Und was geschah dort? fragte der Geheimrath erwartungsvoll.

Er blieb sehr lange allda, sagte der Beamte, in den Bericht sehend,

endlich fand sich der Exekutions-Direktor mit drei Gehülfen ein, welche

am Hause warteten, bis Herr von Gravenstein heraustrat.

Die Beschlagnahme erfolgte also wirklich, rief der Geheimrath seufzend.

Er ist doch sehr zu beklagen, der unglückliche Mann!

Herr von Gravenstein ging mit dem Direktor die Straße hinauf, sprach mit

ihm eine Zeit lang, und entfernte sich dann.

Was sagen Sie? rief Wilkau hastig. Es geschah nichts? Sie gingen fort?

Sie gingen fort. Herr von Gravenstein speiste im Hotel, und ging dann

wieder aus, wahrscheinlich um eine Wohnung zu suchen, die er auch in der

Kurfürstenstraße gefunden hat. Er wurde dabei begleitet von dem Assessor

Stephani, welcher vor dem Hotel ihn anrief, und zwischen den beiden

Herren ging es sehr lebhaft her. Herr von Gravenstein erzählte etwas,

was den Herrn Assessor sehr zu wundern schien. Unmöglich! rief dieser

laut, Sie sind auf jeden Fall betrogen. Lassen Sie mich die Dinger doch

näher betrachten. Herr von Gravenstein weigerte sich jedoch, ich hörte,

daß er antwortete: Mag es sein, wie es will, ich habe die Bedingungen

angenommen und werde sie halten.

Was halten? Was hat er angenommen? fragte der Geheimrath in lebhafter

Unruhe.

Davon steht nichts weiter in dem Bericht, sagte der Kommissär

achselzuckend. Die beiden Herren spazierten Arm in Arm weiter, besuchten

dann das Theater und verfügten sich noch vor dem Schluß desselben in die

Wohnung des Herrn Assessors, wo Herr von Gravenstein wahrscheinlich

speiste, bald nach zehn Uhr aber sich entfernte.

Und in sein Hotel zurückkehrte, sprach der Geheimrath ungeduldig

dazwischen. Ein ziemlich ungefährlicher erster Tag also.

Hier steht die Bemerkung, sagte der Kommissär, daß der junge Herr einen

etwas weiten Umweg machte, um sein Hotel zu erreichen. -- Er ging

nämlich mitten durch die Stadt bei dem Hause des Herrn Herzer vorüber,

wo er längere Zeit still stand, vielleicht um dem Klavierspiel

zuzuhören, was drinnen noch getrieben wurde.

Das ist eine seltsame Laune, rief der Geheimrath lachend. Wer spielte

denn? Es wurde auch gesungen, nicht wahr?

Davon steht nichts hier, erwiderte der Beamte; aber man bemerkte einen

Mann, der im Schatten der Häuser dem Herrn von Gravenstein langsam

folgte und ihn genau zu beobachten schien.

Ein Mann, der ihn verfolgte? flüsterte der Geheimrath, seine Hand auf

den Arm des Kommissärs legend. -- War es einer der beiden Taugenichtse?

Einer der Mörder? Hat man ihn ergriffen?

Nein, sagte der Kommissär lächelnd, es war nicht nöthig. Er ging bis in

die Mitte des Hotels mit, dann wurde er seinerseits beobachtet und

verfolgt, und es ergab sich --

Was? Was?! fragte der Geheimrath.

Daß es der Herr Assessor Stephani war.

Stephani? -- Sonderbar.

Sehr sonderbar, sagte der Beamte.

Bah! lachte Wilkau. Sie wissen, junge Herren treiben Scherz, beobachten

sich, oder es mag Fürsorge gewesen sein; genug, mein lieber Nachbar, ich

sage Ihnen den besten Dank und bitte Sie, die genaue Ueberwachung

fortzusetzen. -- Den Eifer der Wächter und ihre großen Mühen kann ich

freilich nicht belohnen, aber die _buona mano_, wie die Italiener sagen,

kann ich mir nicht versagen.

Er reichte dem Beamten lächelnd die Hand, und drückte ein Zettelchen

hinein, das wie eine Banknote aussah, welche der würdige Mann jedoch

vorläufig gar nicht zu bemerken schien. -- Er empfahl sich mit einer

devoten Verbeugung, und als er fort war, setzte sich der Geheimrath

nachdenkend in seinen Arbeitsstuhl, rieb sich die Nase und murmelte

allerlei Worte dumpf vor sich hin, bis er plötzlich nachdrücklich sagte:

Jedenfalls ist Alfred auf schlechten Wegen. Was soll das Alles heißen?

Die Beschlagnahme erfolgt nicht. Abends spät läuft er an dem Hause

vorbei, hört das Geklimper und bleibt lange Zeit dort stehen. -- Ich

kann es nicht denken, daß er von diesen Menschen sich angezogen fühlt.

Aber was haben sie ihm angethan, wie haben sie ihn gekirrt? Ich bin

auf's Aeußerste begierig. Der Assessor, ja, der Assessor, der muß uns

helfen, das ist der Mann dazu.

Während der Geheimrath in seinem Zimmer nun weiter grübelte und über

Alfreds Sentimentalität und Thorheit sich ärgerte, war auf der anderen

Seite der glänzenden Wohnung die Geheimräthin auch nicht ohne Besuch.

Sie saß vor ihrem Arbeitstische wie auf einem Throne, eine Feder als

Zepter in der Hand, und vor ihr standen zwei arme Sünder um Gnade

flehend, von denen der Eine wenigstens sehr verlegen und

niedergeschlagen aussah.

Es war das Ehepaar aus dem Keller des fünfstöckigen Hauses, Anton

Mertens und seine rüstige Gattin. -- Er hielt den Hut zwischen seinen

Händen und drehte daran umher, während sein Kopf gar nicht in die Höhe

wollte und sein sonst blasses Gesicht einen röthlichen Schimmer der

Freude oder Schaam trug. -- Guste stand neben ihm und schien nicht wenig

über das linkische Benehmen ihres Mannes erzürnt zu sein. Ihre Augen

flogen wie Richtschwerter über ihn hin; es war deutlich zu sehen, was

ihr auf den Lippen saß, aber sie wagte doch nicht einen Vorwurf oder

eine Klage auszusprechen.

Ihr habt also endlich Einsehen gehabt und wollt vernünftig werden, sagte

die Geheimräthin mit einem gütigen Kopfnicken. Nun, der liebe Gott weist

auch die nicht zurück, welche zuletzt kommen, also werden wir es nicht

anders machen wollen; aber das muß ich dennoch sagen, von Anton hat mich

die Halsstarrigkeit tief betrübt. Ein Mensch, der uns so viel zu danken

hat, hätte niemals mit solchem Trotze gegen uns sich auflehnen müssen.

Der Schuhmacher zuckte die Achseln und stieß einige brummende Töne

hervor, die unter seinem Hute sich verloren.

Ach! liebe, gnädige Frau, bat Guste, ängstlich die Hände faltend, es

steht ja in der heiligen Schrift: Richtet nicht, so werdet ihr nicht

gerichtet!

Ja wohl, Auguste, das steht da, sagte die Geheimräthin, und eben

deswegen, eben weil wir alle Christen sind und jeder Christ seinen

Mitmenschen liebend aufheben soll, wenn er fällt, darum will ich auch

Alles vergessen, wenn Anton jetzt ernstlich und eifrig vom Bösen sich zu

dem Guten wendet und Beweise giebt, daß er bereut.

So rede doch, sagte Guste, indem sie ihren unbeholfenen Mann mit dem

Ellenbogen ziemlich lebhaft anstieß. Er ist ganz niedergeschlagen über

Ihren Zorn, liebe gnädige Frau, fuhr sie dann eifrig fort; mehr als

einmal hat er schon bitterlich darüber geweint, daß Sie ihn für

undankbar halten können, während er für seinen Wohlthäter durch's Feuer

gehen möchte. Ist es nicht wahr, Anton.

Bei diesen Worten hob Mertens das Gesicht auf. Er legte die Hand auf

seine Brust und sagte treuherzig: Das war gescheut, daß Guste das sagt.

Durch's Feuer möcht' ich gehen für meine Wohlthäter und Sie haben viel

Gutes an uns gethan.

Ich will Ihnen gern die Feuerprobe erlassen, Anton, erwiderte die Dame

gütiger gestimmt, aber das bitte ich mir aus, daß Sie sich in den Verein

aufnehmen lassen.

Er soll gleich hingehen und sich melden, rief Guste eifrig.

Und dann versäumen Sie keine Versammlung, fuhr die Geheimräthin fort.

Sie haben es nöthig, im Guten gestärkt zu werden; nicht einen Vortrag

dürfen Sie auslassen.

Sorgen Sie nicht, gnädige Frau, ich werde schon darauf halten, fiel

Guste mit einem gewissen entschlossenen und drohenden Tone ein.

Ich setze voraus, Anton, sagte die gnädige Beschützerin den bekehrten

Sünder betrachtend, daß Sie freiwillig und aus wahrer innerer

Ueberzeugung diesen Schritt thun, also mit frohem Herzen und jubelnder

Lippe in unsere Reihen treten.

Den ganzen Morgen hat er gesungen, wie eine Frühlingslerche, rief Guste.

Lache doch, Anton, zeige doch, wie Dir zu Muthe ist. Er freut sich

inwendig, sagte sie mit wachsendem Eifer, er kann es nur nicht so von

sich geben, wie er gern möchte, das ist immer meine Plage mit ihm. Sonst

aber ist er von Herzen gut, ich kann nicht klagen. -- Zur Bekräftigung

ihres Lobes fuhr sie mit der Hand über Antons Stirn und zog ihm bei

dieser Gelegenheit den Kopf in die Höhe. Sehen Sie wohl, wie er sich

freut, gnädige Frau, sehen Sie wohl, wie er lacht, fuhr sie fort. Er hat

mir ja das feste Versprechen gegeben, Alles zu thun, was ich haben will.

Ist es nicht wahr, Anton?

Der Schuhmacher machte ungefähr ein Gesicht wie Einer, der heimlich

Ungarwein trinken wollte, doch unglücklicher Weise an die Essigflasche

gekommen ist, sich aber den Irrthum auf keinen Fall merken lassen darf.

Er zeigte seine weißen Zähne und verzerrte sein Gesicht in wunderlicher

Weise, indem er mit dem Kopf schüttelte oder nickte, was nicht zu

unterscheiden war.

Aber nicht allein ein treues und eifriges Mitglied sollen Sie sein, fuhr

die Geheimräthin fort; der ganze alte Adam muß ausgezogen werden. Von

dem bisherigen schlechten Umgange darf keine Spur übrig bleiben.

So ist es, sagte Guste, indem sie ihren langen Arm mit vieler

Beweglichkeit ausstreckte. Der schlechte Umgang, die bösen Beispiele,

das Zureden und die Verführung, die haben auf Anton gewirkt. Aber über

meine Schwelle soll keiner mehr kommen; ich will mir schon Luft machen,

wenn es so sein soll. Sage es noch einmal der gnädigen Frau zu, daß Du

mit keinem von der ganzen Rotte mehr zu schaffen haben willst.

Nein, nein! murmelte der Schuhmacher, ich will mit gar nichts mehr zu

schaffen haben. Alleweil aber laß es gut sein, ich denke Du kennst mich

ja und die gnädige Frau auch.

Ah, lieber Professor! rief die Geheimräthin umblickend, weil sie die

Thür knarren hörte. Kommen Sie näher, Sie kommen zur rechten Zeit.

Professor Viereck hatte sein rothes Gesicht durch den Thürspalt

gesteckt, und schob jetzt seinen runden Körper hinterher. Wenn ich nicht

störe, sagte er mit seiner gewöhnlichen Würde, aber ich muß durchaus

nicht stören, sonst ziehe ich mich sogleich zurück. Einer meiner

Freunde, Graf Buchwald, erwartet mich eigentlich zu einem Spaziergange.

Ich habe eine Bitte an Sie, sagte die Dame, ihm die Hand reichend. Hier

ist ein Mann, den ich Ihnen empfehle, der Schuhmacher Mertens. Er ist

zeither auf üblen Wegen gewandelt, hat jedoch sein Unrecht eingesehen

und wünscht in unsern Verein aufgenommen zu werden. Ich kenne ihn genau

und glaube, daß ich sein Gesuch befürworten darf. Nehmen Sie sich seiner

an, lieber Professor, und bewirken Sie, als Vorstand, das Nöthige, damit

er bei der nächsten Versammlung schon Ihren lehrreichen und stärkenden

Vortrag nicht versäumt.

Der Professor hatte, während die Geheimräthin sprach, unverwandt den

verlegenen Anton angeblickt, der sich mit größter Anstrengung zwang,

einige scheue Blicke auf die großen funkelnden Brillengläser und die

stolze Gestalt seines neuen Beschützers zu werfen. Einige Male nickte

der Professor gravitätisch und mit hohem Ernst, dann wurden seine Züge

gütiger; er faßte sich in die Halsbinde, rückte diese zurecht und sagte

zuletzt mit liebreicher Stimme: Es macht mir in Wahrheit viel Vergnügen,

daß ich, ehe ich meinen Freund, den Grafen Buchholz, besuchte, bei Ihnen

eingetreten bin, um die Bekanntschaft dieses wackeren Mannes zu machen.

Ich biete Ihnen meine Rechte dar, rief er vortretend mit großer Wärme,

indem er seine Hand ausstreckte, es ist die Rechte eines Deutschen.

Händedruck bedeutet deutsche Treue; Biederkeit ist das Erbtheil unseres

Volks. Stehen Sie fest, theurer Freund! Wie heißen Sie?

Anton Mertens, stammelte der Schuhmacher verwirrt, denn seine Hand wurde

tüchtig gequetscht.

Stehen Sie fest, Anton Mertens! rief der Professor, die Zeit ist

darnach, daß wer Beine hat, fest stehen muß; aber lehnen Sie sich an

Ihre Brüder, lehnen Sie sich an mich an, wenn Sie wanken. Ich stehe wie

eine Säule unerschütterlich und werde Sie halten.

Sie sind immer gütig, sagte die Geheimräthin, und Anton kann gewiß

nichts Besseres thun, als sich Ihnen ganz anvertrauen.

Kommen Sie zu mir, sprach der Professor, Sie müssen eingeschrieben

werden und Ihre Karte erhalten. Was ich thun kann, soll geschehen. Für

einen Menschen, für einen Bruder, für einen Freund sind meine Arme immer

offen.

Edler Mann! sagte die Geheimräthin gerührt. Sehen Sie jetzt ein, Anton,

was es heißt patriotische Grundsätze haben und zu Männern zu gehören,

die ihre Mitmenschen mehr lieben wie sich selbst?

Eine Antwort wurde dem armen Anton erspart, denn bei den letzten Worten

der Geheimräthin trat Elise rasch in das Zimmer, gefolgt von Alfred von

Gravenstein, der lächelnd sagte: verurtheilen Sie mich nicht ohne Gehör,

Elise, Niemand hat mehr dabei verloren als ich selbst.

So geht denn jetzt, sprach die Geheimräthin zu ihren Schützlingen, aber

vergessen Sie nicht, Anton, Nachmittag die Karte zu holen und allen

Ihren Pflichten nachzukommen. Mit einigen verlegenen Verbeugungen und

nachdem sie an verschiedene Stühle und Tische gestoßen, entkamen Mertens

und seine Frau glücklich aus dem Zimmer.

Ich sage zu Alfred, es sei kein gutes Zeichen für uns, daß wir gestern

den ganzen Tag vergebens auf ihn hofften, rief Elise, sich zu ihrer

Mutter wendend. Wir hatten darauf gerechnet, weil wir glaubten, ein

Gravenstein hält stets sein Wort. Ein nöthiger Besuch wurde

aufgeschoben, um mit unserem theuren Vetter eine kleine Spazierfahrt zu

machen und Weiteres zu verabreden. Es ist freilich Thorheit in dieser

ungläubigen Zeit noch zu den Gläubigen gehören zu wollen; ja selbst

unser Vertrauen zu der deutschen Treue wird von nun an wankend, obwohl

unser Freund, der gelehrte Professor, drauf schwört, daß diese

eigentlich noch immer so hehr und rein dastehe, wie zu den Zeiten

Heinrich des Voglers.

Aber Du leichtfertiges Mädchen, sagte die Mutter, es wird Alfred

unmöglich gewesen sein, sein Versprechen zu erfüllen.

Mama, sagte Elise, ich lasse mich mit Unmöglichkeiten oder Möglichkeiten

durchaus nicht ein. Es ist sehr bequem heut zu Tage diplomatisch die

Achseln zu zucken, und wo die Erfüllung gegebener Versprechungen

gefordert wird, zu sagen: Die Möglichkeit dazu ist nicht vorhanden. Ich

verlange, daß ein Versprechen kein leeres Wort bleibt, sondern daß es

gehalten werde.

Das klingt ganz rebellisch! lachte die Geheimräthin.

Hochverrätherisch! sagte der Professor, die Augenbrauen emporziehend.

Ich finde, es klingt ganz allerliebst, fiel Alfred ein, und von der

allgemeinen Wahrheit darin ist obenein nichts abzuläugnen; aber ich

hatte nur bedingungsweise versprochen, wenn ich es irgend vermöchte mich

einzufinden. Zu meinem Bedauern habe ich davon abstehen müssen.

So beichten Sie wenigstens was Sie hinderte, sagte Elise.

Verdrießliche Geschäfte hatten mich so verstimmt, daß ich unbrauchbar

für alle Gesellschaft war, sagte Alfred. Zudem suchte ich eine Wohnung,

was Mühe machte, endlich aber war Herr Stephani so gütig mich

aufzusuchen und den Abend mit mir zu verleben. Ich habe wenigstens von

Ihnen viel gesprochen, liebe Elise, da ich nicht das Glück haben konnte

Sie zu sehen.

Ueber Elisens Stirn flog ein hellerer Schein, der ihr blasses Gesicht

überhauchte. Gut, sagte sie, wir wollen christlich alle Schuld

ausstreichen, dagegen aber bekennen, daß, nachdem wir vergebens

gewartet, uns der Abend sehr interessant vergangen ist. Herr Professor

Viereck leistete uns Gesellschaft, und wenn irgend Etwas vollen Ersatz

für den Verlust bieten konnte, so war es seine geistreiche Unterhaltung.

Ich habe die Ehre zu bemerken, rief der Professor, wonnevoll grinsend,

daß Niemand geistreich sein kann, der nicht dazu angeregt wird; gerade

so wie die Nachtigall nur schlägt in der süßen Frühlingsnacht, oder die

Lerche sich in die Lüfte schwingt, wenn die lichte Morgensonne sie dazu

reizt.

Ach! theuerster Professor, sagte Elise, wie beneide ich Sie um diese

Fülle von wundervollen Einfällen, Bildern und Gedanken. Mit welcher

Leichtigkeit vermögen Sie den größten Kreis zu fesseln und über alle

Gegenstände mit derselben Begeisterung zu sprechen.

Bitte recht sehr! erwiderte der Professor, selbstgefällig lächelnd,

meine geringe Gaben werden wirklich zu hoch angeschlagen.

Sie würden gewiß kommen, wenn Sie zu kommen versprochen hätten.

Wenn ich es versprochen hätte, würde mich nichts abhalten, rief der

Professor energisch, indem er einen triumphirenden Blick auf Alfred

warf.

Eben so ritterlich wie zartsinnig! sagte Elise, ihm die Hand reichend.

Der Professor führte diese feine schmale Hand mit ungemeiner

Zierlichkeit an seine Lippen, indem er seinen linken Fuß nach hinten

schob, als sei er bereit sein Knie zu beugen, und seinen Hals gewaltsam

zurückdrückte, um einen süßschmachtenden Blick auf die schöne junge Dame

zu werfen. Sein Lächeln war dabei so holdselig und seine linke Hand

ruhte so fest auf seinem Herzen, als schwebe er im seligsten Himmel

eines entzückenden Traumes. Mit deutscher Treue! sprach er, mit

patriotischer Hingebung, mit dem Hochgefühl der Freiheit eines loyalen

Unterthans, wie mein Freund, der Baron Hellwitz, sagt. Machen Sie die

Probe, Fräulein Elise. Bestimmen Sie über mich, ich werde niemals

fehlen. Niemals! verlassen Sie sich darauf, niemals!

Bei dem dritten und letzten Niemals war der Professor feierlich

ernsthaft geworden, wobei er die Hand wie zum Schwure erhob und seinen

Körper gebieterisch ausdehnte. Eben so ernsthaft nickte ihm das Fräulein

zu. Dann aber wendete sie sich zu Alfred und brach in ein lautes,

unauslöschliches Gelächter aus, als sie in sein anmuthiges Gesicht sah.

Folgen Sie mir, mein mißgerathener Vetter, rief sie, ich muß weitere

Aufschlüsse von Ihnen haben, auf der Stelle mich von Ihren bösen

Gedanken überzeugen, und ohne Zögern ergriff sie Alfreds Hand und

öffnete die Thür des anstoßenden Kabinets.

Ich kann es nicht länger ertragen, ohne zu ersticken, flüsterte sie.

Leben Sie wohl, theurer Professor, ich glaube an Ihr Niemals, es klingt

in meinem Herzen wieder und macht mich höchst glücklich und traurig.

Hier drückte Sie die Thür zu, warf sich auf einen Stuhl und sagte mit

krampfhaftem Lachen: Es giebt nichts Närrischeres wie diesen

aufgeblasenen Pinsel. Lachen Sie, Alfred, aus Erbarmen! Lassen Sie mich

nicht allein lachen.

Der Professor hörte mit gespitzten Ohren das schallende Gelächter, wie

es durch die Thüre drang. Es fiel ihm nicht im geringsten ein, daß er

ausgelacht werden könnte, aber er ärgerte sich über den schweigsamen

Vetter, und dachte dabei mit Selbstgefühl an den letzten Blick, den

Elise von der Thür aus ihm zugesandt hatte. Es scheint eine lustige

Beichte und ein recht vergnügliches Examen zu sein, sagte er endlich.

Herr von Gravenstein kann also auch lachen, er sieht gewöhnlich sehr

ernsthaft aus.

Er ist wirklich fast zu ernsthaft für seine Jahre, erwiderte die

Geheimräthin, aber Sie, lieber Professor, mit so vielem Talent zur

Geselligkeit und Fröhlichkeit begabt, bei Ihnen ist es doch seltsam, und

gar nicht recht, daß Sie -- ja wie soll ich doch sagen -- daß Sie nicht

irgend ein Wesen dauernd beglücken.

Beglücken! rief der Professor mit einem Seufzer, indem er den Kopf in

seine Hand stützte. Es ist dies ein inhaltschweres Wort.

Allerdings ja, fuhr die Dame fort, aber Ihnen kann die Auflösung nicht

schwer werden.

Sagen Sie das nicht, gnädigste Frau, fiel er ein, indem er bedenklich

den Kopf schüttelte und starr vor sich hinsah. Ich bin schwer zu

befriedigen.

Das muß so sein, erwiderte sie lächelnd, aber auch für den verwöhntesten

Gaumen wird ja die Speise gefunden.

Halten Sie mich für keinen Gourmand, rief er betheuernd. Um Himmels

Willen! nein, ich bin durch und durch Natur und Gesundheit. Ich würde

gern heirathen. Warum sollte ich nicht heirathen? Jeder gute

Staatsbürger muß heirathen. Jeder Christ und Mensch hat zarte Triebe

empfangen.

Also warum thun Sie es nicht? fragte die Geheimräthin.

Oh! sagte der Professor, mit der Hand in die Binde fahrend und

herablassend lächelnd, Sie können wohl denken, gnädige Frau, daß ich bei

meinen zahlreichen Bekanntschaften in höheren Kreisen mancherlei

Gelegenheit habe, Parthien zu machen.

Ich wundere mich auch nur, daß es noch nicht geschehen ist, sagte die

Dame schalkhaft.

Ich fand nie vereint, was ich suchte, rief der Professor mit einer

abweisenden Handbewegung. Hier war Reichthum, dort Geist, hier

Schönheit, dort Liebenswürdigkeit, Talent, Name, Familie, aber die

schöne Verschlingung zum Ganzen fehlte.

Und Sie wollen nicht verwöhnt heißen! lachte die Geheimräthin.

Gnädige Frau, sprach der Professor sich stolz aufrichtend, indem er sie

durch seine Brillengläser starr ansah, ich habe die Ehre, Ihnen zu

bemerken, daß es Wesen giebt, deren Herz, obwohl voller Natur und

Gefühl, doch niemals im Staube das Ebenbürtige suchen kann. Wie der

Adler sich aufschwingt und alles kleine Gewürm unter sich verachtet, so

sind auch die süßen Empfindungen dieser geläuterten Wesen nur erregbar,

wenn sie von den Kreisen und Schwingungen einer höheren Harmonie berührt

werden. Sie kennen die Chladnischen Klangfiguren, gnädige Frau. Jeder

rauhe, grobe Ton verwandelt die Masse und verschlingt sich darin zu

eckigen, rohen Gestalten, während die zarten Töne wunderbar schöne

Sterne und Strahlen bilden, die in sanften Wellenlinien und Kreisen sich

vereinigen. -- Es giebt eine Aristokratie schöner Seelen! seufzte er,

seine Stirn reibend, und was zu ihr gehört muß nach Idealen streben oder

entsagen.

Nun ich hoffe doch, lieber Professor, sagte die Geheimräthin, der etwas

bange wurde bei seinen starren Blicken und seltsamen Geberden, daß Sie

so leicht nicht entsagen, sondern Ihr Ideal finden werden oder

vielleicht sogar gefunden haben.

Nie! rief er mit Energie, aber doch, wer weiß! Das Glück ergreift den

Sterblichen oft in der dunkelsten Minute seines Lebens und wenn ich

wüßte -- hier öffneten sich seine runden Augen so weit als möglich, sein

breites rothes Gesicht nahm einen verklärten Ausdruck an und seine

Blicke ruhten abermals mit so stierem Entzücken auf der Geheimräthin,

daß diese sehr unruhig zu werden begann und einen Versuch zum Aufstehen

machte.

Bleiben Sie, theuerste Frau, bleiben Sie, rief der Professor, seine Hand

ausstreckend. Es ist eine große erhabene Minute.

Sie erinnern mich daran, sagte die Dame mit einem verzweifelten

Entschluß, daß ich mir vorgenommen habe, Ihnen eine vertraute

Mittheilung zu machen.

Vertrauen gegen Vertrauen, erwiderte er. Tauschen wir unsere Seelen aus.

Sie sind unser treuer, bewährter Freund, fuhr die Geheimräthin fort, ich

weiß, daß wir auf Ihre Hingebung und Verschwiegenheit wie auf Ihren Rath

und Ihre thätige Hülfe rechnen können.

Mit deutscher Treue und patriotischer Standhaftigkeit! erwiderte der

Professor, feierlich seine Rechte auf die Brust legend.

Es handelt sich um Elisen, flüsterte sie, nach der Thür blickend.

Handelt sich um Elisen! widerholte er. Ich konnte es denken.

Um ihre Verheirathung. Wir glauben bemerkt zu haben, daß Elise von einer

Neigung ergriffen ist, der wir keinen Zwang anthun wollen, da es sich um

das Glück unseres einzigen Kindes handelt.

Ein stummes Kopfnicken und Lächeln war die Antwort des Professors.

Sie wissen, daß wir frei von Vorurtheilen sind, sagte Frau von Wilkau,

nur verlangen wir, daß Elisens Wahl auf einen edlen, würdigen Mann

falle, dessen patriotische Gesinnung ihm die Achtung der Welt sichert.

Zu unserer großen Freude ist der Gewählte ein Stern am Himmel des

Vaterlandes, auf den wir mit Stolz blicken können.

Das ist zu viel, vielleicht viel zu viel! sprach der Professor, demüthig

sein Haupt neigend. -- Nein, gnädige Frau, man darf kein Verdienst

überschätzen; jeder menschliche Wille, auch der stärkste findet sein

Ziel.

Wie dem auch sein mag, fuhr die Geheimräthin fort, so ist es gewiß, daß

wir gern unsere Einwilligung geben. Wir erwarten nur die Erklärung,

welche, wie wir hoffen dürfen, heut morgen erfolgen kann.

Theuerste, geehrteste Frau, sagte der Professor, zum Himmel aufblickend,

zweifeln Sie nicht, diese Erklärung wird erfolgen.

Weihnachtsabend · 第 5 / 15 段