Man bildet sich vergebens ein, daß man allen literarischen

Erscheinungen face machen [ihnen gegenüber Stellung nehmen] könnte.

Es geht einmal nicht; man tappt in allen Jahrhunderten, in allen

Weltteilen herum und ist doch nicht überall zu Hause, stumpft sich

Sinn und Urteil ab, verliert Zeit und Kraft. Man liest Folianten und

Quartanten durch und wird um nichts klüger, als wenn man alle Tage in

der Bibel läse ....

Man liest viel zu viel geringe Sachen, womit man die Zeit verdirbt

und wovon man weiter nichts hat. ...

Seit ich keine Zeitungen mehr lese, bin ich ordentlich wohler und

geistesfreier. Man kümmert sich doch nur um Das, was Andere tun und

treiben, und versäumt, was einem zunächst obliegt.

Nicht das Neuigkeits-Verschlingen, sondern das fleißige, treuliche

Umgehen mit dem uns gemäßen Großen bildet uns in die Höhe. Wenn Goethe

die Kupfer nach den berühmtesten italienischen Malern betrachtete, so

bekannte sogar er:

Wir kleinen Menschen sind nicht fähig, die Größe solcher Dinge in

uns zu bewahren, und wir müssen daher von Zeit zu Zeit immer dahin

zurückkehren, um solche Eindrücke in uns aufzufrischen.

Immer wieder Raffael zu betrachten, mahnte er auch Eckermann, damit er

im Verkehr mit dem Besten bleibe und sich immerfort übe, die Gedanken

eines hohen Menschen nachzudenken.

Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am

Allervorzüglichsten. Ich zeige Ihnen daher nur das Allerbeste, und

wenn Sie sich darin befestigen, haben Sie einen Maßstab für das

Übrige.

So hielt er es auch mit den Dichtern. Bei Homer und den griechischen

Dramatikern ging er immer wieder in die Schule; ja sogar von dem Romane

‚Daphnis und Chloe‘ des Longos urteilte er: „Man tut wohl, dies Gedicht

alle Jahre einmal zu lesen und immer wieder daran zu lernen und den

Eindruck seiner großen Schönheit auf’s neue zu empfinden.“ Ebenso

konnte er über Shakespeare oder Byron urteilen, und wenn man wegen des

Letzteren Einwendungen machte, so erwiderte er: „Alles Große bildet,

nicht etwa bloß das entschieden Reine und Sittliche; an Byron ist auch

seine Kühnheit, Keckheit, Grandiosität bildend.“ Von Molière bekannte

er 1827: „Ich kenne und liebe ihn seit meiner Jugend und habe während

meines ganzen Lebens von ihm gelernt. Ich unterlasse nicht, jährlich

von ihm einige Stücke zu lesen, um mich im Verkehr des Vortrefflichen

zu erhalten.“ Einmal meinte er: „Man sollte eigentlich immer nur Das

lesen, was man bewundert,“ und an einem andern Tage: „Es kommt immer

darauf an, daß Derjenige, von dem wir lernen wollen, unserer Natur

gemäß sei. -- -- Überall lernt man nur von Dem, den man liebt.“

Ein sehr wertvoller Rat Goethes war schließlich:

Der Mensch mache sich nur irgend eine würdige Gewohnheit zu eigen, an

der er sich die Lust in heiteren Tagen erhöhen und in trüben Tagen

aufrichten kann. Er gewöhne sich z. B., täglich in der Bibel oder im

Homer zu lesen oder Medaillen oder schöne Bilder zu schauen oder gute

Musik zu hören. Aber es muß etwas Treffliches, Würdiges sein, woran

er sich gewöhnt, damit ihm stets und in jeder Lage der Respekt dafür

bleibe.

* * * * *

[Sidenote: Der Lehrer]

Das Lernen und Unterrichten war zu Goethes Zeit viel freier,

freiwilliger und ungeregelter als heute; Goethe nutzte diese schöne

Freiheit auch dadurch aus, daß er zeitlebens ebenso Lehrer war wie

Schüler. Schon als Kind verriet er seine lehrhafte Natur: als ihm

1759 ein sechsjähriges Brüderchen starb und er darüber nicht weinte,

fragte ihn seine Mutter, ob er denn den kleinen Hermann Jakob nicht

lieb gehabt habe; da eilte Wolfgang in seine Kammer, zerrte unter dem

Bette eine Menge Papiere hervor, die er mit Lektionen und Geschichten

vollgeschrieben hatte. „Dies alles hab ich gemacht, um es den Bruder zu

lehren!“

Später belehrte er die Schwester und bald auch alle Freunde und

Freundinnen, die sich ihm lernlustig nahten. Zuweilen auch

Heranwachsende: die Schüler der Zeichenschule, seinen Pflegesohn

Fritz v. Stein, seinen Sohn August, jugendliche Schauspieler und

Schauspielerinnen, aus denen er eine Theaterschule bildete. Die

verschiedensten Fächer lehrte er: Zeichnen, Malen, Englisch, Botanik,

Farbenlehre, Anatomie, Deklamation, deutsche Literatur. Manches Jahr

waren den Winter über die weimarischen Fürstinnen, ihre Hofdamen und

nächsten Freundinnen, wie Charlotte v. Stein und Charlotte v. Schiller,

seine Schülerinnen; sie kamen einmal die Woche, z. B. im Winter 1805/06

Mittwochs vormittags von elf bis ein Uhr, und Goethe hatte dann immer

etwas für sie zum Vorzeigen zurechtgelegt und zum Vortragen überdacht.

Er sprach frei nach Stichworten, manchmal mit der Hand über die Stirn

fahrend, während er denkend redete. Fräulein v. Knebel berichtet

einmal an ihren Bruder: „Er sprach so reich, reif und mild, daß ich

wirklich noch nie so habe sprechen hören. Ich wünschte, er hätte die

Rede aufgeschrieben; mich dünkt, sie allein müßte ihm den Ruhm eines

seltenen Menschen machen.“ Mit gutem Grunde widmete Goethe seine

‚Farbenlehre‘ der Herzogin Luise und sein ‚Leben Hackerts‘ der Herzogin

Amalie. Zu seinen fürstlichen Schülerinnen gehörte auch die junge

kranke Kaiserin von Österreich, Maria Ludowika.

Goethe betont auch hier sein Streben nach eigenem Vorteil. „Ich hielt

niemals einen Vortrag, ohne daß ich dabei gewonnen hätte“ erzählte

er in der ‚Kampagne in Frankreich‘; „gewöhnlich gingen mir unter’m

Sprechen neue Lichter auf.“ Und an Zelter schrieb er 1805 über die

erwähnten Mittwochsvorträge: „Ich werde bei dieser Gelegenheit erst

gewahr, was ich besitze und nicht besitze.“ Als die ‚Farbenlehre‘ nicht

recht rücken wollte, meinte er zu Knebel: „Wenn ich genötigt wäre,

diese Lehre nur zwei halbe Jahre öffentlich zu lesen, so wäre Alles

getan. Aber die Gelehrsamkeit auf dem Papiere und zum Papiere hat gar

zu wenig Reiz für mich.“

* * * * *

[Sidenote: Verirrungen des Forschers]

Das beständige Lernen führt Manchen, selbst wenn er durch das

Verwenden zum eigenen Vortrag Richtung behält, nur zur Vielwisserei,

zum Ansammeln von Einzelheiten und Kleinigkeiten. „Dann hat er die

Teile in seiner Hand, Fehlt leider! nur das geistige Band!“ Goethe war

zur Vielgelehrsamkeit nach Böttigers Art zu sehr Dichter, zu wenig

Kleinigkeitsphilister. Er suchte stets im Einzelnen das Allgemeine, in

der „zufälligen“ Erscheinung das Gesetz, im Wechselnden das Bleibende.

„Wir befinden uns in einem Chaos von Kenntnissen, und Keiner ordnet es;

die Masse liegt da, und man schüttet zu; aber ich möchte es machen, daß

man wie mit einem Griff hineingriffe und Alles klar würde.“ Die Natur

läßt sich zwar ihre letzten Geheimnisse nicht abzwingen, aber dann und

wann gelingt es uns, den Schöpfergedanken näher zu kommen. Und eben Das

war sein Streben bei aller gelehrten Arbeit.

[Sidenote: Philosophie]

Andere wieder verlieren sich, um zu +großen+ Wahrheiten zu gelangen,

in metaphysischen Phantasien, im Aufbauen philosophischer Systeme

oder in okkultistischen Träumereien. Dazu war Goethe wieder zu

sehr Naturforscher: Erfahrung, Beobachtung, Versuch sollten ihm zur

Erkenntnis verhelfen. Vor dem Okkultismus hütete er sich, obwohl er

manche seiner Lehren durchaus nicht leugnete.

Wir wandeln alle in Geheimnissen. Wir sind von einer Atmosphäre

umgeben, von der wir noch gar nicht wissen, was sich alles in ihr

regt und wie es mit unserem Geiste in Verbindung steht. So viel ist

wohl gewiß, daß in besonderen Zuständen die Fühlfäden unserer Seele

über ihre körperlichen Grenzen hinausreichen können und ihr ein

Vorgefühl, ja auch ein wirklicher Blick in die Zukunft gestattet ist.

Aber er mochte doch nie eine Somnambule sehen, auch dann nicht, als

der Ruhm der Seherin von Prevorst seine Umgebung sehr beschäftigte.

Er kannte die Gefahr solcher Studien. „Man wird selbst zum Traum, zur

Niete, wenn man sich mit diesen Phantomen beschäftigt“ schrieb er schon

1788 an Herder, der, wie seine Gattin, recht abergläubisch war. Und

1830 meinte er auch zum Kanzler:

Ich habe mich immer von Jugend auf vor diesen Dingen gehütet, sie nur

parallel an mir vorüberlaufen lassen. Zwar zweifle ich nicht, daß

diese wundersamen Kräfte in der Natur des Menschen liegen; aber man

ruft sie auf falsche, oft frevelhafte Weise hervor. Wo ich nicht klar

sehen, nicht mit Bestimmtheit wirken kann, da ist ein Kreis, für den

ich nicht berufen bin.

Gegen die Philosophen und ihre „Ideen“ war er gleichfalls sehr

mißtrauisch. Schiller hatte ihn zuerst durch sein wüstes Jugenddrama

abgestoßen; als dann der Dichter der ‚Räuber‘ auch noch Kantianer

wurde, empfand ihn Goethe erst recht als Geistes-Gegenfüßler, mit

dem ein Verkehr unmöglich sei. Aber ihr beiderseitiges Suchen nach

großen Anschauungen mußte sie dennoch zusammenführen. Sie hörten in

Jena einmal einen naturwissenschaftlichen Vortrag; beim Hinausgehen

kamen sie in ein Gespräch, wobei Schiller bemerkte, daß eine so

zerstückelte Art, die Natur zu behandeln, den +Laien+ nicht anmuten

könne. Goethe horchte auf. Auch dem +Eingeweihten+ bleibe diese

zerstückelte Art vielleicht unheimlich, war seine Antwort, und

vielleicht könne man es auch anders machen. Man brauche nicht die Natur

gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern könne sie wirkend und

lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend, darstellen. Schiller

sah ihn ungläubig an, denn Dergleichen glaubte er den Philosophen

vorbehalten, zu denen doch Goethe nicht gehören wollte. So schritten

sie weiter, bis an Schillers Haus, bis in sein Zimmer, und dort trug

dann Goethe die Metamorphose der Pflanzen lebhaft vor, indem er mit

manchen charakteristischen Federstrichen eine symbolische Pflanze vor

Schillers Augen entstehen ließ. Dieser hörte mit lebhafter Teilnahme

zu; aber als Goethe geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: „Das ist

keine Erfahrung, Das ist eine Idee!“ Nun stutzte Goethe, einigermaßen

verdrießlich. Sein alter Groll gegen die Philosophierei wollte sich

wieder regen, aber er nahm sich zusammen und antwortete: „Das kann mir

sehr lieb sein, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar

mit Augen sehe.“ Und die nächsten Tage trug er sich mit der Frage: Wenn

er Das für eine Idee hält, was ich als Erfahrung anspreche, so muß

doch zwischen beiden eine Vermittelung sein? --

So begann ein zehnjähriger Umgang: Beide waren Lehrer und Schüler;

Goethe entwickelte die philosophischen Anlagen, die seine Natur

enthielt, und eignete sich noch recht ansehnliche Kenntnisse auf diesem

Gebiete an.

Aber 1829 konnte er jedoch ohne viel Übertreibung zu Eckermann sagen:

„Von der Philosophie habe ich mich selbst immer frei gehalten; der

Standpunkt des gesunden Menschenverstandes war auch der meinige.“

* * * * *

[Sidenote: Irrtum]

Das fruchtbarste Lernen ist die Überwindung des eigenen Irrtums. Wer

keinen Irrtum eingestehen will, kann ein großer Gelehrter sein, aber er

ist kein großer Lerner. Wer sich des Irrtums schämt, Der sträubt sich,

ihn zu erkennen und zuzugeben; d. h. er sträubt sich vor einem besten

innerlichen Gewinn. Da Jedermann irrt, da die Weisesten geirrt haben,

so haben wir keinen Grund, unsern Irrtum als etwas Schändliches zu

empfinden.

Wenn wir Dasjenige aussprechen, was wir im Augenblick für wahr

halten, so bezeichnen wir eine Stufe der allgemeinen Kultur und

unserer besonderen. Ob ich mich selbst [berichtige] oder durch

Andere zurechtweisen lasse, ist für die Sache selbst gleichviel; je

geschwinder es geschieht, desto besser.

„Irrend lernt man!“ rief Goethe seinem Sohne August zu, als Dieser

Einkäufe bei Frankfurter Antiquaren machen sollte und sich vor dem

Betrogenwerden fürchtete. Und als Frau Grüner in Eger klagte, ihr Mann,

den Goethe mit mineralogischen Neigungen angesteckt hatte, bringe so

viele gemeine Steine mit nach Hause, neben den wenigen schönen, und

verkratze die Tischplatten damit, da erwiderte Goethe: „Machen Sie sich

nichts daraus! Ich habe auch manche Fuhre zur Verbesserung der Wege

wieder hinausgeschafft. Die Sache läutert sich und macht uns Vergnügen,

wenn wir eines Besseren belehrt werden.“

Schon 1804 sprach Goethe in einem Briefe an Eichstädt den kühnen

Gedanken aus, daß man sogar am offenbaren Irrtum Wohlgefallen haben

dürfe:

Bei strenger Prüfung meines eigenen und fremden Ganges in Leben

und Kunst fand ich oft, daß Das, was man mit Recht ein falsches

Streben nennen kann, für das Individuum ein ganz unentbehrlicher

Umweg zum Ziele sei. Jede Rückkehr vom Irrtum bildet mächtig den

Menschen im Einzelnen und Ganzen aus, so daß man wohl begreifen kann,

wie dem Herzensforscher ein reuiger Sünder lieber sein kann als

neunundneunzig Gerechte. Ja, man strebt oft mit Bewußtsein zu einem

scheinbar falschen Ziel, wie der Fährmann gegen den Fluß arbeitet, da

ihm doch nur darum zu tun ist, gerade auf dem entgegengesetzten Ufer

anzulanden.

Das Erkennen eines eigenen Irrtums oder einer eigenen Schwäche macht

uns namentlich auch duldsam und freundlich gegen andere Irrende.

„Eigener Fehler erhält Demut und billigen Sinn“ steht von Goethes Hand

im Stammbuche seines Schülers Fritz v. Stein.

Trotzdem gibt Goethe zu, daß es nicht so ganz leicht sei, sich von

einem Irrtum zu trennen; „Man zaudert und zweifelt und kann sich nicht

entschließen, so wie es schwer hält, sich von einem geliebten Mädchen

loszumachen, von deren Untreue man längst wiederholte Beweise hat.“

Aber es bleibt doch dabei: der Fehler nützt uns erst, wenn wir ihn

erkennen.

[35] Bedeutende Fördernis d. e. g. W. 1823.

[36] Paul Heyse. -- Mehrere Freunde klagten sogar, daß Goethe sich

naturwissenschaftliche oder künstlerische Merkwürdigkeiten

von ihnen angeeignet habe, die sie nicht als Geschenk gemeint

hatten. Sich selbst bereichern wollte er nicht, denn der

Geldwert seines Museums kam ihm selten in den Sinn: erst

1831 dachte er einmal daran, es an die Großherzogin Marie zu

verkaufen; vielmehr waren diese Sammlungen, die jedem Liebhaber

zugänglich waren, ein Opfer von ihm für die Gemeinschaft. In

seinem Testamente von 1831 erklärte er, daß er seit 60 Jahren

wenigstens 100 Dukaten jährlich (960 M.) für den Ankauf von

Kunstwerken und Seltenheiten verwandt habe.

XV.

Kampf und Glück

[Sidenote: Glücklich und unglücklich]

„Von mir sagen die Leute, der Fluch Kains läge auf mir,“ schreibt

der vierundzwanzigjährige Goethe an seinen Freund Kestner, und ein

andermal drückt er Dasselbe in althellenischem Bilde aus, indem er

sich zu des Tantalus Geschlecht rechnet. „Goethe ist nicht glücklich

und kann schwerlich glücklich werden“ schrieb 1779 seine Freundin

Johanna Fahlmer an Fritz Jacobi. „Er ist ein sehr unglücklicher

Mensch“ urteilte 1791 der deutsch-dänische Bischof Münter über den

zweiundvierzigjährigen Goethe, „muß beständig mit sich selbst in

Unfrieden leben.“

Später sagten scharfe Beobachter: Goethe sehe aus wie Einer, der großen

Kummer in sich verarbeitet habe. Aber allmählich entstand der Glaube,

daß Goethe ein Schoßkind des Glückes gewesen sei: ihm habe das Leben so

heiter gelacht wie nur irgend einem Sterblichen.

Den gewöhnlichen Kampf um’s Dasein, der die Meisten von uns zeitlebens

beschäftigt, hat Goethe allerdings nicht kämpfen müssen; ernste Sorgen

um Einkommen und Auskommen hat er sich nie zu machen brauchen; zu hohem

Ansehen und Rang kam er schon in recht jungen Jahren; Freunde und

Freundinnen erwarb sich der schöne und begabte Mann ohne viel Mühe.

Aber tausend Quellen von Leid und Not fließen auch noch auf solchen

Bevorzugten zu, und es muß ein tapferer Schwimmer sein, der ihre Fluten

teilen und das Ufer erreichen will, zu dem er strebt.

Auch Goethe hatte tausendfach zu ringen: um körperliche und geistige

Gesundheit, um häusliches Wohlbefinden, um ein gutes Verhältnis zu den

Menschen, die ihn nah und fern umgaben. Bei seiner großen Weichheit und

Empfindlichkeit trafen ihn die Krankheits- und Todesfälle und sonstige

Nöte in seiner Freundschaft außerordentlich schwer. Sein ehemaliger

Hausgenosse Heinrich Meyer wußte von den sehr starken Ausbrüchen des

Schmerzes zu erzählen, denen sich Goethe beim Tode seiner Kinder

hingab: daß er sich laut weinend auf der Erde gewälzt habe. Wir

wissen, daß Niemand wagte, ihm Schillers Tod zu sagen; ebenso war es,

als Ernestine Vulpius, eine Schwester seiner Frau, der Schwindsucht

erlegen war. Als ihm dann der einzige übrig gebliebene Sohn auch noch

in’s dunkle Land vorausging, seufzte der Greis: „Es scheint, als wenn

das Schicksal die Überzeugung habe, man sei nicht aus Nerven, Venen,

Arterien und anderen daher abgeleiteten Organen, sondern aus Draht

zusammengeflochten.“ So empfand er also das allgemeine menschliche

Schicksal tief. Welche besonderen Leiden aber der geniale, nach

höchsten Erkenntnissen strebende Forscher trägt, hat uns Goethe im

‚Faust‘ offenbart; an eben solche Leiden dachte der genannte Bischof

Münter, als er von Goethes Unglück sprach: „Alles arbeitet in seinem

Kopf und drängt ihn zur Tätigkeit, und doch will er sein Amt nicht

abwarten ... Hat Botanik, Anatomie, Kunst studiert, Alles wieder

liegen lassen und arbeitet nun über die Theorie der Farben.“ Und

Schopenhauer belehrt uns:

Die bloßen +Talent+männer kommen stets zur rechten Zeit; denn, wie

sie vom Geiste ihrer Zeit angeregt und von dem Bedürfnis derselben

hervorgerufen werden, so sind sie auch gerade nur fähig, Diesem zu

genügen. Sie greifen daher ein in den fortschreitenden Bildungsgang

ihrer Zeitgenossen oder in die schrittweise Förderung einer

speziellen Wissenschaft; dafür wird ihnen Lohn und Beifall.

Das +Genie+ hingegen trifft in seine Zeit wie ein Komet in die

Planetenbahnen, deren wohlgeregelter und übersehbarer Ordnung sein

völlig exzentrischer Lauf fremd ist. Demnach kann es nicht eingreifen

in den vorgefundenen regelmäßigen Bildungsgang der Zeit, sondern

wirft seine Werke weit hinaus in die vorliegende Bahn, auf welcher

die Zeit solche erst einzuholen hat. Daher steht das Genie in seinem

Treiben und Leisten meistens mit seiner Zeit im Widerspruch und Kampf.

Aus innerster Seele hat Goethe diesen Kampf und diese Einsamkeit des

genialen oder auch nur des eigenartigen Menschen in seinen Dichtungen

manches Mal dargestellt. Was hat nicht Tasso zu tragen, weil sich

die Welt in ihm anders spiegelt als in regelrechten Hofleuten und

fürstlichen Personen! Die Kühnsten der goethischen Helden ballen in

ihrer Verzweiflung sogar gegen den Himmel die Faust. „Ich dich ehren?

Wofür? Hast du die Schmerzen gelindert je des Beladenen? Hast du die

Tränen gestillet je des Geängsteten?“ So ruft Prometheus, und nicht

weniger bitter ist das Mitleid, mit dem Mephistopheles die Jubelhymnen

der Erzengel in seiner Weise abschließt: „Von Stern und Welten weiß ich

nichts zu sagen; ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen ... Die

Menschen dauern mich in ihren Jammertagen!“ Werther erschießt sich,

Faust führt die Giftschale an den Mund, und ihr Dichter bekennt:

Daß die Symptome dieser wunderlichen, so natürlichen als

unnatürlichen Krankheit [des Lebensekels] auch einmal mein Innerstes

durchrast haben, daran läßt ‚Werther‘ wohl Niemand zweifeln. Ich weiß

recht gut, was es mich für Entschlüsse und Anstrengungen kostete,

damals den Wellen des Todes zu entkommen, sowie ich mich aus manchem

spätern Schiffbruch auch mühsam rettete und mühselig erholte.

So schrieb er 1812, als sich Zelters Stiefsohn das Leben genommen

hatte, und vier Jahre später, als er den ‚Werther‘ selber wieder

gelesen:

Da begreift man denn nun nicht, wie es ein Mensch noch vierzig Jahre

in einer Welt hat aushalten können, die ihm in früher Jugend schon so

absurd vorkam.

* * * * *

[Sidenote: Schicksal des Eigenartigen]

So wenig wertvoll also erschien auch diesem Bevorzugten das Leben. Das

Verbleiben darin konnte er nur durch einen geheimnisvollen Lebensdrang

erklären, der unser Sonderwesen erst völlig ausgebildet und danach

völlig verbraucht sehen will, ehe er die Auflösung des Leibes, seines

Werkzeuges, zuläßt.

Ein Teil des Rätsels löst sich dadurch, daß Jeder etwas Eigenes in

sich hat, das er auszubilden gedenkt, indem er es immerfort wirken

läßt. Dieses wunderliche Wesen hat uns nun tagtäglich zum besten,

und so wird man alt, ohne daß man weiß: wie und warum. Beseh’ ich es

recht genau, so ist es ganz allein das Talent, das in mir steckt, was

mir durch alle die Zustände durchhilft, die mir nicht gemäß sind

und in die ich mich durch falsche Richtung, Zufall und Verschränkung

verwickelt sehe.

Daß Goethe stets bemüht war, sein Inneres vor fremden Anforderungen

nach Möglichkeit zu beschützen oder davon wieder freizumachen, und wie

ernst und treu er sich um die höchste Ausbildung seiner Persönlichkeit

bemühte, haben wir in manchen Einzelheiten gesehen; einen deutlichsten

Ausdruck fand dies Bestreben um die Mitte seines Lebens durch die

Flucht nach Italien. Alles Befreien unserer Persönlichkeit, alle

Entfaltung unserer besonderen Kräfte, alles Offenbaren unserer Begabung

durch Taten oder Werke, alles Herausstellen von Leistungen, die unser

Gepräge haben, stimmt uns nun aber glücklich.

Volk und Knecht und Überwinder,

Sie gestehen jederzeit:

Höchstes Glück der Erdenkinder

Sei nur die Persönlichkeit.

So hatte Goethe bei allen Leiden, die ihn als eine eigenartige und

zugleich sehr zarte Persönlichkeit trafen, in seiner ziemlich freien

Stellung und in der dadurch gegebenen Möglichkeit freier, persönlicher

Arbeit eine unversiegliche Quelle des Glücks. Besonders mußte ihn

auch sein beständiges Lernen erheitern, denn das Lernen ist, was im

Zeitalter der Zwangsschulen nicht Jedermann weiß, eine Ursache des

Wohlbefindens und muß es sein, da es eine Ausdehnung und Bereicherung

unserer Persönlichkeit, ein inneres Besitzergreifen der Welt bedeutet.

„Das einzige reine Glück“, lehrt Schopenhauer,

welchem weder Leiden, noch Bedürfnis vorhergeht, noch auch Reue,

Leiden, Leere, Überdruß notwendig folgt, ist das +reine willensfreie

Erkennen+ (die ästhetische Kontemplation) ...

[Sidenote: Quellen des Glücks]

In der +Kindheit+ verhalten wir uns viel mehr +erkennend+ als

wollend. Gerade hierauf beruht jene Glückseligkeit des ersten

Viertels unseres Lebens, infolge welcher es nachher wie ein

verlorenes Paradies hinter uns liegt. Wir haben in der Kindheit nur

wenige Beziehungen und geringe Bedürfnisse, also wenig Anregung des

Willens; der größere Teil unseres Wesens geht demnach im +Erkennen+

auf, und zwar in dem Erkennen, das im stillen an den individuellen

Dingen und Vorgängen die Grundtypen, die Ideen, das Wesen des Lebens

selbst aufzufassen beschäftigt ist. Hieraus entspringt die Poesie und

Seligkeit der Kinderjahre.

Der geniale Mensch ist dem Kinde verwandt -- Goethe ist bei Lebzeiten

oft ein großes Kind genannt worden -- und bedarf nicht erst der

Mahnung: „So ihr nicht werdet wie die Kinder ...“ „Der gewöhnliche

Mensch“ sagt wiederum Schopenhauer,

diese Fabrikware der Natur ist einer völlig uninteressierten

Betrachtung der Dinge, welches die eigentliche Beschaulichkeit ist,

nicht -- wenigstens nicht anhaltend -- fähig. Er richtet seine

Aufmerksamkeit auf die Dinge nur insofern, als sie irgend eine,

wenn auch nur sehr mittelbare Beziehung auf seinen +Willen+ haben.

Der Geniale dagegen verweilt bei der Betrachtung des Lebens selbst,

strebt, die +Idee+ jedes Dinges zu erfassen, nicht dessen Relationen

zu andern Dingen und zum Willen. Während dem gewöhnlichen Menschen

sein Erkenntnisvermögen die Laterne ist, die seinen Weg beleuchtet,

ist es dem Genialen die Sonne, welche die Welt offenbar macht ...

Der Normalmensch ist gänzlich auf das +Sein+ verwiesen, das Genie

hingegen lebt und webt im +Erkennen+. Daraus folgt, da alle Dinge

herrlich zu +sehen+, aber schrecklich zu +sein+, daß auf dem Leben

der gewöhnlichen Leute ein dumpfer, trüber, einförmiger +Ernst+

liegt, während auf der Stirn des Genies eine Heiterkeit eigener Art

glänzt.

Schopenhauer hatte bei diesen Ausführungen Goethe, den er persönlich

kannte, im Auge. Und der Kanzler v. Müller, der die Erlebnisse des

alten Goethe am nächsten sah, sagt geradezu, daß er jedes Unglück durch

das Erkennen zu überwinden trachtete.

Goethes Lebenskunst · 第 17 / 19 段