Er blickte, wie aus einer stillen Träumerei ermuntert, helle zu ihr

auf, besann sich schnell und sagte, halb zu der Dame, halb zu seiner

Frau: »Nun ja, mir schwankte wohl zuletzt der Kopf. Ich hatte dies

verzweifelte Dibattimento bis zu dem Chor der Geister, in einer Hitze

fort, beim offenen Fenster, zu Ende geschrieben und stand nach einer

kurzen Rast vom Stuhl auf, im Begriff, nach deinem Kabinett zu gehen,

damit wir noch ein bißchen plaudern und sich mein Blut ausgleiche. Da

machte ein überquerer Gedanke mich mitten im Zimmer still stehen.«

(Hier sah er zwei Sekunden lang zu Boden, und sein Ton verriet beim

Folgenden eine kaum merkbare Bewegung.) »Ich sagte zu mir selbst: wenn

du noch diese Nacht wegstürbest und müßtest deine Partitur an diesem

Punkt verlassen: ob dirs auch Ruh im Grabe ließ'? - Mein Auge hing am

Docht des Lichts in meiner Hand und auf den Bergen von abgetropftem

Wachs. Ein Schmerz bei dieser Vorstellung durchzückte mich einen

Moment; dann dacht ich weiter: wenn denn hernach über kurz oder lang

ein anderer, vielleicht gar so ein Welscher, die Oper zu vollenden

bekäme und fände von der Introduktion bis Numero siebzehn, mit

Ausnahme _einer_ Piece, alles sauber beisammen, lauter gesunde, reife

Früchte ins hohe Gras geschüttelt, daß er sie nur auflesen dürfte;

ihm graute aber doch ein wenig hier vor der Mitte des Finale, und er

fände alsdann unverhofft den tüchtigen Felsbrocken da insoweit schon

beiseite gebracht: er möchte drum nicht übel in das Fäustchen lachen!

Vielleicht wär er versucht, mich um die Ehre zu betrügen. Er sollte

aber wohl die Finger dran verbrennen; da wär noch immerhin ein

Häuflein guter Freunde, die meinen Stempel kennen und mir, was mein

ist, redlich sichern würden. - Nun ging ich, dankte Gott mit einem

vollen Blick hinauf und dankte, liebes Weibchen, deinem Genius, der

dir solange seine beiden Hände sanft über die Stirne gehalten, daß

du fortschliefst wie eine Ratze und mich kein einzig Mal anrufen

konntest. Wie ich dann aber endlich kam und du mich um die Uhr

befrugst, log ich dich frischweg ein paar Stunden jünger, als du

warst, denn es ging stark auf viere. Und nun wirst du begreifen, warum

du mich um sechse nicht aus den Federn brachtest, der Kutscher wieder

heimgeschickt und auf den andern Tag bestellt werden mußte.«

»Natürlich!« versetzte Konstanze, »nur bilde sich der schlaue Mann

nicht ein, man sei so dumm gewesen, nichts zu merken! Deswegen

brauchtest du mir deinen schönen Vorsprung fürwahr nicht zu

verheimlichen!«

»Auch war es nicht deshalb.«

»Weiß schon - du wolltest deinen Schatz vorerst noch unbeschrien

haben.«

»Mich freut nur«, rief der gutmütige Wirt, »daß wir morgen nicht nötig

haben, ein edles Wiener Kutscherherz zu kränken, wenn Herr Mozart

partout nicht aufstehen kann. Die Ordre >Hans, spann wieder aus!< tut

jederzeit sehr weh.«

Diese indirekte Bitte um längeres Bleiben, mit der sich die übrigen

Stimmen im herzlichsten Zuspruch verbanden, gab den Reisenden Anlaß zu

Auseinandersetzung sehr triftiger Gründe dagegen; doch verglich man

sich gerne dahin, daß nicht zu zeitig aufgebrochen und noch vergnügt

zusammen gefrühstückt werden solle.

Man stand und drehte sich noch eine Zeit lang in Gruppen schwatzend

umeinander. Mozart sah sich nach jemandem um, augenscheinlich nach

der Braut; da sie jedoch gerade nicht zugegen war, so richtete er

naiverweise die ihr bestimmte Frage unmittelbar an die ihm nahe

stehende Franziska: »Was denken Sie denn nun im ganzen von unserm >Don

Giovanni<? Was können Sie ihm Gutes prophezeien?«

»Ich will«, versetzte sie mit Lachen, »im Namen meiner Base so gut

antworten, als ich kann: Meine einfältige Meinung ist, daß, wenn >Don

Giovanni< nicht aller Welt den Kopf verrückt, so schlägt der liebe

Gott seinen Musikkasten gar zu, auf unbestimmte Zeit, heißt das, und

gibt der Menschheit zu verstehen...« - »Und gibt der Menschheit«, fiel

der Onkel verbessernd ein, »den Dudelsack in die Hand und verstocket

die Herzen der Leute, daß sie anbeten Baalim.«

»Behüt uns Gott!« lachte Mozart. »Je nun, im Lauf der nächsten

sechzig, siebzig Jahre, nachdem ich lang fort bin, wird mancher

falsche Prophet aufstehen.«

Eugenie trat mit dem Baron und Max herbei, die Unterhaltung hob sich

unversehens auf ein neues, ward nochmals ernsthaft und bedeutend, so

daß der Komponist, eh die Gesellschaft auseinanderging, sich noch gar

mancher schönen, bezeichnenden Äußerung erfreute, die seiner Hoffnung

schmeichelte.

Erst lange nach Mitternacht trennte man sich; keines empfand bis

jetzt, wie sehr es der Ruhe bedurfte.

Den andern Tag (das Wetter gab dem gestrigen nichts nach) um zehn Uhr

sah man einen hübschen Reisewagen, mit den Effekten beider Wiener

Gäste bepackt, im Schloßhof stehen. Der Graf stand mit Mozart davor,

kurz ehe die Pferde herausgeführt wurden, und fragte, wie er ihm

gefalle.

»Sehr gut; er scheint äußerst bequem.«

»Wohlan, so machen Sie mir das Vergnügen und behalten Sie ihn zu

meinem Andenken.«

»Wie? ist das Ernst?«

»Was wär es sonst?«

»Heiliger Sixtus und Calixtus - Konstanze! du!« rief er zum Fenster

hinauf, wo sie mit den andern heraussah. »Der Wagen soll mein sein! Du

fährst künftig in deinem eigenen Wagen!«

Er umarmte den schmunzelnden Geber, betrachtete und umging sein neues

Besitztum von allen Seiten, öffnete den Schlag, warf sich hinein und

rief heraus: »Ich dünke mich so vornehm und so reich wie Ritter Gluck!

Was werden sie in Wien für Augen machen!«

- »Ich hoffe«, sagte die Gräfin, »Ihr Fuhrwerk wiederzusehn bei der

Rückkehr von Prag, mit Kränzen um und um behangen!«

Nicht lang nach diesem letzten fröhlichen Auftritt setzte sich der

vielgelobte Wagen mit dem scheidenden Paare wirklich in Bewegung und

fuhr im raschen Trab nach der Landstraße zu. Der Graf ließ sie bis

Wittingau fahren, wo Postpferde genommen werden sollten.

Wenn gute, vortreffliche Menschen durch ihre Gegenwart vorübergehend

unser Haus belebten, durch ihren frischen Geistesodem auch unser

Wesen in neuen raschen Schwung versetzten und uns den Segen der

Gastfreundschaft in vollem Maße zu empfinden gaben, so läßt ihr

Abschied immer eine unbehagliche Stockung, zum mindesten für den Rest

des Tags, bei uns zurück, wofern wir wieder ganz nur auf uns selber

angewiesen sind.

Bei unsern Schloßbewohnern traf wenigstens das letztere nicht zu.

Franziskas Eltern nebst der alten Tante fuhren zwar alsbald auch weg;

die Freundin selbst indes, der Bräutigam, Max ohnehin, verblieben

noch. Eugenien, von welcher vorzugsweise hier die Rede ist, weil sie

das unschätzbare Erlebnis tiefer als alle ergriff, ihr, sollte man

denken, konnte nichts fehlen, nichts genommen oder getrübt sein; ihr

reines Glück in dem wahrhaft geliebten Mann, das erst soeben seine

förmliche Bestätigung erhielt, mußte alles andre verschlingen,

vielmehr, das Edelste und Schönste, wovon ihr Herz bewegt sein konnte,

mußte sich notwendig mit jener seligen Fülle in eines verschmelzen.

So wäre es auch wohl gekommen, hätte sie gestern und heute der bloßen

Gegenwart, jetzt nur dem reinen Nachgenuß derselben leben können.

Allein am Abend schon, bei den Erzählungen der Frau, war sie von

leiser Furcht für ihn, an dessen liebenswertem Bild sie sich ergötzte,

geheim beschlichen worden; diese Ahnung wirkte nachher, die ganze

Zeit, als Mozart spielte, hinter allem unsäglichen Reiz, durch

alle das geheimnisvolle Grauen der Musik hindurch, im Grund ihres

Bewußtseins fort, und endlich überraschte, erschütterte sie das, was

er selbst in der nämlichen Richtung gelegentlich von sich erzählte.

Es ward ihr so gewiß, so ganz gewiß, daß dieser Mann sich schnell

und unaufhaltsam in seiner eigenen Glut verzehre, daß er nur eine

flüchtige Erscheinung auf der Erde sein könne, weil sie den Überfluß,

den er verströmen würde, in Wahrheit nicht ertrüge.

Dies, neben vielem andern, ging, nachdem sie sich gestern

niedergelegt, in ihrem Busen auf und ab, während der Nachhall >Don

Juans< verworren noch lange fort ihr inneres Gehör einnahm. Erst gegen

Tag schlief sie ermüdet ein.

Die drei Damen hatten sich nunmehr mit ihren Arbeiten in den Garten

gesetzt, die Männer leisteten ihnen Gesellschaft, und da das Gespräch

natürlich zunächst nur Mozart betraf, so verschwieg auch Eugenie ihre

Befürchtungen nicht. Keins wollte dieselben im mindesten teilen,

wiewohl der Baron sie vollkommen begriff. Zur guten Stunde, in

recht menschlich reiner, dankbarer Stimmung pflegt man sich jeder

Unglücksidee, die einen gerade nicht unmittelbar angeht, aus allen

Kräften zu erwehren. Die sprechendsten, lachendsten Gegenbeweise

wurden, besonders vom Oheim, vorgebracht, und wie gerne hörte nicht

Eugenie alles an! Es fehlte nicht viel, so glaubte sie wirklich, zu

schwarz gesehen zu haben.

Einige Augenblicke später, als sie durchs große Zimmer oben ging, das

eben gereinigt und wieder in Ordnung gebracht worden war und dessen

vorgezogene, gründamastene Fenstergardinen nur ein sanftes Dämmerlicht

zuließen, stand sie wehmütig vor dem Klaviere still. Durchaus war

es ihr wie ein Traum, zu denken, wer noch vor wenigen Stunden

davorgesessen habe. Lang blickte sie gedankenvoll die Tasten an, die

er zuletzt berührt, dann drückte sie leise den Deckel zu und zog den

Schlüssel ab, in eifersüchtiger Sorge, daß so bald keine andere Hand

wieder öffne. Im Weggehn stellte sie beiläufig einige Liederhefte an

ihren Ort zurück; es fiel ein älteres Blatt heraus, die Abschrift

eines böhmischen Volksliedchens, das Franziska früher, auch wohl

sie selbst, manchmal gesungen. Sie nahm es auf, nicht ohne darüber

betreten zu sein. In einer Stimmung wie die ihrige wird der

natürlichste Zufall leicht zum Orakel. Wie sie es aber auch verstehen

wollte, der Inhalt war derart, daß ihr, indem sie die einfachen Verse

wieder durchlas, heiße Tränen entfielen.

Ein Tännlein grünet wo,

Wer weiß, im Walde;

Ein Rosenstrauch, wer sagt,

In welchem Garten?

Sie sind erlesen schon,

Denk es, o Seele,

Auf deinem Grab zu wurzeln

Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden

Auf der Wiese,

Sie kehren heim zur Stadt

In muntern Sprüngen.

Sie werden schrittweis gehn

Mit deiner Leiche;

Vielleicht, vielleicht noch eh

An ihren Hufen

Das Eisen los wird,

Das ich blitzen sehe!

End of Project Gutenberg's Mozart auf der Reise nach Prag, by Eduard Morike

Mozart auf der Reise nach Prag · 第 5 / 5 段