Bald saß Zahn dem Gefürchteten gegenüber.

„Waren also in Italien?“

„Drei Jahre, Exzellenz.“

„Haben vielleicht auch die unterirdischen Stätten bei Neapel besucht?“

„Das war der eigentliche Zweck meiner Reise. Ich hatte mich in einem

antiken Hause zu Pompeji behaglich eingerichtet, und während zweier

Sommer geschahen alle Ausgrabungen unter meinen Augen.“

„Freut mich! Höre Das gern“ sagte Goethe, der eine gedrungene

Redeweise liebte und gern die Pronomina wegließ. Er rückte mit seinem

Stuhle mir näher und fuhr dann lebhaft fort: „Habe den Akademien zu

Wien und Berlin mehrere Male geraten, junge Künstler zum Studium

der antiken Malereien nach jenen unterirdischen Herrlichkeiten zu

schicken; um so schöner, wenn Sie Das auf eigene Hand getan. Ja, ja!

das Antike muß jedem Künstler das Vorbild bleiben. Doch vergessen wir

das Beste nicht! Haben wohl einige Zeichnungen in Ihrem Reisekoffer?“

„Ich habe die schönsten der antiken Wandgemälde meist gleich nach der

Entdeckung durchgezeichnet und farbig nachzubilden gesucht. Wünschen

Exzellenz vielleicht einige davon zu sehen?“

„O gewiß, gewiß!“ fiel Goethe ein, „mit freudigem Danke. Kommen Sie

nur zum Essen wieder. Speisen gegen zwei Uhr. Werden noch einige

Kunstfreunde finden. Sehne mich ordentlich nach Ihren Bildern. Auf

Wiedersehen, mein junger Freund!“ -- --

So ergriff er auch jede Gelegenheit, sich zum Erfassen der besten

Musik zu bilden. Er richtete sich während der napoleonischen Zeit

einen eigenen bescheidenen Singechor ein; von ihm hörte er mit seinen

Hausgenossen jeden Sonntagmorgen geistliche und weltliche Gesänge.

Als Goethe im Winter 1818 auf 19 drei Wochen in Berka zubrachte,

mußte ihm der Organist Schütz dort täglich drei bis vier Stunden

vorspielen, und zwar in historischer Reihenfolge Sebastian Bach bis

zu Beethoven durch Philipp Emanuel Bach, Händel, Haydn, Mozart, auch

Dussek und dergleichen mehr. Zugleich studierte er musiktheoretische

Schriften. Und noch, als den Achtzigjährigen das Spiel des jungen Felix

Mendelssohn entzückte, mußte ihm der Knabe die ganze Entwicklung der

Musik vordozieren und vorspielen.

Und da sitzt er in einer dunkeln Ecke wie ein ~Jupiter tonans~

und blitzt mit den alten Augen. -- --

[Sidenote: Umgehen mit klugen Leuten]

So hielt er es in Allem. Fuhr er mit Eckermann spazieren, so mußte

Dieser ihm lange Vorträge über die Lebensweise seiner geliebten Vögel

halten, und im Garten nahmen sie einmal die ganze Lehre vom Bogenbau

und Bogenschießen sehr gründlich durch, weil Das auch ein Steckenpferd

Eckermanns war. Und der Sechsundsiebzigjährige suchte auch dieser Übung

noch Herr zu werden:

Goethe schob die Kerbe des Pfeils in die Senne, auch faßte er den

Bogen richtig, doch dauerte es ein Weilchen, bis er damit zurecht

kam. Nun zielte er nach oben und zog die Senne. Er stand da wie ein

Apoll, mit unverwüstlicher innerer Jugend, doch alt an Körper.

[Sidenote: Stete Aufmerksamkeit]

Schon als Student schaute er auf seinen Wanderungen nicht bloß nach

schönen Mädchen und guten Weinen aus, sondern kümmerte sich recht

sorgsam z. B. um den Gewerbefleiß an der Saar oder die Altertümer

bei Niederbronn. Im Alter schreibt er einmal an seinen August, er

treibe in Böhmen seinen alten Spaß noch immer fort: in jeder Mühle

nachzufragen, wo sie ihre Mühlsteine hernehmen. In Wiesbaden richtete

er seine Spaziergänge gern zu Steinbrüchen und auf Bauplätze; so bekam

er nämlich eine schnellere Übersicht über den Grundbau der Gegend, als

der Laie vermutet. Und an jedem Orte fragte er nach kundigen Leuten,

die ihn belehren konnten. Jena liebte er auch darum, weil er dort so

viele kenntnisreiche Männer fand. An die dortigen Professoren dachte

er besonders, als er 1818 zum Kanzler v. Müller und zur Julie v.

Egloffstein sagte: „Seht, liebe Kinder, was wäre ich denn, wenn ich

nicht immer mit klugen Leuten umgegangen wäre und von ihnen gelernt

hätte? Nicht aus Büchern, sondern durch lebendigen Ideenaustausch,

durch heitere Geselligkeit müßt ihr lernen.“

Er selber lernte freilich auch aus Büchern und will hier im Ernste

nichts gegen Bücher sagen; nur zog er eigene Anschauung und mündliches

Ausfragen vor. Und da nahm er als Lehrer nicht nur Männer an wie die

Humboldts, Schiller, Friedrich August Wolf, Voß, Fichte, Schelling,

sondern der schlichteste Bergmann oder Seidenweber oder Hafenarbeiter

oder Gärtner war ihm ebenso recht. Und wenn so ein Mann aus dem Volke

bescheiden meinte, daß er mit seinen einfältigen Worten den berühmten

Herrn nicht aufhalten dürfe, antwortete er: „Erzählen Sie! es gibt

nichts Unbedeutendes in der Welt. Es kommt nur auf die Anschauungsweise

an.“

Einmal machte er ein halbes Kind zu seinem Lehrer. In Ziegenhain bei

Jena zeichnete sich nämlich eine Familie Dietrich durch botanische

Kenntnisse aus; sie sammelte Arzneikräuter und besorgte für die

botanischen Vorträge in Jena die nötigen Pflanzen. Den jüngsten dieser

bäurischen Fachgelehrten nahm Goethe 1785 nach Karlsbad mit; schon

unterwegs brachte der Jüngling mit eifrigem Spürsinn alles Blühende

zusammen und reichte es Goethen in den Wagen, „dabei nach Art eines

Herolds die Linnéischen Bezeichnungen, Geschlecht und Art, mit froher

Überzeugung, manchmal wohl mit falscher Betonung“ ausrufend. In

Karlsbad war der Knabe schon mit Sonnenaufgang im Gebirge und, ehe

Goethe noch seine Becherzahl geleert hatte, war er mit seinem Bündel am

Brunnen, und manche Kurgäste nahmen neben dem Dichter an dem seltsamen

Unterrichte teil. „Sie sahen ihre Kenntnisse auf das anmutigste

angeregt, wenn ein schmucker Landknabe im kurzen Westchen daherlief,

große Bündel von Kräutern und Blumen vorweisend, sie alle mit Namen,

griechischen, lateinischen, barbarischen Ursprungs, bezeichnend.“ Der

junge Mensch studierte später und stand in Goethes alten Tagen den

großherzoglichen Gärten in Eisenach mit Ehre vor.

So aufmerksam und lernbegierig war Goethe jeden Tag. Die Wolke am

Himmel, das Tier am Wege, die Form des Berges, der Lichtschein durch

ein Glas: nichts entging ihm. Er konnte mit einem Freunde über Land

fahren und plötzlich halten lassen. „Ei, wo kommst denn du hieher?“

redete er dann wohl einen Stein an, und der nächste Bauer mußte

ihm sagen, wo mehr solche Steine zu finden seien. Von einem seiner

Kutscher, Barth aus Troistedt, wird berichtet, daß er, angesteckt von

der Liebhaberei seines Herrn, von seinem hohen Sitze aus gleichfalls

scharf ausblickte und zuweilen, die Pferde anhaltend, in den Wagen

rief: „Herr Geheemrat, ich globe, da is was für uns!“

* * * * *

Manchmal gab es wirklich hübsche Entdeckungen. Als Goethe 1785

nach Karlsbad fuhr, achtete er, wie eben erzählt ist, besonders

auf Pflanzen, und da entging ihm im Fichtelgebirge der Sonnentau

(~Drosera rotundifolia~) nicht, und er beobachtete, wie die Blätter

ihre Purpurhaare, wenn ein Insekt darauf kommt, zusammenlegen und das

Insekt töten. Diese Tatsache war damals zwar bereits beschrieben, 1779

durch ~Dr.~ Roth in Bremen, aber doch erst Wenigen bekannt. Erst Darwin

hat weitere Kreise darauf aufmerksam gemacht.

Als er 1790 auf den Dünen des Lido, welche die venetianischen Lagunen

vom Adriatischen Meere trennen, spazieren ging, hob sein Diener einen

geborstenen Schafschädel auf und scherzte, es sei ein Judenschädel,

denn an jener Stätte wurden früher die Juden beerdigt. Goethe aber sah

sofort etwas Neues, eine Förderung der Wissenschaft. Daß der Schädel

der Säugetiere aus Wirbelknochen früherer Tierstufen entstanden sei,

wußte er schon; hier an diesem zerschlagenen Schöpsenkopf gewahrte

er augenblicklich, daß die Gesichtsknochen gleichfalls aus Wirbeln

abzuleiten seien, indem er den Übergang vom ersten Flügelbeine zum

Siebbeine und den Muscheln ganz deutlich vor Augen hatte.[35]

Im Sommer 1802 fiel ihm auf, daß in jenem Jahre die Wolfsmilchraupe

besonders häufig und kräftig ausgebildet war, und sofort studierte er

an vielen Exemplaren ihr Wachstum sowie den Übergang zur Puppe. „Auch

hier ward ich mancher trivialen Vorstellungen und Begriffe los“ bemerkt

er in seinen Annalen.

Goethe selber hat uns anmutig erzählt, wie er zu seinen botanischen

Studien kam: mit Abendgesprächen nach den Jagden im Thüringer Walde

fing es an; der Verkehr mit dem weimarischen Apotheker ~Dr.~ Buchholz

und die Garten- und Parkanlagen des Herzogs reizten zur Fortsetzung;

das Lesen von Linnés und Rousseaus Schriften erregte Widerspruch

oder Zustimmung; und so ging es weiter, bis der Dichter eigene große

Wahrheiten den gelehrten Botanikern, die ihn mißtrauisch in ihr Fach

eindringen sahen, verkünden konnte, und bis keiner von ihnen an seiner

‚Metamorphose der Pflanzen‘ mehr vorübergehen durfte.

* * * * *

[Sidenote: Das Reisen]

Er erwähnt in der Geschichte seines botanischen Studiums ein

vorzügliches Mittel, die uns so sehr belehrende Aufmerksamkeit zu

steigern: das Reisen. Unsere gewöhnliche Umgebung sehen wir fast gar

nicht mehr; sie reizt uns wenig zum Nachdenken; die wunderbarsten Dinge

erscheinen uns gemein und leer, wenn wir sie täglich haben:

Dagegen finden wir, daß +neue+ Gegenstände in auffallender

Mannigfaltigkeit, indem sie den Geist erregen, uns erfahren lassen,

daß wir eines reinen Enthusiasmus fähig sind; sie deuten auf ein

Höheres, welches zu erlangen uns wohl gegönnt sein dürfte. Dies ist

der eigentliche Gewinn der Reisen, und Jeder hat nach seiner Art

und Weise genugsamen Vorteil davon. Das Bekannte wird neu durch

unerwartete Bezüge und erregt, mit neuen Gegenständen verknüpft,

Aufmerksamkeit, Nachdenken und Urteil.

So erging es Goethen in Italien. Schon in den Alpen fiel ihm die

Pflanzenwelt mehr auf als daheim, und im botanischen Garten zu Padua

sprach eine Fächerpalme deutlicher zu ihm, als die heimische Birke

etwa vermocht hätte. Und nun ließ ihn im Süden die Pflanzenwelt nicht

wieder los, obwohl er doch nicht ihretwegen gekommen war.

Das Beobachten unterwegs hat Goethe zu einer wahren Kunst ausgebildet.

Er schalt wohl zuweilen auf das Reisen, weil es so sehr zerstreue und

verwirre, neue Bedürfnisse errege und andere Fragen beantworte, als man

stelle; aber er verstand es doch, vielerlei mit nach Haus zu bringen.

Er legte sich stets Aktenfaszikel an, in denen er außer seinen eigenen

Notizen Zeitungen, Theaterzettel, Preislisten der Märkte, Rechnungen

der Gasthöfe und dergleichen zusammentrug. Sein Auge war auf das Sehen

des Eigenartigen außerordentlich eingeübt, weil er sich sein ganzes

Leben des Zeichnens befleißigte. Er mochte sein Landschaften-Zeichnen,

da er es zu hohen Leistungen nicht brachte, wohl als einen bloßen

Zeitvertreib entschuldigen, das für ihn Dasselbe sei wie für Andere das

Tabakrauchen, aber zu anderen Zeiten rühmte er es als vortreffliches

Bildungsmittel. „Es entwickelt und nötigt zur Aufmerksamkeit“, und:

„Meine eigenen Versuche im Zeichnen haben mir doch den großen Vorteil

gebracht, die Naturgegenstände schärfer aufzufassen; ich kann mir ihre

verschiedensten Formen jeden Augenblick mit Bestimmtheit zurückrufen.“

Das half ihm dann auch wieder, die Malereien Anderer richtig zu werten.

Er sah es sofort, wenn ein Maler die Natur nicht kannte, wenn er z. B.

einen Baum in eine Umgebung brachte, die in der Wirklichkeit zu einem

Baume dieser Art und dieses Wachstums nicht vorkommt.

* * * * *

[Sidenote: Reisebeschreiber]

Diese Sachlichkeit war Goethes beständiger Vorsatz, und seine Größe

als Mensch rührt namentlich von seinem täglichen Bestreben her: alle

Dinge und alle Personen ohne Leidenschaft und Vorurteil zu betrachten,

sich selbst zu vergessen, alles Neue ruhig auf sich einwirken zu

lassen. Das hielt er auch als Reisender so. Seit Sterne seine berühmte

‚Empfindsame Reise‘ herausgegeben hatte, waren alle Reisebeschreibungen

in der Hauptsache den Gefühlen, Ansichten und kleinen Erlebnissen der

Reisenden gewidmet. Zuweilen artete Das zu recht eitlem Prangen mit dem

lieben Ich aus, z. B. bei Kotzebue. Über dessen Berichte aus seinem

Leben spottete Goethe einmal scharf:

Ich bin gewiß, wenn einer von uns im Frühling über die Wiesen

von Oberweimar herauf nach Belvedere geht daß ihm tausendmal

Merkwürdigeres in der Natur zum Wiedererzählen oder zum Aufzeichnen

in sein Tagebuch begegnet, als dem Kotzebue auf seiner ganzen Reise

bis an’s Ende der Welt zugestoßen ist. Kommt er wohin, so läßt ihn

Himmel und Erde, Luft und Wasser, Tier- und Pflanzenreich völlig

unbekümmert; überall findet er nur sich selbst, sein Wirken und sein

Treiben wieder; und wenn er in Tobolsk wäre, so ist man gewiß damit

beschäftigt, entweder seine Stücke zu übersetzen, einzustudieren, zu

spielen.

Goethe dagegen hatte längst die Maxime ergriffen, sich bei Reisen und

ihren Beschreibungen „so viel als möglich zu verleugnen und das Objekt

so rein, als nur zu tun wäre, in sich aufzunehmen.“ Diesen Grundsatz

befolgte er z. B., als er dem römischen Karneval beiwohnte. Durch

die mündliche Schilderung dieses Karnevals und durch seine im Druck

erschienene Beschreibung hat er vielen Lesern und Zuhörern Freude

gemacht. Und dabei gestand er dem Engländer Robinson: „Nichts kann

langweiliger sein als dieser Karneval! Ich habe meine Beschreibung

wirklich nur gemacht, um davon loszukommen. Meine Wohnung lag am Korso;

ich stand auf dem Balkon und schrieb Alles auf, was ich sah. Nicht die

kleinste Kleinigkeit habe ich hinzugedichtet.“

Ein einfaches Mittel, aus den persönlichen Schranken zur Sachlichkeit

zu gelangen, ist: die Wahrnehmungen und Auffassungen Anderer zu

benutzen. Gern nahm Goethe auf einem Ausfluge einen Knaben mit, teils

um dessen Freude mitzugenießen, teils um die Dinge gewissermaßen von

zwei Seiten zugleich zu sehen. Als er 1796 eine neue Reise nach Italien

vorhatte, hätte er gern seinen früheren Zögling Fritz v. Stein zum

Begleiter gehabt; Dieser mußte jedoch seine Verhinderung anzeigen, und

nun erwiderte Goethe:

Ich verliere dabei sehr viel, denn da ich schon in früherer Zeit

so gern und mit so vielem Nutzen durch Dein Organ sah, so würde es

mir jetzt auf alle Weise wünschenswert sein, da Du gebildet und

in Vergleichung der Dinge durch viele Kenntnisse geübt bist, ich

hingegen älter und einseitiger werde.

Einen jungen Musiker Christian Lobe, der von Weimar nach Berlin ging,

forderte er auf, ihm über das dortige Theater zu berichten, aber, damit

der Bericht sachlich werde, nach einem Schema: Stück -- Dichter --

Schauspieler -- Aufnahme im Publikum -- Wirkung auf mich -- Wirkung

auf die Nachbarn und Bekannten: A., B., C. usw.

Diese Sachlichkeit verlangte er immer. Sobald er merkte, daß Jemand ihn

beeinflussen, von vornherein die Dinge in der erwünschten Beleuchtung

erscheinen lassen wollte, konnte er ihn wohl andonnern: „Die Sache! die

Sache; wie ist Die?“ -- So wollte er es haben, wie Sulpiz Boisserée

es machte, als er den alten Meister wieder zur Gotik zurückbekehren

wollte: statt irgendwie dafür zu schwärmen oder nach Art eines Anwalts

Beweise beizubringen, legte Boisserée ruhig eine sprechende Zeichnung

nach der andern vor, bis sich Goethe gefangen erklärte.

* * * * *

[Sidenote: Sachlichkeit]

Goethe war sich Dessen bewußt, wieviel er diesem fleißigen und

sachlichen Betrachten verdankte. Als er nach Italien reiste, schreibt

er an die Freundin Charlotte v. Stein:

Wie glücklich mich meine Art, die Welt anzusehen, macht, ist

unsäglich, und was ich täglich lerne! Und wie mir doch fast keine

Existenz ein Rätsel ist! Es spricht eben Alles zu mir und zeigt sich

mir an.

So aus Regensburg am 4. September 1786. Und einige Wochen danach

wiederholt er in Vicenza seine Freude, daß er falsche Ansprüche der

Reisenden überwunden habe.

Jeder denkt doch eigentlich für sein Geld auf der Reise zu

+genießen+. Er erwartet aber die Gegenstände, von denen er so Vieles

hat reden hören, nicht zu finden, wie der Himmel und die Umstände

wollen, sondern so rein, wie sie in seiner Imagination stehen: und

fast Nichts findet er so, fast Nichts kann er so genießen! Hier ist

was zerstört -- hier was angekleckt -- hier stinkt’s -- hier raucht’s

-- hier ist Schmutz usw. So in den Wirtshäusern, mit den Menschen usw.

Der Genuß auf einer Reise ist, wenn man ihn rein haben will, ein

abstrakter Genuß. Ich muß die Unbequemlichkeiten, Widerwärtigkeiten,

Das, was mit mir nicht stimmt, was ich nicht erwarte: Alles muß ich

bei Seite bringen, in dem Kunstwerk nur den Gedanken des Künstlers,

die erste Ausführung, das Leben der ersten Zeit, da das Werk

entstand, heraussuchen und es wieder rein in meine Seele bringen,

abgeschieden von Allem, was die Zeit, der Alles unterworfen ist,

und der Wechsel der Dinge darauf gewirkt haben. Dann hab’ ich einen

reinen, bleibenden Genuß, und um dessentwillen bin ich gereist,

nicht um des augenblicklichen Wohlseins oder Spaßes willen. Mit der

Betrachtung und dem Genuß der Natur ist’s eben Das. Trifft’s dann

aber auch einmal zusammen, daß Alles paßt, dann ist’s ein großes

Geschenk! Ich habe solche Augenblicke gehabt.

Wenn man in alten Tagen Goethes Genialität rühmte, führte er sie wohl

auf seine erworbene Sachlichkeit zurück:

Ich lasse die Gegenstände ruhig auf mich einwirken, beobachte

dann diese Wirkung und bemühe mich, sie treu und unverfälscht

wiederzugeben. Dies ist das ganze Geheimnis was man Genialität zu

nennen beliebt.

So sagte er zum Kanzler v. Müller, und ähnlich zum Prinzenerzieher

Soret:

Ich verdanke meine Werke keineswegs meiner eigenen Weisheit allein,

sondern Tausenden von Dingen und Personen außer mir, die mir dazu

das Material boten. Es kamen Narren und Weise, helle Köpfe und

bornierte, Kindheit und Jugend wie das reife Alter: alle sagten mir,

wie es ihnen zu Sinne sei, wie sie lebten und wirkten und welche

Erfahrungen sie sich gesammelt, und ich hatte weiter nichts zu tun

als zuzugreifen und Das zu ernten, was Andere für mich gesäet hatten.

* * * * *

[Sidenote: Das stärkste Bedürfnis]

Da wir in Goethe zuerst und vornehmlich den +Dichter+ sehen, so will es

uns schwer in den Sinn, daß das poetische Schaffen und alles Betätigen

überhaupt Goethes stärkster Trieb nicht war, daß seine „Werke“ mehr nur

als eine +Folge+ seiner eigentlichen Leidenschaft, des +eindringenden

Beschauens+, angesehen werden müssen. Er las einmal folgende Zeilen

über sich: „Zeigt nicht jedes Blatt, daß er ein weit höheres Bedürfnis

fühlt, in das innerste Wesen des Menschen und der Dinge einzudringen,

als seine Gedanken poetisch auszusprechen?“ Dies ungewöhnliche Urteil

setzte ihn in Verwunderung; es erschien ihm aber richtig, und er wollte

nur hinzugesetzt haben: „als sprechend, überliefernd, lehrend oder

handelnd sich zu äußern.“

Wenn der Ofen geheizt wird, erwärmt er das Zimmer; was der

Schriftsteller lernt, wird alsbald weitergegeben.

Ich habe immer nur dahin getrachtet, mich selbst einsichtiger und

besser zu machen, den Gehalt meiner eigenen Persönlichkeit zu

steigern und dann immer nur auszusprechen, was ich als gut und wahr

erkannt hatte.

So sprach er zu Eckermann, und er konnte hinzufügen:

Dieses hat freilich, wie ich nicht leugnen will, in einem großen

Kreise gewirkt und genützt; aber es war nicht Zweck, sondern ganz

notwendige Folge.

* * * * *

[Sidenote: Der Sammler]

Wie sehr Goethe durch bloßes Sehen und Hören, namentlich durch bloßes

Sehen, lernte, können wir Heutigen, die wir unser Wissen meist

vom Papier her erlangen oder vom Auswendiglernen für die Schule

zurückbehielten, uns nur schwer vorstellen. Eine Folge dieser Art des

Lernens ist die besondere goethische Sprache. „Ich habe die Gegenstände

ruhig auf mich einwirken lassen“ antwortete er selber, als man ihn nach

der Ursache seines schönen Stils fragte.

Um die ihn belehrenden Gegenstände nach Wunsch sehen zu können,

wurde er ein großer Sammler; von allen Reisen brachte er Schönes und

Merkwürdiges heim; mit andern Sammlern tauschte er Entbehrliches aus;

die Freunde regte er zur Beihilfe an, und auch Fremde wußten, daß ein

Geschenk dieser Art das sicherste Mittel war, ihm Freude zu bereiten

und ein freundliches Wort von ihm zu erhalten. Öffentliche Museen gab

es noch sehr wenige; es lag selbst dem Landmanne, der beim Pflügen

etwas Seltsames fand, der Gedanke nahe, es Goethen zu schicken. Der

Dichter selber aber fahndete beständig auf wertvolle Büsten, Gemmen,

Münzen, Medaillen, Kupferstiche u. dgl.

So ward zum Pantheon dies enge Haus

Und schmückte sich mit Götterbildern aus.

Gemächer. Säle, Winkelchen und Gänge --

Sie faßten kaum der Kostbarkeiten Menge.[36]

Allein seine Mineraliensammlung umfaßte mehr als 18000 Stücke!

Selbst die Staaten- und Fürstengeschichte sah er in seinen Stuben mit

Augen: wenn er nämlich seine Medaillen und Münzen nach Ländern und

Zeiten ordnete und betrachtete; z. B. konnte er jeden Papst seit dem

fünfzehnten Jahrhundert vorweisen und wußte unzählige Einzelheiten über

die Veranlassung der einzelnen Denkmünzen. Und oft konnten Kupferstiche

herbeigeholt werden, die noch genauer die Länder und Zeiten anschaulich

machten. Immer strebte Goethe zuerst nach dieser Erkenntnis durch die

Augen; nachher erst rief er das belehrende Buch zur Hülfe. So nahm er

einmal 1400 Schwefelpasten antiker Münzen vor. „Ich habe sie so lange

angesehen“ schrieb er an Wilhelm v. Humboldt, „und von allen Seiten

betrachtet, bis ich fremder Hülfe bedurfte: dann nahm ich Eckhels

fürtreffliches Werk vor.“

* * * * *

[Sidenote: Der Leser]

Da der Tag „grenzenlos lang ist“, so fand Goethe aber auch unzählige

Stunden zum Lesen. Er hat einmal darüber gescherzt, wieviel Zeit und

Mühe ihm das Lesenlernen gekostet habe und daß er kaum mit achtzig

Jahren es richtig könne. Wir wissen, wie er im Februar 1828 die

Biographie Napoleons von Walter Scott durcharbeitete. Nach jedem

Kapitel fragte er sich, was er Neues empfangen, was ihm in die

Erinnerung zurückgerufen ward; dann fügte er Selbsterlebtes zu Walter

Scotts Berichten hinzu, so daß er bald selber nicht mehr wußte, was er

im Buche gefunden und was er hineingetragen habe.

Genug, mir ist der lange, immer bedeutende und mitunter beschwerliche

Zeitraum von 1789 an, wo nach meiner Rückkunft aus Italien der

revolutionäre Alp mich zu drücken anfing, bis jetzt ganz klar,

deutlich und zusammenhängend geworden; ich mag auch die Einzelheiten

dieser Epoche jetzt wieder leiden, weil ich sie in einer gewissen

Folge sehe. Hier hast Du also wieder ein Beispiel meiner egoistischen

Leseweise; was ein Buch sei, bekümmert mich immer weniger; was es mir

bringt, was es mir aufregt. Das ist die Hauptsache.

Das ist ganz im Einklang mit seiner Lehre: „Jedes gute Buch versteht

und genießt Niemand, als der +supplieren+ kann. Wer etwas weiß, findet

unendlich mehr, als der erst lernen will.“ Man muß freilich auch

supplieren und dem Verfasser gelehrter Werke ebenso wie dem Künstler

nachhelfen +wollen+! Goethes langjähriger Mitarbeiter Riemer urteilte

von seinem Meister, er sei einer von den gutwilligen Lesern gewesen,

die das Brot des Autors mit der Butter guten Willens überstreichen und

so die Lücken zukleben, wenn sie nicht gar zu groß sind; dagegen habe

Goethe von seinem Freunde Reinhard gesagt; „Der ißt das Brot trocken;

da kann er freilich sonderbare Dinge erzählen von Dem, wie es ihm

geschmeckt!“

[Sidenote: Das kluge Lesen]

Ein gewöhnlicher Fehler der Lesenden ist, daß sie bei Eintritt in ein

neues geistiges Gebiet in falschem Stolze die Schülerbücher meiden und

sogleich die höchsten Probleme erfassen möchten. „Ist Das nicht ein

starker Beweis von Unwissenheit?“ fragte Soret, und Goethe antwortete;

„Jawohl, mein Freund; ich bin auch der Ansicht; +daran+ erkennt man die

Esel. Das sind die Spitzen ihrer Ohren!“

Die üblichste Verirrung der Lesenden ist jedoch ihr Bestreben oder

Versuch, Alles zu lesen, was von altersher berühmt ist und wovon jetzt

gerade die Leute reden oder was der Zufall vor die Augen schiebt.

Goethes Lebenskunst · 第 16 / 19 段