Er war groß und ausnehmend kräftig gebaut. Seine Schultern breit und
etwas hoch, sein Kopf von gewaltigen Dimensionen, der Nacken stierartig
breit und sein Gesicht keineswegs einnehmend, sondern röthlich von
Farbe, mit breiter, kurzer Nase und einem dichten, röthlichen Bart, der
zu beiden Seiten breit herunter und unter dem Kinn zusammenlief.
Aber dieser Mann war jung, und ein höhnisches Lächeln zuckte um den
stolzen Mund Alfred von Gravensteins, als er daran dachte, daß dies der
junge Herzer sein könnte.
Er blieb nicht lange in Zweifel darüber. Der Herr am Pult legte die
Feder fort und trat ihm entgegen. Sein Gesicht erhellte sich zu einem
Lächeln und dies wie der belebte Ausdruck seiner Züge bewirkten eine
vortheilhafte Veränderung.
Ich wünsche eine Unterredung mit Herrn Herzer, sagte Alfred.
Das heißt, wie ich vermuthe, mit meinem Vater, erwiderte der junge Mann,
indem er einen scharf musternden Blick über Alfred fliegen ließ.
Mit Ihrem Herrn Vater, ja, sagte dieser.
Wenn es eine Geschäftsangelegenheit sein sollte, die ich vielleicht zu
verrichten vermöchte, gab der junge Herzer zur Antwort, so würde ich um
Ihr Vertrauen bitten, da mein Vater augenblicklich nicht anwesend ist.
Meine Angelegenheit ist von der Art, erwiderte Gravenstein im bestimmt
abweisenden Tone, daß ich nothwendig bei meiner Anforderung beharren
muß.
Ohne ein Wort zu erwidern, faßte der junge Mann den Griff eines
Klingelzuges, der eine ziemlich große Glocke in Bewegung setzen mußte,
deren Ton aus der Ferne hörbar war. Gleich darauf sprang ein Arbeiter
herein, der sich fragend umsah.
Sag' doch meinem Vater, er möchte sogleich herunterkommen, rief ihm der
junge Herzer zu. Der Arbeiter verschwand und höflich wendete sich der
junge Mann wieder zu Alfred. Darf ich bitten, Platz zu nehmen, sagte er
auf einen Stuhl deutend. Mein Vater ist im Magazin beschäftigt; ich
bitte zu entschuldigen, wenn er nicht sogleich erscheinen sollte. Wir
haben zu verpacken, was aufs sorgfältigste geschehen muß und der
Aufsicht bedarf.
Ich werde warten, erwiderte Alfred, aber diese Worte klangen karg und
mürrisch. Der junge Herzer verbeugte sich. Die Blicke der beiden Männer
trafen zusammen, es war eine unfreundliche Berührung, die damit endigte,
daß Alfred sich niederließ, die Füße kreuzte und seinen Hut betrachtete,
während der Andere wiederum an das Schreibpult trat und die Feder nahm,
deren kritzelnder Ton dann allein gehört wurde.
Alfreds unmuthige Empfindung stieg mit jeder verfließenden Minute. Muß
Jeder, sagte er endlich aufstehend, der Ihren Herrn Vater zu sprechen
wünscht, eine solche Geduldsprobe bestehen?
Der junge Herr hinter dem Pult sah ihn stolz fragend an. Er schien ganz
geneigt, eine rasche Antwort zu ertheilen, aber nach einem Augenblick
des Bedenkens erwiderte er kalt höflich: Ich habe schon um
Entschuldigung für meinen Vater gebeten, will aber sogleich nochmals die
Klingel ziehen.
Thun Sie das, mein Herr, thun Sie das! rief Gravenstein. Meine Zeit ist
genau abgemessen.
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und hiermit zugleich sagte
der junge Herzer: Da ist mein Vater, ich weise Sie an ihn selbst.
Alfred wandte sich langsam um. Die Antwort, welche er erhalten hatte,
war im wegwerfenden Tone gegeben, und vor ihm stand nun ein Mann, dessen
Anblick seine Vorsätze nicht änderte, der aber doch einen ungewöhnlichen
Eindruck auf ihn machte.
Der Fabrikant hatte noch dasselbe kluge und ernsthafte Gesicht, an
dessen gerade und strenge Züge er sich eben jetzt deutlich erinnerte,
aber die großen dunklen Augen blickten unter völlig ergrauten
Augenbrauen mit funkelnder Schärfe hervor, und silberglänzendes Haar
fiel in dichten Büscheln auf seine von Arbeit und Sorgen gefurchte
Stirn. Seine knochige und eckige Gestalt trug dieser alte Herr jedoch
trotz aller Zeichen des Alters fast jugendlich aufrecht und bewahrte
eine würdevolle Form, als er bei dem Ausruf seines Sohnes sich grüßend
vor dem Fremden neigte.
Ich habe mich erwarten lassen, sagte er, vergeben Sie, es war mir
unmöglich, sogleich abzukommen. Darf ich fragen, was Sie zu mir führt?
Bei dem letzten Worte streckte er plötzlich beide Hände wie in freudiger
Ueberraschung aus, legte die eine auf Alfreds Arm, mit der anderen
ergriff er die zuckende Rechte des jungen Edelmanns und sagte ohne
Verlegenheit und Erschrecken: Jetzt erkenne ich Sie, Herr von
Gravenstein. Ja, Sie sind es, obwohl Sie in den Jahren, wo ich Sie nicht
sah, sich viel verändert haben. Aber es sind die Züge Ihrer verewigten
Mutter, meiner edlen, unvergeßlichen Freundin. Sie haben ihre Augen,
mögen Sie in Allem ihr gleichen.
Jetzt beginnt die Lügenkunst des alten Heuchlers! rief eine Stimme in
Alfreds Herzen, und mit einem messenden, kalten Blick betrachtete er die
Rührung, von welcher der Fabrikant ergriffen schien, und die Hand,
welche seinen Arm noch immer festhielt und drückte.
Sie werden mich vielleicht nicht erwartet haben? fragte Alfred.
Gewiß, ich habe Sie längst erwartet, erwiderte Herzer. Ihre letzte
Antwort wies mich darauf hin, und in Betracht der zwischen uns
obwaltenden Verhältnisse mußte ich Ihren Besuch recht bald voraussetzen.
Diese Verhältnisse sind es allerdings, welche mich zu Ihnen führen, gab
Alfred zurück, ich komme jedoch später als ich wollte.
Am letzten Tage des Ablaufs der Zeit, sagte der Fabrikant lächelnd, aber
wären Sie auch später gekommen, ich meine, es würde zwischen uns nichts
geändert haben. -- Ich sprach noch gestern mit meinem Sohne davon. Es
ist mein Sohn Felix, Herr von Gravenstein, ich glaube, Sie haben ihn
früher wenig oder gar nicht gesehen. Er war damals noch auf der Schule
in Pforta, dann in auswärtigen Geschäften und erst seit einigen Jahren
habe ich ihn ab und zu wieder hier.
Der junge Herzer hatte die Feder fortgelegt und sich umgewandt zu den
Sprechenden. Ich erinnere mich in der That nicht, sagte Alfred, sich
frostig verbeugend.
Ich sagte zu Felix, fuhr der Vater fort, Herr von Gravenstein kommt
nicht, aber bei uns hat das auch nichts zu sagen. Ob wir früher oder
später die Sache in Ordnung bringen, ist ziemlich einerlei.
Wir können es heut noch, oder wenn Sie wollen sogleich abmachen,
antwortete Alfred. Ich habe das gerichtliche Dokument bei mir.
Ganz wie Sie wollen, erwiderte der Fabrikant. Ich bin im Augenblick zwar
sehr beschäftigt. Die unglückliche Zeit hat auch mich hart getroffen;
jetzt wird es besser, doch aufrichtig gesagt, habe ich wenig Glauben an
einen dauernden Aufschwung.
Ich kann es mir denken, fiel Alfred ein.
Die Unsicherheit des Eigenthums wird so leicht nicht gehoben werden und
damit ist die Unsicherheit des Erwerbs verbunden, fuhr Herzer fort. Vor
Allem leidet was Kunst und Luxus angeht. Die Gesellschaft steht auf
zerfressenen Füßen, Ausflickereien helfen wenig. Ich weiß, Herr von
Gravenstein, unsere Meinungen darüber laufen ohne Zweifel weit von
einander, aber ich zittre vor der Zukunft mehr wie die hohe
Aristokratie, und eben darum mache ich jetzt einen Versuch, der so
gewinnbringend aussieht wie er Sicherheit verspricht.
Sie wollen sich nach Amerika übersiedeln, sagte Alfred.
Sie haben davon gehört? fragte Herzer erstaunt.
Man hat es mir erzählt, sagte der junge Edelmann.
Ich denke zu wissen, woher das kommt, fuhr Herzer fort, aber man hat Sie
falsch unterrichtet. Mein Sohn soll nach Newyork gehen. Ich habe ein
Magazin dort errichtet, werde aber selbst hier bleiben und weiter
arbeiten lassen, es sei denn, daß die Verhältnisse mich zum Auswandern
nöthigten.
Sie meinen, wenn es nicht mehr zu ertragen ist? erwiderte Alfred.
Ja, Herr von Gravenstein, gab der Fabrikant zur Antwort. Ich meine, daß
eine Zeit kommen mag, wo ein Mann meiner Art, obwohl alt und mit weißem
Haar, nicht anders kann als ein Grab auf fremder Erde suchen.
Das ist Exaltation! sagte Alfred kalt lächelnd.
Es mag Ihnen wohl so scheinen, sprach Herzer, ich begreife das; denn was
ein Theil der Menschen zuweilen gut, gerecht und wohlthätig nennt,
verwandelt sich im Sinne der Anderen zu unerträglichem Unrecht. Doch
jeder mag seiner Ueberzeugung folgen und nur dafür sorgen nicht zu
hassen und zu verdammen, sondern gerecht zu bleiben.
Wir sind damit von dem eigentlichen Gegenstande meines Besuches
abgekommen, fiel Alfred unruhig ein. Sie wollen unsere Angelegenheit
noch heut in Ordnung bringen?
Ich will sogleich zu meinem Notar schicken, sagte der Fabrikant.
Ein Notar? Was soll der Notar?
Wenn Sie ihn nicht haben wollen, rief Herzer erfreut, und meiner
Redlichkeit vertrauen, so ist er freilich nicht nöthig.
Herr Herzer! sagte Alfred, und er hielt inne, denn ein innerer Kampf
preßte ihm die Lippen zusammen. Er sah den alten Mann starr an und
schüttelte den Kopf.
Herr von Gravenstein, sprach Felix, ruhig näher tretend, glaubt, wenn
ich nicht irre, daß Du, lieber Vater, ihm heut das Kapital zurückzahlen
willst.
O! nein, wie? erwiderte der Fabrikant rasch. Was denkst Du? -- Wie
könnte ich -- Herr von Gravenstein!
So ist es allerdings, ich brauche das Geld, sagte Alfred so bestimmt und
kalt wie er es vermochte.
Eine minutenlange Pause trat ein. Herzer fuhr mit der Hand über sein
Gesicht, dann richtete er sich auf und sagte mit gedämpfter Stimme:
hätten Sie mir vor vier Monaten, wo ich zuletzt an Sie schrieb, erklärt:
ich will und muß mein Geld haben, so würde ich darauf gefaßt gewesen
sein. Ihre Antwort war jedoch eine Bewilligung. Ich kann nicht denken,
daß Sie dies Wort brechen werden; in dieser letzten Stunde ist es mir
unmöglich, Zahlung zu leisten.
Dann haben Sie die Folgen zu bedenken, sprach Alfred. Ich denke, Sie
wissen genau was Ihre Schuldverschreibung enthält.
Ich weiß es, ja! rief der Fabrikant laut, aber Sie -- Sie! -- ein
Zittern bewegte seine Lippen, er griff mit der Hand nach seiner Stirn
und hielt sich an den Arm seines Sohnes fest, denn seine Füße schienen
zu schwanken.
Alfred von Gravenstein betrachtete diese Gruppe mit finstern
mißtrauischen Blicken, indem er die Arme kreuzte und fest auf der Stelle
stehen blieb, die er eingenommen hatte. Er machte keine Bewegung dem
jungen Herzer zu helfen und dieser rief ihn nicht darum an. Seine Augen
leuchteten zornig und verächtlich, aber mit eben so viel Kraft wie
Vorsicht unterstützte er den greisen Vater und sagte mit warnender
Stimme: Laß Dich nicht von Deiner jähen Bestürzung übermannen. Du
solltest die Menschen genugsam kennen, um zu wissen wie sie sind, am
wenigsten aber denen vertrauen, die am leichtesten geneigt sind hart und
selbstsüchtig zu handeln.
Ich lasse mir keine Scenen vorspielen, rief Alfred, darum sparen Sie
jeden Versuch dazu.
Es steht ihnen wohl an eine Comödie daraus zu machen, erwiderte der
junge Herzer, -- um sich daran zu belustigen.
Mein Herr, sagte Alfred, indem er sich stolz aufrichtete, ich bin
darüber hinaus mich beleidigen zu lassen; was Sie denken und meinen ist
mir gleichgültig, aber ich bin hier, kraft meines guten Rechts, um nach
meinem Eigenthum zu sehen, mein Geld von Ihnen zu fordern.
Das Sie heut nicht von uns erhalten können, wie mein Vater es Ihnen
erklärt hat.
Sagen Sie, um aufrichtig zu sprechen, das Sie nie von uns erhalten
werden, rief Gravenstein voller Hohn.
Wer wagt das von uns zu behaupten? versetzte Felix heftig. Hüten Sie
sich, Herr von Gravenstein, unsere Ehre anzutasten.
Wenn es darauf ankommt, war die Antwort, so wahrt man diese am besten,
wenn man pünktlich seine Verpflichtungen erfüllt.
O! wie leicht ist das von denen gesagt, die nie wissen was es heißt, mit
dem Leben zu kämpfen und des Lebens Noth zu tragen, erwiderte der junge
Herzer, -- die sich rühmen, ein Monopol auf Ehre mit zur Welt zu bringen
und, wenn es genau besehen wird, mit Wortbruch in den heiligsten und
höchsten Dingen immer bei der Hand sind.
Das ist unverschämt! rief der junge Edelmann leidenschaftlich, indem er
sich der Thür zuwandte. Ich habe nichts mehr hier zu thun.
Halt! sagte der Fabrikant, von der Schulter seines Sohnes sich
aufrichtend. Hören Sie noch einige Worte.
Ohne darauf zu achten setzte Alfred seinen Weg fort, plötzlich aber
stand er still, denn vor ihm öffnete sich die Thür und eine junge Dame
trat ihm entgegen, die erstaunt über die heftigen und streitenden
Stimmen an der Schwelle stehen blieb.
Es ist hier nicht der rechte Ort, sagte Herr Herzer, Alfreds Arm
anfassend, um über diese Angelegenheit zu einem Beschluß zu gelangen,
dennoch aber ist es nöthig, daß Sie nicht ohne einen solchen mich
verlassen. Man hat, wie es mir scheint, Ihnen geflissentlich
Unwahrheiten gesagt, und Sie gegen mich zu erbittern gesucht; deshalb
muß ich darauf beharren, daß Sie wenigstens von mir selbst hören, was
wahr, was falsch ist.
Ich fürchte, Herr Herzer, erwiderte Alfred von Gravenstein mit
ungewisser Stimme, daß ich von meinem Entschlusse nicht zurückgebracht
werden kann.
Oeffne die Thür, Clara, sagte der Fabrikant, und gieb mir Deinen Arm. Es
ist meine Tochter, Herr von Gravenstein. Ich bin von meinem gewöhnlichen
Uebel befallen worden, mein Kind. Bei heftiger Gemüthsbewegung ergreift
mich zuweilen ein Schwindel; Andrang des Bluts, weiter nichts. Sorge
nicht, Clärchen, es ist völlig vorüber und soll nicht wiederkehren. --
Erinnerst Du Dich wohl noch des Herrn von Gravenstein? Du warst damals
zwar erst vierzehn oder dreizehn Jahr alt und Herr von Gravenstein war
nicht oft in unserem Hause. Wie lange ist es nun seit Sie Ihre Reise
antraten?
Es sind vier Jahre, erwiderte Alfred.
Dennoch erinnere ich mich Ihrer recht gut, antwortete das junge Mädchen,
die ihre Augen klar und fest auf den Fremden richtete. Ich weiß, daß Sie
uns einst besuchten und freundliche Worte zu mir sprachen, als ich nach
Ihrem Wunsche einige Clavierübungen spielte.
Ja wohl! ja wohl! wiederholte der Fabrikant, und ich sagte Ihnen damals,
Clara ist ein Talent, sie wird einmal etwas Besseres leisten. Das ist
richtig eingetroffen, sie hat wirklich so viel gelernt, daß sie zum
Besten unglücklicher Menschen schon einige Male öffentlich sich hören
ließ.
Ich habe davon vernommen, murmelte Alfred halblaut vor sich hin, indem
er sich vor dem Fräulein verbeugte.
Wissen Sie auch, Herr von Gravenstein, fuhr Clara lächelnd und ermuthigt
fort, daß ich noch ein Andenken an Sie bewahre.
In Wahrheit nein, versetzte Alfred.
Sie brachten einst einen bösen Hund mit als Sie zu uns kamen, der mein
zahmes Täubchen biß und tödtete. Am nächsten Tage sandten Sie mir ein
Pärchen, und dies ist noch am Leben und in meinem Besitz.
Alfred verbeugte sich abermals stumm, indem er die Tochter des
Fabrikanten mit einer gewissen Scheu betrachtete und seine Blicke wieder
abwandte, als fürchte er sich, in die dunklen großen Augen eines so
reizenden Geschöpfes zu sehen. Es war nichts an ihr was dem Bilde
entsprach, welches er sich entworfen hatte. Er hatte sich eine Art
Amazone vorgestellt, groß, stark, mit kecken Blicken und
herausforderndem Wesen; ein emanzipirtes Weib, wie der Geheimrath sie
geschildert, eine Cigarre im Munde und ein Glas in der Hand; hier aber
fand er, plötzlich enttäuscht, ein liebliches Mädchen, ein Gesicht mit
feinen klaren Zügen, ein Augenpaar, dessen Blick ihn wunderbar bewegte,
und diese ganze interessante Erscheinung von einem Hauche der Schwermuth
und der Stille umflossen, der sie noch anziehender und edler machte.
Dennoch aber unterdrückte er seine ersten Empfindungen auf der Stelle.
Er erinnerte sich, was er dem Geheimrath versprochen und mit seinem
Worte bekräftigt hatte; zu gleicher Zeit aber rief die warnende Stimme
wieder in sein Ohr: Auch damit wollen sie Dich betrügen. Hat dies
Mädchen nicht an den öffentlichen Aufzügen Theil genommen; hat sie ihr
gerühmtes Talent nicht dazu benutzt, um verbrecherischen Zwecken zu
dienen? -- Dieser alte schlaue Betrüger sinnt darauf, irgend ein Mittel
zu finden, um mich zu erweichen, aber es soll ihm nichts helfen, ich
will nicht! Was sie auch sagen mögen, ich will nicht!
Mit diesem Vorsatze folgte er in das große Wohnzimmer des Fabrikanten,
das an das Comptoir stieß und nahm den angebotenen Platz auf dem Sopha
ein, während Herzer sich zu ihm setzte und seine Tochter, seinem Winke
nachkommend, sich entfernte.
Herr von Gravenstein, sagte der Fabrikant, ich wiederhole Ihnen
zuvörderst, daß es mir ganz unmöglich ist, das Kapital von 5000 Thalern
auf der Stelle zurückzuzahlen.
Mit diesem Worte, erwiderte Alfred, beendet sich unsere Unterhandlung;
denn eben so bestimmt muß ich auf Rückzahlung bestehen.
Auch wenn ich Ihnen betheure, daß Sie in einem Jahre auf jeden Fall
befriedigt sein sollen?
Auch dann, sagte Gravenstein. Ich muß heut noch im Besitz der
Schuldsumme sein.
Sie sind reich, sprach Herzer, sollten Sie wirklich so dringend des
Geldes benöthigt sein? Ich kann es nicht denken, denn Sie würden nicht
bis zur letzten Stunde mich in dem Wahn gelassen haben, daß ich keine
weitere Belassung des Kapitals zu gewärtigen hätte. Ich habe auf's
pünktlichste meine Zinsverpflichtung erfüllt, warum wollen Sie hart
gegen mich sein? O! lebte Ihre Mutter noch, ich hätte das nicht
erfahren.
Meine Mutter würde handeln wie ich, versetzte Alfred.
Das würde sie wahrlich nicht thun, rief Herzer mit Wärme. Wenn ich ihr
sagen könnte: Es ist mir unmöglich, jetzt zu zahlen, bedenken Sie die
Zeiten, welche wir erlebten, bedenken Sie Ihr ganzes Verfahren gegen
mich, und bedenken Sie unsere alte Freundschaft, so würde sie mir Geduld
schenken.
Herr von Gravenstein, fuhr er fort, als Alfred finster vor sich hin
blickte, ich will ganz aufrichtig gegen Sie sein, so aufrichtig, wie ich
zu Ihrer Mutter sein würde. Wo Sie jetzt sitzen, hat sie oft gesessen
und meinen Worten Glauben geschenkt. Meine Lage ist keineswegs die
beste. Ich habe große Verluste gehabt, meine Mittel haben dagegen zu
meist dadurch gelitten, daß ich fortfuhr meine Arbeiter zu beschäftigen,
als alle Arbeit aufzuhören schien.
Man sollte nicht meinen, fiel Alfred ein, daß ein Fabrikant dies thun
wird, wenn er nicht besondere Nebenzwecke verfolgt.
O! ich weiß, wer Ihnen dies Wort eingegeben hat, sagte Herzer. Ich
erkenne daran den, der die Karten mischte. Wilkau, der einst mein Freund
war, nun aber mich verderben möchte, um seine Erbärmlichkeit damit zu
krönen, hat Sie in die Schule genommen.
Ich kann nicht zugeben, Herr Herzer, daß Sie den Geheimrath und mich
schmähen, sagte Alfred.
Gut! rief der Fabrikant, sich die Stirn trocknend, gut! ich will darüber
kein Wort verlieren; aber wenn ich arbeiten ließ, als viele Andere, weit
reichere als ich, ihre Arbeiter dem Hunger Preis gaben, so war dies eine
Handlung, die ich mir immer zur Ehre rechnen darf. Ich habe dreißig
Familien nicht untergehen lassen, fuhr er angeregter fort, mag man eine
Meinung haben, welche man will, soweit sollte jedoch die Humanität einer
edleren Natur sich nicht vom Parteihasse überwältigen und als Werkzeug
gebrauchen lassen, um in niedrige Beschuldigungen einzustimmen.
Genug, Herr Herzer, rief Alfred aufstehend, Sie wollen schuldlos sein,
ich habe nichts dagegen. Sparen Sie sich alle Auseinandersetzungen. Ich
kenne Ihre Lage vollkommen. Wollen Sie es läugnen, daß Sie so eben den
ganzen Bestand Ihres Lagers in's Ausland schicken, während Sie hier Ihre
Verpflichtungen nicht zu erfüllen vermögen?
Er blickte dem Fabrikanten stolz in's Auge, der sich zu sammeln suchte
und den Kopf verneinend schüttelte, plötzlich aber das Gesicht dem
Fenster zuwendete, vor welchem draußen auf der Straße ein riesenhaft
großer Mann stand, der in seinen Mantel gehüllt, starr hineinschaute.
Was ist das? rief Herzer. Der Executionsdirektor! Ich kenne ihn, was
will er? Was haben Sie gegen mich im Sinne, Herr von Gravenstein?
Ich werde nicht dulden, daß Sie die Gegenstände, welche mir allein
Sicherheit gewähren könnten, fortführen lassen, sagte Alfred. Ihr
Schuldschein verpfändet Ihre ganze bewegliche Habe. Ich bin in vollem
Rechte, wenn ich diese mit Beschlag belege.
So ist es wirklich Ihr Wille, mich zu ruiniren? sagte der Fabrikant
vorwurfsvoll und fragend.
Ich will es nicht, aber ich kann es nicht ändern, erwiderte Alfred. Ich
verlange mein Eigenthum.
Mein Gott! mein Gott! rief Herr Herzer in ausbrechender Heftigkeit. Der
hartherzigste Wucherer würde menschlicher verfahren.
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür im Hintergrunde, durch welche
Clara herein trat, welche auf einem glänzenden Blech eine Flasche und
mehrere Gläser trug. -- Als sie ihres Vaters Ausruf hörte und ihn stehen
sah, die Hände gefaltet, den Kopf niedergebeugt, sein Gesicht dunkelroth
und sein weißes Haar darüber hinfliegend, die ganze Gestalt ein Bild der
grausamsten Pein und Aufregung, stellte sie das Brett hastig auf einen
Stuhl und schlang ihre Arme um den alten Mann, indem sie mit
unbeschreiblichem Vorwurf Alfred betrachtete. -- Aber fast mit ihr
zugleich war aus dem anstoßenden Comtoir auch ihr Bruder in das große
Zimmer getreten, und ehe sie eine Frage thun konnte, nahm Felix das
Wort.
Es haben sich an unserer Thür drei oder vier Männer aufgestellt, die
Ihres Winkes gewärtig sind, Herr von Gravenstein, sagte er vollkommen
ruhig. Sie haben alle Vorbereitungen getroffen, eine Familie zu
vernichten, die bis dahin in Ehren lebte, und mehr als je eben jetzt
hoffen durfte, aus unverschuldetem Mißgeschick zu kommen. -- Ehe Sie Ihr
Werk vollenden, gestatten Sie mir auf einen Augenblick Gehör; vielleicht
gelingt es mir, Sie zu einer kurzen Geduld zu bewegen. -- Es lag etwas
Unwiderstehliches in der Art dieser Aufforderung. Alfreds bedenkender
Blick flog von dem ruhigen Gesicht des jungen Mannes auf Clara, die ihn
bittend anschaute. -- Er folgte Felix in das Comtoir, aus welchem einige
Minuten lang die dumpfen Stimmen der Sprechenden herüberschallten. --
Der Fabrikant saß erschöpft, die Arme gekreuzt, den Kopf tief
niedergebeugt, wie Einer, der alle Hoffnungen aufgegeben hat; seine
Tochter wagte kein Wort; sie legte die Hände um seine Schultern, als
wollte sie ihn vor sich selbst schützen. Plötzlich aber hörten sie, daß
die Thür draußen geöffnet und geschlossen wurde. -- Gleich darauf trat
Felix wieder herein, der auf seinen Vater zuging, ihm die Hand reichte
und lächelnd sagte:
Er ist fort, beruhige Dich.
Fort, sagte Herzer, mein Gott! und was -- was hast Du versprochen?
In zehn Tagen zu zahlen, erwiderte der Sohn. Meine Ehre bürgt dafür.
Und woher -- woher willst Du es nehmen?
Wir werden Mittel schaffen, war die Antwort. Zeit gewonnen, Alles
gewonnen. -- Kam es jetzt zur Beschlagnahme, so war unsere beste
Hoffnung zerstört. -- Der Transport der Instrumente wird nun ungestört
geschehen können, und mit Aufbietung aller Kräfte oder Verpfändung aller
unserer Habe wird sich ja wohl ein Wucherer finden, der uns das Geld
giebt.
Der alte Mann bedeckte seufzend sein Gesicht, aber Felix umarmte ihn und
sagte mit gewaltsamer Lustigkeit: Muth, lieber Vater! weine nicht,
Clärchen. Du armes Kind siehst wirklich aus, als hätte der böse Hund
dieses noblen Barons diesmal Dich selbst gebissen.
Am nächsten Morgen in aller Frühe ließ sich der Kommissarius bei dem
Geheimrath melden.
Nun, mein lieber Nachbar, sagte dieser freundlich, indem er den Beamten
an der Hand zum Sopha führte und sich neben ihn setzte, was bringen Sie
mir für Nachrichten?
Der Kommissar nahm ein Papier und erwiderte lächelnd: Zuvörderst ist
Herr von Gravenstein, als er vorgestern spät von Ihnen nach Hause kam,
in vieler Unruhe gewesen, denn mehrere Stunden noch hat man in seinem
Zimmer Licht bemerkt und seinen Schatten beobachtet.
Sehr gut, sehr gut! sprach der Geheimrath, ebenfalls lächelnd und seinem
Vertrauten zunickend.
Ohne Zweifel Unruhe im Herzen, flüsterte dieser mit einem listigen
Blicke.
Gewiß, gewiß! sagte der Geheimrath, die Hände reibend. Wird sich aber
schon geben. Was geschah also gestern?
Gleich früh erhielt Herr von Gravenstein Besuch von einem Herrn, der,
wie sich später ergab, der Obergerichts-Assessor Stephani war.
Der Geheimrath nickte beifällig und der Kommissär fuhr fort: Später
erschien auch der Exekutions-Direktor, ein uns wohlbekannter Mann. Der
Assessor begleitete ihn, als er sich entfernte, und bald darauf verließ
Herr von Gravenstein das Hotel, ging einige Straßen auf und ab, setzte
sich dann in einen Wagen, und fuhr zu dem Magazin des Herrn Herzer.