weshalb der Oheim öfters merken ließ, es dürfte wohl einst eigens in
ihre Hände übergehen. Desto schmerzlicher war es dem Fräulein denn
auch, als der Baum im Frühling des vorigen Jahres, den sie nicht hier
zubrachte, zu trauern begann, die Blätter gelb wurden und viele Zweige
abstarben. In Betracht, daß irgendeine besondere Ursache seines
Verkommens durchaus nicht zu entdecken war und keinerlei Mittel
anschlug, gab ihn der Gärtner bald verloren, obwohl er seiner
natürlichen Ordnung nach leicht zwei- und dreimal älter werden konnte.
Der Graf hingegen, von einem benachbarten Kenner beraten, ließ ihn
nach einer sonderbaren, selbst rätselhaften Vorschrift, wie sie das
Landvolk häufig hat, in einem abgesonderten Raume ganz insgeheim
behandeln, und seine Hoffnung, die geliebte Nichte eines Tags mit dem
zu neuer Kraft und voller Fruchtbarkeit gelangten alten Freund zu
überraschen, ward über alles Erwarten erfüllt. Mit Überwindung seiner
Ungeduld und nicht ohne Sorge, ob denn wohl auch die Früchte, von
denen etliche zuletzt den höchsten Grad der Reife hatten, so lang am
Zweige halten würden, verschob er die Freude um mehrere Wochen auf
das heutige Fest, und es bedarf nun weiter keines Worts darüber, mit
welcher Empfindung der gute Herr ein solches Glück noch im letzten
Moment durch einen Unbekannten sich verkümmert sehen mußte.
Der Leutnant hatte schon vor Tische Gelegenheit und Zeit gefunden,
seinen dichterischen Beitrag zu der feierlichen Übergabe ins reine zu
bringen und seine vielleicht ohnehin etwas zu ernst gehaltenen Verse
durch einen veränderten Schluß den Umständen möglichst anzupassen. Er
zog nunmehr sein Blatt hervor, das er, vom Stuhle sich erhebend und an
die Cousine gewendet, vorlas. Der Inhalt der Strophen war kurz gefaßt
dieser:
Ein Nachkömmling des vielgepriesnen Baums der Hesperiden, der vor
alters, auf einer westlichen Insel, im Garten der Juno, als eine
Hochzeitsgabe für sie von Mutter Erde, hervorgesproßt war und welchen
die drei melodischen Nymphen bewachten, hat eine ähnliche Bestimmung
von jeher gewünscht und gehofft, da der Gebrauch, eine herrliche Braut
mit seinesgleichen zu beschenken, von den Göttern vorlängst auch unter
die Sterblichen kam.
Nach langem vergeblichen Warten scheint endlich die Jungfrau gefunden,
auf die er seine Blicke richten darf. Sie erzeigt sich ihm günstig und
verweilt oft bei ihm. Doch der musische Lorbeer, sein stolzer Nachbar
am Bord der Quelle, hat seine Eifersucht erregt, indem er droht,
der kunstbegabten Schönen Herz und Sinn für die Liebe der Männer zu
rauben. Die Myrte tröstet ihn umsonst und lehrt ihn Geduld durch ihr
eigenes Beispiel; zuletzt jedoch ist es die andauernde Abwesenheit
der Liebsten, was seinen Gram vermehrt und ihm nach kurzem Siechtum
tödlich wird.
Der Sommer bringt die Entfernte und bringt sie mit glücklich
umgewandtem Herzen zurück. Das Dorf, das Schloß, der Garten, alles
empfängt sie mit tausend Freuden. Rosen und Lilien, in erhöhtem
Schimmer, sehen entzückt und beschämt zu ihr auf, Glück winken ihr
Sträucher und Bäume: für einen, ach, den edelsten, kommt sie zu spät.
Sie findet seine Krone verdorrt, ihre Finger betasten den leblosen
Stamm und die klirrenden Spitzen seines Gezweigs. Er kennt und sieht
seine Pflegerin nimmer. Wie weint sie, wie strömt ihre zärtliche
Klage!
Apollo von weitem vernimmt die Stimme der Tochter. Er kommt, er
tritt herzu und schaut mitfühlend ihren Jammer. Alsbald mit seinen
allheilenden Händen berührt er den Baum, daß er in sich erbebt, der
vertrocknete Saft in der Rinde gewaltsam anschwillt, schon junges
Laub ausbricht, schon weiße Blumen da und dort in ambrosischer Fülle
aufgehen. Ja - denn was vermochten die Himmlischen nicht? - schön
runde Früchte setzen an, dreimal drei, nach der Zahl der neun
Schwestern; sie wachsen und wachsen, ihr kindliches Grün zusehends mit
der Farbe des Goldes vertauschend.
Phöbus - so schloß sich das Gedicht -
Phöbus überzählt die Stücke,
Weidet selbsten sich daran,
Ja, es fängt im Augenblicke,
Ihm der Mund zu wässern an.
Lächelnd nimmt der Gott der Töne
Von der saftigsten Besitz:
»Laß uns teilen, holde Schöne,
Und für Amorn - diesen Schnitz!«
Der Dichter erntete rauschenden Beifall, und gern verzieh man die
barocke Wendung, durch welche der Eindruck des wirklich gefühlvollen
Ganzen so völlig aufgehoben wurde.
Franziska, deren froher Mutterwitz schon zu verschiedenen Malen bald
durch den Hauswirt, bald durch Mozart in Bewegung gesetzt worden war,
lief jetzt geschwinde, wie von ungefähr an etwas erinnert, hinweg und
kam zurück mit einem braunen englischen Kupferstich größten Formats,
welcher wenig beachtet in einem ganz entfernten Kabinett unter Glas
und Rahmen hing. »Es muß doch wahr sein, was ich immer hörte«, rief
sie aus, indem sie das Bild am Ende der Tafel aufstellte, »daß sich
unter der Sonne nichts Neues begibt! Hier eine Szene aus dem goldenen
Weltalter - und haben wir sie nicht erst heute erlebt? Ich hoffe doch,
Apollo werde sich in dieser Situation erkennen.«
»Vortrefflich!« triumphierte Max, »da hätten wir ihn ja, den schönen
Gott, wie er sich just gedankenvoll über den heiligen Quell hinbeugt.
Und damit nicht genug - dort, seht nur, einen alten Satyr hinten im
Gebüsch, der ihn belauscht! Man möchte darauf schwören, Apoll besinnt
sich eben auf ein lange vergessenes arkadisches Tänzchen, das ihn in
seiner Kindheit der alte Chiron zu der Zither lehrte.«
»So ists! nicht anders!« applaudierte Franziska, die hinter Mozart
stand. »Und«, fuhr sie gegen diesen fort, »bemerken Sie auch wohl den
fruchtbeschwerten Ast, der sich zum Gott heruntersenkt?«
»Ganz recht; es ist der ihm geweihte Ölbaum.«
»Keineswegs! die schönsten Apfelsinen sinds! Gleich wird er sich in
der Zerstreuung eine herunterholen.«
»Vielmehr«, rief Mozart, »er wird gleich diesen Schelmenmund mit
tausend Küssen schließen!« Damit erwischte er sie am Arm und schwur,
sie nicht mehr loszulassen, bis sie ihm ihre Lippen reiche, was sie
denn auch ohne vieles Sträuben tat. »Erkläre uns doch, Max«, sagte die
Gräfin, »was unter dem Bilde hier steht!«
»Es sind Verse aus einer berühmten Horazischen Ode. Der Dichter
Ramler in Berlin hat uns das Stück vor kurzem unübertrefflich deutsch
gegeben. Es ist vom höchsten Schwung. Wie prächtig eben diese eine
Stelle:
- - - hier, der auf der Schulter
Keinen untätigen Bogen führet!
Der seines Delos grünenden Mutterhain
Und Pataras beschatteten Strand bewohnt,
Der seines Hauptes goldne Locken
In die kastalischen Fluten tauchet.«
»Schön! wirklich schön!« sagte der Graf, »nur hie und da bedarf es
der Erläuterung. So zum Beispiel, >der keinen untätigen Bogen führet<
hieße natürlich schlechtweg: der allezeit einer der fleißigsten Geiger
gewesen. Doch, was ich sagen wollte: Bester Mozart, Sie säen Unkraut
zwischen zwei zärtliche Herzen.«
»Ich will nicht hoffen - wieso?«
»Eugenie beneidet ihre Freundin und hat auch allen Grund.«
»Aha, Sie haben mir schon meine schwache Seite abgemerkt. Aber was
sagt der Bräutigam dazu?«
»Ein- oder zweimal will ich durch die Finger sehen.«
»Sehr gut; wir werden der Gelegenheit wahrnehmen. Indes fürchten Sie
nichts, Herr Baron; es hat keine Gefahr, solang mir nicht der Gott
hier sein Gesicht und seine langen gelben Haare borgt. Ich wünsche
wohl, er täts! er sollte auf der Stelle Mozarts Zopf mitsamt seinem
schönsten Bandl dafür haben.«
»Apollo möge aber dann zusehen«, lachte Franziska, »wie er es anfängt
künftig, seinen neuen französischen Haarschmuck mit Anstand in die
kastalische Flut zu tauchen!«
Unter diesen und ähnlichen Scherzen stieg Lustigkeit und Mutwillen
immer mehr. Die Männer spürten nach und nach den Wein, es wurden
eine Menge Gesundheiten getrunken, und Mozart kam in den Zug, nach
seiner Gewohnheit in Versen zu sprechen, wobei ihm der Leutnant das
Gleichgewicht hielt und auch der Papa nicht zurückbleiben wollte;
es glückte ihm ein paarmal zum Verwundern. Doch solche Dinge lassen
sich für die Erzählung kaum festhalten, sie wollen eigentlich nicht
wiederholt sein, weil eben das, was sie an ihrem Ort unwiderstehlich
macht, die allgemein erhöhte Stimmung, der Glanz, die Jovialität des
persönlichen Ausdrucks in Wort und Blick fehlt.
Unter andern wurde von dem alten Fräulein zu Ehren des Meisters ein
Toast ausgebracht, der ihm noch eine ganze lange Reihe unsterblicher
Werke verhieß. - »À la bonne heure! ich bin dabei!« rief Mozart und
stieß sein Kelchglas kräftig an. Der Graf begann hierauf mit großer
Macht und Sicherheit der Intonation, kraft eigener Eingebung, zu
singen:
Mögen ihn die Götter stärken
Zu den angenehmen Werken -
Max (fortfahrend):
Wovon der da Ponte weder
Noch der große Schikaneder -
Mozart:
Noch bei Gott der Komponist
's mindest weiß zu dieser Frist!
Graf:
Alle, alle soll sie jener
Hauptspitzbub von Italiener
Noch erleben, wünsch ich sehr,
Unser Signor Bonbonnière*
* So nannte Mozart unter Freunden seinen Kollegen Salieri,
der, wo er ging und stand, Zuckerwerk naschte, zugleich mit
Anspielung auf das Zierliche seiner Person.
Max:
Gut, ich geb ihm hundert Jahre -
Mozart:
Wenn ihn nicht samt seiner Ware -
Alle drei con forza:
Noch der Teufel holt vorher,
Unsern Monsieur Bonbonnière.
Durch des Grafen ausnehmende Singlust schweifte das zufällig
entstandene Terzett mit Wiederaufnahme der letzten vier Zeilen in
einen sogenannten endlichen Kanon aus, und die Fräulein Tante besaß
Humor oder Selbstvertrauen genug, ihren verfallenen Soprano mit
allerhand Verzierungen zweckdienlich einzumischen. Mozart gab nachher
das Versprechen, bei guter Muße diesen Spaß nach den Regeln der Kunst
expreß für die Gesellschaft auszuführen, das er auch später von Wien
aus erfüllte.
Eugenie hatte sich im stillen längst mit ihrem Kleinod aus der Laube
des Tiberius vertraut gemacht; allgemein verlangte man jetzt das
Duett vom Komponisten und ihr gesungen zu hören, und der Oheim war
glücklich, im Chor seine Stimme abermals geltend zu machen. Also erhob
man sich und eilte zum Klavier ins große Zimmer nebenan.
Ein so reines Entzücken nun auch das köstliche Stück bei allen
erregte, so führte doch sein Inhalt selbst, mit einem raschen
Übergang, auf den Gipfel geselliger Lust, wo die Musik an und für sich
nicht weiter in Betracht mehr kommt, und zwar gab zuerst unser Freund
das Signal, indem er vom Klavier aufsprang, auf Franziska zuging
und sie, während Max bereitwilligst die Violine ergriff, zu einem
Schleifer persuadierte. Der Hauswirt säumte nicht, Madame Mozart
aufzufordern. Im Nu waren alle beweglichen Möbel, den Raum zu
erweitern, durch geschäftige Diener entfernt. Es mußte nach und nach
ein jedes an die Tour, und Fräulein Tante nahm es keineswegs übel,
daß der galante Leutnant sie zu einer Menuett abholte, worin sie sich
völlig verjüngte. Schließlich, als Mozart mit der Braut den Kehraus
tanzte, nahm er sein versichertes Recht auf ihren schönen Mund in
bester Form dahin.
Der Abend war herbeigekommen, die Sonne nah am Untergehen, es wurde
nun erst angenehm im Freien, daher die Gräfin den Damen vorschlug,
sich im Garten noch ein wenig zu erholen. Der Graf dagegen lud die
Herren auf das Billardzimmer, da Mozart bekanntlich dies Spiel sehr
liebte. So teilte man sich denn in zwei Partien, und wir unsererseits
folgen den Frauen.
Nachdem sie den Hauptweg einigemal gemächlich auf und ab gegangen,
erstiegen sie einen runden, von einem hohen Rebengeländer zur Hälfte
umgebenen Hügel, von wo man in das offene Feld, auf das Dorf und die
Landstraße sah. Die letzten Strahlen der herbstlichen Sonne funkelten
rötlich durch das Weinlaub herein.
»Wäre hier nicht vertraulich zu sitzen«, sagte die Gräfin, »wenn
Madame Mozart uns etwas von sich und dem Gemahl erzählen wollte?«
Sie war ganz gerne bereit, und alle nahmen höchst behaglich auf den im
Kreis herbeigerückten Stühlen Platz.
»Ich will etwas zum Besten geben, das Sie auf alle Fälle hätten hören
müssen, da sich ein kleiner Scherz darauf bezieht, den ich im Schilde
führe. Ich habe mir in Kopf gesetzt, der Gräfin Braut zur fröhlichen
Erinnerung an diesen Tag ein Angebind von sonderlicher Qualität zu
verehren. Dasselbe ist so wenig Gegenstand des Luxus und der Mode, daß
es lediglich nur durch seine Geschichte einigermaßen interessieren
kann.«
»Was mag das sein, Eugenie?« sagte Franziska. »Zum wenigsten das
Tintenfaß eines berühmten Mannes.«
»Nicht allzu weit gefehlt! Sie sollen es noch diese Stunde sehen;
im Reisekoffer liegt der Schatz. Ich fange an und werde mit Ihrer
Erlaubnis ein wenig weiter ausholen.
Vorletzten Winter wollte mir Mozarts Gesundheitszustand, durch
vermehrte Reizbarkeit und häufige Verstimmung, ein fieberhaftes Wesen,
nachgerade bange machen. In Gesellschaft noch zuweilen lustig, oft
mehr als recht natürlich, war er zu Haus meist trüb in sich hinein,
seufzte und klagte. Der Arzt empfahl ihm Diät, Pyrmonter und Bewegung
außerhalb der Stadt. Der Patient gab nicht viel auf den guten Rat; die
Kur war unbequem, zeitraubend, seinem Taglauf schnurstracks entgegen.
Nun machte ihm der Doktor die Hölle etwas heiß, er mußte eine lange
Vorlesung anhören von der Beschaffenheit des menschlichen Geblüts,
von denen Kügelgens darin, vom Atemholen und vom Phlogiston - halt
unerhörte Dinge; auch wie es eigentlich gemeint sei von der Natur mit
Essen, Trinken und Verdauen, das eine Sache ist, worüber Mozart bis
dahin ganz ebenso unschuldig dachte wie sein Junge von fünf Jahren.
Die Lektion, in der Tat, machte merklichen Eindruck. Der Doktor war
noch keine halbe Stunde weg, so find ich meinen Mann nachdenklich,
aber mit aufgeheitertem Gesicht, auf seinem Zimmer über der
Betrachtung eines Stocks, den er in einem Schrank mit alten Sachen
suchte und auch glücklich fand; ich hätte nicht gemeint, daß er sich
dessen nur erinnerte. Er stammte noch von meinem Vater, ein schönes
Rohr mit hohem Knopf von Lapislazuli. Nie sah man einen Stock in
Mozarts Hand, ich mußte lachen.
>Du siehst<, rief er, >ich bin daran, mit meiner Kur mich völlig ins
Geschirr zu werfen. Ich will das Wasser trinken, mir alle Tage Motion
im Freien machen und mich dabei dieses Stabes bedienen. Da sind mir
nun verschiedene Gedanken beigegangen. Es ist doch nicht umsonst,
dacht ich, daß andere Leute, was da gesetzte Männer sind, den Stock
nicht missen können. Der Kommerzienrat, unser Nachbar, geht niemals
über die Straße, seinen Gevatter zu besuchen, der Stock muß mit.
Professionisten und Beamte, Kanzleiherrn, Krämer und Chalanten, wenn
sie am Sonntag mit Familie vor die Stadt spazieren, ein jeder führt
sein wohlgedientes, rechtschaffenes Rohr mit sich. Vornehmlich hab ich
oft bemerkt, wie auf dem Stephansplatz, ein Viertelstündchen vor der
Predigt und dem Amt, ehrsame Bürger da und dort truppweis beisammen
stehen im Gespräch: hier kann man so recht sehen, wie eine jede
ihrer stillen Tugenden, ihr Fleiß und Ordnungsgeist, gelaßner Mut,
Zufriedenheit sich auf die wackern Stöcke gleichsam als eine gute
Stütze lehnt und stemmt. Mit einem Wort, es muß ein Segen und
besonderer Trost in der altväterischen und immerhin etwas
geschmacklosen Gewohnheit liegen. Du magst es glauben oder nicht, ich
kann es kaum erwarten, bis ich mit diesem guten Freund das erste Mal
im Gesundheitspaß über die Brücke nach dem Rennweg promeniere! Wir
kennen uns bereits ein wenig, und ich hoffe, daß unsere Verbindung für
alle Zeit geschlossen ist.<
Die Verbindung war von kurzer Dauer: das dritte Mal, daß beide
miteinander aus waren, kam der Begleiter nicht mehr mit zurück.
Ein anderer wurde angeschafft, der etwas länger Treue hielt, und
jedenfalls schrieb ich der Stockliebhaberei ein gut Teil von der
Ausdauer zu, womit Mozart drei Wochen lang der Vorschrift seines
Arztes ganz erträglich nachkam. Auch blieben die guten Folgen
nicht aus; wir sahen ihn fast nie so frisch, so hell und von so
gleichmäßiger Laune. Doch machte er sich leider in kurzem wieder allzu
grün, und täglich hatt ich deshalb meine Not mit ihm. Damals geschah
es nun, daß er, ermüdet von der Arbeit eines anstrengenden Tages, noch
spät, ein paar neugieriger Reisenden wegen zu einer musikalischen
Soiree ging - auf eine Stunde bloß, versprach er mir heilig und teuer;
doch das sind immer die Gelegenheiten, wo die Leute, wenn er nur erst
am Flügel festsitzt und im Feuer ist, seine Gutherzigkeit am mehrsten
mißbrauchen; denn da sitzt er alsdann wie das Männchen in einer
Montgolfiere, sechs Meilen hoch über dem Erdboden schwebend, wo man
die Glocken nicht mehr schlagen hört. Ich schickte den Bedienten
zweimal mitten in der Nacht dahin, umsonst; er konnte nicht zu seinem
Herrn gelangen. Um drei Uhr früh kam dieser denn endlich nach Haus.
Ich nahm mir vor, den ganzen Tag ernstlich mit ihm zu schmollen.«
Hier überging Madame Mozart einige Umstände mit Stillschweigen.
Es war, muß man wissen, nicht unwahrscheinlich, daß zu gedachter
Abendunterhaltung auch eine junge Sängerin, Signora Malerbi, kommen
würde, an welcher Frau Konstanze mit allem Recht Ärgernis nahm. Diese
Römerin war durch Mozarts Verwendung bei der Oper angestellt worden,
und ohne Zweifel hatten ihre koketten Künste nicht geringen Anteil
an der Gunst des Meisters. Sogar wollten einige wissen, sie habe ihn
mehrere Monate lang eingezogen und heiß genug auf ihrem Rost gehalten.
Ob dies nun völlig wahr sei oder sehr übertrieben, gewiß ist, sie
benahm sich nachher frech und undankbar und erlaubte sich selbst
Spöttereien über ihren Wohltäter. So war es ganz in ihrer Art, daß
sie ihn einst gegenüber einem ihrer glücklicheren Verehrer kurzweg un
piccolo grifo raso (ein kleines rasiertes Schweinsrüsselchen) nannte.
Der Einfall, einer Circe würdig, war um so empfindlicher, weil er,
wie man gestehen muß, immerhin ein Körnchen Wahrheit enthielt.* Beim
Nachhausegehen von jener Gesellschaft, bei welcher übrigens die
Sängerin zufällig nicht erschienen war, beging ein Freund im Übermut
des Weins die Indiskretion, dem Meister dies boshafte Wort zu
verraten. Er wurde schlecht davon erbaut, denn eigentlich war es für
ihn der erste unzweideutige Beweis von der gänzlichen Herzlosigkeit
seines Schützlings. Vor lauter Entrüstung darüber empfand er nicht
einmal sogleich den frostigen Empfang am Bette seiner Frau. In einem
Atem teilte er ihr die Beleidigung mit, und diese Ehrlichkeit läßt
wohl auf einen mindern Grad von Schuldbewußtsein schließen. Fast
machte er ihr Mitleid rege. Doch hielt sie geflissentlich an sich, es
sollte ihm nicht so leicht hingehen. Als er von einem schweren Schlaf
kurz nach Mittag erwachte, fand er das Weibchen samt den beiden Knaben
nicht zu Hause, vielmehr säuberlich den Tisch für ihn allein gedeckt.
* Man hat hier ein älteres kleines Profilbild im Auge, das, gut
gezeichnet und gestochen, sich auf dem Titelblatt eines Mozartschen
Klavierwerks befindet, unstreitig das ähnlichste von allen auch
neuerdings im Kunsthandel erschienenen Porträts.
Von jeher gab es wenige Dinge, welche Mozart so unglücklich machten,
als wenn nicht alles hübsch eben und heiter zwischen ihm und seiner
guten Hälfte stand. Und hätte er nun erst gewußt, welche weitere
Sorge sie schon seit mehreren Tagen mit sich herumtrug! - eine der
schlimmsten in der Tat, mit deren Eröffnung sie ihn nach alter
Gewohnheit so lange wie möglich verschonte. Ihre Barschaft war
ehestens alle und keine Aussicht auf baldige Einnahme da. Ohne Ahnung
von dieser häuslichen Extremität war gleichwohl sein Herz auf eine Art
beklommen, die mit jenem verlegenen, hilflosen Zustand eine gewisse
Ähnlichkeit hatte. Er mochte nicht essen, er konnte nicht bleiben.
Geschwind zog er sich vollends an, um nur aus der Stickluft des Hauses
zu kommen. Auf einem offenen Zettel hinterließ er ein paar Zeilen
italienisch: >Du hast mirs redlich eingetränkt, und geschieht mir
schon recht. Sei aber wieder gut, ich bitte Dich, und lache wieder,
bis ich heimkomme. Mir ist zumut, als möcht ich ein Kartäuser und
Trappiste werden, ein rechter Heulochs, sag ich Dir!< - Sofort nahm er
den Hut, nicht aber auch den Stock zugleich; der hatte seine Epoche
passiert.
Haben wir Frau Konstanze bis hieher in der Erzählung abgelöst, so
können wir auch wohl noch eine kleine Strecke weiter fortfahren.
Von seiner Wohnung bei der Schranne rechts gegen das Zeughaus
einbiegend, schlenderte der teure Mann - es war ein warmer, etwas
umwölkter Sommernachmittag - nachdenklich lässig über den sogenannten
Hof und weiter an der Pfarre zu Unsrer Lieben Frau vorbei, dem
Schottentor entgegen, wo er seitwärts zur Linken auf die Mölkerbastei
stieg und dadurch der Ansprache mehrerer Bekannten, die eben zur Stadt
hereinkamen, entging. Nur kurze Zeit genoß er hier, obwohl von einer
stumm bei den Kanonen auf und nieder gehenden Schildwache nicht
belästigt, der vortrefflichen Aussicht über die grüne Ebene des
Glacis und die Vorstädte hin nach dem Kahlenberg und südlich nach
den Steierischen Alpen. Die schöne Ruhe der äußern Natur widersprach
seinem innern Zustand. Mit einem Seufzer setzte er seinen Gang über
die Esplanade und sodann durch die Alservorstadt ohne bestimmten
Zielpunkt fort.
Am Ende der Mähringer Gasse lag eine Schenke mit Kegelbahn, deren
Eigentümer, ein Seilermeister, durch seine gute Ware wie durch die
Reinheit seines Getränks den Nachbarn und Landleuten, die ihr Weg
vorüberführte, gar wohl bekannt war. Man hörte Kegelschieben, und
übrigens ging es bei einer Anzahl von höchstens einem Dutzend Gästen
mäßig zu. Ein kaum bewußter Trieb, sich unter anspruchslosen,
natürlichen Menschen in etwas zu vergessen, bewog den Musiker zur
Einkehr. Er setzte sich an einen der sparsam von Bäumen beschatteten
Tische zu einem Wiener Brunnen-Obermeister und zwei andern
Spießbürgern, ließ sich ein Schöppchen kommen und nahm an ihrem sehr
alltäglichen Diskurs eingehend teil, ging dazwischen umher oder
schaute dem Spiel auf der Kegelbahn zu.
Unweit von der letztern, an der Seite des Hauses, befand .ich der
offene Laden des Seilers, ein schmaler, mit Fabrikaten vollgepfropfter
Raum, weil außer dem, was das Handwerk zunächst lieferte, auch
allerlei hölzernes Köchen-, Keller- und landwirtschaftliches Gerät,
angleichen Tran und Wagensalbe, auch weniges von Sämereien, Dill
und Kümmel zum Verkauf umherstand oder -hing. Ein Mädchen, das als
Kellnerin die Gäste zu bedienen und nebenbei den Laden zu besorgen
hatte, war eben mit einem Bauern beschäftigt, welcher, sein Söhnlein
an der Hand, herzugetreten war, um einiges zu kaufen, ein Fruchtmaß,
eine Bürste, eine Geißel. Er suchte unter vielen Stücken eines heraus,
prüfte es, legte es weg, ergriff ein zweites und drittes und kehrte
unschlüssig zum ersten zurück; es war kein Fertigwerden. Das Mädchen
entfernte sich mehrmals der Aufwartung wegen, kam wieder und war
unermüdlich, ihm seine Wahl zu erleichtern und annehmlich zu machen,
ohne daß sie zu viel darum schwatzte.
Mozart sah und hörte auf einem Bänkchen bei der Kegelbahn diesem allen
mit Vergnügen zu. So sehr ihm auch das gute, verständige Betragen des
Mädchens, die Ruhe und der Ernst in ihren ansprechenden Zügen gefiel,
noch mehr interessierte ihn für jetzt der Bauer, welcher ihm, nachdem
er ganz befriedigt abgezogen, noch viel zu denken gab. Er hatte
sich vollkommen in den Mann hineinversetzt, gefühlt, wie wichtig
die geringe Angelegenheit von ihm behandelt, wie ängstlich und
gewissenhaft die Preise, bei einem Unterschied von wenig Kreuzern, hin
und her erwogen wurden. Und, dachte er, wenn nun der Mann zu seinem
Weibe heimkommt, ihr seinen Handel rühmt, die Kinder alle passen, bis
der Zwerchsack aufgeht, darin auch was für sie sein mag; sie aber
eilt, ihm einen Imbiß und einen frischen Trunk selbstgekelterten
Obstmost zu holen, darauf er seinen ganzen Appetit verspart hat! Wer
auch so glücklich wäre, so unabhängig von den Menschen! ganz nur auf
die Natur gestellt und ihren Segen, wie sauer auch dieser erworben
sein will!