Es wird Aufsehen erregen, Hoffnungen niederschlagen, durch die

Plötzlichkeit zu allerlei Vermuthungen Anlaß geben, aber stehen Sie uns

bei, lieber Freund, und schlagen Sie böswillige Gerüchte nieder. Es ist

kein weltlicher Vortheil, keine verlockende Aussicht, es ist die Liebe

zu unserm Kinde und die Trefflichkeit des ehrenwerthen Mannes allein,

die uns bestimmte.

Wenn ich nie stolz war, rief der Professor, indem er hastig aufstand und

mit der einen Hand die Hand der Geheimräthin festhielt, mit der andern

seine Halsbinde ergriff, so muß ich es jetzt werden. Alle Zweifel geben

sich gefangen, alle Pulse klopfen; schamhaft muß ich eingestehen, daß

ich rebellisches Blut besitze. Meine Ruhe verläßt mich; ich sehe ein, es

giebt Minuten, in denen man nicht objectiv sein kann, wo, wie Hegel

sagt, die höchste menschliche Durchbildung, welche in Beherrschung der

Stimmungen liegt, gänzlich verloren geht und Freiheit -- Betrachtung --

Talent -- Offenbarung -- hier verlor sich seine Stimme und langsam ließ

er die Hand der Geheimräthin los, denn plötzlich war die Thür des

Cabinets aufgestoßen worden, und mitten auf der Schwelle stand Elise,

den Arm um Alfred geschlungen, hinter ihnen aber der Geheimrath, der mit

herzlichem Lachen sie beide festhielt.

Da haben Sie die Offenbarung! schrie er herein. -- Es wird nichts so

fein gesponnen, Alles kommt ans Licht der Sonnen! Vorwärts, Kinder, in

die Arme der Mutter. Ja, Professor, so ist es, erschrecken Sie nicht

davor. Segnen Sie dies junge Paar mit uns vereint, geben Sie ihm irgend

einen Segen des Pythagoras, der uns die Hühner gebraten zur Hochzeit

liefert, oder einen patriotischen Segen, auf daß er ein Simson sei,

erbarmungslos gegen alle Wühler und Verderber.

Er umarmte in seiner Herzensfreude den Professor, während Elise mit

Alfred in die Arme der Geheimräthin eilten. Meine Mutter hat es

gewünscht, sagte dieser, aber mein Herz hat es mir geboten. Nehmen Sie

mich auf als Ihren Sohn und vertrauen Sie mir Elisen an.

Die Geheimräthin fand in ihrer tiefen Rührung keine Worte der

Erwiderung. Sie hielt die Tochter an sich gepreßt, während sie Alfred

mit nassen Blicken betrachtete. Der Professor gab keinen Laut von sich;

er schien den Rest seines verworrenen Denkvermögens vollends eingebüßt

zu haben.

Drei Tage waren im Hause des Geheimraths in ungetrübter Freudigkeit

vorübergegangen. Die Verlobung Alfreds und Elisens wurde in einem

gewählten Kreise, nach einem glänzenden Diner, veröffentlicht, bei

welchem die Verwandten beider Familien die Ehrensitze einnahmen. Auch

der Minister, Gravensteins besonderer Gönner und entfernter Vetter, war

anwesend und brachte das Hoch aus auf das junge Paar, mit einigen

Anspielungen auf Alfreds Treue und Beständigkeit für alles Rechte und

Schöne, welche, auf die Zukunft seines ehelichen Glückes angewandt,

allgemeinen Beifall fanden. Mehrere Generale, Präsidenten und hohe

Staatsdiener allerlei Art, endlich ein Schwarm von jungen Damen und

Herren, sammt andern Freunden des Hauses, vervollständigten die

Gesellschaft. Herr Zippelmann fehlte so wenig wie der Assessor Stephani,

Professor Viereck aber führte in stolzer Würde eine Deputation des

konservativen Vereins zur Tafel und brachte im Namen desselben einen

Toast aus, in welchem Römer, Griechen, Demokraten, der alte Fritz, die

chinesische Mauer, Nero, Hegel und die glücklichen Eltern vorkamen, bis

zuletzt Niemand mehr wußte, was eigentlich geschehen sollte. Doch löste

sich Alles prächtig auf, als der Professor endlich in seine Binde faßte,

den Hals reckte und mit schönem Pathos rief: Nach allen diesen Beweisen

habe ich die Ehre zu bemerken, daß Jeder sein Glas erhebe und den

patriotischen feststehenden Eltern der holden Braut ein donnerndes Hoch

aus freier deutscher Brust bringe!

Der Geheimrath hatte diesen Tag des Glückes übrigens klug benutzt, um

seine Verbindungen mit einigen besonders einflußreichen Personen zu

erneuern. Er wußte, wen er einzuladen und Besuche zu machen hatte.

Gravenstein's Name, die Stellung dieser Familie, die Freundschaft des

Ministers und die Zukunft seines Schwiegersohnes wirkten zusammen. Es

war keiner der Geladenen ausgeblieben, und voll süßen Triumphes legte

sich der Geheimrath am Abend dieses Freudenfestes nieder.

Am nächsten Tage jedoch, als er in seinem Zimmer beim Frühstück saß,

schlug er plötzlich mit solcher Gewalt auf den Tisch, daß Tassen und

Gläser wild durcheinander klirrten. Seine Stirn wurde roth, das eckige,

spitzige Gesicht zuckte krampfhaft zusammen und aus seinen Augen

strahlte ein Grimm, der das Zeitungsblatt zu verbrennen schien, das vor

ihm lag.

In diesem Augenblick meldete der Bediente den Assessor Stephani.

Der ist willkommen, sagte der Geheimrath aufathmend. Führe ihn herein,

Friedrich, und ehe der Assessor nicht geht, nimm keine weitere Meldung

an.

Nach einer Minute war Stephani im Zimmer. Der Geheimrath drückte ihm

zärtlich die Hände, richtete scherzende Fragen an ihn und nöthigte ihn

zum Sopha, indem er einen Sessel für sich selbst herbeizog.

Nur ein ganz kurzes Weilchen, Herr Geheimrath, sagte Stephani in seiner

zuvorkommend höflichen Weise, will ich Ihre kostbare Zeit beanspruchen.

Ich kann mir jedoch die Freude nicht versagen, Ihnen mitzutheilen, was

ich so eben von meinem Vater vernommen habe.

So lassen Sie hören, lächelte Wilkau.

Es steht Ihnen nahe bevor, ein Zeichen zu empfangen, wie sehr Ihre

großen Verdienste geschätzt und anerkannt werden. Sie sind nicht allein

bei der so eben höchsten Orts vorgelegten neuen Organisation zum

Abtheilungs-Dirigenten mit dem Titel Präsident vorgeschlagen, sondern es

ist damit auch der Antrag einer Ordensverleihung höherer Klasse

verbunden.

Ich danke Ihnen von Herzen für diese gütige Mittheilung, erwiderte der

Geheimrath mit ruhiger Freundlichkeit. Der Herr Minister hat gestern

gegen mich eine Andeutung über das Bevorstehende fallen lassen, aber es

freut mich wahr und innig dies Zeichen Ihres Antheils. Ich bin für meine

Person über die Lockungen des Ehrgeizes oder der Eitelkeit hinaus; es

giebt Würdigere als ich, ich mag Niemanden in den Weg treten, und habe

Widerwärtigkeiten genug erlebt, allein dankbar und freudig werde ich

alle Zeichen einer gnädigen Anerkennung entgegennehmen.

Um auf etwas Anderes zu kommen, fuhr er fort, indem er die Antwort des

Assessors abschnitt, so habe ich an Sie schon öfter die Frage richten

wollen: wie war es denn eigentlich mit der Beschlagnahme bei Herzer? Was

ist dort vorgegangen, daß Gravenstein dem Menschen eine, wie er mir

sagt, acht oder zehntägige Zahlungsfrist geschenkt hat?

Es ist ziemlich unbegreiflich, sagte Stephani, doch Herr von Gravenstein

behauptet, ein sicheres Unterpfand in acceptirten Wechseln erhalten zu

haben.

Das hat er mir auch gesagt, fiel Wilkau lebhaft ein. Aber haben Sie die

Wechsel gesehen?

Herr von Gravenstein wollte sie mir nicht zeigen. Er behauptet, und ich

zweifle durchaus nicht daran, daß er Gründe habe, Alles auf sich beruhen

zu lassen, bis die bewilligte Frist verstrichen sei.

Fast dieselben Worte hat er mir zum Besten gegeben, als ich ihm

Vorstellungen machte.

Es hat allerdings den Anschein, als wäre ein Geheimniß im Spiele, lachte

der Assessor.

Haben Sie irgend eine Ahnung, was es sein kann? fragte der Geheimrath,

indem er den Ellenbogen des rechten Armes in seine linke Hand stützte,

mit seiner Rechten sich an's Kinn faßte, die Füße kreuzte und einen

aufmunternden, verheißenden Blick auf das schlaue Gesicht des jungen

Mannes warf.

Was Ahnungen betrifft, sagte dieser, so kömmt mir wohl mehr als eine,

allein, was soll man damit anfangen?

Der Bediente mit der rothen Nase machte bei den letzten Worten die Thür

auf und brachte, auf den Zehen tretend, ein Schreiben herein, das so

eben angelangt war. Der Geheimrath warf einen Blick auf das Siegel und

eine freudige Bewegung belebte sein Gesicht. Als der Diener hinaus war,

sagte er lächelnd: Es kommt von dem Minister, möglich, daß es die

bewußte Angelegenheit betrifft.

Mit diesen Worten riß er das Schreiben auf, allein schon nach einigen

Augenblicken drückte er es rasch zusammen und warf es auf den Tisch.

Seine Stirn hatte sich geröthet, er schien in großer Aufregung zu sein,

die er mühsam zu beherrschen suchte, und seine Stimme zitterte, als er

sich wieder zum Assessor wandte, der anscheinend seine Aufmerksamkeit

ganz einem Blumentische gewidmet hatte, welcher in der Nähe stand.

Was haben Sie da für köstliche Gummibäume, rief Stephani ihm entgegen.

Es sind Seltenheiten, einzig in ihrer Art.

Ich habe sie vor Jahren von demselben Manne erhalten, der jetzt

Gravenstein zu betrügen sucht, wie er mich betrogen hat, erwiderte der

Geheimrath.

Es ist Pflicht, es zu hindern, wenn man es kann, fuhr er fort. Was

denken Sie also von diesem Geheimniß? Welche Ahnungen haben Sie, lieber

Stephani.

Ich wage es in der That nicht auszusprechen, sagte dieser bedenklich.

Ohne Rückhalt! Ganz ohne Rückhalt! rief Wilkau. Mein Ehrenwort zum

Pfande, daß es unter uns bleibt.

So viel ich aus verschiedenen Aeußerungen des Herrn von Gravenstein

entnommen habe, begann der Assessor, hat eine sehr erschütternde Scene

Statt gefunden.

Eine Komödie! fiel der Geheimrath ein.

Aber es ist nicht ganz klar, welche Rolle darin Fräulein Clara Herzer

gespielt hat, sagte Stephani lächelnd.

Welche Rolle? Was meinen Sie? Welche Rolle?

Nichts Böses, fuhr jener fort, allein ein schönes junges Mädchen in

Thränen, bittend für ihren Vater, ewige Dankbarkeit gelobend, wäre im

Stande, selbst einen Kanibalen zu erweichen.

Ah! nickte der Geheimrath. Sie haben Recht!

So mag es denn nicht allzuschwer gewesen sein, dem gerührten Herrn von

Gravenstein unter jenem Eindrucke selbst ein ziemlich werthloses Stück

Papier aufzudrängen.

Glauben Sie das? fragte Wilkau lebhaft, indem er seine Hand auf

Stephani's Arm legte. Ein plötzlicher Gedanke schien durch seinen Kopf

zu fliegen. Er hielt einige Augenblicke inne, seine Augen erhielten

einen schillernden Glanz, sein ganzes Gesicht drückte triumphirende

Freude aus.

Ich glaube es allerdings, fuhr Stephani fort, denn da es Wechsel sein

sollen, die Herzer als Unterpfand gegeben hat, so steht dies mit dem

abgenommenen Versprechen, sie Niemanden zu zeigen -- denn ein solches

Versprechen hat Herr von Gravenstein gewiß geleistet -- im

eigenthümlichen Widerspruch. Wären es gültige Wechsel, warum verkauft

Herzer sie nicht? Wäre es irgend ein Papier, was sich vor ehrlichen

Augen sehen lassen könnte, warum dies abgenöthigte Wort, sie verborgen

zu halten? Entweder also, es ist mit diesen Papieren nicht wie es sein

soll, oder Herr von Gravenstein hat eine Nothlüge ersonnen, wozu doch

eigentlich kein Grund vorhanden war.

Seien Sie sicher, erwiderte der Geheimrath, was Gravenstein sagt, ist

durchaus wahr. Es giebt keinen Menschen, der die Lüge mehr verachtet.

Nun denn, sprach Stephani, indem er gleichgültig lächelnd seinen Hut

aufnahm, so ist es so, wie ich mir die Sache dachte. Der Schuldner

wollte Zeit gewinnen, wahrscheinlich lag ihm unter allen Umständen

daran, die Beschlagnahme zu hindern. Herr von Gravenstein ließ sich

erweichen, er legte die Zettel in sein Taschenbuch und während der acht

oder zehn Tage wird Herzer Rath zu schaffen suchen, um den Gläubiger zu

befriedigen.

Das Geld anschaffen? das Kapital? Fünftausend Thaler? haha! rief der

Geheimrath. Woher nehmen, wo nichts ist? Es ist unmöglich!

Wer weiß, sagte der Assessor. Muß er das Geld schaffen, so wird er es

schaffen. Ich bin überzeugt, daß er jedes Mittel ergreift; denn denken

Sie den Fall, daß diese Papiere an's Tageslicht kämen; selbst wenn es

durch einen Zufall geschähe, er wäre gebrandmarkt und verloren.

Gebrandmarkt und verloren! wiederholte der Geheimrath nachsinnend.

Aber auch völlig geborgen, wenn er zur gehörigen Zeit für die Deckung

sorgt, fügte Stephani hinzu. Er hat schlau operirt, man muß es

zugestehen.

Und dagegen läßt sich nichts thun? fragte Wilkau mit einem starren,

bösen Blick.

Von Amts wegen gewiß sehr viel, erwiderte der Assessor, sobald ein

Betrug zu Grunde liegt. Ich würde zum Beispiel verpflichtet sein, wenn

die Papiere mir zugingen und sich das erwiese, was, wie ich glaube, sich

erweisen läßt, sogleich einzuschreiten.

Die beiden Männer schwiegen, aber ihre Blicke suchten und fanden eine

Verständigung. Endlich sagte der Geheimrath: Es läßt sich Manches

überlegen, vielleicht fängt sich der Schuldige in seiner eigenen Falle.

Sie haben gar kein weiteres Indicium, was auf die Spur leiten könnte?

Nichts, als daß die Papiere, wie Herr von Gravenstein beiläufig

bemerkte, auf 6000 Thaler lauten sollen.

Sechstausend Thaler sagen Sie? flüsterte der Geheimrath aufhorchend und

sonderbar lächelnd; das ist gut und wohl zu beachten. Ich sehe Sie wohl

heut Nachmittag oder morgen, lieber Stephani, und werde Ihnen dann

mittheilen, was ich denke. Ich will nicht, daß Gravenstein durch eine

Betrügerei sein Geld verliert, denn schaffen können die Menschen es

nicht. Es ist daher Pflicht, sie zu entlarven, um zu retten, was sich

retten läßt.

Der Assessor stimmte ihm bei und empfahl sich. Der Geheimrath blieb an

dem Tische stehen, auf welchen er sich mit der Hand stützte; die andere

Hand zwischen den Knöpfen seines Rockes, sah er vor sich hin, während

nach und nach ein Lächeln der Befriedigung den Zorn, der sein Gesicht

erfüllte, fortwischte.

Ja, so ist es, sprach er leise, so muß es sein! Aber ich will dazwischen

fahren, ich will Euch einen Strich durch die Rechnung machen, ihr

elenden Gauner.

Hier unterbrach die Geheimräthin sein Selbstgespräch; sie war in

lebhafter Bewegung. Nun, rief sie freudig, Friedrich hat mir gesagt, es

sei ein Brief vom Minister gekommen; was schreibt er?

Auch das noch! murmelte der Geheimrath, die Stirn faltend, indem er das

Zeitungsblatt ergriff. Es ist nichts, antwortete er dann mit gewaltsamer

Ruhe. Lies das. Man hat mich abermals empörend angegriffen und

verläumdet und zwar an der rechten Stelle, in dem Organ der

Ultraconservativen. Man warnt den Staat, keinen Menschen zu befördern,

der solche Erinnerungen an sich trage. Man spottet über meine Bekehrung,

spottet über meine Bestrebungen, mich durch allerlei Mittel, selbst

durch Heirath und Hochzeit meines Kindes rein zu waschen. Daß ich

gemeint bin, ist mit Händen zu greifen. Der Minister schreibt mir, daß

er nicht glaube, jetzt den geeigneten Zeitpunkt zu treffen, um seine

Absichten durchzuführen, daß er diesen Zeitpunkt vielmehr später

erwarten müsse.

Schändlich! Abscheulich! rief die Geheimräthin, Thränen in den Augen.

Wer aber kann so nichtswürdig sein?

Wer? sagte Wilkau und ein tödtlicher Grimm klemmte seine Zähne zusammen.

Nur der erbärmliche Betrüger Herzer kann es sein. Ich weiß, daß er

ähnliche Dinge zu Zippelmann gesagt hat. Gestern erst hat er noch einen

neuen Versuch gemacht, Geld dort zu bekommen und in gemeinster Weise

behauptet, ich habe Alfred dazu vermocht, ihn zu ruiniren, aber ich

werde es bereuen.

Welche entsetzliche, unwürdige, gräßliche Familie! sagte die

Geheimräthin.

Sei ruhig, mein Kind, erwiderte Wilkau tröstend. Behalte immer den

nöthigen Takt. Niemand darf merken, was in uns vorgeht.

Alfred von Gravenstein war den ganzen Tag um seine Braut beschäftigt; er

genoß das Glück dieser ersten beseligenden Stunde im reichsten Maße. Es

war von Anfang an sein Vorsatz gewesen, den Wünschen seiner Mutter

nachzukommen, und offen bekannte er es, als er den kostbaren

Familienschmuck Elisen überreichte.

Nimm ihn aus meiner Hand, sagte er, er war für Dich schon seit Jahren

bestimmt, und als ich jetzt meine Reise antrat fiel er mir aus seinem

Behälter entgegen, wie ein Wink von Geister-Hand, ihn nicht zu

vergessen.

Die prachtvollen großen Steine funkelten und glänzten Elisen entgegen.

Sie konnte sich nicht enthalten, die Bracelets anzupassen, die Kette von

Brillanten um ihren Hals zu legen und mit einigen breiten Perlenschnüren

ihr Haar zu umwinden.

Als sie unter Scherzen damit fertig war, küßte Alfred entzückt ihre

Finger. Sie sah so beglückt aus, daß sein Herz heiß wurde und seine

Blicke feuriger brannten, als die kalten Steine.

Elise wußte wohl was in ihm vorging. Sie senkte ihre Augen und hob sie

wieder zu ihm auf; plötzlich aber schlang sie den Arm um seinen Nacken

und sagte mit ihrer stolzen, klangvollen Stimme: Ich bin sehr glücklich,

Alfred, denn in dieser Minute empfinde ich, daß nicht allein Deiner

Mutter Wunsch diese Steine und Perlen mir gegeben hat, nein, daß Du es

bist, der sie mir giebt, Du allein, mein Alfred, Deine Neigung, Dein

Vertrauen, Deine Liebe.

Meine liebe, theure Elise, wiederholte er, Du sagst das rechte Wort. Ich

kam zweifelnd her, denn offen gestanden, ich dachte mir, wer weiß,

welchen begünstigten Nebenbuhler Du findest, und ist Elise -- Nun, ist

Elise? rief das Fräulein muthwillig, als er schwieg.

Ist Elise noch der flatterhafte Geist, fuhr er lächelnd fort, so ist es

besser, höflich schweigsam von ferne zu stehen und still in mein

einsames, altes Vaterhaus zurückkehren, als in Täuschungen zu

unterliegen.

Aber Du hast mich besser gefunden und mir freudiger vertraut, sagte sie

ihm zunickend.

Es kam in meine Seele der Glaube an Dich und mit dem Glauben sah ich

Deine Liebe, erwiderte er, das stärkte meine Entschlüsse und beruhigte

meine Zweifel.

Also immer noch Zweifel! sagte sie drohend.

Jeder Mensch ist besonders geschaffen, erwiderte er; ich gehöre zu

denen, die, wenn sie Liebe durch feurige Bewerbung erwecken sollen,

scheu zurücktreten müssen. Ja, ich weiß es wohl, fuhr er fort, ich bin

aus sprödem Stoff gemacht. Ich kann mich nicht messen mit feinen

galanten Herrn, die zierliche Worte drechseln und lebhaft zu unterhalten

wissen. Aber, theure Elise, ich sehne mich danach, geliebt zu sein, und

liebe dafür treu und innig.

Bist Du eifersüchtig? fragte sie.

Ich glaube wohl, daß ich es sein kann.

Eifersucht ist Schwäche und Mißgunst, rief sie lachend.

Ich glaube kaum, daß Liebe ohne Eifersucht denkbar ist, erwiderte er. Es

kommt nur darauf an, nicht eifersüchtig ohne Grund zu sein.

Aber was nennen die Eifersüchtigen nicht Gründe? sagte Elise zärtlich

und spottend. Ich bitte Dich, Alfred, vertraue mir ganz; nur um des

Himmelswillen keine Othellolaunen! Ich will Dich lieben, treu wie

Desdemona; aber Du wirst mich doch nicht einsperren, nicht etwa aus

lauter Liebe und glühender Hingebung in irgend einen alten Thurm stecken

und von einem Jago bewachen lassen.

Ihre Betheuerungen und Bitten hatten so viel Schelmisches und Komisches,

daß Alfred lachend sie erwiderte und dann in einem langen Gespräche ihr

die schönsten Aussichten für die Zukunft öffnete. Er wollte eine

glänzende Wohnung für den Winter und für alle Winter miethen. Im

Frühjahr wollten sie auf seinem Gute wohnen, im Sommer eine

Schweizerreise machen, im Herbst am Rhein leben, und Elise malte sich

diese Panoramen ihres Glückes nach allen Seiten aus. Der reiche,

vornehme Mann ließ sie vergessen, daß er nicht schön war; sein

verständiges Denken und Wissen setzte sie darüber fort, daß es wohl

geistvollere und angenehmere Anbeter gäbe; seine politische Laufbahn,

die eine glänzende Zukunft ankündigte, reizte ihre Eitelkeit und diese

war überdies angereizt genug, denn sie sah Neid und Mißgunst unter

manchen Glückwünschen deutlich hervorschimmern und wußte, daß die Partie

überall als eine außerordentlich gute betrachtet wurde.

Endlich kam der Geheimrath voll guter Laune und Frohsinn herein, und

nach einigen lustigen Fragen forderte er beide auf, mit ihm einen

Spaziergang zu machen. -- Ihr müßt Euch präsentiren, Kinder, sagte er.

Wir gehen ein Stündchen auf die Promenade bis an die neuen Rutschberge.

Die Sonne scheint warm, die ganze gute Gesellschaft ist auf den Beinen.

Alles will rutschen und Schlittschuh laufen. Wir werden gewiß viele

Bekannte finden; nimm Deine Schlittschuhe mit, Elise, Alfred muß schon

sehen, wie gut er selbst auf glattem Eise mit Dir fortkommt. Aber

geschwind, Mädchen, die Mutter wird gleich im vollen Staat ihrer

Zobelbehänge hier sein.

Alfred sah ernstlich aus; das Schlittschuhlaufen war seine Sache nicht.

Stellen Sie sich vor, sagte Wilkau, was einmal das naseweise Ding, die

Clara Herzer, zu mir über die Zobelmuffen und die Palantinen meiner Frau

und Elisen seufzte: Es ist mir ein trauriger Gedanke, sagte sie, wenn

ich diesen theuren Pelz sehe, weil ich dabei unwillkürlich der

Unglücklichen mich erinnere, die, in die sibirischen Einöden von einem

Despoten verbannt, fern von Allen, die sie lieben, verschmachten müssen.

Der Geheimrath lachte; Alfred von Gravenstein aber faßte mit einer

plötzlichen Handerhebung an die Brusttasche seines Kleides, als werde er

an etwas erinnert. Er erwiderte jedoch nichts, und in derselben heiteren

Laune fuhr der Schwiegervater fort: die Narrheit dieser zarten Seele

ging sogar so weit, daß sie einen Zobelmuff ausschlug, den meine Frau

ihr verehren wollte. Sie witterte an jedem Haar einen demokratischen,

polnischen Zobelfänger, der nach Sibirien durch die Gnade des Kaisers

versetzt, dort interessante Zobeljagden anstellen darf.

Es scheint recht üblich zu werden, daß Damen Schlittschuh laufen? fiel

Alfred ein.

Sehr üblich, sagte der Geheimrath. Die Sache sieht demokratisch aus, ist

es aber keineswegs. Die Damen der _haute-volée_ haben es aufgebracht und

nachmachen läßt es sich nicht ganz leicht, denn es gehört Zeit, Geschick

und Ausdauer dazu. Elise läuft vortrefflich, Sie werden sich freuen.

Das werde ich wohl nicht, erwiderte Alfred trocken. Ich selbst bin kein

besonderer Verehrer der Eisbahn, für Damen halte ich sie völlig

ungeeignet und werde meinen Widerwillen schwerlich aufgeben. Mag es

aufgebracht haben, wer Lust hat, ich nenne es Unsitte.

Der Geheimrath legte ihm lachend die Hände auf die Schulter. Es ist

wirklich gerade so, als ob ich Fräulein Clara höre, sagte er. Die fand

es auch unschicklich, und wenn nicht unsittlich, doch gänzlich unpaßlich

in Weiberröcken etwas beginnen zu wollen, was nicht dazu gehört. -- Sie

werden sich bekehren, Alfred. Es ist Mode und die Mode thut Alles. Sie

ist die Beherrscherin der Welt; wer sich ihr nicht fügt wird vorzeitig

zu den Todten geworfen. -- Das wäre aber doch übel, wenn ein Bräutigam,

ein junger Mann seiner Braut ein ernsthaftes Gesicht machen und sich

nicht fügen wollte, wenn sie eine allerliebste Modethorheit begeht, die

ganz fashionable ist. -- Also mein lieber Alfred, nehmen Sie Ihren Hut

und lachen Sie, wie es sich gebührt, denn ich höre die Damen kommen.

So war es wirklich. Frau von Wilkau und ihre Tochter in prächtigen

Zobelpelzen erschienen wenige Augenblicke darauf, und Alfred vergaß

seinen Anflug von Unmuth, als Elise ihm gewinnende Blicke zuschickte. An

seinem Arme ging sie die große Treppe hinab, die Eltern folgten; in dem

Augenblick aber, wo sie den Hausflur erreichten, öffnete der Portier die

Thür und herein trat eine Dame, die ihnen entgegen kam, mit einem leisen

Neigen erröthend vorüberging und an dem Korridor stehen blieb, welcher

zu Herrn Zippelmanns Wohnung führte, wo sie die Klingel zog.

Alle hatten sie erkannt, aber Niemand sagte ein Wort. Es war Clara

Herzer, die Tochter des Fabrikanten. Der schwarze Seidenmantel hüllte

sie fest ein, von dem schwarzen Sammethute fiel eine Feder herab, der

Schleier war zurückgeschlagen, das ernste und zarte Gesicht sah so

leidend aus, als trüge es einen schweren Kummer. Ihre großen Augen

thaten sich dunkel auf und ein Lächeln, welches dem matten Sonnenscheine

glich, der über eine liebliche gewitterhafte Landschaft läuft, hatte

etwas unaussprechlich Reizendes.

An der Thür machte Elise eine gleichgültige Bemerkung, aber sie

begleitete diese mit lautem Gelächter nach der schwarzen stillen

Gestalt, die noch immer unbeweglich im dämmernden Grunde stand. Sie sah

zu Alfred auf und wollte etwas sagen, verschwieg es aber wieder und nahm

seinen Arm an, indem sie auf einen andern Gegenstand überging.

Weihnachtsabend · 第 6 / 15 段