einen stolzen Glanz. In der nächsten Minute aber war dieser erloschen
und mit sanftem Tone sagte er: Was mich bewegen konnte, den Mann
aufzusuchen, der einst der Freund meiner Jugend war, ja, der mir oft
betheuert hat, daß nichts unsere Freundschaft trennen könne, das ist der
innere Glaube an seine Redlichkeit.
Der Geheimrath unterdrückte die Antwort, welche er geben wollte. Ich
würde bitten, sagte er, zur Sache zu kommen.
Wohlan denn, erwiderte Herzer, so möge was Freundschaft heißt schweigen
und nur die Gerechtigkeit sprechen. Ich schulde dem Herrn von
Gravenstein ein Kapital, das er plötzlich von mir zurückgefordert hat.
Doch das Alles ist hier bekannt genug, fuhr er stockend fort, ich will
nicht eindringen in die Beweggründe derjenigen, die ihm die übelste
Meinung von mir beigebracht haben.
Das ist nicht meine Sache, rief Wilkau, die Stirn faltend.
Lassen wir es, sagte Herzer sanft. Ich soll dies Kapital zahlen, ich muß
es schaffen. Ich habe einen Prozeß verloren, den ein gewissenloser
Verwandter durch einen Eid gewonnen hat, welchen er niemals hätte
leisten sollen.
Was geht das mich an, fiel der Geheimrath unruhig ein.
Ich habe Alles versucht ein verhärtetes Gewissen zu rühren, erwiderte
der Fabrikant, und vielleicht würde es mir gelungen sein, wenn nicht
auch dabei ein Einfluß sich geltend gemacht hätte, der in erbitterter
Leidenschaft mich zu verderben sucht.
Das heißt ich -- ich bin damit gemeint! unterbrach ihn der Geheimrath
mit Heftigkeit.
Wilkau! rief Herzer, beide Hände erhebend, wie weit ist es mit uns
gekommen, daß ich so Dir gegenüber stehen muß.
Ich trage keine Schuld daran -- ich nicht! versetzte der große,
hartblickende Mann. Ich weise jede perfide Andeutung von mir.
Ich läugne meinen Antheil an der Schuld nicht ab, erwiderte Herzer. Ich
bin wohl zu heftig gewesen -- habe die Verhältnisse nicht richtig
beurtheilt -- habe Dir zu strenge Vorwürfe gemacht, statt zu bedenken,
daß wir Alle Nachsicht nöthig haben und Niemand ein Ketzerrichter sein
soll über Glauben und Meinung seiner Brüder.
Ein leises Lächeln lief über Wilkau's Gesicht. Was kann oder soll ich
denn thun? fragte er ruhiger.
Ich will Deine Verwendung in doppelter Art in Anspruch nehmen, sagte
Herzer, und bitte Dich inständig darum. Herr von Gravenstein steht Dir
so nahe, daß es nicht schwer für Dich sein kann, ihn zu bewegen, mir das
Kapital nur auf ein Jahr noch zu lassen, oder doch auf ein halbes Jahr.
Ich bin nicht ruinirt, aber bedrängt und verstrickt. Bei meinem Worte!
dem Worte eines ehrlichen Mannes, er soll keinen Pfennig an mir
verlieren.
Ich glaube kaum, erwiderte Wilkau, daß meine Verwendung etwas nützen
kann.
Alfred hat mir erklärt, daß er einen letzten Termin gesetzt hat.
So ist es, in drei Tagen, am Weihnachtsabend, soll ich zahlen.
Was man nicht kann, sagte Wilkau, kann man eben nicht.
Ich muß es, wenn Gravenstein es fordert.
Du mußt? fragte der Geheimrath. Nachdem Du Deine kostbaren Vorräthe
glücklich nach Hamburg geschafft hast, sollte ich meinen, eine
Beschlagnahme, selbst wenn diese erfolgte, könnte Dich nicht so sehr
beunruhigen.
Meine Ehre, die Ehre meines Sohnes bürgt dafür, erwiderte der Fabrikant,
dessen Gesicht sich röthete.
Hat Gravenstein keine weitere Bürgschaft? fragte der Geheimrath.
Herzer hielt mühsam an sich, es kostete ihm sichtlich große
Ueberwindung. -- Ich glaube, sagte er, daß Herr von Gravenstein nichts
Besseres haben kann, als was er besitzt. Ich werde zahlen und muß
zahlen, und wenn ich Alles hergeben soll, was noch mein ist; aber ich
bitte Dich dringend, mir zu helfen.
Wenn Herr von Gravenstein wirklich so hart sein sollte, selbst gegen
Deine Fürsprache, fuhr er dann fort, als Wilkau schwieg, -- aber nein!
es ist nicht möglich -- doch wenn es so wäre, nun so giebt es vielleicht
noch einen andern Weg. -- Daß ich betrogen worden bin von Zippelmann,
hast Du früher oft mir selbst gesagt; daß er falsch geschworen hat, ist
mir wenigstens so gewiß, wie die Sonne am Himmel steht. Du hast große
Macht über ihn. Mein Gott! ich verlange nichts, als diese fünftausend
Thaler, oder wenn es nicht anders sein kann, will ich sie als Darlehn
betrachten, verzinsen, wieder bezahlen.
Er legte seine heiße Hand auf die kalten Hände des großen Mannes, und
sah ihm bittend in das undurchdringliche Gesicht. -- Laß Dich bewegen,
Wilkau, fuhr er mit bebender Stimme fort. Es wird mir schwer, unendlich
schwer, aber vergieb und vergiß, was uns trennte. Um unsrer alten
Freundschaft, um Recht und Gewissens willen weise mich nicht ab.
Hat nicht Dein Sohn Felix, Deine Tochter und Du selbst, habt Ihr nicht
Alle schon jede Mine springen lassen, um Zippelmann dazu zu vermögen?
fragte Wilkau grollend. Dein Sohn hat ihm Wechsel vorgelegt.
Er suchte einen Vergleich zu schließen.
Aber er hat zuletzt den alten Herrn auf's äußerste beleidigt, fuhr
Wilkau fort.
Er hat ihm einen Wahrheitsspiegel vorgehalten, erwiderte Herzer.
Und wo sind die Wechsel geblieben? fragte der Geheimrath mit einem
eigenthümlichen, scharfen Ausdruck, indem er dem Fabrikanten
durchbohrend in's Gesicht sah.
Eine dunkle Röthe loderte darin auf und verwandelte sich dann plötzlich
in ein fahles Grau. Ich verstehe Deine Frage nicht, antwortete er
mühsam.
Es war eigentlich nur damit gefragt, ob Zippelmann die Wechsel nicht von
Dir angenommen, ob er sich auf nichts eingelassen hat?
Auf nichts! wiederholte Herzer vor sich niederblickend.
Eine kleine Pause entstand. Es regte sich unter der Stirn des
Geheimraths ein Gedanke, der siegreich aus seinen Augen glänzte. Er
betrachtete den gebeugten Mann mit stolzer Genugthuung; dann wandte er
sich um, durchschritt das Zimmer, lächelte vor sich hin und kehrte
zurück, indem er dicht vor Herzer stehen blieb.
Ja, so weit ist es mit Dir gekommen, sagte er. Du, so stolz und
unbiegsam, auch Du hast Dich endlich bekehrt und lernst einsehen, was es
heißt, das Gute und Vernünftige verachten.
Ich bitte Dich, Wilkau, ich bitte Dich, sage mir, ob Du mir helfen
willst, erwiderte Herzer, mühsam athmend.
Ich will allerdings, sprach der Angeredete, aber ich kann nicht anders
als unter einer Bedingung.
Welche Bedingung? Du willst -- nenne sie! sagte der Fabrikant.
Du kennst meine Ueberzeugung, meine Stellung, meine Verhältnisse; Du
weißt auch, wie Gravenstein denkt. Es ist Gewissenssache für uns, dem
Gesinnungsgenossen zu helfen; für den Mann, der immer noch im Geruch
steht, einer der thätigsten Förderer fortgesetzter Wühlereien zu sein,
darf ich nichts thun.
Du meinst -- stammelte Herzer und fieberhafte Röthe lief über seine
Stirn.
Ich meine, sagte Wilkau, Du sollst öffentlich Dich lossagen, Dich
öffentlich zu uns bekennen.
Ich verstehe, murmelte der Fabrikant; o, ich verstehe!
Entschließe Dich, fuhr der Geheimrath fort. In diesem Falle will ich
Gravenstein zu bestimmen suchen, will selbst versuchen, Zippelmann zu
dem Vergleiche zu bewegen. Die Wechsel, ich sage die Wechsel, sollen
acceptirt werden, und wenn Alles fehlschlagen sollte, will ich selbst
mich verbürgen.
Schande und Schmach über mich; sprach Herzer mit erdrückter Stimme.
Schande so wenig als Schmach ist es, rief Wilkau, da zu stehen, wo ich
stehe und so viele Ehrenmänner.
Mit einer heftigen Bewegung ergriff Herzer seinen Hut. Er richtete sich
stolz auf, sah den Geheimrath durchdringend an und sagte ruhig: Du hast
gewußt, was ich antworten muß. Du hättest nichts Besseres ersinnen
können. Ich gehe und werde Dich nie mehr belästigen.
So geh! rief Wilkau ihm nach. Ich wußte es wohl, ein Mensch, wie Du, ist
unverbesserlich und wird niemals klug werden!
Es mochte um die neunte Stunde sein, als Herzer in dem großen Wohnzimmer
gedankenvoll auf dem Sopha saß, den Kopf auf seinen Arm gestützt. Er sah
unverwandt in die Flamme der Lampe, welche auf dem Tisch brannte, und
schien nicht auf die Klänge zu hören, die aus einer dämmernden Ecke des
Zimmers kamen. Seine Tochter saß dort am Flügel und ließ ihre
Empfindungen zu Tönen werden, welche bald in einzelnen klagenden
Accorden, bald in einer Reihe melodischer Verbindungen sich bewegten.
Lange Zeit war zwischen den beiden Personen kein Wort gewechselt worden,
bis Clara nach ihrem Vater umblickte, der aufgestanden war und die Hände
auf den Rücken gelegt, mit großen Schritten hin und her ging.
Sein würdiges, ernstes Gesicht war sorgenvoll und unruhig. Zuweilen
schüttelte er seinen ergrauten Kopf, und hob ihn lebhaft auf, als sei er
unmuthig über seine Gedanken, wenn er aber in die Nähe des jungen
Mädchens kam, nickte er ihr zu und betrachtete sie mit freundlichen
Blicken.
Wo ist denn Felix? fragte er endlich, als er bemerkte, daß seine Tochter
ihr Spiel eingestellt hatte.
Seit Nachmittag schon ist er fort und noch nicht wieder heimgekehrt, gab
sie zur Antwort. Du bist betrübt, Vater?
Nicht über Dich, mein liebes Clärchen, erwiderte er, ihr die Hand auf
die Stirn legend, indem er an dem Instrument stehen blieb.
Sie sah zu ihm auf und schlang die Arme um seinen Hals. Mein armer
Vater, flüsterte sie zärtlich, Du bist so gut und wahr, und doch so
verfolgt vom Mißgeschick.
Das ist der Lauf der Welt, mein Kind, sagte Herzer. Kein wilderes Thier
als der Mensch; kein grausameres, wenn es gilt, den Nebenmenschen zu
hassen, zu höhnen und zu quälen.
Du bist bei Wilkau gewesen, fuhr sie fort. Ich habe Dich nicht gefragt.
Felix hat es auch nicht gethan, wir wußten Beide, daß es ein
unglücklicher Versuch war.
Vergessen wir es, rief der Fabrikant. Vergessen wir ihn, ich will alle
diese Versuche aufgeben.
Und Alfred von Gravenstein hast Du auch gesprochen?
Nein, sagte Herzer, was kann es nützen. Er ist verlobt mit der eitlen
leichtsinnigen Elise, er ist ihr willenloses Geschöpf.
Schmähe ihn nicht, Vater, fiel Clara lächelnd ein, dieser Gravenstein
hat wenigstens doch ein menschliches Rühren gezeigt.
Ah, Felix! rief Herzer, indem er sich zur Thür umwandte, durch welche
sein Sohn hereintrat, wo bist Du gewesen?
Auf der Jagd nach armen Seelen, lachte der junge Mann, oder was diesmal
Eines und dasselbe ist, auf der Königsjagd.
Clara faßte ihren übermüthigen Bruder am Arm und sagte im tiefsten Tone:
Sie begleiten mich auf der Stelle; Ihre verbrecherischen Aeußerungen
müssen näher untersucht werden. Königsjagd! arme Seelen! Hochverrath,
Aufruhr, Mord! Fort mit ihm!
Wie, mein Schwesterchen, sind das Reminiscenzen? rief Felix. Aber thue,
was Du willst, ich werde mich glänzend vertheidigen. Wer kann mir Mangel
an Patriotismus vorwerfen, wenn ich mir die erdenklichste Mühe gebe um
fünftausend Mal das Bildniß des geliebten Landesvaters zu besitzen.
Und wenn ich nicht irre, sagte Clara, so beweist Deine übermüthige
Laune, daß Du begründete Hoffnungen hast, diese patriotische Liebhaberei
belohnt zu sehen.
Gott sei Dank, ja! erwiderte Felix vergnügt, indem er sich in einen
Stuhl warf, es ist mir gelungen. Ich habe die Zusicherung eines
achtbaren Mannes erhalten, der mein Freund und Agent für ein großes Haus
ist. Er sah ein, daß unsere Lage keinesweges gefährlich sei; ich
vertraute mich ihm an, erzählte ihm den ganzen Handel von Schufterei und
Erbärmlichkeit und erhielt die Zusicherung, daß er auf ihn gezogene
Wechsel auf vier Monate laufend, im Belang von 5000 Thalern annehmen
werde.
Wir sind also glücklich aus der Klemme, fuhr er fort. Diese Papiere
lassen sich leicht verkaufen, und Gravenstein soll übermorgen sein Geld
haben. Ein hübscher Weihnachtsabend wird es für den jungen Herrn sein,
wenn er damit der reizenden Braut alle Gelüste ihres Herzens erfüllen
kann. -- O! sie wird ihn mit den zärtlichsten Blicken belohnen, sie wird
so geistreich und liebenswürdig sein -- bah! fort damit, unterbrach er
sich dann, genug wir werden von der ganzen Plage befreit werden und
haben nur zu sorgen, daß wir in vier Monaten unsere Pflicht erfüllen,
was so schwer nicht sein wird.
Armer Felix, sagte Clara, ganz vergessen hast Du noch nicht, was einst
ein schöner Traum Deines Lebens war.
Man vergißt nie den Schmerz um Täuschungen, erwiderte er, und es ist so
leicht, getäuscht zu werden. -- Siehst Du, Clara, es gab eine Zeit, wo
ich Elisen gläubig verehrte und beinahe so lieb hatte, wie ich Dich
habe. Ohne ausgesprochene Worte war ich mir meines Glückes bewußt. Aber
diese schönen Tage währten nicht lange. Auch ohne die Zerwürfnisse der
Väter wäre der letzte gekommen, denn ich sah bald ein, daß ich der
Rechte nicht sei. Meine Einfachheit trat ihren Wünschen und Neigungen zu
grell entgegen, ich wurde mit jedem Tage unmöglicher; ich war ein
formloser, roher, ungehobelter Bursch, der überall mit der Thür ins Haus
fiel, und nun gar, als der Sturm losbrach und mein Bart wuchs! Er lachte
auf, indem er die Fülle seines Haares zerzauste. Nein, sagte er dann,
das Gleiche zum Gleichen, das ist das richtige Rechenexempel des Lebens.
Der Junker paßt zum Fräulein, mögen sie glücklich sein, ich wünsche es
ihnen von Herzen.
Sie werden sich gegenseitig betrügen, sprach Herzer vor sich hin.
Wer weiß, rief Felix. Gravenstein ist ein stolzer, straffer Mann,
beschränkt in seinen Vorurtheilen, dennoch ein Mann von Ehre in seiner
Art, der streng hält, was er verspricht, aber von seinem Schuldner wie
von seiner Frau ganz dasselbe fordert.
Sage mir doch, fragte der Vater sich an den Sohn wendend, welche Mittel
waren es denn, durch welche Du ihn bewegt hast, uns Geduld zu schenken?
Mittel, Vater? erwiderte Felix, weiß es Gott! meine Mittel waren gering
genug. Ich stellte ihm unsere Lage vor, bat ihn mit Offenheit daran zu
glauben, daß wir pünktlich zahlen würden, und daß er sein Geld am
zehnten Tage spätestens haben sollte, was ich mit meinem Worte
verbürgte.
Mit weiter nichts? fragte Herzer.
Vater! rief der Sohn lebhaft betroffen. Ihre Augen begegneten sich, es
entstand eine Stille. Unruhe oder Mißmuth schickten ihre Schatten über
das Gesicht des jungen Mannes. Plötzlich aber erhellten sich seine Züge
wieder und mit der unbesorgten Ruhe und Heiterkeit, die der Grundton
seines Wesens zu sein schien, sagte er: Besorge nichts, Du hast nicht
den geringsten Grund, besorgt zu sein. Gravenstein hat mir zugesichert,
bis übermorgen zu warten, ich werde halten, was ich übernommen habe.
Alles löst sich daher, wie es sein muß; am Weihnachtsabend aber wollen
wir einen funkelnden Christbaum aufrichten, und dankbar an den denken,
der geboren wurde, um von den Pharisäern gekreuzigt zu werden, dieweil
wir ihnen glücklich entrannen.
Herzer schwieg zu dieser Erwiderung. Sein Auge ruhte noch eine Minute
lang auf seinem Sohne, der etwas in sein Taschenbuch schrieb, dann
schien er seine Gedanken mit einem Entschluß von sich abzuthun, denn
seine Mienen hellten sich auf und lächelnd reichte er Felix die Hand. --
Ich weiß, sagte er, daß Du verständig und tüchtig bist, daß Dein
Rechtsgefühl und Deine Ehre immer an dem richtigen Platz stehen. Meine
Kinder! Ihr seid ja mein einziges Gut. In dieser trüben Zeit fühle ich
erst recht, was es heißt, von meinen Kindern geliebt und getröstet zu
sein.
Nach einem herzlichen Familiengespräch über Mancherlei, was das
häusliche Leben betraf, wurde der Abendtisch bereitet und mit
wirthlicher Anstelligkeit von Clara versorgt. Man sah, wie geläufig ihr
die kleinen Mühen waren, wie sich alles schickte, was sie angriff und
wie sorgsam und mit ordnender Hand sie dies Hauswesen leitete. Im
schwarzen Kleide, das zierliche Häubchen auf dem dunklen Haar, sah sie
wie eine blühende junge Frau aus, was endlich auch der Vater in seiner
Freudigkeit aussprach und weitere Scherze daran knüpfte.
Was mich zumeist freut, sagte er, ist, daß ich Dich noch habe, mein
Clärchen; daß noch Keiner gekommen ist, den Du lieber hättest als mich,
und um den Du den alten Vater verlassen möchtest.
Nie werde ich Dich verlassen, erwiderte sie.
O! sage das nicht, Kind, fuhr er fort, das Schicksal könnte Dich beim
Wort nehmen, wie es gern zu thun pflegt. Ein Mädchen soll ja auch Vater
und Mutter verlassen, um mit dem Manne zu gehen, den ihr Herz gewählt
hat, und so thöricht bin ich nicht, um nicht zu wissen, daß es so sein
muß.
Ich werde mit Keinem ziehen! sagte Clara lächelnd.
Ei was! rief Herzer, Du willst doch nicht sitzen bleiben? Du bist
freilich nicht so, wie Andere, nicht so, wie Fräulein Elise zum
Beispiel, sehnst Dich nicht danach, von jungen Herren umtänzelt zu sein
und heute dem, morgen jenem zu gefallen, bis Einer an der Leimruthe fest
klebt.
Nun, fiel Felix lachend ein, die Leimruthe ist doch so übel nicht.
Alfred von Gravenstein ist ein Vogel, den Viele gern gefangen hätten.
Er will Dich necken, Clara, sagte der Vater, als ob der blondhaarige,
finsterblickende Baron Dir Neid einflößen könnte.
Felix weiß wohl, daß es nicht der Fall ist, erwiderte Clara.
Und ich weiß es vielleicht noch besser, rief Herzer, denn eine Seele wie
die Deine kennt weder den Neid, noch wird sie sich von falschem Schimmer
blenden und betrügen lassen.
Auch die reinste und edelste Seele kann getäuscht und betrogen werden,
sagte Felix, indem er ernsthaft auf seinen Teller blickte. Giebt es
nicht viele Fälle, wo die heiligsten Schwüre gebrochen, die Neigung
eines liebenden Herzens mit nichtswürdigem Verrath vergolten wurde?
Es giebt allerdings solche Fälle, sagte Herzer, aber immer sind es
schwache, eitle oder leidenschaftliche Mädchen, die sich an einen Mann
hängen, dem sie blind vertrauen, der ihrem Hochmuth oder ihren
sinnlichen Begehren schmeichelt, und dessen Falschheit sie erliegen,
weil sie es kaum besser verdienen.
Du urtheilst sehr hart, sagte Clara ruhig zu ihm hinblickend.
Das ist mein Stolz, fuhr der Vater fort, daß ich nicht so über Dich zu
urtheilen habe. Du kannst nicht betrogen und verrathen werden; Du
würdest mit Deiner freien, muthigen und klaren Erkenntniß der
Verhältnisse und Menschen Dich nicht von einem Manne berücken lassen,
der Deiner nicht werth wäre.
Mir fällt eben eine Geschichte ein, die ich vor einiger Zeit gehört
habe, sprach Felix. Ein schönes und liebenswürdiges Mädchen lernt einen
jungen Mann kennen, der sich viele Mühe giebt, ihr zu gefallen. Sie
trifft ihn in gesellschaftlichen Kreisen. Er ist geistvoll, schwärmt für
alles Schöne und Edle, aber seine Verhältnisse zwingen ihn, sich
vorsichtig zu benehmen; denn sein Vater ist ein hoher Staatsbeamter, er
hängt von ihm ab, und hat nur Aussicht, Unabhängigkeit und Stellung zu
gewinnen, wenn er seine wahre Meinung verbirgt.
Er heuchelte also, wie es Viele thun! sagte der Fabrikant.
Das Mädchen glaubt ihm und seinen Gründen, fuhr Felix fort. Sie verbirgt
dem strenggesinnten Vater ihre Neigung und ihre Zusammenkünfte. Sie
hofft, daß sich bald die Verhältnisse ändern, daß die Freiheit
wiederkehren und ihr Geliebter dann glänzend hervortreten werde.
Die Thörin! rief Herzer, habe ich nicht Recht?
Statt dessen aber befestigt sich die Reaktion und geht weiter. Der junge
Herr ist klug genug dies zu erkennen; er hört auch, daß das Mädchen, die
er für reich gehalten, es nicht ist, weil ihr Vater viel verloren hat.
Von jetzt an faßt er seine Entschlüsse. Er bemüht sich der Regierung
seinen Eifer und seine Ergebenheit zu bezeigen, und was die junge Dame
anbelangt, so macht er die nichtswürdigsten Versuche ihre Liebe zu
benutzen, um sie zu entehren und dann zu verlassen.
Was ihm natürlich auch gelungen ist, fiel Herzer ein.
Was ihm nicht gelungen ist, sagte Clara sich aufrichtend.
Ihr Gesicht hatte sich geröthet, ihre Augen glänzten vor Bewegung, sie
blickte ihren Vater lange und fest an, der langsam die Hände faltete und
mit Gewalt zusammenpreßte.
Du kennst diese Geschichte also auch? fragte er.
Ich kenne sie genau, erwiderte Clara. Sie verhält sich ganz so, wie
Felix sie erzählte.
Eine lange Pause folgte, endlich stand Herzer vom Tische auf und
trocknete sich die Stirn. -- Was ich thöricht bin, sagte er lächelnd,
ich könnte mich fast vor Eurer Geschichte ängstigen, weil ich mir den
Gram und Zorn des Mannes vorstelle, der solche Noth an seinen Kindern
erlebt. O! man kann Vieles an Kindern erleben, viel Freude und viel
Leid, aber laßt uns nur an die Freude denken. Meine Sorge ist Euer
Glück, mein ganzes Herz ist voll Sehnsucht, Euch glücklich zu wissen,
und kein Opfer wäre mir zu groß, wenn ich wüßte, daß eine Gefahr Euch
bedrohte und ich könnte sie abwenden.
Mit seiner linken Hand umfaßte er die Tochter, die Rechte reichte er
seinem Sohne. Dann küßte er Clara's Stirn und sagte mit Heiterkeit: Man
muß sich oft vor seinen eigenen Gedanken hüten, die unsere ärgsten
Feinde sein können. Ich habe noch Einiges zu arbeiten und bin müde, zwei
Dinge, die sich schlecht vertragen. Geht also für heut, und gute Nacht.
In einer Stunde denke ich auch zu schlafen; morgen aber wollen wir
sogleich Dein Wechselgeschäft ordnen und je eher je lieber Gravenstein
befriedigen.
Er zündete ein Licht an und ging aus dem Zimmer in das Comptoir. Felix
blieb bei seiner Schwester am Tische sitzen, ihre Hand ruhte in seiner
Hand. Er verfolgte mit seinen Augen ihre Blicke mit rührender Besorgniß
und Zärtlichkeit. Dann streichelte er ihre Stirn, legte den Arm um sie
und betrachtete sie wieder, bis er seinen eigenen Gedanken nachging, die
ihn in lange Betrachtungen versenkten. Es währte geraume Zeit, ehe ein
Wort gewechselt wurde. Was ahnet er? sagte der junge Mann endlich vor
sich hin.
Ich glaube Alles! antwortete Clara leise.
Alles! wiederholte er auffahrend, nein! nein! Aber, bei Gott, Clara! es
liegt Etwas auf meiner Brust, was ich fort wünschte. Zum erstenmale in
meinem Leben habe ich die Augen nicht aufschlagen können vor meinem
Vater, und doch habe ich nichts gethan, dessen ich mich schämen müßte.
Was ist es also? fragte Clara.
Still! sagte er, frage mich nicht. Ich wollte, ich schwämme auf dem
blauen Wasser und Du säßest dort bei mir, ich wollte es Dir erzählen.
Sagtest Du nicht heut, daß Du mir etwas mittheilen wolltest?
Clara besann sich einige Augenblicke und schüttelte dann lächelnd den
Kopf. Es ist nichts, sagte sie.
So schlaf, mein Clärchen, und behüt' dich Gott!
Gute Nacht, mein geliebter Bruder, erwiderte sie. -- Die Geschwister
umarmten sich zärtlich, dann entfernte sich Felix, und das junge Mädchen
war allein.
Sie hörte aufmerksam auf die Schritte ihres Bruders, der den Vorsaal
öffnete und die Treppe hinaufstieg, dann blieb sie an der Thür zum
Comptoir stehen, klopfte endlich an und legte die Hand auf den Drücker,
als sie keine Antwort erhielt. Aber sie überzeugte sich sogleich, daß
ihr Vater diesen Ort der Arbeit schon mit der Ruhe seines Zimmers
vertauscht habe, und schob nun die Riegel vor, indem sie zugleich den
Schlüssel umdrehte.
Clara war jetzt sicher, ungestört allein zu sein, und ohne Zweifel
suchte sie sich vor jeder Ueberraschung zu behüten; aber Alles, was sie
vor hatte, erweckte ihr keine Unruhe. Sie schien jeden Schritt vorher
überlegt zu haben, den sie ohne Zaudern jetzt ausführte.
Nachdem alle Thüren verschlossen waren, ging sie aus dem großen Zimmer
in ein finsteres Nebengemach und aus diesem in ein drittes. Nach einigen
Minuten kam sie zurück, einen dunkeln weiten Mantel über dem Arme und
eine Kappe in der Hand. Sie legte Beides auf einen Stuhl in der Ecke,
setzte sich dann an den Tisch und zog aus einem Körbchen eine
Häkelarbeit hervor, deren buntes Farbengemisch, verschlungen mit
blitzenden Stahl- und Goldperlen, sie eine Zeit lang beschäftigte. --
Nur zuweilen hielt sie einen Augenblick ein, um nach der großen Stutzuhr
hinüber zu schauen, die auf dem Pfeilertisch stand; endlich aber ließ
sie die Hände sinken und neigte ihr schönes weißes Gesicht tief nieder,
um es mit dem Ausdruck stolzer Entschlossenheit wieder zu erheben.