wenn es die Geheimräthin
erfährt. Sie macht uns unglücklich! Aus dem Verein wirst Du mit Sang und
Klang geschmissen, die zweihundert Thaler nehmen Sie uns, und Alles ist
vorbei, Alles ist verloren!
Alleweil laß Dir sagen, liebste Guste, stotterte Anton, den bei diesen
inhaltschweren Perspektiven, deren Richtigkeit er anerkennen mußte, doch
nicht allzuwohl war, es ist nun einmal nicht anders, und Du hast ja auch
gelacht. Ich habe es Dir angesehen, wie Dir inwendig zu Muthe war.
Mir angesehen? erwiderte sie. Du hast mir gar nichts angesehen, ich
dachte beständig an den Tischkasten. Aber eine Schande ist es und dabei
bleibe ich. Jetzt kannst Du zusehen, was daraus wird.
Liebe Freunde, sagte Felix, grämt Euch nicht darüber, daß Ihr den Mantel
der Heuchelei nicht dicht genug über Euch ziehen könnt. Ueber lang oder
kurz würde er doch abgefallen sein, oder Ihr würdet falsch und schlecht
werden müssen. Ich und meine Schwester, wir sind Ihnen großen Dank
schuldig, Frau Mertens, was wir helfen können, soll gewiß geschehen. Ich
habe Ihrem Manne schon gesagt, was ich denke und thun will; ich habe ihm
Vorschläge gemacht, die überlegt sein wollen, und wie es auch kommen
mag, so übel steht es nicht mit uns, daß mein Vater, wenn ich nicht mehr
hier bin, nicht in aller Noth mit Rath und That Ihnen zur Seite stehen
könnte.
Siehst Du wohl, Guste, das pfeift alleweil aus einem andern Tone, rief
Anton und seine Augen glänzten vor Lust, indem er seine Frau umarmte.
Jetzt lache ihn aus, lache ihn den Augenblick aus. Sakerment! der
Nußknacker und die alte dicke Geheimräthin und alle zusammen, ah! ich
könnte an die Decke springen, daß ich nicht mehr in den Verein brauche.
Die junge Frau lachte wirklich, aber es kam doch nicht recht von Herzen.
Felix setzte sich zu ihr, er erzählte ihr Alles und je länger er redete,
um so mehr hellte sich ihr Gesicht auf. Ein lebhaftes Mitgefühl ergriff
sie, und lange ehe er geendet hatte, schüttelte sie ihre ansehnlichen
Hände voll Zorn über die gemeine Schlechtigkeit derer, die ihn und seine
Familie verfolgten.
Der Geheimrath empfing an diesem Morgen schon ziemlich früh seinen
Vertrauten, den Kommissarius, der mit geheimnißvoller Miene zu ihm in's
Zimmer trat und seinen Backenbart streichelnd, indem er sich verbeugte,
in offenbarer Verlegenheit war, wie er beginnen sollte.
Nun, ich sehe schon, wie es steht, lächelte der Geheimrath, ich sehe,
mein lieber Nachbar, der Irrthum hat sich aufgeklärt, es konnte auch
nicht anders sein. Herr von Gravenstein war bis gestern gegen 10 Uhr bei
uns; äußerst ermüdet und von Kopfschmerzen geplagt, ging er nach Haus.
Ist es nicht so? Sie müssen es bestätigen, Herr von Gravenstein ist ein
Mann, dessen Wort unverbrüchlich ist, und er betheuerte uns, daß er
eilen müsse, um in's Bett zu kommen.
Der Polizeibeamte zuckte während dieser Zeit mehrmals mit den Schultern,
und schlug seine großen, raschblickenden Augen in verdächtiger,
bedauerlicher Weise zu dem sprechenden Herrn auf, um sie nachdenkend
wieder von ihm abzuwenden. Er legte den Kopf auf seine linke Seite, um
genau zu hören und schüttelte ihn dann nach der rechten Seite hinüber,
indem er nochmals an seinen Bart faßte und einige dumpfe Töne von sich
gab, die wie ein wiederholtes, langgedehntes Hm! Hm! klangen. Plötzlich
aber hob er sein mächtiges, vollwangiges Antlitz steil in die Höhe und
sagte mit Energie: Herr von Gravenstein hat Ihnen aber dennoch nicht die
Wahrheit gesagt.
Oh! oh! rief der Geheimrath. Nicht die Wahrheit gesagt? Das ist eine
kühne Behauptung, eine sehr gewagte Behauptung.
Ich wage nie etwas, erwiderte der Herr, was ich nicht wagen kann und
weiß jedesmal was ich zu vertreten habe. Ich sage nochmals, Herr von
Gravenstein hat sich getäuscht, denn er ist nicht zu Haus gegangen.
Nun und wohin ist er gegangen? fragte Wilkau unsicher.
Auf den Kirchhof, sagte der Beamte barsch.
Was sagen Sie da! fiel der Geheimrath erschrocken ein. Das ist Tollheit!
Auf den Kirchhof. Wollte er die Todten tanzen sehen?
Ich habe es mit meinen eigenen Augen beobachtet, fuhr der Beamte fort,
denn bei der Wichtigkeit, welche die Angelegenheit für Sie hat, unterzog
ich mich selbst der Vigilirung.
So Sie? sagte Wilkau ihn anstarrend.
Ich! entgegnete der Herr mit Selbstbewußtsein. Er ging so rasch, als er
aus Ihrem Hause trat, daß ich ihn fast aus dem Gesicht verlor und nur
seine hohe Gestalt, sein flatternder Mantel und meine scharfen Augen
ließen mich ihn wieder finden. Einige Minuten stand er dicht an der
Mauer der Kirche still, dann sah ich ihn in das Portal treten und nun
merkte ich die ganze Geschichte.
Kirchenmauer, Portal, Geschichte! rief der Geheimrath. Theuerster
Freund, Sie befinden sich doch wohl?
O! ganz wohl, sagte der Kommissarius lächelnd. Es dauerte gar nicht
lange, so kam sie.
Wer kam?
Sie, fuhr der Beamte fort. Ganz leise, wie ein Schatten, ganz schwarz,
wie ein Gespenst; aber nun tritt ein seltsamer Zwischenfall ein, den ich
mir nicht erklären kann. Es war noch ein Dritter da; wer er war, weiß
ich nicht, was sie sprachen, blieb mir verborgen, denn ich stand in zu
großer Entfernung. Zuweilen wurde gelacht, dann kam es mir vor, als sei
Streit; endlich aber hörte ich deutlich, daß Herr von Gravenstein sagte:
Ich befehle es! und bei diesen Worten entfernte sich der Dritte, so
schnell er konnte. Er gab ihr den Arm und führte sie fort, ziemlich
dicht bei mir vorüber -- ich stand nämlich hinter einem Pfeiler -- und
konnte ganz genau sehen, wie er sie umfaßt hatte und an sich drückte,
bis er mit ihr die kleine Pforte erreichte, wo er Abschied nahm.
Sagen Sie mir ein Wort, flüsterte der Geheimrath, seinen Arm fassend.
Hat sich das Alles wirklich zugetragen?
So gewiß wir beide hier stehen.
Und der Mann, den Sie sahen, war Gravenstein?
Er war es ganz sicher, denn bis an seine Wohnung habe ich ihn begleitet.
Und sie -- das Frauenzimmer meine ich -- die in seinen Armen lag -- es
war -- wie heißt sie?
Es war das hübsche Fräulein Herzer, auf mein Ehrenwort, Herr Geheimrath.
Sie kennen doch die kleine Pforte in dem Gäßchen. Dort kam sie heraus
und ging hinein.
Jetzt weiß ich Alles! stöhnte Wilkau aus tiefer Brust. -- Er legte die
Hände auf den Rücken, ging durch das Zimmer und kam dann zurück, indem
er in gewohnter Weise lächelte. Aber so ganz Herr war er doch nicht über
sich, daß sein farbloses, unter den heftigsten Empfindungen arbeitendes
Gesicht die noblen Lebensanschauungen bestätigt hätte, welche er dem
lieben Nachbar jetzt zum Besten gab.
Wir haben es mit einem jungen Heißsporn zu thun, mein werther Freund,
sagte er, dem je eher je lieber Schloß und Kette angelegt werden muß.
Ring am Finger, lachte der Kommissär, und dann einige schreiende
Kleinigkeiten, so wird Alles gut.
Der Geheimrath nickte vergnügt. Sie verstehen es, erwiderte er.
Ich kenne die Welt, rief der Herr. Wir haben Alle unsere Streiche
gemacht. Leben und leben lassen.
Ein goldenes Wort, sagte Wilkau. Im Grunde ist es nichts und heißes
Blut, Verlockung, gereizte Nerven thun viel. Ich werde handeln wie es
nöthig ist. Von einer ernstlichen Absicht kann natürlich bei dieser
nächtlichen, romantischen Pläsanterie des jungen Herrn auf dem Kirchhofe
die Rede nicht sein.
I, Gott bewahre! rief der Beamte, nichts als Spaß.
Also eine Posse, versetzte der Geheimrath, doch Alles hat sein Ende. Es
ist aber merkwürdig was unsere Jugend jetzt für Streiche macht.
Es liegt in der Zeit, verehrter Herr Geheimrath.
Eine schöne Zeit! ja wohl, ja wohl! sagte Wilkau. Nun, wir müssen es so
hinnehmen. Jugend hat keine Tugend. Man muß die gebratenen Gänse jetzt
mit der Haut essen, versetzte der Kommissär.
Die beiden Herren lachten, der Geheimrath schüttelte dem lieben Nachbar
die Hand. -- Guten Morgen, Herr Nachbar! Sie sind der richtige Mann.
Sollte noch etwas vorfallen, so verlasse ich mich auf Sie, aber ich
denke, es wird nichts vorfallen. Meine ewige Dankbarkeit bleibt Ihnen,
es wird sich schon Gelegenheit finden, wo ich dienen und helfen kann.
Immer wenden Sie sich an mich, dreist an mich, nur darum bitte ich --
strenge Verschwiegenheit.
Der Kommissär legte den Finger auf den Mund, seine großen Augen glänzten
in Ergebenheit und Eifer. Mit einer tiefen Verbeugung und
hochgesträubtem Backenbarte verließ er seinen Gönner.
Als er fort war, zog der Geheimrath die Klingel. Der Bediente mit der
rothen Nase schoß herein und blieb an der Thür stehen. Der Geheimrath
kehrte ihm den Rücken zu und besah eine Feder.
Meine Tochter ist doch schon auf? fragte er.
Das gnädige Fräulein ist vor einer Stunde schon aufgestanden, erwiderte
Friedrich vertraut und listig lächelnd. Arbeitet in ihrem Zimmer an der
Börse für Herrn von Gravenstein.
So, sagte der Geheimrath, so sage der Louise, sie soll dem Fräulein
melden, ich wünschte sie sogleich zu sprechen.
Der Geheimrath blieb stehen, probirte noch einige Federn, nahm dann ein
Federmesser und schnitt ein paar Spitzen ab, bis er wieder die Thür
öffnen hörte, worauf er sich umwandte und seiner Tochter freundlich
zunickte.
Guten Morgen, Papa, sagte Elise, was giebt es denn? Ich bin ganz
erstaunt über Deine Botschaft.
Der Papa warf einen forschenden Blick auf sie. -- Die aufgewickelten
Locken, der Morgenrock, das blasse Gesicht, die matten wasserblauen
Augen kamen ihm in seinen Betrachtungen und geheimen Vergleichen nicht
besonders reizend vor. -- Erwartest Du Alfred nicht? fragte er.
O! freilich, Papa, erwiderte sie. Ich bin voller Neugier, was er mir
heut Abend schenken wird.
Du arbeitest eine Börse für ihn?