Jede Produktivität +höchster+ Art, jeder große Gedanke, der Früchte

bringt und Folgen hat, steht in Niemandes Gewalt und ist über aller

irdischen Macht erhaben. Dergleichen hat der Mensch als unverhoffte

Geschenke von oben, als reine Kinder Gottes zu betrachten, die er

mit freudigem Danke zu empfangen und zu verehren hat. Es ist dem

Dämonischen verwandt, das übermächtig mit ihm tut, wie es beliebt,

und dem er sich bewußtlos hingibt, während er glaubt, er handle aus

eigenem Antriebe. In solchen Fällen ist der Mensch oftmals als ein

Werkzeug einer höheren Weltregierung zu betrachten, als ein würdig

befundenes Gefäß zur Aufnahme eines göttlichen Einflusses. -- --

Sodann aber gibt es eine Produktivität anderer Art, die schon eher

irdischen Einflüssen unterworfen ist und die der Mensch schon mehr

in seiner Gewalt hat, obgleich er auch hier noch sich vor etwas

Göttlichem zu beugen Ursache findet. In diese Region zähle ich

alles zur Ausführung eines Plans Gehörige, alle Mittelglieder einer

Gedankenkette, deren Endpunkte bereits leuchtend dastehen; ich zähle

dahin alles Dasjenige, was den sichtbaren Leib und Körper eines

Kunstwerks ausmacht.

Goethe zeigte nun diesen Unterschied der mehr göttlichen und der mehr

menschlichen Produktivität am ‚Hamlet‘; gerade dessen Dichter machte

ihm so recht den Eindruck eines gesunden, vollkräftigen Menschen, der

jederzeit eine frühere geniale Eingebung im einzelnen und kleinen

verwerten konnte. Dann schienen seine Gedanken von Shakespeare auf

Schiller überzufließen.

Gesetzt aber, eines dramatischen Dichters körperliche Konstitution

wäre nicht so fest und vortrefflich und er wäre vielmehr häufigen

Kränklichkeiten und Schwächlichkeiten unterworfen, so würde die

zur täglichen Ausführung seiner Szenen nötige Produktivität sicher

sehr häufig stocken und oft wohl tagelang gänzlich mangeln. Wollte

er nun etwa durch geistige Getränke die mangelnde Produktivität

herbeinötigen und die unzulängliche dadurch steigern, so würde Das

allenfalls auch wohl angehn, allein man würde es allen Szenen, die

er auf solche Weise gewissermaßen +forciert+ hätte, zu ihrem großen

Nachteil anmerken. Mein Rat ist daher, +nichts zu forcieren+ und

alle unproduktiven Tage und Stunden lieber zu vertändeln und zu

verschlafen, als in solchen Tagen Etwas machen zu wollen, woran man

später keine Freude hat.

Eckermann warf ein, daß er vom Weine doch eine bessere Meinung habe;

mindestens führe sein Genuß zu Entschlüssen, und Das sei doch auch eine

Art Produktivität. Da mußte Goethe an seine Verse im ‚Divan‘ denken:

„Wenn man getrunken hat, weiß man das Rechte,“ aber sogleich kam er

doch auf die wahren, großen Ernährer des Geistes zu sprechen:

Es liegen im Wein allerdings produktivmachende Kräfte sehr

bedeutender Art; aber es kommt dabei Alles auf Zustände und Stunde

an, und was dem Einen nützt, schadet dem Andern. Es liegen ferner

produktivmachende Kräfte in der +Ruhe+ und im +Schlaf+; sie liegen

aber auch in der +Bewegung+. Es liegen solche Kräfte im +Wasser+

und ganz besonders in der +Atmosphäre+. +Die frische Luft des

freien Feldes ist der eigentliche Ort, wo wir hingehören!+ Es ist,

als ob der Geist Gottes dort den Menschen unmittelbar anwehte und

eine göttliche Kraft ihren Einfluß ausübte. Lord Byron, der täglich

mehrere Stunden im Freien lebte, bald zu Pferde am Strande des

Meeres reitend, bald im Boote segelnd oder rudernd, dann sich im

Meere badend und seine Körperkraft im Schwimmen übend, war einer der

produktivsten Menschen, die je gelebt haben.

Ein andermal tadelte Goethe seines großen Freundes Arbeitsart noch

schärfer:

Schiller hat nie viel getrunken, er war sehr mäßig; aber in solchen

Augenblicken körperlicher Schwäche suchte er seine Kräfte durch etwas

Likör oder ähnliches Spirituoses zu steigern. Dies aber zehrte an

seiner Gesundheit und war auch den Produktionen selbst schädlich.

Denn was gescheite Köpfe an seinen Sachen aussetzen, leite ich aus

dieser Quelle her. Alle solche Stellen, von denen sie sagen, daß sie

nicht just sind, möchte ich pathologische Stellen nennen, indem er

sie nämlich an solchen Tagen geschrieben hat, wo es ihm an Kräften

fehlte, um die rechten und wahren Motive zu finden.

* * * * *

[Sidenote: Plan und Ordnung]

Als Dichter mußte Goethe oft untätig sein; er konnte und wollte nicht

der Aufforderung seines Theaterdirektors folgen: „Gebt ihr euch einmal

für Poeten, So +kommandiert+ die Poesie!“ Aber deshalb brauchte

er keine einzige Stunde zu verlieren: er war ja auch Gelehrter,

Verwaltungsmann und Freund seiner Freunde.

Wechsel der Tätigkeit war ihm die einzige Erholung, und wenn man aus

seinen Tagebüchern, die er regelmäßig in zweien Abschnitten des Tages

diktierte, ersieht, wie noch im höchsten Lebensalter er von frühster

Morgenstunde an in ruhig abgemessener Folge sich einer Unzahl von

literarischen Arbeiten, brieflichen Mitteilungen, geschäftlichen

Expeditionen, Prüfung und Beschauung von eingesendeten Produktionen

und Kunstwerken, ernster und heiterer Lektüre der mannigfachsten Art

gewidmet, so muß man es ihm hoch anrechnen, ja bewundern, daß er

gleichwohl sich geneigt finden ließ, fast täglich einige Stunden

besuchenden Fremden oder Einheimischen hinzugeben.[31]

Die große Ordnung, auf die er streng hielt, das Planvolle in seinen

Arbeiten war ein ferneres wichtiges Mittel, wodurch er sich vor

Zeitverlust schützte. Jahre oder Jahrzehnte hindurch sammelte er

Material für zukünftige Schriften. Als Knebel über Lukrez schrieb,

beklagte es Goethe, daß der alte Freund keine Kollektionen, keine Akten

darüber habe; darum sei es ihm schwer, produktiv und positiv zu sein.

„Da habe ich ganz anders gesammelt, Stöße von Exzerpten und Notizen

über jeden Lieblingsgegenstand!“

Für jede Arbeit entwarf er ferner eine sorgfältige Disposition,

überdachte die Hauptteile und Unterabteilungen, sammelte dann für die

einzelnen Kapitel Tatsachen und Gedanken; so konnte er bald an diesem,

bald an jenem Teile des Werkes schreiben, je nachdem er aufgelegt war,

und so kamen ihm seine Vorarbeiten oft nach Jahrzehnten noch zugute.

Bei dem vielen Zeug, das ich vorhabe, würde ich verzweifeln, wenn

nicht die große Ordnung, in der ich meine Papiere halte, mich in den

Stand setzte, zu jeder Stunde überall einzugreifen, jede Stunde in

ihrer Art zu nutzen und Eins nach dem Andern vorwärts zu schieben.

So schreibt er selber an Schiller im Mai 1798, und der Kanzler urteilte

nach seinem Tode, seine Ordnungsliebe sei fast bis in’s Unglaubliche

gegangen.

Nicht nur, daß alle eingegangenen Briefe und ebenso die Konzepte oder

Kopien aller abgesendeten monatlich in gesonderte Bände geheftet und

über einzelne Unternehmungen, z. B. selbst über jeden Maskenzug, den

er anordnete, wieder eigene Aktenstücke gebildet wurden -- er entwarf

auch periodische Tabellen über die Ergebnisse seiner vielseitigen

Tätigkeit, Studien und Fortschritte persönlicher oder innerer

Verhältnisse, aus denen dann am Jahresschlusse wieder gedrängte

Hauptübersichten zusammengestellt wurden.

Selbst die Zeitungen, die er las, wurden aktenmäßig geheftet.

Wichtiger als dieses Sammeln und Einordnen ist die Ordnung und

Beherrschung der Arbeitsstoffe durch fleißiges Bedenken. In Goethes

Tagebüchern lesen wir neben andern Tätigkeiten oft: „Das Vorliegende

durchdacht“ oder „das Jüngstvergangene überdacht“ oder „Überlegung des

Gegenwärtigen“ oder nach einem wichtigeren Ereignis; „Betrachtungen

darüber.“ So handelte er nach seiner Lebensregel: „Tun und Denken,

Denken und Tun“ und ging nicht unter in den Massen, die auf ihn

eindrangen.

* * * * *

+Schnellen+ Erfolgen jagte Goethe nicht nach, auf Anerkennung konnte er

warten, und der Menge zu gefallen, war nie sein Bestreben. So hielt er

es z. B. bei den ihm unterstellten Sammlungen und Schulen in Weimar,

Jena und Eisenach.

Es war keine geringe Aufgabe, mit den doch immerhin sehr beschränkten

Mitteln den Anforderungen fortschreitender Ausbildung auch nur

einigermaßen Genüge zu tun. Es galt ein sorgsames Abwägen des

Notwendigen, wahrhaft Gedeihlichen, ein standhaftes Ablehnen des nur

scheinbar Nützlichen, bloß der augenblicklichen Neigung Zusagenden.

Goethe ging, wie bei seinen eigenen Kunstsammlungen, von der Maxime

aus, lieber aus kleinen Anfängen jedes Institut sich folgerecht

entwickeln, allmählich heranwachsen und ausbilden zu lassen, als mit

unverhältnismäßiger Anstrengung von vornherein nach dem Imposanten

streben, ein Ausgezeichnetes gleichsam improvisieren zu wollen. Nicht

um den äußern Schein und Prunk, sondern darum war es ihm zu tun, daß

es in jedem Fache nicht an Gelegenheit und zweckmäßiger Anleitung zu

stufenweiser Fortbildung fehle, daß in jungen aufstrebenden Männern

Sinn und Geschick erweckt und befestigt werde, auf individuell

zusagender Bahn frisch und kräftig vorzuschreiten.[32]

[Sidenote: Folgerechtes Bemühen]

Oft hat er die ‚Folge‘, d. h. die Beständigkeit und Konsequenz im

Arbeiten, gerühmt: sie könne auch vom Kleinsten angewendet werden,

sie verfehle ihr Ziel selten, da ihre stille Macht im Laufe der Zeit

unaufhaltsam wachse; wo man nicht mit Folge wirken könne, sei es

geratener, gar nicht anzufangen. Er legte darum großen Wert darauf, daß

man ihn als treuen Arbeiter schätze und nicht etwa seiner Genialität

zuschreibe, was er durch Fleiß erworben. In seinen alten Tagen wurde er

gewahr, daß namentlich im Auslande die Ansicht verbreitet war: er, der

Poet, habe sich einen Augenblick von seinem Wege ab- und der Botanik

zugewendet und sogleich hochbedeutende Entdeckungen über die Gesetze

der Pflanzenbildung gemacht. Um dieser Meinung entgegenzutreten,

verfaßte er alsbald einen Aufsatz, in dem er ausführte, wie

viele Jahre er Botanik studiert habe, und er betonte, daß es dem

wissenschaftlichen Bestreben schädlich sei, wenn man einen falschen

Glauben an Geistesblitze von Dilettanten verbreite. „Nicht also durch

eine außerordentliche Gabe des Geistes, nicht durch eine momentane

Inspiration, noch unvermutet und auf einmal, sondern durch folgerechtes

Bemühen bin ich endlich zu einem so erfreulichen Resultate gelangt.“

* * * * *

Auch in kleinen und äußerlichen Dingen zwang Goethe sich und Andere zum

langsamen, sorgfältigen Arbeiten.

Jeder schriftliche Erlaß, das kleinste Einladungsbillett mußte auf

das reinlichste und zierlichste geschrieben, gefaltet, besiegelt

werden. Alles Unsymmetrische, der geringste Fleck oder falsche Strich

war ihm unausstehlich.[33]

Damit die Korrekturen in seinen Manuskripten in der reinlichsten und

deutlichsten Weise geschehen konnten, hatte er einen Topf mit Kleister

und Pinsel in der Nähe, um an solchen Stellen, wo ihm der Ausdruck

nicht mehr gefiel, die Handschrift mit Stückchen neuen Papiers zu

überkleben. So berichtet Eckermann, und Carus in Dresden erzählt:

Wirklich erinnere ich mich keiner Sendung von Goethe, so Bücher,

kleiner Geldsendungen für Kupferstecher u. dgl., die nicht auf’s

zierlichste verpackt gewesen wäre ... Nicht minder hatte ich ja

gesehen, wie in seinen Zimmern und Portefeuillen eine strenge,

musterhafte, an Pedanterie grenzende Ordnung und Reinlichkeit

herrschend war, und fern von aller ostensibler liederlicher

sogenannter Genialität, konnte die Ordnung und Zierlichkeit seiner

äußern Umgebung ein wohltuendes symbolisches Bild geben von der

feinen Ordnung und lichten Schönheit seines inneren geistigen

Lebens.[34]

* * * * *

[Sidenote: Beschränkung]

Die Solidität und Gewissenhaftigkeit, die wir an Goethes Arbeit immer

wieder wahrnehmen, bedeutet sehr oft auch Begrenzung der schönsten

Vorsätze, Verkleinerung der Ideale, Verzicht auf manchen genialen Traum.

Vergebens werden ungebundene Geister

Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,

Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Wir staunen, wieviel Goethe als Dichter, Gelehrter, Staatsdiener

ausgeführt hat; aber es ließe sich leicht beweisen, daß er noch viel

mehr Pläne nur ausgedacht und begonnen hat, daß er viele seiner besten

Einfälle absterben ließ, um die übernommenen Pflichten getreulich

zu erfüllen. Als Dichter hat er uns von groß angelegten Werken mehr

Anfänge hinterlassen als fertige Stücke. Als Staatsmann dachte

auch er sich große soziale oder wirtschaftliche oder pädagogische

Verbesserungen aus; ~in praxi~ aber widmete er dann seine Stunden

einem Wegebau, einer Uferbefestigung, einer militärischen Aushebung,

einer Verbesserung der Universitätsbibliothek oder was sonst zunächst

getan werden mußte. So trug er die Last des Tages, statt den großen

Reformator zu spielen.

In der ‚Achillëis‘ und im ‚Faust‘ hat er uns gestanden, was ihm als

das lockendste oder befriedigendste Menschenwerk erschien: wie der

große Quäker William Penn als Kolonisator auf jungfräulichem Boden ein

neues Gemeinwesen schaffen, „auf freiem Grund mit freiem Volke stehn!“

Das ist herrlicher, als was der junge Held Achilles vollbrachte, der

hingerissen wurde, ehe er zum ruhigen, schaffenden Manne reifte. Denn:

... Ein fürstlicher +Mann+ ist so nötig auf Erden, Daß die jüngere

Wut, des wilden Zerstörens Begierde Sich als mächtiger Sinn, als

schaffender, endlich beweise, Der die Ordnung bestimmt, nach welcher

sich Tausende richten. Nicht mehr gleicht der Vollendete dann dem

stürmenden Ares, Dem die Schlacht nur genügt, die männertötende!

Nein, er Gleicht dem Kroniden selbst, von dem ausgehet die Wohlfahrt.

Städte zerstört er nicht mehr, er baut sie: fernem Gestade Führt er

den Überfluß der Bürger zu; Küsten und Syrten Wimmeln von neuem Volk,

des Raums und der Nahrung begierig.

„Wären wir zwanzig Jahre jünger!“ sprach Goethe wohl zu Meyer, wenn ihn

solche Tagesträume beschlichen, und wandte sich wieder der Arbeit zu,

die das größte Recht auf ihn hatte.

[28] Kanzler F. v. Müller in der Erfurter Gedächtnisrede.

[29] Das Folgende nach Sorets Bericht.

[30] Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt 1793.

[31] F. v. Müller in der Erfurter Rede.

[32] F. v. Müller in der Erfurter Rede.

[33] F. v. Müller in der Erfurter Rede.

[34] Daß mit dieser weitgehenden Ordnung auch einige Unordnung

verbunden war, ist schon S. 33 angedeutet. Gerade in der

Studierstube, in der er zumeist lebte, findet man heute, wie bei

seinem Scheiden, das Mannigfaltigste unter- und nebeneinander;

die Bücher sind wie vom Zufall hier und dort aufgestellt und

auch wie vom Zufall ausgesucht. W. v. Oettingen schildert es

genauer; vgl. Stunden mit Goethe 8. S. 217.

XIV.

Das Lernen.

Als Goethe im Alter die Lebensgeschichte des englischen Dichters

Sterne las, fiel ihm darin der Ausdruck the ruling passion auf. Unter

unsern Trieben reißt +einer+ die Führung an sich und bestimmt dann vor

den andern unser Handeln und Erleben. Menschen, die eigentlich die

gleichen Anlagen haben, entwickeln sich sehr verschieden, je nach der

Eigenschaft, die zur Herrschaft gelangt: im Ersten waltet der Ehrgeiz

vor, im Zweiten die Vorsicht, im Dritten das Verlangen nach Genüssen,

im Vierten der Drang zur Tätigkeit usw. Wenn wir die Summe von

Goethes langem Leben ziehen, so müssen wir als sein größtes geistiges

Bedürfnis: das Lernen nennen.

Zuerst zeigte sich dieser Trieb, wie bei uns allen, als kindliche

Wißbegier und sehr bald auch als Stolz auf die zu Tage tretende große

Begabung und seine ungewöhnlichen Kenntnisse. Zeitweilig erscheint der

Jüngling als ein eingebildeter junger Gelehrter: man sieht ihn auf dem

Wege zum hochberühmten Professor. Aber das vom Vater ihm auferlegte

Fach sagte ihm wenig zu, und von sich aus erwählt er auch keine andere

Wissenschaft mit Entschiedenheit. Sein Wissen und Können ist ein

zerstreutes; er ist ein Liebhaber in allerlei Gebieten; den Doktorgrad,

genauer den Lizentiatengrad, erwirbt er nur auf die bequemste Weise

und ohne Ehre. Die gelehrten Pedanten haßt Jeder, der vor ihnen nicht

bestehen kann; aber freilich hatte Goethe ein angeborenes Recht, sich

für einen Besseren zu halten. Er ward sich des „Genies“ bewußt, eines

höheren, wo nicht göttlichen Geistes, der kürzere oder längere Zeit

bei oder in uns wohnt, uns ungewöhnliche, unbegreifliche Kräfte gibt

und uns höhere Erkenntnisse vermittelt. Dies Genie braucht der damit

Beglückte nur walten zu lassen; er braucht nur die Vorbedingungen zu

schaffen, daß dieser Anhauch Gottes ungestört, ungehemmt stattfinden

kann. Er wird also seine Kraft nicht verzehren, seinen Geist nicht

verdummen mit beständigem Lesen und Schreiben.

Das Pergament, ist Das der heil’ge Bronnen,

Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?

Erquickung hast du nicht gewonnen,

Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.

Es ist kein Zufall, daß gerade Goethe von allen Dichtern uns am

eindringlichsten den Drang nach Erkenntnis vor die Sinne und Seele

gebracht hat: Faust in den ersten Szenen des großen Dramas ist durch

ihn die persönliche Gestaltung des stärksten und höchsten Lernenwollens

geworden. Diesen faustischen Drang fühlte Goethe selber:

Daß ich erkenne, was die Welt

Im Innersten zusammenhält,

Schau’ alle Wirkenskraft und Samen.

In seinen jüngeren Jahren nannten ihn die Leute oft ehrgeizig; aber

was sie für Ehrgeiz hielten, war sein Bedürfnis, ein großes Stück Welt

erkennend in sich aufzunehmen, es zu verarbeiten, es zu durchleuchten,

sich mit der Welt zu vereinigen.

Sein Leben wurde freilich durchaus kein faustisches.

„Ich bin nur durch die Welt gerannt“ sagt Faust, auf Jahrzehnte

zurückschauend;

Ich habe nur begehrt und nur vollbracht

Und abermals gewünscht und so mit Macht

Mein Leben durchgestürmt: erst groß und mächtig,

Nun aber geht es weise, geht bedächtig ...

[Sidenote: Genie und Fleiß]

Goethe resignierte schon in jungen Jahren. Er hatte zwar stets Ursache,

das Genie zu verehren und die goldnen Gaben dankbar hinzunehmen, die

den Sonntagskindern von oben zufallen; aber er ehrte auch den Fleiß und

sammelte die Groschen und Pfennige, die die Tagesarbeit uns einbringt.

Er hätte gern die höchsten Erkenntnisse vom Himmel heruntergeholt und

mit Gott selber über die Geheimnisse der Schöpfung geredet; aber er

begnügte sich und freute sich, wenn er die „Urphänomene“ fand, die

Haupt- und Grunderscheinungen in allem Weltgeschehen, das Letzte, was

vor Gott steht.

Durch sein ganzes Leben betrieb Goethe dies bewußte Lernen. „Die Sachen

anzusehen, so gut wir können“ riet er schon bei Vollendung seines

einundzwanzigsten Jahres einem noch jüngeren Bekannten, „sie in unser

Gedächtnis schreiben, aufmerksam zu sein und keinen Tag, ohne etwas zu

sammeln, vorbeigehen zu lassen. ... Dabei müssen wir nichts +sein+,

sondern alles +werden+ wollen.“

Und die gleiche Lernlust zeigt noch der Vierundsiebzigjährige, wenn

er dem jungen Bonner Mineralogen Nöggerath bestellen läßt: „Wie gern

durchzög’ ich die Eifel mit ihm zu klarem Schauen Dessen, was immer

noch als Problem vor mir steht! Warum bin ich nicht mehr so leicht auf

den Füßen als zur Zeit, wo ich die unnützen Reisen in die Schweiz tat,

da man glaubte, es sei was Großes getan, wenn man Berge erklettert und

angestaunt hätte!“

Goethe forschte und lernte bis zum letzten gesunden Tage; in seiner

Arbeitsstube zeigt man heute noch ein Häufchen Gartenerde, das der Alte

sich heraufholen ließ, um daran etwas Neues zu beobachten.

* * * * *

[Sidenote: Beständige Lernlust]

Diese Lernlust zeigte sich namentlich als Aufmerksamkeit auf alles

Belehrende. Die Aufmerksamkeit nannte Goethe „das Höchste aller

Fertigkeiten und Tugenden“ und er meinte, Nichts sei so leicht zu

erreichen und so wohlfeil zu erhandeln als Kenntnis und Wissen: „Die

ganze Arbeit ist +ruhig sein+, und die Ausgabe +Zeit+, die wir nicht

retten, ohne sie auszugeben.“ Goethe ermahnte sich und Andere zwar

immer wieder, nur an Dem Interesse zu nehmen, worin man praktisch etwas

leisten könne, aber es lag doch in seiner innersten Natur, daß er an

unzähligen Dingen der Welt teilnahm.

Da Goethe sich den Besuch so vieler Menschen gefallen lassen mußte,

unter denen auch viele Unbeholfene waren, die von sich aus nichts

Anregendes vorbrachten, so machte er es sich selber zur Regel,

derartige Gäste als Lehrer oder Lehrmittel zu benutzen. Es kam etwa

ein bayrischer Verwaltungsbeamter, um ihn anzuglotzen und nachher seine

Bemerkungen über den berühmten Mann zu machen; Goethe zwang ihn, alle

Einzelheiten des Feuerlöschwesens in seiner Heimat vorzutragen. Ein

ander Mal erschien ein vornehmer Engländer, der früher Gouverneur von

Jamaika gewesen war, Sir Michael Clare. Am Abend stand dann in seinem

Tagebuche: „Sehr erfreut der Bekanntschaft mit Lord und Lady N. N.;

sie gab mir erwünschte Gelegenheit, meine Kenntnisse der Zustände von

Jamaika ziemlich vollständig zu rekapitulieren.“

Allerdings glückte dies Verfahren nicht immer. So wurde eines Tages

Goethe von seinem Sohne gebeten, einen Jenaer Studenten namens Rumpf,

den August vom Burgkeller her kannte, anzunehmen und auch zum Essen

dazubehalten. Der junge Mann wurde freundlich empfangen. Er möge weiter

erzählen:

Bald saß ich ihm in seinem einfachen Studierstübchen gegenüber,

während er beschäftigt war, still ein mäßiges Blatt Papier

zurechtzuschneiden, und betrachtete voll Aufmerksamkeit ihn selber,

sowie seine Umgebung, seine Bücher und umherliegende Steine. August

hatte mich sogleich verlassen und war zu den Hausgenossen gegangen.

So war ich mit Goethe ganz allein. Wie pries ich mich glücklich!

Jetzt war er mit seinem Papierschneiden fertig und wandte sich zu

mir: „Mein August schreibt mir, daß Sie ein Oldenburger wären?“

„Ein Oldenburger, Exzellenz.“

„Gut. Was brennen Sie da?“

„Fast nur Torf.“

„Wie in Ostfriesland, nicht wahr?“

„Ich glaube, Exzellenz“ war meine Antwort.

„Wie wird der Torf dort gewonnen?“

„Er wird -- er wird aus der Erde gegraben.“

„Das wußt’ ich schon, daß er nicht von den Bäumen gepflückt wird!

Ich will zunächst genau wissen, mit welcher Art von Instrumenten er

aus dem Boden gehoben wird? Wann gräbt man ihn? Wie lange läßt man

ihn trocknen? Wie lange Zeit bedarf er dazu? Und wie ich schon eben

sagte, wie ist solch ein Werkzeug gestaltet, womit man den Torf bei

Ihnen gräbt? Nun sagen Sie mir und zeichnen Sie mir doch einmal die

Form genau hier auf das Papier. Hier haben Sie einen Bleistift dazu.“

„Nun, können Sie Das nicht zeichnen?“ fuhr er dann fort, da ich noch

verblüfft schwieg. „So beschreiben Sie es mir wenigstens, Sie sehen

ja, daß ich mich dafür interessiere.“

Ich beharrte in festem Schweigen. So einen Torfsoden hatte ich zwar

oft genug gesehen und sogar in der Hand gehabt, beim Ofenheizen. Aber

da ich aus der reinen, echten Marsch stammte, so war mir doch die

eigentliche Gewinnung des Torfes völlig fremd.

„Sie brennen also den Torf täglich und wissen dennoch nichts davon,

wie er gewonnen wird? Junger Mann, Das mögen Sie offen gestehen?“

Mit durchdringendem Blicke sah Goethe mich an, und ich fühlte, wie

mir das Blut zu Kopfe stieg. -- Ein eisiges Schweigen folgte! Mir

ward es immer ungemütlicher. Goethe nahm ein Buch zur Hand und

blätterte darin, bis der Diener kam und meldete, daß das Essen bereit

sei. Bei Tische waren noch Frau Christiane v. Goethe und August

zugegen. Den zog der Vater ins Gespräch und unterhielt sich sehr

lebhaft mit ihm. Mich ignorierte er völlig.

Goethe hatte durch dieses Ausfragen viele Freuden; zum Beispiel machte

er auf solche bequeme Weise große Reisen. Als der Berliner Parthey

bei ihm zu Tische war und von seinem Aufenthalte im Morgenlande

sprach, da wollten die Andern nur hübsche Leckerbissen von ihm haben,

abenteuerliche und rührende Anekdoten hören; aber der alte Meister

wehrte sie ab, und Parthey mußte ihm drei Tage hindurch seine ganze

Reise Schritt für Schritt schildern.

[Sidenote: Belehrung durch die Gäste]

Der Architekt Wilhelm Zahn kam 1827 nach Weimar mit den

schreckhaftesten Vorstellungen über des Dichters Unzugänglichkeit;

trotzdem wagte er sich in das Haus.

Auf dem Flure trat mir ein Diener entgegen, dem ich meinen Namen

nannte: „Zahn, Maler und Architekt.“

„Maler und Architekt!“ wiederholte mechanisch der Diener, indem er

mich zweifelhaft musterte.

„Sagen Sie Sr. Exzellenz: Aus Italien kommend.“

„Aus Italien kommend“ wiederholte Jener und entfernte sich, worauf er

alsbald zurückkehrte und mich bat, ihm zu folgen.

Goethes Lebenskunst · 第 15 / 19 段