verklungen war, legte Clara die Arbeit zusammen und stand geräuschlos
auf. Sie trug den Stuhl an seinen Platz, stellte das Arbeitskörbchen
fort, und trat an das Instrument, um es zu schließen. Aber indem sie den
schweren Deckel hob, hielt sie inne und horchte nach der Straße hinaus.
Es war als stände draußen Jemand still, der mit schallendem Schritt nahe
heran gekommen war. Das junge Mädchen schien die festen Läden mit ihren
heißen Blicken durchbohren zu wollen, dann legte sie leise den Deckel
wieder nieder. Sie setzte sich und ihre feinen schmalen Finger flogen
leicht über die Tasten hin, ihre Lippen zitterten den Tönen nach, sie
sang mit reiner Stimme, die mit jedem Worte voller und inniger wurde,
das schöne Lied: »Auf Flügeln des Gesanges;« doch mitten darin brach sie
ab, um mit ihren Händen die widerspenstigen Augen zu bedecken.
In dem Augenblick, wo die Stille zurückkehrte, wurde ganz leise an eine
Fensterscheibe geklopft und sogleich stand Clara auf, schraubte die
Lampe herunter bis auf ein mattes Lichtgeflimmer, warf den Mantel über,
band die Kappe eilig zusammen und verließ mit leisen Schritten das
Zimmer durch die große Eingangsthür, welche sie hinter sich verschloß.
Eben so leise öffnete sie die Thür des Corridors und befand sich nun auf
dem dunklen Hausflur. Sie trat in den Hof hinaus, nirgend war Licht. Der
Himmel hing gleichmäßig schwarz über der Erde, feine Schneenadeln flogen
durch die Luft und drangen kühl in Clara's heißes Gesicht, die
schweigend das schmeichelnde Schnauben eines großen Hundes abwehrte, der
sich ihr genähert hatte.
Ohne Zögern ging sie an dem Fabrikgebäude hin und blieb einen Augenblick
an der Mauer stehen. Es war ihr, als hätte ein Fenster geklirrt. Als
jedoch nichts sich weiter regte, zog sie einen Schlüssel hervor und
schloß die Thür auf, welche durch die Grenzmauer auf ein Seitengäßchen
führte.
Mit eiligen leisen Schritten ging sie das Gäßchen hinauf und blieb an
der Ecke eines freien Platzes stehen.
Es war der Kirchplatz, in dessen Nähe das Grundstück des Fabrikanten
lag. Der alterthümliche, mächtige Bau löste seine düstre Masse in
ungewissen Linien von der Finsterniß der Nacht ab. Die kleinen Häuser,
welche ihn umringten, waren meist finster, nur da und dort fiel ein
einzelner Lichtstrahl aus einem Fenster und schlüpfte über zwei oder
drei alte Leichensteine, deren graue verwitterte Platten in den Boden
gesenkt, die einzigen noch übrigen Spuren eines ehemaligen Kirchhofs
waren. Ein paar hohe Bäume klapperten in ihren Gittern und Ecken mit
nackten Zweigen und leise klingend fielen dann und wann von den
ungeheuren Bogenfenstern der alten Kirche kleine Glasstückchen herunter,
die der Wind mit hohlem Rauschen abbrach und der Vernichtung
zuschleuderte.
Eine Minute stand Clara wankend an jener Stelle, dann ging sie mit
langsamen Schritten über den dreieckigen kleinen Platz fort, an dessen
entgegengesetzter Seite die Kirche dicht an die Häuser trat. Als sie bis
in die Mitte gekommen war, hörte sie den Schritt eines Mannes, der ihr
entgegen kam und wartend still stand, als er die dunkle Gestalt
entdeckte.
Du bist es, Clara, sagte er leise, ich habe meine Sehnsucht kaum
beherrschen können.
Ich bin es, mein Herr, ja, ich bin es, erwiderte sie gefaßt und ruhig,
dicht an ihn herantretend. Ich habe Ihren Wunsch erfüllt, weil ich
wissen will, wie viel Wahrheit oder Lüge in Ihrem räthselhaften Briefe
enthalten ist.
Und darum nur, darum allein bist Du gekommen? fragte er mit sanft und
traurig klingender Stimme.
Ich wüßte nicht, gab sie zur Antwort, welchen Grund ich sonst haben
könnte.
Es ist noch nicht lange her, wo Du nicht so gesprochen haben würdest,
fuhr er fort. Ich habe oftmals in der Laube dort hinter der Mauer in
nächtigen Stunden Dich erwartet; in meinen Armen hast Du nie gefragt, ob
meine Briefe Lügen sagten, und was darin stand nie bezweifelt, denn Du
wußtest, wie sehr ich Dich liebe.
Er streckte die Hände nach ihr aus und wollte sie umfassen, aber sie
wich einen großen Schritt zurück. -- Wir kennen uns beide genau genug,
wie ich denke, sagte sie mit sanfter, aber fester Stimme. Leider muß ich
in Demuth zugeben, daß es eine Zeit gab, wo ich so thöricht war, Alles
zu glauben. Sie können nicht erwarten, daß dies jetzt noch der Fall sein
soll; im Gegentheil, selbst die Wahrheit in Ihrem Munde wird an meinem
Unglauben zur Lüge werden.
Sie fürchten oder verabscheuen mich also? fragte er, oder Beides
zugleich ist mein Loos.
Weder das Eine noch das Andere, erwiderte Clara, zu Beidem gehört eine
Reizbarkeit, die ich überwunden habe.
So geben Sie mir die Hand zur Versöhnung, sagte er lauter. -- Wie
verdammt dunkel ist diese Nacht, daß ich Dein reizendes, zürnendes
Gesicht nicht sehen kann.
War es sein rasches Nähertreten, oder die lebhafte Sprache, oder die
Hast, mit der sie noch weiter zurückwich, sie schien vom heftigen
Schrecken gefaßt zu sein, als er ihren Mantel festhielt und lachend
fragte: Was fürchtest Du denn, Clara? Mein Wort darauf, Du hast nichts
zu fürchten!
Sie haben einen Brief an mich gerichtet, erwiderte sie, in welchem Sie
mir sagen, daß über meines Vaters Haupt eine große Gefahr schwebe, die
Sie abwenden können und wollen, wenn ich mich zu einer Unterredung
einfinde. Ich bin gekommen, trotz meines Widerwillens. So reden Sie
denn, welche Gefahr droht meinem Vater, und was wissen Sie von
Handlungen, die meinen Bruder verderben können?
Laß uns unter den Schutz der Kirchenmauer treten, erwiderte der Herr.
Der Wind pfeift über den Platz, es ist ziemlich unangenehm hier zu
stehen. Du zitterst, Clara.
Antworten Sie mir, sagte sie, indem sie ihm folgte.
Wir wollen uns unter das Eingangsportal stellen, fuhr er fort, auf den
gothischen Schwiebbogen deutend, der einige Schritte von ihnen tief und
schwarz in das Gemäuer lief. Es könnte Jemand vorübergehen, der uns
störte.
Nein, nicht weiter, gab sie zur Antwort. Sprechen Sie kurz und bestimmt,
wenn ich nicht glauben soll, daß Sie zu vielen Lügen eine neue ersonnen
haben.
Du bist eine kleine Thörin! rief der Herr, und seine Stimme schwankte
zwischen Aerger und Spott, aber wie Du willst, ich kann Dein Mißtrauen
nicht verdammen. Du zürnst auf mich, Clara, weil ich Dich
vernachläßigte. Du hältst mich für treulos, weil die Verhältnisse
mächtiger sind, als unsere Vorsätze und mein vernünftiger Wille sich
ihnen beugen muß. Wo sollte ich noch eine Erfüllung für möglich halten,
wie Du sie forderst? Meine Liebe, die unwandelbar ist, mein Herz, das
Dir gehört und immer gehören wird, hast Du zurückgewiesen; meine
Leidenschaft, die zu Deinen Füßen die Menschen und ihre Satzungen
verachtete, hat Dich kalt und bedächtig gemacht. Du liebst mich nicht,
wie ich Dich liebe.
Genug, genug! fiel sie ein. Ich habe keine Antwort dafür.
So habe ich denn alle Hoffnung verloren, sagte er. Keine Stimme in Dir
spricht für mich?
Nein! ich hoffe zu Gott, nein! erwiderte sie mit Anstrengung.
Also Haß wo Liebe war, unversöhnlicher, bitterer Haß!
Auch der nicht, sagte sie leise bebend. Wir wollen Beide unsern Weg
gehen, Beide glauben, daß wir uns täuschten und daß es nicht anders sein
sollte.
Fromm und schön! rief der Herr lauter, aber mir genügt es nicht. Ein
Anderer hat meinen Platz eingenommen. Antworte auf meine Frage. Ist es
nicht so? Ich weiß mehr, wie Du meinst.
Ich habe keine Antwort darauf, sagte sie kaum hörbar.
Gravenstein! flüsterte er, indem er ihren Arm hart anfaßte. Wie Du
zitterst! Ja, Gravenstein!
Es ist Wahnsinn! rief sie verächtlich.
Du lügst es Dir vor, fuhr er hastig fort. Er weiß es, er hat es in
Deinen Augen gelesen; oder glaubst Du, der ehrenfeste Baron
nachtwandelte umsonst an Deinen Fenstern vorüber? stände umsonst dort
und hörte Deine Lieder? Und wenn er Abends spät von Deiner beglückten
Nebenbuhlerin, von seiner Braut kommt, von Elisens Küssen noch warm ist,
was treibt ihn dann hierher, um an Deiner Thür zu seufzen? -- Es ist
möglich, rief er höhnisch lachend, daß Du selbst nicht weißt, welchen
Schaden Deine zärtlichen Blicke angestiftet haben; aber die Wirkung ist
da, es kommt darauf an, wie man sie benutzt.
Und dies Gewebe von Verläumdung und Gemeinheit soll ich hier erfahren?
sagte sie stolz. Ist es fertig oder fehlt noch etwas daran?
Nicht ganz, erwiderte er. Gravenstein war entschlossen, Euch auspfänden
zu lassen, er sah Dich und seine Entschlüsse wankten; er suchte einen
Ausweg, den Dein Bruder ihm bot. Du kennst diesen Ausweg?
Herr von Gravenstein handelte edelmüthig, als er den Vorstellungen
meines Bruders nachgab und meinem armen hart geprüften Vater eine Frist
bewilligte.
Edelmüthig allerdings, aber Dein Bruder that mehr als er nöthig hatte.
Er wußte nicht, wie lammweich das Tigerherz des Barons geworden war. Er
gab ihm Wechsel.
Wechsel! wiederholte Clara und plötzlich lief es wie ein Blitz durch
ihren Kopf, sie dachte an die Fragen und Antworten ihres Vaters und
Bruders.
Wechsel! erwiderte der Herr, indem er sich zu ihr neigte und mit
höhnischem Ausdruck hinzufügte: Papiere besondrer Art, die keines
Menschen Auge sehen darf.
Warum nicht? Was sagen Sie da? fragte sie fast unhörbar.
Weil sie falsch sind! flüsterte er ihr ins Ohr.
Sie legte die Hand an die eisige Mauer, als suche sie eine Stütze,
plötzlich aber richtete sie sich auf und sagte mit großer Festigkeit:
Wem Sie diese Nachricht auch verdanken mögen, sie ist nichtswürdige
Verleumdung. -- Herr von Gravenstein wird pünktlich wie mein Bruder es
ihm zugesagt, sein Geld empfangen.
Es ist möglich, erwiderte der Herr gleichgültig lachend, aber das ändert
nichts. Ich bin es nicht allein, der von dem Verbrechen weiß, auch Andre
wissen es, die Deines Vaters und Bruders Todfeinde sind. Jeden
Augenblick kann das Beil auf Euch niederfallen.
Mein Gott! mein Gott! seufzte das junge Mädchen.
Darum habe ich geschrieben, fuhr er fort, jetzt weißt Du es, aber ich
habe die Mittel in meiner Hand, alles Uebel von Euch abzuwenden.
Versöhne Dich mit mir, mein süßes Clärchen, flüsterte er bittend, indem
er den Arm um sie legte, schenke mir Dein Herz und Deine Liebe wieder
und ich schwöre Dir mit tausend Eiden, Alles soll sich fügen, wie Du es
wünschest. Nicht allein die Fälschung soll auf immer begraben bleiben,
ich will, wenn ich Dein Beichtvater sein darf, Dich so glücklich machen,
wie Du es nicht ahnen kannst, und wenn etwa wirklich der steife,
ehrenfeste Gravenstein Dir behagt, nun, so giebt es Wege genug, um ihn
aus Elisens Armen zu reißen, wenn uns Beiden damit gedient ist und wir
als Freunde verfahren.
Er hielt einen Augenblick inne, denn die Uhr im hohen Thurme über ihren
Köpfen hob aus und schmetterte elf dumpfe Schläge durch die Luft, die in
dem Werk der Mauern langsam verhallten.
Die Mitternachtsstunde beginnt und die Geister wachen auf, fuhr er dann
schmeichelnd fort. Laß uns gehen, mein armes, erschrockenes Clärchen,
ich begleite Dich. Die Nacht verschweigt alle Geheimnisse der Liebenden.
Hier heult der Wind, in Deinem Stübchen ist es warm. Bei Allem, was
heilig ist, ich will Dein treuester Freund und Diener sein.
Mit einer plötzlichen Anstrengung machte sie sich frei; aber er faßte
sie fester in seinen Mantel. Du willst nicht? fragte er lachend, Du mußt
wollen. Du bist zu verständig; ich habe Dich in meiner Macht; bedenke
Alles, ich liebe Dich ja.
O! wäre mein Bruder hier, sagte sie mit stolzer Heftigkeit. Laß meinen
Arm los, erbärmlicher Mensch!
Und wenn ich nicht will, Clärchen?
Ich befehle es, rief eine tiefe Stimme aus dem Dunkel des Portals und
drinnen regte es sich. Eine mächtige Gestalt löste sich aus dem Schatten
los; es klirrte und rauschte auf den Steinplatten. Die Ueberraschung war
so groß, daß der Unbekannte, von Furcht ergriffen, eilig zurücksprang
und über den Platz fortlaufend entfloh.
Nach einigen Augenblicken sah Clara die Gestalt hervortreten und sich
ihr nähern. Ein lähmender Schrecken hatte sie erfaßt; an die Wand der
Kirche gelehnt schien sie in diese versinken zu wollen, keines Wortes
mächtig und des Gebrauchs ihrer Glieder beraubt. -- Sie fühlte endlich,
daß sie unterstützt und fortgeführt wurde bis zu der Thür in der Mauer,
die unverschlossen geblieben war.
Eine Hand streckte sich aus und öffnete diese Thür, dann trat die dunkle
Gestalt zurück und ohne ein Wort zu sagen, wandte sie sich um und ging
mit festen raschen Schritten das Gäßchen hinauf. -- Wo die Straße
mündete, flimmerte ein Lichtstrahl aus einem gegenüber liegenden Hause
herein, Clara's Augen starrten dorthin. Sie sah einen hohen Mann, der
ohne umzublicken schnell um die Ecke bog, und von Fieberschauer
ergriffen, glühend und zitternd, eilte sie über den Hof, wankte
unbemerkt ins Haus und sank erschöpft auf ihr Bett.
»Du kannst es mir aber doch sagen, wer der Mensch gewesen ist!« mit
diesen Worten war Frau Mertens am Abend endlich eingeschlafen, als Anton
das Licht ausgepustet hatte und gar nicht mehr antwortete, und mit
denselben Worten erwachte sie am nächsten Morgen.
Anton schien Anfangs keine Lust zu haben einen Laut von sich zu geben.
Er unterhielt sich mit seinem Kinde, das er aus der Wiege nahm, hob es
zu dem Zeisig empor, der in dem kleinen Bauer am Ofen saß, und ließ es
in die Lampe schauen, nach der es jauchzend seine Händchen ausstreckte.
Was er mich ärgert! rief die Frau von Zeit zu Zeit dazwischen. Ich will
es wissen; ich sage, es ist schlecht von Dir, mich so zu quälen.
Antonchen? willst Du mich denn wirklich so kränken? Gut kannst Du mir
nicht sein, magst Du sagen was Du willst, Du kannst mir nicht gut sein,
sonst wär's unmöglich, daß Du mich so verachten könntest.
Liebste Guste, sagte er endlich, bist alleweil aufgebracht über Nichts.
Deine Tücher hast Du wieder und in jedem ein blankes Zweithalerstück
eingeknüpft. Hätte ichs gewußt, ich hätt's nicht genommen, doch weils
kleine Zettelchen sagte, es sollte für das Püppchen hier sein, so mag's
darum hingehen, aber Gutthaten soll kein Mensch sich abkaufen lassen,
und obenein -- nun ja, ich hab' Dir's gesagt -- obenein weil ich weiß,
wer unsere Christenpflicht erfahren hat.
Siehst Du wohl, fiel Guste heftig ein, Du weißt es, warum also soll ich
es denn nicht wissen? Ich bin Deine angetraute Ehefrau, und seiner Frau
muß ein ordentlicher, rechtlicher Mann Alles sagen, gar nichts darf er
ihr verschweigen. Willst es mir sagen, Antönchen? fuhr sie schmeichelnd
fort, ich habe Dir auch den Kaffee recht süß gemacht. Du lieber Gott!
wenn wir uns nicht einmal Alles anvertrauen sollten! Ich könnte Dir
nichts verheimlichen, und wenns mein Leben kosten müßte. Also, jetzt
sage es mir, wer ist es gewesen? Einen Bart hatte das Gesicht, ich will
es beschwören. Es ist eine Schande, Anton, daß Du sehen kannst, wie es
mir das Herz abdrückt. Das ist also der Lohn für alle meine Liebe und
Treue. Als ob er keine Ohren hätte, als ob ich ein hergelaufenes Weib
wäre, als ob ich -- hier stieß Guste mit der Kaffeekanne wüthend an die
Tasse, die sie umwarf und zerbrach, daß die braune Fluth weit über den
Tisch floß.
Ist es denn möglich! schrie sie im höchsten Zorn, so weit kann er es
treiben, dahin bringt er es mit seiner Schlechtigkeit, daß ich die Tasse
zerbrechen muß. Willst Du es nun sagen, Anton, willst Du es auf der
Stelle sagen. -- Sieh her, wie ich zittre; ich muß krank werden, es ist
nicht anders, und wenn ich da liegen werde aus Aerger und Gram über
Deine Behandlung, so sieh zu, was Dein Gewissen sagt.
Anton legte schweigend das Kind in die Wiege und schüttelte den Kopf.
Du hast kein Gewissen, rief Guste, Thränen in den Augen, wenn Du ein
Gewissen hättest, würdest Du ein anderer Mensch sein, ein Mann der seine
Frau achtet. Keiner würde es so machen wie Du, Keiner der seine Frau
liebt. Und heut haben wir Weihnachtsabend. Du lieber Gott! jeder Mensch
freut sich heut und ist einig und vergnügt. Ich habe gemeint heute
Freudenthränen zu vergießen, wenn das Christbäumchen brennt und unser
Kind vor Glück springt und seine kleinen Händchen ausstreckt und -- nun
-- nun -- sie hielt sich die Augen mit der Schürze zu.
Die Thränen einer Frau, und wären sie noch so thöricht, verfehlen selten
ihr Ziel bei einem Manne, der Mitleid und Liebe in seinem Herzen hegt.
-- Anton hatte längst alle Vernunftsgründe erschöpft, er wußte recht
gut, daß damit nichts mehr zu erreichen war; jetzt, als er die Aufregung
seiner Frau sah, wurde ihm bange, sie könnte wirklich krank werden und
großes Leid über ihn bringen.
Bist gut, liebste Guste, sagte er, noch sanfter wie gewöhnlich und
voller Theilnahme. Ich wollte es Dir gerne sagen, aber ich habe es
versprochen, stille zu schweigen, und ein ehrlicher Kerl muß doch sein
Wort halten, wenn's ihm auch schwer werden mag.
Wenn Du verständig wärest, antwortete sie eifrig, so würde es Dir gar
nicht einfallen, daß der Herr Deine Frau auch damit gemeint haben
könnte, nachdem ich es doch gewesen bin, die das Meiste damals für das
junge Frauenzimmer gethan hat.
Dies Samenkorn fiel auf keinen schlechten Boden, denn Anton nickte leise
dazu, aber im nächsten Augenblick sagte er dennoch: Ich weiß nicht,
Guste, aber es ist mir doch alleweil noch immer so, als ob es besser
wäre, Du wüßtest es nicht; wenn es Dir aber keine Ruhe läßt, nun in
Gottes Namen denn, so sollst Du es erfahren.
Als ob er sich jedoch in diesem stillen Raume noch scheute, was er wußte
laut herauszusagen, so flüsterte er seiner Frau einige rasche Sätze und
Namen ins Ohr, die diese mit Verwunderung anhörte, dann in die Hand
schlug und alle Zeichen halb gesättigter Neugier, die überall auf
Zweifel stößt und weitere Aufklärung fordert, in ihren Mienen und Augen
zur Schau trug.
Ich kann es noch gar nicht recht glauben! rief sie; aber jetzt fällt mir
das Gesicht wieder ein und die Aehnlichkeit.
Aber kein Wort, Guste, zu keinem Menschen, sagte Anton warnend. Wenn sie
es herauskriegten, daß der es war, das vergäßen sie uns nicht.
Was machen wir denn aber mit dem Professor, der es durchaus wissen will,
fragte sie.
Das wäre der Rechte, erwiderte Anton trotzig. Ich wollte, wir wären den
überhaupt los; ich wollte, ich hätte den Nußknacker nie gesehen.
Element! Guste, ich habe ihn satt; und es läuft mir eine Gänsehaut über
den Rücken, wenn ich an den Verein denke. Gehe mir weg, es brennt mir
Innen wie Feuer und die Finger zucken mir, daß ich da wieder hin soll
und mein Gewissen will's nicht leiden.
Du bist ein Narr, sagte die Frau lachend, als ob Einem das Gewissen satt
machte. Fang' nicht die alten Geschichten an, Anton, aber mit dem
Professor will ich schon fertig werden. Da kommt er über die Straße,
rief sie zum Fenster aufblickend und erschrocken in die Hände schlagend.
Er kommt, meiner Seele, in aller Frühe schon, und hat ein großes Pack
Schriften unter dem Arm.
Anton zog rasch seinen Rock an, stülpte den Hut auf und fuhr in die
Stiefeln.
Wo willst Du denn hin? schrie Guste, ihn am Kragen festhaltend.
Fort, sagte er hastig, ich will ihn nicht sehen. Mach, was Du willst,
ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich lügen soll, ohne die Wahrheit zu
sagen. Brings in's Geschick, liebste Guste, es soll nicht lange dauern,
so bin ich wieder da.
Er lief durch die Hinterthür in die Küche hinaus, als der Professor
bedächtig eben die Treppe hinabstieg. Die Frau packte die Tassen
zusammen in den Spülnapf und warf einen listigen Blick durch das
Glasfenster, als der Besuch draußen klopfte.
Ach, mein Gott! rief sie, die nassen Hände an der Schürze trocknend, der
Herr Professor, und wie sieht es hier aus.
Häuslich und wirthschaftlich, erwiderte Viereck. Ohne alle Störung, Frau
Mertens, guten Morgen. Ich habe Sie wohl überrascht? Und wo ist der
Mann?
Ich bin ganz allein, sagte sie mit koketter Verlegenheit ein wenig
verschämt und doch mit gehöriger Dreistigkeit lachend.
Und so hübsch, so zierlich, so allerliebst! rief der gelehrte Herr,
indem er mit der Hand an ihr schwarzes Polkajäckchen hinabstrich.
Blos wie es sich gehört, erwiderte Guste ausbeugend. Aber der Herr
Professor sind schon so früh auf der Straße.
Aus Theilnahme für Sie, kleine Frau, sagte er mit seinem freundlichsten
Grinsen; aus einem Zuge meines Herzens, der mich zu Ihnen reißt.
Na, wer das glauben wollte! Wenn's eine Brücke wäre, ich ginge nicht
drüber! rief die hübsche Frau, ihre großen blauen Augen schelmisch
aufschlagend.
Der Professor griff in seine Halsbinde und deutete mit drei Fingern auf
sein Herz. Zweifeln Sie nie, sprach er mit Würde. Wenn ich sage: Es ist
so! so steht es fest, es ist so! Meine Freundschaft ist treu, und eben
weil ich ein treuer Freund bin, geben Sie mir Ihre Hand.
Er streckte die Hand aus und blinzelte einladend unter seiner Brille,
indem er ihr zunickte.
Guste zuckte rechts und links mit den Schultern und fuhr mit den Händen
bald vor, bald zurück. Ach, nicht doch, Herr Professor, sagte sie sich
sträubend; ich darf es gar nicht wagen; meine Hände sind nicht darnach,
die müssen arbeiten was vorkommt, und sehen Sie einmal hier, wie
zerstochen Daumen und Zeigefinger sind von allem Nähen.
Köstlich! rief der Professor, seine braunen runden Augen weit
aufmachend, indem er bald die Hände betrachtete, welche er beide endlich
festhielt, bald von seinem Stuhle nach oben sah in das kräftige blühende
Gesicht, das sich mit schalkhafter Sprödigkeit zur Seite wandte, als
wollte es seinen Blicken ausweichen.
Diese Naivität! dieser Humor! er ist unerreichbar, flüsterte Viereck,
und diese appetitlichen Händchen! fügte er mit einer begeisterten
Anstrengung hinzu. Gerade wie Gretchen im Faust von ihren Händchen sagt:
Wie mögt ihr sie nur küssen und dennoch -- hier drückte er einen Kuß auf
Gustens Finger, die sie rasch fortzog und lachend drohte: Wenn Anton das
wüßte! Warten Sie, Herr Professor, der ist eifersüchtig wie ein Türke;
ich darf es ihm gar nicht sagen.
Der Professor war entzückt, daß Jemand auf ihn eifersüchtig sein könnte.
Er schlug übermäßig lachend mit der Hand auf sein Knie und schleuderte
ein Paar triumphirende Blicke auf den Gegenstand seiner Hingebung.
Lassen Sie ihn eifersüchtig sein, wir wollen es ihm schon abgewöhnen,
sagte er. Ich denke ihn zu erziehen, zu bilden und zu uns zu erheben.
Kommen Sie her, kleine Frau, kommen Sie her, wir wollen Frieden
schließen; ich denke, Sie fürchten sich nicht vor mir.
Guste machte ein listiges Gesicht. Sie war eine Hand breit größer, als
der Professor, und offenbar zu Vergleichen aufgefordert. Ich fürchte
mich gar nicht, erwiderte sie, wovor sollte ich mich denn auch fürchten?
Allerliebst! lachte der Professor, die Hände mit ungeheurer Schnelle
reibend, allerliebst, und doch so natürlich. Nein, Furcht dürfen Sie
nicht haben, haha! Furcht ist ganz überflüssig, ich will Ihnen ja nur
Liebes und Gutes erzeigen. Er grinste sie entzückt an, und Guste stimmte
vergnügt in sein Gelächter ein, während etwas sich um ihre Brust
zusammenzog, was bis in ihre Fingerspitzen ärgerlich zuckte. Nun sehen
Sie her, fuhr Viereck fort, ich will Ihnen auch sogleich den Beweis
dafür geben. Heut ist Weihnachtsabend und gestern spät haben wir noch
über die Vertheilung der gesammelten Geschenke und Geldspenden
beschlossen. Aepfel und allerlei Süßigkeiten, sammt Spielzeug für den
kleinen Burschen da, sollen heut Abend noch folgen, aber das Beste
bringe ich gleich mit, heda! Er schlug an seine Tasche, faßte hinein,
zog eine Hand voll Thaler heraus und zählte langsam und laut funfzehn
Stück auf den Tisch.
Streichen Sie ein, rief er, streichen Sie Alles ein, und keinen Dank
jetzt, ich werde ihn mir später einfordern. Mertens soll mir morgen den
Empfang bescheinigen, aber ich denke, kleine Frau, Sie sollen öfter
blanke Thaler einstecken. Ich habe die Mittel, um Anhänglichkeit zu
belohnen; nun, was meinen Sie -- bin ich Ihr Freund oder nicht? He,
Gustchen? Ist ein treuer Freund nicht eine gute Sache in aller Noth?
Ums Himmels Willen! rief Guste seinen annähernden Bewegungen
ausweichend, wenn Jemand käme! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll,
lieber Herr Professor. Ach Gott! wie wird Anton sich freuen!
Wo steckt er denn eigentlich? fragte er.
Er ist zu Kunden gegangen, sagte sie, und will wohl auch ein
Christbäumchen mitbringen.
Da fällt mir ein, rief der Professor plötzlich ernsthaft werdend, daß
ich von gestern noch ein paar Fragen zu thun habe.
Guste nahm rasch die Thaler fort, legte sie in den Tischkasten und
stellte sich davor. Was war es denn, gütiger Herr Professor, was war es
doch gleich? sagte sie während dieser Arbeit. Ach! richtig, Sie wollten
wissen, wie es mit den beiden blutigen Tüchern war, die wir der armen
Dame geliehen hatten und mit dem bärtigen Herrn, der sie gestern Abend
wiedergebracht hat.