Die Gräfin machte für sich die Bemerkung, daß die meisten Zuhörer,

vielleicht Eugenie selbst nicht ausgenommen, trotz der gespanntesten

Aufmerksamkeit und aller feierlichen Stille während eines bezaubernden

Spiels, doch zwischen Auge und Ohr gar sehr geteilt waren. In

unwillkürlicher Beobachtung des Komponisten, seiner schlichten,

beinahe steifen Körperhaltung, seines gutmütigen Gesichts, der

rundlichen Bewegung dieser kleinen Hände war es gewiß auch nicht

leicht möglich, dem Zudrang tausendfacher Kreuzundquergedanken über

den Wundermann zu widerstehen.

Zu Madame Mozart gewendet, sagte der Graf, nachdem der Meister

aufgestanden war: »Einem berühmten Künstler gegenüber, wenn es ein

Kennerlob zu spitzen gilt, das halt nicht eines jeden Sache ist, wie

haben es die Könige und Kaiser gut! Es nimmt sich eben alles einzig

und außerordentlich in einem solchen Munde aus. Was dürfen sie sich

nicht erlauben, und wie bequem ist es zum Beispiel, dicht hinterm

Stuhl Ihres Herrn Gemahls, beim Schlußakkord einer brillanten

Phantasie dem bescheidenen klassischen Mann auf die Schulter zu

klopfen und zu sagen: >Sie sind ein Tausensasa, lieber Mozart!< Kaum

ist das Wort heraus, so gehts wie ein Lauffeuer durch den Saal: >Was

hat er ihm gesagt?< - >Er sei ein Tausendsasa, hat er zu ihm gesagt!<

Und alles, was da geigt und fistuliert und komponiert, ist außer sich

von diesem einen Wort; kurzum, es ist der große Stil, der familiäre

Kaiser-Stil, der unnachahmliche, um welchen ich die Josephs und die

Friedrichs von je beneidet habe, und das nie mehr als eben jetzt, wo

ich ganz in Verzweiflung bin, von anderweitiger geistreicher Münze

zufällig keinen Deut in allen meinen Taschen anzutreffen.« Die Art,

wie der Schäfer dergleichen vorbrachte, bestach immerhin und rief

unausbleiblich ein Lachen hervor.

Nun aber, auf die Einladung der Hausfrau, verfügte die Gesellschaft

sich nach dem geschmückten runden Speisesalon, aus welchem den

Eintretenden ein festlicher Blumengeruch und eine kühlere, dem Appetit

willkommene Luft entgegenwehte.

Man nahm die schicklich ausgeteilten Plätze ein, und zwar der

distinguierte Gast den seinigen dem Brautpaar gegenüber. Von einer

Seite hatte er eine kleine ältliche Dame, eine unverheiratete Tante

Franziskas, von der andern die junge reizende Nichte selbst zur

Nebensitzerin, die sich durch Geist und Munterkeit ihm bald besonders

zu empfehlen wußte. Frau Konstanze kam zwischen den Hauswirt und ihren

freundlichen Geleitsmann, den Leutnant; die übrigen reihten sich ein,

und so saß man zu elfen nach Möglichkeit bunt an der Tafel, deren

unteres Ende leer blieb. Auf ihr erhoben sich mitten zwei mächtig

große Porzellanaufsätze mit gemalten Figuren, breite Schalen, gehäuft

voll natürlicher Früchte und Blumen, über sich haltend. An den Wänden

des Saals hingen reiche Festons. Was sonst da war oder nach und nach

folgte, schien einen ausgedehnten Schmaus zu verkünden. Teils auf der

Tafel, zwischen Schüsseln und Platten, teils vom Serviertisch herüber

im Hintergrund blinkte verschiedenes edle Getränk vom schwärzesten Rot

bis hinauf zu dem gelblichen Weiß, dessen lustiger Schaum herkömmlich

erst die zweite Hälfte eines Festes krönt.

Bis gegen diesen Zeitpunkt hin bewegte sich die Unterhaltung, von

mehreren Seiten gleich lebhaft genährt, in allen Richtungen. Weil aber

der Graf gleich anfangs einigemal von weitem und jetzt nur immer näher

und mutwilliger auf Mozarts Gartenabenteuer anspielte, so daß die

einen heimlich lächelten, die andern sich umsonst den Kopf zerbrachen,

was er denn meine, so ging unser Freund mit der Sprache heraus.

»Ich will in Gottes Namen beichten«, fing er an, »auf was Art mir

eigentlich die Ehre der Bekanntschaft mit diesem edlen Haus geworden

ist. Ich spiele dabei nicht die würdigste Rolle, und um ein Haar, so

säß ich jetzt, statt hier vergnügt zu tafeln, in einem abgelegenen

Arrestantenwinkel des gräflichen Schlosses und könnte mir mit leerem

Magen die Spinneweben an der Wand herum betrachten.«

»Nun ja,« rief Madame Mozart, »da werd ich schöne Dinge hören.«

Ausführlich nun beschrieb er erst, wie er im >Weißen Roß< seine Frau

zurückgelassen, die Promenade in den Park, den Unstern in der Laube,

den Handel mit der Gartenpolizei, kurz, ungefähr was wir schon wissen,

gab er alles mit größter Treuherzigkeit und zum höchsten Ergötzen der

Zuhörer preis. Das Lachen wollte fast kein Ende nehmen; selbst die

gemäßigte Eugenie enthielt sich nicht, es schüttelte sie ordentlich.

»Nun«, fuhr er fort, »das Sprichwort sagt: Hat einer den Nutzen, dem

Spott mag er trutzen! Ich hab meinen kleinen Profit von der Sache,

Sie werden schon sehen. Vor allem aber hören Sie, wie's eigentlich

geschah, daß sich ein alter Kindskopf so vergessen konnte. Eine

Jugenderinnerung war mit im Spiele.

Im Frühling 1770 reiste ich als dreizehnjähriges Bürschchen mit meinem

Vater nach Italien. Wir gingen von Rom nach Neapel. Ich hatte zweimal

im Konservatorium und sonst zu verschiedenen Malen gespielt. Adel und

Geistlichkeit erzeugten uns manches Angenehme, vornehmlich attachierte

sich ein Abbate an uns, der sich als Kenner schmeichelte und übrigens

am Hofe etwas galt. Den Tag vor unserer Abreise führte er uns in

Begleitung einiger anderen Herren in einen königlichen Garten, die

Villa reale, bei der prachtvollen Straße geradhin am Meere gelegen,

wo eine Bande sizilianischer commedianti sich produzierte - figli di

Nettuno, wie sie sich neben andern schönen Titeln auch nannten. Mit

vielen vornehmen Zuschauern, worunter selbst die junge liebenswürdige

Königin Karolina samt zwei Prinzessen, saßen wir auf einer langen

Reihe von Bänken im Schatten einer zeltartig bedeckten niedern

Galerie, an deren Mauer unten die Wellen plätscherten. Das Meer

mit seiner vielfarbigen Streifung strahlte den blauen Sonnenhimmel

herrlich wider. Gerade vor sich hat man den Vesuv, links schimmert,

sanft geschwungen, eine reizende Küste herein.

Die erste Abteilung der Spiele war vorüber; sie wurde auf dem

trockenen Bretterboden einer Art von Flöße ausgeführt, die auf dem

Wasser stand, und hatte nichts Besonderes; der zweite aber und

der schönste Teil bestand aus lauter Schiffer-, Schwimm- und

Taucherstücken und blieb mir stets mit allen Einzelheiten frisch im

Gedächtnis eingeprägt.

Von entgegengesetzten Seiten her näherten sich einander zwei

zierliche, sehr leicht gebaute Barken, beide, wie es schien, auf

einer Lustfahrt begriffen. Die eine, etwas größere, war mit einem

Halbverdeck versehen und nebst den Ruderbänken mit einem dünnen Mast

und einem Segel ausgerüstet, auch prächtig bemalt, der Schnabel

vergoldet. Fünf Jünglinge von idealischem Aussehen, kaum bekleidet,

Arme, Brust und Beine dem Anschein nach nackt, waren teils an dem

Ruder beschäftigt, teils ergötzten sie sich mit einer gleichen Anzahl

artiger Mädchen, ihren Geliebten. Eine darunter, welche mitten auf dem

Verdecke saß und Blumenkränze wand, zeichnete sich durch Wuchs und

Schönheit sowie durch ihren Putz vor allen übrigen aus. Diese dienten

ihr willig, spannten gegen die Sonne ein Tuch über sie und reichten

ihr die Blumen aus dem Korb. Eine Flötenspielerin saß zu ihren Füßen,

die den Gesang der andern mit ihren hellen Tönen unterstützte.

Auch jener vorzüglichen Schönen fehlte es nicht an einem eigenen

Beschützer; doch verhielten sich beide ziemlich gleichgültig

gegeneinander, und der Liebhaber deuchte mir fast etwas roh.

Inzwischen war das andere, einfachere Fahrzeug näher gekommen. Hier

sah man bloß männliche Jugend. Wie jene Jünglinge Hochrot trugen, so

war die Farbe der letztern Seegrün. Sie stutzten beim Anblick der

lieblichen Kinder, winkten Grüße herüber und gaben ihr Verlangen nach

näherer Bekanntschaft zu erkennen. Die Munterste hierauf nahm eine

Rose vom Busen und hielt sie schelmisch in die Höhe, gleichsam

fragend, ob solche Gaben bei ihnen wohl angebracht wären, worauf von

drüben allerseits mit unzweideutigen Gebärden geantwortet wurde.

Die Roten sahen verächtlich und finster darein, konnten aber nichts

machen, als mehrere der Mädchen einig wurden, den armen Teufeln

wenigstens doch etwas für den Hunger und Durst zuzuwerfen. Es stand

ein Korb voll Orangen am Boden; wahrscheinlich waren es nur gelbe

Bälle, den Früchten ähnlich nachgemacht. Und jetzt begann ein

entzückendes Schauspiel, unter Mitwirkung der Musik, die auf dem

Uferdamm aufgestellt war.

Eine der Jungfrauen machte den Anfang und schickte fürs erste ein

paar Pomeranzen aus leichter Hand hinüber, die, dort mit gleicher

Leichtigkeit aufgefangen, alsbald zurückkehrten; so ging es hin und

her, und weil nach und nach immer mehr Mädchen zuhalfen, so flogs mit

Pomeranzen bald dem Dutzend nach in immer schnellerem Tempo hin und

wider. Die Schöne in der Mitte nahm an dem Kampfe keinen Anteil, als

daß sie höchst begierig von ihrem Schemel aus zusah. Wir konnten

die Geschicklichkeit auf beiden Seiten nicht genug bewundern. Die

Schiffe drehten sich auf etwa dreißig Schritte in langsamer Bewegung

umeinander, kehrten sich bald die ganze Flanke zu, bald schief das

halbe Vorderteil; es waren gegen vierundzwanzig Bälle unaufhörlich in

der Luft, doch glaubte man in der Verwirrung ihrer viel mehr zu sehen.

Manchmal entstand ein förmliches Kreuzfeuer, oft stiegen sie und

fielen in einem hohen Bogen; kaum ging einmal einer und der andere

fehl, es war, als stürzten sie von selbst durch eine Kraft der

Anziehung in die geöffneten Finger.

So angenehm jedoch das Auge beschäftigt wurde, so lieblich gingen fürs

Gehör die Melodien nebenher: sizilianische Weisen, Tänze, Saltarelli,

Canzoni a ballo, ein ganzes Quodlibet, auf Girlandenart leicht

aneinandergehängt. Die jüngere Prinzeß, ein holdes, unbefangenes

Geschöpf, etwa von meinem Alter, begleitete den Takt gar artig mit

Kopfnicken; ihr Lächeln und die langen Wimpern ihrer Augen kann ich

noch heute vor mir sehen.

Nun lassen Sie mich kürzlich den Verlauf der Posse noch erzählen,

obschon er weiter nichts zu meiner Sache tut! Man kann sich nicht

leicht etwas Hübscheres denken. Währenddem das Scharmützel allmählich

ausging und nur noch einzelne Würfe gewechselt wurden, die Mädchen

ihre goldenen Äpfel sammelten und in den Korb zurückbrachten, hatte

drüben ein Knabe, wie spielenderweis, ein breites, grüngestricktes

Netz ergriffen und kurze Zeit unter dem Wasser gehalten; er hob es

auf, und zum Erstaunen aller fand sich ein großer, blau, grün und gold

schimmernder Fisch in demselben. Die Nächsten sprangen eifrig zu,

um ihn herauszuholen, da glitt er ihnen aus den Händen, als wär

es wirklich ein lebendiger, und fiel in die See. Das war nun eine

abgeredte Kriegslist, die Roten zu betören und aus dem Schiff zu

locken. Diese, gleichsam bezaubert von dem Wunder, sobald sie merkten,

daß das Tier nicht untertauchen wollte, nur immer auf der Oberfläche

spielte, besannen sich nicht einen Augenblick, stürzten sich alle

ins Meer, die Grünen ebenfalls, und also sah man zwölf gewandte,

wohlgestalte Schwimmer den fliehenden Fisch zu erhaschen bemüht, indem

er auf den Wellen gaukelte, minutenlang unter denselben verschwand,

bald da, bald dort, dem einen zwischen den Beinen, dem andern zwischen

Brust und Kinn herauf wieder zum Vorschein kam. Auf einmal, wie die

Roten eben am hitzigsten auf ihren Fang aus waren, ersah die andere

Partei ihren Vorteil und erstieg schnell wie der Blitz das fremde,

ganz dem Mädchen überlassene Schiff unter großem Gekreische der

letztern. Der nobelste der Burschen, wie ein Merkur gewachsen, flog

mit freudestrahlendem Gesicht auf die Schönste zu, umfaßte, küßte sie,

die, weit entfernt, in das Geschrei der andern einzustimmen, ihre Arme

gleichfalls feurig um den ihr wohlbekannten Jüngling schlang. Die

betrogene Schar schwamm zwar eilends herbei, wurde aber mit Rudern und

Waffen vom Bord abgetrieben. Ihre unnütze Wut, das Angstgeschrei der

Mädchen, der gewaltsame Widerstand einiger von ihnen, ihr Bitten und

Flehen, fast erstickt vom übrigen Alarm, des Wassers, der Musik, die

plötzlich einen andern Charakter angenommen hatte - es war schön über

alle Beschreibung, und die Zuschauer brachen darüber in einen Sturm

von Begeisterung aus.

In diesem Moment nun entwickelte sich das bisher locker eingebundene

Segel: daraus ging ein rosiger Knabe hervor mit silbernen Schwingen,

mit Bogen, Pfeil und Köcher, und in anmutvoller Stellung schwebte er

frei auf der Stange. Schon sind die Ruder alle in voller Tätigkeit,

das Segel blähte sich auf: allein gewaltiger als beides schien die

Gegenwart des Gottes und seine heftig vorwärtseilende Gebärde das

Fahrzeug fortzutreiben, dergestalt, daß die fast atemlos nachsetzenden

Schwimmer, deren einer den goldenen Fisch hoch mit der Linken über

seinem Haupte hielt, die Hoffnung bald aufgaben und bei erschöpften

Kräften notgedrungen ihre Zuflucht zu dem verlassenen Schiffe nahmen.

Derweil haben die Grünen eine kleine bebuschte Halbinsel erreicht,

wo sich unerwartet ein stattliches Boot mit bewaffneten Kameraden

im Hinterhalt zeigte. Im Angesicht so drohender Umstände pflanzte

das Häufchen eine weiße Flagge auf, zum Zeichen, daß man gütlich

unterhandeln wolle. Durch ein gleiches Signal von jenseits ermuntert,

fuhren sie auf jenen Haltort zu, und bald sah man daselbst die guten

Mädchen alle bis auf die eine, die mit Willen blieb, vergnügt mit

ihren Liebhabern das eigene Schiff besteigen. Hiermit war die Komödie

beendigt.«

»Mir deucht«, so flüsterte Eugenie mit leuchtenden Augen dem Baron in

einer Pause zu, worin sich jedermann beifällig über das eben Gehörte

aussprach, »wir haben hier eine gemalte Symphonie von Anfang bis zu

Ende gehabt und ein vollkommenes Gleichnis überdies des Mozartischen

Geistes selbst in seiner ganzen Heiterkeit! Hab ich nicht recht? Ist

nicht die ganze Anmut >Figaros< darin?«

Der Bräutigam war im Begriff, ihre Bemerkung dem Komponisten

mitzuteilen, als dieser zu reden fortfuhr.

»Es sind nun siebzehn Jahre her, daß ich Italien sah. Wer, der es

einmal sah, insonderheit Neapel, denkt nicht sein Leben lang daran?

und wär er auch, wie ich, noch halb in Kinderschuhen gesteckt! So

lebhaft aber wie heut in Ihrem Garten war mir der letzte schöne Abend

am Golf kaum jemals wieder aufgegangen. Wenn ich die Augen schloß -

ganz deutlich, klar und hell, den letzten Schleier von sich hauchend,

lag die himmlische Gegend vor mir verbreitet! Meer und Gestade, Berg

und Stadt, die bunte Menschenmenge an dem Ufer hin und dann das

wundersame Spiel der Bälle durcheinander! Ich glaubte wieder dieselbe

Musik in den Ohren zu haben, ein ganzer Rosenkranz von fröhlichen

Melodien zog innerlich an mir vorbei, Fremdes und Eigenes, Krethi und

Plethi, eines immer das andere ablösend. Von ungefähr springt ein

Tanzliedchen hervor, Sechsachteltakt, mir völlig neu. - Halt, dacht

ich, was gibts hier? Das scheint ein ganz verteufelt niedliches Ding!

Ich sehe näher zu - alle Wetter! das ist ja Masetto, das ist ja

Zerlina!« -

Er lachte gegen Madame Mozart hin, die ihn sogleich erriet.

»Die Sache«, fuhr er fort, »ist einfach diese. In meinem ersten Akt

blieb eine kleine leichte Nummer unerledigt, Duett und Chor einer

ländlichen Hochzeit. Vor zwei Monaten nämlich, als ich dieses Stück

der Ordnung nach vornehmen wollte, da fand sich auf den ersten Wurf

das Rechte nicht alsbald. Eine Weise, einfältig und kindlich und

spritzend von Fröhlichkeit über und über, ein frischer Busenstrauß mit

Flatterband dem Mädel angesteckt, so mußte es sein. Weil man nun im

geringsten nichts erzwingen soll und weil dergleichen Kleinigkeiten

sich oft gelegentlich von selber machen, ging ich darüber weg und

sah mich im Verfolg der größeren Arbeit kaum wieder danach um. Ganz

flüchtig kam mir heut im Wagen, kurz eh wir ins Dorf hereinfuhren, der

Text in den Sinn; da spann sich denn weiter nichts an, zum wenigsten

nicht, daß ichs wüßte. Genug, ein Stündchen später, in der Laube beim

Brunnen, erwisch ich ein Motiv, wie ich es glücklicher und besser zu

keiner andern Zeit, auf keinem andern Weg erfunden haben würde. Man

macht bisweilen in der Kunst besondere Erfahrungen, ein ähnlicher

Streich ist mir nie vorgekommen. Denn eine Melodie, dem Vers wie auf

den Leib gegossen - doch, um nicht vorzugreifen, so weit sind wir

noch nicht, der Vogel hatte nur den Kopf erst aus dem Ei, und auf der

Stelle fing ich an, ihn vollends rein herauszuschälen. Dabei schwebte

mir lebhaft der Tanz der Zerline vor Augen, und wunderlich spielte

zugleich die lachende Landschaft am Golf von Neapel herein. Ich hörte

die wechselnden Stimmen des Brautpaars, die Dirnen und Bursche im

Chor.«

Hier trällerte Mozart ganz lustig den Anfang des Liedchens:

Giovinette, che fatte all' amore, che fatte all' amore,

Non lasciate, che passi l'età, che passi l'età, che passi l'età!

Se nel seno vi bulica il core, vi bulica il core,

Il remedio vedete lo quà! La la la! La la la!

Che piacer, che piacer che sarà!

Ah la la! Ah la la usf. *

* Liebe Schwestern, zur Liebe geboren,

Nützt der Jugend schön blühende Zeit!

Hängt ihr's Köpfchen in Sehnsucht verloren,

Amor ist euch zu helfen bereit.

Tralala

Welch Vergnügen erwartet euch da! usw.

»Mittlerweile hatten meine Hände das große Unheil angerichtet. Die

Nemesis lauerte schon an der Hecke und trat jetzt hervor in Gestalt

des entsetzlichen Mannes im galonierten blauen Rock. Ein Ausbruch des

Vesuvio, wenn er in Wirklichkeit damals an dem göttlichen Abend am

Meer Zuschauer und Akteurs, die ganze Herrlichkeit Parthenopes mit

einem schwarzen Aschenregen urplötzlich verschüttet und zugedeckt

hätte, bei Gott, die Katastrophe wäre mir nicht unerwarteter und

schrecklicher gewesen. Der Satan der! so heiß hat mir nicht leicht

jemand gemacht. Ein Gesicht wie aus Erz - einigermaßen dem grausamen

römischen Kaiser Tiberius ähnlich! Sieht so der Diener aus, dacht ich,

nachdem er weggegangen, wie mag erst Seine Gnaden selbst dreinsehen.

Jedoch, die Wahrheit zu gestehn, ich rechnete schon ziemlich auf den

Schutz der Damen, und das nicht ohne Grund. Denn diese Stanzel da,

mein Weibchen, etwas neugierig von Natur, ließ sich im Wirtshaus

von der dicken Frau das Wissenswürdigste von denen sämtlichen

Persönlichkeiten der gnädigen Herrschaft in meinem Beisein erzählen,

ich stand dabei und hörte so...«

Hier konnte Madame Mozart nicht umhin, ihm in das Wort zu fallen und

auf das angelegentlichste zu versichern, daß im Gegenteil er der

Ausfrager gewesen; es kam zu heitern Kontestationen zwischen Mann

und Frau, die viel zu lachen gaben. - »Dem sei nun, wie ihm wolle«,

sagte er, »kurzum, ich hörte so entfernt etwas von einer lieben

Pflegetochter, welche Braut, sehr schön, dazu die Güte selber sei und

singe wie ein Engel. Per Dio! fiel mir jetzt ein, das hilft dir aus

der Lauge! Du setzt dich auf der Stelle hin, schreibst's Liedchen auf,

soweit es geht, erklärst die Sottise der Wahrheit gemäß, und es gibt

einen trefflichen Spaß. Gedacht, getan. Ich hatte Zeit genug, auch

fand sich noch ein sauberes Bögchen grün liniert Papier. - Und hier

ist das Produkt! Ich lege es in diese schönen Hände, ein Brautlied aus

dem Stegreif, wenn Sie es dafür gelten lassen.«

So reichte er sein reinlichst geschriebenes Notenblatt Eugenien über

den Tisch, des Onkels Hand kam aber der ihrigen zuvor, er haschte es

hinweg und rief: »Geduld noch einen Augenblick, mein Kind!«

Auf seinen Wink tat sich die Flügeltür des Salons weit auf, und es

erschienen einige Diener, die den verhängnisvollen Pomeranzenbaum

anständig, ohne Geräusch in den Saal hereintrugen und an der Tafel

unten auf eine Bank niedersetzten; gleichzeitig wurden rechts und

links zwei schlanke Myrtenbäumchen aufgestellt. Eine am Stamm des

Orangenbaums befestigte Inschrift bezeichnete ihn als Eigentum der

Braut; vorn aber, auf dem Moosgrund, stand, mit einer Serviette

bedeckt, ein Porzellanteller, der, als man das Tuch hinwegnahm, eine

zerschnittene Orange zeigte, neben welche der Oheim mit listigem Blick

des Meisters Autographen steckte. Allgemeiner unendlicher Jubel erhob

sich darüber.

»Ich glaube gar«, sagte die Gräfin, »Eugenie weiß noch nicht einmal,

was eigentlich da vor ihr steht? Sie kennt wahrhaftig ihren alten

Liebling in seinem neuen Flor und Früchteschmuck nicht mehr.«

Bestürzt, ungläubig sah das Fräulein bald den Baum, bald ihren Oheim

an. »Es ist nicht möglich«, sagte sie. »Ich weiß ja wohl, er war nicht

mehr zu retten.«

»Du meinst also«, versetzte jener, »man habe dir nur irgend ungefähr

so ein Ersatzstück ausgesucht? Das wäre was Rechts! Nein, sieh nur her

- ich muß es machen, wie's in der Komödie der Brauch ist, wo sich die

totgeglaubten Söhne oder Brüder durch ihre Muttermäler und Narben

legitimieren. Schau diesen Auswuchs da! und hier die Schrunde übers

Kreuz, du mußt sie hundertmal bemerkt haben. Wie, ist ers, oder ist

ers nicht?« - Sie konnte nicht mehr zweifeln; ihr Staunen, ihre

Rührung und Freude war unbeschreiblich.

Es knüpfte sich an diesen Baum für die Familie das mehr als

hundertjährige Gedächtnis einer ausgezeichneten Frau, welche wohl

verdient, daß wir ihrer mit wenigem hier gedenken.

Des Oheims Großvater, durch seine diplomatischen Verdienste im Wiener

Kabinett rühmlich bekannt, von zwei Regenten nacheinander mit gleichem

Vertrauen beehrt, war innerhalb seines eigenen Hauses nicht minder

glücklich im Besitz einer vortrefflichen Gemahlin, Renate Leonore. Ihr

wiederholter Aufenthalt in Frankreich brachte sie vielfach mit dem

glänzenden Hofe Ludwigs XIV. und mit den bedeutendsten Männern und

Frauen dieser merkwürdigen Epoche in Berührung. Bei ihrer unbefangenen

Teilnahme an jenem steten Wechsel des geistreichsten Lebensgenusses

verleugnete sie auf keinerlei Art in Worten und Werken die angestammte

deutsche Ehrenfestigkeit und sittliche Strenge, die sich in

den kräftigen Zügen des noch vorhandenen Bildnisses der Gräfin

unverkennbar ausprägt. Vermöge eben dieser Denkungsweise übte sie in

der gedachten Sozietät eine eigentümliche naive Opposition, und ihre

hinterlassene Korrespondenz weist eine Menge Spuren davon auf, mit

wieviel Freimut und herzhafter Schlagfertigkeit, es mochte nun von

Glaubenssachen, von Literatur und Politik oder von was immer die Rede

sein, die originelle Frau ihre gesunden Grundsätze und Ansichten zu

verteidigen, die Blößen der Gesellschaft anzugreifen wußte, ohne doch

dieser im mindesten sich lästig zu machen. Ihr reges Interesse für

sämtliche Personen, die man im Hause einer Ninon, dem eigentlichen

Herd der feinsten Geistesbildung, treffen konnte, war demnach

so beschaffen und geregelt, daß es sich mit dem höheren

Freundschaftsverhältnis zu einer der edelsten Damen jener Zeit, der

Frau von Sévigné, vollkommen wohl vertrug. Neben manchen mutwilligen

Scherzen Chapelles an sie, vom Dichter eigenhändig auf Blätter mit

silberblumigem Rande gekritzelt, fanden sich die liebevollsten

Briefe der Marquisin und ihrer Tochter an die ehrliche Freundin aus

Österreich nach ihrem Tod in einem Ebenholzschränkchen der Großmutter

vor.

Frau von Sévigné war es denn auch, aus deren Hand sie eines Tages, bei

einem Feste zu Trianon, auf der Terrasse des Gartens den blühenden

Orangenzweig empfing, den sie sofort auf das Geratewohl in einen Topf

setzte und glücklich angewurzelt mit nach Deutschland nahm.

Wohl fünfundzwanzig Jahre wuchs das Bäumchen unter ihren Augen

allgemach heran und wurde später von Kindern und Enkeln mit äußerster

Sorgfalt gepflegt. Es konnte nächst seinem persönlichen Werte zugleich

als lebendes Symbol der feingeistigen Reize eines beinahe vergötterten

Zeitalters gelten, worin wir heutzutage freilich des wahrhaft

Preisenswerten wenig finden können und das schon eine unheilvolle

Zukunft in sich trug, deren welterschütternder Eintritt dem Zeitpunkt

unserer harmlosen Erzählung bereits nicht ferne mehr lag.

Mozart auf der Reise nach Prag · 第 2 / 5 段