einen deutlichen Begriff zu gewinnen, und die unglaubliche
Fertigkeit, mit der er jedes Ereignis, jeden persönlichen Zustand in
einen +Begriff+ zu verwandeln wußte, ist wohl als das Hauptfundament
seiner praktischen Lebensweisheit anzusehen, hat sicher am meisten
beigetragen, ihn, den von Natur so Leidenschaftlichen, so leicht und
tief Erregbaren, unter allen Katastrophen des Geschicks im ruhigen
Gleichgewicht zu erhalten. Indem er stets das geschehene Einzelne
sofort an einen höheren allgemeinen Gesichtspunkt knüpfte, in irgend
eine erschöpfende Formel aufzulösen suchte, streifte er ihm das
Befremdliche oder persönlich Verletzende ab und vermochte nun, es
in der Form naturmäßiger Gesetzlichkeit ruhig zu betrachten, ja als
ein Geschichtliches, gleichsam nur zur Erweiterung seiner Begriffe
Erscheinendes, zu neutralisieren. Wie oft hörte ich ihn äußern: „Das
mag nun werden, wie es will, den Begriff davon habe ich weg; es ist
ein wunderlicher komplizierter Zustand, aber er ist mir doch völlig
klar.“ So gewöhnte er sich denn immer mehr, Alles, was im nähern
und weitern Kreise um ihn vorging, als Symbol, ja sich selbst nur
als geschichtliche Person zu betrachten, ohne darum an liebevoll
persönlicher Teilnahme für Freunde und Gleichgesinnte abzunehmen.
* * * * *
[Sidenote: Erkennen und arbeiten]
Im Jahre 1817 rühmte Knebel seinen alten Freund gegen Frau v. Schiller
mit diesen Worten:
Er hat sich ein Reich der Kenntnisse und Wissenschaften erschaffen,
worin er sich immer zu beschäftigen weiß, und seine fast
unerschöpfliche Produktivität sichert seinen Geist vor äußern
Anfällen des Schicksals.
Damals war Goethe durch den Tod seiner Frau einsamer geworden und hatte
auch noch die etwas gewaltsame Trennung vom Theater zu verwinden.
Nach dem allerletzten Schlage, der ihn traf, nach Augusts Tode oder
Untergange, schrieb Goethe selber:
In solchen Epochen fühl’ ich erst recht den Wert eines allgemeinen
Wissens, verbunden mit einer besonderen Teilnahme an dem Guten
und Schönen, das die unendlich mannigfaltige Welterscheinung uns
darbietet.
Damit meinte er kein untätiges Betrachten. Vielmehr war angestrengtes
+Arbeiten+ ein Hausmittel Goethes, um über schmerzliche Erlebnisse
hinwegzukommen. Besonders nach dem Tode eines Nahestehenden fragte er,
„was uns zu erhalten und zu leisten übrig bleibt.“ „Das Außenbleiben
meines Sohnes“ schreibt er an Zelter, als August an der Pyramide des
Cestius begraben war,
das Außenbleiben meines Sohnes drückte mich, auf mehr als eine
Weise, sehr heftig und widerwärtig; ich griff daher zu einer Arbeit,
die mich ganz absorbieren sollte. Der vierte Band meines ‚Lebens‘
lag, über zehn Jahre, in Schematen und teilweiser Ausführung, ruhig
aufbewahrt, ohne daß ich gewagt hätte, die Arbeit wieder vorzunehmen.
Nun griff ich sie mit Gewalt an, und es gelang so weit, daß der Band
gedruckt werden könnte ... Plötzlich riß ein Gefäß in der Lunge, und
der Blutauswurf war so stark, daß, wäre nicht gleich und kunstgemäße
Hilfe zu erhalten gewesen, hier wohl die ~ultima linea rerum~ sich
würde hingezogen haben.
Aber auch in gewöhnlichen Zeiten nutzte Goethe das Arbeiten und Lernen
als Mittel zum Wohlbefinden aus. „Vielleicht waren die Marienbader
Zeiten [die Sommer 1820-22] die glücklichsten des goethischen Alters“
urteilt ein guter Kenner[37], und bezeichnend ist, daß dieser Kenner in
der begründenden Fortsetzung lauter Lerngelegenheiten aufführt.
Auf der Hin- und Rückreise hielt er sich immer länger im alten
historischen Eger auf. Auf seinen mineralogischen Fahrten durchquerte
er neue Strecken des Landes. Einzelne Ausflüge führten u. a. nach
Franzensbad, Liebenstein, Dölitz, Hartenberg, Falkenau, Seeberg,
Schönberg, Waldsassen, Redwitz, Elbogen. Seine meteorologischen
Studien fanden Förderung im Stifte Tepl. Alle sozialen und
nationalökonomischen Einrichtungen studiert er; er läßt sich im
Erzgebirge das neu eingeführte Spitzenklöppeln zeigen, beobachtet
die Glasfabrikation, interessiert sich für Schleifsteine, für
Maschinen zum Zügeln der Ochsen, für böhmische Pflüge; er wohnt dem
Unterricht und der Prämienverteilung im Gymnasium zu Eger bei, sieht
Schulbücher und Chrestomathien durch, läßt sich über den Geist wie
über Einzelheiten der Verwaltung und Regierung aufklären; alles
Altertümliche und Eigenständige fällt ihm auf, z. B. die Organisation
der künischen Freibauern im Südwesten von Pilsen, die eine Art von
Selbstregiment führen.
Man sieht Goethe in seinen Eigentümlichkeiten nie deutlicher, als wenn
man seinen Bericht über die Kampagne in Frankreich liest. Der König
von Preußen, der Herzog von Braunschweig, sein eigener Herzog, alle die
Offiziere und Soldaten um ihn herum kämpfen mit den Franzosen und mit
den noch gefährlicheren Unbilden eines unaufhörlichen Regenwetters.
Goethe befindet sich mitten in diesem Kampf und Erleiden, aber sein
Geist richtet sich auf naturwissenschaftliche Erkenntnis. Eine
weiße Topfscherbe, die in eine Quelle geworfen war und nun aus der
Tiefe herauf die schönsten Farben zeigt, beschäftigt ihn tagelang,
wochenlang. Als Verdun bombardiert wird, geht er abends mit einem
Fürsten von Reuß hinter den Weinbergsmauern, die sie vor den Kugeln
der Belagerten schützen, auf und ab; der Fürst fragt nach des Dichters
letzten Arbeiten, und Goethe spricht stundenlang von der weißen Scherbe
und von seinen sonstigen optischen Studien. Sie reden die Nacht
hindurch, denn der Fürst wird von Goethes Ausführungen ergriffen;
sie wärmen sich bei einbrechendem Morgen an einem Biwakfeuer der
Österreicher und reden weiter über die Wunder der Natur. Und als Goethe
vierzehn Tage später immer noch mit den Kriegsgenossen dem ärgsten
Regen und tausend Unbequemlichkeiten ausgesetzt war, dachte er auch
immer noch an seine Quelle und die Blau- und Violettfarben der Scherbe.
Es regnete unaufhörlich, nicht ohne Windstoß; die Zeltdecke gewährte
wenig Schutz. Glückselig aber Der, dem eine höhere Leidenschaft den
Busen füllte! Die Farbenerscheinung der Quelle hatte mich diese Tage
her nicht einen Augenblick verlassen; ich überdachte sie hin und
wieder, um sie zu bequemen Versuchen zu erheben. Da diktierte ich an
Vogel (des Herzogs Schreiber) in’s gebrochene Konzept und zeichnete
nachher die Figuren daneben. Diese Papiere besitze ich noch mit allen
Merkmalen des Regenwetters.
* * * * *
[Sidenote: Die Scherbe im Wasser]
Alle Übel haben ein anderes Gesicht, je nachdem wir uns zu Zeit und
Ewigkeit, zu Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verhalten. Goethe rät
uns Zweierlei, was sich nicht sogleich zusammenreimen will: Lebe im
Augenblick! Lebe in der Ewigkeit! Eine Brücke zwischen beiden Begriffen
schlägt er, wenn er Eckermann zuruft: „Halten Sie immer an der
Gegenwart fest! Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem
Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.“ Räumlich
drückte er denselben Gedanken gern durch lateinische Sprichwörter aus:
„~Hic est aut nusquam quod quaerimus~“, „~Hic Rhodus, hic salta!~“
Verdeutscht und verzeitlicht im ‚Wilhelm Meister‘: „Hier oder nirgends
ist Amerika!“
Er warnt also vor jeder Beschädigung und Geringschätzung der Gegenwart
durch die Vergangenheit oder durch die Zukunft und will Ähnliches sagen
wie Christi Mahnungen: „Laßt die Toten ihre Toten begraben! Sorget
nicht für den anderen Morgen!“ Weil die Menschen die Gegenwart nicht zu
würdigen, zu beleben wüßten, schmachteten sie so nach einer besseren
Zukunft, kokettierten sie so mit der Vergangenheit, sagte er zum
Kanzler, als von romantischen und sentimentalen Gedichten, von Proben
der ihm verhaßten „Lazarettpoesie“ die Rede war. Demselben Freunde
riet er, sich nicht durch Reue und schmerzliche Rückblicke die Stunde
zu verderben:
Keine Rekriminationen, keine Vorwürfe über Vergangenes, nun doch
nicht zu Änderndes! Jeder Tag bestehe für sich! Wie kann man leben,
wenn man nicht jeden Abend sich und Andern ein Absolutorium erteilt!
Ein Mann nach Goethes Sinn mußte nach jedem Unfall sofort wieder auf
den Beinen stehen. Karl August war nach seinem Sinn:
Wenn Etwas mißlang, so war davon weiter nicht die Rede. Ich dachte
oft, wie ich dies oder jenes Verfehlte bei ihm entschuldigen wollte,
allein er ignorierte jedes Mißlingen auf die heiterste Weise und ging
immer sogleich wieder auf etwas Neues los.
Mit Vergnügen erzählte er auch vom Salinendirektor Glenck in
Stotternheim, dem in seinem Schacht ein sehr kostspieliges Mißgeschick
passiert war, der jedoch in seinem Bericht keinen andern Gedanken
hinzufügte, als: „Ich habe eine Erfahrung gemacht, die mir nicht
verloren sein soll.“ „Das nenne ich doch noch einen Menschen, an dem
man Freude hat!“ rief Goethe aus.
[Sidenote: Gegenwartsmenschen]
Sich selber schildert Goethe als einen Gegenwartsmenschen etwas
anderer Art. Er mochte sich seine eigene Vergangenheit nicht wieder
lebendig machen (außer wo sie schon so weit von ihm entfernt lag, daß
er sie kühl-geschichtlich, als Etwas, was ihn wenig anging, betrachten
konnte). Er mochte seine Dichtungen nicht gern wieder lesen; selbst
seine ‚Iphigenie‘ von 1786 war ihm 1793 lästig, als die Freunde in
Düsseldorf sie hören wollten. Er wünschte nur Das vorzutragen, was
ihm jetzt gerade gemäß war: Naturwissenschaftliches am liebsten. Er
erzählt, daß er durch diese Eigenheit in Jacobis Hause, wo man in ihm
den +früheren+ Freund wieder genießen wollte, in ein Mißverhältnis kam;
denn er konnte und wollte nicht „ganz der Alte“ sein und machte sich um
seine günstige Erscheinung und Wirkung keine Gedanken.
Wie ich überhaupt ziemlich unbewußt lebte und mich von Tag zum
Tage führen ließ, wobei ich mich, besonders die letzten Jahre,
nicht übel befand, so hatte ich die Eigenheit, niemals weder eine
nächst zu erwartende Person, noch eine irgend zu betretende Stelle
vorauszudenken, sondern diesen Zustand unvorbereitet auf mich
einwirken zu lassen. Der Vorteil, der daraus entsteht, ist groß:
man braucht von einer vorgefaßten Idee nicht wieder zurückzukommen,
nicht ein selbstbeliebig gezeichnetes Bild wieder auszulöschen und
mit Unbehagen die Wirklichkeit an dessen Stelle aufzunehmen. Der
Nachteil mag dagegen wohl hervortreten, daß wir mit Unbewußtsein in
wichtigen Augenblicken nur herumtasten und uns nicht gerade in jeden
ganz unvorhergesehenen Zustand aus dem Stegreife zu finden wissen.
In eben dem Sinne war ich auch nie aufmerksam, was meine persönliche
Gegenwart und Geistesstimmung auf die Menschen wirke.
Hier erscheint uns sein Im-Augenblick-Leben als etwas Unfreiwilliges;
aber auch der Ausruf: „Ich +will nicht+ hoffen und fürchten wie ein
gemeiner Philister“ kennzeichnet ihn. In den schwersten Zeiten machte
er es sich zur Regel, nicht vor und zurück, sondern auf den Tag zu
schauen, nur dem gegenwärtigen Tage zu leben. Und auf die Frage: „Was
ist deine Pflicht?“ antwortet er: „Die Forderung des +Tages+.“
* * * * *
[Sidenote: Leben in großen Zeiträumen]
Aber wir wissen schon, daß er nicht mit kleinen Tagesdingen den Tag
ausfüllte, nicht mit Tageblattlesen, mit Tagesklatsch-Anhören, mit
Teilnahme an politischem Tagesstreit. Als im Juli 1830 in Paris die
Revolution ausgebrochen war, sagte Goethe zu Soret: „Nun, was denken
Sie von dieser großen Geschichte? Alles steht in Brand! Es verläuft
nicht mehr bei geschlossenen Türen! Der Vulkan kommt zum Ausbruch!“
Soret stimmte ein: „Die Lage ist entsetzlich! Eine so erbärmliche
Familie, die sich auf ein ebenso erbärmliches Ministerium stützt,
gibt wenig Hoffnung. Man wird sie schließlich fortjagen.“ Da guckt
Goethe den Gast ganz verwundert an und ruft aus: „Aber ich rede ja
nicht von +dieser+ Gesellschaft! Was liegt mir denn daran! Es handelt
sich um den großen Streit zwischen Cuvier und Geoffroi.“ Darauf also
hatte Goethe während der Juli-Revolution geachtet, und er hatte recht:
denn in diesem Streit handelte es sich wirklich um etwas Großes: um
die Entwicklungslehre, und Das war Etwas, woran Goethe viele Jahre
mitgearbeitet hatte, was ihn wirklich mehr anging als das jeweilige
Bild auf dem politischen Theater der Pariser.
Wissenschaft und Kunst reichten ihm dauernde Güter; lesend und
beschauend konnte er sich mit den besten Vorfahren, schreibend mit den
besten Künftigen unterhalten.
Wie es die Welt jetzt treibt, muß man sich immerfort sagen und
wiederholen: daß es tüchtige Menschen gegeben hat und geben wird,
und Solchen muß man ein schriftliches gutes Wort gönnen und auf dem
Papier hinterlassen ...
Ich möchte mich nur mit Dem beschäftigen, was bleibende Verhältnisse
sind und so nach der Lehre des Spinoza meinem Geiste die Ewigkeit
verschaffen.
So schrieb der Vierzigjährige, und dieser Wunsch lebte immer in ihm.
Es war nicht Absicht und ist doch kein Zufall, daß die Dichtung, die
ihn durch sein ganzes Leben hindurch beschäftigte, der ‚Faust‘, die
Geschichte von drei Jahrtausenden umfaßt: von der Eroberung Trojas bis
zu Byrons Teilnahme am Befreiungskriege der Neugriechen. Auch wenn
er sich, wie so oft und gern, in den Sammlungen seines Hausmuseums
bewegte, ließ er sich von ältesten und neuesten Zeiten erfreuen,
belehren, unterhalten. Wir wissen, wie viel Liebe er den Dichtern
der Vergangenheit: Molière, Shakespeare, Calderon und besonders den
Griechen zuwandte. Bald machte er sich im alten germanischen Norden
heimisch, bald in Arabien, dann unter Neugriechen oder Serben, dann
unter Chinesen. Wenn ihn vielleicht einer der Neuesten zu entthronen
meinte, achtete er gar nicht darauf und steckte vielleicht tief in
den persischen Dichtern. „Die Perser“, so sprach er dann zu einem
Hausfreunde, „hatten in fünf Jahrhunderten nur sieben Dichter, die sie
gelten ließen, und unter den verworfenen waren mehrere Kanaillen, die
besser als ich waren.“
Seinen geologischen Studien dankte er es, daß er noch mehr über die
Jahrtausende zu blicken sich gewöhnte. Es scheint, daß namentlich
auf Bergeshöhen auch sein geistiges Auge den weiten Ausschau liebte.
So stand er einmal mit Eckermann am Abhange des Ettersberges und
blickte auf die Siedelungen und Hügel in der Nähe und auf die blauen
Berge in der Ferne. Der Gefährte brachte ihm Muscheln und zerbrochene
Ammonshörner vom Straßenrande. „Immer die alte Geschichte!“ sagte
Goethe, „immer der alte Meeresboden! Wenn man von dieser Höhe auf
Weimar hinabblickt und auf die mancherlei Dörfer umher, so kommt es
einem vor wie ein Wunder, wenn man sich sagt, daß es eine Zeit gegeben,
wo in dem weiten Tale dort unten die Walfische ihr Spiel getrieben. Und
doch ist es so, wenigstens höchstwahrscheinlich. Die Möwe aber, die
damals über dem Meere flog, das diesen Berg bedeckte, hat sicher nicht
daran gedacht, daß wir beide heute hier fahren würden. Und wer weiß,
ob nach vielen Jahrtausenden die Möwe nicht abermals über diesen Berg
fliegt!“
Auch als er an seinem letzten Geburtstage auf dem Kickelhahn war,
glitten seine Gedanken von seiner Lebenszeit aus bald über zu den
großen Zeitspannen der Erdgeschichte. Zuerst dachte er an die in
jugendlichem Wagemut im nahen Ilmenau begonnenen Bergwerksbauten, die
später aufgegeben werden mußten.
Nach so vielen Jahren war denn zu übersehen: das Dauernde, das
Verschwundene. Das Gelungene trat vor und erheiterte, das Mißlungene
war vergessen und verschmerzt. Die Menschen lebten alle nach wie vor,
ihrer Art gemäß, vom Köhler bis zum Porzellanfabrikanten. Eisen ward
geschmolzen, Braunstein aus den Klüften gefördert, wenn auch in dem
Augenblick nicht so gesucht wie sonst. Pech ward gesotten, der Ruß
aufgefangen, die Rußbüttchen künstlichst und kümmerlichst verfertigt,
Steinkohlen mit unglaublicher Mühe zutage gebracht, kolossale
Urstämme in der Grube unter dem Arbeiten entdeckt; und so ging’s denn
weiter, vom alten Granit, durch die angrenzenden Epochen, wobei immer
neue Probleme sich entwickeln.
* * * * *
Wer so in größten Zeitverhältnissen lebt, gleicht dem sehr reichen
Manne, der noch nicht zu jammern braucht, wenn ihm ein Haus abbrennt
oder ein Schiff untergeht. Aber Goethe schalt überall auf das Jammern
und Klagen, weil es das Unglück verschlimmert. Jedes Übel ist größer
oder kleiner, je nachdem wir uns ihm zuwenden oder abwenden und von
unserm Innern aus Trübes oder Heiteres dazu tun. Goethe war für
Schweigen, so lange es irgend anging.
Es ist ein eigner, grillenhafter Zug,
Daß wir durch Schweigen das Geschehene
Für uns und Andre zu vernichten glauben,
so spricht der Graf in der ‚Natürlichen Tochter‘, und der König
antwortet ihm:
O laß den Menschen diesen edeln Stolz!
Gar Vieles kann, gar Vieles muß geschehen,
Was man mit Worten nicht bekennen darf.
Als nach der Schlacht bei Jena und der Plünderung von Weimar tausend
Leute auch ihm ihre persönlichen Nöte und Verluste gern in höchsten
Tönen schildern wollten, fanden sie bei Goethe nicht immer das
gewünschte Echo. „Daß jeder Narr jetzt seine eigene Geschichte hat, Das
eben ist keine der geringsten Plagen der jetzigen bösen Zeit.“ Aber
viel ärgerlicher war er, wenn Andere das wirkliche Übel noch durch
Hinzudichten eingebildeter Übel vermehrten und von einem Zusammenbruch
alter deutscher Herrlichkeit sprachen, die gar nicht vorhanden gewesen
war.
Goethes einsichtigste Freunde verstanden sein Schweigen nach großen
Verlusten, z. B. nach dem Tode Schillers. Der Dresdner Kunstkenner
Johann Gottlob v. Quandt, der das Unglück hatte, beide Beine zu
brechen, rühmt geradezu, daß Goethe in seinen Briefen an ihn in
„richtigem Takt“ dieses Unglücks nicht erwähnte:
Ich litt an der unzweckmäßigen chirurgischen Behandlung drei Jahre
unaussprechlich. Jedesmal hatte ich einen Kampf zu bestehen, wenn
mich Jemand bedauerte, denn das vergebliche Mitleid weckt nur
besiegte Schmerzen. Selbst das Mitleid, welches ein Freund fühlt,
kann den Unglücklichen nicht freuen, denn es ist das Leiden des
Andern, was uns doch kein Vergnügen machen kann. Das wußte Goethe
sehr wohl. Einer Weimaranerin, die mich in Dresden besucht hatte
und ihm meinen Zustand ausführlich beschreiben wollte, fiel er in’s
Wort: „Verderben Sie meine Phantasie nicht! Quandt steht in seiner
vollen Kraft und Tätigkeit vor mir.“ Unsere Freundin teilte mir
diese Äußerung schriftlich mit, die mich erfreute, denn ich erkannte
daraus, daß in Goethe ein Bild von mir stand, das ihm lieb war.
Wo des Unglücks oder des Verdrießlichen durchaus gedacht werden
mußte, suchte Goethe nach den mildesten Ausdrücken, dämpfte alles
Schmerzhafte, hob das Erfreuliche hervor. Wir haben allemal, wenn
wir von Not und Tod sprechen, einen großen Vorrat von Haupt- und
Eigenschaftswörtern zur Auswahl, und an denen, die wir wählen, zeigen
wir, wie es mit unserer Philosophie und unserem Herzen bestellt
ist. Goethe war fast ein Schönfärber, wenn er über vergangene,
unabänderliche Dinge berichten mußte[38]; Niemand sonst wird dem Herzog
Karl August die Zerstörungen in Weimar nach der Schlacht bei Jena so
gering dargestellt haben wie er; Niemand auch wird dem Fürsten den
Glauben, daß sich alles Beschädigte bald besser wiederherstellen lasse,
so sehr gestärkt haben. --
* * * * *
[Sidenote: Kleinkriegen des Unglücks]
Dieses Streben, in großen Zeiträumen zu leben und gegenwärtiges oder
jüngstvergangenes Übel zu vergessen oder doch eher zu verkleinern als
zu vergrößern, hat eine gewisse Beharrlichkeit und Tapferkeit zur
Folge. Unruhig-ängstliche Zeiten können nur vergehen, wenn möglichst
viele Menschen ihre gewöhnlichen Geschäfte so besorgen, wie wenn nichts
passiert wäre,
Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt
ist,
Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter,
Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, Der bildet die Welt sich.
„Ruhe und nachgiebige Beharrlichkeit“ pries Goethe seiner Gattin
als das Einzige an, was leidlich durch’s Leben helfe. Und seinem
unglücklichen Sohne schrieb der Achtzigjährige nach Italien: „Wer
sich in die Welt fügt, wird finden, daß sie sich gern in ihn finden
mag; wer Dieses nicht empfindet oder lernt, wird nie zu irgend einer
Zufriedenheit gelangen.“
Ausdauer an dem Orte, wo sie einmal seien, rät er auch den Freunden
an. „Ihr werdet vordringen durch’s Bleiben“ ruft er Kestnern zu.
„Wer seinen Zustand verändert, verliert immer die Reise- und
Einrichtekosten, moralisch und ökonomisch, und setzt sich zurück.“ Und
ebenso an Herder:
Die zehn weimarischen Jahre sind Dir nicht verloren, wenn Du
bleibst; wohl wenn Du änderst. Denn Du mußt am neuen Ort doch wieder
von vorne anfangen und wieder wirken und leiden, bis Du Dir einen
Wirkungskreis bildest. Ich weiß, daß bei uns Viel, wie überhaupt,
auch Dir unangenehm ist; indessen hast Du doch einen gewissen Fuß-
und Standort ... Es kommt doch am Ende darauf an, daß man aushält und
die Andern überdauert.
* * * * *
[Sidenote: Ruhe, Beharrlichkeit, Gottvertrauen]
Schließlich fand Goethe im Glauben eine starke Hülfe zum Leben, zum
Ertragen der tausendfältigen Not und Pein. Er war kein Rechtgläubiger
im Sinne der einen oder andern Kirche, aber er glaubte an die
Fortdauer der Persönlichkeiten nach der Auflösung ihrer irdischen
Leiber, besonders an ein weiteres Wachsen und Wirken der hier schon als
stark bewährten Geister, und er glaubte an Gott.
[Illustration: Goethe 1828.
Gemälde von +Josef Stieler+.]
[Illustration: Goethe 1832.
Von C. A. +Schwerdgeburth+.]
Gott glauben heißt, in’s Tätige übersetzt, sich in Gottes Willen
ergeben, das Weltregiment ihm anvertrauen, sich selber in seine Hände
legen. In jüngeren Jahren nannte Goethe die höchste Macht wohl auch
„Schicksal“ oder „Natur.“ „Du hast uns lieb“ redete er das Schicksal
an: „Du hast für uns das rechte Maß getroffen.“ So glaubt er mit
siebenundzwanzig Jahren, und mit dreiunddreißig rühmt er ebenso die
„Natur.“ „Wir sind von ihr umgeben und umschlungen, unvermögend, aus
ihr herauszutreten ... Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch
herausführen. Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten. Sie wird
ihr Werk nicht hassen.“[39]
Und oft gesteht er später in Prosa und Versen das gleiche
Gottvertrauen. Sogar im fröhlichen Liede, das er in den Kriegsstürmen
von 1813 an einer Wirtstafel zu Oschatz niederschreibt:
Ich habe geglaubet, nun glaub’ ich erst recht!
Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht,
Ich bleibe beim gläubigen Orden:
So düster es oft und so dunkel es war
In drängenden Nöten, in naher Gefahr,
Auf einmal ist’s lichter geworden!
Und lebt nicht dieser Glaube auch in seinen größten Werken, in der
‚Iphigenie‘, im ‚Wilhelm Meister‘, im ‚Faust‘?
Jawohl! das ewig Wirkende bewegt,
Uns unbegreiflich, Dieses oder Jenes
Als wie von ohngefähr zu unserm Wohl,
Zum Rate, zur Entscheidung, zum Vollbringen,
Und wie getragen werden wir an’s Ziel.
Dies zu empfinden, ist das höchste Glück,
Es nicht zu fordern, ist bescheidne Pflicht,
Es zu erwarten, schöner Trost im Leiden.
[Illustration]
Gedruckt bei E. S. Mittler & Sohn, Berlin SW68, Kochstraße 68-71.
[37] August Sauer, Goethe und Österreich II.
[38] Gestehen wir zu: er war es völlig. Man vergleiche zum Beispiel,
wie er 1821 in den Annalen über 1811 den bösen Streit mit dem
Ehepaar v. Arnim darstellt, die er doch im folgenden Jahre als
„Tollhäusler“ bezeichnet hat, die er froh sei, losgeworden zu
sein. Es lohnt sich auch, die ‚Kampagne in Frankreich‘ mit
dem Bericht zu vergleichen, den der gemeine Soldat Laukhardt
über dieselben Dinge gegeben hat (C. F. Laukhardts Leben und
Schicksale, Dritter Teil, Leipzig 1796).
[39] Das Fragment über die Natur, das in Goethes Werke immer
wieder aufgenommen wird, ist nicht von Goethe, sondern von Georg
Christoph Tobler aus Zürich verfaßt, der 1781 viel mit Goethe
umging. Vielleicht hat Goethe ein wenig daran gearbeitet, ehe er
es in’s ‚Tiefurter Journal‘ gab. Hier dürfen wir es als etwas
Goethisches erwähnen, da es, wie er selber später bestätigte,
seine damalige Denkart ausdrückt.