am Ende doch mit keinem in der Welt vertauschen würde: warum muß ich
dabei in Verhältnissen leben, die das gerade Widerspiel von solch
unschuldiger, einfacher Existenz ausmachen? Ein Gütchen wenn du
hättest, ein kleines Haus bei einem Dorf in schöner Gegend, du
solltest wahrlich neu aufleben! Den Morgen über fleißig bei deinen
Partituren, die ganze übrige Zeit bei der Familie; Bäume pflanzen,
deinen Acker besuchen, im Herbst mit den Buben die Äpfel und die Birn
heruntertun; bisweilen eine Reise in die Stadt zu einer Aufführung und
sonst, von Zeit zu Zeit ein Freund und mehrere bei dir - welch eine
Seligkeit! Nun ja, wer weiß, was noch geschieht!
Er trat vor den Laden, sprach freundlich mit dem Mädchen und
fing an, ihren Kram genauer zu betrachten. Bei der unmittelbaren
Verwandtschaft, welche die meisten dieser Dinge zu jenem idyllischen
Anfluge hatten, zog ihn die Sauberkeit, das Helle, Glatte, selbst der
Geruch der mancherlei Holzarbeiten an. Es fiel ihm plötzlich ein,
verschiedenes für seine Frau, was ihr nach seiner Meinung angenehm
und nutzbar wäre, auszuwählen. Sein Augenmerk ging zuvörderst auf
Gartenwerkzeug. Konstanze hatte nämlich vor Jahr und Tag auf seinen
Antrieb ein Stückchen Land vor dem Kärntner Tor gepachtet und etwas
Gemüse darauf gebaut; daher ihm jetzt fürs erste ein neuer großer
Rechen, ein kleinerer dito samt Spaten ganz zweckmäßig schien. Dann
Weiteres anlangend, so macht es seinen ökonomischen Begriffen alle
Ehre, daß er einem ihn sehr appetitlich anlachenden Butterfaß nach
kurzer Überlegung, wiewohl ungern, entsagte; dagegen ihm ein hohes,
mit Deckel und schön geschnitztem Henkel versehenes Geschirr zu
unmaßgeblichem Gebrauch einleuchtete. Es war aus schmalen Stäben von
zweierlei Holz, abwechselnd hell und dunkel, zusammengesetzt, unten
weiter als oben und innen trefflich ausgepicht. Entschieden für
die Küche empfahl sich eine schöne Auswahl Rührlöffel, Wellhölzer,
Schneidbretter und Teller von allen Größen sowie ein Salzbehälter
einfachster Konstruktion zum Aufhängen.
Zuletzt besah er sich noch einen derben Stock, dessen Handhabe
mit Leder und runden Messingnägeln gehörig beschlagen war. Da der
sonderbare Kunde auch hier in einiger Versuchung schien, bemerkte die
Verkäuferin mit Lächeln, das sei just kein Tragen für Herren. »Du hast
recht, mein Kind«, versetzte er, »mir deucht, die Metzger auf der
Reise haben solche; weg damit, ich will ihn nicht. Das übrige hingegen
alles, was wir da ausgelesen haben, bringst du mir heute oder morgen
ins Haus.« Dabei nannte er ihr seinen Namen und die Straße. Er ging
hierauf, um auszutrinken, an seinen Tisch, wo von den dreien nur noch
einer, ein Klempnermeister, saß.
»Die Kellnerin hat heut mal einen guten Tag«, bemerkte der Mann. »Ihr
Vetter läßt ihr vom Erlös im Laden am Gulden einen Batzen.«
Mozart freute sich nun seines Einkaufs doppelt; gleich aber sollte
seine Teilnahme an der Person noch größer werden. Denn als sie wieder
in die Nähe kam, rief ihr derselbe Bürger zu: »Wie stehts, Kreszenz?
Was macht der Schlosser? Feilt er nicht bald sein eigen Eisen?«
»O was!« erwiderte sie im Weitereilen: »selbiges Eisen, schätz ich,
wächst noch im Berg, zuhinterst.«
»Es ist ein guter Tropf«, sagte der Klempner. »Sie hat lang ihrem
Stiefvater hausgehalten und ihn in der Krankheit verpflegt, und da er
tot war, kams heraus, daß er ihr Eigenes aufgezehrt hatte; zeither
dient sie da ihrem Verwandten, ist alles und alles im Geschäft, in
der Wirtschaft und bei den Kindern. Sie hat mit einem braven Gesellen
Bekanntschaft und würde ihn je eher, je lieber heiraten; das aber hat
so seine Haken.«
»Was für? Er ist wohl auch ohne Vermögen?«
»Sie ersparten sich beide etwas, doch langt es nicht gar. Jetzt kommt
mit nächstem drinnen ein halber Hausteil samt Werkstatt in Gant;
dem Seiler wärs ein leichtes, ihnen vorzuschießen, was noch zum
Kaufschilling fehlt, allein er läßt die Dirne natürlich nicht gern
fahren. Er hat gute Freunde im Rat und bei der Zunft, da findet der
Geselle nun allenthalben Schwierigkeiten.«
»Verflucht!« - fuhr Mozart auf, so daß der andere erschrak und sich
umsah, ob man nicht horche. »Und da ist niemand, der ein Wort nach dem
Recht darein spräche? den Herren eine Faust vorhielte? Die Schufte,
die! Wart nur, man kriegt euch noch beim Wickel!«
Der Klempner saß wie auf Kohlen. Er suchte das Gesagte auf eine
ungeschickte Art zu mildern; beinahe nahm er es völlig zurück. Doch
Mozart hörte ihn nicht an. »Schämt Euch, wie Ihr nun schwatzt. So
machts ihr Lumpen allemal, sobald es gilt, mit etwas einzustehen.«
- Und hiemit kehrte er dem Hasenfuß ohne Abschied den Rücken. Der
Kellnerin, die alle Hände voll zu tun hatte mit neuen Gästen, raunte
er nur im Vorbeigehen zu: »Komme morgen beizeiten, grüße mir deinen
Liebsten; ich hoffe, daß eure Sache gut geht.« Sie stutzte nur und
hatte weder Zeit noch Fassung, ihm zu danken.
Geschwinder als gewöhnlich, weil der Auftritt ihm das Blut etwas in
Wallung brachte, ging er vorerst denselben Weg, den er gekommen, bis
an das Glacis, auf welchem er dann langsamer mit einem Umweg, im
weiten Halbkreis um die Wälle wandelte. Ganz mit der Angelegenheit des
armen Liebespaars beschäftigt, durchlief er in Gedanken eine Reihe
seiner Bekannten und Gönner, die auf die eine oder andere Weise in
diesem Fall etwas vermochten. Da indessen, bevor er sich irgend zu
einem Schritt bestimmte, noch nähere Erklärungen von seiten des
Mädchens erforderlich waren, beschloß er, diese ruhig abzuwarten, und
war nunmehr, mit Herz und Sinn den Füßen vorauseilend, bei seiner Frau
zu Hause.
Mit innerer Gewißheit zählte er auf einen freundlichen, ja fröhlichen
Willkommen, Kuß und Umarmung schon auf der Schwelle, und Sehnsucht
verdoppelte seine Schritte beim Eintritt in das Kärntner Tor. Nicht
weit davon ruft ihn der Postträger an, der ihm ein kleines, doch
gewichtiges Paket übergibt, worauf er eine ehrliche und akkurate Hand
augenblicklich erkennt. Er tritt mit dem Boten, um ihm zu quittieren,
in den nächsten Kaufladen; dann, wieder auf der Straße, kann er sich
nicht bis in sein Haus gedulden; er reibt die Siegel auf, halb gehend,
halb stehend verschlingt er den Brief »Ich saß«, fuhr Madame Mozart
hier in der Erzählung bei den Damen fort, »am Nähtisch, hörte meinen
Mann die Stiege heraufkommen und den Bedienten nach mir fragen. Sein
Tritt und seine Stimme kam mir beherzter, aufgeräumter vor, als ich
erwartete und als mir wahrhaftig angenehm war. Erst ging er auf sein
Zimmer, kam aber gleich herüber. >Guten Abend!< sagt' er; ich, ohne
aufzusehen, erwiderte ihm kleinlaut. Nachdem er die Stube ein paarmal
stillschweigend gemessen, nahm er unter erzwungenem Gähnen die
Fliegenklatsche hinter der Tür, was ihm noch niemals eingefallen
war, und murmelte vor sich hin: >Wo nur die Fliegen gleich wieder
herkommen!< - fing an zu patschen da und dort, und zwar so stark wie
möglich. Dies war ihm stets der unleidlichste Ton, den ich in seiner
Gegenwart nie hören lassen durfte. Hm, dacht ich, daß doch, was man
selber tut, zumal die Männer, ganz etwas anderes ist! Übrigens hatte
ich so viele Fliegen gar nicht wahrgenommen. Sein seltsames Betragen
verdroß mich wirklich sehr. >Sechse auf einen Schlag!< rief er;
>willst du sehen?< - Keine Antwort. - Da legte er mir etwas aufs
Nähkissen hin, daß ich es sehen mußte, ohne ein Auge von meiner Arbeit
zu verwenden. Es war nichts Schlechteres als ein Häufchen Gold, soviel
man Dukaten zwischen zwei Finger nimmt. Er setzte seine Possen hinter
meinem Rücken fort, tat hin und wieder einen Streich und sprach dabei
für sich: >Das fatale, unnütze, schamlose Gezücht! Zu was Zweck es
nur eigentlich auf der Welt ist - patsch! - offenbar bloß, daß mans
totschlage - pitsch - darauf verstehe ich mich einigermaßen, darf ich
behaupten. - Die Naturgeschichte belehrt uns über die erstaunliche
Vermehrung dieser Geschöpfe - pitsch patsch -: in meinem Hause wird
immer sogleich damit aufgeräumt. Ah maledette! disperate! - Hier
wieder ein Stück zwanzig. Magst du sie?< - Er kam und tat wie vorhin.
Hatte ich bisher mit Mühe das Lachen unterdrückt, länger war es
unmöglich, ich platzte heraus, er fiel mir um den Hals, und beide
kicherten und lachten wir um die Wette.
>Woher kommt dir denn aber das Geld?< frag ich. während daß er den
Rest aus dem Röllelchen schüttelt. - >Vom Fürsten Esterhazy! durch den
Haydn! Lies nur den Brief.< - Ich las:
>Eisenstadt usw. Teuerster Freund! Seine Durchlaucht, mein gnädigster
Herr, hat mich zu meinem größesten Vergnügen damit betraut, Ihnen
beifolgende sechzig Dukaten zu übermachen. Wir haben letzt Ihre
Quartetten wieder ausgeführt, und Seine Durchlaucht waren solchermaßen
davon eingenommen und befriedigt, als bei dem ersten Mal, vor einem
Vierteljahre, kaum der Fall gewesen. Der Fürst bemerkte mir (ich muß
es wörtlich schreiben): als Mozart Ihnen diese Arbeit dedizierte, hat
er geglaubt, nur Sie zu ehren, doch kanns ihm nichts verschlagen, wenn
ich zugleich ein Kompliment für mich darin erblicke. Sagen Sie ihm,
ich denke von seinem Genie bald so groß wie Sie selbst, und mehr könn
er in Ewigkeit nicht verlangen. - Amen! setz ich hinzu. Sind Sie
zufrieden?
Postskript. Der lieben Frau ins Ohr: Sorgen Sie gütigst, daß die
Danksagung nicht aufgeschoben werde. Am besten geschäh es persönlich.
Wir müssen so guten Wind fein erhalten.<
>Du Engelsmann! o himmlische Seele!< rief Mozart ein übers andere Mal,
und es ist schwer zu sagen, was ihn am meisten freute, der Brief oder
des Fürsten Beifall oder das Geld. Was mich betrifft, aufrichtig
gestanden, mir kam das letztere gerade damals höchst gelegen. Wir
feierten noch einen sehr vergnügten Abend.
Von der Affäre in der Vorstadt erfuhr ich jenen Tag noch nichts,
die folgenden ebensowenig, die ganze nächste Woche verstrich, keine
Kreszenz erschien, und mein Mann, in einem Strudel von Geschäften,
vergaß die Sache bald. Wir hatten an einem Sonnabend Gesellschaft;
Hauptmann Wesselt, Graf Hardegg und andere musizierten. In einer Pause
werde ich hinausgerufen - da war nun die Bescherung! Ich geh hinein
und frage: >Hast du Bestellung in der Alservorstadt auf allerlei
Holzware gemacht?< - >Potz Hagel, ja! Ein Mädchen wird da sein? Laß
sie nur hereinkommen< - So trat sie denn in größter Freundlichkeit,
einen vollen Korb am Arm, mit Rechen und Spaten ins Zimmer,
entschuldigte ihr langes Ausbleiben, sie habe den Namen der Gasse
nicht mehr gewußt und sich erst heut zurechtgefragt. Mozart nahm ihr
die Sachen nacheinander ab, die er sofort mit Selbstzufriedenheit
mir überreichte. Ich ließ mir herzlich dankbar alles und jedes
wohlgefallen, belobte und pries, nur nahm es mich wunder, wozu er das
Gartengeräte gekauft. - >Natürlich<, sagt' er, >für dein Stückchen an
der Wien.< - >Mein Gott, das haben wir ja aber lange abgegeben! weil
uns das Wasser immer so viel Schaden tat und überhaupt gar nichts
dabei herauskam. Ich sagte dirs, du hattest nichts dawider.< - >Was?
Und also die Spargeln, die wir dies Frühjahr speisten...< - >Waren
immer vom Markt.< - >Seht<, sagt' er, >hätt ich das gewußt! Ich lobte
sie dir so aus bloßer Artigkeit, weil du mich wirklich dauerst mit
deiner Gärtnerei; es waren Dingerl wie die Federspulen.<
Die Herrn belustigte der Spaß überaus; ich mußte einigen sogleich das
Überflüssige zum Andenken lassen. Als aber Mozart nun das Mädchen über
ihr Heiratsanliegen ausforschte, sie ermunterte, hier nur ganz frei
zu sprechen, da das, was man für sie und ihren Liebsten tun würde, in
der Stille, glimpflich und ohne jemandes Anklagen solle ausgerichtet
werden, so äußerte sie sich gleichwohl mit so viel Bescheidenheit,
Vorsicht und Schonung, daß sie alle Anwesenden völlig gewann und man
sie endlich mit den besten Versprechungen entließ.
>Den Leuten muß geholfen werden!< sagte der Hauptmann. >Die
Innungskniffe sind das wenigste dabei; hier weiß ich einen, der das
bald in Ordnung bringen wird. Es handelt sich um einen Beitrag für das
Haus, Einrichtungskosten und dergleichen. Wie, wenn wir ein Konzert
für Freunde im Trattnerischen Saal mit Entree ad libitum ankündigten?<
Der Gedanke fand lebhaften Anklang. Einer der Herrn ergriff das
Salzfaß und sagte: >Es müßte jemand zur Einleitung einen hübschen
historischen Vortrag tun, Herrn Mozarts Einkauf schildern, seine
menschenfreundliche Absicht erklären, und hier das Prachtgefäß stellt
man auf einem Tisch als Opferbüchse auf, die beiden Rechen als
Dekoration rechts und links dahinter gekreuzt.<
Dies nun geschah zwar nicht, hingegen das Konzert kam zustande; es
warf ein Erkleckliches ab, verschiedene Beiträge folgten nach, daß das
beglückte Paar noch Überschuß hatte, und auch die andern Hindernisse
waren schnell beseitigt. Duscheks in Prag, unsre genausten Freunde
dort, bei denen wir logieren, vernahmen die Geschichte, und _sie_,
eine gar gemütliche, herzige Frau, verlangte von dem Kram aus
Kuriosität auch etwas zu haben; so legt ich denn das Passendste für
sie zurück und nahm es bei dieser Gelegenheit mit. Da wir inzwischen
unverhofft eine neue liebe Kunstverwandte finden sollten, die nah
daran ist, sich den eigenen Herd einzurichten, und ein Stück gemeinen
Hausrat, welches Mozart ausgewählt, gewißlich nicht verschmähen wird,
will ich mein Mitbringen halbieren, und Sie haben die Wahl zwischen
einem schön durchbrochenen Schokoladequirl und mehrgedachter
Salzbüchse, an welcher sich der Künstler mit einer geschmackvollen
Tulpe verunköstigt hat. Ich würde unbedingt zu diesem Stück raten;
das edle Salz, soviel ich weis, ist ein Symbol der Häuslichkeit und
Gastlichkeit, wozu wir alle guten Wünsche für Sie legen wollen.«
So weit Madame Mozart. Wie dankbar und wie heiter alles von den Damen
auf- und angenommen wurde, kann man denken. Der Jubel erneuerte sich,
als gleich darauf bei den Männern oben die Gegenstände vorgelegt und
das Muster patriarchalischer Simplizität nun förmlich übergeben ward,
welchem der Oheim in dem Silberschranke seiner nunmehrigen Besitzerin
und ihrer spätesten Nachkommen keinen geringern Platz versprach, als
jenes berühmte Kunstwerk des florentinischen Meisters in der Ambraser
Sammlung einnehme.
Es war schon fast acht Uhr; man nahm den Tee. Bald aber sah sich unser
Musiker an sein schon am Mittag gegebenes Wort, die Gesellschaft näher
mit dem >Höllenbrand< bekannt zu machen, der unter Schloß und Riegel,
doch zum Glück nicht allzu tief im Reisekoffer lag, dringend erinnert.
Er war ohne Zögern bereit. Die Auseinandersetzung der Fabel des Stücks
hielt nicht lange auf, das Textbuch wurde aufgeschlagen, und schon
brannten die Lichter am Fortepiano.
Wir wünschten wohl, unsere Leser streifte hier zum wenigsten etwas
von jener eigentümlichen Empfindung an, womit oft schon ein einzeln
abgerissener, aus einem Fenster beim Vorübergehen an unser Ohr
getragener Akkord, der nur von dorther kommen kann, uns wie elektrisch
trifft und wie gebannt festhält; etwas von jener süßen Bangigkeit,
wenn wir in dem Theater, solange das Orchester stimmt, dem Vorhang
gegenübersitzen. Oder ist es nicht so? Wenn auf der Schwelle jedes
erhabenen tragischen Kunstwerks, es heiße >Macbeth<, >Ödipus< oder
wie sonst, ein Schauer der ewigen Schönheit schwebt, wo träfe dies
in höherem, auch nur in gleichem Maße zu als eben hier? Der Mensch
verlangt und scheut zugleich, aus seinem gewöhnlichen Selbst
vertrieben zu werden, er fühlt, das Unendliche wird ihn berühren,
das seine Brust zusammenzieht, indem es sie ausdehnen und den Geist
gewaltsam an sich reißen will. Die Ehrfurcht vor der vollendeten Kunst
tritt hinzu; der Gedanke, ein göttliches Wunder genießen, es als ein
Verwandtes in sich aufnehmen zu dürfen, zu können, führt eine Art
von Rührung, ja von Stolz mit sich, vielleicht den glücklichsten und
reinsten, dessen wir fähig sind.
Unsre Gesellschaft aber hatte damit, daß sie ein uns von Jugend auf
völlig zu eigen gewordenes Werk jetzt erstmals kennen lernen sollte,
einen von unserem Verhältnis unendlich verschiedenen Stand, und, wenn
man das beneidenswerte Glück der persönlichen Vermittlung durch den
Urheber abrechnet, bei weitem nicht den günstigen wie wir, da eine
reine und vollkommene Auffassung eigentlich niemand möglich war, auch
in mehr als einem Betracht selbst dann nicht möglich gewesen sein
würde, wenn das Ganze unverkürzt hätte mitgeteilt werden können.
Von achtzehn fertig ausgearbeiteten Nummern* gab der Komponist
vermutlich nicht die Hälfte; (wir finden in dem unserer Darstellung
zugrunde liegenden Bericht nur das letzte Stück dieser Reihe, das
Sextett, ausdrücklich angeführt) - er gab sie meistens, wie es
scheint, in einem freien Auszug, bloß auf dem Klavier, und sang
stellenweise darein, wie es kam und sich schickte. Von der Frau ist
gleichfalls nur bemerkt, daß sie zwei Arien vorgetragen habe. Wir
möchten uns, da ihre Stimme so stark als lieblich gewesen sein soll,
die erste der Donna Anna (>Du kennst den Verräter<) und eine von den
beiden der Zerline dabei denken.
* Bei dieser Zählung ist zu wissen, daß Elviras Arie mit dem Rezitativ
und Leporellos >Habs verstanden< nicht ursprünglich in der Oper
enthalten gewesen.
Genau genommen waren, dem Geist, der Einsicht, dem Geschmacke nach,
Eugenie und ihr Verlobter die einzigen Zuhörer, wie der Meister sie
sich wünschen mußte, und jene war es sicher ungleich mehr als dieser.
Sie saßen beide tief im Grunde des Zimmers; das Fräulein regungslos,
wie eine Bildsäule, und in die Sache aufgelöst auf einen solchen Grad,
daß sie auch in den kurzen Zwischenräumen, wo sich die Teilnahme der
übrigen bescheiden äußerte oder die innere Bewegung sich unwillkürlich
mit einem Ausruf der Bewunderung Luft machte, die von dem Bräutigam an
sie gerichteten Worte immer nur ungenügend zu erwidern vermochte.
Als Mozart mit dem überschwenglich schönen Sextett geschlossen hatte
und nach und nach ein Gespräch aufkam, schien er vornehmlich einzelne
Bemerkungen des Barons mit Interesse und Wohlgefallen aufzunehmen. Es
wurde vom Schlusse der Oper die Rede sowie von der vorläufig auf den
Anfang Novembers anberaumten Aufführung, und da jemand meinte, gewisse
Teile des Finale möchten noch eine Riesenaufgabe sein, so lächelte der
Meister mit einiger Zurückhaltung; Konstanze aber sagte zu der Gräfin
hin, daß er es hören mußte: »Er hat noch was in petto, womit er geheim
tut, auch vor mir.«
»Du fällst«, versetzte er, »aus deiner Rolle, Schatz, daß du das jetzt
zur Sprache bringst; wenn ich nun Lust bekäme, von neuem anzufangen?
Und in der Tat, es juckt mich schon.«
»Leporello!« rief der Graf, lustig aufspringend, und winkte einem
Diener: »Wein! Sillery, drei Flaschen!«
»Nicht doch! damit ist es vorbei - mein Junker hat sein Letztes im
Glase.«
»Wohl bekomms ihm - und jedem das Seine!«
»Mein Gott, was hab ich da gemacht!« lamentierte Konstanze, mit einem
Blick auf die Uhr, »gleich ist es elfe, und morgen früh solls fort -
wie wird das gehen?«
»Es geht halt gar nicht, Beste! nur schlechterdings gar nicht.«
»Manchmal«, fing Mozart an, »kann sich doch ein Ding sonderbar fügen.
Was wird denn meine Stanzl sagen, wenn sie erfährt, daß eben das Stück
Arbeit, was sie nun hören soll, um eben diese Stunde in der Nacht, und
zwar gleichfalls vor einer angesetzten Reise, zur Welt geboren ist?«
»Wärs möglich? Wann? Gewiß vor drei Wochen, wie du nach Eisenstadt
wolltest!«
»Getroffen! Und das begab sich so. Ich kam nach zehne, du schliefst
schon fest, von Richters Essen heim und wollte versprochenermaßen
auch bälder zu Bett, um morgens beizeiten heraus und in den Wagen zu
steigen. Inzwischen hatte Veit, wie gewöhnlich, die Lichter auf dem
Schreibtisch angezündet, ich zog mechanisch den Schlafrock an, und
fiel mir ein, geschwind mein letztes Pensum noch einmal anzusehen.
Allein, o Mißgeschick! verwünschte, ganz unzeitige Geschäftigkeit der
Weiber! du hattest aufgeräumt, die Noten eingepackt die mußten nämlich
mit: der Fürst verlangte eine Probe von dem Opus; - ich suchte,
brummte, schalt, umsonst! Darüber fällt mein Blick auf ein
versiegeltes Kuvert: vom Abbate, den greulichen Haken nach auf der
Adresse - ja wahrlich! und schickt mir den umgearbeiteten Rest seines
Textes, den ich vor Monatsfrist noch nicht zu sehen hoffte. Sogleich
sitz ich begierig hin und lese und bin entzückt, wie gut der Kauz
verstand, was ich wollte. Es war alles weit simpler, gedrängter und
reicher zugleich. Sowohl die Kirchhofsszene wie das Finale, bis zum
Untergang des Helden, hat in jedem Betracht sehr gewonnen. (Du sollst
mir aber auch, dacht ich, vortrefflicher Poet, Himmel und Hölle nicht
unbedankt zum zweiten Mal beschworen haben!) Nun ist es sonst meine
Gewohnheit nicht, in der Komposition etwas vorauszunehmen, und wenn
es noch so lockend wäre; das bleibt eine Unart, die sich sehr übel
bestrafen kann. Doch gibt es Ausnahmen, und kurz, der Auftritt bei
der Reiterstatue des Gouverneurs, die Drohung, die vom Grabe des
Erschlagenen her urplötzlich das Gelächter des Nachtschwärmers
haarsträubend unterbricht, war mir bereits in die Krone gefahren.
Ich griff einen Akkord und fühlte, ich hatte an der rechten Pforte
angeklopft, dahinter schon die ganze Legion von Schrecken beieinander
liege, die im Finale loszulassen sind. So kam fürs erste ein Adagio
heraus: d-moll, vier Takte nur, darauf ein zweiter Satz mit fünfen -
es wird, bild ich mir ein, auf dem Theater etwas Ungewöhnliches geben,
wo die stärksten Blasinstrumente die Stimme begleiten. Einstweilen
hören Sie's, so gut es sich hier machen läßt.«
Er löschte ohne weiteres die Kerzen der beiden neben ihm stehenden
Armleuchter aus, und jener furchtbare Choral: >Dein Lachen endet vor
der Morgenröte!< erklang durch die Totenstille des Zimmers. Wie von
entlegenen Sternenkreisen fallen die Töne aus silbernen Posaunen,
eiskalt, Mark und Seele durchschneidend, herunter durch die blaue
Nacht.
>Wer ist hier? Antwort!< hört man Don Juan fragen. Da hebt es wieder
an, eintönig wie zuvor, und gebietet dem ruchlosen Jüngling, die Toten
in Ruhe zu lassen.
Nachdem diese dröhnenden Klänge bis auf die letzte Schwingung in
der Luft verhallt waren, fuhr Mozart fort: »Jetzt gab es für mich
begreiflicherweise kein Aufhören mehr. Wenn erst das Eis einmal an
einer Uferstelle bricht, gleich kracht der ganze See und klingt bis an
den entferntesten Winkel hinunter. Ich ergriff unwillkürlich denselben
Faden weiter unten bei Don Juans Nachtmahl wieder, wo Donna Elvira
sich eben entfernt hat und das Gespenst, der Einladung gemäß,
erscheint. - Hören Sie an.«
Es folgte nun der ganze lange, entsetzenvolle Dialog, durch welchen
auch der Nüchternste bis an die Grenze menschlichen Vorstellens, ja
über sie hinaus gerissen wird, wo wir das Übersinnliche schauen und
hören und innerhalb der eigenen Brust von einem Äußersten zum andern
willenlos uns hin und her geschleudert fühlen.
Menschlichen Sprachen schon entfremdet, bequemt sich das unsterbliche
Organ des Abgeschiedenen, noch einmal zu reden. Bald nach der ersten
fürchterlichen Begrüßung, als der Halbverklärte die ihm gebotene
irdische Nahrung verschmäht, wie seltsam schauerlich wandelt seine
Stimme auf den Sprossen einer luftgewebten Leiter unregelmäßig auf und
nieder! Er fordert schleunigen Entschluß zur Buße: kurz ist dem Geist
die Zeit gemessen; weit, weit, weit ist der Weg! Und wenn nun Don
Juan, im ungeheuren Eigenwillen den ewigen Ordnungen trotzend, unter
dem wachsenden Andrang der höllischen Mächte, ratlos ringt, sich
sträubt und windet und endlich untergeht, noch mit dem vollen Ausdruck
der Erhabenheit in jeder Gebärde - wem zitterten nicht Herz und Nieren
vor Lust und Angst zugleich? Es ist ein Gefühl, ähnlich dem, womit man
das prächtige Schauspiel einer unbändigen Naturkraft, den Brand eines
herrlichen Schiffes anstaunt. Wir nehmen wider Willen gleichsam
Partei für diese blinde Größe und teilen knirschend ihren Schmerz im
reißenden Verlauf ihrer Selbstvernichtung.
Der Komponist war am Ziele. Eine Zeit lang wagte niemand, das
allgemeine Schweigen zuerst zu brechen. »Geben Sie uns«, fing endlich,
mit noch beklemmtem Atem, die Gräfin an, »geben Sie uns, ich bitte
Sie, einen Begriff, wie Ihnen war, da Sie in jener Nacht die Feder
weglegten!«